DRITTER AKT

Der Vorhang fällt.

Der Vorhang fällt.

Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu einer Galerie, von der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer führt. Unten neben der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.

Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu einer Galerie, von der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer führt. Unten neben der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.

Kammerdiener(steht beim Ausgang rechts. Andere Diener stehen außerhalb, sind durch die Glasscheiben des Windfangs sichtbar. Kammerdiener ruft den andern Dienern zu). Herr Hofrat Professor Brücke!

Der berühmte Mann(kommt die Treppe herunter).

Diener(kommt von rechts mit dem Pelz, in dem innen zwei Cache-nez hängen, mit Überschuhen.)

Kammerdiener(während dem berühmten Mann in die Überkleider geholfen wird.)Befehlen Herr Hofrat ein Auto?

Der berühmte Mann.Ich danke. Ist seine Erlaucht, der Graf Bühl nicht soeben vor mir gewesen?

Kammerdiener.Soeben im Augenblick.

Der berühmte Mann.Ist er fortgefahren?

Kammerdiener.Nein, Erlaucht hat sein Auto weggeschickt, er hat zwei Herren vorfahren sehen und ist hinter die Portiersloge getreten und hat sie vorbeigelassen. Jetzt muß er gerade aus dem Haus sein.

Der berühmte Mann(beeilt sich). Ich werde ihn einholen.(Er geht, man sieht zugleich draußen Stani und Hechingen eintreten.)

Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener, der ihm Überrock und Hut abnimmt.

Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener, der ihm Überrock und Hut abnimmt.

Stani(grüßt im Vorbeigehen den berühmten Mann). Guten Abend Wenzel, meine Mutter ist da?

Kammerdiener.Sehr wohl, Frau Gräfin sind beim Spiel.(Tritt ab, ebenso die andern Diener.)

Stani(will hinaufgehen).

Hechingen(steht seitlich an einem Spiegel, sichtlich nervös).

(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)

(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)

Stani(hält den Diener auf). Sie kennen mich?

Diener.Sehr wohl, Herr Graf.

Stani.Gehen Sie durch die Salons und suchen Sie den Grafen Bühl, bis Sie ihn finden. Dann nähern Sie sich ihm unauffällig und melden ihm, ich lasse ihn bitten auf ein Wort, entweder im Eckzimmer der Bildergalerie oder im chinesischen Rauchzimmer. Verstanden? Also was werden Sie sagen?

Diener.Ich werde melden, Herr Graf Freudenberg wünschen mit seiner Erlaucht privat ein Wort zu sprechen, entweder im Eckzimmer —

Stani.Gut.

Diener(geht).

Hechingen.Pst, Diener!

Diener(hört ihn nicht, geht oben hinein).

Stani(hat sich gesetzt).

Hechingen(sieht ihn an).

Stani.Wenn du vielleicht ohne mich eintreten würdest? Ich habe eine Post hinaufgeschickt, ichwarte hier einen Moment, bis er mir die Antwort bringt.

Hechingen.Ich leiste dir Gesellschaft.

Stani.Nein, ich bitte sehr, daß du dich durch mich nicht aufhalten laßt. Du warst ja sehr pressiert herzukommen —

Hechingen.Mein lieber Stani, du siehst mich in einer ganz besonderen Situation vor dir. Wenn ich jetzt die Schwelle dieses Salons überschreite, so entscheidet sich mein Schicksal.

Stani(enerviert über Hechingens nervöses Auf-und-ab-Gehen). Möchtest du nicht vielleicht Platz nehmen? Ich wart' nur auf den Diener, wie gesagt.

Hechingen.Ich kann mich nicht setzen, ich bin zu agitiert.

Stani.Du hast vielleicht ein bissel schnell den Schampus hinuntergetrunken.

Hechingen.Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, mein lieber Stani, muß ich dir gestehen, daß für mich in dieser Stunde außerordentlich Großes auf dem Spiel steht.

Stani(während Hechingen sich wieder nervös zerstreut von ihm entfernt). Aber es steht ja öfter irgend etwas Seriöses auf dem Spiel. Es kommt nur darauf an, sich nichts merken zu lassen.

