The Project Gutenberg eBook ofDer Snob

The Project Gutenberg eBook ofDer SnobThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der SnobAuthor: Carl SternheimRelease date: August 11, 2019 [eBook #60089]Most recently updated: October 17, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcriptionwas produced from images generously made available byBayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der SnobAuthor: Carl SternheimRelease date: August 11, 2019 [eBook #60089]Most recently updated: October 17, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcriptionwas produced from images generously made available byBayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)

Title: Der Snob

Author: Carl Sternheim

Author: Carl Sternheim

Release date: August 11, 2019 [eBook #60089]Most recently updated: October 17, 2024

Language: German

Credits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcriptionwas produced from images generously made available byBayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SNOB ***

Komödie in drei Aufzügen

von

Carl Sternheim

Leipzigim Insel-Verlag1914

THEOBALD MASKELUISE MASKE, seine FrauCHRISTIAN MASKE, sein SohnGraf ALOYSIUS PALENMARIANNE PALEN, seine TochterSYBIL HULLEine JungferEin Diener

Möbliertes Zimmer Christian Maskes.

Christianerbricht einen Brief:

Das ist grotesk!

An einer Tür:

Komm heraus, Sybil.

SYBILtritt auf:

Was gibt's Wichtiges?

CHRISTIAN:

Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der Klemme verlangt er "Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken ihm erstandenen Verpflichtungen" von mir. Was sagst du?

SYBIL:

Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein möchte wie jene Frau durch deinen Erzeuger.

CHRISTIAN:

Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner — ich habe auch mit dir ernst zu reden.

SYBIL:

Ich muß heim.

CHRISTIAN:

Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen.

SYBIL:

Du hast wie ein Neger gearbeitet.

CHRISTIAN:

Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert.

SYBIL:

Welcher Erfolg!

CHRISTIAN:

Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend.

SYBIL:

Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und machte dem traurigen Studium der Philologie ein Ende?

CHRISTIAN:

Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich Kleider anständig tragen, gabst mir, soweit es in deiner Macht stand, Umgangsformen.

SYBIL:

Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten Ärmeln!

CHRISTIAN:

Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen.

SYBIL:

Das Entscheidende zuletzt — mich selbst. Lebenssache.

CHRISTIAN:

Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken ...

SYBIL:

Laß das.

CHRISTIAN:

Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu vergessen.

SYBIL:

Das wäre bequem.

CHRISTIAN:

Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.

SYBIL:

Christian!

CHRISTIAN:

Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark, die ich dir schulde, und die du heute überwiesen erhältst.

SYBILnach einer Pause:

Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...

CHRISTIAN:

Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem Besen aus mir herausgekehrt hast. Heuteist Abrechnung. Kein Fehler in der Addition und im Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen Charakter erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst nicht mehr. Um den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern. Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...

SYBIL:

Er heißt?

CHRISTIAN:

Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür.

SYBIL:

Ich bin in Empfindungen zerrissen.

CHRISTIAN:

Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in das öffentliche Leben. Nirgends ein Fehler im Kalkul.

SYBIL:

Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ...

CHRISTIANhält ihr den Mund zu:

Und so weiter.

SYBIL:

Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft bedenklich war? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem Trieb, bürgerliches Ansehen zu gewinnen, stören könnte als ich in meiner bisherigen Stellung zu dir?

CHRISTIAN:

Du weißt es.

SYBIL:

Willst du folgerichtig handeln ...

CHRISTIAN:

Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es bekannt, sind Leute aus dem Volk.

SYBIL:

Tauchst du also jetzt in die Welt auf ...

CHRISTIAN:

Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's. Leute aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders.

SYBIL:

Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht beibringen.

CHRISTIAN:

Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.

SYBIL:

Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ...

CHRISTIAN:

Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken nicht. Was weiß irgend jemandvondeinenEltern? Du hast sie einfach unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus? Hieß er wirklich Hull?

Er lacht:

Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Falle Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging.

Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die Differenz zwischen Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt noch hinzu: das Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand, wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich Vater und Mutter.

SYBIL:

Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben?

CHRISTIAN:

Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.

SYBIL:

Du hast gelernt mit Geld umgehen.

CHRISTIAN:

Ich habe allerhand gelernt.

