Der Herr Vorsteher oder Herr Taxator sagte: »Man sieht Sie aber immer spazieren!«
»Spazieren«, gab ich zur Antwort, »muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet. Ohne Spazieren und Bericht-Auffangen könnte ich auch keinen Bericht mehr abstatten und nicht den winzigsten Aufsatz mehr, geschweige denn eine ganze lange Novelle verfassen. Ohne Spazieren würde ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen können. Ein so gescheiter und aufgeweckter Mann wie Sie darf und wird das augenblicklich begreifen. Auf einem schönen und weitschweifigen Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein. Zu Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren. Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich und nützlich. Ein Spaziergang fördert mich beruflich und macht mir zugleich auch noch persönlich Spaß und Freude; er erquickt und tröstet und freut mich, ist mir ein Genuß und hat gleichzeitig die Eigenschaft, daß er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir zahlreiche kleine und große Gegenständlichkeiten als Stoff darbietet, den ich später zu Hause emsig und eifrig bearbeite. Ein Spaziergang ist immervoll sehenswerter und fühlenswerter bedeutender Erscheinungen. Von Gebilden und lebendigen Gedichten, von Zaubereien und Naturschönheiten wimmelt es auf netten Spaziergängen meistens, und seien sie noch so klein. Naturkunde und Landeskunde öffnen sich reizvoll und anmutvoll vor den Sinnen und Augen des aufmerksamen Spaziergängers, der freilich nicht mit niedergeschlagenen, sondern mit offenen und ungetrübten Augen spazieren muß, wenn ihm der schöne Sinn und der heitere, edle Gedanke des Spazierganges aufgehen soll. Bedenken Sie, wie der Dichter verarmen und kläglich scheitern muß, wenn nicht die mütterliche und väterliche und kindlich schöne Natur ihn immer wieder von neuem mit dem Quell des Guten und Schönen erfrischt. Bedenken Sie, wie für den Dichter der Unterricht und die heilige goldene Belehrung, die er draußen im spielenden Freien schöpft, immer wieder von der größten Bedeutung sind. Ohne Spazieren und damit verbundene Naturanschauung, ohne diese ebenso liebliche wie ermahnungsreiche Erkundigung fühle ich mich wie verloren und bin es auch. Höchst liebevoll und aufmerksam muß der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügen Buchstabengeschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise lieb und schön und wert. Keinerlei empfindsamliche Eigenliebe und Leichtverletzlichkeit darf er mit sich tragen. Uneigennützig und unegoistisch muß er seinen sorgsamen Blick überallhin schweifen und herumstreifen lassen; ganz nur im Anschauen und Merken der Dinge muß er stets fähig sein aufzugehen, und sich selber, seine eigenen Klagen, Bedürfnisse, Mängel, Entbehrungen hat er, gleich dem wackeren, dienstbereiten und aufopferungsfreudigen erprobten Feldsoldaten, hintanzustellen, gering zu achten und zu vergessen. Im andern Fall spaziert er nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Geist, und das ist nichtswert.Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und der Begeisterung fähig sein, und er ist es hoffentlich. Er muß in den hohen Enthusiasmus hinaufzudringen und sich in die tiefste und kleinste Alltäglichkeit herunterzusenken und zu neigen vermögen, und er kann es vermutlich. Treues, hingebungsvolles Aufgehen und Sichverlieren in die Gegenstände und eifrige Liebe zu allen Erscheinungen und Dingen machen ihn aber dafür glücklich, wie jede Pflichterfüllung den Pflichtbewußten glücklich und reich im Innersten macht. Geist, Hingabe und Treue beseligen ihn und heben ihn hoch über seine eigene unscheinbare Spaziergängerperson hinaus, die nur zu oft im Geruch und schlechten Rufe des Vagabundierens und unnützen Herumstreichens steht. Seine mannigfaltigenStudien bereichern und belustigen, besänftigen und veredeln ihn und streifen mitunter, so unwahrscheinlich das auch klingen mag, hart an exakte Wissenschaft, die dem scheinbar leichtfertigen Bummler niemand zutraut. Wissen Sie, daß ich hartnäckig und zäh im Kopfe arbeite und oft im besten Sinn tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grünen mich verlierender, saumseliger, träumerischer und träger, schlechtesten Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem Spaziergänger allerlei schöne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach, derart, daß er mitten im fleißigen, achtsamen Gehen innehalten, stillstehen und horchen muß, daß er über und über von seltsamen Eindrücken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und er das Gefühl hat, als müsse er plötzlich in die Erde hinabsinken oder als öffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Töne und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich wie Schemen rund um ihn herum, und er muß sich fragen: »Wo bin ich?« Erde und Himmel fließen und stürzen mit einmal in ein blitzendes, schimmerndes, übereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen; das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden.Mühsam versucht der Erschütterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm, und er spaziert vertrauensvoll weiter. Halten Sie es für ganz und gar unmöglich, daß ich auf einem weichen geduldigen Spaziergang Riesen antreffe, Professoren die Ehre habe zu sehen, mit Buchhändlern und Bankbeamten im Vorbeigehen verkehre, mit angehenden jugendlichen Sängerinnen und ehemaligen Schauspielerinnen rede, bei geistreichen Damen zu Mittag speise, durch Wälder streife, gefährliche Briefe befördere und mich mit tückischen ironischen Schneidermeistern wild herumschlage? Das alles kann vorkommen, und ich glaube, daß es in der Tat vorgekommen ist. Den Spaziergänger begleitet stets etwas Merkwürdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wäre dumm, wenn er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoßen würde; aber das tut er nicht; er heißt vielmehr alle sonderbaren, eigentümlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrüdert sich mit ihnen, weil sie ihn entzücken, macht sie zu gestaltenhaften wesenvollen Körpern, gibt ihnen Bildung und Seele, wie sie ihrerseits ihn beseelen und bilden. Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen, Forschen und Spazieren so sauer wie irgend einer. Indem ich vielleicht die allervergnügteste Miene schneide, bin ich höchst ernsthaft und gewissenhaft, und wo ich weiter nichts als zärtlich und schwärmerisch zu sein scheine, bin ich ein solider Fachmann!Ich hoffe, daß alle diese eingehenden Aufklärungen Sie von meinen ehrlichen Bestrebungen überzeugen und Sie vollauf befriedigen.«