Hechingen(wieder näher). Dein Onkel Kari hat es in seiner freundschaftlichen Güte auf sich genommen, mit der Antoinette, mit meiner Frau, ein Gespräch zu führen, dessen Ausgang wie gesagt —

Stani.Der Onkel Kari?

Hechingen.Ich mußte mir sagen, daß ich mein Schicksal in die Hand keines nobleren, keines selbstloseren Freundes —

Stani.Aber natürlich — Wenn er nur die Zeit gefunden hat?

Hechingen.Wie?

Stani.Er übernimmt manchmal ein bissel viel, der Onkel Kari. Wenn irgend jemand etwas von ihm will — er kann nicht nein sagen.

Hechingen.Es war abgemacht, daß ich im Klub ein telephonisches Signal erwarte, ob ich hier herkommen soll, oder ob mein Erscheinen noch nicht opportun ist.

Stani.Ah. Da hätte ich aber an deiner Stelle auch wirklich gewartet.

Hechingen.Ich war nicht mehr imstande, länger zu warten. Bedenke, was für mich auf dem Spiel steht!

Stani.Über solche Entscheidungen muß man halt ein bissel erhaben sein. Aha!(Sieht den Diener, der oben heraustritt.)

Diener(kommt die Treppe herunter).

Stani(ihm entgegen, läßt Hechingen stehen).

Diener.Nein, ich glaube, seine Erlaucht müssen fort sein.

Stani.Sie glauben? Ich habe Ihnen gesagt, sie sollen herumgehen, bis Sie ihn finden.

Diener.Verschiedene Herrschaften haben auch schon gefragt, seine Erlaucht müssen rein unauffällig verschwunden sein.

Stani.Sapristi! Dann gehen Sie zu meiner Mutter und melden Sie ihr, ich lasse vielmals bitten, sie möchte auf einen Moment zu mir in den vordersten Salon herauskommen. Ich muß meinen Onkel oder sie sprechen, bevor ich eintrete.

Diener.Sehr wohl.(Geht wieder hinauf.)

Hechingen.Mein Instinkt sagt mir, daß der Kari in der Minute heraustreten wird, um mir das Resultat zu verkündigen, und daß es ein glückliches sein wird.

Stani.So einen sicheren Instinkt hast du? Ich gratuliere.

Hechingen.Etwas hat ihn abgehalten zu telephonieren, aber er hat mich herbeigewünscht. Ich fühle mich ununterbrochen im Kontakt mit ihm.

Stani.Fabelhaft!

Hechingen.Das ist bei uns gegenseitig. Sehr oft spricht er etwas aus, was ich im gleichen Augenblick mir gedacht habe.

Stani.Du bist offenbar ein großartiges Medium.

Hechingen.Mein lieber Freund, wie ich ein junger Hund war wie du, hätte ich auch viel nicht für möglich gehalten, aber wenn man seine fünfunddreißig auf dem Buckel hat, da gehen einem die Augen für so manches auf. Es ist ja, wie wenn man früher taub und blind gewesen wäre.

Stani.Was du nicht sagst!

Hechingen.Ich verdank' ja dem Kari geradezu meine zweite Erziehung. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß ich ohne ihn einfach aus meinerverworrenen Lebenssituation nicht herausgefunden hätte.

Stani.Das ist enorm.

Hechingen.Ein Wesen wie die Antoinette, mag man auch ihr Mann gewesen sein, das sagt noch gar nichts, man hat eben keine Ahnung von dieser inneren Feinheit. Ich bitte nicht zu übersehen, daß ein solches Wesen ein Schmetterling ist, dessen Blütenstaub man schonen muß. Wenn du sie kennen würdest, ich meine näher kennen —

Stani(verbindliche Gebärde).

Hechingen.Ich fass' mein Verhältnis zu ihr jetzt so auf, daß es einfach meine Schuldigkeit ist, ihr die Freiheit zu gewähren, deren ihre bizarre, phantasievolle Natur bedarf. Sie hat die Natur der grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Nur dadurch, daß man ihr die volle Freiheit gewährt, kann man sie an sich fesseln.

Stani.Ah.

Hechingen.Man muß large sein, das ist es, was ich dem Kari verdanke. Ich würde keineswegs etwas Irreparables darin erblicken, einen Menschen, der sie verehrt, in larger Weise heranzuziehen.

Stani.Ich begreife.

