5.Mit der Oberklasse.

STRINDBERGS ELTERNHAUSbei der Klarakirche zu Stockholm

STRINDBERGS ELTERNHAUSbei der Klarakirche zu Stockholm

Diese Kinder hatten gleichzeitig irgendein Gewerbe, hatten schwarze Hände, waren recht alt, bis zu vierzehn,fünfzehn Jahren. Viele von ihnen segelten im Sommer mit der Brigg Carl Johan und erschienen dann im Herbst in teerigen Leinwandhosen, mit Schmachtriemen und Messer. Sie schlugen sich mit Schornsteinfegern und Tabaksbindern, tranken einen Appetitschnaps in der Frühstückspause, besuchten Kneipen und Cafés. Unaufhörlichen Untersuchungen und Ausweisungen waren diese Knaben ausgesetzt und galten allgemein, aber sehr mit Unrecht, für schlechte Kinder. Viele von ihnen sind seitdem tüchtige Bürger geworden, und einer, der auf Carl Johan (der Strolchbrigg) gesegelt hat, endete später als Offizier bei der Garde. Er hat niemals von seiner Segelfahrt zu sprechen gewagt; wenn er aber die Wachtparade am Hafen vorbeiführt und die berüchtigte Brigg dort liegen sieht, überläuft ihn ein Schauder, sagt er.

Eines Tages traf Johan einen früheren Kameraden von der Klaraschule. Er suchte ihm auszuweichen. Der aber geht auf Johan zu und fragt ihn, in welche Schule er jetzt gehe.

— So, du gehst in die Strolchschule, sagte der Kamerad.

Johan fühlte, daß er „heruntergekommen‟ war, aber er hatte es selbst gewünscht. Er stach durchaus nicht von den Kameraden ab, sondern fühlte sich bei ihnen zu Hause, mit ihnen verwandt; er gedieh hier besser als in der Klaraschule, denn hier drückte nichts von oben. Er wollte selber nicht in die Höhe steigen und irgendeinen unterdrücken, sondern er litt unter Druck von oben. Er wollte nicht hinauf, sondern hatte den Wunsch, daß es dort oben überhaupt niemand gebe. Aber es wurmte ihn doch, daß die alten Kameraden glaubten, er sei heruntergekommen. Und als er beim Schauturnen in die dunkle Schar der Jakobiner kam und den lichten Rotten der Klaristen mit ihren feinen Sommeranzügen und hellen Gesichtern gegenüberstand, da sah er den Klassenunterschied; fiel dann das Wort „Strolche‟ vom anderen Lager, dann war Krieg in der Luft. Zuweilen schlugen die beiden Schulen sich, aber Johan ging nie mit, Er wollte die alten Freunde nicht sehen und seine Erniedrigung nicht zeigen.

Der Prüfungstag bot in Jakob einen anderen Anblick als in Klara. Handwerker, dürftig gekleidete Mütter, herausgeputzte Speisewirtinnen, Fuhrleute, Schenkwirte bildeten die Zuschauer. Und die Rede, die der Schulvorsteher vor der Versammlung hielt, war etwas anderes als die heitere Blumenrede des Erzbischofs. Er las die Namen der Faulen (oder fürs Lernen schwach Begabten); schalt Eltern, weil ihre Kinder zu spät gekommen oder ausgeblieben waren. Der Saal hallte wider vom Weinen armer Mütter, die vielleicht diese leichterklärlichen Versäumnisse nicht verschuldet hatten. Jetzt glaubten sie in ihrer Einfalt, schlechte Söhne zu haben.

Dann kamen die Prämien. Es waren immer die Söhne wohlhabender Bürger, die sich ganz ihren Aufgaben hatten widmen können, die jetzt als Musterschüler begrüßt wurden.

Die Moral, die doch die Lehre von Pflichten und Rechten sein sollte, schließlich aber eine Lehre von den Pflichten unseres Nächsten gegen uns geworden ist, trat nur als eine große Gesetzsammlung von Pflichten auf. Noch hatte das Kind nicht von einem einzigen menschlichen Recht sprechen hören. Alles erhielt es aus Gnade: lebte aus Gnade, aß aus Gnade, durfte aus Gnade die Schule besuchen. Hier in der Schule der Armen verlangte man noch mehr von den Kindern: man verlangte von den Armen, daß sie heile Kleider hatten. Wo sollten sie die hernehmen? Man tadelte ihre Hände, weil sie durch Berührung von Teer und Pech schwarz geworden waren. Man verlangte Aufmerksamkeit, feines Benehmen, Höflichkeit — also alles, was man nicht verlangen konnte. Der Schönheitssinn des Lehrers verführte ihn oft zu Ungerechtigkeiten.

Johan hatte einen Nebenmann, der nie gekämmt war, eine Wunde unter der Nase hatte, aus dessen Ohren ein übelriechender Fluß kam. Seine Hände waren unrein, seine Kleider fleckig und zerrissen. Selten konnte er seine Aufgaben, wurde immer getadelt und kriegte Schläge auf die Handfläche. Eines Tages wurde er von einem Kameraden beschuldigt, Ungeziefer in die Klasse verschleppt zu haben. Da wurde ihm ein besonderer Platz angewiesen; er war ausgestoßen. Er weinte bitter, o wie bitter. Dann blieb er aus. Johan wurde als derzeitiger Klassenkustos ausgeschickt, um ihn zu suchen. In der Totengräbergasse wohnte er. In einem Zimmer wohnte die Malerfamilie mit Großmutter und vielen kleinen Kindern. Georg, so hieß der Junge, hatte eine kleine Schwester auf dem Schoß, die verzweifelnd schrie. Die Großmutter hatte ein anderes Kind in ihren Armen. Vater und Mutter waren auf Arbeit gegangen, jeder an seine Stelle. In diesem Zimmer, das niemand aufräumte und das nicht aufgeräumt werden konnte, roch es nach den Schwefeldämpfen des Koks und dem Unrat der Kinderchen; hier wurden Kleider getrocknet, Essen bereitet, Ölfarbe gerieben, Kitt geknetet.

Hier lagen alle Motive zu Georgs Immoralität klar zutage. Aber, wendet immer ein Moralist ein, man ist nie so arm, daß man sich nicht heil und rein halten kann. Wie einfältig! Als ob Nähen (wenn man etwas Heiles zu nähen hat), Seife, Wäsche, Zeit nichts kosten! Heile Kleider haben, rein sein, sich satt essen können, ist wohl das Höchste, das der Arme erreichen zu können glaubt. Georg konnte es nicht und deshalb wurde er ausgestoßen.

Neuere Moralisten haben die Entdeckung zu machen geglaubt, daß die Unterklasse unmoralischer ist als die Oberklasse. Unter unmoralisch verstand man dieses Mal, daß sie soziale Verträge nicht so gut hält wie die Oberklasse. Das ist ein Irrtum, wenn nichts Schlimmeres. In allen Fällen, in denen die Unterklasse nicht von Not gezwungen wird, ist sie pflichttreuer als die Oberklasse. Sie ist auch barmherziger gegen ihresgleichen, milder gegen die Kinder, vor allem geduldiger. Wie lange hat sie nicht geduldet, daß ihre Arbeit von der Oberklasse benutzt wird, bis sie schließlich ungeduldig geworden ist!

Übrigens hat man immer die Moralgesetze so schwebend wie möglich halten wollen. Warum werden sie nicht in Schrift und Druck festgelegt wie das göttliche und das bürgerliche Gesetz? Vielleicht weil ein ehrlichgeschriebenes Moralgesetz auch die Rechte des Menschen aufnehmen müßte.

Johan begann sich jetzt gegen die Aufgaben zu empören. Zu Hause las er alles Mögliche, aber die Aufgaben machte er nachlässig. Die vornehmsten Lehrfächer der Schule waren jetzt Latein und Griechisch. Die Methode des Unterrichts war sinnlos. Ein halbes Jahr brauchte man, um einen Feldherrn im Nepos zu übersetzen. Der Lehrer hatte eine Art, die Sache verwickelt zu machen; die bestand darin, daß der Schüler „die Konstruktionsordnung herausnehmen‟ sollte. Aber er erklärte nie, was das zu bedeuten hatte. Es bestand nämlich darin, daß man die Worte des Textes in einer gewissen Ordnung vorlas; aber in welcher, das sagte er nie. Mit der Übersetzung fiel sie nicht zusammen. Als der Knabe einige Versuche gemacht hatte, den Zusammenhang zu begreifen, aber nicht zur Klarheit kommen konnte, schwieg er. Er wurde halsstarrig, und als er zum Übersetzen aufgerufen wurde, schwieg er, obwohl er die Aufgabe konnte. Denn sobald er anfing, hagelte es Tadel: über den Tonfall der Worte, das Tempo, die Stimme.

— Kannst du nicht? Verstehst du nicht? rief der Lehrer außer sich.

Der Knabe schwieg und blickte den Pedanten verächtlich an.

— Bist du stumm?

Er schwieg. Jetzt war er zu alt, um Schläge zu bekommen, die man sich außerdem abzugewöhnen anfing. Und so mußte er sich setzen.

Er konnte den Text übersetzen, aber nicht auf die einzige Art, die der Lehrer wollte. Daß der Lehrer es nur auf eine einzige Art haben wollte, fand der Junge albern. Er hätte den ganzen Cornelius Nepos in wenigen Wochen durchgestürmt; dieses absichtliche, unvernünftige Kriechen, während man doch laufen konnte, drückte ihn nieder. Er sah keinen Sinn darin.

Dasselbe war in der Geschichtsstunde der Fall.

— Nun, Johan, sagte der Lehrer ungefähr, erzähle uns jetzt, was du von Gustav dem Ersten weißt.

