Versuch eines Aufbaus.

Diese Gefahren und Schranken mußten auch innerhalb der Menschenkultur zur Empfindung kommen und eine Gegenbewegung erzeugen. Das ergab die Bildung einer Individualkultur, welche sich ebenfalls ganz und gar auf den Boden der Erfahrung stellt und jede Abhängigkeit des menschlichen Daseins von weiteren Zusammenhängen ablehnt, welche aber innerhalb der Erfahrung einen völlig anderen Ausgangspunkt nimmt, nämlich das Fürsichsein, den seelischen Zustand des Individuums. Indem sie die Sozialkultur als eine Mechanisierung und Schablonisierung des Lebens bekämpft, stellt sie ihr ein Leben entgegen, welches vornehmlich das Individuum zu stärken, es unter Befreiung von aller Bindung ganz aufsich selbst zu stellen und zur vollen Ausprägung seiner Eigentümlichkeit zu bringen verspricht. Indem sie alle Lebensverhältnisse und alle Lebensgebiete zu Mitteln für die Entfaltung und den Selbstgenuß des Individuums macht und zugleich alles, was von der Vergangenheit zu uns wirkt, in lebendige Gegenwart verwandelt, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ein überströmender Reichtum verschiedener Bildungen, entsteht ein leichtbeschwingtes, freischwebendes, frohgestimmtes Leben; es wird sich selbst um so mehr zu verstärken glauben, je mehr es das Unterscheidende pflegt und den Abstand von anderen hervorkehrt; die Freude, etwas Eigenes, Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird alles Tun durchdringen und heben; Hauptgehilfen dieses Lebens werden Kunst und Literatur, natürlich in einem besonderen Sinne verstanden.

Zustimmung hat diesem Leben namentlich sein Widerspruch gegen den Massencharakter und die Gleichförmigkeit der Sozialkultur gebracht; daß es mit seiner Auflösung des Daseins in lauter Einzelpunkte und seinem Mangel alles Kernes unmöglich das Menschenleben ausfüllen und führen kann, das bedarf keiner näheren Darlegung. Nur das sei bemerkt, daß die Individualkultur im Kern ihrer Behauptung denselben Fehler begeht wie die Sozialkultur: wie diese aus der Menschheit unversehens etwas weit besseres macht als ihre Begriffe gestatten, so muß die Individualkultur das Individuum idealisieren, um es zum Hauptträger des Lebens machen und in ihm dessen Hauptzweck finden zu können. Sie denkt dies Individuum als groß und als Quell einer starken Bewegung, mit höchsten Problemen befaßt und eine Welt der Wahrheit und Schönheit in der eigenen Seele erbauend. Aber woher soll das alles innerhalb des gegebenen Daseins kommen, dem doch einmal das Individuum nur ein Gliedeiner weitschichtigen Verkettung bedeutet, nicht eine Stätte ursprünglichen Lebens, nicht den Durchbruchspunkt einer neuen Welt. Wie die Individualkultur das Individuum versteht, kann die ihm beigelegte Selbständigkeit nur eine erträumte und das daraus entstehende Leben nur ein eingebildetes sein. Schätzbare Anregungen im einzelnen und manche vollberechtigte Kritik seien dabei dieser Individualkultur bereitwillig zugestanden.

So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der Richtungen, die sie einschlagen kann, und zwischen denen sie wählen muß; weder das Zusammenstreben noch das Auseinandergehen der Menschen gibt dem Leben einen Sinn und Wert und läßt die Seele ein Beisichselbstsein erreichen. Denn auch die Individualkultur gelangt nicht zu einem solchen, da sie die Seele in lauter einzelne Lagen und Stimmungen zersplittert, ohne ihnen eine Einheit des Wesens und eine Innenwelt entgegenzusetzen. Wenn die Ausführung beider Arten der Menschenkultur die Oberfläche überschreitet, so tut sie das in schroffem Widerspruch mit der Grundbehauptung des Ganzen.

Das empfindet auch die Gegenwart immer stärker, schon vor dem Kriege war vielfach das Bloßmenschliche als viel zu klein erkannt und mit dem Überdruß an seinem selbstgefälligen Gebaren eine tiefe Sehnsucht nach Durchbrechung seiner Schranken und nach Erringung eines weiteren, reineren, wahreren Leben erwacht. Augenscheinlich wurde, daß die Ablösung des Menschen von der großen Welt und die Bildung eines Sonderkreises ihn einer Enge und Kleinheit überliefert, die er selbst auf die Dauer nicht aushält, die ihm die Tiefe seines eigenen Wesens verschließt. So hörten wir viel von Übermenschlichem und von Übermenschen reden. Aberalle echte und innige Sehnsucht, die aus solchem Streben spricht, führt über ein ungestümes Wogen und Wallen der Seele nicht hinaus, wenn dieses Übermenschliche innerhalb der Welt der Erfahrung gesucht wird. Denn viel zu streng binden hier den Menschen Natur und Schicksal, und zwar mehr noch von innen als von außen, als daß ein kühner Aufschwung ihn davon befreien und ein neues Leben schaffen könnte. Es muß das Menschenwesen überhaupt einer inneren Umwandlung und Erhöhung fähig sein, wenn der Einzelne wesentlich mehr aus sich machen soll; sonst ist alles Mühen verloren. Der Krieg hat uns diese Wahrheit noch stärker eingeprägt, er stellt uns die Unzulänglichkeit des bloßen Menschen und damit aller bloßen Menschenkultur so deutlich vor Augen, daß nur eine flache Denkweise sich folgendem Dilemma entziehen kann: entweder steht das Menschenleben in tieferen Zusammenhängen und schöpft aus ihnen neue Ziele und Kräfte, welche die bloße Wohlfahrt des Menschen überschreiten, oder das ganze menschliche Sein ist eine, freilich unbegreifliche, Verirrung des Weltlaufs, und alles Streben nach einem Sinn und Wert unseres Lebens ist zu sicherem Scheitern verdammt. Es wäre ein großer Gewinn unserer harten Zeit, wenn sie uns dieses Entweder — Oder klar durchschauen ließe und damit allen verwirrenden und verflachenden Mittelgebilden ein dauerndes Ende bereitete.

Wir sahen, daß es der Gegenwart an Bestrebungen nach kräftiger Zusammenfassung des Lebens keineswegs fehlt, auch daß diese Bestrebungen in Vorhaltung beherrschender Ziele den Lebensstand schärfer beleuchtet und das Handeln vielfach aufgerüttelt haben. Aber wir sahen auch, daß keine dieserBestrebungen sich zu sicherer Herrschaft über die anderen hinaushebt, daß sie nicht nur weit auseinandergehen, sondern einander schroff widersprechen und das Leben unter widerstreitende Antriebe stellen. Besonders gilt das von dem Gegensatz der älteren und der neueren Denkart, der Versuch einer Ausgleichung verbietet sich bei ihm ganz und gar. Hatte die ältere Denkart, namentlich die religiöse, alle Hingebung an die sichtbare Welt als einen Raub an einer höheren Ordnung und als ein Sinken des Lebens von unerläßlicher Höhe behandelt, so besteht die neuere um so mehr auf einer vollen Selbständigkeit, ja Ausschließlichkeit dieser Welt, so gilt ihr alle Befassung mit übersinnlichen Dingen als eine Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; des einen Gott ist dem anderen zum Abgott geworden. Da ein so harter Widerspruch ein freundliches Sichvertragen unbedingt ausschließt, so müßte eine der Antworten die Oberhand gewinnen; auch das aber zeigte sich als unmöglich. Die Lebensordnungen, die auf dem Boden der älteren Denkart stehen, wie Religion und weltlicher Idealismus, entbehren in der Kulturarbeit der Gegenwart einer sicheren Begründung und festen Stellung, die modernen Denkweisen aber entsprechen viel zu wenig den durch die Gesamtgeschichte der Menschheit eröffneten Tiefen des Lebens, um einen Abschluß bieten zu können; so finden wir das Alte erschüttert, auch vielfach in einer für uns zu engen Gestalt, das Neue aber verbleibt in einer Fläche, über die wir notwendig hinausgehen müssen. Dazu spalten sich die Hauptströme wieder in verschiedene Äste mit weit auseinandergehender Richtung. Auf dem Boden der unsichtbaren Welt sieht die Religion am Menschen die Schwäche, der weltliche Idealismus die Stärke; jene spaltet die Wirklichkeit, diese verlangt ihre Einheit.Innerhalb der modernen Daseinskultur aber ziehen die Versuche einer Einfügung des Menschen in die Natur und einer Ausbildung seines besonderen Kreises nach verschiedener Richtung, jene wird dieser leicht zu kalt und seelenlos, diese jener zu eng und dumpf. Und die Unversöhnlichkeit von Sozial- und Individualkultur trat mit voller Klarheit vor Augen.

Indem alles dies nicht nur Verschiedenartige, sondern Entgegengesetzte auf uns eindringt, und dabei gerade das Streben nach Einheit die Geister auseinanderführt und ihre Zerwerfung steigert, entsteht eine geistige Anarchie, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergötzen mag, die aber für die Dauer zur Zerstörung wirken muß. Denn sie macht alles ungewiß, was bisher als sicherer Besitz galt, und läßt Zweifel und Streit an den tiefsten Wurzeln des Lebens nagen. Die Neuzeit stritt zuerst über die nähere Fassung und Begründung der Religion, schließlich wird ihr das Ganze der Religion zur Frage; vor den Verwicklungen der Metaphysik fliehen wir in das Gebiet der praktischen Vernunft und suchen in der Moral eine unangreifbare Wahrheit, bald aber wird auch diese zunächst in ihrer überkommenen Fassung, dann aber auch im Grundgedanken angegriffen und erschüttert. Gegenüber solchem Unsicherwerden ganzer Lebensgebiete schien wenigstens der Mensch als Ganzes, als lebendige Persönlichkeit, zu bleiben und einen gewissen Halt zu gewähren, aber auch hier zeigt ein genaueres Zusehen bald, daß der Streit sich auch auf jenen vermeintlich sicheren Träger erstreckt, und daß im Begriff der Persönlichkeit ganz verschiedene, ja entgegengesetzte Fassungen durcheinanderlaufen; eben das, was dem einen an ihr groß erscheint, das erklärt der andere für verwerflich. Die Ausdehnung und die Tiefe der Erschütterung entgeht uns leicht, weil der Einzelne sie zunächst nur imGebiet seiner eigenen Arbeit empfindet und annimmt, daß es draußen besser steht. Ein Überblick des Ganzen zeigt aber bald, daß die Unsicherheit eine durchgängige ist, und daß keinerlei gemeinsames Lebensideal die heutige Menschheit verbindet. Alles miteinander ergibt eine geistige Krise, wie sie so gewaltig in der ganzen Vergangenheit nicht war, denn auch die größten Umwälzungen früherer Zeiten beließen eine gewisse Gemeinsamkeit des geistigen Lebensraumes, sie veränderten mehr die Wege als die letzten Ziele selber. Heute gibt es in prinzipiellen Fragen keinen einzigen Punkt, auf den wir uns aus der Verwirrung als auf ein gemeinsames Bekenntnis zurückziehen könnten.

