Vierter Abschnitt.

Vierter Abschnitt.Die Vision des Todespredigers.Zweites Sendschreiben an das MenschengeschlechtvonKarl Starkblom.

Die Vision des Todespredigers.

Zweites Sendschreiben an das MenschengeschlechtvonKarl Starkblom.

Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müßten, daß ich das erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte,meine Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten, um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam, außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch – ein paar Briefe erhielt ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann, die erklärten sich bereit zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst sei«. Etwas der Art fügten sie alle hinzu.

Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein litterarisches Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O ihr Nachahmer von allem, was früher gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mirfehlte die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr traurig, daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.

Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige wenige freilich – nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir nahe, sie verstehen den Athem meiner Rede – und doch, doch! Sie haben mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller, der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann – ja dann! Die Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber.

Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte – da habe ich das geträumt und immer fort geträumt, was im folgenden erzählt ist. Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse ich es auch noch drucken. Warum das? Woher diese Thorheit?

O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir zehrt?Ich suche Menschen!Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu sprechen und sie zu erkennen als Meinesgleichen und sie zu verführen zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen,einenMenschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete ich nun zum zweiten Mal hin auf den Markt und prostituiere mich vor allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit all meinem Putze.

Und nun vernehmetdie Vision des Todespredigers.


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