8.Eisgang.

Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal assortis‟.

Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu. Das hatte sie nötig als Ergänzung.

Inzwischen näherte sich die Konfirmation. Die war so lange wie möglich aufgeschoben worden, um den Jüngling unter den Kindern zurückzuhalten. Und auch die sollte benutzt werden, um ihn zu ducken. Als der Vater ihm seinen Entschluß mitteilte, sprach er die Hoffnung aus, der Unterricht werde sein Eis ums Herz schmelzen.

Es wurde eine gehörige Strafaufgabe. Zuerst kam er unter die Kinder der Unterklasse, Tabaksbinder und Schornsteinfeger, Lehrlinge aller Art. Er empfand wie früher Mitleid mit ihnen, aber er liebte sie nicht, konnte sich ihnen nicht nähern und wollte es auch nicht. Er war durch seine Erziehung ihnen entwachsen, wie er seiner Familie entwachsen war.

Er wurde wieder Schuljunge; wurde geduzt und mußteauswendig lernen; bei den Fragen aufstehen und zusammen mit dem Haufen Schelte anhören.

Der Geistliche war Hilfsprediger und Pietist. Er sah aus, als leide er an einer ansteckenden Krankheit oder habe Dr. Kapff gelesen. Streng, unbarmherzig, gefühllos, ohne ein Wort der Gnade oder des Trostes. Cholerisch, jähzornig, nervös, war dieser eingebildete Bauernjunge der Liebling aller Damen. Aber dadurch, daß er oft gehört wurde, machte er schließlich Eindruck. Er predigte vom Schwefelpfuhl, verfluchte Theater und alle Arten Vergnügen. Lehre und Leben sollten eins sein.

Johan begann mit sich selbst und seiner Freundin. Sie wollten ihr Leben ändern; nicht tanzen, nicht ins Theater gehen, nicht scherzen. Er schrieb jetzt in der Schule pietistische Aufsätze und nahm sich vor, nicht mehr leichtsinnige Geschichten anzuhören.

— Pfui Teufel, du bist ja Mucker, sagte eines Tages ein Kamerad öffentlich.

— Ja, das bin ich, sagte er. Er wollte seinen Erlöser nicht verleugnen.

Die Schule wurde jetzt unerträglich. Er litt jetzt ein Martyrium; ihm war bange vor den Lockungen der Welt, denn er hatte empfunden, wie das Leben lockte. Er fühlte sich auch als Mann und wollte ins Leben hinaus, um zu arbeiten, sich selbst zu ernähren und sich zu verheiraten. Sich verheiraten war sein Traum, denn unter einer andern Form konnte er sich die Verbindung mit einem Weib nicht denken. Es mußte gesetzlich und geheiligt sein.

Unter diesen Träumen erzeugte er einen Entschluß, der wohl etwas seltsam war, aber seine Gründe hatte. Ein Beruf mußte es sein, der leicht zu erlernen war, der seinen Mann bald ernährte; eine Stellung, in der er nicht der Letzte war, aber auch nicht der Höchste; eine unbedeutende, demütige Stellung, die aber ein bewegliches, gesundes Leben in der freien Luft mit einer bald errungenen wirtschaftlichen Selbständigkeit vereinigte. Die Bewegung in der freien Luft, ein Leben in Turnen war vielleicht der Hauptgrund, daß er sich dafür entschied, Unteroffizier in einem Reiterregiment zu werden, umdiesem fatalen Todesjahr zu entgehen, vor dem der Geistliche ihn von neuem gewarnt hatte. War es vielleicht auch die Uniform und das Pferd? Wer weiß? Der Mensch ist ein sonderbares Geschöpf. Aber er hatte ja die Kadettenuniform ausgeschlagen.

Die Freundin riet ab, so sehr sie nur konnte; sie malte die Sergeanten als die schlimmsten von allen Menschen aus. Aber er war stark und sagte, der Glaube an Jesus werde ihn rein von aller Ansteckung halten; ja, er werde ihnen Christus predigen und sie alle rein machen.

Er ging zum Vater. Der faßte das Ganze als eine Phantasie auf; sprach von dem nahen Studentenexamen, das ihm eine ganze Welt öffnen werde. So mußte er vorläufig die Sache aufschieben.

Die Stiefmutter hatte einen Sohn bekommen. Johan haßte den aus Instinkt, als einen Konkurrenten, der seine jüngeren Geschwister in den Hintergrund drängen mußte. Aber die Macht der Freundin und des Pietismus war so stark, daß er aus Selbstkasteiung sich auferlegte, den Kleinen zu lieben. Er trug ihn auf seinen Armen und wiegte ihn.