Der Knabe erhebt sich von seinem Platze, und zügellos kommen ihm die Gedanken ungefähr so:

— Was ich von Gustav dem Ersten weiß? Oh, das ist sehr viel. Aber das wußte ich in der ersten Klasse schon (jetzt ist er in der vierten), und das weiß der Lehrer auch. Was hat es denn für einen Zweck, alles herzuplappern?

— Ist das alles, was du weißt?

Er hat nicht ein Wort gesagt, und die Kameraden lachen. Jetzt wird er böse. Er versucht zu sprechen, aber die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Womit soll er beginnen? Gustav war auf Lindholm in der Landschaft Roslagen geboren. Aber das wußte er ja vorher und der Lehrer auch. Wie dumm, das noch einmal wiederzukauen.

— Du kannst also deine Aufgabe nicht? Du weißt gar nichts von Gustav dem Ersten?

Jetzt öffnet er den Mund und sagt kurz und bestimmt:

— Doch, das kann ich gewiß!

— So, du kannst es? Warum antwortest du denn nicht?

Er war der Ansicht, der Lehrer frage zu dumm; jetzt wollte er nicht antworten. Er ließ alle Gedanken an Gustav den Ersten fallen und dachte mit aller Gewalt an etwas anderes: an die Karten an der Wand, die Lampen an der Decke. Er machte sich taub.

— Dann setz dich, da du deine Aufgabe nicht kannst, sagt der Lehrer.

Er setzt sich und läßt seinen Gedanken freien Lauf, nachdem er sich dafür entschieden, daß der Lehrer gelogen hat.

Es lag darin etwas von Sprachstörung, der Unfähigkeit oder Unlust zu sprechen. Diese Aphasie begleitete ihn lange durchs Leben, bis der Rückschlag kam in der Form von Schwatzhaftigkeit, der Unfähigkeit, den Mundzu halten; dem Trieb, alles auszusprechen, was der Gedanke erzeugte.

Die Naturwissenschaften lockten ihn. In den Stunden, in denen der Lehrer der Schulbotanik farbige Figuren von Pflanzen und Bäumen zeigte, schien ihm das dunkle Zimmer heller zu werden. Wenn der Lehrer aus Nilssons Fauna über das Leben der Tiere vorlas, dann lauschte er und merkte sich alles.

Aber der Vater sah, daß es mit den andern Lehrfächern schlecht ging. Besonders mit Latein. Aber Johan mußte Latein und Griechisch lernen. Warum? Er war wohl dazu ausersehen, Student zu werden. Der Vater stellte eine Untersuchung an. Als er vom Lateinlehrer hörte, der halte seinen Sohn für einen Idioten, muß das sein Selbstgefühl verletzt haben. Er beschloß, den Jungen aus der Schule herauszunehmen und in eine Privatlehranstalt zu geben, deren Methoden vernünftiger waren. Ja, der Vater war so gereizt, daß er sich zu der Vertraulichkeit herabließ, Johans Verstand zu loben und zum ersten Male etwas Böses über seinen Lehrer zu sagen.

Indessen hatte diese Berührung mit den ärmeren Klassen bei Johan einen deutlichen Unwillen gegen die höheren erzeugt. In der Jakobischule herrschte ein demokratischer Geist: die Gleichalterigen fühlten sich immer auf gleicher Höhe mit einander. Keiner entzog sich des andern Gesellschaft aus andern Gründen als persönlicher Abneigung. In Klara gab es Kastenunterschied und Geburtsunterschied. In Jakob hätte Vermögen eine Aristokratie bilden können, aber es gab keine Vermögenden. Und die ganz Armen wurden von den Kameraden mit Teilnahme behandelt, ohne Herablassung, wenn auch der dekorierte Schulvorsteher und die akademisch gebildeten Lehrer Widerwillen gegen die Elenden zeigten.

Johan fühlte sich mit den Kameraden solidarisch und verwandt, war ihnen wohlgesinnt, empfand aber Scheu vor den Höheren. So wich er den großen Straßen aus. Ging immer die traurige Holländerstraße oder die arme Badestubenstraße.

Aber die Kameraden lehrten ihn die Bauern geringschätzen, die hier ihre Quartiere hatten. Das war Städteraristokratismus, den auch das unbedeutendste Stadtkind, wie arm es sein mag, eingesogen hat. Diese eckigen Figuren in grauen Röcken, die auf Milchkarren und Heufuhren saßen, wurden als lächerliche Menschen behandelt, untergeordnete Wesen, die man ungestraft mit Schneebällen bewerfen konnte. Sich an deren Schlitten anhängen, galt für ein selbstverständliches Vorrecht. Sie anschreien, das Wagenrad drehe sich rund, und sie dazu bringen, sich das Wunder anzusehen, war ein ständiger Witz.

Aber wie sollten Kinder, die nichts anderes sahen als eine Gesellschaft, in der das Schwerste unten lag und das Leichteste oben schwamm, umhin können, das, was unten lag, für schlechter zu halten? Aristokraten sind wir alle. Das ist allerdings zum Teil wahr, aber es ist dafür nicht gut, und wir müßten aufhören es zu sein. Die Unterklasse ist indessen in Wirklichkeit demokratischer als die Oberklasse: sie will nicht höher steigen, sondern nur auf ein Niveau kommen. Am liebsten möchte die Unterklasse das Gleichgewicht dadurch erreichen, daß sie das Niveau herabsetzt; dann braucht sie sich nicht bis zur Verzweiflung anzustrengen, um sich zu „erheben‟. Es gibt Aristokraten mit dem Namen Demokraten, die sich zu erheben suchen, um Druck ausüben zu können, aber sie sind bald durchschaut. Ein wahrer Demokrat möchte lieber das unberechtigt Erhöhte herabsetzen als sich „erheben‟. Man sagt von ihm, er wolle einen auf seinen niedrigen Standpunkt herabziehen. Der Ausdruck ist korrekt, hat aber eine falsche, häßliche Bedeutung erhalten.

Die Gesellschaft gehorcht dem Gesetz des Archimedes vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten in zusammenhängenden Röhren. Beide Flächen streben danach, in die gleiche Lage zu kommen. Aber Gleichgewicht kann nur dadurch eintreten, daß die höhere Fläche sinkt; dadurch wird gleichzeitig die niedrige erhöht. Dahin strebt die Arbeit der modernen Gesellschaft. Und es kommt dahin! Sicher! Und dann wird es ruhig.

Da er jetzt keine körperliche Arbeit mehr zu Hause tat, wurde sein Leben ausschließlich ein inneres, unwirkliches Gedankenleben. Er las zu Hause alles, was er in die Hände bekam. An den freien Nachmittagen Mittwochs und Sonnabends saß der Elfjährige in Schlafrock und Rauchmütze, die er vom Vater bekommen, eine lange Pfeife im Munde, die Finger in die Ohren gebohrt, vertieft in irgendein Buch, am liebsten ein Indianerbuch. Er hatte bereits fünf verschiedene Robinsonaden gelesen und sich unglaublich an ihnen ergötzt.

Aber in Campes Bearbeitung hatte er, wie alle Kinder, die Moral übersprungen. Warum hassen alle Kinder Moralpredigten? Sind sie unmoralisch von Natur? Ja, antworten die neuen Moralisten, denn sie sind noch Tiere und erkennen den Gesellschaftsvertrag nicht an. Ja, aber die Moral tritt bei den Kindern auch nur mit Pflichten und keinen Rechten auf. Die Moral ist darum ungerecht gegen das Kind, und das Kind haßt die Ungerechtigkeit.

Neben der Lektüre hatte er ein Herbarium angelegt, eine Insektensammlung, eine Mineralsammlung; auch las er die Flora von Liljeblad, die er in Vaters Bücherschrank gefunden hatte. Dieses Buch liebte er mehr als die Schulbotanik; darin standen eine Menge kleiner Dinge über den Nutzen der Pflanzen, während das andere Buch nur von Staubfäden und Stempeln sprach.

Wenn die Brüder ihn mit Absicht in seiner Lektüre störten, konnte er auffahren und sie mit Schlägen bedrohen. Dann sagte man, er sei überstudiert.

Die Verbindung mit den Wirklichkeiten des Lebens löste er auf; lebte ein Scheinleben in fremden Ländern, in seinen Gedanken; war unzufrieden mit dem grauen einförmigen täglichen Dasein; mit seiner Umgebung, die ihm immer fremder wurde. Aber der Vater wollte nicht, daß er sich in seinen Phantasien verlor, deshalb gab er ihm kleine Aufträge, ließ ihn Zeitungen holen, schickte ihn zur Post. Johan hielt das für Eingriffe in seine persönlichen Rechte und tat es immer mit Mißvergnügen.

Es wird jetzt soviel über die Wahrheit und über „die Wahrheit sagen‟ gesprochen, als wäre das eine schwere Sache, die Lob verdiene. Wenn man vom Lob absieht, so ist es nicht ganz ohne, daß es schwierig ist, zu erfahren, wie sich etwas in Wirklichkeit verhält; denn das bedeutet ja die Wahrheit. Ein Mensch ist nicht immer der, für den sein Ruf ihn ausgibt; ja, eine ganze öffentliche Meinung kann falsch sein; hinter jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft, jedes Urteil ist von einer Neigung gefärbt. Aber die Kunst, Sachverhalt von Neigung zu trennen, ist grenzenlos schwer; so konnten sechs Berichterstatter zu gleicher Zeit sechs verschiedene Farben auf dem Krönungsrock des Kaisers sehen. Neue Gedanken werden von unsern automatischen Gehirnen nicht gern angenommen; ältere Leute glauben nur an sich selbst; Ungebildete bilden sich ein, daß sie doch ihren eigenen Augen glauben können, obwohl es soviel Gesichtstäuschungen gibt.

