17.Er wird Dichter.(1869)

Am nächsten Morgen war er zerschlagen, wund, zerrissen. Die Nerven zitterten noch; Scham und Rausch heizten den Körper. Was sollte er tun? Die Ehre mußte gerettet werden! Er wollte einige Monate als Eleve aushalten, um sich dann von neuem als Schauspieler zu versuchen.

Er blieb an diesem Tage zu Hause und las die „Erzählungen des Feldschers‟ von Topelius. Wie er so las, kam es ihm vor, als habe er es selber erlebt. Es handelte von einer Stiefmutter und einem Stiefsohn, die sich versöhnten. Der Bruch mit seinen Eltern hatte ihn immer wie eine Sünde gequält, und er verlangte nach Versöhnung und Frieden. Diese Sehnsucht nahm heute einen ungewöhnlich traurigen Ausdruck an; während er auf dem Sofa lag, begann sein Gehirn Pläne auszusinnen, wie die Disharmonie mit dem Elternhaus zu lösen sei. Als Frauenverehrer, der er damals war und unter dem Einfluß des „Feldschers‟ dachte er, nur ein Weib könne ihn mit dem Vater versöhnen. Und diese schöne Rolle gab er der Stiefmutter.

Während er so daliegt, fühlt er ein ungewöhnliches Fieber im Körper; während dieses Fiebers arbeitet der Kopf daran, die Erinnerungen an die Vergangenheit zu ordnen, einige auszuscheiden und andere hinzuzufügen. Neue Nebenpersonen treten auf; er sieht, wie sie sich in die Handlung einmischen; hört sie sprechen. Es ist, als sehe er sie auf der Bühne.

Nach einigen Stunden hat er eine Komödie in zwei Akten fertig im Kopf.

Es war eine sowohl schmerzhafte wie wollüstige Arbeit; wenn man es eine Arbeit nennen kann, denn esging ganz von selber, ohne seinen Willen, ohne sein Zutun.

Jetzt aber mußte es geschrieben werden.

In vier Tagen war das Stück fertig. Zwischen Schreibtisch und Sofa ging er hin und her; in den Zwischenstunden fiel er wie ein Lappen auf dem Sofa zusammen. Als das Stück zu Ende war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, als seien Jahre von Schmerz vorüber; als sei ein Geschwür geschnitten. Er war so froh, daß es in ihm sang. Jetzt wollte er sein Stück dem Theater einreichen. Das war die Rettung!

Am selben Abend setzte er sich hin, um einem Angehörigen einen Glückwunsch zu schreiben, weil er eine Stellung gefunden. Als er die erste Zeile geschrieben hatte, schien sie wie ein Vers zu klingen. Da fügte er die zweite Zeile hinzu, die reimte auf die erste.

Schwerer war das nicht?

In einem Zuge schrieb er einen vier Seiten langen Brief in gereimten Versen nieder. Er konnte also auch Verse schreiben!

Schwerer war das nicht? Und einige Monate früher hatte er einen Freund gebeten, ihm bei Versen für einen Namenstag zu helfen; hatte aber eine ablehnende Antwort erhalten, die ihn jedoch ehrte: Er solle nicht im Mietswagen fahren, wenn er einen eigenen besitze.

Man wird also nicht geboren, Verse zu schreiben; man lernt es auch nicht, trotzdem man in der Schule alle Versarten lernt; sondern es kommt — oder kommt nicht.

Ihm schien's der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes zu gleichen. War die seelische Erschütterung nach seiner Niederlage als Schauspieler so stark gewesen, daß sie das ganze Lager von Erinnerungen und Eindrücken umgekehrt hatte? War die Einbildungskraft unter einen so starken Druck gebracht worden, daß sie zu arbeiten anfing? Alles war ja längst vorbereitet! War es nicht seine Phantasie, die Bilder erzeugte, wenn er sich im Dunkeln fürchtete? Hatte er nicht in der Schule Aufsätze geschrieben? Nicht seit Jahren Briefe? Hatte er nicht seinen Stil durch Lektüre, Übersetzen, Schreibenfür Zeitungen gebildet? Doch, so war es wohl, aber jetzt erst merkte er das sogenannte künstlerische Arbeitsvermögen.

Die Kunst des Schauspielers war also nicht die Form, in der er sich ausdrücken konnte; das war ein Irrtum, der jetzt aber leicht zu berichtigen war.

Indessen mußte er seine Schriftstellerei ziemlich geheimhalten und bis Ende der Spielzeit als Eleve beim Theater bleiben, damit seine Niederlage nicht allen offenbar ward. Oder bis das Stück angenommen war; angenommen mußte es natürlich werden, da er es für gut hielt.

Doch wollte er die Probe machen, ob es wirklich gut sei. Zu diesem Zweck lud er zwei von seinen gelehrten Bekannten ein, die außerhalb des Theaters standen. An dem Abend, als sie kommen sollten, räumte er seine Bodenkammer auf. Er putzte sie, zündete an Stelle der Studierlampe zwei Stearinlichter an, deckte den Tisch mit einem reinen Tischtuch und stellte darauf: eine Flasche Punsch mit Gläsern, Aschenbecher und Streichhölzchen.

Es war das erste Mal, daß er Besuch hatte, und die Veranlassung war neu und ungewöhnlich. Man hat oft die Arbeit des Dichters mit Gebären verglichen, und der Vergleich hat eine gewisse Berechtigung. Es war wie der Friede des Kindbettes nach dem Sturm; man hatte das Gefühl, es sei etwas oder jemand gekommen, das oder der vorher nicht da gewesen war; man hatte gelitten und geschrien, und jetzt war es still und friedlich geworden!

In Festtagsstimmung befand er sich; es war wie früher zu Hause: die Kinder waren fein gekleidet, und der Vater in seinem schwarzen Gehrock warf den letzten Blick auf die Anordnungen, ehe der Besuch kam.

Die beiden Bekannten langten an. Unter Schweigen las er das Stück bis zu Ende vor. Dann wurde das Urteil gefällt: die älteren Freunde begrüßten ihn als Dichter.

Als sie wieder gegangen waren, fiel er auf seine Knie und dankte Gott, daß er ihn aus der Bedrängnis befreit und ihm die Dichtergabe gegeben.

Sein Verkehr mit Gott war recht unregelmäßig gewesen. Eigentümlich war, daß er in großer Not seine Kräfte sammelte und nicht gleich zum Herrn schrie; in der Freude dagegen fühlte er ein unwillkürliches Bedürfnis, sofort dem Geber alles Guten zu danken. Es war umgekehrt wie in der Kindheit; und das war natürlich, da sich der Begriff von Gott zum Geber aller guten Gaben entwickelt hatte, während der Gott der Kindheit der Gott der Furcht gewesen war, der alles Unglück in seiner Hand hielt.

Endlich hatte er seine Bestimmung gefunden, seine Rolle im Leben, und nun bekam sein loses Wesen ein Gerippe. Er wußte jetzt ungefähr, was er wollte, und damit hatte er wenigstens ein Steuer auf seinem Boot. Und nun stieß er vom Lande, um sich auf Langfahrt hinaus zu begeben, immer bereit, abzufallen, wenn der Wind zu hart gegen den Bug stieß; aber nicht um in See abzutreiben, sondern um im nächsten Augenblick wieder vollen Wind zu nehmen und anzuluven.

Nachdem er sich seinen Familienkummer vom Herzen geschrieben hatte, brach die Erinnerung an die religiösen Kämpfe in einer dreiaktigen Komödie hervor. Die leichtete das Schifflein bedeutend.

Seine Schaffenskraft während dieser Zeit war unerhört. Das Fieber kam jetzt tagtäglich: in nicht mehr als zwei Monaten schrieb er zwei Komödien und eine Tragödie in Versen; außerdem schüttelte er Verse aus dem Ärmel.

Das Trauerspiel war sein erstes eigentliches Kunstwerk, wie man es nennt, denn es handelte nicht von etwas, das sich in seinem eigenen Leben zugetragen hatte. Das sinkende Hellas: nicht mehr und nicht weniger war das Thema. Die Kompostion war ganz und klar, doch waren die Situationen nicht neu und es wurde viel deklamiert. Das einzige, was er aus seiner eigenen Vorratskammer holte, war strenge asketische Moral und Verachtung des ungebildeten Demagogen. So ließ er einen alten Mann gegen die Unsittlichkeit der Zeit und gegen den Mangel an Vaterlandsliebe wettern. Demosthenes höhnt den Demagogen auf eine Art, die an den Schornsteinfeger und den Pfandleiher der Kopenhagener Reise erinnerte. Der Leiter der Schauspielerschule bekam auch seinen Teil, weil er sich oft Johan gegenüber beklagte, er habe keine genügende Bildung erhalten. Das Stück war aristokratisch, und die Freiheit, die hier ausposaunt wurde, war die der sechziger Jahre: die nationale Freiheit.

Inzwischen war die Familienkomödie der Direktion des Königlichen Theaters eingereicht worden, jedoch anonym.