Hechingen.Ich würde mich bemühen, meinen Freund aus ihm zu machen, nicht aus Politik, sondern ganz unbefangen. Ich würde ihm herzlich entgegenkommen: das ist die Art, wie der Kari mir gezeigt hat, daß man die Menschen nehmen muß: mit einem leichten Handgelenk.

Stani.Aber es ist nicht alles au pied de la lettre zu nehmen, was der Onkel Kari sagt.

Hechingen.Au pied de la lettre natürlich nicht. Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß ich genau fühle, worauf es ankommt. Es kommt alles auf ein gewisses Etwas an, auf eine Grazie — ich möchte sagen, es muß alles ein beständiges Impromptu sein.(Er geht nervös auf und ab.)

Stani.Man muß vor allem seine tenue zu wahren wissen. Beispielsweise, wenn der Onkel Kari eine Entscheidung über was immer zu erwarten hätte, so würde kein Mensch ihm etwas anmerken.

Hechingen.Aber natürlich. Dort hinter dieser Statue oder hinter der großen Azalee würde er, mit der größten Nonchalance stehen und plauschen — ich mal mir das aus! Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, ich schwör' dir, daß ich jede kleine Nuance, die in ihm vorgehen würde, nachempfinden kann.

Stani.Da wir uns aber nicht beide hinter die Azalee stellen können und dieser Idiot von Diener absolut nicht wiederkommt, so werden wir vielleicht hinaufgehen.

Hechingen.Ja, gehen wir beide. Es tut mir wohl, diesen Augenblick nicht allein zu verbringen. Mein lieber Stani, ich hab' eine so aufrichtige Sympathie für dich!(Hängt sich in ihn ein.)

Stani(indem er seinen Arm von dem Hechingens entfernt). Aber vielleicht nicht bras dessus — bras dessous wie die Komtessen, wenn sie das erste Jahr ausgehen, sondern jeder extra.

Hechingen.Bitte, bitte, wie dir's genehm ist. —

Stani.Ich würde dir vorschlagen, als erster zu starten. Ich komm' dann sofort nach.

Hechingen(geht voraus, verschwindet oben).

Stani(geht ihm nach).

Helene(tritt aus einer kleinen versteckten Tür in der linken Seitenwand. Sie wartet, bis Stani oben unsichtbar geworden ist. Dann ruft sie den Kammerdiener leise an). Wenzel, Wenzel, ich will Sie etwas fragen.

Kammerdiener(geht schnell zu ihr hinüber). Befehlen Komtesse?

Helene(mit sehr leichtem Ton). Haben Sie gesehen, ob der Graf Bühl fortgegangen ist?

Kammerdiener.Jawohl, sind fortgegangen, vor fünf Minuten.

Helene.Er hat nichts hinterlassen?

Kammerdiener.Wie meinen die Komtesse?

Helene.Einen Brief oder eine mündliche Post.

Kammerdiener.Mir nicht, ich werde gleich die andern Diener fragen.(Geht hinüber.)

Helene(steht und wartet).

Stani(wird oben sichtbar. Er sucht zu sehen, mit wem Helene spricht und verschwindet dann wieder).

Kammerdiener(kommt zurück zu Helene). Nein, gar nicht. Er hat sein Auto weggeschickt, sich Zigarre angezündet und ist gegangen.

Helene(sagt nichts).

Kammerdiener(nach einer kleinen Pause). Befehlen Komtesse noch etwas?

Helene.Ja, Wenzel, ich werd' in ein paar Minuten wiederkommen, und dann werd' ich aus dem Hause gehen.

Kammerdiener.Wegfahren, noch jetzt am Abend?

Helene.Nein, gehen, zu Fuß.

Kammerdiener.Ist jemand krank worden?

Helene.Nein, es ist niemand krank, ich muß mit jemandem sprechen.

Kammerdiener.Befehlen Komtesse, daß wer begleitet außer der Miß?

Helene.Nein, ich werde ganz allein gehen, auch die Miß Jekyll wird mich nicht begleiten. Ich werde hier herausgehen in einem Augenblick, wenn niemand von den Gästen hier fort geht. Und ich werde Ihnen einen Brief für den Papa geben.

Kammerdiener.Befehlen, daß ich den dann gleich hineintrage?