— Das ist sicher gewesen, wenn niemand es sah, sagte die Stiefmutter, wenn er mit diesem Beweis seines guten Willens kam.

Ja, eben, wenn niemand es sah, denn er wollte nicht damit prahlen. Oder schämte sich darüber. Das Opfer war aufrichtig, als es geschah; als es ihm widrig wurde, hörte es auf.

Gründlich wurde man für die Konfirmation zurechtgewiesen, privatim wie öffentlich, im halbdunkeln Chor der Kirche, während einer Reihe von Passionspredigten, endlosen Gesprächen über Jesus, Kasteiungen; höher konnte die Stimmung nicht hinaufgeschraubt werden. Nach der Prüfung schalt er die Freundin aus, weil er gesehen hatte, wie sie lachte.

Am Tage des Abendmahls hielt der Pfarrer die Predigt. Es war der wohlwollende Rat eines alten aufgeklärten Mannes, den er der Jugend fürs Leben gab; es war herzlich und tröstend; keine Posaunen des Gerichts, keine Strafe für nicht begangene Sünden. Während der Predigt fielen ihm die Worte oft wie Balsam aufs verwundete Herz, und zuweilen kam es ihm vor, als habe der Alte recht.

Der Akt selbst am Altar, von dem er sich soviel versprochen hatte, verfehlte seine Wirkung. Die Orgel spielte stundenlang „O Lamm Gottes, erbarme dich unser‟. Knaben und Mädchen weinten und waren halbtot, wie beim Anblick einer Hinrichtung. Aber Johan war nur benommen; er wußte weder aus noch ein. Die Gnadenmittel hatte er im Küsterhause aus der Nähe gesehen, und die Sache war jetzt bis ins Sinnlose getrieben. Sie war reif zum Fallen. Und sie fiel!

Er bekam einen hohen Hut; erbte die abgelegten Kleider des Bruders, die weit und fein waren. Der Freund mit dem Kneifer nahm sich jetzt seiner an. Er hatte ihn allerdings auch nicht verlassen, als Johan Pietist war. Der nahm die Sache leicht, wohlwollend, nachsichtig; bewunderte ein wenig das Märtyrertum und den festen Glauben, den Johan in Handlung umsetzen wollte. Jetzt aber griff er ein. Er nahm Johan mit auf den Mittagspaziergang. Zeigte ihm die Schönheiten der Stadt; sagte ihm die Namen der Schauspieler, die sie trafen; nannte die Offiziere, welche die Parade anführten. Johan war noch schüchtern und besaß kein Selbstvertrauen.

Eines Mittags um zwölf, als sie ins Gymnasium gehen wollten, sagte der Freund:

— Komm, wir wollen in den „Drei Römern‟ Frühstück essen.

— Nein, wir müssen in die griechische Stunde!

— Ach, wir schwänzen das Griechische heute.

Schwänzen! Das war das erstemal. Aber etwas Schelte konnte man ja ertragen.

— Ja, aber ich habe kein Geld.

— Das brauchst du auch nicht; ich habe dich ja eingeladen.

Der Freund schien verletzt zu sein.

Sie gingen in die Kneipe. Ein schöner Geruch von Beefsteak schlug ihnen entgegen; die Kellner nahmen ihnen die Mäntel ab und hingen die Hüte an.

— Die Speisekarte! rief der Freund mit Sicherheit, denn er aß seit einigen Jahren in der Kneipe.

— Willst du ein Beefsteak haben?

— Ja, bitte!

Er hatte nicht mehr als zwei Male in seinem Leben Beefsteak gegessen.

— Butter, Käse und Branntwein; und zwei Halbe Bier!

Ohne Umstände goß Fritz den Schnaps ein.

— Nein, ich weiß nicht, ob ich darf!

— Hast du noch keinen Schnaps getrunken?

— Nein!

— Ach, nimm nur, der tut einem gut!

Er nahm ihn. Ab! Das wärmte den Körper, die Tränen traten ihm in die Augen, und ein leichter Nebel lagerte sich über das Zimmer; aber durch den Nebel klärte es sich auf; die Kräfte wuchsen, der Gedanke arbeitete, es kamen neue Gesichtspunkte, die dunkle Vergangenheit wurde heller.

Dann kam das saftige Stück Fleisch. Das war Essen!

