O ihr seid stark und wißt es nicht,Denn stark ist nur der Liebe Band.Droste-Hülshoff
O ihr seid stark und wißt es nicht,Denn stark ist nur der Liebe Band.
Droste-Hülshoff
E
Elisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines Genfer Hotels.
Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth.
Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt erst wieder auf vertrautem Boden fühle.
In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.
„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt, aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als schicklich engagiert zu sein.”
Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam und bedächtig, fast ein wenig geziert.
Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte.
Dann aber äußerte sie leichthin:
„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird sich schon einmal wieder an Land finden.”
Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher als die ihrer eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im zurückhaltenden Ton beide Damen glichen.
Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke fester um die Knie, faltete die Hände und schloß ein wenig die Augen. Auf der Straße fuhren die Wagen; jenseits des Hafens schimmerten bläulich die beglänzten Alpen. Doch der breite, weiße Montblanc, der sonst wie ein Weihnachtsland zwischen den Gipfeln des Môle und des Petit-Salêve herüberschimmert, blieb heut' im Duft verborgen.
„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen hartnäckig den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die Trotzendorffs anschließen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in Weimar die Wohnung eingerichtet und ist auf dem Gute überhaupt nicht mehr zu sehen. Alle Welt spricht davon, und dieses Verhältnis ist auch ganz und gar nicht zu billigen, das wirst du mir nicht bestreiten, Elisabeth.”
Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit und sagte nach einer besinnlichen Pause:
„Nun, Mama, es ist aber schließlich doch wohl zu begreifen. Unter seinen Verwandten und früheren Freunden ist er mit seinen poetischen und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden worden, das wirst du doch zugeben. Und dann — Frau von Trotzendorff ist eben eine Künstlernatur, die ihn versteht. Auch die beiden Knaben hängen sehr an ihm, und Richard ist von Kopf zu Fuß ein Edelmann.”
„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major von Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das muß man gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze Verhältnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist überhaupt sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal über den preußischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. Das sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht passen. Ich bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen ostelbischen Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! Wie kann ein Sohn aus altem Hause so unfair über Standesgenossen urteilen! Aber so ist er!”
„Wenn er aber nun recht hätte, Mama?”
„Elisabeth!”
„Im Ernst, Mutti: wofür hat zum Beispiel Ingos Bruder Interesse? Für Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen — und was noch?”
„Ja gewiß — aber — er ist doch nun einmal Landwirt! Gewiß, ich gebe ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit hat er es denn gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er es zu nichts gebracht hat, droht er nun zu verbittern und zieht sich von den natürlichen Lebensgewohnheiten seines Standes ins Ausland zurück.Voilà, ma chère!Das bestreite du mir einmal, wenn du's vermagst! Er hätte Offizier werden oder sich dem Staatsdienst widmen sollen. Solche Talente gehören in die Nähe Seiner Majestät, er wäre da sicherlich ein großer Mann geworden.”
„Hast du in der Nähe Seiner Majestät schon einmal große Männer gesehen?”
Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst sehr gehalten, sehr höflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden Mädchen heraus, dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden wachgeküßt worden und nun seit langem nur der Krankenpflege zugekehrt waren. Und in solchen Stimmungen kamen, immer nochfein und dezent, aber recht merklich, Kobolde und Neckgeister über die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz. Es gelüstete sie dann, gerade ihre allzusehr auf das Schickliche bedachte Mutter in die Enge zu treiben.
„Elisabeth, ich weiß wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”, wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weißt doch ganz gut, was ich mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja absichtlich dem Gespräch eine Wendung gegeben, die dir angenehm sein muß. Stein ist begabt, er könnte ebensogut wie ein anderer etwa Generalintendant der Königlichen Schauspiele sein, das will ich damit nur sagen.”
„Hältst du die Generalintendanten der Königlichen Schauspiele für große Männer?”
„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch gewiß ebensoviel Verstand!”
„Glaubst du, daß zum Generalintendanten Verstand gehört?”
„Ja aber — hör' mal, Kind, du willst mich heute ärgern!”
Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter und küßte sie in einem närrischen Anfall ordentlich ab.
„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es draußen in der Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, dummes Muttichen!”
Die Baronin ärgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die Baroneß nahm ihre Stickerei wieder auf.
„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir gehandelt.”
„Laß das, Muttchen!”
Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nunnicht mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen; sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur Stein umarme”!
Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.
Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths reifes und tiefes Gemüt.
In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne, meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, Du bist schwer, statt schwungvoll.”
„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene Frau gegeben.”
Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür. Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut — und Du findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!”
Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede Nacht ...
Es pochte.
Der Oberkellner trat ein, überreichte einen Blumenstrauß nebst Briefchen und entfernte sich wieder.
„Gewiß wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte die Mutter. „Das ist ein wirklich charmanter Mensch.”
„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich lädt er zu einer Kahnfahrt ein.”
„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar damit einen Gefallen, denn ich möchte recht gern ein klein wenig ruhen, es war heute reichlich viel Lektüre.”
So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, in ihrem Zimmer verhältnismäßig lang vor ihrem Spiegel zu stehen. Sie war nach der Grübelei wieder in jene lebensheitre Stimmung zurückgeschnellt und in ihrem kribbelnden Blut beinahe zu Streichen aufgelegt.
Der mattleuchtende Vollmond stand schon über dem Gipfel des Môle und wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, das ganze Land beherrschende Abendröte. Der junge Pariser war entzückt, daß die Baroneß auf seinen Vorschlag einging. Sie wanderten miteinander den Quai du Montblanc entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren hinaus.
Veilchenfarben glänzten Luft und See. Die ölige Fläche war von zauberhafter Glätte; lange Furchen blieben hinter Schwänen und Nachen weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. In diesen bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen durch die unbewegte Flut und spürten auch in sich den alles belebenden Mai.
René Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf und kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden sympathischen Herren als Freunde Ingos eingeführt hatten, so war rasch ein vertraut-höfliches Verhältnis zu den deutschen Damen hergestellt, die ziemlich neugierig waren, Näheres über den abenteuernden Verwandten zu hören. Die kränkelnde Freifrau brauchte viel Ruhe; Elisabeth war also dankbar für diesen willkommenen Anschluß, der sich in den besten Formen der Gesellschaft vollzog.
Das große deutsche Mädchen hatte auf den etwas jüngeren Franzosen sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war elektrisiert. Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie hübsch die Büste, das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene herrlichen Statuen am Südportal des Straßburger Münsters erinnerte: Kirche und Synagoge! Er konnte seine schwarzen Augen kaum von ihr abwenden. Es ist sogar zu vermuten, daß er mit dem Namen Stein erst dann auf Fischfang ausging, als ihm diese Trägerin des Namens auch als Weib angenehm aufgefallen war; an sich hätte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum interessiert. Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig; und besondere Höflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter. Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, der ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; er fühlte sich belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. Und es war bei ihm ein ehrliches Empfinden, kein Täuschungsversuch; er war von der eher herben als eigentlich schönen, dochäußerst anziehenden und eindrucksvollen Erscheinung des thüringischen Edelfräuleins hingerissen.
Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht gleichgültig, nicht unberührt. Wieviel Lebenshunger war in ihr angestaut! Und so antwortete irgend etwas in ihrem Organismus den sinnlichen Strahlungen des heißverliebten Franzosen ganz von selber. Denn die Sehnsucht nach Ingo brach immer wieder aus geheimen Quellen empor, überflutete Adern und Nerven und ließ die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich wie eine unbenutzte Kraftfülle, wie verschmähte Gesundheit vor; und der Verdruß des Wartens und Alleinseins bäumte sich auf Augenblicke in ihrer edlen Natur hochauf, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte. Es waren Wallungen, die nicht dem Willen zugänglich waren, Wallungen der rätselhaften weiblichen Natur.
So war es auch heute.
Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwärmerei für das vor ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier über den leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer Berührung zu bedürfen, so sprühten elektromagnetische Funken aus diesem Kraftbehälter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend an, sie senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und radebrechte das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffällig veranlaßte sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzählen. Der helle Pariser wußte darüber wenig zu sagen, aber er erfand nach Kräften hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam er auf sich selber zu reden; und im Handumdrehen war er mitten in der flüssigsten französischen Liebeserklärung, die sich zu heißen Worten steigerte. Er trug ihr schlankweg seine Hand an. Er sei ein Sohn aus reichem und gutem Hause, er würde Deutsch lernen, auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar nach Thüringen, wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich. Und er warf die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hände, die in der lauen Flut gespielt hatten.
Jetzt erschrak Elisabeth denn doch über diese andringende Glut;aber sie entzog ihm die Hände nicht. Sie verglich nur blitzhaft die stürmische Werbung dieses Ausländers mit der Teilnahmlosigkeit ihres ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefühle kannst du erregen, dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmäht! Ach, das kurze Leben! Mißachtet und verlassen am Wege liegen zu bleiben, — o wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! Hier lockt das Feuer eines hübschen jungen Mannes und will deine Kühle hinwegschmelzen und bietet dir seine Küsse und sein ganzes Sein und Haben an! ... So saß Elisabeth mehrere Minuten in der beginnenden Maienmondnacht, äußerlich mit abweisendem Gesicht ins Wasser schauend, aber die Hände in ihres Bewerbers heißen Händen und überschüttet von den Liebesworten des lebhaften Kelten.
In solchen Sekunden hängt eines Weibes Schicksal an einer geringsten Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strömte auch in dieser bedenklichen Stunde, wo ihr Blut für männliche Werbung empfänglich war, eine natürliche Reinheit aus. Es war in ihrem Antlitz so gar kein Zug schwächlichen Entgegenkommens, daß der Bedrängende nicht wagte, über das Schickliche hinauszugehen. Sie entzog ihm endlich die Hände, strich über die Stirne und schaute ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung wich.
„Es ist eigentlich nicht liebenswürdig von Ihnen, Herr Leroux,” sprach sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, „daß Sie mich da ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so ernsten Dingen überfallen. Das müssen Sie über Nacht einmal ruhig überlegen. Ich nehme an, daß Ihr Wunsch, mir Angenehmes zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen nicht mehr hierüber sprechen. Es wäre ja schade, wenn wir uns diesen schönen Abend stören würden. Nicht wahr?”
Und sie hielt ihm lächelnd und nun wieder ganz überlegen die Hand hin, die er sofort nervös und lachend schüttelte; worauf er elastisch zu den Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber der Abend und Ihre Nähe berauschen mich!”
„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurück! Wir sind ja da fast zu dem Park Monrepos hinübergetrieben und sicherlichwohl schon halbwegs nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie nur, die Lichterreihe von Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. Und hier der feurige Drache, der Dampfer! Nur flink weiter, sonst ängstigt sich meine Mutter!”
So fuhren sie in die Lichter zurück, die in großem Halbkreis um den Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter doppelt lauten und heitren Gesprächen seine Niederlage zu verbergen ...
***
Ingo von Stein war von Barcelona, nach flüchtigem Besuch bei Schaller, direkt nach Avignon durchgefahren.
In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die spanischen Eindrücke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt stand er einsam auf demRocher des Domsoberhalb der Rhone, wo er einst mit Friedel von jenem Mädchenphantom geplaudert. Und ihm war, als wären Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten Aufenthalt in Avignon an ihm vorübergerauscht und hätten ihre Spuren hinterlassen. Baumwipfel schienen vor der Aussicht hinweggeräumt, der Blick wurde frei, Jugendland tat sich abermals auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor und winkte dem gereiften Pilger; und sie traten ein in das Freiland maßvoll beruhigter Schönheit und Weisheit und Liebe.
Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! Diesem Drange frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten kleinen Avignon über die offene große Handelsstadt Lyon immerzu das Rhonetal hinauf nach der ernsten Calvinistenstadt Genf und stieg dort in demselben Gasthof ab, in dem die Damen und ihre beiden jungen Begleiter wohnten.
Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog Ingo im Hotel seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gäste wären hier, gab man ihm Bescheid, aber außer der leidenden alten Dame alle ausgegangen. Wohlan, so wusch er sich denn auf seinem Zimmer und trat dann gleichfalls hinaus in die Zauberfarben dieses unvergleichlichen Maienabends. Allen Damen am rosig hellen Ufer spähte er unter den Hut: ist sie dies? oder jene dort? Nach denseltsamen Fahrten dieses Frühlings überwältigte ihn das Verlangen nach deutschen Lauten, nach thüringischen Gesichtern, nach fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen, die sich in verklärender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo unter diesen Menschen mußte auch Elisabeth sein. Es gab also hier eine lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die erseinnennen durfte!SeineElisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fünfzehn Jahren, als sie ihm unter dem Herbstgold thüringischer Buchen den ersten Kuß der Liebe gab!
Er ging aufmerksam spähend am Strand entlang bis zum Park Monrepos.
Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemächtigte sich seiner ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen mit Wallace und Leroux? Oder nur mit einem der Herren — und mit wem?
Die Boote beobachtend, blieb er mit plötzlichem Erschrecken stehen: die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und dem graden Wuchs — war sie das nicht? Er spähte lang in die sinkende Nacht hinein; sie hatten die Ruder eingezogen, sie hielten sich an Händen. Allein das war wohl schon die dritte oder vierte Dame, die er heute abend für Elisabeth gehalten hatte. Er lachte sich selber aus und kehrte ins Hotel zurück.
„Noch nicht zurückgekommen?”
„Bedaure, nein.”
„Aber es ist ja Nacht.”
„Herr Wallace kommt immer spät zurück, denn er malt im Gebirge. Herr Leroux und Fräulein von Stein haben wahrscheinlich wieder eine Kahnpartie gemacht.”
„So, so!”
Er schwieg einen Augenblick, biß sich auf die Lippen und warf dann die Worte hin:
„Sagen Sie weiter nichts, daß sich jemand nach den Herrschaften erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. SchickenSie mir den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit essen.”
Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine Stunde.
Doch sein Tagebuch füllte sich mit peinvollen Gedanken.
***
Aus Steins Tagebuch:
Von Lord Byrons großzügigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug, von Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestümem Freiheits- und Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strömungen in der Luft ...
Es ist Nacht: Zeit der Dämonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit der Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verräterstunde! In der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krähte, als die Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein höheres Ich zum Bewußtsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...
Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, luziferische Mächte, Dämonen des Abgrundes. Und Diabolik oder Koboldwesen und Nixentum steckt auch in jedem naturstarken Weibe ... Elisabeth ist naturstark ... Freilich, das edle Weib beherrscht die Dämonen; sie werden dann Freunde und dienen der stolzen Herrin. Aber das schwache Weib? Das läßliche und passive Weib? ...
Ich bin furchtbar allein! ...
O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...
Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! ...
Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann nicht geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie kann den Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir ersparen; sie kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber müssen Mann und Weib aus übersinnlichen Sphären holen. Wenn dir dahin der Pfad versperrt ist, wenn du nimmer glaubst an Sitteund Gottheit — dann allerdings ist Geschlechtslust dein niederträchtiger Ersatz — und Zerrüttung das Ende!
Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster Absicht in entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt Stunden, die dir den Atem benehmen, wo du mit niemandem sprechen kannst, auch nicht mit dem besten Freunde. Das muß allein durchgekämpft werden. Beiß Zähne zusammen! Kämpf' es durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue Lebensrinde! Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein Sterben, denn du mußt dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen bist du hindurch — und die Wunde wird vernarben — und du bist stärker als zuvor ...
Ich spüre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spüre die Jungfrau von Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in eurem unbekannten Lande, wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...