In Johans Häuslichkeit wurde die Wahrheit verehrt.

— Sprich immer die Wahrheit, was auch geschehen möge, wiederholte der Vater oft; dann erzählte er eine Geschichte von sich selber. Er hatte einmal einem Kunden versprochen, eine Ware an einem bestimmten Tage abzusenden. Er vergißt es, kann sich aber entschuldigen; denn als der wütende Kunde aufs Kontor kommt und ihn mit Schimpfworten überschüttet, antwortet der Vater damit, daß er demütig seine Vergeßlichkeit eingesteht, um Verzeihung bittet und sich bereit erklärt, den Verlust zu ersetzen. Moral: Der Kunde ist höchst erstaunt, reicht ihm die Hand, bezeugt seine Achtung. (Nebenbei: Kaufleute müssen nicht so hohe Forderungen an einander stellen!)

Der Vater hatte einen guten Kopf und als älterer Mann war er seiner Schlußfolgerungen sicher.

Johan, der niemals beschäftigungslos sein konnte, hatte eine Entdeckung gemacht: daß man sich den langen Weg nach und von der Schule vertreiben und zugleich reicher werden konnte. Er hatte einmal auf der trottoirlosen Holländerstraße eine Schraubenmutter gefunden. Die gefiel ihm, denn sie konnte an einerSchnur ein guter Schleuderstein werden. So ging er mitten auf der Straße und nahm alles Eisen auf, das er fand. Da die Straßen schlecht waren und übermütiges Fahren nicht verboten war, wurden die Wagen und Geräte sehr mißhandelt. Ein aufmerksamer Wanderer konnte sicher sein, jeden Tag einige Hufnägel, einen Bolzen und mindestens eine Schraubenmutter zu finden, manchmal auch ein Hufeisen. Johan liebte am meisten die Schraubenmuttern; die machte er zu seiner Spezialität. In wenigen Monaten hatte er wohl eine halbe Metze gesammelt.

Eines Abends spielt er damit, als der Vater ins Zimmer kommt.

— Was hast du da? fragt der Vater und macht große Augen.

— Das sind Schraubenmuttern, antwortet Johan sicher.

— Woher hast du die?

— Die habe ich gefunden.

— Gefunden? Wo?

— Auf der Straße.

— An einer Stelle?

— Nein, an vielen. Man geht mitten auf der Straße und sieht auf die Erde.

— Nein, hör mal, das glaube ich nicht. Das lügst du. Komm, ich muß anders mit dir reden.

Die Rede wurde mit dem Rohrstock gehalten.

— Willst du jetzt bekennen!

— Ich habe sie auf der Straße gefunden.

Es wird geprügelt, bis er „bekennt‟.

Was sollte er bekennen? Der Schmerz und die Furcht, der Auftritt werde kein Ende nehmen, zwangen ihm diese Lüge ab:

— Ich habe sie gestohlen.

— Wo?

Nun wußte er nicht, wo eine Schraubenmutter am Wagen sitzt, aber er mutmaßte, sie sitzen unten.

— Unter Karren.

— Wo?

Die Phantasie rief einen Ort hervor, wo viele Karren standen.

— Beim Bau gegenüber der Schmiedegasse.

Die genaue Bestimmung der Gasse machte die Sache wahrscheinlich. Der Alte glaubte jetzt sicher die Wahrheit erfahren zu haben. Und die Schlußfolgerungen begannen.

— Wie konntest du sie mit den bloßen Fingern nehmen?

Daran hatte er nicht gedacht. Er sah den Werkzeugkasten des Vaters vor sich.

— Mit einem Schraubenzieher.

Man kann Muttern nicht mit einem Schraubenzieher nehmen, aber die Phantasie des Vaters war einmal im Gang und ließ sich anführen.

— Aber das ist ja furchtbar! Du bist ja ein Dieb! Wenn nun die Polizei gekommen wäre.

Johan dachte einen Augenblick, ihn mit der Erklärung zu beruhigen, es sei ja alles Lüge; aber die Aussicht, mehr Schläge zu kriegen und kein Abendbrot zu bekommen, hielt ihn zurück.

Als er sich am Abend niedergelegt hatte und die Mutter kam und ihn bat, sein Abendgebet zu sprechen, sagte er pathetisch und mit erhobener Hand:

— Hol mich der Teufel, ich habe die Muttern nicht gestohlen.

Die Mutter sah ihn lange an; dann sagte sie:

— Du mußt nicht so fluchen!

Die Körperstrafe hatte ihn gedemütigt, ihn gekränkt; er war böse auf Gott, Eltern und am meisten auf die Brüder, die nicht für seine Sache Zeugnis abgelegt, obwohl sie den Verlauf kannten. Er sprach kein Gebet an diesem Abend, aber er wünschte, es möge Feuer ausbrechen, ohne daß er anzustecken brauche. Und auch noch Dieb!

Seit diesem Abend war er verdächtig, oder richtiger, sein schlechter Ruf hatte sich befestigt. Lange wurde er damit gepeinigt, daß man ihn an diesen Diebstahl erinnerte, den er nicht begangen hatte.

Ein anderes Mal machte er sich selber der Lüge schuldig, aber durch eine Unachtsamkeit, die er lange nichterklären konnte. (Wird Eltern zum Nachdenken empfohlen.) Ein Schulkamerad kommt mit seiner Schwester an einem Sonntagmorgen im Frühling zu ihnen und fragt, ob er mit in den Hagapark kommen wolle.

— Ja, das möchte ich, aber ich muß erst Mama um Erlaubnis fragen. (Papa war fort.)

— Dann beeile dich!

Ja, aber er muß dem Schulfreund erst sein Herbarium zeigen.

— Wollen wir jetzt gehen?

— Ja, aber ich muß erst Mama fragen.

Ein kleiner Bruder kommt und will mit dem Herbarium spielen. Der Unfug wird verhindert, jetzt aber soll der Besuch auch seine Mineralsammlung sehen.

Während der Zeit wechselt er seinen Kittel. Dann nimmt er ein Stückchen Brot aus dem Eßschrank. Die Mutter kommt und begrüßt die Kinder. Man spricht von dem einen und dem andern. Johan hat es eilig, bringt die Sachen hinein und führt seine Freunde in den Garten hinaus, um ihnen den Froschteich zu zeigen. Endlich gehen sie nach Haga. Er, ruhig in dem vollen Glauben, die Mutter um Erlaubnis gefragt zu haben.

Der Vater kommt nach Haus.

— Wo bist du gewesen?

— Ich bin mit den Freunden im Hagapark gewesen.

— Hast du von Mama Erlaubnis gehabt?

— Ja.

Die Mutter widerspricht. Johan verstummt vor Bestürzung.

— So, du lügst?

Er ist sprachlos. Aber er war so sicher, daß er die Mutter um Erlaubnis gebeten hatte, um so mehr, als keine abschlägige Antwort zu befürchten war. Er war ja fest entschlossen gewesen, es zu tun, aber die Nebenumstände waren dazwischen gekommen; er hatte es vergessen und er wollte dafür sterben, daß er nicht log.

Kinder sind im allgemeinen zu ängstlich, um zu lügen; aber ihr Gedächtnis ist kurz, die Eindrücke wechseln so schnell; und sie verwechseln Wünsche und Entschlüsse mit vollzogenen Handlungen.

Lange lebte der Junge in dem Glauben, die Mutter habe gelogen. Als er später oftmals über das Vorkommnis nachdachte, glaubte er, sie habe die Sache vergessen oder seine Bitte nicht gehört. Viel, viel später begann er zu argwöhnen, daß sein Gedächtnis ihn vielleicht getäuscht habe. Aber er war berühmt wegen seines guten Gedächtnisses, und es handelte sich ja nur um zwei, drei Stunden Zwischenzeit.

Sein Argwohn, daß die Mutter nicht die Wahrheit gesprochen (und warum sollte sie nicht eine Unwahrheit sagen können, da Frauen ihre Halluzinationen so leicht mit Wirklichkeiten verwechseln?) wurde kurz darauf bestärkt. Die Familie hatte ein neues Möbelstück gekauft. Das war ein großes Ereignis! Die Knaben sollten gerade der Tante einen Besuch machen. Mutter wollte die Neuigkeit verheimlichen, um Tante bei deren nächstem Besuch überraschen zu können. Darum bat sie die Kinder, von dem Ereignis nicht zu sprechen.

Sie kamen zu Tante. Sie fragt sofort:

— Hat Mama das gelbe Möbelstück gekauft?

Die Brüder schweigen, aber Johan antwortet fröhlich:

— Nein!

Nach der Rückkehr werden sie beim Mittagtisch von Mutter gefragt:

— Hat Tante nach dem Möbelstück gefragt?

— Ja!

— Was habt ihr geantwortet?

— Ich habe nein gesagt, rief Johan.

— Was, du bist so dreist, zu lügen, legt der Vater los.

— Ja, Mama hat es gesagt, antwortet der Junge.

Die Mutter erbleicht und der Vater verstummt.

Es war ja eigentlich unschuldig, aber es war nicht so bedeutungslos in seinem Zusammenhang. Leise Zweifel an der Wahrheitsliebe der „andern‟ erwachten beim Kinde und eröffneten jetzt einen neuen Belagerungszustand von Gegenkritik.

Die Kälte gegen den Vater nimmt zu; er forscht jetzt nach Unterdrückung und macht trotz seiner Schwäche kleine Versuche, sich zu empören.