Helene.Nein, geben Sie ihn dem Papa, wenn er die letzten Gäste begleitet hat.

Kammerdiener.Wenn sich alle Herrschaften verabschiedet haben?

Helene.Ja, im Moment, wo er befiehlt, das Licht auszulöschen. Aber dann bleiben Sie bei ihm. Ich möchte, daß Sie —(sie stockt).

Kammerdiener.Befehlen?

Helene.Wie alt war ich, Wenzel, wie Sie hier ins Haus gekommen sind?

Kammerdiener.Fünf Jahre altes Mäderl waren Komtesse.

Helene.Es ist gut, Wenzel, ich danke Ihnen. Ich werde hier herauskommen, und Sie werden mir ein Zeichen geben, ob der Weg frei ist.(Reicht ihm ihre Hand zum Küssen).

Kammerdiener.Befehlen.(Küßt die Hand.)

Helene(geht wieder ab durch die kleine Tür).

Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus dem Wintergarten.

Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus dem Wintergarten.

Antoinette.Das war die Helen. War sie allein? Hat sie mich gesehen?

Neuhoff.Ich glaube nicht. Aber was liegt daran? Jedenfalls haben Sie diesen Blick nicht zu fürchten.

Antoinette.Ich fürcht' mich vor ihr. So oft ich an sie denk', glaub' ich, daß mich wer angelogen hat. Gehen wir woanders hin, wir können nicht hier im Vestibül sitzen.

Neuhoff.Beruhigen Sie sich. Kari Bühl ist fort. Ich habe soeben gesehen, wie er fortgegangen ist.

Antoinette.Gerade jetzt im Augenblick?

Neuhoff(versteht, woran sie denkt). Er ist unbemerkt und unbegleitet fortgegangen.

Antoinette.Wie?

Neuhoff.Eine gewisse Person hat ihn nicht bis hierher begleitet und hat überhaupt in der letzten halben Stunde seines Hierseins nicht mit ihm gesprochen. Ich habe es festgestellt. Seien Sie ruhig.

Antoinette.Er hat mir geschworen, er wird ihr Adieu sagen für immer. Ich möcht ihr Gesicht sehen, dann wüßt' ich —

Neuhoff.Dieses Gesicht ist hart wie Stein. Bleiben Sie bei mir hier.

Antoinette.Ich —

Neuhoff.Ihr Gesicht ist entzückend. Andere Gesichter verstecken alles. Das Ihrige ist ein unaufhörliches Geständnis. Man könnte diesem Gesicht alles entreißen, was je in Ihnen vorgegangen ist.

Antoinette.Man könnte? Vielleicht — wenn man einen Schatten von Recht dazu hätte.

Neuhoff.Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment. Sie sind eine Frau, eine wirkliche, entzückende Frau. Sie gehören keinem und jedem! Nein: Sie haben noch keinem gehört, Sie warten noch immer.

Antoinette(mit einem kleinen nervösen Lachen). Nicht auf Sie!

Neuhoff.Ja, genau auf mich, das heißt auf den Mann, den Sie noch nicht kennen, auf den wirklichen Mann, auf Ritterlichkeit, auf Güte, die in der Kraft wurzelt. Denn die Karis haben Sie nur malträtiert, betrogen vom ersten bis zum letzten Augenblick, diese Sorte von Menschen ohne Güte, ohne Kern, ohne Nerv, ohne Loyalität! Diese Schmarotzer, denen ein Wesen wie Sie immer wieder und wieder in die Schlinge fällt, ungelohnt, unbedankt, unbeglückt, erniedrigt in ihrer zartesten Weiblichkeit!(Will ihre Hand ergreifen.)

Antoinette.Wie Sie sich echauffieren! Aber vor Ihnen bin ich sicher, Ihr kalter, wollender Verstand hebt ja den Kopf aus jedem Wort, das Sie reden. Ich hab' nicht einmal Angst vor Ihnen. Ich will Sie nicht!

Neuhoff.Mein Verstand, ich hass' ihn ja! Ich will ja erlöst sein von ihm, mich verlangt ja nichts anderes, als ihn bei Ihnen zu verlieren, süße kleine Antoinette!(Er will ihre Hand nehmen.)

Hechingen(wird oben sichtbar, tritt aber gleich wieder zurück).