SYBIL:

Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens zustimmen.

CHRISTIAN:

Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig?

SYBIL:

Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen Entfernung mit einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen.

CHRISTIAN:

Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht; wenn man sie tut.

SYBIL:

Doch an Klarheit.

CHRISTIAN:

Kluger Kopf.

SYBIL:

Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt.

CHRISTIAN:

So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm einen Kuß umsonst. — Du hast mir die Krawatte verschoben.

SYBIL:

Sie saß schon vorher infam.

CHRISTIAN:

So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Male.

SYBILbindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase:

Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens.

CHRISTIAN:

Steht rechts ein Stück vor.

SYBIL:

Man schneidet's mit der Schere fort.

CHRISTIAN:

Kostet jedes Binden eine Krawatte.

SYBIL:

Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden.

CHRISTIAN:

Worauf es bei allen Dingen ankommt.

SYBIL,tiefer Knicks:

Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.

CHRISTIAN:

Keinen Scherz.

SYBIL:

Ich habe vollkommen begriffen.

Sybil exit.

CHRISTIAN:

Angenehme Person alles in allem.

Am Schreibtisch:

Aber nun den Verstand zusammengenommen.

Er schreibt:

»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats nehme ich mit ergebenem Danke an.« Ergebener Dank? Wollen sehen. »Empfehlungen an die Komtesse.« Zu familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier ist falsch. Besser Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat der Monambominen. »Sehr verehrter Graf von Palen«. Wie das eingeschobene »von« distanziert! Die Sache muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen Kreis hinein tadellos korrekt und doch irgendwie bedeutend sein. Wie schreibt er selbst?

»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu Abend essen, tout en petit comité? Der Ihre.« Auf schlichtem billigen Papier. Das hat den Ton freundschaftlich oberflächlicher Vertrautheit. »Abendessen« ist himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, aber so, daß immerhin — ich möchte eine lateinische Vokabel einstreuen, die den Tenor männlich macht.

Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen einen Augenblick wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber sie muß gelöst werden. Einen Fünfsilber mit viel Vokalen und rollendem Takt für den Anfang.

Er geht durch das Zimmer:

Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist für mein Ohr länger als die erste. Falscher Takt. — Pränumerándo — das ist's im Ton, gibt aber natürlich keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es finden.

THEOBALD MASKEtritt auf:

Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind Knalleffekte zuwider. Aber bei Frauenzimmern stets das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der Sache ins Auge sehen.

CHRISTIAN:

Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.

THEOBALD:

Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du hast mich zu früh zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte sind nicht lahm und gehen nach allen Seiten in die Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen Modus finden.

CHRISTIAN:

Ich rufe vor allem Mutter herauf.

THEOBALD:

Wir haben erst unsere Angelegenheit.

CHRISTIAN:

Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand versteht.

THEOBALD:

Wie?

CHRISTIAN:

In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.

THEOBALD:

Inwiefern? Was gibt's?

CHRISTIAN:

Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du darfst, werden wir beide während der Auseinandersetzung sonst einig, stillschweigend tausend Mark für deine Verlegenheit hinzurechnen.

THEOBALD:

Du hast Bedingungen?

CHRISTIAN:

Ich stelle Bedingungen.

THEOBALD:

Da bin ich neugierig.

CHRISTIANam Fenster:

Dort steht sie.

Er winkt:

Sie hat gesehen, kommt. — Aber das unmögliche Kostüm! Du sagtest vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.

THEOBALD:

In welchem Zusammenhang?

CHRISTIAN:

Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch. Erinnere mich später, gleich ...

THEOBALD:

Tausend Mark?

CHRISTIAN:

Wenn wir sonst ins reine kommen.

Exit.

THEOBALD:

Da bleibe ich gespannt.

Christian und Luise Maske treten auf.

THEOBALD:

Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn wie ein Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig lebendig erhalten.

LUISE:

Es ist so eine Idee von Vater.

CHRISTIAN:

Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen.

LUISE:

Dann freilich — ich dachte es schon.

THEOBALD:

Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das für ein Ziel?

CHRISTIAN:

Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die ich arbeite.

LUISE:

General!

THEOBALDherrscht sie an:

Direktor!