Jeden Sonntag wurden die Kinder in die Kirche befohlen, in der die Familie einen Kirchenstuhl besaß. Der sinnlos lange Gottesdienst und die unbegreiflichen Predigten hörten bald auf, Eindruck zu machen. Ehe man Heizung eingeführt hatte, war es eine vollständige Marter, im Winter zwei Stunden im Kirchenstuhl zu sitzen und an den Füßen zu frieren; aber man mußte doch dahin, ob fürs Heil der Seele oder der Ordnung halber oder um das Haus in Ruhe zu lassen, wer weiß. Vater selbst war eine Art Theist. Er las lieber die Predigten von Wallin, als daß er in die Kirche ging. Dafür neigte die Mutter zum Pietismus. Sie lief hinter Olin und Elmblad und Rosenius her und hatte Freundinnen, die den „Pietisten‟ und die „Taubenstimme‟ ins Haus brachten. Die „Taubenstimme‟ wurde von Johan untersucht: sie enthielt lustige Geschichten von den Missionären in China und Beschreibungen von Schiffbrüchen. Den „Pietisten‟ ließ er liegen: das war nur Dekokt von den Episteln des Neuen Testaments.

Eines Sonntags bekommt Johan, vielleicht infolge einer unvorsichtigen Bibelerklärung in der Schule, indem dort von der Freiheit der Geister gesprochen wird, den Einfall, nicht in die Kirche zu gehen. Er bleibt ganz einfach zu Hause. Mittags, ehe der Vater nach Hause kommt, erklärt Johan vor Geschwistern und Tanten, niemand könne das Gewissen eines andern zwingen; darum ginge er nicht in die Kirche. Er wurde für etwas sonderbar gehalten: darum entkam er dieses Mal der Schläge; wurde aber wieder in die Kirche geschickt.

Der Verkehr der Familie konnte außerhalb der Verwandtschaft nicht groß sein, weil die Ehe nicht nach Gesetz und Regel geschlossen worden. Aber Leidensgenossen suchen sich gegenseitig auf: so wurde der Verkehr mit einem der Jugendfreunde des Vaters unterhalten, der seine Geliebte geheiratet und deshalb von Eltern und Kameraden verstoßen worden war. Er war Jurist und Beamter. Bei ihm war eine dritte Familie zu treffen, auch aus dem Beamtenstand, mit demselben Eheschicksal. Die Kinder wußten natürlich nichts von dem Trauerspiel, das hier aufgeführt wurde. Alle Familien hatten Kinder, aber Johan fühlte sich nicht zu ihnen hingezogen. Seine Schüchternheit und Menschenfurcht hatte nach den Martergeschichten in Haus und Schule zugenommen; auch hatten die Übersiedlung nach der entlegenen Stadtgegend wie die Sommeraufenthalte auf dem Lande ihn verwildert. Er wollte nicht tanzen lernen; er fand die Knaben albern, die sich so vor den Mädchen brüsteten. Als die Mutter ihn bei einer Gelegenheit ermahnte, höflich gegen die Mädchen zu sein, fragte er: warum denn? Er war jetzt recht kritisch geworden und wollte immer wissen: warum?

Als man einst einen Ausflug ins Grüne machte, suchte er die Knaben zur Meuterei zu bewegen, da sie die Schals und Sonnenschirme der Mädchen trugen.

— Warum sollen wir diese jungen Dinger bedienen? sagte er; aber die Knaben hörten nicht auf ihn.

Schließlich wurde er es so müde, mitzugehen, daß er sich krank stellte oder seinen Anzug im Teich naßmachte, damit er aus Strafe zu Hause bleiben mußte. Er war kein Kind mehr; darum war ihm nicht wohl unter den andern Kindern; aber die Älteren sahen in ihm nur ein Kind. So wurde er einsam.

Im Alter von zwölf Jahren wurde er eines Sommers nach einem neuen Küsterhaus in der Nähe von Mariefred am Mälarsee geschickt. Da waren viele Pensionäre, alle von sogenannter unehelicher Geburt. Da der Küster keine größeren Kenntnisse besaß, reichte sein Wissen nicht aus, Johans Aufgaben mit ihm durchzunehmen. Beim ersten Versuch in Geometrie fand der Lehrer Johan so bewandert, daß er am besten allein weiter arbeite. Da war er hoch! Er arbeitete allein weiter.

Der Küsterhof lag neben dem Park des Herrensitzes, und in dessen königlichen Umgebungen ging er spazieren, frei von Arbeit, frei von Aufsicht. Die Flügel wuchsen ihm und die Mannbarkeit näherte sich.

Durch erworbenes und vielleicht natürliches Schamgefühl hat man so lange die wichtige Frage der Mannbarkeit und der damit zusammenhängenden Erscheinungen verborgen gehalten. Schlechte Bücher von medizinischen Spekulanten und von Pietisten, die um jeden Preis Propaganda machen wollen; furchtsame oder unwissende Eltern haben, manche in guter Absicht, alles getan, um junge Sünder vom Weg der Untugend zu scheuchen. Spätere und aufgeklärtere Untersuchungen kenntnisreicher Ärzte haben sich wieder die Aufgabe gestellt, die Ursachen der Erscheinung zu suchen und vernünftige Heilmittel zu finden. Vor allem aber das Kind von der übertriebenen Furcht vor den Folgen zu befreien, weil es sich gezeigt hat, daß gerade Schreck und Gewissensqual die Ursache waren zu den verhältnismäßig wenigen Fällen von Wahnsinn und Selbstmord, die vorgekommen sind. Ferner hat man entdeckt, daß nicht das Laster selbst, sondern der unbefriedigte Trieb die krankhafte Erscheinung hervorruft. Ein neuer französischer Arzt ist so weit gegangen, die Handlung zu verteidigen, da sie der Natur nachhelfe, ohne Schaden zu tun. Das sei dahingestellt.

Tatsache ist indessen, daß gerade die Geisteskranken mit dieser schlechten Gewohnheit behaftet sind. Aber der Fehlschluß liegt darin, daß man Ursache und Wirkung verwechselt. Geisteskranke werden eingeschlossen: was sollen sie denn da machen? Bei Geisteskranken hat mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und animalische Leben überhand genommen; darum sucht sich der Trieb, wie er kann, seine Befriedigung, ohne daran gehindert zu werden. Ein zweiter Fehlschluß: jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er schon einmal Hand an seinen Körper gelegt hat. Alle Geisteskranken haben es. Doch deshalb ist das noch nicht die Ursache der Krankheit; denn man weiß jetzt, daß viele Menschen einmal Hand an ihren Leib gelegt haben. Das wird aber geheim gehalten. Deshalb glauben eine Menge junger Sünder, allein das eingebildete Verbrechen zu begehen; glauben, daß die gestrengen Lehrer, die sie einschüchtern, unschuldig gelebt haben.

Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Übertreibung Krankheiten zur Folge haben kann; dann ist es aber die Übertreibung, die sie verursacht hat. Und wird die schlechte Gewohnheit so lange fortgesetzt, daß die natürliche Art nicht zu ihrem Recht kommt, so entstehen eben dadurch Übelstände. Daß Widerwille gegen das andere Geschlecht die Folge werden soll, ist nicht wahr; denn lasterhafte Burschen sind später große Weiberhelden, gute Gatten, glückliche Väter geworden. Eigentümlich ist auch, daß die Frauen Unschuldigen nicht ihre Gunst gewähren.

Wie war es denn zugegangen? Auf die gewöhnlichste Art. Ein älterer Kamerad ging beim Baden mit dem Beispiel voran, und die jüngeren folgten. Ein Gefühl von Scham oder Sünde verspürte man nicht, und niemand machte ein Geheimnis daraus. (Diese in den Schulen oft vorkommende Unart hatte gerade zu dieser Zeit Aufsehen erregt, Untersuchungen zur Folge gehabt und war sogar öffentlich in der Presse besprochen worden. Man vergleiche unten Kapitel 8.) Die ganze Sache schien kaum einen Zusammenhang mit dem höheren Geschlechtsleben zu haben; denn in ein Mädchen war der Junge schon im Alter von acht Jahren verliebt gewesen, als der Trieb noch vollständig schlief.

Gleichzeitig bekam Johan Kenntnis davon, daß die Schulkinder des Dorfes im Walde mit einander zu verkehren pflegten, wenn sie aus der Schule kamen. Diese Kinder waren acht bis neun Jahre alt. Die Eltern bekamen Wind von der Sache, mischten sich aber nicht hinein. Dieser Zustand oder Übelstand soll eine Regel auf dem Lande sein; er müßte in Betracht gezogen werden, wenn man so übersicher über Laster und Anstiftung zum Laster schreibt.

Einen Wendepunkt im Seelenleben des Knaben bildete dieses Ereignis nicht; denn zum Grübler war er geboren, und zum Einsiedler machten ihn seine neuen Gedanken. Übrigens legte er das Laster bald ab, als ihm ein warnendes Buch in die Hand fiel. Da aber trat an die Stelle des Lasters ein Kampf gegen die Begierde, die er nicht besiegen konnte, weil sie ihn in der Form von Gaukelbildern während des Schlafs überfiel, wenn seine Kraft nicht zugegen war. Und nicht eher konnte er ruhigen Schlaf genießen, bis er im Alter von achtzehn Jahren den Verkehr mit dem andern Geschlecht begann.

Später im Sommer verliebte er sich in die Tochter des Inspektors, eine Zwangzigjährige, die nicht im Küsterhause verkehrte. Er kam nicht dazu, mit ihr zu sprechen; spähte aber ihre Wege aus und kam oft in die Nähe ihrer Wohnung. Das Ganze war eine stille Verehrung ihrer Schönheit, aus der Entfernung, ohne irgendwelche Begierde, ohne irgendeine Hoffnung. Die Neigung glich eher einer stillen Trauer und hätte sich vielleicht ebensogut auf eine andere gerichtet, wenn er mehrere Mädchen gekannt hätte. Es war eine Madonnenverehrung, die nichts begehrte; es müßte denn sein, ein großes Opfer zu bringen: am liebsten ein Ertrinken im See, aber in ihrer Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl davon, daß er nur ein halber Mensch sei, der nicht leben wollte, ohne sich durch die andere, „bessere‟, Hälfte ergänzt zu haben.