Eine derartige Auflösung versetzt eine hochentwickelte Kultur in eine höchst peinliche Lage. Zahlreiche Kräfte sind da und fordern Beschäftigung, eine genügende Bindung aber und eine sichere Zielrichtung fehlt; so suchen sie tastend umher und erzeugen statt echten Lebens mehr ein bloßes Lebenwollen, ein Sehnen und Haschen nach Leben. Das ist ein Stand, wo eine freischwebende Reflexion die Stelle geistigen Schaffens erschleicht, wo eine flache Klugheit eine ungebührliche Macht erlangt, eine große Gewandtheit oft mit innerer Leere zusammengeht, wo wir alles sagen können, was wir sagen wollen, wo wir nur nichts Rechtes zu sagen haben. Ein solches Leben entbehrt wie eines gehaltvollen Kernes, so auch eines festen Haltes und eines sicheren Maßes, es läßt den Menschen wehrlos gegen all den Wirbel von Eindrücken und Anregungen, der unaufhörlich auf ihn eindringt, zugleich macht es ihn unfähig, Wesenhaftes und Wesenloses, Wahres und Scheinbares, Bedeutendes und Unbedeutendes im Bestande der Zeit auseinanderzuhalten, alles fließt ihm durcheinander, und der Wechsel der Strömungen der Zeitoberflächewirft ihn bald hierher, bald dahin, läßt ihm aber dabei den Schein, als ob er selber denke.

Dazu die Zersplitterung der Menschheit, die ein solches Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem die Individuen nach der Besonderheit ihrer Art, ihrer Lage, ihrem Beruf an verschiedenen Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen wählen, entsteht eine Sonderung in Sekten und Parteien, es droht ein Behandeln aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten aller Fülle äußerer Berührung. Unsere Welten spalten sich immer mehr, bis schließlich jeder nur in seiner Privatwelt lebt. Eine solche innere Vereinsamung erträgt die Menschheit nicht auf die Dauer. Zugleich muß auch der Stand des geistigen Schaffens sinken. Und mit dem Schaffen sinkt auch der Glaube, sein Zwillingsbruder. Vollauf verständlich wird von hier aus, wie unsere Zeit, im Durchschnitt des Kulturbürgertums betrachtet, sich als eine Zeit des Unglaubens, des Mäkelns und Verkleinerns darstellt, des Unglaubens nicht an bloße Dogmen, sondern an das Leben selbst und an sein Vermögen zur inneren Erhöhung und Erneuerung. Was daraus an Stockung und Hemmung hervorgeht, das wiegen alle äußeren Erfolge nicht auf.

Eine derartige Lage mag so lange keinen tiefen Schmerz bereiten und keine Gegenbewegung erzeugen, solange der Einzelne sie nur wie ein draußen vorgehendes Schauspiel betrachtet; sie muß unerträglich werden, sobald sie zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erlebnis wird. Daß sie das aber wird, dahin wirkt der gegenwärtige Weltkrieg mit elementarer Gewalt; um den ungeheuren Aufgaben und Schicksalen nicht zu erliegen, die er uns bringt, bedarf der Mensch eines festenHaltes und eines sicheren Zieles; eine Kultur, die ihm das nicht bietet, droht zum bloßen Schein zu werden, zu einem Kulturersatz, wie man das mit einer heutigen Wendung sagen könnte.

Aber so schwer wir das alles nehmen, vergessen sei nicht, daß keineswegs unser ganzes Leben in die geschilderten Gegensätze aufgeht, daß vielmehr manches in ihm von der Verwicklung unberührt bleibt. Denken wir nur an das kräftige nationale Leben der Gegenwart, an die moderne Wissenschaft, an die moderne Technik! Unsere Zeit ist grundverschieden vom ausgehenden Altertum, dem es zu Unrecht oft gleichgestellt wird; denn während damals eine greisenhafte Ermattung durch die Gemüter ging und außer der Religion sich alle Lebensgebiete in trauriger Stockung befanden, sehen wir heute die regste Tätigkeit, ein gewaltiges Vordringen an manchen Stellen, ein Erwachen immer neuer Probleme. Darin freilich liegt die Schranke, daß die Bewegung mehr auf die einzelnen Gebiete als auf das Ganze des Menschen geht, daß die Expansion die Konzentration weit überwiegt, daß die verschiedenen Antriebe und Ansätze sich nicht zueinander finden. Hier ist ein schweres Problem, ja ein gefährlicher Notstand unverkennbar; aber diese Begrenzung der Frage ist doch eine entschiedene Abweisung eines völligen Pessimismus.

Auch das wollen wir ja nicht übersehen, daß die Bildung so verschiedener Lebensströme nicht nur eine Schwäche, sondern auch eine Stärke der Gegenwart bedeutet. Zeigt dieser Reichtum von Bildungen doch, daß wir den verschiedenen Anregungen eine große Offenheit entgegenbringen und die Lebensfragen mit besonderer Energie ergreifen; so kommtvieles erst jetzt zur deutlichen Aussprache, was früher verborgen blieb oder doch abgeschwächt wurde. Die Gegensätze, unter denen wir jetzt leiden, sind wahrlich nicht von gestern und heute, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen sind sie erst uns gewachsen, die wir, schon weil wir geschichtlich denken und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, zugleich aber aus einem stärkeren Einheitsverlangen uns nicht wie das Mittelalter mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Abstufung der verschiedenen Gestalten begnügen können. So ist nicht sowohl unser Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden; die Aufgabe aber hat nicht menschlicher Eigensinn ersonnen, es legt sie uns eine weltgeschichtliche Notwendigkeit auf. Sie ist uns zunächst ein Geschick, aber ein Geschick, das wir in Freiheit verwandeln und zugleich zu einer inneren Erhöhung unseres Lebens wenden können.

Endlich sei auch das erwogen, daß, wenn ein letzter, allumfassender Abschluß überall auf unüberwindlichen Widerspruch stieß, dieser Widerspruch selbst auch ein positives Verlangen zu erkennen gab und dem Streben damit eine gewisse Richtung wies. Die Religion scheint uns nicht fest genug begründet, nicht weil die ganze Zeit von Zweifelsucht befallen ist, sondern weil wir höhere Ansprüche an den Erweis ihrer Wahrheit stellen, sie nach dem Stande des Geisteslebens notwendig stellen müssen. Ihre Gestaltung erscheint uns als zu eng, nicht weil uns der Sinn für charaktervolle Geschlossenheit verloren ging, sondern weil unser Leben durch Erfahrung und Wandlung hindurch eine größere Weite gewonnen hat, und die Religion ohne schwere eigeneSchädigung sich dieser Erweiterung nicht entziehen darf. Auch der weltliche Idealismus scheint uns nur deshalb nicht sicher genug begründet und nicht voll unser Wesen durchdringend, weil neue Erfahrungen neue Forderungen in dieser Richtung zu stellen zwangen. Daß der Naturalismus unsere Seele nicht befriedigt, und daß uns die Ziele der Menschenkultur in ihren beiden Hauptformen als unzulänglich gelten, das bekundet ein Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens und ein Hinausstreben über alles selbstsatte Menschentum. So steht durchgängig hinter der Verneinung eine Bejahung, es gilt nur die verschiedenen Bejahungen aus der Unbestimmtheit und Verworrenheit herauszuarbeiten und zueinander in Beziehung zu setzen. Gewisse Punkte sind damit festgelegt, gewisse Aufgaben uns gewiesen. So zweifellos sich daher die Gegenwart als höchst unfertig und voller Verwicklung darstellt, sie bringt an uns große Ziele und ruft unsere Kraft zu höchster Anspannung auf.

Hüten wir uns also, von dieser Zeit wegen jener offenen Fragen gering zu denken! Keine Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher Fülle ergriffen und mit solchem Eifer behandelt, keine die Probleme in solchem Umfang aufgenommen und so sehr aus Selbsttätigkeit wie aus eigener Erfahrung zu lösen versucht. Freilich sind die Probleme einstweilen größer als unser Vermögen zur Lösung, aber dies Vermögen ist nicht an eine starre Grenze gebunden; warum sollte es nicht so gut wie auf den besonderen Gebieten auch bei diesen zentralen Fragen einer Steigerung fähig sein und uns der Aufgabe mehr und mehr gewachsen machen? Stellen wir uns also zur gegenwärtigen Lage aktiv, verlieren wir nicht den Mut, und vertrauen wir darauf, daß in dem Streben über sie hinaus nicht der Mensch zum gegebenen Lebensstandeaus eigener Klugheit etwas hinzuersinnt, sondern daß das Ganze des Lebens selbst in einem Streben zu neuem Aufstieg begriffen ist, wir aber im Dienste dieses Aufstiegs unserem eigenen Streben einen Gehalt, ja eine Größe zu geben vermögen.

Für die Denkarbeit gilt es vor allem die Richtung des Weges zu finden, der uns über die gegenwärtige Verwicklung hinausführen kann; es handelt sich für sie zunächst darum, welches Ziel dem Streben vorschweben muß, sodann darum, welche Wege zu diesem Ziele offenstehen. Was das erste betrifft, so bedürfen wir zweifellos einer Tatsächlichkeit allumfassender Art, näher einer Gesamttat, welche über die geschilderten Gegensätze hinauszuheben und ein Auseinanderfallen des Lebens zu verhüten vermag. Ohne das gibt es keine Einheit und auch keine Festigkeit. Aber zugleich gilt es klarzumachen, wie mit der überlegenen Einheit einer solchen Gesamttat die Verschiedenheit der Lebensbahnen vereinbar ist, die wir vorhanden sahen. Es muß in der Art, wie wir Menschen zu jener Gesamttat stehen, angelegt sein, daß wir sie nur von verschiedenen Seiten her erfassen können, daß daher, was als Einheit zugrunde liegen muß, zugleich ein hohes Ziel und eine schwere Aufgabe bildet. Der Boden aber, von dem aus nach jener Gesamttat zu streben ist, kann kein anderer sein als das Leben selbst, nicht irgendwelches draußen befindliche Datum, das Leben im Ganzen betrachtet, nicht in einzelnen Betätigungen, auch nicht als bloßes Denken. Wenn irgendwie, so muß sich von jenem aus ein Weg zum Ziel finden lassen. Denn das Leben ist das Erste und Ursprünglichste, das, worauf alles zurückkommt, und innerhalb dessen allesvorgeht; das, was niemand leugnen kann, da das Leugnen selbst einen Erweis des Lebens bilden würde. Wenn also jene Gesamttat, von der wir einen Zusammenhang des Lebens hoffen, überhaupt erreichbar ist, so muß sie nicht nur vom Leben aus, sondern innerhalb des Lebens erreichbar sein. Sehen wir also, ob eine Durchmusterung seiner in Wahrheit etwas derartiges aufdeckt. Finden können wir jenes aber nur, wenn wir das Leben nicht wie etwas Fremdes betrachten, das wie ein Naturprozeß nur an uns vorgeht, sondern wenn wir uns in seine eigene Bewegung versetzen, es als eigenes ergreifen, es selbst zu erleben suchen. Es gilt, den Tatbestand, der hier in Frage steht, das Zusammengehen des Lebens in eine umfassende und überlegene Gesamttat, in uns selbst zu erwecken und bei uns zu entwickeln, nur eine Kräftigung und Vertiefung des eigenen Lebens kann uns das Ganze naherücken. So muß das Streben selbst eine Lebensbewegung in sich tragen; ohne den Mut und die Kraft zu geistiger Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände kommen wir hier nicht weiter. Einem solchen Emporklimmen aber wird alles eine Bereitschaft entgegenbringen, was in der Menschheit nicht greisenhaft, sondern jugendlich fühlt; Jugend aber mißt sich bei diesen Dingen nicht nach der Zahl der Jahre.

Um eine neue Höhe zu erklimmen, gilt es zunächst den Ausgangspunkt richtig zu wählen; es kann dieser aber für unser Werk kein anderer sein als das Leben selbst, das Leben zunächst dem bloßen Umrisse nach mit Vorbehalt aller näheren Bestimmung. Denn was immer uns an Tatsachen oder an Tätigkeiten begegnet, das setzt das Leben voraus und liegt innerhalb seines Bereiches; auch seine Beschaffenheit hängt wesentlich an dem, was sich beim Ganzen des Lebens herausstellt. Wenn demnach von diesem Ganzen zu beginnen ist, so wird die erste Frage dahin gehen, ob es einfacher Art ist, oder ob es verschiedene Arten und Stufen in sich trägt. Nun bildet den ersten Angriffspunkt zur Beantwortung dieser Frage die Tatsache, daß das Gefüge der uns umgebenden Natur sich mit seinen Kräften und Gesetzen weit auch in das seelische Gebiet erstreckt; unverkennbar bilden wir auch innerlich weithin ein Stück der Natur. Denn wie in der Natur so treffen auch in einer gewissen Fläche des Seelenlebens lauter einzelne Elemente zusammen, bilden kleinere oder größere Verkettungen und Zusammenhänge, die sich aller bewußten Einwirkung entziehen; der gesamte Komplex aber ist in einer Selbstbehauptung gegenüber der Umgebung begriffen, die unablässig auf ihn eindringt, aller Antrieb kommt hier von draußen, und nach draußen hin geht alles Streben; so wird das Leben ein Austausch von Wirkung und Gegenwirkung, es ist, was es ist, nicht für sich, sondern nur zusammen mit anderem und in der Beziehung auf anderes. Ein derartiges Geschehen bildet ein großes Stück unseres menschlichen Lebens, ein weit größeres, als unser Bewußtseinihm zuzuerkennen pflegt. Aber zugleich ist darauf zu bestehen, daß unser Leben sich nicht in diese Art erschöpft, daß es mit kräftigen Bewegungen ihren Rahmen durchbricht, und daß diese Bewegungen sich zum Ganzen einer neuen Art verbinden, die eine Selbständigkeit gegenüber der bloßen Natur erweist. Sehen wir, wie sich das näher ausnimmt.

Wie auf der Naturstufe alles Leben aus den gegenseitigen Berührungen einzelner Punkte hervorgeht und zwischen diesen verläuft, so ist es gebundener und damit sinnlicher Art, es trägt durch und durch ein sinnliches Gepräge; diese sinnliche Art kann verblassen und übersehen werden, nie aber kann sie völlig verschwinden; soweit das Naturgeschehen reicht, kann sich nichts von ihr befreien und ihr selbständig entgegentreten. Nun aber erscheint beim Menschen eine derartige Befreiung, und zwar nicht nur in vereinzelten Zügen, sondern in einer Gesamtentfaltung des Lebens, in der Entfaltung nämlich, die vom Denken getragen wird. Denn in diesem erscheint eine Kraft der Selbsttätigkeit und der Selbständigkeit, mit ihrer Hilfe vermag der Mensch die Bindung an die Umgebung zu zerreißen, dieser gebieterisch entgegenzutreten und seine Macht an ihr zu erweisen; ein auf Denken gestelltes Leben bringt eigene Forderungen an die Dinge und zwingt sie, sich ihnen zu fügen. Solche Selbständigkeit kann aber das Denken nicht erweisen, ohne mit einer überlegenen Einheit die einzelnen Vorgänge zu umspannen und sie miteinander zu verbinden, das aber nicht nach ihrer sinnlichen Nähe, sondern nach einer sachlichen Zusammengehörigkeit, die vom bloßsinnlichen Dasein aus völlig rätselhaft scheinen muß. Ein Gesamtentwurf geht hier voran und wirkt im Fortschreiten vom Ganzen zum Einzelnen zur Gliederung und Abstufung des gesamten Bereiches; gegenüber der bloßen Anhäufung dersinnlichen Elemente erscheint ein von Gedanken beherrschtes Ganzes, ein System, das jenes Ganze den einzelnen Stellen gegenwärtig hält und sie dadurch erhöht. Hand in Hand damit vollzieht das Denken eine Ablösung des Gegenstandes vom menschlichen Befinden und die Zuerkennung einer eigenen Art und eines eigenen Rechtes an ihn; das besagt eine durchgreifende Scheidung, die Nebel des ersten Anblicks weichen, klar erhebt sich vor uns die Welt. Aber die Scheidung bildet nicht den letzten Abschluß, der Mensch hört nicht auf, kraft seines Denkens sich mit dem zeitweilig ferngerückten Gegenstand zu befassen und ihn möglichst zu sich zurückzuziehen; indem das gelingt, erfolgt eine innere Erweiterung des Lebens, und es entsteht ein selbständiger Lebenskreis; diese Bewegung treibt schließlich zum Gedanken eines bei sich selbst befindlichen Zusammenhanges, einer allumfassenden Wirklichkeit. Eine solche wird nicht von draußen dargeboten, sie kann nur von innen her entspringen.

Im Zusammenwirken alles dessen erwächst mehr und mehr gegenüber dem sinnlichen Dasein eine vom Gedanken getragene, eine unsinnliche Welt; die Menschengeschichte erweist durch ihren Gesamtverlauf ein unablässiges Vordringen dieser gegen jenes, eine fortgehende Verschiebung vom Sinnlichen ins Unsinnliche, damit aber eine Erhebung des Menschen über die Stufe der bloßen Natur. Mehr und mehr verlegt sich nämlich das Leben in Gedankengrößen und wird seine Bewegung ein Kampf dieser Größen. Wie ein vordringendes Leben das Sinnliche zu bloßen Mitteln und Werkzeugen seines Strebens macht, das zeigt besonders greifbar die Sprache, nicht minder aber das Recht und die Religion, auch das Weltbild der Wissenschaft hebt sich immer deutlicher von dem des naiven Menschen ab und läßt uns damitin zwei Welten leben. In allen diesen Stücken hat die Neuzeit einen tüchtigen Ruck vorwärts gemacht, denn wo hat je das Leben so sehr wie hier seinen Hauptantrieb und seine Hauptkraft aus der Bewegung von Ideen und Prinzipien gezogen? So dürfen wir wohl von einer Umkehrung des Lebens reden, die sich in der Gesamtgeschichte bei uns vollzieht; was ein bloßer Anhang war, das macht sich als die Hauptsache geltend, und was zunächst die ganze Welt bedeutete, das wird mehr und mehr zu einer bloßen Umgebung.

Die Folgen solcher Wandlung erstrecken sich aber in alle Verzweigung des seelischen Lebens hinein und ergeben durchgängig mehr Selbständigkeit, mehr Wirken aus dem Ganzen, mehr Erhebung über die bloße Zuständlichkeit durch Ausbildung eines Reiches der Gegenstände. Aus solchem Selbständigwerden des Lebens baut das Erkennen ein Reich der Begriffe gegenüber dem sinnlichen Eindruck auf, vermag aber auch das Fühlen sich dem sinnlichen Reiz zu entwinden und Freude und Schmerz aus unsinnlichen Größen zu schöpfen. Wie weit hat sich oft das, was die Menschen als höchstes Gut erstrebten, vom sinnlichen Wohlsein entfernt, wie oft geriet es mit diesem in schroffen Widerspruch! Ohne die Kraft, diesen zu ertragen, hätte es schwerlich Helden und Märtyrer gegeben. Das menschliche Wollen zeigt eine verwandte Bewegungsrichtung, indem es sich dem dunklen Zwange des Naturtriebs zu entwinden, eine eigene Entscheidung zu treffen, eine eigene Bahn zu verfolgen vermag. Was dabei an inneren Kämpfen entsteht, das ist grundverschieden von allem Zusammenstoß nach draußen hin. — Solches Selbständigwerden des Inneren wird begleitet von einer Erhebung aller Lebensbewegung über das bloße Nebeneinander einzelnerPunkte. So im System der Wissenschaft mit seiner Bewegung vom Ganzen zum Einzelnen, seiner Durchgliederung des ganzen Bereiches; so im Verlangen eines Gesamtstandes des Wohlseins, der auf die Schätzung der Einzelerlebnisse zurückwirkt und wohl gar Freude in Schmerz, Schmerz in Freude verwandeln kann; so auch in der Unterordnung aller einzelnen Bestrebungen unter ein beherrschendes Gesamtziel und ihre Bemessung nach der Leistung dafür. In Wahrheit haben auf religiösem, politischem, sozialem Gebiet nur solche Bewegungen die Hingebung und die Kraft des ganzen Menschen gewonnen, welche ihm einen neuen Gesamtstand verhießen; daß alle Verbesserungen im Einzelnen dagegen nicht aufkommen können, das haben die Mittelparteien oft zu ihrem Schaden erfahren. — Endlich zeigt alle Verzweigung des Lebens eine Bewegung zur Scheidung und Wiederverbindung, darin aber eine Überwindung der anfänglichen Verworrenheit und eine Bildung eigener Lebenskreise; so tut es die Wissenschaft mit ihrer Scheidung von Subjekt und Objekt und ihrem Erstreben einer gegenständlichen Wahrheit; so konnte das Gefühl Liebe und Mitleid von der Enge des bloßen Punktes befreien und sie die innerste Seele großer Weltreligionen werden lassen, so konnte es in anderer Richtung reine Freude aus dem Recht und dem Fortgang der Sache schöpfen; das Streben nach dem höchsten Gut aber fand die Befriedigung des bloßen Subjekts viel zu klein, es wollte ein Weiterkommen im eigenen Bestande, es wollte nicht dem Menschen, wie er sich unmittelbar darstellt, genügen, es wollte mehr aus dem Menschen machen, ihm ein neues Selbst bereiten. In allen diesen Bewegungen erscheint unverkennbar der Aufstieg eines neuen Lebens.