Der Beamte sagte: »Gut!«, und er fügte bei: »Ihr Gesuch betreffs Bewilligung möglichst niedrig zu veranschlagenden Steuersatzes werden wir näher prüfen und Ihnen diesbezüglich baldige abschlägige oder einwilligende Mitteilung machen. Für freundlich abgelegten Wahrheitsbericht und eifrig geleistete ehrliche Aussagen dankt man Ihnen. Sie dürfen einstweilen abtreten und Ihren Spaziergang fortsetzen.«
Da ich in Gnaden entlassen war, so eilte ich freudig fort und war bald wieder im Freien. Freiheitsbegeisterungen ergriffen mich und rissen mich hin. Ich komme jetzt endlich, nach so manchem tapfer bestandenem Abenteuer und nach so manchem mehr oder weniger siegreich überwundenen schwierigen Hindernis, zu dem längst angemeldeten und vorausgesagten Eisenbahnübergang, wo ich eine Weile stehen bleiben und niedlich warten mußte, bis etwa allmählich der Zug gütigst die hohe Gnade gehabt hätte, säuberlich vorüberzufahren. Allerlei männliches und weibliches Volk jeglichen Alters und Charakters stand und wartete wie ich an der Stange. Die korpulente, nette Bahnwärtersfrau stand still wie eine Statue da und musterte uns Herumstehende und Wartende gründlich. Der vorbeisausende Eisenbahnzug war voll Militär, und alle zu den Fenstern herausschauenden, dem lieben teuren Vaterland Dienste weihenden und widmendenSoldaten, diese ganze fahrende Soldatenschule einerseits und das unnütze Zivilpublikum anderseits grüßten und winkten einander gegenseitig freundlich und patriotisch, eine Bewegung, die rund herum liebliche Stimmungen verbreitete. Da der Übergang frei geworden war, gingen ich und alle andern friedlich und ruhig weiter, und nun schien mir jederlei Umgebung mit einmal noch tausendmal schöner als vorher geworden zu sein. Der Spaziergang schien immer schöner, reicher und größer werden zu wollen. Hier beim Bahnübergang schien mir der Höhepunkt oder etwas wie das Zentrum zu sein, von wo aus es leise wieder sinken würde. Ich ahnte bereits etwas vom beginnenden sanften Abendabhang. Etwas wie goldene Wehmutwonne und süßer Schwermutzauber hauchte wie ein stiller, hoher Gott umher. »Hier ist es jetzt himmlisch schön«, sagte ich zu mir selber. Wie ein bezauberndes, Tränen heraufbeschwörendes Abschiedlied lag das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen, Gärten und Häusern da. Tönend drangen leise uralte Volksklagen und Leiden des guten, armen Volkes aus allen Seiten daher. Geister mit entzückenden Gestalten und Gewändern tauchten groß und weich auf, und die liebe, gute Landstraße strahlte himmelblau und weiß und goldig. Rührung und Entzücken flogen wie aus dem Himmel niederstürzende Engelsbilder über die golden gefärbten, rosig angehauchten kleinen Armutshäuser, die der Sonnenschein zärtlich umarmte und umrahmte. Liebe und Armut und silberner-goldenerHauch gingen und schwebten Hand in Hand. Es war mir zumut, als rufe mich jemand Liebes beim Namen oder als küsse und tröste mich jemand. Gott der Allmächtige, unser gnädiger Herr, trat auf die Straße, um sie zu verherrlichen und himmlisch schön zu machen. Einbildungen aller Art und Illusionen machten mich glauben, daß Jesus Christus heraufgestiegen sei und jetzt mitten unter den Leuten und mitten durch die liebenswürdige Gegend wandere und umher wandle. Häuser, Gärten und Menschen verwandelten sich in Klänge, alles Gegenständliche schien sich in eine Seele und in eine Zärtlichkeit verwandelt zu haben. Süßer Silberschleier und Seelennebel schwamm in alles und legte sich um alles. Die Weltseele hatte sich geöffnet, und alles Leid, alle menschlichen Enttäuschungen, alles Böse, alles Schmerzhafte schienen zu entschwinden, um von nun an nie mehr wieder zu erscheinen. Frühere Spaziergänge traten mir vor die Augen; aber das wundervolle Bild der bescheidenen Gegenwart wurde zur überragenden Empfindung. Die Zukunft verblaßte, und die Vergangenheit zerrann. Ich glühte und blühte selber im glühenden, blühenden Augenblick. Aus näheren und weiteren Entfernungen trat Großes und Gutes mit herrlicher Gebärde, Beglückungen und Bereicherungen silberhell hervor, und ich phantasierte mitten in der schönen Gegend von nichts anderem als nur eben von ihr. Alle übrigen Phantasien sanken zusammen und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit.Ich hatte die ganze reiche Erde dicht vor mir und schaute doch nur auf das Kleinste und Bescheidenste. Mit Liebesgebärden hob sich und senkte sich der Himmel. Ich war ein Inneres geworden und spazierte wie in einem Innern; alles Äußere wurde zum Traum, das bisher Verstandene zum Unverständlichen. An der Oberfläche herab stürzte ich in die fabelhafte Tiefe, die ich im Augenblick als das Gute erkannte. Was wir verstehen und lieben, das versteht und liebt auch uns. Ich war nicht mehr ich selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich selbst. Im süßen Liebeslichte erkannte ich oder glaubte ich erkennen zu sollen, daß vielleicht der innerliche Mensch der einzige sei, der wahrhaft existiert. Der Gedanke griff mich an: »Wo wollten wir armen Menschen sein, wenn es keine treue Erde gäbe? Was hätten wir noch, wenn wir dieses Schöne und Gute nicht hätten? Wo sollte ich sein, wenn ich nicht hier sein dürfte? Hier habe ich alles, und anderswo hätte ich nichts.«
