Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.
Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.
MARIANNE:
Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein Teint!
CHRISTIAN:
Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. Wikingersachen werden gefaselt. Sieh den tüchtigen Familienschmuck, die rote Koralle im Ohr. Einer ihrer Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den schwedischen Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert eine Anekdote.
MARIANNE:
Das wundervolle Haar!
CHRISTIAN:
Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah sie eines Tages im Bois de Boulogne. Der Entschluß, sie zu malen, soll augenblicklich festgestanden haben.
MARIANNE:
Das läßt sich denken.
CHRISTIAN:
Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf mal deine Öhrchen auf, es kommt das Niedlichste von der Welt. Vater und Mutter also im Bois, nach einem solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich — die Frau steht wie angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. Vater, den grauen Zylinder keck auf dem Kopf — er hat mir die Situation oft geschildert — ruft, lockt — sie weicht nicht.
MARIANNE:
Was hatte sie?
Christian flüstert ihr ins Ohr.
MARIANNEhell auflachend:
Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!
CHRISTIANaus vollem Halse lachend:
Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir das oft erzählt. Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. Es soll ein Anblick für Götter gewesen sein.
MARIANNE:
Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.
CHRISTIAN:
Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage und mit ihm ein französischer Vicomte, der die Szene gleichfalls sah.
MARIANNE:
Wie lange ist das her?
CHRISTIAN:
Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.
MARIANNE:
Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher bringt. Ich kenne sie jetzt viel besser. Für deinen Vater war die Lage nicht angenehm.
CHRISTIAN:
Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für das appetitlich Komische. Er adorierte sein junges Gespons und war gleichfalls ganz gefangen von dem Charme der Erscheinung.
MARIANNE:
Viel Geschmack im Anzug.
CHRISTIAN:
Darin war sie Meister.
MARIANNE:
Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und all die himmlischen Frauen, die sich so trugen, sind tot.
CHRISTIAN:
Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.
Er hängt das Bild an die Wand.
MARIANNE:
Hast du das Gut gekauft?
CHRISTIAN:
Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die Frau war alles in allem etwas so Überlebensgroßes, daß sie ein Recht auf solche Ehrung hat.
MARIANNE:
Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst habe ich den rechten Begriff von ihnen. Du hast die Gabe, Menschen plastisch zu machen.
CHRISTIAN:
Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. Was aus der Menschen Mund gewöhnlich kommt, sind Worte, nur Worte.
MARIANNE:
Ich brauche Anna noch einmal.
CHRISTIAN:
Doch nicht wieder das Mädchen!
MARIANNE:
Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.
CHRISTIAN:
Gib her.
Er fängt an, die Ösen zu suchen.
Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche verstehen, durch die man sich also auch nicht von Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.
Marianne gähnt.
CHRISTIAN:
Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde der Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck hinein, der den Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, und derBegriffheißt.
MARIANNE gähnt:
Aha!
CHRISTIANknöpft:
Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen auch?
MARIANNE:
Bitte.
CHRISTIAN:
Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle Tat, die Menschengeist verrichtet, will schließlich nur das eine: sie orientiert über das ungeheure Gebiet umgebender Welt, indem sie Mannigfaltigkeit überwindet. So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die eigene Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich Wald.
Er ist mit Knöpfen fertig.
MARIANNE:
Danke.
Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.
CHRISTIAN:
Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.
CHRISTIAN:
Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht keinen Baum mehr vor lauter Wald.
Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen:
Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie in der Tasche.
Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten:
Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns wie das meine. He?
Reibt sich die Hände, zu sich:
ça marche ce soir.
Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen:
Meine gute Mutter!
laut:
Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise in die Vereinigten Staaten und kam von dort über die Südseeinseln, Asien zurück. In Honolulu verliebte sich der König Kalakaua sterblich in sie.
Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht:
Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.
Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.
Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.
Pause.
MARIANNES STIMME:
Was wurde denn aus dem Vicomte?
CHRISTIAN:
Welcher Vicomte?
MARIANNES STIMME:
Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine Eltern kennen lernte.