Als der Vollmond über den See hing,Als die tückisch bewegliche WelleRuhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd —Dacht' ich, wie diese falsche WogeTückischen Sturmes fähig sei,Schneeweiße Fäuste ballend,Ein zornig Weibchen — das gesternZärtliche Geliebte war.Traue der Welle nicht, Wandrer!Trau' nicht dem Weibe!Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken,Da ich der Süßen mißtraue,Die mir so lieb war!Denn keine Treue wohnt in der Welle,Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,Insgeheim, in dunklen Tiefen,Denkt sie des andren!Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!Wer den ewig beweglichen Wellen! ....
Als der Vollmond über den See hing,Als die tückisch bewegliche WelleRuhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd —Dacht' ich, wie diese falsche WogeTückischen Sturmes fähig sei,Schneeweiße Fäuste ballend,Ein zornig Weibchen — das gesternZärtliche Geliebte war.
Traue der Welle nicht, Wandrer!Trau' nicht dem Weibe!Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken,Da ich der Süßen mißtraue,Die mir so lieb war!Denn keine Treue wohnt in der Welle,Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,Insgeheim, in dunklen Tiefen,Denkt sie des andren!Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!Wer den ewig beweglichen Wellen! ....
Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dämonen in diesem Zimmer! Dieses Genf ist voll von Dämonismus! Ward nicht da draußen eine Kaiserin ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht vorhin über die Stelle dieser schwarzen Tat gegangen? Sie ward mitten ins Herz getroffen von jenes Mörders Stilett, es floß kein Tropfen Blut, sie hat immer im Leben Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, du bist viel gewandert: wandernd stiegst du in Charons Nachen! Ihr Lieblingsdichter war der zerrüttete Heine, ein Verwandter des größeren Byron, der den Gefangenen von Chillon besungen hat — Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu eng war! Weiße Schwäne schwammen am Ufer, wo sie getötet ward; und die weißen Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...
Leben, du bist erschütternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin Namen trägst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, wir wollen uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin dir selber zuerst untreu geworden! Und du hast recht, es mir zu vergelten. Vergelten?! Du — und vergelten?! Du bist ja frei, du bist durch nichts an mich gebunden! Es hat mich nur einen Augenblick erschüttert, daß du nun doch einen andren liebst. Sei glücklich — aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme! Freunde sollen aufeinander stolz sein können: ich will stolz sein auf meine vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem andren gehört. Wohl bin ich dem Glück nachgejagt, auch jetzt noch, aber das Glück hat mich gefoppt auf allen Wegen ...
Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter,Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen,Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland!Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe!Jene, die mich in fernen KindertagenAufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte —Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe!
Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter,Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen,Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland!
Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe!Jene, die mich in fernen KindertagenAufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte —Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe!
Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen!Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den GralsbergReif genug — und werd' es im nächsten DaseinRedlich büßen — doch heute — — Liebe! Liebe! ...
Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen!Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den GralsbergReif genug — und werd' es im nächsten DaseinRedlich büßen — doch heute — — Liebe! Liebe! ...
Die flüchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, eine dumpfe Angst und Ahnung — es genügt, mir eine Fiebernacht zu schaffen! Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward herausgeschreckt. Nun kannst du spüren, mein Herz, wie zäh und fest meine Jugendfreundin mit mir verwachsen ist! Nun, da du verlierst, nun weißt du, was du besessen! ...
Bin gealtert, leidgeschütteltUnd ergraut an beiden Schläfen —Liebste, doch noch einmal möcht' ichDaß wir uns im Walde träfen.All die süßen Liebesworte,Die ich dir vor sieben JahrenIn dein schweres Haar geflüstert,Solltest du aufs neu' erfahren.Wenn der Knabe küßt, so ist esWie das Schilf im weichen Winde —Doch des Mannes Kuß vergleich' ichStarkem Sturmgebraus der Linde.Warst du dort die Honigblüte,Dran ich wie ein Falter naschte,Oder warst du mir die Waldfee,Die ich leichten Sprungs erhaschte —So ersehnt jetzt MannesvollkraftEines starken Weibes Fülle,Und es trennt die reifen GattenWeder Bänglichkeit noch Hülle ....
Bin gealtert, leidgeschütteltUnd ergraut an beiden Schläfen —Liebste, doch noch einmal möcht' ichDaß wir uns im Walde träfen.