Neuhoff(hat ihn gesehen, nimmt ihre Hand nicht, ändert die Stellung und den Gesichtsausdruck).

Antoinette.Ah, jetzt hab' ich Sie durch und durch gesehen, wie sich das jäh verändern kann in Ihrem Gesicht! Ich will Ihnen sagen, was jetzt passiert ist: jetzt ist oben die Helen vorbeigegangen, und in diesem Augenblick hab' ich in Ihnen lesen können wie in einem offenen Buch. Dépit und Ohnmacht, Zorn, Scham und die Lust, mich zu kriegen — faute de mieux — das alles war zugleich darin. Die Edine schimpft mit mir, daß ich komplizierte Bücher nicht lesen kann. Aber das war recht kompliziert, und ich hab's doch lesen können in einem Nu. Geben Sie sich keine Müh' mit mir. Ich mag nicht!

Neuhoff(beugt sich zu ihr). Du sollst wollen!

Antoinette(steht auf). Oho! Ich mag nicht! Ich mag nicht! Denn das, was da aus Ihren Augen hervorwill und mich in seine Gewalt kriegen will, abernur will! — kann sein, daß das sehr männlich ist — aber ich mag's nicht. Und wenn das Euer Bestes ist, so hat jede einzelne von uns, und wäre sie die Gewöhnlichste, etwas in sich, das besser ist als Euer Bestes, und das gefeit ist gegen Euer Bestes durch ein bisserl eine Angst. Aber keine solche Angst, die einen schwindlig macht, sondern eine ganz nüchterne, ganz prosaische.(Sie geht gegen die Treppe, bleibt noch einmal stehen.)Verstehen Sie mich? Bin ich ganz deutlich? Ich fürcht' mich vor Ihnen, aber nicht genug, das ist Ihr Pech. Adieu, Baron Neuhoff.(Neuhoff ist schnell nach dem Wintergarten abgegangen.)

Hechingen(tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe herunter).

Antoinette(ist betroffen und tritt zurück).

Hechingen.Toinette!

Antoinette(unwillkürlich). Auch das noch!

Hechingen.Wie sagst du?

Antoinette.Ich bin überrascht — das mußt du doch begreifen.

Hechingen.Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!

Antoinette.Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?

Hechingen.Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange nicht angeschaut haben?

Antoinette.Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.

Hechingen.Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette.(Er ist ihr näher gekommen.)

Antoinette(tritt zurück).

Hechingen.Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.

Antoinette.Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für wen?

Hechingen.Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!

Antoinette.Ah, von mir ist die Rede!

Hechingen.Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist unser beider Schicksal. Setz dich zu mir!(Er hat sich gesetzt, streckt die Hand nach ihr aus.)

Antoinette.Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so alte Bekannte ist.

Hechingen(ist wieder aufgestanden). Ich hab' dich nicht gekannt. Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein andrer, ein Verwandelter.

Antoinette.Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir das angewöhnt?

Hechingen.Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst, Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu kennen.

Antoinette.Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.

Hechingen.Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt!(Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)

Antoinette.Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.

Hechingen.Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts von unserer Situation.

Antoinette.Aber das ist doch eine gegebene Situation.

Hechingen.Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.

Antoinette.Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.

Hechingen.Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

Antoinette.Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahrenwollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich — ich hab' doch nicht wissen können!

Hechingen.Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das verwirrt dich, das macht dich taumeln.(Will ihre Hand nehmen.)

Antoinette.Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.

Hechingen.Oh, Antoinette!

Antoinette.Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen, so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins! Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.

Hechingen(betrübt und ernüchtert, schweigt).

Antoinette.So sag doch, was du mir hast sagen wollen.

Hechingen.Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. — Ich würde dich bitten,nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast — ich fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette — langweil' ich dich sehr?

Antoinette.Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.

Hechingen.Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.

Antoinette.Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?

Hechingen.Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette —

Antoinette.Bitte, was ist, wenn du dich da wendest?(Sie greift sich an die Schläfe.)

Hechingen.— so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren Schranken zu halten.

Antoinette(nervös). Was denn?

Hechingen.Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.

Antoinette(dem Weinen nah). Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut, aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.

Hechingen.Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.

Antoinette.Bitte, hab' die Güte —(sie taumelt).

Hechingen.Ich versteh'. Ein Auto?