Was ich sah, war ebenso klein und arm wie groß und bedeutend, ebenso bescheiden wie reizend, ebenso nah wie gut und ebenso lieblich wie warm. An zwei Häusern, die wie lebendige, gemütliche Nachbarsgestalten nah beieinander im hellen Sonnenlicht lagen, hatte ich große Freude. Eine Freude kam auf die andere, und in der weichen, zutraulichen Luft schwebte ein Behagen auf und ab und zitterte es wie von verhaltenem Vergnügen. Eines der beiden kleinen,feinen Häuser war das Wirtshaus zum »Bären«; der Bär war im Wirtshausschild trefflich und drollig abgebildet. Kastanienbäume überschatteten das zierliche, gutmütige Haus, das sicher von lieben, netten, freundlichen Leuten bewohnt war; sah doch das Haus nicht wie manche Bauwerke hochmütig, sondern wie die Zutraulichkeit und Treue selber aus. Überall, wohin das Auge blickte, lag dichte, zufriedene Gartenpracht und schwebte grünes, dichtes Gewirr von artigen Blättern. Das zweite Haus oder Häuschen glich in seiner sichtlichen Lieblichkeit und Niedrigkeit einem kindlich schönen Blatt aus einem Bilderbuch, einer süßen Illustration, so reizend und seltsam stellte es sich dar. Die Welt rund um das Häuschen erschien vollkommen gut und schön. Ich verliebte mich in das bildschöne, kleine Hauswesen allsogleich bis über die Ohren und wäre von Herzen gern hineingegangen, um mich einzunisten und einzumieten und für immer im Zauberhäuschen und Kleinod zu wohnen, und mich wohlzufühlen; aber gerade die schönsten Wohnungen sind leider Gottes meistens besetzt, und wer für seinen anspruchsvollen Geschmack eine passende Wohnung sucht, dem geht es schlecht, weil, was leer steht und zu haben ist, oft greulich ist und Grauen erregt. Das schöne Häuschen war sicherlich von einem alleinstehenden Frauchen oder Großmütterchen bewohnt; es duftete danach und schaute so danach aus. Wenn es gestattet ist, zu sagen, so melde ich ferner, daß an der Wand des Häuschens Wandmalereien oder erhabene Freskenstrotzten, die himmlisch fein und lustig waren und eine Schweizeralpenlandschaft darstellten, auf der wieder ein Haus und zwar ein Berner-Oberländerhaus stand, nämlich gemalt. Gut war die Malerei an sich wahrhaftig keineswegs. Solches behaupten zu wollen wäre keck. Herrlich kam sie mir aber trotzdem vor. Simpel und einfältig, wie sie war, entzückte sie mich; mich entzückt eigentlich jedes noch so dumme und ungeschickte Stück Malerei, weil jedes Stück Malerei erstens an Emsigkeit und Fleiß und zweitens an Holland erinnert. Ist denn nicht jede Musik, auch die kärglichste, für den schön, der das Wesen und die Existenz der Musik liebt? Ist nicht fast jeder beliebige Mensch, auch der böseste und unangenehmste, für den Freund der Menschen liebenswürdig? Gemalte Landschaft mitten in der wirklichen Landschaft ist kapriziös, pikant. Das wird niemand bestreiten können. Den Tatbestand, daß ein altes Mütterchen in dem Häuschen wohne, nagelte und heftete ich übrigens gewiß nicht fest und vermochte ich durchaus nicht aufzunehmen. Mich nimmt aber nur wunder, warum ich hier Worte wie »Tatbestand« in den Mund zu nehmen wage, wo alles so weich und voll Menschennatur ist oder wenigstens sein soll wie Empfindungen und Ahnungen eines Mutterherzens. Übrigens war das Häuschen graublau angestrichen und hatte hellgolden-grüne Fensterläden, die zu lächeln schienen, und rund herum in einem Zaubergärtchen dufteten die schönsten Blumen. Über ein Lust- und Gartenhäuschen neigteund krümmte sich in entzückender Anmut ein Rosenstrauch und -Busch voll der schönsten Rosen.
Falls ich nicht krank, sondern gesund und munter bin, was ich hoffe und woran ich nicht zweifeln will, kam ich, indem ich behaglich weiterging, vor ein ländliches Friseurgeschäft, mit dessen Inhalt und Inhaber ich mich jedoch, wie mir scheint, nicht Grund habe abzugeben, da ich der Meinung bin, daß es noch nicht dringend nötig ist, mir das Haar schneiden zu lassen, was ja vielleicht ganz hübsch und spaßhaft wäre. Ferner kam ich an einer Schusterwerkstatt vorbei, die mich an den genialen aber unglücklichen Dichter Lenz erinnerte, der während der Zeit seiner Geistes- und Gemütszerrüttung Schuhe machen lernte und machte. Schaute ich nicht auch im Vorbeigehen in ein Schulhaus und in eine freundliche Schulstube hinein, wo gerade die gestrenge Schullehrerin examinierte und kommandierte? Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, wie sehr der Spaziergänger im Flug und im Nu wünschte, wieder ein Kind und ein unfolgsamer, spitzbübischer Schulknabe sein zu dürfen, wieder zur Schule gehen und eine wohlverdiente Tracht Hiebe zur Strafe für begangene Unartigkeiten und Untaten einernten und in Empfang nehmen zu können. Da wir von Prügel reden, sei gerade noch erwähnt und beigeflochten, wir seien der Meinung, daß ein Landmann ehrlich und tüchtig durchgeprügelt zu werden verdiente, der nicht zaudert, den Schmuck der Landschaft und die Schönheit seineseigenen Heimwesens, nämlich seinen hohen, alten Nußbaum umzuhauen, um schnödes, schlechtes, törichtes Geld damit zu erhandeln. Ich kam nämlich an einem bildhübschen Bauernhaus mit hohem, herrlich-mächtigem Nußbaum vorbei; da stieg mir der Prügel- und Handelsgedanke auf. »Dieser hohe, majestätische Baum«, rief ich hell aus, »der das Haus so wunderbar beschützt und verschönt, es in eine so ernste und fröhliche Heimeligkeit und traute Heimatlichkeit einspinnt, dieser Baum, sage ich, ist eine Gottheit, ein Heiligtum, und tausend Peitschenhiebe dem gefühllosen und ruchlosen Besitzer, der all diesen goldenen, himmlisch grünen Blätterzauber verschwinden zu machen wagen darf, damit er seinen Gelddurst, das Gemeinste und Schnödeste, was es auf Erden gibt, befriedige. Solche Trottel sollte man aus der Gemeinde ausstoßen. Nach Sibirien oder nach Feuerland mit solchen Schändern und Umstürzern des Schönen. Doch es gibt gottlob auch Bauern, die Herz und Sinn für etwas Zartes und Gutes haben.«
