XV. Murg- und Kinzigtal von Rastatt bis Hausach.
Rastatt. Murgtal.
V
on Oos gelangen wir in kürzester Frist nach Rastatt, das vom Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, dem als Türkenlouis berühmt gewordenen Waffengefährten des Prinzen Eugen, nach der Zerstörung der nahen Bäderstadt durch die Franzosen zur Residenz erhoben, um 1700 mit dem im Stil jener Zeit erbauten Schloß geschmückt, 1841 zur deutschen Bundesfestung bestimmt und seit 1893 als fester Platz aufgelassen und geschleift wurde.GegenStraßburg hatte es Wert zum Schutz der Murgtalstraße und ihrer Gebirgspässe, sowie der nördlichen Rheinebene,mitStraßburg aber nicht mehr. Heute zählt die Stadt gegen 15000 Einwohner; seit der Erbauung der Bahn über den Rhein in der Richtung auf Straßburg und Metz hat sie erhöhte Verkehrsbedeutung gewonnen. Nicht weit unterhalb Rastatt mündet die Murg in den Rhein.
Wir dringen nun längs ihres Laufes ins Gebirge ein, und gelangen so, da sie auf der Ostseite entspringt und sich in nördlicher und nordwestlicher Richtung durch den Buntsandstein, Gneis und Granit des Schwarzwaldes durcharbeitet, ohne Übersteigung einer Wasserscheide von der Rheinebene an den Ostfuß des Hornisgrinden-Kammes. Die Murglinie hatte, eben weil sie ein Durchbruchstal benutzt, von jeher hohen Wert als Straße nach Schwaben, und so erklärt sich auch die Wahl von Rastatt zur Festung gegen das einst allzunahe Frankreich.
Die Talbahn, die bei Forbach endigt, erreicht das Gebirge bei Kuppenheim, in dessen Nähe das Schlößchen der Favorite mancherlei Erinnerungen an den Türkenlouis und seine asketische Gemahlin Sibylla Augusta birgt; dann fährt man unter dem Eichelberg und dem Mahlberg (613m) mit seinem Karlsruher Turm hin an den großen Orten Rotenfels, Gaggenau — Glasfabrik, Eisenwerk — und Ottenau vorbei, nach Hörden, wo das Tal sich so einengt, daß neben dem Fluß der Raum für Straße und Bahn dem Fels abgetrotzt werden mußte. Eine oft zitierte Denkstein-Inschrift spricht das recht hübsch aus:
Ex rupe fractaHaec via facta.
Ex rupe fractaHaec via facta.
Ex rupe fracta
Haec via facta.
Diesen Felsen sprengte manUnd legte einen Fahrweg an.
Diesen Felsen sprengte manUnd legte einen Fahrweg an.
Diesen Felsen sprengte man
Und legte einen Fahrweg an.
1786.
1786.
1786.
Aetate peractaHaec ferrea tracta.
Aetate peractaHaec ferrea tracta.
Aetate peracta
Haec ferrea tracta.
Später ging man wieder dranUnd baute eine Eisenbahn.
Später ging man wieder dranUnd baute eine Eisenbahn.
Später ging man wieder dran
Und baute eine Eisenbahn.
1869.
1869.
1869.
Abb. 139. Die Trinkhalle in Baden-Baden. (ZuSeite 131.)
Abb. 139. Die Trinkhalle in Baden-Baden. (ZuSeite 131.)
Abb. 140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle aus gesehen.Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (ZuSeite 131.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle aus gesehen.Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (ZuSeite 131.)