Der Freund aß noch ein Butterbrot mit Käse. Johan fragte:

— Was sagt der Wirt dazu?

Der Freund lächelte ihn wie ein alter Onkel an:

— Iß nur; es kostet ebensoviel!

— Nein, aber Käsebutterbrot zum Beefsteak! Welche Unsitte!

Aber wie gut das schmeckte! Es war ihm, als esse er heute zum ersten Male. Und dann Bier.

— Soll jeder eine ganze halbe Flasche trinken? Bist du verrückt?

Das war doch einmal Essen! Das war kein so leerer Genuß, wie der blasse Mann behauptet hatte! Nein, das war ein solider Genuß, starkes Blut in halbleere Ader rollen zu fühlen, welche die Nerven zum Kampf des Lebens versehen sollten. Es war ein Genuß, zu fühlen, wie die entschwundene Manneskraft zurückkehrte; zufühlen, wie sich die schlaffen Sehnen eines halb gebrochenen Willens wieder spannten. Die Hoffnung erwachte, der Nebel wurde eine rosenrote Wolke; und der Freund ließ ihn in die Zukunft blicken, wie sie von der Freundschaft und der Jugend gedichtet wird.

Diese Illusionen der Jugend über das Leben, woher kommen sie? Aus Kraft, sagt man. Aber der Verstand, der so viele Wünsche der Kindheit in nichts hat aufgehen sehen, müßte den Schluß ziehen können, daß es unmöglich ist, die Illusionen der Jugend zu verwirklichen. Alle diese Träume sind ungesunde Illusionen, die von unbefriedigten Trieben hervorgerufen werden, und sie werden einst verschwinden; dann werden die Menschen verständiger werden und glücklicher.

Johan hatte nichts anderes vom Leben fordern gelernt als Freiheit von Tyrannei und Mittel zum täglichen Brot. Das genügte. Er war kein Aladdin und glaubte nicht ans Glück. Er besaß Kräfte genug, aber kannte sie nicht. Der Freund mußte ihn erst entdecken.

— Du mußt öfters mit uns ausgehen und dich etwas aufrütteln, sagte er; sitz nicht soviel zu Hause!

— Das kostet Geld, und ich bekomme keins.

— Dann gib Stunden!

— Stunden? Ich? Glaubst du, ich könnte Stunden geben?

— Du hast ja so gute Kenntnisse; das muß sehr leicht gehen.

Er hatte gute Kenntnisse! Das war eine Anerkennung oder eine Schmeichelei, wie die Pietisten es nannten, und die fiel in fruchtbaren Boden.

— Aber ich habe keine Bekannte! Keine Verbindungen!

— Sag es nur dem Direktor, dann geht's! Es ist ja für mich gegangen!

Johan wagte kaum an ein solches Glück zu glauben, daß er sich Geld verdienen könne. Aber wenn er hörte, daß andere es konnten, und er sich mit ihnen verglich! Ja, aber die hatten Glück!

Der Freund brachte ihn in Bewegung. Bald hatte er des Abends die Schulaufgaben durchzunehmen und war Lehrer in einem Mädchenpensionat.

Jetzt erwachte sein Selbstgefühl. Die Mägde des Elternhauses nannten ihn Herr Johannes, und die Lehrer in der Schule redeten die Klasse an: meine Herren. Auf eigne Faust begann er jetzt sein Schulwesen zu reformieren. Zuerst hörte er mit dem Griechischen auf. Längst hatte er den Vater gebeten, ihm das zu erlassen; aber vergeblich. Jetzt tat er's auf eigene Faust, und der Vater erfuhr es erst lange nach dem Studentenexamen. Darauf stellte er die Mathematik ein, nachdem er erfahren, daß ein Lateiner das Recht hatte, in diesem Lehrstoff auf ein Zeugnis zu verzichten. Ferner wurde er nachlässig in Latein. Er wollte in einem Monat vor der Prüfung alles noch einmal durchnehmen, indem er büffelte. Dann führte er die Gewohnheit ein, während der Stunden französische, deutsche, englische Romane zu lesen. Die Fragen gingen gewöhnlich der Reihe nach; er hatte sein Buch vor sich, bis sich die Frage näherte; er rechnete aus, was er für eine Stelle bekommen werde, und bereitete sich rasch vor. Die lebenden Sprachen wurden jetzt seine Stärke, neben den Naturwissenschaften.