Antoinette.Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.

Hechingen.Sofort.(Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem Mantel. Indem er ihr hilft.)Ist das alles, was ich für dich tun kann?

Antoinette.Ja, alles.

Kammerdiener(an der Glastür, meldet). Das Auto für die Frau Gräfin.

Antoinette(geht sehr schnell ab).

Hechingen(will ihr nach, hält sich).

Stani(von rückwärts aus dem Wintergarten. Er scheint jemand zu suchen). Ah, du bist's, hast du meine Mutter nicht gesehen?

Hechingen.Nein, ich war nicht in den Salons. Ich hab' soeben meine Frau an ihr Auto begleitet. Es war eine Situation ohne Beispiel.

Stani(mit seiner eigenen Sache beschäftigt). Ich begreif' nicht. Die Mamu bestellt mich zuerst in den Wintergarten, dann läßt sie mir sagen, hier an der Stiege auf sie zu warten —

Hechingen.Ich muß mich jetzt unbedingt mit dem Kari aussprechen.

Stani.Da mußt du halt fortgehen und ihn suchen.

Hechingen.Mein Instinkt sagt mir, er ist nur fortgegangen, um mich im Klub aufzusuchen und wird wiederkommen.(Geht nach oben.)

Stani.Ja, wenn man so einen Instinkt hat, der einem alles sagt! Ah, da ist ja die Mamu!

Crescence(kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus). Ich komm' über die Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als Mißverständnisse. Zuerst sagt er mir, du bittest mich, in den Wintergarten zu kommen, dann sagt er in der Galerie —

Stani.Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt nicht herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es nicht wegen ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine Dusche zu nehmen und mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber eine schiefe Situation, das ist mir etwas so Odioses, das zerrt direkt an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten, mich doch jetzt au courant zu setzen.

Crescence.Ja, ich begreif' doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat weggehen können, ohne mir auch nureinen Wink zu geben. Das ist eine von seinen Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.

Stani.Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur in großen Linien zu sagen, was vorgefallen ist.

Crescence.Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst hat der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch geführt —

Stani.Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war eben zu kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen!

Crescence.Was soll ich ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt an mir vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der Onkel Kari mit der Helen —

Stani.Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari —

Crescence.Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an die Tür — die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft weg, ganz verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und zitier' dich her!

Stani.Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir aufzuklären, was denn hier vorgegangen ist!

Crescence.Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find' ihn nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich gespielt hab'. Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel' Karo, dazwischen bet' ich die ganze Zeit zu dievierzehn Nothelfer. Gleich darauf mach' ich Renonce in Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht! Ich geh' durch die finstern Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin weinen. Ich klopf' an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich schleich' mich wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wär. —

Stani.Ich versteh' alles.

Crescence.Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.

Stani.Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.

Crescence.Ja, wie sieht er denn das?

Stani.Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz brechen sollte.

Crescence.Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!

Stani.Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich sofort aus dem Staub gemacht.

Crescence.Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was sagst du denn da?

Stani.Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.

Crescence.Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine Haltung, aber deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!

Stani.Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.

Crescence.Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und dreiviertel zehn passiert ist.

Stani.Ich bitt' inständig —

Crescence.Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich ihn wollt einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte. Also tu' er mir den Gefallen und bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus, er sieht doch, wie ich agitiert bin.(Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)

Helene(ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat Karl gesehen,bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt sie Karl entgegen.)

Hans Karl(betroffen). Helen, Sie sind noch hier?

Helene(hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung und in einem leichten, fast überlegenen Ton). Ich bin hier zu Haus.

Hans Karl.Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!

Helene.Ja, es ist etwas geschehen.

Hans Karl.Wann, so plötzlich?

Helene.Vor einer Stunde, glaub' ich.

Hans Karl(unsicher). Etwas Unangenehmes?

Helene.Wie?

Hans Karl.Etwas Aufregendes?

Helene.Ah ja, das schon.

Hans Karl.Etwas Irreparables?

Helene.Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.

Hans Karl.Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.

Helene.Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.

Hans Karl.Ausgehen?

Helene.Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist keine ganz gewöhnliche Manier.

Hans Karl(zögernd). Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn man mich so direkt was fragt.

Helene.Ja, ich frag' Sie direkt.

Hans Karl.Ich kann's gar nicht leicht explizieren.