❏GRÖSSERES BILD
Nun kommt man bald nach Gernsbach(Bahnhof 160m), einem allerliebsten, steil am Berg hinaufgebauten Städtchen von etwa 2800 Einwohnern, dem alle Vorzüge, die z. B. von Gengenbach oder Oberkirch gerühmt wurden, in reichem Maße auch zukommen (Abb. 145). Die Lage an einem größeren Fluß, inmitten prächtig geformter Höhenzüge auf beiden Talseiten, an prachtvollen Wegen in der Richtung auf das Badener Revier und ostwärts nach Württemberg hinüber, unvergleichlich schöne Hochwaldungen in weitester Ausdehnung, all das macht Gernsbach zu einem günstigen Standquartier für bequeme wie bergfreudige Ferienwanderer. Die in ihrer Art einzig dastehende Kunststraße durch den herrlichsten Wald der Welt hinauf zum Ebersteiner Schloß und von hier über das Müllenbild zur Fischzucht bei Lichtental und nach Baden gehört zum Schönsten, was man an Wegen wandern oder fahren mag. Auch der Blick vom Eberstein aufs enge Tal hinab und seine Waldumrahmung ist ganz einzig schön. Das Schloß, Eigentum des Großherzogs von Baden, zeigt über dem Tor das Wappen, von dessen Symbolen Uhland singt:
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,
Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.
Abb. 141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee. (ZuSeite 131.)
Abb. 141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee. (ZuSeite 131.)
Die Dörfer im Tal treiben alle viel Holzindustrie. Neben den zahlreichen Sägewerken finden wir leider auch Holzstoffabriken. Die Bahn befördert, ebenso wie zahlreiche Fuhrwerke auf der Straße, zumeist nur Holz. Das Flößen hat aufgehört, nachdem es durch lange Jahrhunderte für das Tal charakteristisch war. Ihm verdankt die alte Genossenschaft der „Murgschifferschaft“ ihre Entstehung; sie besteht heute noch mit ihrem enormen Waldbesitz, den vielen Sägemühlen, mit eigenem Forstpersonal und dem Stolze einer mehrhundertjährigen Tradition.Hinter Weisenbach wird das Tal auf lange Strecken zur wirklichen Felsschlucht und gehört da zu den schönsten im Schwarzwalde, die vor kurzem erst fertig gestellte Bahnlinie bis Forbach mit all ihren Kunstbauten zu den sehenswertesten Gebirgsbahnen. Oberhalb Forbach mit seiner zweitürmigen, hochgelegenen Kirche, seiner alten gedeckten Holz- und seiner elegant geschwungenen neuen Eisenbrücke über den Fluß (Abb. 146) wird das Tal einsamer. Bei Rauhmünzach kommt der gleichnamige Bach (Abb. 148) aus engem Waldtal von der Hornisgrinde, bei Schönmünzach jenseits der württembergischen Grenze (434m), einem sehr beliebten Sommerfrischort mit großer Glasfabrik, mündet die Schönmünzach ebendaher.
In der Gneisregion, in die man nun eingedrungen ist, überragen die seitlichen Höhen die Talsohle nicht mehr allzuhoch, der Charakter der Landschaft wird darum einförmiger. Man gelangt durch mehrere Ortschaften schließlich nach Kloster-Reichenbach (520m) mit einer schönen romanischen Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei, und von hier wieder mit der Eisenbahn nach dem Hauptorte der weit zerstreuten, rund 6700 Einwohner zählenden Gemeinde Baiersbronn (583m), von wo eine schöne Straße ins Tal der Roten Murg, zum Ruhstein und nach Ottenhöfen führt.
Abb. 142. Friedrichsbad in Baden-Baden.Nach einer Photographie von G. Salzer in Baden. (ZuSeite 132.)
Abb. 142. Friedrichsbad in Baden-Baden.Nach einer Photographie von G. Salzer in Baden. (ZuSeite 132.)
Freudenstadt.