Mit Minderjährigen die Aufgaben durchnehmen, war eine neue furchtbare Strafarbeit, aber es war eine Arbeit, die sich bezahlte. Natürlich hatten nur Knaben, die widerwillig lernten, einen besonderen Lehrer. Es war eine grausame Arbeit für sein lebhaftes Gehirn, sich diesen Köpfen anzupassen. Sie waren einfach unmöglich! Sie konnten nicht aufmerksam sein. Er glaubte, sie seien störrisch. Die Wahrheit war, daß ihr Wille die Aufmerksamkeit nicht erzwingen konnte. Mit Unrecht galten diese Knaben für dumm. Sie waren im Gegenteil aufgeweckt; aber ihre Gedanken drehten sich um wirkliche Dinge. Später scheinen sie die Torheit der Lehrstoffe durchschaut zu haben. Viele von ihnen sind dann tüchtige Männer im Leben geworden; und noch mehrere wären es geworden, wenn sie nicht von ihren Elterngezwungen wären, ihrer Natur Gewalt anzutun und die Studien fortzusetzen.

Im Mädchenpensionat arbeitete er nur mit den Kleineren. Die Großen dagegen gingen frei im Zimmer herum und zeigten ihre Strümpfe gegen Tischbeine und Stuhlfüße. Er war ihnen gut, wagte sich aber nicht ihnen zu nähern.

Als die Freundin die Änderung in seinem Wesen bemerkte, entstand ein neuer Streit. Sie warnte ihn vor dem Freund, der ihm schmeichle; und sie warnte ihn vor den jungen Mädchen, von denen er mit einer gewissen Wärme sprach. Sie war eifersüchtig. Sie berief sich auf Jesus, aber Johan hörte nicht zu. So zog er sich von ihr zurück.

Er führte jetzt ein munteres und tätiges Leben. Mittags Parade und einen Trunk. Abends Serenaden, denn er sang jetzt in einem Quartett, Punsch und etwas Liebelei mit Kellnerinnen. Er verliebte sich in eine kleine Blonde, die hinter dem Ladentisch saß und schlief. Er wollte sie für sich retten, sie auf einer Pfarre in Pension geben, selbst Geistlicher werden und sich mit ihr verheiraten. Aber die Liebe ging bald vorüber, als er eines Abends sah, wie die Kameraden sie in einem Privatzimmer an die Brust faßten.

Währenddessen war Jesus aus seinem Amt entsetzt worden, aber ein schwacher Grundton von Frömmlertum und Askese klang noch nach. Er betete noch aus Gewohnheit, aber ohne Hoffnung, daß sein Gebet erhört werde; er hatte ja so lange diese Bekanntschaft gesucht, die so leicht zu finden sein soll, wenn man nur ein wenig an die Tür der Gnade klopfe. Um die Wahrheit zu sagen, es lag ihm nicht soviel daran, beim Wort genommen zu werden. Wenn sich die Tür geöffnet und der Gekreuzigte ihn hereingerufen hätte, er wäre nicht erfreut gewesen. Sein Fleisch war zu jung und zu gesund, um sich gern kreuzigen zu lassen.

Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen. In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie Lehrer schonungslos beurteilt.

Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit, begannen sich zu zeigen.

Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.

Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.

Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse, Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen. Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.

Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht. Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhnebleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen. Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit, daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich Royalist.

Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum, das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835 hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.

Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859 gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie nicht.

Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg. Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟, welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟, in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit der „Lehre‟ nicht der Fall war.Und mit Boströms Angriff auf die Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.

Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg. Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig. Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn. Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie waren sofort bekannt.

Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um Glauben und Wissen.

— Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.

— Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?

— Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.

— Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den Almanach erhoben.

— Ja, antwortete Johan, aber zu Galileis Zeit war es gegen alle Vernunft, anzunehmen, daß die Erde um die Sonne läuft. Das ist nur Widerspruchsgeist, sagte man; er will originell sein.

— Wir leben nicht in Galileis Zeit, antwortete der Freund; und es ist gegen die Vernunft unserer aufgeklärten Zeit, an Christi Gottheit und die ewigen Strafen zu glauben.

— Über diese Dinge wollen wir nicht streiten, sagte Johan.

— Warum nicht?

— Die stehen über allem Streit!

— Genau dasselbe habe ich vor zwei Jahren auch gesagt, als ich gläubig war.

— Sind Sie.. Pietist gewesen?

— Ja, das bin ich gewesen.

— Hm! Und Sie haben jetzt Frieden?

— Jetzt habe ich Frieden!

— Wie haben Sie den gefunden?

— Ich lernte durch einen Prediger den Geist des wahren Christentums kennen.

