Chapter 18

Und so ging es eine ganze Weile.

Und so ging es eine ganze Weile.

Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes, etwasMerkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.

Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte, was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.

Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende Dissonanz.

Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft zitterte.

Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm vor, daß sie kaum wagte,in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:

„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein. Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –

Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten, sich zum Fenster hinauszuschieben.

Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:

„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllt haben ...“

„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen. „Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts – oder nein, laß – geh mal nebenan anmeinen Toilettentisch, da liegt eine silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“

Mette brachte gehorsam die Bürste.

Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause noch einen und einen dritten.

Mette lachte. „Muß dazu die Bürste sein?“

„Ja,“ sagte Olga. „Das ist mein Morseapparat. Nach langjähriger Erfahrung der beste. Was soll ich nehmen? Das Tintenfaß geht doch nicht gut. Ein Buch gibt keinen Schall, wär’ mir auch zu schade ...“

Währenddessen klopfte es an die Tür.

„Ja, ja, ja!“ rief Olga.

Die Tür wurde nur halb geöffnet, und ein blonder Männerkopf schob sich durch den Spalt.

„Ah, Besuch?!“ sagte eine hohe, dünne, heisere und trotzdem nicht unangenehme Stimme.

„Komm rein, Peterchen,“ sagte Olga, „es ist nur die Mette.“

Das Wort gab Metten ein großes Glücksgefühl. Es gab ihr eine gewisse Heimatsberechtigung in diesem Zimmer, wo nurgeduldetzu sein, schon Stolz und Freude war.

Der kleine Mann, der seinen zarten und verwachsenen Körper durch die Tür schob, kannte sie, wußteihren Vornamen, wußte, daß sie „nur“ die Mette war – das war keine Beleidigung in diesem Falle, sondern eine Erhöhung. „Nur die Mette“ – das hieß: kein Besuch, niemand Fremdes, jemand, der dazugehört, der nicht störend wirkt – es ist so gut, als ob ich allein bin.

Mettens ganze Sympathien flogen dem kleinen Mann entgegen. Vielleicht, wenn es ein stattlicher, schöner Mensch gewesen wäre, hätte sie sich in einem Gefühl der Eifersucht gegen ihn gewehrt. Aber er war nichts weniger als schön, trotz seiner sanften blauen Augen und seiner feinen gepflegten Hände.

Mette liebte ihn vom ersten Augenblick an, wie sie den Zigarrenhändler an der Ecke liebte, mit einer fast zärtlichen Liebe.

Diese erste Begegnung war der Anfang einer treuen und langjährigen Freundschaft.

Otto Petermann war im allgemeinen gewiß nicht geneigt, sich selbst oder Neigungen, die seiner Persönlichkeit galten, zu überschätzen – aber ob es nicht doch manchmal Momente gab, in denen er glaubte, Mettens Gefühle ihm gegenüber für etwas anderes als ihre Liebe für den kleinen Zigarrenhändler halten zu dürfen?

„– Peterchen,“ sagte Olga, „hol’ die Geige und spiel’ uns was!“

„Ja, was?“ fragte Petermann.

„Etwas Anständiges. Für das kleine Mädchen ist nichts zu schade.“

Und Petermann spielte. Spielte das, was sie beide am meisten liebten, Olga und er, und was er nicht spielen wollte und nicht spielen durfte, wenn ihn Leute hörten, für die es „zu schade“ war.

Mette saß ganz still. Ihr war, als ob die Töne sie wie ein sanft flutender Strom dahintrügen, immer weiter, immer weiter, alles blieb zurück, die graue, schmutzige Stadt, ein Gemenge von keifenden und johlenden Leuten – blieb zurück, wurde kleiner, verschwand im Nebel, immer klarer wurde die Luft, immer reiner, immer tiefer das Wasser, immer lieblicher, immer freier die Ufer. Eine Insel tauchte auf, blühende Bäume ließen ihre tief herniederhängenden Zweige von den ziehenden Wellen tränken.

„Das ist die selige Insel,“ dachte Mette. „Nur Könige wandeln auf dieser Insel. Nur Könige trägt unser Schiff. Aber ich werde mitgenommen. Ohne all mein Verdienst und Würdigkeit. Ich will dankbar sein. Mein ganzes Leben lang. Vielleicht werde ich über Bord geworfen, eh wir an Land gehen. Aber nun weiß ich den Weg. Dann will ich versuchen zu schwimmen oder will untergehen. Aber ich will nicht mehr zurück. Nie, nie, nie mehr zurück!“ – – –


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