Ich bin vielleicht in Bezug auf den Baum, den Geiz, den Bauer, den Transport nach Sibirien und die Prügel, die anscheinend der Bauer verdient, weil er den Baum fällt, etwas zu weit gegangen und muß gestehen, daß ich mich habe hinreißen lassen, zu zürnen. Freunde von schönen Bäumen werden indessen meinen Unmut begreifen und meinem so lebhaft zum Ausdruck gebrachten Bedauern beistimmen. Die tausend Peitschenhiebe nehme ich meinetwegen gerne zurück. DemAusdruck »Trottel« versage selbst ich den Beifall. Ich mißbillige das grobe Wort und bitte den Leser deswegen um Entschuldigung. Da ich mich bereits mehrmals entschuldigen mußte, so habe ich im höflichen um Verzeihung Bitten schon eine gewisse Übung erlangt. »Gefühlloser und ruchloser Besitzer« hätte ich ebenfalls nicht nötig gehabt zu sagen. Es sind dies geistige Erhitzungen, die vermieden werden müssen. Das ist klar. Den Schmerz um eines schönen, hohen, alten Baumes Sturz lasse ich stehen und eine böse Miene mache ich hierüber sicher, woran mich niemand verhindern darf. »Aus der Gemeinde ausstoßen« ist unvorsichtig gesprochen, und was die Geldgier betrifft, die ich als gemein bezeichnet habe, so nehme ich an, daß auch ich bereits ein oder das andere mal hindiesbezüglich schwer gefrevelt, gefehlt und gesündigt habe und daß gewisse Elendigkeiten und Gemeinheiten auch mir durchaus nicht fremd und unbekannt geblieben sind. Mit diesen Sätzen mache ich Flaumacherpolitik, wie man sie schöner gar nicht zu sehen bekommen kann; aber ich halte diese Politik für eine Notwendigkeit. Der Anstand gebietet uns, acht zu geben, daß wir mit uns selber ebenso streng verfahren wie mit andern, und daß wir andere ebenso milde und gelinde beurteilen wie uns selber, und letzteres tun wir ja bekanntlich jederzeit unwillkürlich. Ist es nicht geradezu reizend, wie ich hier Fehler sauber korrigiere und Verstöße abglätte? Indem ich Eingeständnisse mache, erweise ich mich als friedfertig,und indem ich Eckiges abrunde und Hartes weich mache, bin ich ein feiner, zarter Abschwächer, zeige ich Sinn für gute Tonart und bin ich diplomatisch. Blamiert habe ich mich immerhin; aber ich hoffe, man anerkenne den guten Willen.
Wenn jetzt jemand noch sagt, daß ich ein rücksichtsloser Mensch, Machtmensch und Machthaber sei, der blind drauflos geht, so behaupte ich, d. h. wage ich zu hoffen, daß ich das Recht habe, zu behaupten, daß sich die Person, die das sagt, bös irrt. So zart und sanft wie ich hat vielleicht noch nie ein Autor beständig an den Leser gedacht.
So, und nun kann ich mit Palais oder Adelspalästen dienstfertig aufwarten und zwar wie folgt: Ich trumpfe förmlich auf; denn mit solch einem halbverfallenen Edelsitz und Patrizierhaus, mit einem altersgrauen, parkumgebenen, stolzen Rittersitz und Herrenhaus wie das ist, das jetzt hier auftaucht, kann man Staat machen, Aufsehen erregen, Neid erwecken, Bewunderung hervorrufen und Ehre einheimsen. Mancher arme aber feine Literat wohnte mit Herzenslust und höchstem Vergnügen in solch einem Schloß oder Burg mit Hof und Einfahrt für hochherrschaftliche, wappengeschmückte Wagen. Mancher arme aber genußfreudige Maler träumt von zeitweiligem Aufenthalt auf köstlichen, altertümlichen Landsitzen. Manches gebildete, aber vielleicht bettelarme Stadtmädchen denkt mit wehmütigem Entzücken und mit idealem Eifer an Teiche, Grotten, hohe Gemächer und Sänften undsich selbst bedient von eilfertigen Dienern und edelmütigen Rittern. Auf dem Herrenhause, das ich da sah, d. h. mehr an als auf ihm, war die Jahreszahl 1709 zu sehen und zu lesen, was mein Interesse natürlich lebhaft erhöhte. Mit einem gewissen Entzücken schaute ich als Natur- und Altertumsforscher in den verträumten, alten, sonderbaren Garten hinein, wo ich in einem Bassin mit reizend plätscherndem Springbrunnen den seltsamsten meterlangen Fisch, nämlich einen einsamen Wels, leicht entdeckte und konstatierte. Ebenso sah und entdeckte ich und stellte ich mit romantischer Wonne fest einen Gartenpavillon im maurischen oder arabischen Stil, schön und reich mit Himmelblau, geheimnisvollem Sternen-Silber, Gold, Braun und edlem, ernstem Schwarz bemalt. Ich vermutete und witterte mit höchst feinem Verständnis sogleich heraus, daß der Pavillon ungefähr im Jahr 1858 entstanden sein und errichtet worden sein dürfte, ein Ermitteln, Erraten und Herausriechen, das mich vielleicht berechtigt, diesbetreffs einmal einen einschlägigen Vortrag oder eine Vorlesung im Rathaussaal vor vielem beifallfreudigem Publikum mit ziemlich stolzem Gesicht und selbstbewußter Miene zuversichtlich abzuhalten. Den Vortrag erwähnte sehr wahrscheinlich dann die Presse, was mir selbstverständlich nur lieb sein könnte; denn sie erwähnt manchmal allerlei mit keinem Sterbenswörtchen. Indem ich den arabischen oder persischen Gartenpavillon studierte, fiel mir ein, zu denken: »Wie schön muß es hier desNachts sein, wenn alles mit einem beinahe undurchdringlichen Dunkel umflort ist, alles ringsherum still, schwarz und lautlos ist, Tannen aus dem Dunkel leise hervorragen, mitternächtliches Empfinden den einsamen Wanderer festhält, und nun eine Lampe, die süßen, gelben Schein verbreitet, in den Pavillon hineingetragen wird von einer schönen, reizgeschmückten, edlen Frau, die dann, von einem eigentümlichen Geschmack getrieben und von seltsamer Seelenanwandlung bewogen, auf dem Piano, womit in diesem Fall natürlich unser Gartenhaus ausgestattet zu sein hat, Lieder zu spielen beginnt, wozu sie, falls der Traum erlaubt ist, mit entzückend schöner, reiner Stimme singt. Wie würde man da lauschen, wie würde man da träumen, wie würde man über die Nachtmusik glücklich sein.«