— Sind Sie denn Christ?

— Ja, ich bekenne Christus!

— Aber Sie glauben nicht, daß er Gott war?

— Das hat er selbst nie gesagt. Er nennt sich nur Gottes Sohn, und Gottes Söhne sind wir alle.

Die Freundin kam und brach das Gespräch ab, das, nebenbei gesagt, typisch für religiöse Wortstreite von 1865 war.

Johans Neugier war geweckt worden. Es gab Menschen, die nicht an Christus glaubten und doch Frieden hatten. Nur Kritik aber hätte die alten Götterbilder nicht gestürzt; die Furcht vor dem leeren Raum hielt ihn zurück, bis ihm Parker in die Hand fiel. Predigten ohne Christus und Hölle, das war, was er brauchte. Und so schöne Predigten. Johan las sie äußerst schnell, und es lag ihm am meisten daran, daß Geschwister und Angehörige sie genossen, auf daß sie ihn mit ihrer Mißbilligung verschonten. Er verwechselte nämlich fremde Mißbilligung mit bösem Gewissen; war so gewohnt,andern recht zu geben, daß er in Zwietracht mit sich selbst geriet.

Aber Christus, der Inquisitor, fiel; die Gnadenwahl, das jüngste Gericht, alles stürzte zusammen, als sei es längst reif zum Fallen gewesen. Er war erstaunt, daß es so schnell ging. Es war, wie alte Kleider ablegen und neue anziehen.

Eines Sonntagmorgens ging er mit dem Ingenieur in den Hagapark hinaus. Es war Frühling. Der Hasel blühte und die Leberblümchen waren herausgekommen. Das Wetter war halbklar, die Luft weich und feucht nach einem nächtlichen Regen. Sie sprachen von der Freiheit des Willens. Der Pietismus hatte eine sehr schwankende Auffassung von der Sache. Man hatte keinen freien Willen, Gottes Kind zu werden. Der Heilige Geist würde einen aufsuchen: also Prädestination. Johan hatte wohl den Willen gehabt, bekehrt zu werden, es aber nicht werden können. „Herr, schaff in mir einen neuen Willen‟, hatte er beten gelernt. Wie aber konnte er denn für seinen bösen Willen verantwortlich sein? Durch den Sündenfall, antwortete der Pietist; da der mit freiem Willen begabte Mensch das Böse wählte, wurde sein Wille böse durch Vererbung; böse für alle Zeiten und hörte auf, frei zu sein. Und er konnte diesen bösen Willen nur durch Jesus und durch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes loswerden. Aber von neuem geboren werden, hing nicht von seinem eigenen Willen ab, sondern von Gottes Gnade. Also unfrei. Aber obwohl unfrei, blieb er verantwortlich. Da lag der Fehlschluß.

Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft,die mit Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See, der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten; schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu Hause.

In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen, da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich naturfeindlich?

Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.

Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859 war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können. Moleschottwurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.

Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet; das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.

— Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.

— Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.

— Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.

Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium, das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber verstummte er.

— Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.

— Ja, sagte Johan, entweder nicht tun, was man bereut; oder nicht bereuen, was man tut!

— Das letzte ist besser!

— Aber ich bereue doch! Bereue eine gute Handlung, denn es wäre unrecht, zu heucheln. Mein neues Gewissen sagt mir, daß ich recht habe; und mein altes Gewissen, daß ich unrecht habe. Ich kann keinen Frieden mehr finden!

Das konnte er auch nicht. Sein neues Ich stand auf gegen sein altes, und sie lebten in Uneinigkeit, wie unglückliche Ehegatten, sein ganzes Leben hindurch, ohne sich trennen zu können.

Die Reaktion gegen das Alte, das ausgerodet werden sollte, brach in heftigen Angriffen hervor. Die Furcht vor der Hölle war fort, Selbstentsagung war Einfalt, und die Natur des Jünglings nahm sich ihr Recht. Als Konsequenz entstand eine neue Moral, die er auf sein Gefühl hin so formulierte: was keinem Mitmenschen schadet, ist mir erlaubt. Er fühlte, der Familiendruck war ihm schädlich und niemandem nützlich: so erhob er sich gegen diesen Druck. Den Eltern, die ihm nie Liebe erwiesen, aber auf Dankbarkeit pochten, weil sie ihm aus Gnade und unter Demütigung sein gesetzliches Recht gaben, zeigte er nun seine wirklichen Gefühle. Sie waren ihm antipathisch: er zeigte ihnen Kälte. Auf die ununterbrochenen Angriffe gegen das Freidenkertum antwortete er frank und frei, vielleicht übermütig. Sein halbgebrochener Wille begann sich zu erheben, und er sah ein, daß er vom Leben Rechte zu fordern habe.