Während sie da lag, tat er frohen Mutes Dienst als Statist. Wartet nur, dachte er, bald kommt die Reihe an mich, dann habe ich ein Wort mitzusprechen. Er war jetzt kühn auf der Bühne und fühlte sich, auch wenn er im „Wilhelm Tell‟ den Anzug eines Bauernjungen trug, als ein verkleideter Prinz. „Ich bin gewiß kein Schweinehirt, wenn ihr's auch glaubt‟, summte er vor sich hin.

Die Antwort auf das Stück ließ auf sich warten. Schließlich verlor er die Geduld und vertraute sich dem Leiter der Schauspielerschule an. Der hatte das Stück gelesen und Talent darin gefunden, aber — gespielt konnte es nicht werden.

Das war ja kein Donnerschlag für ihn, da er noch das Trauerspiel besaß. Das ward besser aufgenommen, sollte aber hier und dort umgearbeitet werden.

Eines Abends, als die Schule schloß, bat der Lehrer ihn, zu bleiben.

— Jetzt haben wir gesehen, wozu Sie taugen, sagte er. Sie haben eine schöne Laufbahn vor sich: warum denn die schlechtere wählen. Daß Sie Schauspieler werden können, ist wahrscheinlich, wenn Sie einige Jahre arbeiten; aber warum sich abquälen auf diesem undankbaren Gebiet? Reisen Sie nach Upsala zurück und beendigen Sie Ihr Studium! Werden Sie dann später Schriftsteller, denn man muß erst Erfahrungen machen, ehe man gut schreiben kann.

Schriftsteller werden, das gefiel ihm, das Theater verlassen, auch; aber nach Upsala zurückkehren — nein! Er haßte die Universität und sah nicht ein, wie das Unnütze, das man dort lernte, dem Schreiben zugute kommen könne; dafür müßte man doch das Leben selbst studieren.

Dann aber begann er nachzudenken. Da er einsah, daß er jetzt noch nicht ein Stück zur Annahme bringen könne, um es als Rettungsbrett zu benutzen, griff er nach dem andern Strohhalm: Upsala. Wieder Student werden, war mit zwanzig Jahren keine Schande; und beim Theater wußte man jetzt, daß er kein durchgefallener Anfänger war, sondern auch ein Dichter.

Gleichzeitig erfuhr er, daß er noch ein mütterliches Erbe von einigen hundert Kronen ausstehen habe. Mit denen konnte er das erste Semester leben. Er ging zum Vater, nicht als verlorener Sohn, sondern als vielversprechender Schriftsteller und Gläubiger. Es kam zu einem heftigen Zwist, der damit endete, daß sein Erbe ihm ausgezahlt wurde.

Er hatte jetzt ein Trauerspiel mit dem gewaltigen Titel „Jesus von Nazareth‟ entworfen. Das behandelte Jesu Leben in dramatischer Form und sollte mit einem Schlage und für alle Zeiten das Götterbild zerschmettern und das Christentum ausroden. Als er aber einige Szenen vollendet hatte, sah er ein, daß der Stoff zu groß sei und langwierige Studien verlange.

Die Spielzeit ging ihrem Ende zu. Die Schauspielerschule gab ihre übliche Vorstellung auf der Bühne des Dramatischen Theaters. Er hatte keine Rolle bekommen, übernahm aber das Soufflieren. Und im Souffleurkasten schloß seine Laufbahn als Schauspieler. Soviel war übrig geblieben von seinem Karl Moor, den er auf der Bühne des Großen Theaters hatte spielen wollen! Verdiente er dieses Schicksal? War er schlechter für die Bühne ausgerüstet als die andern? Das war nicht wahrscheinlich, wurde aber nie entschieden.

Am Abend nach der Vorstellung wurde den Schülern ein Schmaus gegeben. Johan war auch eingeladen, hielt eine Rede in Versen, um seinen Rückzug zu decken. Berauschte sich wie gewöhnlich, betrug sich dumm und verschwand vom Schauplatz.

Das Upsala der sechziger Jahre weist Zeichen des Endes und der Auflösung einer Periode auf, die man die Boströmsche nennen könnte. In welchem Verhältnis steht das für die Zeit geltende philosophische System zu der Zeit selbst? Das System scheint die Gedanken der Zeit an dem bestimmten Zeitpunkt zusammenzufassen. Der Philosoph macht nicht die Zeit, sondern die Zeit macht den Philosophen. Der Philosoph sammelt die Gedanken seiner Zeit; dadurch kann er auf seine Zeit wirken; darum ist und muß seine Wirkung mit dem Ausgang der Epoche zu Ende sein.

Die Boströmsche Philosophie hatte den Fehler, daß sie schwedisch sein wollte, daß sie zu spät kam, daß sie über ihre Zeit leben wollte. Eine schwedische Philosophie zu schaffen, war ein Unding; damit riß man sich von dem großen Mutterstamm los, der draußen auf dem Festland wächst und nur Samen nach der harten Erde der hyperboräischen Halbinsel sendet. Sie kam zu spät, denn es ist Zeit nötig, um ein System zu schaffen; und ehe das fertig wurde, war die Zeit weitergegangen.

Boström als Philosoph kam nicht wie aus einer Kanone geschossen. Alles Wissen ist Sammelwerk und ist gefärbt von der Persönlichkeit. Boström ist gewachsen aus Kant und Hegel, begossen von Biberg und Grubbe, um schließlich einige ziemlich selbständige Schüsse zu treiben. Das ist alles! Den Grundgedanken selbst scheint er aus Krauses Panentheismus geholt zu haben, dem Versuch, die Kant-Fichtesche Philosophie und die Schelling-Hegelsche auszugleichen. Diesen Eklektizismus hatte man schon Grubbe vorgeworfen. Boström studierte zuerst Theologie, und diese scheint seinen Geist zu binden, als er die spekulative Theologie schreibt. Seine Sittenlehre bekam oder nahm er von Kant. Boström einen originellen Philosophen nennen, ist Lokalpatriotismus. Sein Einfluß erstreckt sich nicht über die Grenzen Schwedens und reicht nicht weiter als bis zum Ausgang der sechziger Jahre. Seine Staatslehre war schon 1865 Altertumskunde geworden, als die Studenten noch, aus Ehrerbietung gegen den Lehrer, in der Prüfung nach seinem Lehrbuch erklären mußten, die Volksvertretung durch die vier Stände sei die einzig vernünftige; später wurde das natürlich gestrichen.

Wie kam Boström auf eine solche Idee? Kann man aus dem zufälligen Umstand schließen, daß er, der Sohn eines armen Mannes aus Norrland, in eine zu nahe Berührung mit König Karl Johan und dem Hof kam, nämlich als Lehrer der Prinzen? Konnte der Philosoph dem Schicksal aller entgehen, ingewissenBeziehungen persönliche Neigungen oder hergebrachte Vorstellungen zu verallgemeinern? Wahrscheinlich nicht. Boström war als Idealist subjektiv, so subjektiv, daß er der Wirklichkeit ein selbständiges Dasein versagte, als er erklärte: „Sein ist wahrgenommen werden‟ (vom Menschen). Die Welt der Erscheinungen bestehe also nur in und durch unsere Wahrnehmung. Der Fehlschuß wurde übersehen, und der war ein doppelter. Das System geht nämlich von einem unbewiesenen Satz (petitio principii) aus und müßte wohl darin berichtigt werden: die Welt der Erscheinungen bestehtfür unsnur durch unsere Wahrnehmung; das hindert aber nicht, daß sie für sich besteht ohne unsere Wahrnehmung. Durch die Naturwissenschaft ist ja bewiesen, daß die Erde mit einem sehr hohen organischen Leben bestanden hat, ehe ein wahrnehmender Mensch da war.

Boström brach mit dem Christentum der Kirche, behielt aber, gleich Kant und sogar wie die späteren Philosophen der Entwicklung, die Sittenlehre des Christentums. Kant war mitten in dem kühnen Vorgehen seines Gedankens infolge Mangels an psychologischen Kenntnissen stehen geblieben und diktiert ganz einfach den kategorischen Imperativ und die praktischen Postulate. Das Sittengesetz, das ja von der Epoche abhängt und mit ihr wechselt, bleibt weiter ganz christlich „Gottes Gebot‟. Boström stand noch „unter dem Gesetz‟, beurteilte den sittlichen Wert oder Unwert einer Handlung nach dem Motiv; und das einzig befriedigende Motiv ist die „Achtung vor dem unsichtbaren Wesen des Verpflichteten‟, das sich im Gewissen offenbart. Aber Gewissen gibt es ebenso viele wie Religionen und Volksstämme; darum wurde die Sittenlehre ganz unfruchtbar.