An den stattlichen Eisenwerken Friedrichstal und Christophstal vorbei gelangen wir — die Bahnlinie hat hier Zahnradbetrieb — auf die Höhe der interessanten Stadt Freudenstadt (Markt 732, Bahnhof 664m) mit über 8500 Einwohnern. Sie ist 1599 von Herzog Friedrich I. von Württemberg gegründet worden, liegt auf einem Plateau, das sich nordwärts zur Murg, östlich zum Glattbach (Neckar) und nach Süden zur Kinzig abdacht, beherrscht also weithin die Wege und damitdie ganze Gegend. Da sie auch nach Westen den Kniebispaß und seine Übergänge zur Rench und Acher deckt, begreift man, daß einst geschwankt wurde, ob Freudenstadt oder Rastatt Bundesfestung werden sollte. Ganz eigentümlich ist der Bauplan der Stadt. Um einen sehr großen quadratischen Hauptplatz breiten sich nach dem Muster des „Neuntelsteinbrettes“ angelegt die Straßen- und Häuserreihen aus. Auf dem Platze steht die Kirche mit zwei rechtwinklig zusammenstoßenden Langhäusern, in deren Winkel Altar und Kanzel steht, so daß der Geistliche wohl die Männer und Frauen, diese aber, streng in die beiden Schiffe verteilt, gegenseitig sich nicht sehen können. Seit etwa zwanzig Jahren ist Freudenstadt ein besuchter Höhenkurort geworden, zahlreiche Gasthäuser und Pensionen sind entstanden, neue Anlagen wurden hergestellt, so im „Palmenwald“ und unter dem Friedrichsturm am Kienberg, von wo der Blick auf die Rauhe Alb besonders schön ist; der weit ausgedehnte Stadtwald ist von prächtigen Wegen durchzogen, Murg und Kinzigtal, sowie die Höhen des Kniebis laden zu weiteren Wanderungen ein, Stuttgart und Offenburg sind in weniger als zwei Stunden zu erreichen. Kurz, Freudenstadt hat große Vorzüge und unzweifelhaft eine noch größere Zukunft (Abb. 147).
Abb. 143. Das alte Schloß Hohenbaden. (ZuSeite 132.)
Abb. 143. Das alte Schloß Hohenbaden. (ZuSeite 132.)
Alpirsbach.
Nach Süden senkt sich die Bahn an den steilen Wänden des Kinzigtales hinab nach Alpirsbach (433m) mit der herrlichen Basilika seines einstigen Benediktiner-Klosters, einem Kleinod romanischen Stils von höchstem Wert (Abb. 150). Das prachtvolle Bild des wunderbaren Baues wird noch wesentlich verschönert durch die ernste Landschaftsumgebung des stillen Gebirgstales. Bei Schenkenzell mit seiner malerischen Schenkenburg (Abb. 149) mündet das Tal der KleinenKinzig, in dessen Gebiet das ehemalige Nonnenkloster Wittichen liegt. Diese ganze Gegend trieb einst sehr viel Bergbau, besonders auch auf Kupfer. Doch hat das längst aufgehört, und die Reinerzau, wie das Tal der kleinen Kinzig auch heißt und so durch seinen Namen die Erinnerung an den alten Bergbau festhält, gehört heute, obschon zu den schönsten, doch zu den abgelegensten und einsamsten des Gebirges.
Abb. 144. Fischkultur bei Baden-Baden.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 132.)
Abb. 144. Fischkultur bei Baden-Baden.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 132.)
Abb. 145. Gernsbach.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 136.)
Abb. 145. Gernsbach.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 136.)
Das Kinzigtal.
Bei Schiltach (325m) mündet das Tal des gleichnamigen Flüßchens vonSchramberg her ein, dann kommen wir an den zahlreichen Einzelhöfen der Gemeinden Kinzigtal und Lehengericht vorbei (Abb. 151) nach Wolfach (262m), am Zusammenfluß der vom Kniebis herabkommenden und das Schapbacher Tal durchströmenden Wolfach mit der Kinzig hübsch gelegen (Abb. 152), und gleich danach ist Hausach an der Schwarzwaldbahn Offenburg-Donaueschingen erreicht, so daß nunmehr der ganze nördliche Schwarzwald längs seiner Umrahmung umschrieben ist.
Abb. 146. Forbach im Murgtal.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 137.)
Abb. 146. Forbach im Murgtal.Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (ZuSeite 137.)
Abb. 147. Freudenstadt.Nach einer Photographie von J. Zimmermann in Freudenstadt. (ZuSeite 138.)
Abb. 147. Freudenstadt.Nach einer Photographie von J. Zimmermann in Freudenstadt. (ZuSeite 138.)