Der Kirchendienst wurde fortgesetzt, machte jetzt aber keinen besonderen Eindruck mehr. War nur langweilig.

Dieser Sommer war indessen sehr wichtig in seiner Entwicklung, weil er ihn vom Elternhaus löste. Keiner von den Brüdern war dabei. Keine Nabelschnur verband ihn mehr mit der Mutter. Das machte ihn reifer und härtete die Nerven ab; allerdings nicht sofort, denn gelegentlich, wenn er nicht froh war, packte ihn das Heimweh furchtbar. Dann erschien ihm die Mutter in dem alten verklärten Licht: huldvoll und beschützend, als Wärmequelle, als fürsorgliche Hand.

Anfang August kam ein Brief mit der Nachricht, der ältere Bruder Gustav werde nach Paris fahren, um dort in einem Pensionat die Sprache zu lernen und sich kaufmännisch auszubilden; vorher solle er einen Monat auf dem Lande zubringen und dort den Bruder ablösen. Der Gedanke an die nahende Trennung, der Glanz der großen Weltstadt, die Erinnerung an manche lustige Streiche,die Sehnsucht nach dem Elternhause, die Freude, einen seines Blutes wiederzusehen: alles vereinigte sich jetzt, um Johans Gefühle und Phantasie in Bewegung zu setzen. Während der Woche, in der er den Bruder erwartete, dichtete er ihn um zu einem Freunde, einem überlegenen Manne, zu dem er aufsah. Und Gustav war ihm als Mensch überlegen. Er war ein kühner frischer Jüngling, zwei Jahre älter als Johan, mit dunkeln, starken Zügen; grübelte nicht, sondern besaß ein tatkräftiges Temperament; war klug, konnte schweigen, wenn's nötig war; zuschlagen, wenn's darauf ankam; verstand zu wirtschaften und zu sparen. Er ist zu klug, meinte der träumende Johan. Die Aufgaben konnte er nicht, denn er schätzte sie gering, aber er verstand die Kunst des Lebens: fiel ab, wenn's nötig war; schritt ein, wenn's sein mußte; war niemals traurig.

Johan hatte ein Bedürfnis, jemanden zu verehren; in einem andern Stoff, als sein eigner schwacher Ton war, ein Bildwerk zu kneten, in das er seine schönen Wünsche legen konnte. Acht Tage lang übte er diese Kunst. Er traf Vorbereitungen zur Ankunft des Bruders, indem er ihn allen seinen Freunden aufs vorteilhafteste ausmalte, ihn dem Lehrer empfahl, Spielplätze mit kleinen Überraschungen aussuchte, bei der Badestelle ein Sprungbrett anbrachte...

Am Tage vor der Ankunft ging er in den Wald und pflückte Multbeeren und Blaubeeren, mit denen er den Gast erfreuen wollte. Darauf deckte er einen Tisch mit weißen Papierbogen. Auf die legte er die Beeren, immer eine gelbe und eine blaue, und in der Mitte ordnete er sie in Form eines großen G. Das Ganze wurde mit Blumen umgeben.

Der Bruder kam; warf einen flüchtigen Blick auf die Anordnung, aß, nahm aber nicht Notiz von der Feinheit mit dem Namenszug; vielleicht fand er es albern. In der Familie galten nämlich alle Ausbrüche von Gefühl für albern.

Darauf badete man. Als Gustav das Hemd ausgezogen hatte, lag er im nächsten Augenblick im Wasser und schwamm, ohne anzuhalten, nach der Boje hinaus.Johan bewunderte ihn, wäre ihm gern gefolgt; dieses Mal aber fand er es netter, der Schlechtere zu sein und dem Bruder den Glanz zu lassen. Er war der erste Junge, der bis zur Boje geschwommen war.

Beim Mittagstisch ließ Gustav ein fettes Schinkenstück auf dem Teller liegen. Das hatte noch niemand gewagt. Gustav wagte alles. Als man am Abend läutete, bot Johan die Leine Gustav an. Der läutete mindestens zehn Male. Johan kriegte einen Schrecken, als seien die Schicksale des ganzen Kirchspiels in Gefahr; bald lachte er, bald flehte er, doch aufzuhören.

— Ach was, das hat nichts zu bedeuten! sagte Gustav.

Dann lud Johan ihn zu seinem Freunde ein, dem erwachsenen Sohn des Tischlers, der vielleicht fünfzehn Jahre alt war. Sofort entstand Vertraulichkeit zwischen den Gleichalterigen: der Freund verließ Johan, der ihm zu klein war. Aber Johan empfand keine Bitterkeit, obwohl die beiden Großen ihn hänselten und allein Jagdausflüge mit der Flinte unternahmen.

Er wollte nur geben: er hätte sogar seine Geliebte gegeben, wenn er eine besessen. Ja, er machte ihn auf die Tochter des Inspektors aufmerksam, an welcher der Bruder sehr richtig Gefallen fand. Statt aber hinter den Baumstämmen zu seufzen, ging er zu ihr und plauderte mit ihr, natürlich in aller Unschuld. Das war die kühnste Handlung, die Johan in seinem Leben hatte ausführen sehen; er selbst hatte das Gefühl, als sei er gewachsen. Er vergrößerte sich, seine schwache Seele handelte gleichsam durch die starken Nerven des Bruders; er identifizierte sich mit ihm. Er war ebenso glücklich, als hätte er selbst das Mädchen angesprochen.

Er gab Ideen zu Ausflügen, Streichen, Rudertouren, und der Bruder setzte sie ins Werk. Er entdeckte Vogelnester und der Bruder enterte den Baum und plünderte sie.

Das aber dauerte nur eine Woche. Am letzten Tage, als Johan abreisen sollte, sagte er zu Gustav:

— Wir wollen Mama einen schönen Blumenstrauß kaufen.

— Ja, das wollen wir.

Sie gingen zum Gärtner des Gutes. Gustav bestellte: er müsse fein sein. Während der Strauß gebunden wurde, ging er in den Garten und aß ganz offen Beeren. Johan wagte nicht, etwas anzurühren.

— Iß doch, sagte der Bruder.

Nein, er konnte nicht.

Als der Strauß fertig war, zog Johan seine Geldtasche und bezahlte ihn mit vierundzwanzig Schillingen. Gustav ließ sich nichts merken.

Dann trennten sie sich.

Als Johan nach Haus kam, überreichte er den Strauß mit einem Gruß von Gustav.

Die Mutter war gerührt.

Beim Abendbrot erregten die Blumen die Aufmerksamkeit des Vaters.

— Die hat Gustav mir geschickt, sagte die Mutter. Er ist doch immer nett.

Und Johan bekam einen traurigen Blick, denn er war so hart.

Des Vaters Auge schimmerte unter der Brille.

Johan empfand keine Bitterkeit. Die schwärmerische Opferlust des Jünglings hatte sich geäußert, der Kampf gegen Ungerechtigkeiten hatte ihn zum Selbstquäler gemacht, und er schwieg. Er schwieg auch, als der Vater dem Gustav Taschengeld schickte und ihm in ungewöhnlich gerührten Worten schrieb, wie tief er diesen feinen Zug seines guten Herzens empfunden habe.

Er schwieg sein ganzes Leben hindurch über diese Geschichte, auch als er Anlaß hatte, Bitterkeit zu fühlen. Er sprach erst, als er, übermannt, in den schmutzigen Sand der Arena niedergefallen war, einen groben Fuß auf seiner Brust fühlte, ohne eine Hand zu erblicken, die Gnade winkte. Da war es nicht Rache, sondern nur die Selbstverteidigung des Sterbenden!

Die Privatlehranstalt war als eine Opposition gegen die Schreckensregierung der öffentlichen Schulen entstanden. Da ihre Existenz vom guten Willen der Schüler abhing, hatte man ihnen große Freiheiten erlaubt und einen äußerst humanen Geist eingeführt. Körperstrafe war verboten; die Schüler waren gewohnt, sich äußern zu dürfen, Einspruch zu erheben, sich gegen Anklagen zu verteidigen; mit einem Wort, sie wurden wie denkende Wesen behandelt.

Hier erst erfuhr Johan, daß er menschliche Rechte hatte. Wenn sich der Lehrer in einer Tatsache geirrt, konnte er sich nicht auf seine Autorität berufen; er wurde von der Klasse berichtigt und unkörperlich gelyncht, indem sie ihm seinen Irrtum nachwies. Auch waren vernünftige Methoden in den Unterricht eingeführt. Wenig Aufgaben. Fortlaufende Übersetzungen gaben den Schülern einen Begriff, was der Unterricht in Sprachen für einen Sinn hat: nämlich übersetzen zu können. Auch waren Ausländer für die lebenden Sprachen angestellt; das Ohr gewöhnte sich an den richtigen Akzent; man lernte, wie eine Sprache gesprochen wird.

Eine Menge Jünglinge waren aus den Staatsschulen in diese Privatlehranstalt geflohen; Johan traf hier viele Kameraden aus Klara wieder. Aber er fand auch Lehrer wieder sowohl aus Klara wie aus Jakob. Diese machten hier ein ganz anderes Gesicht und nahmen eine ganz andere Art an. Johan verstand jetzt, daß sie in gleicher Verdammnis gewesen waren wie ihre Opfer, denn sie hatten Direktor und Schulrat über sich gehabt.