Boström fördert die Entwicklung nur, als er 1864 gegen Bischof Beckman im Kampfe um die Höllenlehre auftritt, obwohl diese Lehre schon damals von den Gebildeten mit Hilfe der Neurationalisten verworfen war. Hemmend für die Entwicklung wieder wurde Boström durch seine Schriften: „Der Monarch nicht verantwortlich und heilig‟ und „Sind die Stände des Reiches berechtigt, die sogenannte (!) Änderung der Volksvertretung im Namen des schwedischen Volkes durchzuführen?‟

In seiner Eigenschaft als Idealist wird Boström für das heute (1886) lebende Geschlecht nicht nur bedeutungslos, sondern auch reaktionär. Er ist ein notwendiges Glied einzig und allein in der verwerflichen Reaktionsphilosophie, die so verhängnisvoll und verdunkelnd der Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts folgt. Er hat gelebt und ist tot! Friede seiner Asche!

Ein anderes Barometer der geistigen Atmosphäre soll die schöne Literatur sein. Um das aber sein zu können, muß sie die Freiheit haben, die Fragen der Zeit behandeln zu können; das erlaubte die damalige Ästhetik aber nicht.

Die Poesie sollte sein und war (nach Boström) ein Spiel, ebenso wie die schönen Künste. Die Poesie wurde unter solchen Verhältnissen und mit der üblichen Philosophie der Ichvergötterung lyrisch; drückte des Dichters kleine persönliche Gefühle und Neigungen aus, spiegeltedarum die Zeit nur in gewissen Zügen, die vielleicht nicht die wesentlichsten sind.

Die schwedische Poesie der sechziger Jahre war die der Signaturen. Aber von diesen waren nur zwei von Bedeutung: Snoilsky und Björck. Snoilsky war, um einen Ausdruck des Pietismus zu gebrauchen, „erweckt‟; Björck war „tot‟. Beide waren, wie man zu sagen pflegt, geborene Dichter, das heißt, ihre Anlagen zeigten sich früher als gewöhnlich. Beide machten sich schon in der Schule bemerkbar, kamen früh zu Ehre und Ruhm, sahen durch Geburt und Stellung das Leben von den sonnigen Höhen. Snoilsky war, ohne es zu wissen, von den Geistern der neuern Zeit ergriffen. Von der Furcht vor der Hölle und der Mönchsmoral befreit, es erlebend, wie der Adel seine Vorrechte zurückgeben muß, läßt er Geist und Fleisch frei. Er ist Revolutionär in seinen ersten Gedichten und liebt die phrygische Mütze; er predigt die Lebensfreude des Fleisches, hat einen gewissen Haß gegen die Überkultur als konventionelles Band. Aber als Dichter entging er nicht dem tragischen Geschick des Dichters: nicht ernst genommen werden. Poesie war nun einmal Poesie, und Snoilsky war Poet.

Björck war mit einem Sinn begabt, der für starke Eindrücke nicht empfänglich war. Harmonisch, schlaff, fertig von Anfang an, lebt er sein Leben versunken in inneres Nachdenken; oder er bemerkt nur die kleinen Ereignisse der äußeren Welt und schildert die hübsch und korrekt. Die große Mehrheit, die das harmonische Leben des Automaten lebt, glaubt, seine Poesie atme eine unendliche Liebe zum Nächsten. Warum aber erstreckt sich diese Liebe nicht weiter, nicht über die großen Menschenkreise hinaus, über die ganze Menschheit? Björcks Liebe geht nicht über die persönliche Ruhe hinaus, zu welcher der einzelne gelangt, wenn er die Pflichten von sich fern hält, die das Zusammenleben aufstellt. Er ist mit seiner Welt zufrieden, weil die Welt ihm hold gewesen ist; Kampf darf es nicht geben, weil der die persönliche Ruhe stört. Björck zeigt uns den Glücklichen, dessen Leben nicht im Streit mit seiner Erziehung steht, der vielmehrStein für Stein auf dem einmal gelegten Fundament aufbaut; alles geht handwerksmäßig nach Wasserwage und Lineal; das Haus wird fertig, wie es gezeichnet ist, ohne daß der Plan eine Änderung erfahren hat. Von Familientyrannei gezähmt, früh Achtung und Bewunderung der Menschen kostend, blieb er im Wachstum stehen. Den Boströmschen Kompromiß mit dem Christentum nahm er ungesehen an; damit hatte er sein Lebenswerk gemacht. Seine Dichtung wird besonders als die reine, die seraphische hervorgehoben. Was ist das Reine, das heute so schroff dem Sinnlichen gegenüber gestellt wird? Er kriegte sie nicht, das ist das Geheimnis; wie sich Dantes himmlische Liebe zu Beatrice aus der gleichen unfreiwilligen Ursache herleitete. Björck besingt also das Unerreichbare, mit der stillen Milzsucht der unbefriedigten Liebe. Aber das war doch keine Tugend, und das Reine sollte ja eine Tugend sein. Hätte er sie nur gekriegt!

Übrigens, wie verhielt es sich mit dem Reinen in den Herzen der Signaturen? Blühte nicht die unanständige Anekdote, wurden nicht die „Bierstuben‟ besucht, das Dekameron übersetzt, „Geranien und Kakamoja‟ von den Signaturen herausgegeben? Alle Menschen sind wohl sinnlich veranlagt, aber es galt damals für unrein, seine Sinnlichkeit zu zeigen; darum mußte sie unterirdischen Abfluß haben. Snoilsky brach mit der Heuchelei und sang sich aus; und Björck verriet sich auch, als er erzählte, wie er die Minderjährige auf der Heimfahrt im Wagen geküßt. Nicht das Kind küßte er, sondern das Mädchen, und das Mädchen in kurzem Kleid. Hans Jaegers Feinde hätten das sicher für unrein, frühreif oder etwas noch Schlimmeres gehalten. Auch gibt es Überlieferungen von der Zeit der Signaturen, daß der seraphischeste von allen seraphischen Dichtern ein stürmisches Leben geführt habe und daß die Engelsflügel erst wuchsen, als das Bocksfell Haare ließ. Sie sangen Wasser, aber sie tranken Wein, wie die Dichter von heute (1886) beschuldigt werden, daß sie Wein singen und Wasser trinken. Immer soll das Leben des Dichters inMißklang zu seinen Lehren stehen. Warum? Will er beim Dichten sich selbst loswerden und einen andern erfinden? Ist es die Sucht, sich zu verkleiden? Ist es Schüchternheit? Die Furcht vor der Hingabe, vorm Entblößen der Scham? Der künftigen Wissenschaft der Seele ist da eine tüchtige Aufgabe gestellt, das herauszubringen!

Björck sang 1865 beim Reformfest in Upsala; aber die königliche Revolution besingt er. Harmonie sieht er in allem; wenn er von der wiederhergestellten Eintracht zwischen Schweden und Norwegen (1864) singt, ist er lauter Wohllaut. Auch Abraham Lincoln besingt er. Negeremanzipation und weiße Sklaverei: das ist das Freiheitsideal der heiligen Allianz. Revolution, aber gesetzliche Revolution von Gottes Gnaden! Nun, er wußte es nicht besser, und wenige wußten es damals besser. Darum kein Gericht über den Mann, sondern nur ein Urteil über seine Tat, deren Motiv für die Nachwelt gleichgültig ist.

Die Jugend las die Signaturen, viele mit großer Erbauung. Sie verkündeten keine neue Zeit, sondern sie weissagten hinterher: jetzt sei das Tausendjährige Reich gekommen, die Ideale verwirklicht, die Grenzlinie aufgehoben, ein für alle Male aufgehoben. Sie sahen mit Befriedigung auf ihr geschaffenes Werk, rieben sich die Hände und fanden alles gut.

Ein stiller Friede hatte sich 1870 über die ganze Universitätsstadt Upsala gebreitet; jetzt könne man bis zum Jüngsten Tage schlafen, meinte alt und jung. Da aber sind Mißlaute zu hören, und in den Tagen des allgemeinen Friedens gewahrt man Feuerzeichen auf den Bergspitzen der Nachbarn. Von Norwegen signalisert man offnes Wasser, und die Leuchttürme werden angezündet.

Rom nahm Griechenland, aber Griechenland nahm Rom ein. Schweden hatte Norwegen genommen, jetzt aber nahm Norwegen Schweden ein.

Lorentz Dietrichson wird 1861 zum Dozenten der Universität Upsala ernannt, und er ist der Vorbote. Ermacht Schweden mit der dänischen und norwegischen Dichtung bekannt und gründet die literarische Gesellschaft, aus der die Signaturen hervorgingen.

Nachdem Norwegen von der dänischen Monarchie losgerissen war und aufgehört hatte, eine Filiale des Hauptkontors von Kopenhagen zu sein, wurde es nicht Schweden aufgepfropft, sondern kehrte bei sich selber ein und eröffnete gleichzeitig eine direkte Verbindung mit dem Festland. Während das Land zur Selbständigkeit erwachte, strömte gleichzeitig ein großer Golfstrom vom Ausland unmittelbar an seine Küsten.

Björnson war es, der Norwegen Selbstgefühl gab, und als das zu beschränktem Patriotismus ausartete, kam Ibsen mit der Schere.

Als dieser Kampf hitziger wird und Christiania sich nicht mehr zum Walplatz hergeben will, wird der Streit ins gastfreundliche Schweden verlegt. Der norwegische Wein, der stark „beschnitten‟ war, eignete sich gut zur Ausfuhr, und die Pamphlete gewannen auf der Reise über Land und wurden in Schweden Literatur. Die Gedanken kamen an die Oberfläche, aber die Persönlichkeiten setzten sich auf den Boden des Gefäßes.