CHRISTIAN:

Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen, und diese Rücksicht fordert vor allem ...

THEOBALD:

Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig.

LUISEleise zu sich:

Generaldirektor.

CHRISTIAN:

Dúm da da ...

THEOBALD:

Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind wir zu Jahren gekommen, und heute steht es so: wollen wir noch etwas von dir haben, müssen wir uns beeilen.

CHRISTIAN:

Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt.

THEOBALD:

Das ist stark!

LUISE:

Vater!

CHRISTIAN:

Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im Haus vierfünftel des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und ferneres Leben bezahlte ich selbst.

Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des Vaters stehend einzunehmen ...

THEOBALD:

Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner Kerl. Ist's wahr, Mutter?

LUISEzeigt:

So klein.

CHRISTIAN:

Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine sehr deutlich ins Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen sein.

THEOBALD:

Das ist langweilig. Kurz — was soll sein?

CHRISTIAN:

Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere. Da nehme ich keinen falschen Posten auf.

LUISE:

Was meint er?

THEOBALD:

Wirst du schon hören.

CHRISTIAN:

Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit fünf vom Hundert verzinst.

THEOBALD:

Du willst eine Abrechnung?

CHRISTIAN:

Ja.

THEOBALDsetzt sich:

Laß sehen.

Er setzt eine Brille auf.

LUISE:

Was meinst du?

CHRISTIAN:

Es kommt schon, Mutter.

THEOBALDliest:

Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr — pro Anno sechshundert Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist etwas mager.

CHRISTIAN:

Ich war nicht krank.

THEOBALD:

Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an.

LUISE:

Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz nicht mehr.

CHRISTIAN:

Die eingesetzte Summe reicht aus.

LUISE:

Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.

THEOBALD:

Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an. »An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen durchsechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von vornherein dubios.

CHRISTIAN:

Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten Zeit Gegebenes nicht gegenvermerkt.

THEOBALD:

Das wäre noch schöner.

CHRISTIANzu sich:

Ich gäbe etwas für das Wort.

Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.

LUISEschüchtern zu ihm:

Und einmal das Geschwür am Hals.

CHRISTIAN:

Richtig, Mütterchen.

THEOBALD:

Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar Stiefel, als ich zur Universität ging — fünfzig Mark. Ein goldener Ring — da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, ihn wiederzufinden.

CHRISTIAN:

Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.

THEOBALD:

Mit hundert Mark ist er bezahlt.

LUISE:

Trägst du ihn noch?

CHRISTIANzeigt ihn am Finger:

Obwohl er mir täglich enger wird.

THEOBALD:

Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark.

CHRISTIANmit Betonung:

Elftausendachthundert.

Räuspert sich.

THEOBALD:

Verstehe; die du mir zahlen willst?

CHRISTIAN:

Die ich dir schulde.

THEOBALD:

Du willst dich dieser Schuld entledigen?

CHRISTIAN:

Ich werde bezahlen.

LUISEseine Hand in Händen:

Man kann ihn weiter machen.

THEOBALD:

Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter Junge. Apart, wie du die Geschichte behandelst.

Er umarmt ihn:

Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen. Man wäre also auf die vollkommenste Weise einig.

CHRISTIAN:

Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das will ich nicht.

THEOBALD:

Machst du mir Vorschriften?

CHRISTIAN:

Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine Gefälligkeit und erwarte eine andere von dir.

THEOBALD:

Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.

LUISE:

Der Junge muß doch Gründe haben.

THEOBALD:

Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein vernünftiges Wort möglich.

CHRISTIANgeleitet Luise zur Tür:

Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter?

LUISEleise:

Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.

Exit.

CHRISTIAN:

Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt brauche.

THEOBALD:

Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter?

CHRISTIAN:

Voraussetzung.

THEOBALD:

Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn Affenliebe einmal beiseite, man muß ingesicherten Bezirken leben. Was wirft die Summe für eine Rente?

CHRISTIAN:

Sechshundert Mark in Industriepapieren.

THEOBALD:

Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse.

CHRISTIAN:

Rund fünfhundert.

THEOBALD:

Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige Gut des bescheidenen Mannes? Darüber mußt du mal ruhig nachdenken, Gründe und Gegengründe erwägen. Nein — verspräche ich dir wirklich auf Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...