Endlich schien sich also der Druck von oben zu verringern, sein Wille und seine Gedanken Freiheit zu bekommen; er hatte ein Gefühl von Glück und Wohlbefinden. Zu Hause lobte er die Schule, dankte den Elternfür die Befreiung; erklärte, es gefiele ihm nirgends so gut wie in der Schule. Er vergaß alte Ungerechtigkeiten, wurde weicher in seinem Wesen und freimütiger. Die Mutter begann sein Wissen zu bewundern. Außer der Muttersprache lernte er fünf Sprachen; nur ein Jahr hatte er noch bis zum eigentlichen Gymnasium. Der älteste Bruder war schon in Stellung auf einem Kontor, der zweite Bruder war in Paris. Johan war jetzt im Elternhaus gleichsam eine Altersstufe aufgerückt und schloß persönliche Bekanntschaft mit der Mutter. Er erzählte ihr aus seinen Büchern von Natur und Geschichte; und sie, die sich nie Kenntnisse hatte erwerben können, lauschte mit Andacht.

Wenn die Mutter aber eine ganze Weile zugehört hatte, holte sie das einzige Wissen hervor, das den Menschen glücklich machen könne; ob sie sich nun erheben wollte oder wirklich die weltliche Weisheit fürchtete. Sie sprach von Christus. Johan kannte die Rede wohl wieder, aber die Mutter verstand es, sie an ihn persönlich zu richten. Er müsse sich vor geistigem Hochmut hüten und immer einfältig bleiben. Der Knabe verstand das Wort einfältig nicht, und die Rede über Jesus glich nicht den Worten der Bibel. Es war etwas Ungesundes in ihrer Anschauung; er glaubte des Ungebildeten Widerwillen gegen Bildung zu bemerken. Warum denn dieser lange Schulkursus, fragte er sich, wenn er doch für nichts gilt im Vergleich mit diesen dunkeln zusammenhanglosen Lehren von Jesu kostbarem Blut? Er wußte auch, daß die Mutter diese Sprache aus Gesprächen mit Ammen, Nähmädchen, alten Frauen nahm, die zu den Herrnhutern gingen. Sonderbar, daß diese gerade die höchste Weisheit gepachtet haben sollten, von der weder der Geistliche in der Kirche noch der Lehrer in der Schule eine Ahnung hatte. Er fand, diese Demütigen waren geistig recht hochmütig; und der Weg zur Weisheit durch Jesus war ihm ein erfundener Richtweg.

Dazu kam, daß zu seinen Schulkameraden jetzt Grafen und Barone gehörten; und wenn man Namen auf -helm und -schwert in seinen Geschichten aus der Schule hörte, warnte man ihn vor Hochmut. War er hochmütig?Wahrscheinlich! In der Schule suchte er niemals die Vornehmen auf. Er sah sie lieber als die Bürgerlichen: sie sprachen seinen Schönheitssinn an durch ihre guten Kleider, feinen Gesichter, leuchtenden Brillantnadeln. Er fühlte, daß sie eine andere Rasse waren, eine Stellung besaßen, die er nie erreichen konnte; nach der er nicht einmal strebte, denn er wagte nicht, vom Leben etwas zu verlangen. Als aber eines Tages ein Baron ihn um Hilfe bei einer Aufgabe bat, fühlte er sich mindestens ebenso gut wie dieser, ja in einem Falle über ihm. Damit hatte er entdeckt, daß es etwas gab, was ihn den Höchsten der Gesellschaft ebenbürtig machen konnte: Kenntnisse! Die konnte er sich verschaffen!

An dieser Lehranstalt herrschte gerade infolge ihres liberalen Geistes eine Demokratie, die er nicht in Klara gefunden hatte: Grafen und Barone, die meist faul waren, hatten kein Vorrecht vor den andern. Der Direktor, selbst ein Bauernjunge aus Småland, hatte nicht die geringste Ehrfurcht vor hoher Geburt; ebensowenig wie er ein Vorurteil gegen die Adeligen hegte, die er keineswegs ducken wollte. Er duzte alle, Kleine wie Große; war gegen alle gleich vertraulich, studierte jeden einzelnen, rief ihn beim Vornamen, hatte ein Herz für die Jugend.

Durch den täglichen Verkehr zwischen bürgerlichen und adeligen Kindern wurde der Respekt aufgehoben. Kriecher gab es nur in den höhern Klassen des eigentlichen Gymnasiums. Da kamen einige junge Edelleute mit Reitgerte und Sporen in die Klasse, während ein Gardist unten das Pferd hielt. Diese Jünglinge wurden von den Klugen aufgesucht, die schon einen Einblick in die Kunst des Lebens getan hatten. Weiter als bis zum Café oder einem Besuch in der Wohnung reichte dieser Weg jedoch nicht.

Im Herbst kehrten einige der vornehmen Jünglinge von sommerlichen Ausfahrten zurück, die sie als außerordentliche Seekadetten unternommen hatten. Sie kamen dann in Uniform und mit Seitengewehr in die Klasse. Sie wurden viel bewundert, von manchem beneidet, aber Johans Sklavenblut war niemals vermessen in dieser Beziehung: er erkannte das Vorrecht an, träumte sich nie auf diese Höhe hinauf; hatte ein Gefühl, dort würde er noch gedemütigter sein als hier; darum wollte er nicht dorthin. Aber auf eine Höhe mit ihnen kommen durch Verdienste, Arbeit, davon träumte er kühn. Als im Frühling die Abiturienten in die Klasse kamen, um sich von ihren Lehrern zu verabschieden, da sah er ihre weißen Mützen, ihre freie Art, ihre frischen Gesichter; da sehnte er sich in ihre Lage, denn er merkte auch, wie die Seekadetten mit Bewunderung nach der weißen Mütze guckten.

In der Familie war ein gewisser Wohlstand eingetreten. Man war wieder nach der Nordzollstraße gezogen. Dort war es angenehmer als am Sabbatsberg, und die Knaben des Hauswirtes waren Schulkameraden. Den Garten aber pachtete der Vater nicht mehr, und Johan beschäftigte sich auch meistens mit den Schulbüchern. Er führte jetzt das Leben eines wohlhabenden Jünglings. Im Hause herrschte Heiterkeit; erwachsene Kusinen und die vielen Buchhalter des Kontors besuchten es Sonntags; und Johan nahm trotz seinen jungen Jahren an ihrem Verkehr teil. Er legte jetzt Wert auf seinen Anzug, und als vielversprechender Gymnasiast genoß er ein höheres Ansehen, als seine Jahre bedingten. Er ging im Garten spazieren, und weder Beerenbüsche noch Apfelbäume führten ihn jetzt noch in Versuchung.

Dann und wann kamen Briefe von dem Bruder in Paris. Die wurden laut und mit großer Andacht vorgelesen. Das war ein Trumpf der Familie. Zu Weihnachten kam das Bild des Bruders in französischer Schuluniform. Das war Trumpfas. Johan hatte jetzt einen Bruder, der Uniform trug und Französisch sprach. Er zeigte das Bild in der Schule, und sein gesellschaftliches Ansehen hob sich. Die Seekadetten grinsten allerdings und sagten, es sei keine richtige Uniform, denn sie habe kein Seitengewehr. Aber sie hatte Käppi und blanke Knöpfe und etwas Gold am Kragen.

Zu Hause wurden Stereoskopbilder von Paris gezeigt,und man lebte nur noch in Paris. Die Tuilerien und der Triumphbogen waren bekannt wie das Stockholmer Schloß und Gustav Adolfs Denkmal. Es hatte den Anschein, als sei die Redensart, der Vater lebe in seinen Kindern, wirklich begründet.

Das Leben lag jetzt hell vor dem Jüngling. Der Druck hatte nachgelassen, er atmete leichter; wäre wahrscheinlich einen ebenen geraden Weg durchs Leben gegangen, wenn die Umstände es nicht gefügt hätten, daß der Wind ihm verkehrt ins Segel kam.

Die Mutter war längst schwächlich gewesen nach ihren zwölf Wochenbetten. Jetzt mußte sie sich niederlegen und stand nur dann und wann auf. Ihre Laune wurde heftiger und rote Flammen erschienen auf ihren Wangen, wenn man ihr widersprach. Letzte Weihnacht war sie mit ihrem Bruder in einen heftigen Zwist über pietistische Prediger geraten. Der Bruder hatte am Weihnachtstisch behauptet, „Fredmans Episteln‟ von Bellman seien tiefsinnig und ständen an Gedankenreichtum hoch über den Predigten der pietistischen Prediger. Da fing die Mutter Feuer und bekam einen hysterischen Anfall. Das war nur ein Symptom.

Sie begann, solange sie noch auf war, die Wäsche und Kleider der Kinder in Ordnung zu bringen und Schubladen aufzuräumen. Sie sprach oft mit Johan über Religion und andere hohe Fragen. Eines Tages zeigte sie ihm einige goldene Ringe.

— Die sollt ihr haben, wenn Mama stirbt, sagte sie.

— Welcher gehört mir? fragte Johan, ohne sich um den Gedanken an den Tod zu kümmern. Sie zeigte einen geflochtenen Mädchenring mit einem Herzen. Der machte einen starken Eindruck auf den Knaben, da er niemals etwas aus Gold besessen hatte; oft dachte er an den Ring.

Ein Fräulein kam für die Kinder ins Haus. Sie war jung, sah gut aus, sprach wenig. Zuweilen lächelte sie kritisch. Sie war vorher bei einem Grafen in Stellung gewesen und glaubte wahrscheinlich in ein etwas einfaches Haus gekommen zu sein. Sie sollte Kinder undMägde überwachen, verkehrte aber mit den letzten beinahe vertraulich.

Es waren jetzt drei Mägde im Haus, dazu das Fräulein, ein Knecht, ein Bauernmädchen. Die Mägde hatten ihre Bräutigame und lebten ein lustiges Leben in der großen Küche, die mit ihrem Kupfer und Zinn stattlich aussah. Da wurde gegessen und getrunken und die Knaben wurden auch eingeladen. Sie wurden Herren von den Bräutigamen genannt, und man trank auf ihr Wohl. Der Hausknecht jedoch war nie dabei; er fand es „säuisch‟, so zu leben, während die Frau krank war.