All die süßen Liebesworte,Die ich dir vor sieben JahrenIn dein schweres Haar geflüstert,Solltest du aufs neu' erfahren.
Wenn der Knabe küßt, so ist esWie das Schilf im weichen Winde —Doch des Mannes Kuß vergleich' ichStarkem Sturmgebraus der Linde.
Warst du dort die Honigblüte,Dran ich wie ein Falter naschte,Oder warst du mir die Waldfee,Die ich leichten Sprungs erhaschte —
So ersehnt jetzt MannesvollkraftEines starken Weibes Fülle,Und es trennt die reifen GattenWeder Bänglichkeit noch Hülle ....
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Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen Empfindungsleben.
Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen auf roten Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er über sich selber erstaunt, wie spannkräftig er dennoch dem neuen Tag entgegenschritt, als wäre der Gedankenspuk dieser eifersüchtigen Nacht gar nicht gewesen.
Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frühstückszimmer trat.
„Noch niemand unten?”
„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; und die Damen nehmen das Frühstück auf ihrem Zimmer.”
Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den köstlichen Duft eines wolkenlosen Morgens. Nach rechts, über die Brücke, in den englischen Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; er nahm sich einen schlanken Nachen und ruderte aus dem Hafen hinaus in den glatten See, der flimmerte von Morgenduft und Morgenlicht.
Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen und Dämonen spukhaft über ihn Macht gehabt, so ward er jetzt umflutet vom taghellen Schönheitsrausch des alten Hellas. Wie kraftvoll schön die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein starkes Naturschauspiel entfaltete sich unmittelbar vor seinem Nachen: ein großer Schwan, von Maienbrunst getrieben, verfolgte stürmisch ein Weibchen; mit den Flügeln klatschend, rauschend, flog er dahin, fiel auf offenem See über das flüchtende Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und Rücken des unter ihm schwimmenden Vogels — und unter starkem Schreien kämpften sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so daß Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwäne umkreisten mit erregt gesträubten Flügeln den immer wieder unterbrochenen und immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und der Schwan! Das sinnlos berauschte Männchen verfolgte das weibliche Tier über den halben See hinüber; leicht schwimmendeFedern bezeichneten die Fluchtlinie. Das Bild paßte in die Kraft, den Farbenglanz und die Größe der Landschaft. Der See schimmerte grün-bläulich, fast violett; die Häuserreihe von Genf warf das Morgenlicht zurück; und dahinter erhob sich die ernste Schneelandschaft der Juragipfel.
Dem Troubadour verdichtete sich der wildschöne Kampf des Schwanes um sein Weib zum Sinnbild für ihn selber. So gedachte auch er um sein Ideal zu kämpfen — aus allen Irrfahrten heraus um das ganz bestimmte einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt hatte.
Er zog die Ruder ein, ließ sich treiben und redete mit den Nixen des Genfer Sees.
„Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch fernerFreundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde!Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauenSo viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so vielKöstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus wehtUnd des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an KummerOder an Krankheit geschaut und gepflegt — verwandelt es, Geister,Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”
„Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch fernerFreundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde!Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauenSo viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so vielKöstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus wehtUnd des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an KummerOder an Krankheit geschaut und gepflegt — verwandelt es, Geister,Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”
Dann ruderte er hafenwärts, erstand die schönsten Blumen und schritt in das Hotel zurück.
Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb auf seine Visitenkarte, die er mit den Blumen hinüberschickte, er bitte um die Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu machen. Nach Leroux und Wallace hatte er sich vorerst gar nicht erkundigt.
Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, wartete er pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm völligungewiß, wie man ihn aufnehmen, ja ob man ihn überhaupt empfangen würde. Als er noch wartend stand und sich bereits mit der Einbildung abzufinden suchte, daß man seinen Besuch überhaupt nicht annehmen würde, kam von unten ein Kellner und brachte ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte Trotzendorffs feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief einzustecken. Denn die Tür tat sich auf — und raschen Schrittes trat Elisabeth heraus.
„Ingo!”