Denn wir brauchen nur, was im Einzelnen leicht als selbstverständlich hingenommen wird, ins Ganze zu fassen, um eine durchgreifende Wendung in ihm zu entdecken, die auch auf das Weltbild wirken muß. Wenn das Denken nicht bloß eine vorgefundene Welt so oder so zurechtlegt, sondern das Gefäß eines selbständigen Lebens wird, beginnt damit nicht eine neue Ordnung? Eine Innerlichkeit entsteht, die mit aller sinnlichen Gebundenheit bricht und sich auf sich selber stellt; verkündet das nicht eine andere Welt? Und ist das geschilderte Leben aus dem Ganzen, ist ferner das Sichselbersuchen des Lebens durch ein Auseinandertreten und Wiederzusammengehen hindurch nicht ein Zeugnis für einen von Grund aus neuen Aufbau?

Daß diese Bewegung wie aller bloßen Natur so auch aller menschlichen Willkür weit überlegen ist, das erhellt besonders deutlich aus dem Erscheinen neuer Lebensformen, das damit verbunden ist. Solche Lebensformen erscheinen namentlich in der Arbeit und im geistigen Schaffen. Beide wollen uns den Gegenstand näher bringen und durch ihn gewinnen lassen, aber die Arbeit behandelt jenen als uns gegenüberliegend, während das Schaffen ihn in das eigene Leben hineinzieht und von hier aus zu entwickeln sucht; so bleibt das Verhältnis dort ein äußeres, während es sich beim Schaffen ins Innere zu wenden sucht. Bei der Arbeit ein Messen der menschlichen Kraft mit der gegenständlichen Welt, eine intellektuelle, technische, praktische Unterwerfung dieser, damit nicht nur eine unermeßliche Erweiterung, sondern auch eine Befestigung des Lebens, der Gewinn eines Weltbewußtseins. Aber bei aller Größe behält die Arbeit eine Schranke, über die es hinaus zum Schaffen drängt. Denn wie jene die Sache nur als ein Gegenüber behandelt, so vermag sie nicht sie innerlich an sich zu ziehen, so setzt sie nicht sowohl dasGanze der Seele als einzelne Kräfte in Bewegung und fördert mehr diese als jene; das der Stufe der Arbeit angehörige Forschen führt noch nicht zu einem Gehalt der Dinge, und alles praktische und soziale Wirken zur Hebung der menschlichen Lage mag noch so sehr die Kräfte verketten, es verbindet damit keineswegs schon die Seelen und schützt sie nicht durch eine gemeinsame Innenwelt vor schmerzlicher Vereinsamung. Mag daher diese Stufe der Arbeit den Hauptschauplatz unseres Wirkens bilden, sie bringt nicht unser Streben zum Abschluß; es kann trotz aller Gefahr einer Irrung und Verirrung nicht umhin, auch eine innere Überwindung des Gegensatzes von Kraft und Gegenstand, von Mensch und Welt zu fordern; eine solche aber kann nur einem Schaffen gelingen, das jenen Gegensatz von innen her umspannt und aus einem überlegenen Wirken seine beiden Seiten belebt und erhöht. Daß solche Forderung kein müßiger Einfall ist, das zeigt die Tatsache der Kunst mit ihrer Überwindung des Gegensatzes von Subjekt und Objekt im Schaffen und Schauen, das zeigt aber auch echte Liebe mit der Bildung eines inneren Zusammenhanges, der aus seinen Gliedern weit mehr macht, als sie in der Vereinzelung sind. Wie weit das menschliche Leben diese Stufe zu erklimmen vermag, das ist eine Frage für sich, aber schon das Verlangen danach bekundet den Aufstieg zu einer neuen Höhe; nur in Erfüllung dieses Verlangens ist entstanden, was in Religion, Philosophie und Kunst dem menschlichen Zusammensein eine Seele gab und von bloßer Zivilisation eine Geisteskultur abhob. Alle Aussicht auf diese Höhe versperren, das heißt auf ein tieferes Verständnis des menschlichen Strebens verzichten; ja es wird sich wohl zeigen, daß, was hier als die äußerste Höhe erscheint, schon von Anfang an gewirkt habenmuß, um eine Bewegung über die bloße Natur hinaus überhaupt hervorzubringen; auch der Arbeit muß es schon als Antrieb und Hoffnung gegenwärtig sein.

Wie haben wir diese Bewegung zu einem neuen Leben zu verstehen, wie ihren Ursprung zu erklären? Ausgeschlossen ist durch alle bisherige Betrachtung eine Ableitung von der bloßen Natur her; es kann das nur unternehmen, wer über den natürlichen Bedingungen auch alles Höheren den ihm eigentümlichen Gehalt vergißt, der doch schließlich die Hauptsache bildet. Aber Bedingungen für schaffende Gründe auszugeben, das ist ja leider ein Fehler, den die heutige Forschung oft begeht. Scheidet für uns die Natur hier aus, so bleibt als Erzeuger des neuen Lebens in unserem Erfahrungskreise nur der Mensch. Aber beim Menschen, wie er leibt und lebt, ist das neue Leben viel zu matt und schwach, um sich gegen die alte Art durchzusetzen; auch ist es hier mit dieser viel zu sehr vermengt und an sie gebunden, um sich in ein Ganzes zusammenzuschließen und sich zu reiner Gestalt auszuprägen. Dazu würde das neue Leben als Erzeugnis des bloßen Menschen zugleich ein Werk des einzelnen Menschen sein; die unbegrenzte Mannigfaltigkeit der individuellen Sorgen und Geschicke würde es dann aber gänzlich auseinanderfallen lassen, ohne daß sich die mindeste Möglichkeit böte, solcher Auflösung entgegenzuwirken. So blieben wir im Widerspruch stecken und müßten allen Antrieb zum Weiterstreben verlieren, wenn nicht noch eine andere Möglichkeit und damit ein Ausweg bestünde. Diese Möglichkeit aber kann keine andere sein als die, daß das neue Leben nicht von uns Menschen erzeugt, sondern uns mitgeteilt wird, daß es in uns erscheint und zwar als Eröffnung einer neuen Stufe, die wir nicht von uns aus bereiten, die wir nur aufzunehmenund weiterzuführen haben. Einen solchen übermenschlichen Ursprung verrät schon der weite Abstand, ja schroffe Gegensatz der Grundformen des neuen Lebens, wie sie uns namentlich Arbeit und Schaffen zeigten, und der Beschaffenheit des menschlichen Daseins. Dieses bietet ein bloßes Nebeneinander und Durcheinander; Arbeit und Schaffen verlangen einen inneren Zusammenhang und ein gemeinsames Reich der Wahrheit, nur ein solches macht es verständlich, daß sie jede Behauptung und Leistung als allgemeingültig geben. Der natürliche Mensch ist in seinen Zustand eingeschlossen und berührt den Gegenstand nur von außen; Arbeit und Schaffen überwinden die Kluft und stellen einen Zusammenhang her, die Arbeit mehr von außen, das Schaffen rein von innen. Der Mensch steht in der Zeit und unterliegt einem ständigen Wechsel, sein Leben ist ein Dahingleiten von Augenblick zu Augenblick; Arbeit und Schaffen fordern für ihre Erzeugnisse eine Überlegenheit gegen die Zeit, ein Beharren gegenüber allem Wechsel. Der natürliche Mensch mißt den Wert der Dinge nach der Wirkung auf sein Befinden, Arbeit und Schaffen geben den Dingen selbst einen Wert und lassen diesen Wert uns unmittelbar bewegen; so nur kann sich ein Gutes und Schönes von dem Angenehmen und Nützlichen scheiden.