Aber es war nicht Mitternacht und weit und breit weder ein ritterliches Mittelalter noch ein Jahr Fünfzehn- oder Siebzehnhundert, sondern heller Tag und Werktag, und ein Trupp Leute nebst einem der unhöflichsten und unritterlichsten, barschesten und impertinentesten Automobile, die mir je begegneten, störten mich an der Fülle meiner gelehrten und romantischen Betrachtungen sehr und warfen mich im Handumdrehen aus aller Schloßpoesie und Vergangenheitsträumerei heraus, derartig, daß ich unwillkürlich ausrief: »Zwar sehr grob ist das, wie man mich hier hindert, die feinsten Studien zu machen und mich in die vornehmsten Vertiefungen zu versenken. Ich könnte entrüstetsein; aber statt dessen will ich lieber sanftmütig sein und manierlich leiden und dulden. Süß ist der Gedanke an das vorübergegangene Schöne und Holde, süß ist das edle blasse Gemälde untergegangener, ertrunkener Schönheit; aber der Mitwelt und den Mitmenschen hat man keinen Grund deswegen den Rücken zu kehren, und man darf nicht glauben, daß man berechtigt sei, Leuten und Einrichtungen zu grollen, weil sie die Stimmung nicht berücksichtigen, die derjenige hat, der sich an Geschichtliches und Gedankliches verliert.«
»Ein Gewittersturm«, dachte ich im Weitergehen, »wäre hier schön. Hoffentlich erlebe ich bei guter Gelegenheit einen solchen.« An einen guten, ehrlichen, kohlrabenschwarzen Hund, der am Weg lag, richtete ich folgende spaßhafte Ansprache: »Kommt dir scheinbar gänzlich unbelehrten und unkultivierten Burschen wirklich nicht im entferntesten in den Sinn, aufzustehen und mich mit deiner pechschwarzen Tatze zu grüßen, wo du mir doch am Schritt und am ganzen übrigen Gehaben ansehen mußt, daß ich ein Mensch bin, der volle sieben gute Jahre lang in der Welt- und Hauptstadt gelebt hat, und der während dieser Zeit aus dem Verkehr und angenehmen Umgang mit ausschließlich gebildeten Menschen fast keine Minute, geschweige denn Stunde oder gar Monat und Woche lang herausgekommen ist? In welche Schule bist du, ruppiger Gesell, denn eigentlich gegangen? Wie? Und nicht einmal eine kleine Antwort gibst du mir? Bleibstruhig liegen, schaust mich ruhig an, verziehst keine Miene und bleibst unbeweglich wie ein Monument? Schäme dich!«
Tatsächlich jedoch gefiel mir der Hund, der in der treuherzigen Wachsamkeit und in der humorvollen Ruhe und Gelassenheit, die er zur Schau trug, prächtig aussah, ungemein gut, und weil er mich so fröhlich anblinzelte, redete ich mit ihm, und weil er ja doch wohl kein Wort verstand, durfte ich mir herausnehmen, ihn zu schelten, was aber, wie man aus der Possierlichkeit der Redeweise gemerkt haben wird, jedenfalls nicht böse gemeint sein konnte.
Beim Anblick eines höchst soigniert dahertrabenden und wackelig stolzierenden feinen steifen Herrn hatte ich den wehmütigen Gedanken: »Und vernachlässigte kleine arme schlechtgekleidete Kinder? Ist es möglich, daß so ein schöngekleideter, grandios aufgeputzter, glänzend ausstaffierter und austapezierter, ring- und schmuckbehangener, geschniegelter und gewichster Herr keinen Augenblick an arme junge Geschöpfe denkt, die oft genug in Fetzen einhergehen, traurigen Mangel an Pflege und Säuberlichkeit offenbaren und kläglich verwahrlost sind? Geniert sich der Pfau nicht ein bißchen? Fühlt sich der Herr Erwachsene, der so schön einhergeht, beim Anblick der schmutzigen, fleckigen Kleinen ganz und gar nicht betroffen? Mich dünkt, es dürfte kein erwachsener Mensch Lust zeigen, geputzt aufzutreten, solange es immer noch Kinder gibt, denen jeder äußere Schmuck mangelt.«
Aber man könnte mit ebenso viel Recht sagen, daß niemand ins Konzert gehen oder eine Theatervorstellung besuchen oder sonstwelche Lustbarkeit genießen sollte, solange es Gefängnisse und Strafanstalten mit unglücklichen Gefangenen in der Welt gibt. Dies geht selbstverständlich zu weit. Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust solange warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende aller Tage und bis ans eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis dahin dürfte ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein.
Eine zerzauste, zerarbeitete, zermürbte, wankende Arbeiterin, die auffällig müde und geschwächt und doch hastig daherkam, weil sie offenbar rasch noch allerlei zu verrichten hatte, mahnte mich im Augenblick an feingepflegte, verwöhnte Töchterchen oder höhere Töchter, die oft nicht wissen oder zu wissen scheinen, mit welcher Art zierlicher vornehmer Beschäftigung oder Zerstreuung sie ihren Tag zu verbringen haben, und die vielleicht nie rechtschaffen müde sind, die tagelang, wochenlang darüber nachdenken, was sie tragen könnten, um den Glanz ihres Bildes zu erhöhen, und die lange Betrachtungen darüber anzustellen Zeit in Hülle und Fülle haben, was sie bewerkstelligen sollen, damit mehr und immer mehr übertriebene kränkliche Finessen ihre Person und ihr süßes, zuckerbäckerhaftes Figürchen einhüllen.
Aber ich bin ja meistens selber ein Liebhaber und Verehrer solcher liebenswürdiger, bis ins äußerste gepflegter, mondscheinhaft schöner, zarter Mädchenpflanzen. Ein reizendes Backfischchen könnte mir befehlen, was ihm einfiele, ich würde ihm blindlings gehorchen. O wie ist die Schönheit schön und das Hinreißende hinreißend!
Wieder komme ich auf Architektur und Baukunst zu sprechen, wobei ein Stückchen oder Fleckchen Kunst und Literatur zu berücksichtigen sein wird.
Vorher eine Bemerkung: Alte edle würdige Häuser, historische Stätten und Bauten mit Blümchen-Ornamentik zu beputzen, kündigt denkbar schlechten Geschmack an. Wer das tut oder tun läßt, sündigt gegen den Geist des Würdigen und Schönen und verletzt die schöne Erinnerung an unsere ebenso tapferen wie edlen Vorfahren. Zweitens bekränze und bestecke man nie Brunnen-Architekturen mit Blumen. Blumen sind an sich freilich schön; aber sie sind nicht dazu da, um die edle Strenge und strenge Schönheit von Steinbildern zu verlalifaren und zu verwischen. Überhaupt kann die Vorliebe für Blumen in dumme Blumensucht ausarten. Persönlichkeiten, Magistrate, die dies angeht, mögen sich autoritativen Ortes erkundigen, ob ich recht habe, und sich hernach hübsch danach gütig verhalten.