Ibsen und Björnson brachen in Schweden ein; Tidemand und Gude waren Sieger in der Kunstausstellung von 66; Kierulf und Nordraak beherrschten Lied und Klavier.

Björnson begann als Bezauberer; Ibsen als Wecker. „Zwischen den Treffen‟ riß die Stockholmer hin, und ganz mit Recht. Den „Bund der Jugend‟ verstand man infolge der lokalen Anspielungen nicht; ja, man verstand nicht einmal, daß er die neuen Bestrebungen verhöhnte, denn er verhöhnte nicht die schwedischen Verhältnisse. Man hörte munkeln, daß Steensgaard Björnson sein solle und daß der Schauspieler sich porträtgetreu maskiert habe; doch das ging einen nichts an. Den „17. Mai‟ gab man preis, aber man bewunderte Dahlqvist als Aslaksen.

Dann kam „Brand‟. Der war bereits 66 erschienen, kam aber erst 69 in Johans Hände. Er griff tief in seinaltchristliches Herz, war aber finster und streng. Das Schlußwort vom Deus Caritatis befriedigte nicht, und der Dichter schien zu viel Sympathie für seinen Helden gehabt zu haben, um ihn nur ironisch dem Untergang überlassen zu können.

Brand machte Johan viel Kopfzerbrechen. Er hatte das Christentum fallen gelassen, aber die schreckliche Moral der Askese beibehalten. Er forderte Gehorsam gegen seine alten Lehren, die nicht mehr anzuwenden waren; er verhöhnte das Streben der Zeit nach Menschlichkeit und Vergleich, schließt aber damit, den Gott des Vergleichs zu empfehlen. Brand war ein Pietist, ein Fanatiker, der gegen die Welt recht zu haben glaubte, und Johan fühlte sich verwandt mit diesem entsetzlichen Egoisten, der obendrein unrecht hatte. Keine Halbheit, nur drauflosgehen, alles niederbrechen, was im Wege steht, denn du allein hast recht! Johans zartes Gewissen, das unter jedem Schritt, den er tat, litt, weil dieser Schritt Vater oder Freunden weh tun konnte, wurde von Brand betäubt. Alle Bande der Rücksicht, der Liebe sollten der „Sache‟ wegen zerrissen werden.

Daß Johan jetzt nicht mehr die ungerechte Sache der Haugianer führte, war ein Glück, sonst wäre auch er beim Bergrutsch untergegangen! Brand aber gab ihm den Glauben an ein Gewissen, das reiner war als das, was die Erziehung ihm gegeben hatte, und ein Recht, das höher stand als das gewöhnliche Recht. Und er brauchte diese Eisenstange in seinem schwachen Rücken, denn er hatte lange Perioden, in denen er sich aus Menschlichkeit selbst unrecht und dem ersten besten recht gab; darum war er auch sehr leicht anzuführen.

Brand war der letzte Christ, der einem alten Ideal nachgab, darum konnte er kein Muster für den werden, der eine dunkle Aufruhrlust gegen alle alten Ideale fühlte.

Das Stück bleibt ein schönes Gewächs, das keine Wurzel in der Zeit hat und darum ins Herbarium gehört.

Dann kam „Peer Gynt‟. Der ist eher dunkel als tief und hat seinen Wert als Gegengift gegen die nationaleSelbstliebe. Daß Ibsen nicht verbannt oder verfolgt wurde, nachdem er dem stolzen norwegischen Volk so bittere Dinge gesagt hatte, zeigt, daß man in Norwegen den Streit ehrlicher führte als in Schweden.

Die „Komödie der Liebe‟ wirkte „peinlich‟. Sie leugnete die Liebe und zeigte die Ehe als eine Lebensversicherung für das Weib, das die Prämien mit ihrer Gunst bezahlt. So roh wirkte damals die Wahrheit.

Ibsen galt damals als Menschenhasser und als Björnsons Neider und Feind. Man war in zwei Lager geteilt und der Streit, welcher von beiden der größere sei, hatte kein Ende, denn er handelte über das Problem der Kunst: Inhalt oder Form.

Der Einfluß der norwegischen Poesie auf die schwedische Entwicklung ist groß gewesen und zum Teil sehr wohltuend, doch war darin etwas eigentümlich Norwegisches, das auf Schweden, ein Land mit ganz anderer Entwicklung, nicht anzuwenden war.

In den abgesonderten Tälern Norwegens wohnte ein Volk, das aus Not und Mangel in den Entsagungslehren des Christentums eine fertige Askesephilosophie vorfand, die den Himmel als Entgelt fürs Entbehren versprach. Eine schwere, düstere und karge Natur, ein feuchtes Klima, lange Winter, große Entfernungen zwischen des Dörfern, Einsamkeit — alles wirkte zusammen, um das Christentum in den strengen Formen des Mittelalters zu erhalten.

Es ist auch etwas im norwegischen Charakter, das man geisteskrank nennen könnte, von der Art des englischen Spleens; und wer weiß, ob nicht Norwegens intime Berührung mit dem hypochondrischen Inselvolk Spuren in die Kultur gedrückt hat. In Jonas Lies „Hellseher‟ ist diese Geisteskrankheit dargestellt; da herrscht die gleiche unheimliche Stimmung, die man in den isländischen Sagen trifft. Der Kampf des Geistes gegen das physische Dunkel, gegen die Kälte. Die Schilderung vom traurigen Schicksal des Nordländers, von sonnigen Ländern zu den Wildnissen des Dunkels und der Kälte verwiesen zu sein, das jetzt seine Berichtigung in derAuswanderung sucht; deren ethnographische Bedeutung man vor der wirtschaftlichen vergessen hat. Norwegischer Charakter ist die Frucht von vielen hundert Jahren Tyrannei, ungerechter Behandlung, schwerem Brotkampf, Mangel an Freude.

Diese nationalen Eigentümlichkeiten hätte der Schwede nicht mit in den Kauf nehmen sollen, aber sie haben ihn vernorwegert. In der schwedischen Literatur spukt noch der Dovrealte; Brand läuft mit seinen idealen Forderungen herum, die der romanisierte und heitere Schwede nicht aufrichtig teilen kann. Darum sitzt ihm diese fremde Volkstracht jetzt so schlecht; darum klingt die moderne schwedische Musik so unharmonisch, als ein Nachklang der Geige von Hardanger, die von Grieg neu gestimmt ist; darum erscheint die neue Mundartensucht so übel gewählt; darum schnarrt das Wort von größerer sittlicher Reinheit im Munde des lebenslustigen Schweden. Er hat nicht unter langwieriger nationaler Unterdrückung geseufzt und braucht sich nicht in der Vergangenheit aufzusuchen; er ist in seinem offenen flachen See- und Flußland nicht so düster geworden, und darum kleidet ihn die saure Miene nicht.

Als er dagegen große, neue Gedanken via Christiania oder direkt vom Ausland durch Ibsen und Björnson bekam, hätte der Schwede das Nettogewicht behalten, die norwegische Tara aber lassen sollen. Das „Puppenheim‟ sogar ist norwegisch. Nora ist verwandt mit den isländischen Frauen, die das Matriarchat mitnahmen; gehört zur Familie der unheimlichen herrschsüchtigen Frauen der „Krieger auf Helgeland‟: die sind reine Norwegerinnen, bei denen die Gefühle erfroren oder durch die Familienheiraten der Jahrhunderte verwachsen sind. Die schwedische Frauenliteratur ist norwegisch-norwegisch, mit ihrer unbescheidenen idealen Forderung an den Mann und mit ihrem Verhätscheln der verwöhnten Frau; mehrere junge Schriftsteller haben norwegischen Stil in die schwedische Sprache eingeführt, und eine Schriftstellerin hat schließlich die Handlung nach Norwegen verlegt und den Helden norwegisch sprechen lassen. Weiter kann man nicht gehen!

Ausländisches gern, denn das ist universal; aber nicht Norwegisches, denn das ist provinziell, und das haben wir selbst ebenso gut!

So war er wieder in Upsala, in dieser Universitätsstadt, aus der er vor neun Monaten geflohen, in die er höchst ungern wieder zurückging.

Zu etwas gezwungen werden, was er nicht wollte, machte immer den Eindruck auf ihn, als begegnete er einem persönlichen Feinde, der ihm seine Wünsche und seine Abneigungen ablistete und ihn zwang, sich zu beugen. Da er noch unter Gottes besonderer Aufsicht zu stehen glaubte, nahm er das hin, als diene es zu seinem Besten. Später aber hatte er das Gefühl, es gebe eine böse Macht. Aus diesem Gefühl entwickelte sich dann der Glaube an zwei lenkende Mächte, eine böse und eine gute, die sich in der Herrschaft teilten oder sich ablösten.