Kurz, wir gewahren bis in die Grundformen hinein im neuen Leben eine Bewegung zu einer neuen Welt; eine derartige Bewegung kann nicht von den bloßen Punkten, sie kann nur von einer Welt selbst aufgebracht sein. Wir haben daher in dem neuen Leben eine neue Stufe des Weltlebens anzuerkennen, worin es nicht mehr in die Beziehungen einzelner Elemente sowie in die Selbsterhaltung von Punkten gegen Punkte aufgeht, sondern wo es sich in ein Ganzes zusammenfaßt und in der Entfaltung dieses Ganzen neue Ziele gewinnt. Damit vollzieht sich im Seelenleben eine durchgreifende Veränderung. Auf der Naturstufe tierischen Lebens steht alle seelische Leistung im Dienst der natürlichen Selbsterhaltung des Einzelnen wie der Gattung; was immer jenes Leben an Klugheit und Geschicklichkeit aufbringen mag, das setzt, soweit unsere Wahrnehmung reicht, jener Selbsterhaltung gegenüber keine neuen Ziele; auch sehen wir nicht, daß hier eine Selbsttätigkeit der Gebundenheit der Triebe und Vorstellungsverkettungen entwüchse und sich neue Wege bahnte. Ein derart in lauter einzelne Fäden zerlegtes und lediglich im Nebeneinander verlaufendes Leben käme nie zu irgendwelchem Beisichselbstsein, nie zu einer selbständigen Innerlichkeit, daher auch nie zu etwas, was Gehalt heißen könnte; ist nun tatsächlich in der Menschheit eine derartige Innerlichkeit mit einem Gehalt erschienen, so muß die Außenwelt bei allem unermeßlichen Getriebe als eine völlige Leere erscheinen, als ein ungeheurer Widerspruch; welche Fülle von Kraft und Kampf, welche Mühe der Lebenserhaltung, und das alles in fortwährender Selbstaufhebung begriffen, das Ergebnis des Ganzen ein Nichts! Trotzdem müßten wir uns den Widerspruch als letzten Abschluß gefallen lassen, erschiene nicht im menschlichen Leben, wenn auch nicht seiner ganzen Ausdehnung nach, so doch mit unbestreitbarer Tatsächlichkeit eine neue Art des Lebens, ein Leben aus dem Ganzen und Innern, ein Leben, das ein Beisichselbstsein erreicht und einen Inhalt zu entwickeln strebt. So haben wir in diesem Leben das Durchbrechen einer neuen Stufe des Weltlebens anzuerkennen, wir überzeugen uns, daß das All mehr ist als bloße Natur, daß sich in ihm eine Fortbewegung vollzieht, indem die Wirklichkeit eine Tiefe entwickelt und insie den Menschen hineinzieht. Indem so das Innere selbständig wird, erlangt der Begriff des Geistes und des Geistigen erst einen deutlichen Sinn; nun bezeichnet er nicht bloß eine besondere Seite des Seelenlebens, sondern die selbständig gewordene Innerlichkeit; der Hauptabschnitt der Welt liegt dann nicht zwischen Äußerem und Innerem, zwischen Natur und Seele, sondern zwischen gebundener und freier Innerlichkeit, zwischen einer auch die niedere Stufe der Seele umfassenden Natur und der Stufe des Geisteslebens.

Unsere bisherige Untersuchung führte zu dem Ergebnis, daß, was an Aufstieg des Lebens bei der Menschheit vorliegt, nicht eigenem Vermögen des bloßen Menschen entstammen kann, sondern das Wirken eines überlegenen Lebens erweist. Das aber verändert wesentlich den Anblick und auch die Aufgabe unseres Lebens. Denn wenn so unser Leben nicht einen in sich abgeschlossenen Kreis bedeutet, sondern sich als ein Gesetztsein durch ein überlegenes Leben, als Wirkung einer Ursache darstellt, so muß es zu einem zwingenden Antriebe werden, uns möglichst in jene Ursache zu versetzen, damit zu klären, was bei uns vorgeht, auch seine einzelnen Züge fester zusammenzuschließen, ferner die eigene Kraft durch die Herstellung einer Verbindung mit den schaffenden Gründen zu stärken. Es gilt zu den Quellen zurückzugehen, um der Gebundenheit und Verworrenheit überlegen zu werden, die uns fesselt und niederdrückt, es gilt von da aus in frischen Fluß zu versetzen, was sonst träge und matt dahinschleicht. Mit der Ursache wird uns ein Ideal vorgehalten, das zugleich zur erweckenden Kraft bei uns wird, das mehr aus uns zu machen und unserem Leben mehr Sinnzu geben verspricht. Was bei uns als bloßes Streben vorliegt, das muß in der Ursache Volltat sein, damit es unser Streben erzeugen kann, als solche aber wird es auch inhaltlich den bei uns erreichten Stand weit überschreiten.

Es erscheint im Bereich des Menschen ein Überschreiten des bloßen Nebeneinander, ein starkes Verlangen nach inneren Zusammenhängen, ja nach möglichster Gestaltung des Lebens von einer beherrschenden Einheit her. Diese Bewegung aber schwebt in der Luft und muß an den harten Widerständen des natürlichen Daseins scheitern, wenn nicht das Leben von Grund aus ein Ganzes bildet, wenn nicht ein Gesamtleben, eine Welteinheit geistiger Art besteht und wirkt; so wenig unser Vorstellen diese Einheit zu fassen vermag, sie bleibt die Grundvoraussetzung der Bildung einer neuen Lebensstufe gegenüber der der Natur, einer Welt ist nur eine Welt, nicht der bloße Mensch gewachsen. Die Anerkennung solcher Welteinheit muß aber dahin drängen, alles, was an Verzweigung geistigen Lebens bei uns vorliegt, von einer umfassenden Einheit her zu verstehen, es dadurch zu beleben und zu erhöhen.

Wie so der Bewegung zur Einheit, so ist auch der zur Innerlichkeit eine Überlegenheit gegen den bloßen Menschen zuzuerkennen, wenn, was bei uns in jener Richtung vorgeht, nicht ins Leere fallen soll. Denn was beim Menschen an eigentümlicher Innerlichkeit erschien, das wollte kein bloßer Nachklang, auch kein bloßes Abbild bleiben, sondern das wollte einen selbständigen Lebenskreis bilden, das wollte eine Innenwelt werden. Wie könnte es aber das unternehmen, wie könnte es in seinen Bereich die ganze Weite hineinzuziehen suchen, wäre das All ein seelenloses Nebeneinander, bestünde nicht auch in ihm als einem Ganzen eine Innerlichkeit,auch das natürlich in voller Überlegenheit gegen unser Vorstellungsvermögen. Dabei bleibt es: entweder erlangt bei uns die Innerlichkeit keine Selbständigkeit, oder sie ist in einem Innenleben der Welt begründet.

Das Selbständigwerden aber, das allein echte Innerlichkeit entstehen läßt, verlangt eine Stellung des Lebens auf eigene Tat; so gibt es keine Innerlichkeit der Welt ohne das Entstehen einer Tatwelt gegenüber dem Dasein, das uns zunächst umfängt; auch die Welt als Ganzes muß schließlich in einer Gesamttat begründet sein, sonst kann die Tatwelt nicht dem Dasein gewachsen und überlegen werden.

Die Tatwelt darf aber, um volle Selbständigkeit und Selbstgenugsamkeit zu besitzen, nichts außer sich liegen lassen, sie muß alles an sich ziehen und von sich aus zu gestalten suchen; das erklärt auch den Trieb zur Unendlichkeit, der dem menschlichen Streben innewohnt, es nimmer ruhen und rasten läßt. Diese Forderung der Selbstgenugsamkeit geht aber nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, die Tätigkeit darf nicht an etwas anderem haften und an es gebunden bleiben, sie muß ganz auf sich selber stehen; das aber kann sie nicht, wenn sie irgendwelches Sein außer sich duldet und bloß an ihm sich zu schaffen macht; so muß sie, was sie an Sein anerkennt, aus sich selbst hervorbringen, zugleich den Begriff des Seins aber gegen die gewöhnliche Fassung wesentlich umgestalten. Von einem Sein innerhalb des Lebens kann nur die Rede sein, sofern verlangt wird, daß ein Ganzes des Lebens an jeder einzelnen Stelle gegenwärtig sei, damit das Leben sich eine Tiefe gebe und seine Ausbreitung zum Ausdruck dieser Tiefe gestalte. Das macht erst die Forderung verständlich, daß der Mensch im Handeln etwas sei, gemäß dem Schillerschen Worte: »GemeineNaturen zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, was sie sind.« Denn offenbar bezeichnet hier das Sein nicht ein hinter dem Leben befindliches Ding, sondern eine ihm selbst gegenwärtige Einheit und Tiefe. Mit ihrer Bildung vollzieht sich eine innere Abstufung des Lebens, und es rechtfertigt sich damit erst die Bedeutung, welche wir Begriffen wie Gesinnung, Überzeugung, Denkart usw. zuzuerkennen pflegen. Eine solche Anerkennung eines Seins im Leben befreit uns auch von der Alleinherrschaft des »Dinges an sich«, das, unserem Verhältnis zur Außenwelt entsprungen und dafür berechtigt, bei Übertragung auf die innere Welt alles Wahrheitsstreben lähmen, ja zerstören müßte. Denn wenn uns auch unsere Seele zur Außenwelt wird, so besteht keine Möglichkeit einer Wahrheit.

Damit aber das Ganze des Selbst die Ausbreitung des Lebens voll durchdringe, darf die Mannigfaltigkeit des Tuns nicht ein bloßes Nebeneinander bleiben, sondern sie muß zu einem festen Zusammenhange verbunden werden, in dem alles Einzelne einander ergänzt und sich gegenseitig näher bestimmt, zugleich aber das Ganze einen eigentümlichen Charakter ausprägt. So entstehen zunächst einzelne Gebiete geschlossener Art, über sie alle hinaus aber drängt es zum Schaffen eines Gesamtzusammenhanges, und erst ein solches Gesamtwerk ergibt etwas, das in vollem Sinne Wirklichkeit genannt werden darf. Wir erkannten in Arbeit und Schaffen bei uns eine Bewegung zur Hervorbringung einer Wirklichkeit, da erst mit ihrer Erreichung das Leben eine Festigkeit und einen bestimmten Gehalt gewinnt, ja erst vollständiges Leben wird. Da eine derartige Wirklichkeit letzthin aber nur von innen her, als eine Selbstentfaltung des Lebens entstehen kann, dieses aber eine Welt in sich tragen muß, so erkennenwir wiederum das Angewiesensein des Menschen auf ein umfassendes Weltgeschehen; ohne ein Wurzeln darin und ein Schöpfen daraus ist alles menschliche Streben nach Herstellung einer Wirklichkeit und damit nach Vollendung des Lebens verloren. Denn nur so hört der Geist auf, bloß über den Wassern zu schweben, nur so kommt er in volles Schaffen hinein und findet sich selbst in solchem Schaffen.

Durchgängig erhellte, daß bei dem Aufstieg, der durch unser Leben geht, nicht einem vorhandenen Stande nur dieses oder jenes hinzugefügt oder auch jenem eine besondere Richtung gegeben wird, sondern daß die Frage viel tiefer geht. Sie geht auf das Ganze des Lebens selbst: dieses hat sich aus einem bloß anhangenden Halb- und Scheinleben zu selbständigem und echtem Leben erst zu erheben, alle besonderen Aufgaben sind nur Stücke und Seiten dieser einen Gesamtaufgabe, und es ist ihre Lösung letzthin an die Entscheidung über diese gebunden. An solchem Erringen eines wahrhaftigen Lebens, eines Lebens, das bei sich selber ist und einen Inhalt besitzt, arbeitet die ganze Menschengeschichte, sofern sie geistige Züge trägt; sie erhält ihren tiefsten Sinn und zugleich ihre stärkste Kraft daraus, daß in ihr das Leben in unserem Bereich sich selber sucht; sie verläuft nicht auf gegebener Grundlage, sondern sie ist in stetem Mühen um einen sicheren Grund begriffen.