Der Ingenieur, dem man die Rolle des Bösen zuerteilte, wurde verflucht und von der Freundin bearbeitet, die jetzt einen Freundschaftsbund mit der Mutter geschlossen. Der Ingenieur war der Frage nicht auf den Grund gegangen: indem er Parkers Kompromiß annahm, hatte er die Selbstverleugnung des Christentums beibehalten. Man sollte liebevoll und verträglich sein, Christi Beispiel folgen und so weiter. Johan hatte alles fortgeworfen und geriet jetzt in Gegensatz zu seinem Lehrer. Von der Freundin, für die er eine stille Neigung nährte, aufgefordert, über die Konsequenzen seiner Lehren erschrocken, schrieb der Ingenieur diesen Brief nieder. Furcht vor dem Feuer, das er entzündet, Liebe zur Freundin, Freundschaft für den Schüler, aufrichtige Überzeugung hatten den diktiert.

„An meinen Freund Johan!Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an, Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus, unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟

„An meinen Freund Johan!

Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an, Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus, unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟

— Es ist doch merkwürdig, dachte Johan beim Lesen, wie dieser natürliche Mann, der so einfach und wahr spricht, so schwülstig schreiben kann. Dies ist unwahr.

„Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wirmüssenes jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen; die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur verbreiten zu sehen.‟

„Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wirmüssenes jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen; die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur verbreiten zu sehen.‟

— Verzeihen? Ja gewiß, wenn man nur sein Benehmen änderte und ihn freigab. Abermanverzieh jaihmnicht! Mit welchem Recht forderte man dann Nachsicht von seiner Seite? Mit welchem Recht? Es müßte doch gegenseitig sein!

„Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst, ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu seinschien. Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟

„Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst, ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu seinschien. Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟

— Mit seinen früheren Ansichten konnte Johan nie einen Fehler bei jemandem verzeihen, am wenigsten bei sich selbst; manchmal bei andern; aber das war dumm. Das war ja schlaffe Moral! — Eine liebevolle Mutter? Die liebevoll? Wie kam Axel zu dieser Ansicht? Sie hatten ja die harte Frau zusammen kritisiert! Und einen zärtlichen Vater? Warum sollte er dessen Handlungen nicht beurteilen? Hart gegen hart in Selbstverteidigung! Nicht noch die linke Backe hinhalten, wenn die rechte brennt.

„Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟

„Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟

— Anspruchslos? Doch, das war er sicher; gerade darum wurde er geduckt; jetzt aber fühlte er seine rechtmäßigen Ansprüche! — Eingebildet! Haha! Der Lehrer fühlte sich von dem undankbaren Schüler vernachlässigt.

„Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟

„Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟

— Meiner Mutter? Habe keine Mutter! Und die Stiefmutter weint nur, wenn sie böse ist! Wer zum Teufel hat das diktiert?

„... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟

„... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟

— Was hat sie mit meinem Herzen zu schaffen, da sie einen Haushalt und sieben Kinder zu besorgen hat?

„... und Deinen elenden Seelenzustand...‟

„... und Deinen elenden Seelenzustand...‟

— Das ist ja Pietismus! Meine Seele hat sich niemals so gesund und lebenskräftig gefühlt wie jetzt!

„... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und Sorge...‟

„... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und Sorge...‟

— Das war eine Lüge. Vater ist selber Theist und bekennt Wallin; übrigens hat er nicht Zeit, an mich zu denken. Er weiß, daß ich fleißig und ehrlich bin und nicht zu Mädchen gehe. Er hat mich sogar in diesen Tagen gelobt.

„... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟

„... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟

— Die hat andere Gründe, denn die Ehe ist nicht glücklich.

„... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen Tropfen Wasser verwandeln können.‟

„... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen Tropfen Wasser verwandeln können.‟

— Er muß Romane lesen. Übrigens war Johan überaus freundlich und weich gegen seine Freunde in der Schule. Aber gegen die Feinde zu Hause war er kalt geworden; das war ihre Schuld.

„Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟

„Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟

— Kein Recht, aber die Veranlassung!

„... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟

„... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟

— Da haben wir's. Der niedrige Elende! Er war überflügelt.

„Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam zu sein...‟

„Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam zu sein...‟

— Die Stiefmutter!

„... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen zu übersehen...‟

„... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen zu übersehen...‟

— Nein, das wollte er nicht! Sie hatten ihn gequält, bis er log; sie waren in seine Seele gedrungen und hatten gute Saat als angebliches Unkraut herausgerissen; sie wollten sein Ich ersticken, das ebensoviel Recht auf Dasein hatte wie ihres. Sie hatten niemals Nachsicht mit seinen Fehlern gehabt: warum sollte er sie mit ihren haben? Weil Christus gesagt hatte... Er gab nichts mehr darauf, was Christus gesagt hatte; das war nicht mehr anzuwenden. Übrigens kümmerte er sich nicht um die zu Hause; er verschloß sich in sich selbst. Sie waren ihm antipathisch und konnten niemals seine Sympathie gewinnen. Das war alles! Sie besaßen indessen Fehler und wollten seine Verzeihung erhalten! Schön! Er verzieh ihnen! Wenn sie ihn nur in Frieden ließen!

„Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!) gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟„Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe, dafür betet trauernd aber hoffnungsvollAxel.‟

„Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!) gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟

„Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe, dafür betet trauernd aber hoffnungsvoll

Axel.‟

Ich habe genug von Beichtvätern und Inquisitoren, dachte Johan. Seine Seele war gerettet und er fühlte sich frei. Sie streckten die Krallen nach ihm aus, aber er floh. Der Brief des Freundes war unwahr und gemacht; er fühlte Esaus Hände. Er antwortete nicht, sondern brach den Verkehr mit Freund und Freundin ab.

Sie nannten ihn undankbar. Wer auf Dankbarkeit pocht, ist schlimmer als ein Gläubiger; er gibt erst ein Geschenk, mit dem er prahlt, um dann später die Rechnung zu schicken. Diese Rechnung kann nie bezahlt werden, denn ein Gegendienst soll die Dankbarkeitschuld nicht tilgen können; das ist eine Einschreibung auf die Seele eines Menschen, die nicht bezahlt werden kann und sich übers ganze Leben erstreckt. Nimmst du einen Dienst an, so verlangt der Freund, du sollst dein Urteil über ihn fälschen; seine eignen schlechten Handlungen wie die seiner Frau und seiner Kinder loben.

Aber Dankbarkeit ist ein tiefes Gefühl, das den Menschen ehrt und das ihn erniedrigt. Mögen wir dahin kommen, daß wir für eine Wohltat, die vielleicht nur eine Pflicht und Schuldigkeit war, nicht durch Dankbarkeit gebunden sind.

Johan schämte sich über den Bruch mit den Freunden; aber er fühlte, daß sie ihn zurückhielten und unterdrückten. Übrigens: was hatten sie ihm an Freude des Verkehrs geschenkt, das er ihnen nicht zurückgegeben hätte?

Fritz, so hieß der Freund mit dem Kneifer, war ein kluger Weltmensch. Beide Worte, klug und Weltmensch,hatten damals eine häßliche Bedeutung. Klug sein während der spätromantischen Epoche, als alle etwas gestört waren — das war ein Zeichen der Oberklasse — klug sein war damals gleichbedeutend mit etwas schlecht sein. Ein weltlicher Mensch sein, während sich alle, so gut sie konnten, in den Himmel zu schmuggeln suchten, war noch schlimmer. Fritz war klug. Er wollte sein einziges Leben gut und angenehm leben; Karriere machen und so weiter. Darum suchte er die Vornehmen auf. Das war klug, denn die hatten Macht und Geld. Warum sollte er sie nicht suchen?

Wie er dazu kam, sich um Johan zu kümmern? Vielleicht animalische Sympathie, vielleicht vieljährige Gewohnheit. Interessen konnte Johan nicht fördern, höchstens daß er ihm vorsagte und mit seinen Büchern aushalf. Fritz bereitete sich nämlich niemals vor und kaufte Punsch für das Geld, das für Bücher bestimmt war.

Als Fritz jetzt sah, daß Johan inwendig gesäubert und sein äußerer Mensch präsentabel sei, führte er ihn in seinen Kreis ein. Es war ein kleiner Kreis von teils vermögenden, teils vornehmen jungen Leuten aus der Klasse, in die Johan ging. Der war zuerst etwas schüchtern gegen die netten Herren; bald aber wurde er vertraut mit ihnen. Eines Tages kommt Fritz, um Johan zu erzählen, er sei zu einem Ball geladen.