Sie ließ die Visitenkarte fallen und stürzte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, über und über erglühend und in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er ergriff ihre beiden Hände mit den seinen, und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber und schauten sich mit bebenden Herzen an. Es war einer der schönsten Augenblicke seines ganzen Lebens. Alles, was ihn gequält hatte, fiel von ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge gegenüberstanden. Der Gralsucher hatte die überwältigend beseligende Empfindung: Ich bin am Ziel!
Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.
„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth.
„Dich und deine Mutter zu begrüßen; das ist doch ganz einfach!”
„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im Schlafzimmer fertig. Komm nur herein in unsren Salon!”
Und sie traten ein.
Das Stubenmädchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang neugierig beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte auf und ging damit trällernd und schnalzend an das andre Ende des Stockwerks. Dort lag Leroux noch immer in den Federn, obwohl es über zehn Uhr war; seine Schuhe standen vor der Türe. Der Pariser pflegte das Mädchen gern zu necken, sie gab ihm die Neckerei zurück: sie legte die Visitenkarte quer über seine Schuhe und erzählte dann kichernd den Kolleginnen, wie zärtlich der neueHerr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei. „Der sticht den Pariser aus — wetten wir?”
Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der ganzen Vornehmheit ihres Wesens, das Spitzentuch über Kopf und Schultern, die große Brosche mit dem Bild der Großherzogin am Halse, in den Salon getreten und hatte, auf ihren Krückstock gestützt, stehend den offiziellen Besuch ihres überaus höflichen Neffen entgegengenommen. Dann nahm sie Platz und lud zum Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzückt von Ingo; es war für sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein Verhältnis zu finden. Noch im Herausgehen wußte sie nicht recht, ob sie den vermutlich ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder kühl entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft, die in diesem Falle überwog: sie war ein wenig neugierig. Und da Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Höflichkeit ihre Hand küßte und in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrüßungsrede hielt, war sie zunächst beruhigt und begann ihm umständlich ihre Krankheit zu erzählen. Dann sprach man vom Leidenslager seines Bruders. Und dann geriet das Gespräch ins Stocken; denn alle drei dachten an eine dritte Kranke, deren Namen aber niemand nennen mochte.
Während bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und Ingo einander gegenüber saßen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt am Lehnstuhl ihrer Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne gelegt, leicht geneigt, und schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter herabbeugte, um eine Angabe zu bestätigen, fast unverwandt den Geliebten an, so strahlend von einem stummen Glück, daß dem Wandrer einmal über das andre ein warmer Schauer über das Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht, wie ebenmäßig diese Gestalt! Wie gütig, warm und wonnig diese Augen! Und wie hilflos-kindlich dieses Lächeln des Glückes, das sie offenbar gar nicht zurückdrängen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie sich treu geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesemersten Besuch wieder zu verabschieden, hatte sie buchstäblich außer den jubelnden Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.
Ingo zog sich zurück und lief ein wenig durch die Stadt, nach der Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es muß gesagt werden, daß er vor jedem Schmuckladen stehen blieb und die aufgereihten Trauringe liebäugelnd betrachtete. Es gibt in Genf viele Schmuckläden. Er wählte lang, trat endlich ein und erstand sich zwei Ringe. Er kannte den Umfang ihres Ringfingers: er entsprach genau seinem eigenen kleinen Finger. Mit den gediegenen Goldreifen in der Tasche setzte er beflügelt und entschieden seine Wanderung fort, kreuz und quer durch die ehrwürdige Stadt, doch blind für die Außenwelt.
Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl fühlte, unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden Wallace und Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrüßte den Baron mit auserlesenen Liebenswürdigkeiten; alle vier setzten sich an einen besondren, blumengeschmückten Tisch. Elisabeth war in weißem Kleide, trug am Gürtel einige von Ingos Maiglöckchen und war in ihrer süßen Verzauberung einer Braut nicht unähnlich. Am Halse des, wie immer, hochgeschlossenen Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein Schmuck, den Ingo immer geliebt hatte.
René Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven benahm sich gefällig, heiter und glücklich. Doch allmählich fielen ihm, während er von seinen Reisen erzählte, die Blicke auf, womit der Franzose, sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und flehend Elisabeths Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, ja wie eine geheime Verständigung in diesem Augenspiel. Elisabeth freilich, züchtig und bräutlich und mit leuchtenden Glücksfarben vor ihrem Teller sitzend oder am Weine nippend, schien gar kein Auge für ihn zu haben. Immerhin bemerkte Ingo, wie sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend, unwillkürlich errötete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedämpfte Privatunterhaltung mit Elisabeth anzuknüpfen. Die alte Dame in ihrer freundlichen und etwas steifen Würde spürte nicht, was für Fäden zwischen den drei übrigen Tischgenossen hin und her spielten.
„Ingo hat nach meinem Dafürhalten recht sehr gewonnen”, bemerkte sie oben leutselig. „Er scheint mir rücksichtsvoller zu sein als früher, wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. Und klug! Ich muß schon sagen: wirklich klug! Aber der andre, der unruhige junge Mann aus Frankreich, fängt an, mir nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es ist zwar ein wohlerzogener Mensch von guter Kinderstube, aber es wäre passender gewesen, daß er mir oder dem Baron zugehört hätte, statt immer dich in eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt, daß du ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung macht mich nervös ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon Kaffee trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, kannst du ja den Baron empfangen und so lange unterhalten.”
Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und sich dann auf sein Zimmer zurückgezogen. Hier durchdachte er, ziemlich gedämpft nach dem Freudenausbruch des Vormittags, seine unangenehmen Beobachtungen.
Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief.
„Mein alter Ingo!
Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind, liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwartenkrachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie, Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten — irgendwo müssen wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein, Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter — laß gut sein, Junge! Das sind rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun. Drum halte Dich bereit!
Deutschen Gruß, lieber Freund!
Dein Richard.”
Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte.
„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern: Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion). Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.”
Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht hervorgegangen war.
Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.
„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”
So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den andren — echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und Ergänzung ein harmonisches Ganzes.
Dann ging er hinauf zu den Damen.
Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre.
„Mutter schläft noch”, sagte sie leise.
Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort:
„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.”
„Mir auch, Ingo.”
„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?”
Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen: Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann!
Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben.
Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben.
„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?”
„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.”
„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr bereitet denen, die ihn lieben?”
Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute Elisabeth!
„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozuden Nordpol suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, Spießbürgerchen?”
Sie lachten beide.
„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,” fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!”
Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die Sachen an Fräulein von Stein und verschwand.
„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. „Was hast du denn da für einen Verehrer?”
„Harmlos! Sieh selber nach!”
„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”
„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”
„Wirklich nicht, Elisabeth?”
Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn abermals: ich bin am Ziel!
Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt — und las folgendes:
„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich, sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”
Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn herein. Also doch! Seine Elisabeth — dort im Kahn — also doch!
Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese Sprache nicht gewagt!
Er sagte keine Silbe.
Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.
Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich steife Kaffeestunde.
Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter machte lächelnd die Bemerkung:
„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!”
„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”
Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen — und verbindet damit die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib!
Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege.
Elisabeth wurde schweigsam.
„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen, liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich also nicht, wenn ichplötzlich nach München und dann nach Thüringen zu meinem Bruder verschwunden bin.”
Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Nach München! Also doch wieder zu jener Frau!
„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten sie darin ganz und gar nicht.
So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine krampfhaft festhielt — aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große, weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu.
„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen wieder anknüpfen zu wollen — und läuft sofort wieder davon! Ich muß doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen, mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth? Das alles regt mich auf.”
„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”
Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend Regenmassen über Berge, See und Stadt.
Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor.
Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen Abschiedsbrief:
„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken. Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war; das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich! Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben — und die ich, das darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' wohl, liebes Mädchen! Ingo.”
In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über Zürich nach München zu fahren.
***
Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet.
Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um einige Besorgungen zu machen.
Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es für ihre sonst so sprödeNatur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den Geliebten zu kämpfen.
Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte, durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so musikalisch — — — jene Frau Friederike — — —
„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe, die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”