Helene.Wir können uns setzen.(Sie setzen sich.)

Hans Karl.Ich hab' früher in unserer Konversation — da oben, in dem kleinen Salon —

Helene.Ah, da oben in dem kleinen Salon.

Hans Karl(unsicher durch ihren Ton). Ja, freilich, in dem kleinen Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.

Helene.Ah?

Hans Karl.Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.

Helene.Etwas Vergangenes?

Hans Karl.Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital. Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge, die absolut nicht dazu gehört haben.

Helene.Ja, ich versteh' Sie. Und?

Hans Karl.Da hab' ich Unrecht getan.

Helene.Inwiefern?

Hans Karl.Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine Gedanken darüber sind mir ganz klar.

Helene.Das hoff' ich.

Hans Karl.Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung, sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so wenigin der Hand hab' — und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die Lippen gekommen — um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.

Helene.Meine Unbefangenheit — mir wiedergeben?

Hans Karl(unsicher, will aufstehen).

Helene(bleibt sitzen). Also das haben Sie mir sagen wollen — über Ihr Fortgehen früher?

Hans Karl.Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

Helene.Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen, warum Sie wiedergekommen sind.

Hans Karl.Sie mir?

Helene(mit einem vollen Blick auf ihn). Sie sind wiedergekommen, weil ... ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel!(Sie lacht.)Aber es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß — vielleicht hätte das — aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.

Hans Karl.Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es heraus!

Helene.Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie fortgetrieben hat, und was Sie wieder zurückgebracht hat.

Hans Karl.Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

Helene.Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie hier hinausgetrieben hat,das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem eigenen Selbst — sind Sie bös?

Hans Karl.Vor meinem Selbst?

Helene.Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem, der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher zurückgeführt.

Hans Karl.Ich versteh' Sie nicht, Helen!

Helene(ohne ihn anzusehen). Hart sind nicht solche Abschiede für Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit sich allein sind.

Hans Karl.Sie wissen das alles?

Helene.Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt und hätte für Sie das Unmögliche getan.

Hans Karl.Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

Helene.Ich wär' Ihnen nachgegangen.

Hans Karl.Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

Helene.Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

Hans Karl.Sie wären mir — ? Ja, wohin?

Helene.Ins Kasino oder anderswo — was weiß ich, bis ich Sie halt gefunden hätte.

Hans Karl.Sie wären mir, Helen — ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu denken, ob — ?

Helene.Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach — Ich will, daß du mich —

Hans Karl(mit unsicherer Stimme). Sie, du, du willst?(Für sich.)Da sind wieder diese unmöglichen Tränen!(Zu ihr.)Ich hör' Sie schlecht. Sie sprechen so leise.

Helene.Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen — aber die helfen mir sogar eher, um das zu sagen —

Hans Karl.Du — Sie haben etwas gesagt?

Helene.Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht, wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt —

Hans Karl.Jetzt?

Helene.Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben kannst — aber ich bin in dich verliebt, und ich will — aber das ist doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!

Hans Karl(zitternd). Sie wollen von mir —

Helene(mit keinem festeren Ton als er). Von deinem Leben, von deiner Seele, von allem — meinen Teil!(Eine kleine Pause.)

Hans Karl.Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

Helene.Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

Hans Karl.Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

Helene(schüttelt den Kopf).

Hans Karl.Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem Gewissen hat.

Helene(lächelnd). Ja, das scheint.

Hans Karl.Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

Helene.Die Liebe ist nicht süßlich.

Hans Karl.Ich bin ein maßloser Egoist.

Helene.Ja? Ich glaub nicht.

Hans Karl.Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

Helene.Ja, Sie können — wie sagt man das? — verführt werden und verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch beide.

Hans Karl.Wie?

Helene.Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das — oder das — sondern von einem Wesen: alles — für immer! Es hätte eine die Kraft haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.

Hans Karl.Wie du mich kennst!

Helene.Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig, und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft für keine: das war mein Trost.

Hans Karl.Wie du alles weißt!

Helene.Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

Hans Karl.Da muß ich mich ja vor dir schämen.

Helene.Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins lebendige Fleisch.

Hans Karl.Alles hast du gewußt und ertragen —

Helene.Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

Hans Karl.Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

Helene.Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein — wenn du mir die geben kannst.