So ist das Leben in seiner neuen Erschließung allem Wunsch und Vermögen des bloßen Menschen zweifellos überlegen. Aber ebenso will die Tatsache anerkannt und gewürdigt sein, daß dieses Überlegene zugleich innerhalb des Menschen als eigene Kraft zu wirken und weiterzutreiben vermag, daß das »Über dem Menschen« zugleich ein »In dem Menschen« werden kann, eine Tatsache, die um sowunderbarer scheint, je mehr man sich in sie vertieft. Und doch ist ein solches Innewohnen des neuen Lebens unentbehrlich, wenn alles, was sich uns beim Menschen an Aufstieg des Lebens zeigte, echt, kräftig, ja überhaupt möglich sein soll. Umfinge den Menschen ganz und gar eine begrenzte Sondernatur, und müßte sie ihm auch alles vermitteln, was vom Gesamtleben an ihn kommt, so könnte er nie eine innere Gemeinschaft mit diesem gewinnen, so würde alles an ihn Herangebrachte durch jene besondere Art verzerrt und verbogen, so könnte das Neue nie bei ihm die Kraft einer Selbsterhaltung gewinnen, die doch für alles Vordringen unentbehrlich ist. Daß es in Wahrheit anders steht, daß unser Leben das Übermenschliche zugleich als ein Innermenschliches haben kann, das erweist sich durch das Ganze des Lebens bis in seine Grundformen hinein. Durchgängig besteht die Möglichkeit, daß etwas die volle Kraft und Hingebung des Menschen gewinne, was den Zwecken und dem gesamten Glück des bloßen Menschen schnurstracks widerspricht. Dies allein erklärt zum Beispiel die Macht und rechtfertigt die übliche Schätzung der Pflichtidee. Hier kommt im Menschen etwas zur Wirkung, was seinem Handeln feste Schranken zieht und seinen Naturtrieben schroff widerspricht, und zugleich wird es ihm zu eignem Entscheiden und Wollen, es gibt ihm eben in der Unterordnung das Bewußtsein vollster Freiheit. Der Pflichtgedanke ist aber nur ein besonders reiner Ausdruck einer Bewegung, die durch das ganze Leben geht. Denn wo immer es die Stufe der bloßen Natur überschreitet, da tritt es unter bindende Normen, die ihm kein fremdes Gebot, sondern seine eigene Zuwendung auferlegt, die den Menschen in Wahrheit erhöhen, indem sie ihn herabzusetzen scheinen. So beim Denken, das mit seinerVersetzung in die Sache und seiner Vertretung ihrer Forderungen das Wohl des bloßen Menschen ganz wohl schwer schädigen kann. Wie oft zwang uns das Denken, namentlich auf politischem und sozialem Gebiet, Folgerungen zu ziehen, die uns höchst unbequem waren, und wie oft haben die von ihm herausgestellten Widersprüche das Leben aus seinem Gleichgewichtsstand unsanft aufgescheucht! Das konnte das Denken nur als ein eigenes Werk und als eigene Triebkraft des Menschen; hinter der Selbstverneinung, die es vollzog, stand schließlich notwendig irgendwelche Selbstbejahung.

Am deutlichsten ist die Bewegung des Menschenlebens über den bloßen Menschen hinaus bei der Religion, das aber sowohl im Gedankengehalt als in der Gestaltung des Handelns. Die Religion enthält, wie schon der Begriff des Heiligen zeigt, einen starken Trieb, einen gewissen Bereich vom gewöhnlichen Leben abzusondern, ihn darüber hinauszuheben und ihm Verehrung darzubringen; wo sie mit ursprünglicher Kraft die Gemüter einnahm, da war sie kein bloßes Hinausstrahlen menschlicher Größen und Wünsche in das All, wie es fälschlich oft dargestellt wird, sondern ein Kampf gegen die Festlegung des Strebens bei diesen Größen und Gütern. Xenophanes Wort, daß die Menschen nach ihrem eigenen Bilde das der Götter gestaltet hätten, stimmt nicht zur Erfahrung der Geschichte; sie zeigt vielmehr ein Verlangen, etwas Andersartiges, etwas wesentlich Höheres gegenüber dem Menschen zu erreichen. In früheren Zeiten hat sich das Streben dabei oft ins Ungeheuerliche verloren und Gestalten geschaffen, die uns Späteren fratzenhaft scheinen mögen; bleibt aber nicht auch in einem weiten Abstand, ja Gegensatz zum menschlichen Dasein, wer bei der Gottheit etwas Reingeistiges, Ewiges, Unendliches sucht?Daher hat die Religion, sofern sie nicht bloß das Leben angenehm umsäumt und damit einer sicheren Auflösung entgegengeht, einen herben und strengen Charakter; das Wort »Niemand wird Gott sehen und leben« hat einen guten Sinn. Für das Handeln aber bildet in ihrem Gebiet den Zentralbegriff der des Opfers. Auch hier hat sich im Fortgang des Lebens die Sache vom Sinnlichen ins Unsinnliche verschoben, aber nur eine Verflachung und Verflüchtigung kann das Beharren, ja das Wachstum des Opfergedankens auf der geistigen Stufe verkennen. Die Religion hat genau so viel Macht über das menschliche Seelenleben, als sie zu Opfern zu treiben vermag. Aber — merkwürdig genug — bei allem, was sie an Verneinung und Entsagung fordert, haben die Menschen in ihr die höchste Seligkeit gesucht und auch zu finden geglaubt; konnten sie das, wenn sie nicht in ihr die letzte Tiefe ihres eigenen Wesens zu erreichen glaubten?

Dieses Ja und Nein, dieses Stirb und Werde, was alle Verzweigung der Lebensgebiete durchdringt, faßt sich insofern auch in ein Ganzes zusammen, als das Kulturleben der Menschheit für jede eindringende Betrachtung nicht ein fortlaufendes Gewebe bildet, sondern sich in den Gegensatz einer durch die Zwecke des Menschen beherrschten Menschenkultur und einer ihr überlegenen, ja entgegengesetzten Geisteskultur zerlegt. Die Menschenkultur war und ist unablässig bemüht, die Geisteskultur zu sich herabzuziehen und in ihre Dienste zu stellen, die Vorkämpfer dieser haben mit jener stets einen harten Kampf zu bestehen gehabt, sie sind in ihm oft zu Märtyrern geworden und mußten durchgängig ein einsames Leben führen, aber nicht nur haben sie die Kraft dazu und eine Freudigkeit darin gefunden, sondern sie sind es, welche mit ihrer Belebung der Tiefen allein dem Menschenlebeneine Seele erhalten und ihm einen Sinn und Wert verleihen. Streichen wir sie und was sie vertreten, und das Menschenleben wird ein verworrenes Chaos, ein vergebliches Mühen, die Naturstufe wesentlich zu überschreiten. Auch in das Dasein des Einzelnen erstreckt sich der Gegensatz. Der naturhaften Individualität tritt gegenüber die Persönlichkeit mit ihrer Selbsttätigkeit; sie kann sich nicht ausbilden und dem Menschen ein neues Leben erringen, ohne an jener eine scharfe Kritik zu üben, zu sondern und auszuscheiden, sie findet dabei mannigfachen Widerstand, den sie ohne Schmerz und Entsagung nicht überwinden kann. Aber allem solchen Nein hält ein Ja vollauf die Wage, und unter vielfacher Aufopferung kann sich das Leben doch zu einem Gewinn gestalten.

Wie haben wir dies alles zu verstehen? Wie kann im Menschen etwas Wurzel schlagen und die bewegende Kraft seines Lebens werden, was seiner besonderen Art so schroff widerspricht? Augenscheinlich kommt an ihn etwas wesentlich Überlegenes und hält ihm neue Ziele vor. Aber dies Überlegene mit seinen Zielen wird zugleich zum eigenen Leben des Menschen, es kann ihm etwas, das sein bisheriges Leben entwertet, zu wahrem Leben werden. Wie anders klärt sich das auf, und wie anders kann das neue Leben Kraft gewinnen als dadurch, daß das Gesamtleben mit seiner Tatwelt unmittelbar in den Menschen als eine ursprüngliche Lebensquelle gesetzt ist, daß schaffendes Leben ihm unmittelbar als sein eignes eingepflanzt wird. Eine Welt im Menschen aufbauen und von ihr der ganzen Umwelt den Kampf ansagen läßt sich nur, wenn in ihm selbst ein Weltleben von Haus aus angelegt ist; das kann aber nur durch eine Eröffnung, eine Schöpfung des Gesamt- und Urlebens in ihmgeschehen. Daß er ein selbständiger Mittelpunkt, ein geistiges Selbst, man könnte sagen, eine geistige Energie ist oder doch werden kann, das besagt offenbar ein Gesetztsein, eine Tat, die nur aus dem Gesamtleben stammen kann und daher stets an diesem hängt. Das stimmt zu einer Erfahrung der Gesamtgeschichte geistigen Lebens. Denn diese zeigt, daß durchgängig den schaffenden Höhen der Menschheit das Gesetztsein durch eine überlegene Macht und ein Getragenwerden durch sie mit voller Klarheit gegenwärtig war. So fühlte sich das künstlerische Schaffen großen Stiles nicht als ein bloßes Erzeugnis individuellen Vermögens, sondern als Eingebung einer höheren Macht, als eine zu Ehrfurcht und Dank verpflichtende Gnade. Auch große Denker mußten unter einer inneren Notwendigkeit stehen, wenn sie die Forderung einer neuen Denkart — und sie forderten alle eine neue Denkart, nicht bloß einzelne Veränderungen — zuversichtlich allem entgegenstellen konnten, was von altersher und allen anderen als sichere Wahrheit galt. Auch die Helden der Tat pflegten sich als Werkzeuge einer höheren, wenn auch geheimnisvollen Macht zu fühlen; sonst hätten sie schwerlich den moralischen Mut zu ihrem Handeln gefunden, das so viel Verantwortlichkeit in sich trug. Daß aber das Überlegene sie mit solcher Gewalt ergreifen und der Kern wie die treibende Kraft ihres eigenen Lebens werden konnte, das hellt sich erst auf mit der Anerkennung dessen, daß in ihnen selbst das Ganze des höheren Lebens als eine ursprüngliche Quelle gesetzt war. So nur konnte ihnen jenes Höchste das Allernächste und Innerlichste werden, so nur wurde das Gegründetsein in einer höheren Ordnung mit vollster Freiheit des Handelns vereinbar, ja eine Grundbedingung dieser, so nur konnte Meister Eckhart sagen: »Gottist mir näher als ich mir selber bin«, und Luther bekennen, daß »nichts Gegenwärtigeres und Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst und seine Gewalt«.