CHRISTIAN:

Das will ich nicht.

THEOBALD:

Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt, was soll denn hier vor sich gehen?

CHRISTIAN:

Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren Besuchen nicht sicher.

THEOBALD:

Überfall — das ist ja!

CHRISTIAN:

In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor einer vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächsteZeit vor allem, von verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein.

THEOBALD:

Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.

Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut:

Schöne Kindesliebe das!

Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch:

Schöne Kindesliebe!

LUISEsteckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald ungesehen, Christian beruhigende Zeichen:

Ich sorge schon.

THEOBALD:

Wie?

Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen Stuhl und sagt ruhig:

Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.

Pause.

THEOBALD:

Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.

Er lacht auf:

Ha!

Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die Angelegenheit? Kommen wir auch in den gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, die Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns zu nehmen.

CHRISTIAN:

Das wird kein Mensch euch zumuten.

THEOBALD:

Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?

CHRISTIAN:

Unter Umständen ich.

THEOBALD:

Sieh mal an.

CHRISTIAN:

Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische Vorteile ausgezeichneter Städte auch in Europa, ziehst du nicht von vornherein Amerika vor.

THEOBALD:

Was?!

CHRISTIAN:

Gut, gut.

Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen:

Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.

Liest aus dem Buche:

Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit den Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft.

THEOBALD,der bequem sitzt und andächtig zuhört:

Nicht übel, zeig das Buch.

Er liest vor:

»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei, welsche Sitten anzunehmen? Basta!

CHRISTIAN:

Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist Deutsch.

THEOBALD:

Laß etwas davon hören.

CHRISTIANliest aus einem anderen Bande vor:

Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat.

THEOBALD:

Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.

CHRISTIAN:

An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.

THEOBALD:

Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich nicht schwimmen kann.

Christianliest:

Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren See, dessen sanft ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind.

THEOBALD:

Niedlich.

CHRISTIANliest:

Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der gewaltige Rücken des Glärnisch.

Er zeigt im Atlas:

Hier das Weiße!

THEOBALD:

Teufel!

CHRISTIANliest:

Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.

THEOBALD:

Sozusagen.

CHRISTIAN:

Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.

THEOBALD:

Das reine Kanaan.

CHRISTIAN:

Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen bedeutet?

THEOBALD:

Was denn weiter?

CHRISTIAN:

Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente aufrunden.

THEOBALDnach einer Pause:

Ich habe rein menschliche Bedenken.

CHRISTIAN:

Unterlaß alle Anmerkungen.

THEOBALD:

Man soll sich aussprechen.

CHRISTIAN:

Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges.

THEOBALD:

Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser Welt mit dir beisammen.

CHRISTIAN:

Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd, bequem davon reden können. Jetzt gehts Schlag um Schlag. Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen Einkünften. In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig,Vater, mir brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse, drängt eine Legion den Schritt ein.

THEOBALD:

Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der höhere Sinn darin sich zeigt?

CHRISTIAN:

Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.

THEOBALD:

So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und Halbertrunkener sein.

CHRISTIAN:

Vertraue!

THEOBALD:

Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?

CHRISTIAN:

Später. Abgemacht, Vater?

THEOBALD:

Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.

CHRISTIAN:

Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.

THEOBALD:

Und fünfhundert — macht mit dem Meinen annähernd fünftausendsechshundert.

CHRISTIAN:

Siebentausend Franken.

An der Tür: Mutter!

THEOBALD:

An der Limmat? Ich bin starr.

CHRISTIANreicht ihm Atlas und Reisebücher:

Informiere dich.

LUISEtritt auf, leise zu Christian:

Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist — ach Christel, sei vorsichtig mit den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!

THEOBALDfassungslos:

Unter Tirolern!

LUISE:

Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.

CHRISTIAN:

Gewiß, Mutter.

Umarmt sie.

LUISEim Hinausgehen:

Mein Christel.

Luise, Theobald, Christian exeunt.

CHRISTIANkommt schnell zurück:

Einmal hatte ich das Wort beinahe.

Er sieht in den Brief:

Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung, und daß jetzt seine Kräfte schweiften — wohin — wohin? In — Mannigfaltigkeit! Das ist es!