Hans Karl.Wie du das sagst!

Helene.Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder. Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der Papa soll's schnell wissen. — Der Papa soll's wissen — der schon! Oder nicht, wie?

Hans Karl(verlegen). Es ist das — mein guter Freund Poldo Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch — den er mir oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im Herrenhaus das Wort ergreife —

Helene.Aha —

Hans Karl.Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht aus dem Weg — vermeide mit ihm allein zu sein — im Kasino, auf der Gasse, wo immer —

Helene.Sei ruhig — es wird nur von der Hauptsache die Rede sein — dafür garantier' ich. — Es kommt schon jemand: ich muß fort.

Hans Karl.Helen!

Helene(schon im Gehen, bleibt nochmals stehen). Du! Leb wohl!(Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.)

Crescence(oben auf der Treppe). Kari!(Kommt schnell die Stiege herunter.)

Hans Karl(steht mit dem Rücken gegen die Stiege).

Crescence.Kari! Find' ich ihn endlich! Das ist ja eine Konfusion ohne Ende!(Sie sieht sein Gesicht.)Kari! es ist was passiert! Sag mir, was?

Hans Karl.Es ist mir was passiert, aber wir wollen es gar nicht zergliedern.

Crescence.Bitte! aber du wirst mir doch erklären —

Hechingen(kommt von oben, bleibt stehen, ruft Hans Karl halblaut zu). Kari, wenn ich dich auf eine Sekunde bitten dürfte!

Hans Karl.Ich steh' zur Verfügung.(Zu Crescence.)Entschuldig' sie mich wirklich.

Stani(kommt gleichfalls von oben).

Crescence(zu Hans Karl). Aber der Bub'! Was soll ich denn dem Buben sagen? Der Bub' ist doch in einer schiefen Situation!

Stani(kommt herunter, zu Hechingen). Pardon, jetzt einen Moment muß unbedingt ich den Onkel Kari sprechen!(Grüßt Hans Karl.)

Hans Karl.Verzeih' mir einen Moment, lieber Ado!(Läßt Hechingen stehen, tritt zu Crescence.)Komm sie daher, aber allein: ich will ihr was sagen. Aber wir wollen es in keiner Weise bereden.

Crescence.Aber ich bin doch keine indiskrete Person!

Hans Karl.Du bist eine engelsgute Frau. Also hör' zu! Die Helen hat sich verlobt.

Crescence.Sie hat sich verlobt mit'm Stani? Sie will ihn?

Hans Karl.Wart noch! So hab' doch nicht gleich die Tränen in den Augen, du weißt ja noch nicht.

Crescence.Es ist er, Kari, über den ich so gerührt bin. Der Bub' verdankt ihm ja alles!

Hans Karl.Wart' sie, Crescence! — Nicht mit dem Stani!

Crescence.Nicht mit dem Stani? Ja, mit wem denn?

Hans Karl(mit großer Gêne). Gratulier' sie mir!

Crescence.Dir?

Hans Karl.Aber tret' sie dann gleich weg und misch sie's nicht in die Konversation. Sie hat sich — ich hab' mich — wir haben uns miteinander verlobt.

Crescence.Du hast dich! Ja, da bin ich ja selig!

Hans Karl.Ich bitte sie, jetzt vor allem zu bedenken, daß sie mir versprochen hat, mir diese odiosen Konfusionen zu ersparen, denen sich ein Mensch aussetzt, der sich unter die Leut' mischt.

Crescence.Ich werd' gewiß nichts tun —(Blick nach Stani.)

Hans Karl.Ich hab' ihr gesagt, daß ich nichts erklären werd', niemandem, und daß ich bitten muß, mir die gewissen Mißverständnisse zu ersparen!

Crescence.Werd' er mir nur nicht stutzig! Das Gesicht hat er als kleiner Bub' gehabt, wenn man ihn konterkariert hat. Das hab' ich schon damals nicht sehen können! Ich will ja alles tun, wie er will.

Hans Karl.Sie ist die beste Frau von der Welt, und jetzt entschuldig' sie mich, der Ado hat das Bedürfnis, mit mir eine Konversation zu haben — die muß also jetzt in Gottes Namen absolviert werden.(Küßt ihr die Hand.)

Crescence.Ich wart' noch auf ihn!


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