Es erscheint aber das Leben des Menschen mit solcher Anerkennung einer selbständigen Eröffnung des Gesamtlebens in ihm als ein ungeheurer Widerspruch. Der Mensch ist seiner Lebensform nach begrenzt, er kann diese Begrenzung unmöglich überspringen. Aber in dieser begrenzten Form soll ein unendlicher Gehalt zur Entfaltung kommen. Das muß einmal das Leben in eine unermüdliche Bewegung versetzen, es läßt es nicht ruhen und rasten, es treibt über jedes erreichte Ziel immer weiter zu neuen Zielen. Zugleich aber ruft es ein Streben hervor, durch Ausbildung einer Gemeinschaft und auch durch ein Zusammenwirken der Zeiten jene naturgegebene Enge zu überwinden. Das nämlich ist der tiefste Antrieb zur Ausbildung einer Gesellschaft und einer Geschichte eigentümlich-menschlicher Art, daß das Individuum hier ein seiner Besonderheit und seiner Vergänglichkeit überlegenes Leben erstrebt und damit das dem Einzelnen völlig Unmögliche wenigstens einigermaßen anzunähern sucht.

Bei allem Aufschwung bleibt aber stets die Gefahr, daß das Engmenschliche sich einschleiche und mit schillernden, zweideutigen Formen die Bewegung zu sich zurückziehe. Das geschieht zum Beispiel oft durch den Begriff der Persönlichkeit und die ihm gezollte Schätzung. Persönlichkeit gehört zu den Begriffen, bei denen sich alles Mögliche denken läßt, und bei denen daher leicht gar nichts gedacht, leicht keine Rechenschaft gegeben wird. In diesem Begriff rinnt heute Höheres und Niederes vielfach zusammen, man denkt oft dabei an die Bildung eines geistigen Einzelkreises, der sich möglichst in sich selbst befestigt und alles Erlebnis auf sich als den beherrschenden Mittelpunkt und Selbstzweck bezieht. Bei solcher Fassung schützt alle Weite der Interessen nicht vor einer inneren Absonderung von der großen Welt, einem selbstischen Sicheinspinnen in einen besonderen Kreis und schließlich einem verfeinerten Epikureismus. Dem sei die Behauptung und die Forderung entgegengesetzt, daß das Gesamtleben den Hauptstandort zu bilden habe, damit das Streben volle Offenheit und Weite behalte; was an der besonderen Stelle an eigentümlichem Leben entsteht, das ist von jenem her als seine Individualisierung und Gestaltung zu verstehen. Daß eine solche eigentümliche Gestaltung des Gesamtlebens an den einzelnen Stellen möglich ist, und daß sie gewaltige Kraft zu üben vermag, das zeigen deutlich die großen geschichtlichen Persönlichkeiten, das wird zur Aufgabe für jedes Einzelleben.

So viel bleibt gewiß, daß das geistige Schaffen beim Menschen durch jenes Zusammentreffen von unendlichem Gehalt und endlicher Lebensform nicht nur in rastlose Bewegung versetzt wird, sondern daß es auch unter einander widerstreitende Richtungen gerät. Einmal zwingt jene Begrenztheit es nach geschlossenen Gestaltungen zu streben, um zusammenfassen und übersehen zu können, von der anderen Seite aber treibt die uns innewohnende Unendlichkeit zur Ablehnung aller Grenzen und damit in das Gestaltlose, Fließende, die bloße und reine Stimmung hinein. Daß hier große Lebenswogen gegeneinandergehen, das zeigt besonders deutlich die Kunst mit ihrem Kampf zwischen klassischem und romantischem Schaffen, im Grunde aber durchdringt der Gegensatz alle Weite des Lebens.

So scheinen wir großer Unfertigkeit, ja Unsicherheit ausgeliefert. Aber wir tun das nur für den ersten Anblick, jedetiefere Erwägung zeigt, daß inmitten aller Unfertigkeit das Leben einen festen Halt gewinnt und in sichere Bahnen geleitet wird, auch daß jene Unfertigkeit selbst eine unvergleichliche Größe bekundet. Jenes neue Leben in uns kann, so sahen wir, unmöglich vom Menschen selbst hervorgebracht sein; es als sein Werk verstehen, das heißt es verflachen, verkümmern, zerstören. Ist es aber vom Gesamtleben in uns gesetzt, so erfahren wir einmal darin, daß dieses Leben eine dem Gemenge der menschlichen Welt überlegene Wirklichkeit hat, wir erfahren aber zugleich, daß es bei dieser Überlegenheit sich uns mitteilt, nicht in einzelnen Wirkungen oder Stücken, sondern mit seiner ganzen Unendlichkeit; gerade daß das in so schroffem Gegensatz zur eigenen Lage und zum eigenen Wollen steht, bezeugt, daß sich damit eine Uroffenbarung in uns vollzieht, ein neues Leben uns mitgeteilt, ein hohes Ziel eingeprägt wird. Es ist nicht eigene Kraft, es ist verliehene Kraft, woraus wir streben und wirken. Mag dabei alle nähere Ausführung noch so unsicher und fließend bleiben, wir erkennen in jener Schöpfung eines neuen Lebens eine Grundtatsache, die uns allem Zweifel enthebt und zugleich das sichere Bewußtsein einer Bedeutung unseres Lebens gewährt. Derartige Umwälzungen und Erneuerungen liegen über aller bloßen Einbildung. Auch gewinnen wir hier die Gewißheit, nicht bloß ein Stück einer gegebenen Welt, ein Stiftchen eines seelenlosen Mechanismus zu sein, sondern jenes neue Leben mit seiner neuen Welt verlangt unsere Ergreifung und Aneignung, es versichert uns damit einer Freiheit. So gewiß Freiheit ein Unding, solange wir nur ein Stück einer natürlichen Ordnung bilden, sie wird zur unerläßlichen Forderung und felsenfesten Gewißheit, sofern ein Zusammentreffen und ein Zusammenstoß zweier Welten in unserem Lebensbereicheersichtlich wird, in dem uns eine Entscheidung auferlegt ist. Mit der Sicherheit und der Freiheit gewinnt unser Leben aber zugleich ein hohes Ziel und eine unvergleichliche Größe. Denn nun gilt es, an unserer Stelle das Gesamtleben auszubilden und weiterzuführen, wir werden Mitarbeiter an der Weltbewegung, an einem Aufstieg des Lebens, und eben darin finden wir zugleich ein echtes Selbst. Die Tiefen des Lebens eröffnen sich uns damit zu eigenem Besitz, das Ringen nach Aneignung und Förderung seiner Unendlichkeit kann uns eine Freudigkeit bereiten, die aller bloßen Lust weitaus überlegen ist. Gewinnt damit unser Leben in seinem Kern ein helles Licht, so kann es ganz wohl alle Dunkelheit der Umgebung ertragen; auch kann dann kein Zweifel darüber bestehen, daß es so verstanden einen vollen Sinn und einen hohen Wert besitzt.

Die Gestaltung des Lebens, die sich für uns ergab, in alle Breite zu verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein; wohl aber scheint es zur Erreichung eines deutlicheren Bildes nötig, einige seiner Hauptzüge herauszuheben. Zunächst zeigte sich, daß das Leben zum Selbständigsein nicht gelangen konnte ohne eine Aufrüttelung aus dem vorgefundenen Gemenge, ohne einen Bruch mit der nächsten Lage und das Erringen eines neuen Standorts. Es zeigte sich, daß es nicht nur einzelne Aufgaben, sondern eine Aufgabe auch als Ganzes enthält, es ist nicht nur hier und da zu verbessern, es ist im Ganzen umzuwandeln. Daher paßt für sein Grundgefüge nicht der Begriff der Entwicklung als eines sicheren, ja notwendigen Hervorgehens des Höheren aus dem Niederen, hier verwandt führt er unvermeidlich unter Naturbegriffezurück. Jener Abbruch fordert eine Entscheidung und Tat, und zwar eine Tat, die, wenn auch bei besonderen Temperamenten als eine plötzliche Erleuchtung und Bekehrung erscheinend, sich nicht in den Augenblick erschöpft, sondern fortdauernder Art sein muß; denn das Neue ist dem Alten gegenüber immerfort aufrechtzuhalten, immerfort durchzusetzen. Mit solcher Tathaltung, wie man sagen könnte, erhält das ganze Leben einen Charakter ethischer Art, das Ethische entwächst dabei der Einschränkung auf ein besonderes Gebiet und dehnt seine erhöhende Kraft über das gesamte Leben aus, es betrifft dann keineswegs bloß das Verhältnis von Mensch zu Mensch und das dem zugewandte praktische Handeln, sondern durch alle Verzweigung des Lebens, so auch durch das Erkennen und das künstlerische Schaffen geht ein völliger Gegensatz, indem entweder vom Standort und von den Zwecken des bloßen Menschen aus gehandelt wird, oder aber darin selbständiges Leben mit seiner neuen Welt zur Entfaltung strebt. Demnach liegt die ethische Aufgabe nicht in einer Reihe mit anderen, sondern als eine Wendung des Ganzen geht sie allen anderen voran und macht ihr Gelingen erst möglich.

