Chapter 6

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Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen, er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft – wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.

Eines Abends aber – er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung – ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immerwar es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals und ein anderes Mal … aber ohne Zusammenhang … ein plötzliches Zurückschaudern … ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß …

Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus siegen?

Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß erdiesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußteihm gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« – Er verstummte. »Hör’ doch auf – du lügst ja – denke doch erst über das andre nach – es hat ja keinen Sinn – die ganze Geschichte – was gehen dich denn andre Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.«


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