— Ich auf Ball, bist du verrückt? Dazu tauge ich nicht!

— Solch ein netter Bursche, wie du bist, wird Glück bei den Mädchen machen.

Hm! Da sah er seine Person aus einem neuen Gesichtspunkt. Sollte er — hm? Und zu Hause bekam er nie etwas anderes als Tadel zu hören!

Er ging auf den Ball. Es war in einem bürgerlichen Hause. Die Mädchen hatten Bleichsucht, einige andere waren rot wie Beeren. Johan liebte am meisten die weißen, die um die Augen blau oder schwarz waren. Die sahen so leidend und schmachtend aus; warfen so bittende Blicke, so bittende. Da war eine, die war leichenblaß, ihre Augen brannten kohlschwarz in tiefenHöhlen; die Lippen waren so dunkel, daß sich der Mund beinahe wie ein schwarzer Strich öffnete. Die machte Eindruck auf ihn; er wagte aber nicht, es auf sie abzusehen, denn sie hatte schon ihren Anbeter. So blieb er bei einer nicht ganz so Blendenden, die mehr süß und mild war.

Auf dem Balle fühlte er sich wohl. Mit fremden Menschen zusammen sein, ohne die kritischen Augen eines einzigen Verwandten zu sehen! Aber es wurde ihm so schwer, mit den Mädchen zu sprechen.

— Was soll ich ihnen sagen? fragte er Fritz.

— Kannst du nicht etwas Unsinn mit ihnen schwatzen! Es ist schönes Wetter; macht Ihnen das Tanzen Vergnügen; laufen Sie Schlittschuh; haben Sie die und die Schauspielerin gesehen? Flott sein muß man.

Johan ging und haspelte das Programm herunter; aber der Gaumen wurde ihm trocken, und beim dritten Tanze empfand er Ekel. Er wurde auf sich selbst böse und schwieg.

— Macht dir das Tanzen kein Vergnügen? fragte Fritz. Muntere dich auf, alter Leichenbitter!

— Das Tanzen ist ja ganz nett, wenn man nur nicht sprechen müßte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Das war tatsächlich der Fall. Er hatte die Mädchen gern; es machte ihm Freude, sie zu umfassen; das war so männlich. Aber mit ihnen sprechen? Er fühlte, daß er es mit einer andern Art homo zu tun hatte, die in gewissen Fällen höher, in andern niedriger stand. Er betete in der Stille die kleine Milde an und hatte sie zu seiner Frau erkoren. Nur unter der Form von Ehefrau konnte er sich das Weib denken.

Er tanzte unschuldig; fing aber furchtbare Reden von den Kameraden auf, die er erst später verstand. Die konnten nämlich einen Walzer rückwärts durch den Saal tanzen, auf unkeusche Art, und sprachen geringschätzig von den Mädchen.

Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand erden ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte? Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!

— Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.

Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.

Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm. So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.

Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon, daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und erschütterte ihnwie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt, daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.

Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein, niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn verschlingen.

Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten. Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte sie einen Fehler gemacht.

Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.

Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.

Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig. Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.

Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der, obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.

Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das ist die Ästhetik.

In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.

Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die Landschaft mitMensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer, Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.

Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank, und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten. „Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des „Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik, spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn, Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.

In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damalsglaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die Geschichte als Spaß erzählt.

An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:

— „Fähnrich Stahl‟!

— Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war. Realismus, Barbarei!

Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und „Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.

Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu schreiben.

— Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.

Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle. Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen. Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen Vers schrieb.

Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte, auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.

Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter; Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens „Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit; Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form, wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem verlausten „Aron am Herd‟.

Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch inseinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.

Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles, was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern, die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.

Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen, der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei, davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch — der Autor hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne gebracht —, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen modernen Realismus machte, nicht befugt waren.

Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.

Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟ eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein „Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl „Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.

Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.

Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟ in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum. Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden, daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu ändern, man hätte denn ins Kloster gehen odersich kastrieren lassen müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt! Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum, Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht, das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt. Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).

Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen, die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten, ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden und seine Mission in Europa.

Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich,mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die Götter unsichtbare Regisseure.

Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter, Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu können, war einem genommen.

Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel, da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn und tanzt Cancan mit den Hetären.

Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein Gesichtspunkt war noch der ästhetische.

Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.

Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das Stück beinahe auf höchsten Befehl!

Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst, als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟ gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. — Nein! — Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen; und er sah es.

Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten, natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.

Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.

Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet, der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.

Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt sich gegen denStiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan. Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern. Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein wollen.

Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.

Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn; später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und handelt, wie es denkt.


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