So gefaßt kann die ethische Betätigung keine Knechtung und Herabdrückung, sondern nur eine Befreiung und Erhöhung des Lebens bedeuten. Denn bei ihr steht in Frage, daß das selbständige Leben voll zu eigenem werde; dies aber kann nur dadurch geschehen, daß das Gesamtleben an dieser Stelle eine selbständige Wurzel schlägt und auch sie zur Bildung eines Selbst, zu einer Selbsterzeugung befähigt. Diese Erzeugung eines neuen, eines geistigen Selbst ist der Punkt, an dem das Gelingen des Lebens hängt; denn kein Streben gewinnt rechte Kraft, das nicht als Ausdruckeines Selbst und zur Erhaltung dieses Selbst geführt wird; ein Pseudoselbst, einen Selbstersatz bildet im nächsten Lebensstande das natürliche Ich, das mit unheimlicher Macht auch das Kulturleben ergreift und entstellt; seine Macht ist nur dadurch zu erschüttern, daß dem Pseudoselbst ein echtes, ein geistiges Selbst entgegentritt und der Bewegung die elementare Kraft und Glut einer Selbstbehauptung verleiht. Das ist die Hauptwaffe gegen das Scheinwesen und die Stumpfheit der Durchschnittskultur, das allein macht ein kraftvolles Leben ohne allen Egoismus möglich. Wenn demnach das Entstehen eines selbständigen Lebenszentrums die Hauptsache beim Aufstieg des neuen Lebens bildet, so erscheint dabei das Merkwürdige, ja Wunderbare, daß eben das, was gegenüber der Welt und auch gegenüber der ihrer Verkettung unterliegenden Seelenlage unser Allereigenstes und Ursprünglichstes ist und uns allein auf uns selber stellt, der höheren Ordnung gegenüber sich als ein Geschaffenes und uns Verliehenes darstellt. So hatte Luther in seinem Gedankenkreise völlig Recht, wenn er das, was ihm als das Innerlichste und Wesentlichste am Menschen galt, den Glauben, in keiner Weise als ein Werk des Menschen, sondern eine göttliche Gabe und Gnade verstand: »das Übrige wirkt Gott mit uns und durch uns, dies allein wirkt er in uns und ohne uns.« Nur eine flachere Fassung des Glaubens kann das Leben aus Glauben und Werken zusammensetzen. Wir brauchen jenen Grundgedanken Luthers nur weiter zu fassen, um ihn schlechterdings unentbehrlich zu finden. Nur er gestattet, mit tiefer Bescheidenheit und Demut im Grunde des Lebens eine volle Selbständigkeit, Unerschrockenheit, ja, wenn es sein muß, Trotz gegen alles Menschengetriebe zu verbinden.

Zur Vertiefung des Lebens, so sahen wir, muß sich notwendig eine Gestaltung gesellen: das aufsteigende Leben muß, um volles Leben zu werden, sich einen festen Zusammenhang, eine eigene Wirklichkeit bilden. So gilt es durchgängig, vom neuen Leben aus einen eigentümlichen Kreis zu bereiten unter Führung des Schaffens, unter Ausführung durch die Arbeit. Sonst bleibt die Umwandlung bei aller seelischen Wärme leicht ein bloßer Aufschwung, der keine genügende Kraft gegenüber der Starre und Sinnlosigkeit des gewöhnlichen Lebens aufbieten kann. So bleibt namentlich auf religiösem Gebiet viel ehrliche Begeisterung ohne rechte Frucht, weil sie nicht den Weg zur werktätigen Arbeit fand. Auch diese aber muß sich durch die Verbindung mit dem geistigen Selbst erhöhen. Denn erst diese läßt sie einen inneren Zusammenhang und eine durchgehende Beseelung gewinnen und sich damit deutlich von aller bloßen Nutzung der Kräfte unterscheiden, der ein geistiger Hintergrund fehlt.

Wie aber die Einzelstelle ihre Kraft letzthin aus dem Ganzen zu empfangen hat, so muß auch der Fortgang ihres Lebens vom Gesamtleben umfangen bleiben. Das um so mehr, als das Gesamtleben kein leeres Gefäß ist, sondern als schaffendes bestimmte Richtungen in sich trägt und Forderungen stellt, auch besondere Erfahrungen in Auseinandersetzung mit der menschlichen Lage macht; diese Forderungen und Erfahrungen hat die Einzelstelle erst herauszuarbeiten und bei sich zur Wirkung zu bringen; ihr Geschick wie ihre Aufgabe klärt sich ihr nur vom Ganzen her auf. Indem aber ihr Ziel und Los auf das des Ganzen aufgetragen wird, gewinnt ihr Leben unmittelbaren Anteil an Weltgeschehnissen und damit eine Größe; wird jene Verbindung unterbrochen und der Einzelpunkt lediglich auf sich selbst und sein Verhältnis zur Umgebung gestellt, so muß das Leben rasch inein Sinken kommen; denn dann bleibt es an den kleinmenschlichen Kreis gebannt, und aller Radikalismus, mag er sich noch so wild geberden, der innerhalb dessen entstehen mag, befreit nicht von jener inneren Bindung und kleinmenschlichem Spießbürgertum. Es gibt keine Freiheit und keine Größe ohne ein Durchdringen zu den ursprünglichen Quellen des Lebens, wie es nur durch ein selbständiges Aneignen des Gesamtlebens möglich wird. Demgemäß haben auch die Wirklichkeiten der besonderen Kreise innerhalb der Bewegung des Gesamtlebens zur Wirklichkeit zu verbleiben, darin ihre Aufhellung und auch ihr Maß zu finden. Darin allein können sie sich auch untereinander zu einem Lebensgewebe verbinden. So stellt sich das Leben als eine unbegrenzte Fülle von Teilwirklichkeiten innerhalb einer Gesamtwirklichkeit dar; die Beziehung der Einzelenergie zur Gesamtenergie hat dabei als begründend allen Beziehungen zu den einzelnen voranzugehen, da diese eine innere Erhöhung, ja Umwandlung erst von jener zu empfangen haben. Es hatte daher guten Grund, wenn nicht nur große Religionen, sondern auch philosophische Gedankenwelten darauf bestanden, daß alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, alle gegenseitige Liebe auf das Verhältnis zu Gott und die in ihm erwiesene göttliche Liebe gegründet und dadurch veredelt werde. Nur eine solche Begründung ergibt eine innere Gemeinschaft des Lebens und ein gegenseitiges seelisches Verständnis, während der dem bloßen Nebeneinander angehörige Mensch einer seelischen Vereinsamung nicht entgehen kann.

Wie aber in der Kraft, so müssen auch in ihrer Arbeit die einzelnen Lebensgebiete vom Ganzen umfangen und von ihm gerichtet bleiben, um nicht den Zusammenhang mit den ursprünglichen Lebensquellen zu verlieren. Die verschiedenenLebensgebiete bedürfen das in verschiedenem Maße, im besonderen notwendig ist die Wahrung des Zusammenhanges den Gebieten, die als Träger geistigen Schaffens nur dadurch eine eigentümliche Aufgabe und eine sichere Stellung gewinnen wie die Religion, die Kunst und auch die Philosophie. Sie alle sinken und lassen den geistigen Gehalt zugunsten technischer Leistung verkümmern, wenn sie jenen Zusammenhang lockern oder wohl gar verschmähen. Wie wollte zum Beispiel die Philosophie mehr werden als eine Zusammenstellung der Einzelwissenschaften oder eine nicht sehr fruchtbare Fachwissenschaft neben anderen, wenn sie nicht ihre Hauptaufgabe darin fände, die Forderungen, welche der Aufstieg des Lebens zur Selbständigkeit enthält, deutlich herauszuarbeiten und sie gegen den Widerspruch der nächsten Welt zu vertreten? Solche Fassung macht die Einzelgebiete keineswegs zu bloßen Anwendungen einer schon gesicherten und abgeschlossenen Wahrheit, ihre besonderen Erfahrungen und Leistungen können auch das Gesamtleben fördern und weiterführen, aber das nur unter Versetzung auf seinen Boden.

Diese Forderung eines Zusammenhanges der Einzelgebiete mit dem Ganzen der Lebensentfaltung gibt der weltgeschichtlichen Bewegung der Menschheit einen hohen Wert auch für das Lebensproblem, sie drängt zur Ausbildung einer weiteren Gegenwart gegenüber der des bloßen Augenblicks. Denn den geistigen Kern jener Bewegung bildet das Sichselbersuchen und Entfalten des Lebens; darin sind eigentümliche Linien vorgezeichnet, Eröffnungen erfolgt und Erfahrungen gemacht, welche sich von der Zufälligkeit der Zeitlagen abzulösen vermögen, alle weitere Bewegung begleiten und Forderungen an sie stellen; so wenig das der Gegenwart die eigene Arbeit abnimmt, es kann sie in diesererheblich fördern, sofern nur im geschichtlichen Befunde eine gründliche Scheidung von Zeitlichem und Ewigem erfolgt; eine solche Scheidung läßt sich aber nur vom Ganzen des Lebens aus vollziehen. Denn nur bei diesem kommen wir auf den letzten Punkt der Entscheidung, nur von hier aus wird ein endgültiges Urteil darüber möglich, was von den Erzeugnissen der bloßen Zeit angehört, und was über sie hinaus in eine ewige Ordnung weist.

Die durch das alles gehende Anerkennung eines Hervorgehens der Welt und Wirklichkeit aus der eigenen Bewegung des Lebens ist das sicherste Mittel, den Menschen von der Herrschaft des bloßen Intellekts zu befreien, wonach gerade unsere Zeit aus ganzer Seele schmachtet, ohne es genügend erreichen zu können. Denn solange die Welt als eine gegebene Wirklichkeit uns gegenübersteht, wird es immer der Intellekt sein, der eine Verbindung mit ihr herstellt und damit die Führung des Lebens an sich nimmt, erst wenn die Welt als ein Erzeugnis schaffenden Lebens und innerhalb dieses befindlich erscheint, tritt die Tat an die erste Stelle. Gewiß wird auch bei ihr als einer geistigen das Denken eine große Rolle spielen, aber es bildet dann nur die Form, in der sich das Leben entfaltet, eine Form, die eine Erfüllung und Belebung erst von dem wirklichkeitschaffenden Selbst erwartet; von diesem Selbst abgelöst werden die Erzeugnisse des Denkens bloße Schatten und das aus diesen bestehende Reich ein Scheinersatz echter Wirklichkeit. Die Welten aller großen Denker waren an erster Stelle Erweisungen ihres Selbst, Erhaltungen dieses Selbst; nur das gab ihnen ihren Charakter.

Alles miteinander verlegt das Leben mehr in die Innerlichkeit zurück, aber in eine Innerlichkeit, welche nicht nachbildender, sondern schaffender Art ist, welche nicht neben denDingen steht, sondern sie aus ihrem eigenen Grunde hervorbringt. In einer solchen Innenwelt wird für die Einzelenergie zum Grundverhältnis des Lebens das Verhältnis zur Gesamtenergie, nur dann vollzieht sich die gesamte Lebensentfaltung innerhalb einer bei sich selbst befindlichen Welt, und gehört dieser Welt alles an, was den Grundbestand des Lebens betrifft. Hier steht in Frage das, was in der Sprache der Religion Rettung der Seele heißt. Das besagt zugleich, daß, was hier geschieht, gewonnen oder verloren wird, an Gehalt und Wert alles andere unvergleichlich überragt, was sonst dem Menschen zufallen und zur Aufgabe werden kann.


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