Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.
Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.
Aber da war Olga Radó.
Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen, stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete ihr weißes, klares Gesicht. Unterden dunklen, wie drohend zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.
Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:
„Olga!“
Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.
„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für Dummheiten!“
Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte. Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre Stimme.
Nun war alles gut.
„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’ ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“
„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehnenur jede Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“
„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist, daß ich hier bin.“
„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“
Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen, nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht auszusprechen.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weißnur, daß ich nicht nach Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“
„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen. Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben wirst?“
„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“
„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette. Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“
Sie standen immer noch auf dem Bahnsteig, der jetzt von den wimmelnden Menschenmassen fast geleert war. Nur ein paar Nachzügler strebten noch nach dem Ausgang.
Mette fühlte sich müde und zerschlagen und empfand den leichten Handkoffer wie eine Zentnerlast. Die kühle Zugluft in der weiten Halle machte sie frösteln.
„Wollen wir nicht zehn Minuten in den Wartesaal gehen?“ fragte sie bedrückt. „Vielleicht fällt mir beiruhiger Überlegung irgend etwas ein, was ich tun könnte. Aber wenn du zu müde bist, kannst du ja auch ruhig nach Hause gehen!“
„Ja,“ sagte Olga kurz, „und dich hier die Nacht allein auf dem Bahnhof sitzen lassen! Du bist wohl ganz verrückt, mein liebes Kind?“ – – –