Das Haus kam herunter. Der Vater hatte schlimme Sträuße mit den Dienstboten zu bestehen, seit sich die Mutter zu Bett gelegt hatte. Aber die Mutter blieb die Freundin der Mägde bis in den Tod. Sie gab ihnen aus Instinkt recht. Und die Mägde mißbrauchten die Parteilichkeit der Mutter.

Es war streng verboten, die Kranke aufzuregen, aber die Dienstboten intrigierten gegen einander und sicherlich gegen den Hausherrn auch. Eines Tages hatte Johan in einem silbernen Löffel Blei geschmolzen. Die Köchin petzte es der Mutter. Die wurde heftig und sagte es dem Vater. Den aber reizte nur die Anzeige. Er ging zu Johan und sagte freundlich, als müsse er sich beklagen:

— Du mußt Blei nicht in silbernen Löffeln schmelzen. Auf den Löffel kommt es mir nicht so sehr an; der kann wieder gemacht werden; aber die verdammte Friederike hat Mama Kummer bereitet. Zeig es den Mägden nicht, wenn du was Dummes anstellst; sag es mir, dann werden wir es wieder in Ordnung bringen!

Zum ersten Male waren sie Freunde, Vater und er; jetzt liebte er den Vater, da er zu ihm hinabstieg.

Eines Nachts wird er von der Stimme des Vaters aus dem Schlaf geweckt. Er fährt auf. Es ist dunkel im Zimmer. In der Dunkelheit hört er die Stimme des Vaters, die tief und zitternd sagt:

— Ihr Knaben, kommt an Mutters Totenbett!

Wie ein Blitzschlag traf es ihn. Er fror so, daß die Glieder gegen einander schlugen, während er die Kleider anzog; die Kopfhaut war zu Eis geworden; die Augen standen weit offen und strömten so von Tränen, daß die Lichtflamme wie eine rote Blatter erschien.

Dann standen sie am Krankenbett. Sie weinten eine Stunde, weinten zwei, drei. Die Nacht kroch weiter. Die Mutter war bewußtlos und erkannte niemanden. Der Todeskampf hatte mit Röcheln und Notschreien begonnen. Die jüngsten Kinder wurden nicht geweckt.

Johan saß da und dachte über alles Böse nach, was er getan hatte. Nicht eine Gegenrechnung gegen die Ungerechtigkeiten kam vor. Nach drei Stunden hörten die Tränen auf. Die Gedanken kamen und gingen. Der Tod war das Ende. Wie sollte es werden, wenn Mama nicht mehr da war? Öde und leer. Kein Trost, kein Ersatz. Es war nur ein dichtes Dunkel von Unglück. Er spähte nach einem einzigen Lichtpunkt. Das Auge fällt auf Mutters Kommode, auf der Linné steht, aus Gips, eine Blume in der Hand. Da lag der einzige Vorteil, den dieses bodenlose Unglück ihm brachte: er würde den Ring bekommen. Er sah ihn an seiner Hand. — Das ist eine Erinnerung an meine Mutter, könnte er sagen. Er würde bei dieser Erinnerung weinen, aber er konnte den Gedanken, ein goldener Ring am Finger sei fein, nicht unterdrücken. — Pfui! Wer konnte solch niedrigen Gedanken am Totenbett der Mutter denken? Ein schlaftrunkenes Hirn, ein verweintes Kind. Nein bewahre, ein Erbe. War er geiziger als andere? Hatte er Anlage für Geiz? Nein, dann hätte er nie von der Geschichte gesprochen, denn sie war tief bei ihm begraben. Aber er erinnerte sich sein ganzes Leben daran; sie tauchte dann und wann auf, und wenn sie kam, in einer schlaflosen Nacht, in den beschäftigungslosen Stunden der Müdigkeit, dann fühlte er die Röte an den Ohren brennen. Dann stellte er Betrachtungen über sich selbst und sein Betragen an und bestrafte sich als den Niedrigsten von allen Menschen.

Erst als er älter wurde, eine große Anzahl Menschen und die Mechanik des Gedankenapparates kennenlernte,kam er auf die Idee, daß das Gehirn ein sonderbares Ding ist, das seine eignen Wege geht; und daß sich die Menschen gleichen, auch in dem Doppelleben, das sie führen: was zu sehen ist und was nicht zu sehen ist; was gesprochen wird und was still gedacht wird.

Zu diesem Zeitpunkt aber fand er nur, daß er schlecht sei. Und als er in den Pietismus hineinkam, der vom Kampf gegen böse Gedanken spricht, sah er ein, daß er recht böse Gedanken hatte. Woher kamen die? Von der Erbsünde und vom Teufel, antworteten die Pietisten. Das gefiel ihm, denn er wollte die Verantwortung für einen so häßlichen Gedanken nicht übernehmen; er konnte aber doch nicht umhin, sich verantwortlich zu fühlen, denn er kannte noch nicht die Lehre vom Determinismus oder der Unfreiheit des Willens. Die Verkündiger dieser Lehre hätten gesagt: ein gesunder Gedanke bei dir, mein Junge, von einem Übel das kleinste Übel zu suchen; ein Gedanke, den alle Erben, große und kleine, gedacht haben, und, wohlgemerkt, gedacht haben müssen, nach allen Gesetzen vom Denken. Die christliche Moral der Selbstverleugnung mit dem Ideal des Säulenheiligen nennt diese Gedanken böse, die nur der Selbsterhaltung dienen. Aber das ist ungesund, denn die erste und heiligste Pflicht des einzelnen ist, sein Selbst zu schützen, soweit es möglich ist, ohne andern zu schaden.

Aber seine ganze Erziehung war ja nach damaliger niedriger Vorstellung in der bestimmten Rücksicht auf Himmel und Hölle eingerichtet. Die einen Handlungen galten für böse, die andern für gut. Die ersten sollten bestraft, die letzten belohnt werden. So galt es für eine Tugend, die Mutter tief zu betrauern, ganz abgesehen davon, wie sich diese Mutter gegen ihr Kind betragen hatte. Die Dauerhaftigkeit der Gefühle war eine Tugend; wessen Gefühle nicht so beschaffen waren, galt nicht für tugendhaft. Die Unglücklichen, die diesen Mangel bei sich merkten, wollten sich umschalten, sich besser machen. Daraus folgte Heuchelei, Falschheit gegen sich selbst. Jetzt ist man soweit gekommen, in der Empfindsamkeit eine Schwäche zu entdecken, die in älteren Stadien zum Laster gestempelt wäre.

Die französische Sprache behält noch dasselbe Wort „vice‟ für Gebrechen und Laster bei. Überfluß an Gefühl und Phantasie, der die Wahrheit verbirgt, soll jetzt den niedrigen Stufen der Entwicklung angehören: des Wilden, des Kindes, des Weibes; wird jetzt brachgelegt wie ein durch Überkultur ausgesogener Boden. Die Epoche des reinen Denkens steht jetzt[2]vor der Tür.

Der Jüngling war ein Quadro aus Romantik, Pietismus, Realismus, Naturalismus. Darum wurde er auch nur Flickwerk.

Johan dachte gewiß nicht nur an den armen Schmuck; das Ganze war die Zerstreuung eines Augenblicks, zwei Minuten einer monatelangen Trauer. Als es schließlich still im Zimmer wurde und Vater sagte: Mama ist tot, da war er trostlos. Er schrie wie ein Ertrinkender.

Wie kann der Tod die, welche an ein Wiedersehen glauben, in solch furchtbare Verzweiflung bringen? Es muß doch in diesen Augenblicken schlecht bestellt sein um den Glauben, wenn sich vor unsern Augen die Vernichtung der Persönlichkeit mit unerbittlicher Konsequenz vollzieht.

Der Vater, der sonst die äußere Gefühllosigkeit des Isländers hatte, war jetzt weich geworden. Er nahm die beiden Söhne bei der Hand und sagte:

— Gott hat uns heimgesucht. Jetzt müssen wir wie Freunde zusammenhalten. Die Menschen glauben, sich selbst genug zu sein; dann kommt der Schlag, und man sieht, wie alle einander nötig haben. Laßt uns aufrichtig gegen einander sein und nachsichtig.

Im Nu nahm die Trauer des Knaben ab. Er hatte einen Freund bekommen, und zwar einen mächtigen, klugen, männlichen Freund, den er bewunderte.

Die Fenster wurden jetzt mit weißen Laken verhängt.

— Du brauchst nicht in die Schule zu gehen, wenn du nicht willst, sagte der Vater.

Wenn du nicht willst! Sein Wille wurde also anerkannt.

Dann kamen Tanten, Verwandte, Kusinen, Ammen, alte Dienstboten: alle segneten die Tote. Alle halfen beim Nähen der Trauerkleider: drei kleine Kinder waren da und drei große. Da saßen junge Mädchen und nähten in dem halben Licht, das durch die weißen Laken fiel; und sie sprachen halblaut. Das war mystisch, und die Trauer erhielt ein ganzes Gefolge von ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Noch nie hatte der Knabe soviel Teilnahme gefunden, noch nie hatte er soviel warme Hände gefühlt, soviel freundliche Worte gehört.

Am Sonntag las der Vater eine Predigt von Wallin über den Text: Unsere Freundin ist nicht tot, sie schläft nur. Mit welchem unerhörten Vertrauen faßte er diese Worte buchstäblich auf! Wie wußte er die Wunden aufzureißen und sie zugleich zu heilen! Sie ist nicht tot, sie schläft nur, wiederholte er froh. Die Mutter schlief drinnen in dem kalten Salon, und wohl niemand erwartete, daß sie erwachen werde.