Er fragte sich wieder, was hast du hier zu tun? Den Doktor zu machen; vor allem aber den Rückzug vom Theater zu decken. Insgeheim wollte er wohl ein Stück schreiben, um sich unter dem Schutz des Erfolges dem Examen zu entziehen.

In der ersten Zeit fühlte er sich durchaus nicht wohl auf seiner einsamen Bodenkammer. Er war jetzt an Komfort gewöhnt, an große Zimmer, guten Tisch, Bedienung und Gesellschaft. Gewohnt, als Mann behandelt zu werden und mit älteren gebildeten Menschen zu verkehren, konnte er sich schwer darein finden, wieder Student zu sein. Aber er warf sich ins Gewimmel und hatte bald drei verschiedene Verkehrskreise.

Zuerst die Mittagsgesellschaft, die aus Medizinern und Naturforschern bestand. Von ihnen hörte er zum ersten Male den Namen Darwin; dieser Name flog an ihm vorbei wie eine Lehre, für die er noch nicht reif war.

Dann die Abendgesellschaft, die aus einem Theologen und einem Juristen bestand; mit denen spielte er Karten bis tief in die Nächte hinein.

Er glaubte jetzt nur deshalb in Upsala zu sein, um zu wachsen, älter zu werden; und daß es ziemlich einerlei war, was er tat, wenn nur die Zeit verbracht wurde. Er warf jetzt ein Trauerspiel „Erich XIV.‟ nieder. Fand es aber schlecht und verbrannte es, denn die Selbstkritik war erwacht und die Forderungen gewachsen.

Später im Semester kam er in eine dritte Gesellschaft, die dann sein besonderer Kreis wurde für die ganze Zeit in Upsala und noch länger. Zufällig traf er eines Abends einen älteren Kameraden, mit dem er die Privatschule besucht hatte. Sie sprachen von Literatur, und bei einem Glase Grog wurde der Plan entworfen, einige junge Dichter zu einer Gesellschaft zusammenzubringen. Das hieß eine Art Wirkungskreis schaffen.

Der Plan wurde ausgeführt. Außer Johan und dem zweiten Stifter wurden vier junge Studenten gewählt. Es waren vortreffliche Jünglinge, ideal angelegt, wie man sagt; hatten gute Vorsätze und schwärmten für unbekannte Ideale. Sie waren mit den Widerwärtigkeiten des Lebens noch nicht in Berührung gekommen, hatten vermögende Eltern, keine Sorgen und wußten noch nichts vom Kampfe ums Brot. Johan hatte eben die unangenehmsten Verhältnisse verlassen, Menschen gesehen, die sich immer die Zähne zeigten, eingebildete leere Schauspielereleven; jetzt sah er sich in eine neue Welt versetzt. Da gingen die seligen Jünglinge an ihren gedeckten Tisch, rauchten feine Zigarren, machten ihre Spaziergänge, poetisierten schön über das schöne Leben, das sie noch nicht kannten.

Satzungen wurden entworfen und die Verbindung nahm den Namen „Runa‟ an, der Lied bedeutet. Daß man sie Runa nannte, kam wohl von der nordischen Renaissance, die mit dem Skandinavismus gekommen war; von König Karl XV. in der Poesie, von Winge und Malmström in der Malerei, von Molin in der Bildhauerei geadelt wurde und jetzt ebenso schön in Björnsons und Ibsens Dramen aus dem alten nordischen Leben aufgelebt war. Auch trug das Studium der isländischen Sprache dazu bei, das eben an der Universität eingeführt war.

Die Anzahl der Mitglieder sollte höchstens neun sein; jeder erhielt als Bundesbruder eine Rune als Namen. Johan wurde Frö und der zweite Stifter Ur. Alle Richtungen waren vertreten. Ur war ein großer Patriot und verehrte Schweden mit dessen Erinnerungen. Das Land habe die feinste Geschichte von Europa und sei immer frei gewesen. Sonst war er ein realistisch veranlagter Mann, der einen ausgebildeten Sinn für Statistik, Staatswissenschaft, Biographie besaß, ein strenger und geschickter Kritiker der Form war, auch die Verwaltung des Bundes führte. Verläßlicher Freund, guter Gesellschafter, hilfreich und herzlich.

Auch ein vollblütiger Romantiker war da, der Heine las und Absinth trank; ein gefühlvoller Jüngling, der noch für alle alten Ideale schwärmte, aber am meisten für Heine.

Da war ein Seraph, der das unendlich Kleine besang, besonders die Seligkeit der Kindheit.

Da war einer, der still die Natur verehrte.

Schließlich einer, der aus allem das Beste auswählte und improvisierte. Es war ein Kind Israels; seine Fähigkeit, auf eine Aufforderung hin zu improvisieren, war unglaublich; und zwar konnte er es in jeder Tonart. Zwei Minuten nach der Aufforderung stand er auf und sprach aus dem Stegreif wie Anakreon, wie Bellman, wie Horaz, wie die Edda; was es auch sein mochte, auch in fremden Sprachen.

Die erste Zusammenkunft war bei Thurs, dem Improvisator, der am geräumigsten wohnte, zwei Zimmer und die besten Pfeifen hatte. Als einer der Stifter verlas Johan zuerst von allen seine Antrittsrede, die nach den Satzungen in Versen sein mußte. Sie begann mit Brages Harfe, die verstummt sei, und fragte nach dem Barden. Das war das Neunordische, das man jetzt wieder ausgraben zu müssen glaubte. Mit den Worten „das kleinliche Streben der Zeit‟ wurde das ganze Programm der Idealisten bezeichnet. Die große Arbeit der Zeitgenossen für die Wirklichkeit, für Verbesserung der Lebensbedingungen sei kleinlich. Der Geist war in der Materie gefangen; darum sollte die Materie der Feind sein: das waren die Lehren der Romantik.

Dann geht der Dichter hinaus in die Natur, hört die Glocken der Domkirche, den Wind und die Vögel singen, um dann die sehr berechtigte Frage zu tun: Die Natur singt, warum sollte ich denn schweigen? Er beschließt, nicht länger zu schweigen, sondern loszusingen: vom Frühling des Lebens, dem fröhlichen und jungen; vom Herbst des Lebens, von der Liebe zur Heimaterde. Da kommt der weise Mann mit dem erfrorenen Herzen, nimmt sein Lied, zerpflückt es und nennt es Unsinn. Da verstummt der Gesang vor der Überklugheit des Tages.

Jetzt (1886) bestimmt zu sagen, was Johan damals (1870) mit Oberklugheit meinte, ist nicht leicht; aber das waren wohl ganz einfach Vorahnungen künftiger Kritiken; und der weise Mann war wohl niemand anders als der Kritiker.

Dann legt er los gegen die elenden Krämerseelen, die das goldene Kalb anbeten, aber keine Lieder lieben. Ein Zusammenhang mit dem Trachten der Zeit war hier nicht zu finden, denn in den sechziger Jahren herrschte infolge schlechter Ernten großer Mangel an Geld. Schwindel und Unwesen der Aktiengesellschaften begann erst mit den siebziger Jahren. Es war das Programm des Dichters damals, auf das goldene Kalb loszuhacken; darum schlüpfte dieses Stichwort in die Verse hinein.

Die Rede schließt wie üblich mit Tegnérs Epilog bei der Doktorpromotion, wenn auch die Todesgedanken des Einundzwanzigjährigen etwas unbegründet sind:

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuerim Aug erloschen — schlägt der Puls nur schwach,der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer —wenn wir dann hören einen Frühlingstagdie neue Jugend ihre Lieder singen,hier oben in dem alten Odinshain,sie sollen in Erinnerung uns bringenden frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuerim Aug erloschen — schlägt der Puls nur schwach,der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer —wenn wir dann hören einen Frühlingstagdie neue Jugend ihre Lieder singen,hier oben in dem alten Odinshain,sie sollen in Erinnerung uns bringenden frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuerim Aug erloschen — schlägt der Puls nur schwach,der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer —wenn wir dann hören einen Frühlingstagdie neue Jugend ihre Lieder singen,hier oben in dem alten Odinshain,sie sollen in Erinnerung uns bringenden frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuer

im Aug erloschen — schlägt der Puls nur schwach,

der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer —

wenn wir dann hören einen Frühlingstag

die neue Jugend ihre Lieder singen,

hier oben in dem alten Odinshain,

sie sollen in Erinnerung uns bringen

den frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Die beiden letzten Reihen enthielten kein Versprechen, hatten überhaupt keinen Sinn. Ein Programm wurde nicht gegeben. Daß das Lied im Norden verstummt sei,schwebte dem Jüngling vor; wie aber der neue Ton lauten sollte, gab er nicht an. Daß er oder die Verbindung neue Lieder beginnen werde, ließ er nicht durchblicken. Eine dunkle Ahnung ist in dem Gedicht, daß sie Epigonen seien. Es spricht nämlich die Besorgnis aus, die Nachwelt werde ihnen keinen Marmor errichten, sie würden verschwinden im Grab des Vergessens. Das Ganze ist eine Mischung von Bescheidenheit und Unverschämtheit, die für den Mann bezeichnend ist.