CHRISTIAN:
Ach, der Vicomte! Tja — — der —
Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.
MARIANNES STIMME:
Was wurde denn mit ihm?
CHRISTIANzu sich:
Donnerwetter!
Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.
Hm.
MARIANNE:
Ist denn da ein Geheimnis?
CHRISTIANzu sich:
Wüßte ich jetzt — aber natürlich — o großer Gott! Da packe ich dich, da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.
Er geht zum Vorhang und flüstert hinein:
Marianne!
MARIANNEmit erregter Stimme:
Ich komme!
Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.
CHRISTIAN:
Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.
MARIANNE:
Was sagte ich denn?
CHRISTIAN:
Mit dem Vicomte; was wurde?
MARIANNE:
Ja?
CHRISTIAN:
Nie hätte ich die Zähne geöffnet.
MARIANNE:
Christian! Was denn?
CHRISTIAN:
Unmöglich! Nie!
MARIANNE:
Christian! Ich bin dein Weib — habe ein Recht ...!
CHRISTIAN:
Ich bin auch ein Sohn.
MARIANNE:
Du hast Pflichten vor mir.
CHRISTIAN:
Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.
MARIANNE:
Jener ...?
CHRISTIAN:
Du bekommst kein Wort aus mir heraus.
MARIANNE:
Der also — der Vicomte ...?!
CHRISTIANstark:
Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals daran zu rühren; jemals jemanden, auch mich selbst, ahnen zu lassen, was du vermutest, was du meinst. Ich heiße Maske und basta!
MARIANNEerschüttert:
Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich dich aber von jetztab sehe, das ist meine Sache.
Leise:
Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen uns niederfällt, als ob erst jetzt ich ungehemmt in dich versänke.
Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild:
Süße Mutter Ehebrecherin!
An Christian niedergleitend:
Mein lieber Mann und Herr!
Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.
FINIS.
Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.
Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.
CARL STERNHEIM:
DON JUAN.Eine Tragödie. Geheftet M. 5.—, in Halbleder M. 8.—, in Ganzleder M. 15.—
ULRICH UND BRIGITTE.Ein dramatisches Gedicht.Zweite Auflage.Geheftet M. 3.—, in Leinen M. 4.—
AUS DEM BÜRGERLICHENHELDENLEBEN:
I.Die Hose.Lustspiel. Geheftet M. 3.—, in Halbpergament M. 4.—
II.Die Kassette.Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.—, in Leinen M. 4.—
III.Bürger Schippel.Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.—, in Leinen M. 4.—
IV.Busekow.Eine Novelle. (Kurt Wolff Verlag, Leipzig.)
V.Der Snob.Komödie in drei Aufzügen. Geheftet M. 3.—, in Leinen M. 4.—
VI.Der Kandidat.Politische Komödie in vier Aufzügen nach Flaubert. Geheftet M. 3.—, in Leinen M. 4.—.
Anmerkungen zur TranskriptionInkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:deines -- deinsDurchziehen -- DurchziehnGeschlechtes -- Geschlechtssehen -- sehnungeheuere -- ungeheureInterpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert.S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert.S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert.S. 13 »kanns« in »kann's« geändert.S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert.S. 17 »ists« in »ist's« geändert.S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert.S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert.S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert.S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert.S. 31 »wärs« in »wär's« geändert.S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert.S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert.S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert.S. 38 »bins« in »bin's« geändert.S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert.S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert.S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert.S. 53 »unsre« in »uns're« geändert.S. 56 »solls« in »soll's« geändert.S. 61 »obs« in »ob's« geändert.S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert.S. 65 »wars« in »war's« geändert.S. 69 »solls« in »soll's« geändert.S. 72 »übers« in »über's« geändert.S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert.S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert.S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert.S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert.S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert.S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert.S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert.S. 83 »mans« in »man's« geändert.S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert.S. 95 »mans« in »man's« geändert.S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert.