»Wovon denn?«
»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«
»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst nicht. Ist auch egal. Wir erleben’s nicht.«
Karl schaute wieder. Marguérite und Hans ließen ihn gewähren und schwiegen.
»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. »Papier, Tinte! Rasch. Ich könnte es vergessen.«
Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite holte das Nötige und Karl schrieb stehend rasch ein paar Zeilen.
»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, »ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!«
»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder ein Heft?«
»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt.«
»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« fragte Hans.
»Gewiß, gewiß.«
Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig Geschriebene.
»Utopien, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind. Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit, Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«
»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das kannst du.«
»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte Hans plötzlich aufstehend. »Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf seinem Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: »Kinder, das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.« Vorerst sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder – viel Glück – nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ichkann mir nicht helfen. Aber gehen muß ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird sonst zu spät. Also –«
»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder. Und wenn du einmal –«
»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«
»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.«
»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn –«
»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht bebender Stimme:
»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich erinnere mich noch zu gut – weißt du. Also, na denn, adieu!«
Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging raschzur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an.
Endlich sagte Marguérite leise:
»Hätten wir nicht doch lieber – Nein, es geht nicht. – Liebst du die Einsamkeit?«
»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ichhassesie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker herumzanken, Korrekturen lesen – glaubst du wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum.Auch jetzt, wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte – aber auch jetzt – ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, die mich hören – aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem Gebahren – das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ichwillnur – die Kraft habe ich nicht.«
Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er ihre Hand faßte.
»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite,wasdu mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchteeinen Kreis von Menschen um mich haben – ach, ich bin ja so bescheiden geworden – an Millionen und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde, ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr – zwanzig Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel verzerren müssen – ist das zu viel verlangt, Marguérite?«
Sie drückte seine Hände stärker.
»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?«
»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht. Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich noch nicht.«
Dabei lächelte er.
»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe gehen?«
»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«
Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand hinaus ins Freie.
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