Ein poetisches Faulenzerleben begann. Jeden Abend kam man zusammen, entweder in der Kneipe oder bei einem Bundesbruder. Aber für einen künftigen Schriftsteller war die Zeit nicht verloren. Johan konnte aus der reichen Bibliothek der Kameraden schöpfen; durch den Meinungsaustausch gewöhnte er sich daran, die Literatur von vielen Gesichtspunkten zu sehen. Doch das Leben, die allgemeinen Interessen, die Politik des Tages, die existierten noch nicht; man lebte in Träumen.

Zuweilen erwachte sein Unterklassenbewußtsein und er fragte sich, was er unter den reichen Jünglingen zu schaffen habe. Doch er beruhigte sein Gewissen durch Rausch und Gespräche; er redete sich Mut ein, weiter zu gehen, etwas vom Leben zu verlangen. Denn er hatte, nach der Ansicht der Kameraden, einen guten Einsatz.

Seine Kammer war schlecht; es regnete durchs Dach, ein Bett war nicht vorhanden: nur eine Pritsche, die am Tage Sofa war. Wenn ihm die Zeit lang wurde und die poetischen Gespräche ihn ekelten, suchte er seinen alten Kameraden, den Naturforscher, auf. Da konnte er durchs Mikroskop sehen, hörte von Darwin und der neuen Weltanschauung sprechen. Dort fand er Rat, praktischen, wohlwollenden; und dieser Freund war es, der ihn ermahnte, für das Königliche Theater einen Einakter in Versen zu schreiben.

— Nein, in einem Akt habe ich keinen Spielraum; dann lieber ein Trauerspiel in fünf.

— Aber das ist schwerer zur Annahme zu bringen.

Schließlich ließ er mit sich sprechen und beschloß, eine kleine Idee auszuführen, die von Thorwaldsens erstemBesuch in Rom handelte. Sein Freund lieh ihm Bücher über Italien, und er begann zu arbeiten.

In vierzehn Tagen war das Stück fertig.

— Das wird gespielt werden, sagte der Freund. Das sind Rollen, siehst du!

Da es bis zur nächsten Zusammenkunft der Verbindung noch weit war, eilte Johan am Abend zu Thurs und Rejd hinauf und las ihnen das Stück vor. Sie waren beide der Meinung des Naturforschers: das Stück werde gespielt.

Und sie schmausten und tranken Champagner; hielten Reden und tranken bis zum Morgen; bis sie auf Rejds Fußboden einschliefen, die Punschgläser neben sich. Sie erwachten in einigen Stunden, leerten bei Sonnenaufgang die halbvollen Gläser und gingen hinaus, um weiter zu feiern.

Die Teilnahme der beiden war herzlich, uninteressiert, warm, ohne eine Spur von Neid. Immer erinnerte sich Johan gern an diesen seinen ersten Erfolg: es war eine seiner besten Jugenderinnerungen.

Der schwärmerische ergebene Rejd vermehrte die Dankbarkeitschuld, indem er mit seiner zierlichen Handschrift das Stück ins Reine schrieb. Dann wurde das Erzeugnis an die Direktion des Königlichen Theaters gesandt.

Der Frühling kam und den Mai verlebte man in einem einzigen Rausch. Die Verbindung hatte eine Klause im „Kleinen Verderben‟ für ihre Abendschmäuse ausersehen. Dort wurde gesprochen, Reden gehalten, unmäßig getrunken.

Schließlich mußte man sich trennen, da die Ferien begannen; verabredete aber, sich noch einmal in Stockholm zu treffen, um durch einen Ausflug ins Grüne den Feiertag der Verbindung zu begehen.

An einem Junimorgen um sechs Uhr versammelten sich die vier Stammbrüder der Verbindung im Hafen von Stockholm, wo ein Ruderboot gemietet war. Die Bundeslade, ein großer Karton, in dem die Akten verwahrt wurden, verstaute man neben Mundvorrat und Flaschenkörben. Nachdem Os und Rejd die Ruder genommen, steuerte man auf den Kanal zu, der durch den Tiergarten führt, um den Bestimmungsort, eine Landzunge auf der Lidinginsel, zu erreichen.

Thurs blies Bellmansche Melodien auf einer Flöte und Frö (Johan) begleitete ihn auf einer Gitarre, die er in Upsala spielen gelernt hatte.

Sobald man gelandet, wurde auf einer Wiese am Strande das Frühstück gedeckt. Mitten auf das Tischtuch wurde die Bundeslade gestellt, mit Grün und Blumen bekleidet; auf die stellte man die Branntweinflasche nebst Gläsern. Johan, der für sein in Griechenland spielendes Trauerspiel griechische Altertümer studiert hat, ordnet die Mahlzeit auf griechische Art: die Gäste essen liegend und bekränzt. Darauf macht man zwischen einigen Steinen ein Feuer und kocht Kaffee. Um neun Uhr morgens wird Kognak und Punsch getrunken.

Johan liest sein religiöses Drama „Der Freidenker‟ vor. Nach der Vorlesung wird es kritisiert. Dann läßt man der Beredsamkeit freien Lauf. Thurs ist der größte Sprecher; er macht Gefühlen und Gedanken in gebundener Form Luft. Gedichte werden vorgelesen und mit Beifall aufgenommen.

Man musiziert. Johan singt zur Gitarre, bald romantische Volkslieder mit weinerlichem Vortrag, bald unanständige Weisen.

Als der Mittag kommt, sind die Geister noch heiß, aber etwas schläfrig.

Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.

Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei; daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich erleichtert hat, wird er wieder froh.

Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen. Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang desLeidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich, daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe beieinander.

Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.

Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe, daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein Liedersänger, ja meinetwegen;aber ein großer Dichter, der größte Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!

Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis, Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben? Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte, brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja, Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.

Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er, als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut, im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude, denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater des garstigen alten Junggesellen Konjander.

Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime; hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt. Das ist Text für Musik, und als solchen kannman sogar das Adreßbuch benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.

Wie gewöhnlich, nahm Thurs es persönlich. Es war ein Angriff auf seinen guten Geschmack und auf seine Sitten. Johan behauptete nämlich, er heuchle diese Bewunderung nur, er habe sie sich angelesen, sie sei nicht echt. Thurs erklärte Johan für übermütig, weil er den größten Dichter meistern wolle.

— Beweise, daß er der größte ist!

— Tegnér, Atterbom haben es gesagt....

— Das ist kein Beweis!

— Natürlich, Widerspruchsgeist!

— Der Zweifel ist der Gewißheit Anfang, und Sinnlosigkeiten müssen bei einem gesunden Gehirn Widerspruch erregen.

Und so weiter!

Während es kein allgemeines oder allgemein gültiges Urteil gibt, da ja jedes Urteil persönlich ist, so gibt es dagegen Urteile der Mehrheit und der Partei. Johan wurde mit diesen geduckt und schwieg seitdem über Bellman mehrere Jahre lang. Als später der alte Fryxell nachwies, daß Bellman kein Apostel der Nüchternheit gewesen, zu dem ihn Eichhorn und Ljunggren gemacht hatten; auch kein Gott, sondern ein mäßiger Liedersänger, da sah Johan einen Funken von Hoffnung, daß sein persönliches Urteil auch einst das Urteil der Mehrheit werden könne. Da sah er die Frage aber schon von einem andern Gesichtspunkt: Schweden würde weder unglücklicher noch schlechter sein, wenn Bellman niemals gelebt hätte. Da hätte er den Patrioten und Demokraten sagen mögen: Bellman war ein Stockholmer Dichter, ein royalistischer Hofpoet, der mit den kleinen Leuten recht grausam scherzte. Da hätte er den Goodtemplern, die Bellman singen, sagen mögen: Ihr singt Trinklieder, die beim Trinken geschrieben sind und das Trinken besingen.

Persönlich blieb er dabei, daß Bellman angenehm zu singen ist wegen der leichten französischen Melodien; und von der vorurteilsfreien französischen Moral war er durchaus nicht verletzt, im Gegenteil. Jetzt aber mit einundzwanzig Jahren wurde er verletzt, denn er warIdealist und verlangte Reinheit in der Poesie, ganz wie die überlebenden Idealisten und Verehrer Bellmans von heute (1886).

Diese haben sich und ihre Moral unter das Wort Humor gerettet. Was aber meinen sie mit Humor? Ist es Scherz oder Ernst? Was ist denn Scherz? Des Feigen Scheu, seine Meinung zu sagen? Im Humor findet sich die Doppelnatur des Menschen wieder: des Naturwesens Gleichgültigkeit gegen hergebrachte Moral und des Christen Seufzen über das Unmoralische, das doch so lockend, so verführerisch ist. Der Humor spricht mit zwei Zungen: des Satyrn und des Mönches. Der Humorist läßt die Mänade los, glaubt sie aber aus alten schlechten Gründen mit Ruten peitschen zu müssen. Es ist eine Übergangsform, die im Sterben liegt und in den unteren Stadien ihr letztes Leben lebt. Die großen modernen Geister haben die Rute fortgefegt und heucheln nicht länger, sondern sprechen gerade heraus. Die alte Säufersentimentalität kann nicht mehr für gutes Herz gelten, da man entdeckt hat, daß es nur schlechte Nerven sind.