Um zwei schöne und interessante Gebäulichkeiten zu erwähnen, die mich stark fesselten und meine Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grad in Anspruchnahmen, sei gesagt, daß ich nämlich, indem ich so meinen Weg weiter verfolgte, vor eine entzückende seltsame Kapelle kam, die ich sogleich die Brentano-Kapelle nannte, weil ich sah, daß sie aus der phantasieumwobenen, goldumhauchten, halb hellen und halb dunklen Zeit der Romantiker stammte. Der große wilde stürmische dunkle Roman »Godwin« von Brentano fiel mir ein. Hohe schlanke Bogenfenster gaben dem höchst originellen, sonderbaren Gebäude ein zartes, liebliches Ansehen und verliehen ihm den Geist des Zaubervollen, den Zauber der Innigkeit und des gedankenhaften Lebens. Feurige tiefsinnige Landschaftschilderungen von eben erwähntem Dichter kamen mir in Erinnerung, namentlich die Beschreibung deutscher Eichenwälder. Bald darauf stand ich vor der Villa genannt »Terrasse«, die mich an den Maler Karl Stauffer-Bern, der hier zeitweise wohnte und hauste, und gleichzeitig an gewisse sehr vornehme edle Baulichkeiten mahnte, die an der Tiergartenstraße zu Berlin stehen, die um des strengen, hoheitvollen und schlicht-klassischen Stiles willen, den sie zum Ausdruck bringen, sympathisch und sehenswürdig sind. Das Staufferhaus und die Brentano-Kapelle stellten sich mir als Denkmäler zweier streng von einander getrennter Welten dar, die beide auf ihre eigentümliche Art anmutig, unterhaltend und bedeutend sind. Hier die gemessene, kühle Eleganz, dort der übermütige, tiefsinnige Traum, hier etwas Feines und Schönes und dort etwas Feines und Schönes, aber als Wesen und Bildung völligverschieden, obwohl einander der Zeit nach nah. Es fängt jetzt auf meinem Spaziergang allmählich an zu abenden, und das stille Ende, scheint mir, sei nicht mehr gar so fern.
Einige Alltäglichkeiten und Verkehrserscheinungen sind hier vielleicht ganz am Platz, nämlich etwa der Reihe nach: eine stattliche Klavierfabrik nebst andern Fabriken und Etablissementen, eine Pappelallee dicht neben einem schwärzlichen Fluß, Männer, Frauen, Kinder, elektrische Straßenbahnwagen, ihr Krächzen und der ausschauende verantwortliche Feldherr oder Führer, ein Trupp reizend gescheckter und gefleckter blaßfarbiger Kühe, Bauernfrauen auf Bauernwagen und dazugehöriges Rädergeroll und Peitschenknallen, etliche schwerbepackte, hochaufgetürmte Lastwagen, Bierwagen und Bierfässer, heimkehrende, aus der Fabrik hervorströmende und -brechende Arbeiter, das Überwältigende dieses Massen-Anblicks und -Artikels und seltsame Gedanken hierauf bezüglich; Güterwagen mit Gütern vom Güterbahnhof herfahrend, ein ganzer fahrender und wandernder Zirkus mit Elefanten, Pferden, Hunden, Zebras, Giraffen, in Löwenkäfigen eingesperrten grimmigen Löwen, mit Singalesen, Indianern, Tigern, Affen und einherkriechenden Krokodilen, Seiltänzerinnen und Eisbären und all dem nötigen Reichtum an Gefolge, Dienerschaft, Artistenpack und -Personal, weiter: Jungens mit hölzernen Waffen bewaffnet, die den europäischen Krieg nachahmen, indem sie sämtliche Kriegsfurien entfesseln, einkleiner Galgenstrick, der das Lied »Hunderttausend Frösche« singt, worauf er mächtig stolz ist; ferner: Holzer und Waldmenschen mit Karren voll Holz, zwei bis drei Prachtschweine, wobei sich die lebhafte Phantasie des Beschauers die Köstlichkeit und Annehmlichkeit eines herrlich duftenden, fertig zubereiteten Schweinebratens gierig ausmalt, was ja verständlich ist; ein Bauernhaus mit Sinnspruch über der Einfahrt, zwei Böhminnen, Galizierinnen, Slavinnen, Wendinnen oder gar Zigeunerinnen in roten Stiefeln und mit pechschwarzen Augen und dito Haar, bei welchem fremdartigen Anblick man vielleicht an den Gartenlauberoman »Die Zigeunerfürstin« denkt, der zwar in Ungarn spielt, was aber wenig ausmacht, oder an »Preziosa«, die ja zwar spanischen Ursprungs ist, was man aber nicht gar so genau zu nehmen braucht. Ferner an Läden: Papier-, Fleisch-, Uhren-, Schuh-, Hut-, Eisen-, Tuch-, Kolonialwaren-, Spezerei-, Galanterie-, Mercerie-, Bäcker- und Zuckerbäckerläden. Und überall, auf allen diesen Dingen liebe Abendsonne. Ferner viel Lärm und Geräusch, Schulen und Schullehrer, letztere mit Gewicht und Würde im Gesicht, Landschaft und Luft und viele Malerei. Ferner nicht zu übersehen oder zu vergessen: Aufschriften und Ankündigungen wie »Persil« oder »Maggis unübertroffene Suppenrollen« oder »Continental-Gummiabsatz enorm haltbar« oder »Grundstück zu verkaufen« oder »Die beste Milch-Schokolade« oder ich weiß wahrhaftig nicht, was sonst noch alles. Wollte man soaufzählen, bis alles getreulich aufgezählt wäre, so käme man an kein Ende. Einsichtige fühlen und merken das. Ein Plakat oder Tafel fiel mir vorzüglich auf; der Inhalt war folgender:Kostgängereioder feine Herrenpension empfiehlt feinen oder wenigstens besseren Herren ihre prima Küche, die derartig ist, daß wir mit ruhigem Gewissen sagen können, sie befriedige den verwöhntesten Gaumen und entzücke den lebhaftesten Appetit. Auf allzu hungrige Mägen möchten wir indessen lieber verzichten zu reflektieren. Die Kochkunst, die wir darbieten, entspricht höherer Erziehung, womit wir angedeutet haben möchten, daß es uns lieb sein wird, nur wirklich gebildete Herren an unserer Tafel schmausen zu sehen. Kerlen, die ihren Wochen- und Monatslohn vertrinken und daher