Er schreibt:

»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist.

Es hat geläutet. Exit.

Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.

GRAF:

Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind.

CHRISTIAN:

Danke, Graf.

GRAF:

Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte undgesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört.

Christian verbeugt sich.

GRAF:

Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit die noch seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes Gegengewicht fordert.

Christian verbeugt sich.

GRAF:

Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in einem Sinne geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär bezeichnen,

er lacht.

und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres Vortrages schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte?

CHRISTIAN:

Es ist so.

GRAF:

Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet sogar in dem Sinne, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis vorstellen können.

CHRISTIAN:

Ich verstehe.

GRAF:

Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter. Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.

CHRISTIAN:

Wovon in meinem Fall keine Rede ist.

GRAF:

Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...

CHRISTIAN:

Tot. Alles tot.

GRAF:

Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als Repräsentant. Ich sehe Sie ergriffen?

CHRISTIAN:

Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich eine andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen, an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziele schon gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein irdisches Leben ist ihm einzig geweiht.

GRAF:

Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie folgen?

CHRISTIAN:

Das heißt ...

GRAF:

Wie denn?

CHRISTIAN:

Also dann — trotz derMannigfaltigkeitmeiner Geschäfte.

GRAF:

Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen Menschen, der an einem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat.

CHRISTIAN:

Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen.

GRAF:

Enchanté, lieber Maske.

CHRISTIAN:

Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.

GRAF:

Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.

CHRISTIAN:

Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.

GRAF:

Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.

Exit.

CHRISTIAN,der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte zu binden:

Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehn des anderen. Und nun die Schere.

Er schneidet:

Was dich ärgert — dein linkes Auge, wirf es von dir. Diese Krawatte sitzt tadellos. Das ist erreicht!

Salon bei Christian Maske.

GRAF:

Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.

MARIANNE:

Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. — Da ist der Corot.

GRAF:

Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.

MARIANNE:

Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.

GRAF:

Es kann dir werden.

MARIANNE:

Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?

GRAF:

Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so dringend ...

MARIANNE:

Liebt er mich?

GRAF:

Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?

MARIANNE:

Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war;nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.

GRAF:

Tiens!

MARIANNE:

Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.

GRAF:

Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen haben.

MARIANNE:

Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich völlig niederwerfen konnte.

GRAF:

Mich juckt's mit ihm.

MARIANNE:

Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?

GRAF:

Nein.

MARIANNE:

Lebt er nach unseren Gesetzen?

GRAF:

Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren,und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.

MARIANNE:

Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?

GRAF:

Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment erwarte ich bei diesem Manne.

MARIANNE:

Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.

GRAF:

Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm bei Gelegenheit beizubringen.

MARIANNE:

So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.

GRAF:

Das verhüte Gott!

MARIANNE:

Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch nicht führen lassen will.

GRAF:

Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?

MARIANNE:

Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.

GRAF:

Marianne!

MARIANNE:

So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine Güte gehabt.

GRAF:

Ich war zu nachgiebig.

MARIANNE:

Und wirst es ferner sein.

GRAF:

Nur bis an die Grenze des Möglichen.

MARIANNEeindringlich:

Liebe steckt die Grenzen weit.

CHRISTIANim Reitanzug tritt schnell auf:

Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat.

GRAF:

Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer allergnädigsten Majestät präsentieren.

CHRISTIAN:

Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht besitze. Die ungeheuere Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht in Gott hat.

GRAF:

Magnifique! Was ritten Sie heute?

CHRISTIAN:

Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. — Gefällt Ihnen das Bild, Komtesse?

MARIANNE:

Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich.

CHRISTIAN:

Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig.

GRAF:

Können Sie so etwas bestimmen?

CHRISTIAN:

In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers.

GRAF:

Wo nehmen Sie die Zeit her?

CHRISTIAN:

Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und ich war für den Rest lebendig.

Zu Marianne:

So geht es mit allen Dingen.

GRAF:

Wir müssen fort.

Zu Marianne:

Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.

CHRISTIANzum Grafen:

Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten?

GRAFzu Marianne:

Brauchst du mich?

MARIANNE:

Bleib.

CHRISTIANzu Marianne:

Ich bringe Sie zum Wagen.

Marianne und Christian exeunt.


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