Das Begräbnis stand bevor. Der Grabplatz war gekauft. Die Schwägerin nähte mit. Sie nähte und nähte, die alte Mutter von sieben mittellosen Kindern, die einst reiche Bürgerfrau, nähte für die Kinder dieser Ehe, die der Bruder verdammt hatte. Sie steht auf und bittet, mit dem Schwager sprechen zu dürfen. Sie flüstert mit ihm in einer Ecke des Saals. Die beiden Alten fallen sich in die Arme und weinen.

Der Vater teilt mit, daß die Mutter auf Oheims Grabstätte begraben werden soll. Oheims Grabstätte war ein sehr bewundertes Denkmal auf dem Neuen Kirchhof, das aus einer eisernen Säule mit einer Urne bestand. Die Kinder begriffen, daß der Mutter eine Ehre widerfahren sei; aber sie verstanden nicht, daß ein Brüderhaß damit erloschen war; daß man einem guten und pflichtgetreuen Weibe, das man geringgeschätzt, weil es Mutter wurde, ehe es den Titel Frau bekam, ihren guten Ruf zurückgegeben hatte.

Das Haus strahlte jetzt von Versöhnung und Friede. Man überbot sich gegenseitig in Freundlichkeiten. Mansuchte des andern Blicke, vermied störende Beschäftigungen, las Wünsche in den Augen.

Dann kam der Begräbnistag. Als der Sarg zugeschraubt und durch den Saal getragen wurde, der von schwarzgekleideten Menschen erfüllt war, bekam eine kleine Schwester einen Anfall. Sie schrie und warf sich Johan an die Brust. Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich, als sei er ihre Mutter und wolle sie schützen. Und als er fühlte, wie sich der kleine zitternde Körper an seinem festklammerte, empfand er eine Kraft, die er lange vermißt hatte. Obwohl selbst trostlos, konnte er Trost geben; als er sie beruhigte, wurde er selbst ruhig.

Es war übrigens der schwarze Sarg und die vielen Menschen, die sie erschreckt hatten; denn die Kleinen vermißten die Mutter kaum, weinten nicht nach ihr und hatten sie in kurzer Zeit vergessen. Das mütterliche Band ist nicht so leicht geknüpft; das geschieht nur durch eine lange persönliche Bekanntschaft. Johans wirkliches Vermissen dauerte kaum ein Vierteljahr. Er trauerte lange, aber das war mehr ein Bedürfnis, in der Stimmung weiterzuleben, die ein Ausdruck für seine natürliche Schwermut war: die hatte jetzt in der Trauer um die Mutter eine geeignete Form gefunden.

Auf den Todesfall folgte ein langer Sommer in Muße und Freiheit. Johan verfügte zusammen mit dem ältesten Bruder, der nicht vor sieben aus seinem Geschäft kam, über zwei Zimmer eine Treppe hoch. Der Vater war den ganzen Tag abwesend, und wenn sie sich trafen, schwiegen sie. Die Feindschaft war abgelegt, aber Freundschaft war unmöglich. Der Jüngling war jetzt sein eigener Herr; kam und ging, schaltete und waltete. Das Hausfräulein wich ihm aus, und sie gerieten niemals in Konflikt. Den Verkehr mit Kameraden ließ er, schloß sich auf seinen Zimmern ein, rauchte Tabak, studierte und grübelte.

Immer hatte er gehört, Kenntnisse seien das Höchste; das sei ein Kapital, das nie verloren gehen könne; damitkönne man sich immer wieder hinaufhelfen, wie tief man auch gesellschaftlich sinkt. Alles kennen lernen, alles wissen, war bei ihm eine Manie geworden. So hatte er die Zeichnungen des ältesten Bruders gesehen und sie rühmen hören. In der Schule hatte er nur geometrische Figuren gezeichnet. Er wollte also zeichnen. Während der Weihnachtsferien kopierte er in einem Zuge und mit einer Art Raserei alle Zeichnungen des Bruders. Die letzte der Sammlung war ein Pferd. Als er fertig war und gesehen hatte, daß es keine Kunst war, hörte er auf zu zeichnen.

Alle Kinder spielten ein Instrument, nur Johan nicht. Johan hörte so oft Tonleiter und Übungen auf Klavier, Geige und Cello, daß er's nicht mehr aushalten konnte: die Musik wurde ihm, was die Kirchenglocken gewesen. Er wollte spielen können, aber er wollte nicht die Tonleiter durchmachen. Er nahm insgeheim Noten und spielte sofort die Stücke. Es war schlecht, aber er hatte ein Vergnügen daran. Um sich zu entschädigen, unterrichtete er sich bei allem, was die Geschwister spielten, über Komponist und Werk, um ihnen in Kenntnis der Musikliteratur überlegen zu sein. Einmal wurde ein Notenschreiber gesucht, um die „Zauberflöte‟ für ein Geigenquartett zu kopieren. Johan erbot sich dazu.

— Kannst du Noten schreiben? wurde er gefragt.

— Ich will's versuchen, sagte er.

Er übte sich einige Tage und dann schrieb er alle vier Stimmen aus. Es war eine lange und langweilige Arbeit; er wäre beinahe müde geworden, aber er kriegte sie schließlich fertig. Hier und dort war es wohl etwas nachlässig, aber es konnte benutzt werden.

Er hatte keine Ruhe, bis er alle Pflanzen der Stockholmer Flora kennengelernt hatte. Als er sie kannte, ließ er den Stoff fallen. Eine botanische Exkursion machte ihm kein Vergnügen mehr; Wanderungen in der Natur boten ihm nichts Neues; er konnte keine unbekannte Pflanze mehr finden. Die wenigen Mineralien kannte er. Die Insekten besaß er in seiner Sammlung. Die Vögel kannte er an ihren Stimmen, ihren Federn, sogar an ihren Eiern.

All das waren nur äußere Erscheinungen; Namen von Dingen, die bald ihr Interesse für ihn verloren. Er wollte das Innere sehen. Man pflegte ihn Zerstörungsgeist zu schelten, denn er nahm alles auseinander, erst Spielsachen, dann alles, was ihm in die Hände kam. Zufällig geriet er in eine Vorlesung der Akademie der Wissenschaften und sah chemischen und physikalischen Experimenten zu. Die ungewöhnlichen Geräte fesselten ihn. Der Professor war ein Zauberer, aber einer, der erzählte, wie das Wunder zugeht. Das war ihm neu, und er wollte in das Verborgene eindringen.

Er sprach dem Vater von seiner neuen Neigung. Der hatte sich in jungen Jahren mit Galvanoplastik beschäftigt und gab ihm jetzt Bücher aus seinem Bücherschrank: Focks Physik, Girardins Chemie, Figuiers Entdeckungen und Erfindungen, Nyblaeus' Chemische Technologie. Auf dem Boden befand sich außerdem eine galvanische Batterie mit sechs Elementen des alten Daniellschen Kupfer- und Zinksystems. Die bekam er schon als Zwölfjähriger in die Hände und hantierte so viel mit Schwefelsäure, daß er Handtücher, Servietten, Kleider verdarb. Nachdem er alle Gegenstände, die er geeignet fand, galvanisiert hatte, ließ er diese Beschäftigung liegen.

Jetzt im Sommer in der Einsamkeit warf er sich mit Ungestüm auf die Chemie. Aber er wollte nicht die Experimente machen, die im Lehrbuch standen: er wollte Entdeckungen machen! Alle Mittel fehlten ihm: Geld, Apparate; aber das hinderte ihn nicht. Seine Natur war nun derart und wurde es noch mehr nach dem Tode der Mutter, als er sein eigener Herr geworden, daß sich sein Wille durchsetzen mußte, trotz allem und allem. Spielte er Schach, plante er einen Anfall auf den König des Gegners; ging rücksichtslos darauflos, ohne auf seine Verteidigung zu achten; überrumpelte zuweilen den Gegner durch seine Rücksichtslosigkeit, verlor aber oft die Partie.

— Hätte ich noch einen Zug gehabt, wärest du matt gewesen, sagte er.

— Ja, aber diesen Zug hast du nicht mehr, darum bistdumatt.

Wollte er an eine Schublade und der Schlüssel war nicht zur Hand, nahm er die Feuergabel und brach das Schloß so auf, daß Schrauben und Schloß losgerissen wurden.

— Warum hast du das Schloß entzweigemacht? fragte man.

— Weil ich an die Schublade wollte!

Es war jedoch eine gewisse Beharrlichkeit in diesem Draufgängertum; aber nur solange die Raserei dauerte.

Er wollte sich eine Elektrisiermaschine machen. Oben auf dem Boden fand er einen Spinnrocken. Von dem brach er fort, was er nicht gebrauchen konnte, um nun das Rad durch eine runde Glasscheibe zu ersetzen. Er verfiel auf ein Innenfenster. Mit einem Quarzsplitter schnitt er die Scheibe aus. Nun sollte sie aber rund werden und ein Loch in der Mitte erhalten. Mit einem Schlüsselbart brach er Splitter nach Splitter ab, oft nicht größer als ein Sandkorn. Das nahm mehrere Tage in Anspruch. Rund wurde nun die Scheibe. Aber wie sollte er ein Loch hinein bekommen? Ein Loch in eine Glasscheibe. Er machte sich einen Drillbohrer. Für den Bügel brach er einen Regenschirm entzwei, um ein Fischbein zu bekommen, und nahm eine Geigensaite zum Strang. Dann ritzte er die Scheibe mit Quarz, befeuchtete sie mit Terpentin und drillte. Er merkte aber keinen Erfolg. Als er dem Ziel so nahe war, verlor er Geduld und Besinnung. Er wollte das Loch durch eine Sprengkohle erzwingen. Die Scheibe zersprang.


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