nicht prompt zu zahlen imstande sind, wünschen wir nicht im entferntesten zu begegnen; vielmehr halten wir inbezug auf unsere sehr geehrte Kostgängerschaft auf zarten Anstand und gefällige Manieren. Reizende, artige Töchter pflegen bei uns an den köstlich gedeckten, mit Blumen aller Art geschmückten, appetitlichen Tischen zu servieren. Wir sprechen das aus, damit Herren Reflektanten einsehen, wie nötig es ist, sich von dem Augenblick an fein zu benehmen und tatsächlich flott und proper aufzuführen, wo der allfällige Herr Pensionär seinen Fuß in unsere estimable, respektable Pension setzt. Mit Wüstlingen und Raufbolden, mit Prahlhelden und Großtuern wollen wirganz entschieden nichts zu schaffen haben. Solche, die Anlaß zu haben glauben, sich zu sagen, daß sie zu dieser Sorte gehören, wollen die Güte haben, unserem Institut ersten Ranges fern zu bleiben und uns mit ihrer unangenehmen Gegenwart zu verschonen. Jeder nette, zarte, höfliche, artige, feine, zuvorkommende, freundliche, fröhliche, aber nicht übermäßig freudige und fröhliche, sondern eher leise, vor allen Dingen aber zahlungsfähige, solide, pünktlich zahlende Herr hingegen wird uns in der Tat in jeder Hinsicht willkommen sein, und er soll auf das feinste bedient und auf das allerhöflichste und schönste behandelt sein; das versprechen wir ehrlich und denken es auch allezeit zu halten, daß es eine Lust ist. Ein solcher netter, reizender Herr soll auf unserer Tafel so ausgesuchte Leckerbissen finden, wie er die größte Mühe haben würde, sie andernortes anzutreffen; denn tatsächlich gehen aus unserer exquisiten Küche Meisterwerke der Kochkunst hervor; das wird jeder Gelegenheit haben zu bestätigen, der es mit unserer vornehmen Herrenkostgängerei versuchen will, wozu wir ihn auffordern und jederzeit ermuntern. Das Essen, das wir auf den Tisch setzen, übersteigt sowohl an Güte wie an Menge jeden einigermaßen gesunden Begriff, und keine noch so lebhafte Phantasie und menschliche Einbildungskraft ist fähig, sich die delikaten und mundwässernden Bissen auch nur annähernd vorzustellen, die wir zu verabfolgen und vor die freudig erstaunten Gesichter unserer Herren Eßmannschaftenzu stellen gewöhnt sind. Aber es kommen, wie bereits mehrmals betont, nur bessere Herren in Betracht, und man erlaube uns gütig, um Irrtümer zu vermeiden und Zweifel zu beseitigen, unsere diesbezügliche Auffassung kurz kundzutun. In unseren Augen ist nur derjenige ein besserer Herr, der von Feinheit und Bessersein strotzt und der in jeder Beziehung halt einfach viel besser ist als andere schlichte Leute. Leute, die weiter nichts als schlicht sind, passen uns durchaus nicht. Ein besserer Herr ist nach unserer Meinung nur der, der sich ziemlich viel eitles und albernes Zeug einbildet und der sich vor allen Dingen einzubilden vermag, daß seine Nase besser ist als irgend eines beliebigen andern guten und vernünftigen Menschen Nase. Das Betragen eines bessern Herrn spricht diese eigentümliche Voraussetzung deutlich aus, und hierauf verlassen wir uns. Wer nur gut, grad und ehrlich ist und weiter keinen andern bedeutsamen Vorzug aufweist, der bleibe uns bitte fern; denn er scheint uns kein feinerer und besserer Herr zu sein. Für die Auswahl von nur feinsten und gediegensten besseren Herren besitzen wir das feinste Verständnis. Wir merken es sofort am Gang, an der Tonart, an der Art, Unterhaltung zu machen, am Gesicht, an den Bewegungen und namentlich an der Kleidung, am Hut, am Stock, an der Blume im Knopfloch, die entweder existiert oder nicht, ob ein Herr zu den besseren Herren zu zählen sei oder nicht. Der Scharfblick, den wir hierin besitzen, grenzt an Zauberei,und wir wagen zu behaupten, daß wir uns in diesen Stücken eine gewisse Genialität zumuten. So, nun weiß man, mit welcher Art von Leuten wir rechnen, und kommt ein Mensch zu uns, dem wir von weitem ansehen, daß er sich für uns und unsere Pension nicht eignet, so sagen wir ihm: »Wir bedauern sehr, und es tut uns recht leid.«
Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, daß man nicht recht daran glauben könne.
Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich möchte aber bekennen, daß ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schöne wie reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich möchte außerdem bekennen, daß ich eben diese Erscheinung als Schönheit und als Segen betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch Überreizung verdorbene, sensationslüsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genüssen lüsten. Für solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht Musik für sie macht und der Maler nicht für sie malt. Im großen und ganzen dünkt mich das stetige Bedürfnis nach Genuß und Kost von immer wieder gänzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem Leben, Naturentfremdung und mittelmäßiger oder mangelhafter Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend etwasNeues und Anderes vorführen muß, damit sie nur nicht unzufrieden sind. Der ernsthafte Schriftsteller fühlt sich nicht berufen, Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen, nervöser Gier behender Diener zu sein, und er fürchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen natürlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverständlich stets Mühe gibt, zu viele Ähnlichkeiten fleißig zu verhüten.
Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf einem hübschen, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, und hier endete der Spaziergang. In einem Erlenwäldchen, am Rand des Wassers, war eine Knaben- und Mädchenschule versammelt, und der Herr Pfarrer oder Lehrer erteilte inmitten der Abendnatur Naturunterricht und Anschauungslehre. Mir fielen, indem ich langsam weiterging, zweierlei Menschengestalten ein. Vielleicht infolge gewisser umfassender Ermüdung dachte ich an ein schönes Mädchen und daran, wie ich so allein in der weiten Welt sei und daß das nicht ganz recht sein könne. Selbstvorwürfe rührten mich von hinten an und traten mir von vorn in den Weg, und ich hatte stark zu kämpfen. Gewisse böse Erinnerungen bemächtigten sich meiner. Selbstanklagen machten mir urplötzlich das Herz schwer. Indessen suchte und sammelte ich in der Umgebung, teils in einem Wäldchen, teils im Felde, Blumen. Sanft und leise fing es an zu regnen, wodurch das zarte Land noch zarter und stiller wurde. Mir war es, als weinees, und während ich Blumen sammelte, horchte ich auf das leise Weinen, das auf die Blätter herabrieselte. Warmer, schwacher Sommerregen, wie bist du süß! »Warum sammle ich hier Blumen«, fragte ich mich und schaute nachdenklich zu Boden, und der zarte Regen vergrößerte meine Nachdenklichkeit, die er bis zur Trauer steigerte. Alte vergangene Verfehlungen fielen mir ein, Treubruch, Haß, Trotz, Falschheit, Hinterlist, Bosheit und vielerlei heftige, unschöne Auftritte. Ungezügelte Leidenschaft, wilde Wünsche, und wie ich gar manchen Leuten wehgetan hatte, wie ich Unrecht getan hatte. Wie eine Schaubühne voll dramatischer Szenen öffnete sich mir das vorübergegangene Leben, und ich mußte über meine zahlreichen Schwächen, über alle Unfreundlichkeiten und Lieblosigkeiten, die ich hatte fühlen lassen, unwillkürlich staunen. Da trat mir die zweite Gestalt vor die Augen, und ich sah plötzlich den alten, müden, armen, verlassenen Mann wieder, den ich vor einigen Tagen in einem Wald am Boden liegen gesehen hatte, und zwar so erbärmlich, blaß und zum Sterben kläglich, so leidvoll und todesmatt, daß mich der traurige und seelenbeengende Anblick tief erschreckt hatte. Diesen müden Mann schaute ich jetzt im Geiste, und es wurde mir schwach davon. Ich fühlte das Bedürfnis, mich irgendwo hinzulegen, und da gerade ein freundliches, trauliches Uferplätzchen in der Nähe war, so machte ich es mir, gewissermaßen erschöpft wie ich war, auf dem weichen Boden unter demtreuherzigen Geäste eines Baumes bequem. Erde, Luft und Himmel anschauend, kam mich der betrübliche, unweigerliche Gedanke an, daß ich zwischen Himmel und Erde ein armer Gefangener sei, daß alle Menschen auf diese Art und Weise kläglich gefangen seien, daß es für alle nur den einen finsteren Weg gebe, nämlich in das Loch hinab, in die Erde, daß es keinen andern Weg in die andere Welt gebe als den, der durch das Grab geht. »So muß denn alles, alles, dieses ganze reiche Leben, die freundlichen, gedankenvollen Farben, dieses Entzücken, diese Lebensfreude und Lebenslust, alle diese menschlichen Bedeutungen, Familie, Freund und Geliebte, diese helle, zärtliche Luft voll göttlich schöner Bilder, die Vater- und Mutterhäuser und lieben, sanften Straßen eines Tages vergehen und sterben, die hohe Sonne, der Mond, und die Herzen und Augen der Menschen.« Lange dachte ich darüber nach und bat im stillen die Menschen, denen ich vielleicht weh getan haben mochte, um Verzeihung. Lange lag ich in undeutlichen Gedanken da, bis mir wieder das Mädchen einfiel, das so schön und jugendfrisch war, so süße, gute, reine Augen hatte. Ich stellte mir recht lebhaft vor, wie reizend ihr kindlich-hübscher Mund sei, wie hübsch ihre Wangen, und wie ihre körperliche Erscheinung mich mit ihrer melodischen Weichheit bezaubere, wie ich vor einiger Zeit sie etwas fragte, wie sie im Zweifel und Unglauben die schönen Augen niederschlug, und daran, wie sie »nein« sagte, als ich siefragte, ob sie an meine aufrichtige Liebe, Zuneigung, Hingabe und Zärtlichkeit glaube. Die Umstände hatten ihr befohlen, zu reisen, und sie war fortgegangen. Vielleicht würde ich sie noch rechtzeitig haben überzeugen können, daß ich es gut mit ihr meine, daß ihre liebenswürdige Person mir wichtig und daß es mir aus vielen schönen Gründen daran gelegen sei, sie glücklich zu machen und damit mich selbst; aber ich gab mir weiter keine Mühe mehr, und sie ging fort. Wozu dann die Blumen? »Sammelte ich Blumen, um sie auf mein Unglück zu legen?«, fragte ich mich, und der Strauß fiel mir aus der Hand. Ich hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spät, und alles war dunkel.
FritzKochersAufsätze/ Inselverlag.
Geschwister Tanner, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
DerGehülfe, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
Jakob v. Gunten, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
Gedichte/ Bruno Cassirer, Berlin.
Aufsätze/ Kurt Wolff, Leipzig.
Geschichten/ Kurt Wolff, Leipzig.
Jedes Werkchen in Pappband mit Farbschnitt80 Rappen
Diese Sammlung, die Wohlfeilheit, Anmut der Ausstattung und Erlesenheit des Inhalts vereinigt, ist ein Zeugnis der zum Bewußtsein erwachten nationalschweizerischen Literatur.
Frankfurter Ztg.
Die sechs allerliebsten Oktavbändchen sind eine solche Augenwonne, daß man um Worte des Lobes vom Morgen- bis zum Abendstern nicht verlegen wäre. Manche meisterliche Gabe hält sie zusammen, sodaß man gleich so unbescheiden ist, sich alle sechs zu wünschen, als Anfang einer zierlichen kleinen Schweizerbibliothek, die sich ihr Programm und ihre weitern Ueberraschungen offen hält.
Neue Zürcher Zeitung
Titel und Deckelzeichnung sind den besten Rahmentiteln des 18. Jahrhunderts nachgeahmt, der Zeit, die das Gewand des Buches mit größter Innigkeit behandelte, in der das Buch das bevorzugte Angebinde zwischen Liebenden war.
Inhalt:
Ihre Ausstattung legt vom Buchgeschmack der jüngsten Gegenwart Zeugnis ab. Die bedeutendsten Buchkünstler Deutschlands (Ehmke, Preetorius, Tiemann, Walser) und der Schweiz (Baumberger, Cardinaux) sind hier in einen hochinteressanten Wettbewerb getreten: jeder hat die Deckelzeichnung eines andern Bändchens übernommen.
Inhalt:
Verlag: Huber & Co./FrauenfeldundLeipzig