Nachdem man sich müde gestritten hatte, stieg die Verbindung an Land. Es war jetzt helle Sommernacht. Mit Eßkörben und Gitarre, die Bundeslade an der Spitze, zogen sie, als wahre Idealisten, zu Mädchen.

Bei Sonnenaufgang saß die Verbindung am offenen Fenster in der Apfelbergstraße. Man tischte aus den Eßkörben auf, Gitarre und Flöte erklangen wieder, die Lieder des Horaz an Lydien und Chloen wurden rezitiert, und in weichen Betten wurden der Aphrodite Pandemos die Feuer der Liebe entzündet.

Die Geschichte der Entwicklung einer Seele kann man zum Teil schreiben, indem man eine einfache Bibliographie gibt; ein Mensch, der in kleinen Kreisen lebt und niemals die Besten persönlich trifft, sucht ihre Bekanntschaft durch die Bücher zu machen. Daß dieselben Bücher doch nicht denselben Eindruck und dieselbe Wirkung auf alle üben, zeigt ihre relative Unfähigkeit, jemanden zu bekehren. Die Kritik zum Beispiel, die mit unserer Ansicht übereinstimmt, nennen wir gut; die unserer Ansicht widerspricht, ist eine schlechte Kritik. Wir scheinen also mit vorgefaßten Ansichten zum mindesten erzogen zu sein, und das Buch, das diese stärkt, klärt, entwickelt, macht auf uns Eindruck. Die Gefahr einer einseitigen Bildung durch Bücher ist die, daß die meisten Bücher, besonders gegen das Ende einer Kulturperiode und vor allem an der Universität, veraltet sind. Der Jüngling, der von Eltern und Lehrern alte Ideale erhalten hat, wird also, ehe er fertig ist, notwendig veraltet sein; beim Eintritt ins Mannesalter muß er gewöhnlich sein ganzes Lager von alten Idealen fortwerfen und sich gleichsam aufs neue gebären. Die Zeit ist an ihm vorbeigegangen, während er in den alten Büchern las, und er ist ein Fremder mitten in seiner Zeit.

Johan hatte seine Jugend hingebracht, um über die Vergangenheit klar zu werden. Er kannte Marathon und Cannae, den spanischen Erbfolgekrieg und den Dreißigjährigen Krieg, Mittelalter und Altertum; als aber jetzt im Sommer der große Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, wußte er nicht, um was es sich handelte. Er las darüber wie über ein Theaterstück: interessierte sich für den Ausgang, um zu erfahren, wie es gehen werde.

Während er im Sommer bei den Eltern wohnte, lag er draußen im Park im Grase und las Öhlenschläger. Zur Doktorprüfung mußte er innerhalb des Hauptfaches Ästhetik ein besonderes Gebiet wählen; er hatte sich, von Dietrichsons Vorlesungen angelockt, für die dänische Literatur entschieden. In Öhlenschläger hatte er die Höhe nordischer Poesie gefunden; das war für ihn die Poesie der Poesie; das Unmittelbare, das er bewunderte, vielleicht vor allem, weil es ihm fehlte. Etwas trug dazu wohl auch die dänische Sprache bei, die ihm wie ein idealisiertes Schwedisch vorkam und wie die Muttersprache von den Lippen eines aus der Ferne angebeteten Weibes klang. Als er „Helge‟ gelesen, schätzte er „Frithjofs Sage‟ gering, fand sie klotzig, nüchtern, pfaffenhaft, unpoetisch.

Öhlenschläger war ein Buch, das durch den Gegensatz als Ergänzung wirkte; vielleicht fand auch dessen Romantik ein Echo bei dem Jüngling, der jetzt zur poetischen Tätigkeit erwacht war und glaubte, daß Poesie und Romantik zusammenfallen. Auch trugen dazu bei: erstens seine Neigung für das Nordische, das Öhlenschläger ja entdeckt hat; zweitens seine jetzige unglückliche Liebe zu einem blonden blassen Mädchen, das mit einem Leutnant verlobt war. Öhlenschläger machte darum auch nur einen vorübergehenden Eindruck, der kaum ein Jahr dauerte; es war eine leichte Frühlingsbrise, die vorbeistrich.

Schlimmer war es mit den ästhetischen Systemen, wie sie Ljunggren dargestellt hatte. Zwei eng gedruckte Bände Berichte über die Ansichten, die alle Philosophen über das Schöne gehabt haben; aber eine annehmbare Definition ergab sich nicht.

Als Johan auf dem Nationalmuseum die Antike studierte, hatte er sich gefragt, wie der häßliche „Schleifer‟ unter die schönen Künste gekommen sei; wie die Kneipenszenen der holländischen Genremaler als Material schön sein könnten, obwohl sie nicht verschönert waren und diese Szenen in der Wirklichkeit schmutzig genannt wurden. Darauf antworteten die Philosophen nicht. Sie machten Ausflüchte und stellten die eine Rubrik nach derandern auf, ohne das Häßliche unter einem andern Vorwand einverleiben zu können, als daß sie es als Kontrastwirkung und als komisch hinstellten. Der Argwohn war jetzt aber erwacht, daß das Schöne nicht immer schön sei.

Ferner plagten ihn Zweifel, ob objektive Geschmacksurteile möglich seien. Er hatte in der eben begründeten „Schwedischen Zeitschrift‟ gelesen, wie man über Kunstwerke stritt; hatte gesehen, wie beide Gegner gleich gut ihre entgegengesetzten Ansichten verteidigten. Der eine suchte das Schöne in der Form, der zweite im Inhalt, der dritte in der Harmonie zwischen beiden. Ein gut gemaltes Stilleben kann also höher stehen als Niobe; denn diese Gruppe ist nicht schön in den Linien; besonders der Faltenwurf der Hauptfigur ist höchst geschmacklos, wenn auch das Urteil der Mehrheit das Werk für erhaben hält. Das Erhabene braucht also nicht schön in der Form zu sein.

Die Frucht der Studien war, daß alle Urteile des Geschmacks sich als subjektiv erwiesen, da sie von Subjekten gefällt werden; daß die sogenannten objektiven Urteile nur subjektive sind, welche die Mehrheit für sich gewonnen oder sich eingebürgert haben.

Während er diesen Grübeleien nachhing, fiel ein Buch in seine Hand, das wie ein Blitz ins Dunkel des Zweifels einschlug und ein neues Licht über die ganze Welt des Schönen warf. Das waren Georg Brandes' „Kritiken und Porträts‟, die in diesem Sommer erschienen und im „Abendblatt‟ besprochen wurden. Ein neues fertiges System lag hier nicht vor, aber über das Ganze verbreitete sich eine neue Beleuchtung. Alle der deutschen Philosophie entlehnten Worte: Inhalt und Form, schön, erhaben, charakteristisch, fehlten; und ganz sicher hatte der Autor nicht die ästhetischen Systeme angewandt, um einen Maßstab zu erhalten. Aber welchen Zirkel er benutzte, erfuhr man noch nicht. Brandes schrieb nicht wie die andern; sah nicht wie die andern; schien einen feineren Gedankenmechanismus zu haben als die Alten. Er ging von der vorliegenden Tatsache aus; untersuchte die; zerpflückte das Kunstwerk; zeigte dessen Anatomieund Physiologie, ohne bestimmt zu sagen, ob es schön oder nicht schön sei.

Das war die neue Methode der französischen Ästhetik, die mit Taine von England eingeführt worden und jetzt auf die Kunst angewandt wurde. Die ganze alte Ästhetik, die dabei stehen geblieben war, das sei gut, das sei nicht gut, war damit abgetan. Das Kunstwerk lag da als eine Äußerung der Tätigkeit des menschlichen Geistes, gestempelt von der Zeit, von der es ausgegangen; geprägt von der Persönlichkeit. Es sollte nur behandelt werden als ein Dokument, eine Handlung, welche die innere Geschichte der Zeit betrifft. Das Schönheitsideal wechselt mit Land, Volk, Klima; Rubens fettansetzende Frauen waren ebenso schön oder unschön wie Raffaels zu Madonnen verkleidete Geliebte.

Damit wurde die Frage auf einen Punkt gebracht, wo sie weder von subjektiven noch von objektiven Urteilen erreicht werden konnte. Die Kritik hatte damit alle absoluten Urteile verworfen und erkannte nur die Methode der Erklärung an. Wie konnte es auch anders sein, da jedes Urteil, von einer bestimmten Persönlichkeit oder einer persönlichen Partei gefällt, von einer eingelernten Anschauung bestimmt, von der Epoche abhängig, nur ein relatives und persönliches Urteil werden konnte.

Damit war aber auch die Kritik für unmöglich erklärt. Denn wer anders als der Dichter oder der Künstler selbst konnte die Entstehung des Kunstwerkes erklären? Wer außer ihnen kannte alle geheimen Fäden, alle Beweggründe, alle Interessen, die bei der Arbeit mitgewirkt hatten? Aber der Dichter oder Künstler war ja parteiisch. kannte selten sich selbst, besonders wenn er in dem seligen Selbstbetrug des Unbewußten lebte; und er war ja gezwungen, um sich nicht zu schaden, die Geheimnisse seines Berufes geheimzuhalten.

In der schwierigen Frage, ob der Inhalt oder die Form vorzuziehen sei, ging Brandes bestimmt zum Inhalt über. Damit ein Kunstwerk ein Zeitdokument werden soll, muß es in innigem Verhältnis zur Zeit stehen und wirklich etwas enthalten. Diese Auffassung fand ihren Ausdruck in der seitdem berühmt gewordenen Formel: „Problemunter Debatte‟. Aber das hatte ja schon der verketzerte Tendenzroman, dessen bekanntestes Opfer in Schweden Frau Schwartz gewesen, ins Werk gesetzt. Die Gefahr, die in dieser Lehre liegt, einsehend, zieht sich Brandes aus dem Spiel, indem er sich solche Folgerungen verbittet, ohne jedoch anzugeben, aus welchem Grunde.

Jedenfalls war hier von einem Ästhetiker der erste Schritt getan, um die Literatur aus der drückenden Sklaverei im Dienst der Kunst zu befreien. Vorher waren bereits Schritte zur Befreiung getan worden, indem die Zeitungsliteratur die meisten dichterischen Kräfte an sich gezogen. Der Dichter brauchte nicht länger der für sein Zeitalter gleichgültige Gaukler zu sein. Er konnte die Träume verlassen und in die Wirklichkeit seiner Zeit hinabsteigen. Damit war die Bahn für die Übergangsform eröffnet, die jetzt (1886) Realismus und Naturalismus heißt und die wohl in Selbstbiographie enden wird. Das ist der einzige Stoff, den ein Schriftsteller einigermaßen beherrschen kann, wenn er sich nämlich ganz der Unfreiheit seines Willens bewußt ist; sich also nicht scheut, aufrichtig zu sein. Das kann er nur sein, wenn er sich ganz klar darüber ist, daß er keineVerantwortungbesitzt.

Victor Hugos Romane hatten in Johan einen fruchtbaren Boden gefunden. Der Aufruhr gegen die Gesellschaft; die Naturverehrung des auf einer einsamen Insel hausenden Dichters; die Verhöhnung der immer herrschenden Dummheit; das Wüten gegen die Staatsreligion und das Schwärmen für Gott als den Schöpfer des Alls — all das, was im Keim bei dem Jüngling lag, begann zu keimen, wurde aber noch von dem herbstlichen Laub der alten Bücher erstickt.

Das Leben im Elternhause war jetzt still. Die Stürme hatten sich gelegt; die Geschwister waren herangewachsen. Der Vater, der noch immer über seinen Geschäftsbüchern saß, um zu berechnen, wie er ohne Schulden die Kinderschar versorgen könne, war älter geworden und sah jetzt ein, daß Johan auch älter war. Sie sprachen jetzt oft über allgemeine Fragen. Dem Deutsch-Französischen Kriege gegenüber verhielten sie sich ziemlich neutral. Als romanisierte Germanen liebten sie den Deutschen nicht. Sie fürchteten und haßten ihn als älteren Bruder eines Vaters, der ein gewisses Altersrecht vor dem Schweden hatte; aber sie vergaßen auch nicht, daß das siegende Preußen eine schwedische Provinz gewesen. Der Schwede war mehr Franzose geworden, als er wußte, und jetzt fühlte er sich verwandt mit der geliebten Nation. Abends, wenn sie im Garten saßen und der Wagenlärm aufgehört hatte, drangen die Klänge der Marseillaise vom Konzertgarten bis zu ihnen hinaus; und sie hörten die Hurrarufe, die bald verstummen sollten.

Im August, als die Theater wieder geöffnet wurden, erhielt Johan den so lange ersehnten Bescheid, sein Stück sei zum Spielen angenommen. Das war der erste Rausch des Erfolges, den er erlebte. Mit einundzwanzig Jahren ein Stück beim Königlichen Theater angebracht zu haben, das war etwas; das wog die ganze Last seiner Mißerfolge auf, die ihn niederdrückte. Von der ersten Bühne des Landes sollten seine Worte ins Publikum hinausgehen; das Mißgeschick mit dem Schauspielerberuf würde vergessen werden; der Vater würde einsehen, daß der Sohn in seiner so berüchtigten Unbeständigkeit richtig gewählt habe; alles würde wieder gut werden.

Im Herbst, bevor noch die Universität begann, wurde das Stück gespielt. Es war kindlich, fromm, verehrte die Kunst, enthielt aber einen dramatischen Effekt, der das magere Stück rettete: Thorwaldsen vor der Jasonstatue, die er mit einem Hammer zerschmettern will. Unverschämt war dagegen ein Ausfall gegen die Reimer. Was bezweckte der Dichter damit? Wie konnte ein Anfänger, der so viele Notreime hatte, es wagen, einen Stein auf die andern zu werfen? Das war eine Dummdreistigkeit, die sich auch bestrafte.

Johan schlich sich in den dritten Rang hinauf, um auf einem Stehplatz sich sein Werk anzusehen. Dort stand schon Rejd und der Vorhang war bereits in die Höhe gegangen. Johan hatte das Gefühl, als stehe er untereiner Elektrisiermaschine. Jeder Nerv zitterte, seine Beine schlotterten, die Tränen flossen die ganze Zeit über vor lauter Nervosität. Rejd mußte ihn bei der Hand fassen, um ihn zu beruhigen. Die Zuschauer äußerten hier und dort ihren Beifall, aber Johan wußte, es waren meistens Freunde und Verwandte, und ließ sich nicht täuschen. Jede Dummheit, die ihm in einem Verse entschlüpft war, schmerzte im Ohr und schüttelte ihn. Er sah lauter Unvollkommenheiten in seiner Arbeit; er schämte sich so, daß ihm die Ohren brannten; ehe der Vorhang fiel, lief er hinaus, hinaus auf den dunklen Markt.

Er war ganz vernichtet. Der Anfall auf die Priester war dumm und ungerecht; die Verherrlichung der Armut und des Hochmuts erschien ihm falsch; seine Schilderung des Verhältnisses zum Vater war zynisch. Wie konnte er sich auf diese Weise bloßstellen! Es war ihm, als habe er seine Blöße gezeigt, und Scham war das stärkste Gefühl, das er kannte. Die Schauspieler dagegen fand er gut; die Inszenierung war stimmungsvoller, als er sie sich geträumt hatte. Alles war gut, nur das Stück nicht. Er irrte unten am Wasser umher und wollte sich ertränken.

Daß er seine Gefühle gezeigt hatte, regte ihn am meisten auf! Wie kam das? Und warum schämt man sich im allgemeinen deshalb? Warum sind die Gefühle so heilig? Vielleicht weil Gefühle im allgemeinen falsch sind, da sie nur eine physische Sensation ausdrücken, welche die Persönlichkeit nicht ganz mitmacht. Wenn es wirklich so ist, dann schämte er sich als Alltagsmensch darüber, beim Schreiben unwahr gewesen zu sein und sich verkleidet gezeigt zu haben.

Beim Anblick der Leiden eines Menschen gerührt werden, gilt für schön und verdienstvoll, aber es soll nur eine Reflexbewegung sein. Man verlegt des andern Leiden in sich selbst, und man leidet über sein eigenes Ich. Eines andern Tränen können einen zum Weinen verlocken, ebenso leicht wie eines andern Gähnen zum Gähnen. Johan schämte sich, daß er gelogen und sich selber ertappt hatte. Aber das Publikum ertappte ihn nicht.

Niemand ist ein so unbestechlicher Kritiker wie der Bühnendichter, der sein eigenes Stück sieht. Er läßt kein Wort durch sein Sieb durch. Er schiebt die Schuld nicht auf die Schauspieler, denn die bewundert er gewöhnlich, da sie seine Dummheiten mit solchem Geschmack sagen können. Und Johan fand das Stück dumm. Es hatte ein halbes Jahr gelegen; vielleicht war er ihm entwachsen.

Ein Nachstück wurde gespielt, das zwei Stunden dauerte. Während der ganzen Zeit irrte er draußen in der Dunkelheit, in den Alleen umher und schämte sich.

Er hatte mit Freunden und Verwandten verabredet, nach dem Stück im Hotel du Nord ein Glas zu trinken; aber er blieb aus. Er sah, wie sie nach ihm suchten, aber er wollte sie nicht treffen. Und sie gingen wieder hinein, um das zweite Stück zu sehen.

Endlich war das Theater aus. Die Zuschauer strömten hinaus und zerstreuten sich über die Alleen. Er lief von ihnen fort, um nicht ihre Urteile hören zu müssen.

Zuletzt sah er eine einzige Gruppe unter dem Regendach des Dramatischen Theaters stehen. Sie sahen nach allen Richtungen; sie riefen ihn. Schließlich trat er vor, bleich wie eine Leiche und düster.


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