Vierzehntes Kapitel

Am andern Tage kam Adele zu Grau.

„Ich komme um mit dir zu sprechen,“ begann sie hastig und streifte Grau mit einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so daß ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit großen weißen Federn geschmückt war, verschwand.

„Höre mich an, liebster Freund,“ fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und wandte Grau den Blick zu, „ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich nicht, laß mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du lieber Freund, viele Nächte — ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz unmöglich. Mama fühlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es herausgebracht haben, das weiß ich nicht. Auch der Baron wußte es, an seinen Blicken konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nichtdie kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung — ich konnte ja nicht gut wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch stets bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter. Du sollst alles hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war schön, als wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde diese Nacht nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, über die Ehe und über alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen! Ich liebe das! Ich liebe dich auch, glaube nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau gabst, da lachte ich, ich fühlte mich so frei. Ja, da war ich glücklich, in diesem Augenblick! — Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst. Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schön, sie sind so schön, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt, du habest eine solch eigentümliche Macht über die Menschen. Eine Dame hier batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte nicht anders. Es war dein Blick, sagte sie.“

„Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.“

„Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören.

Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich, es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja, wie hast du mich doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst mich, gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde, wer sollte das wissen können. Ob unsere Liebe immer so groß und schön bliebe? Vielleicht würden wir nie wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist nicht möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist sie vorbei. Ich weiß auch nicht, ob ich dich immer so lieben würde. Ich weiß nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr, ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.“

Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: „Ich wollte mit dir fliehen, nur weit fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nächsten Abend, da konnte ich nicht fort, weil ich mich bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es kam mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann dachte ich, ob ich das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen Welt zu leben, immer diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist,dachte ich. Es zog mich zu dir. Du hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte ja so sein, das wäre das Leben — aber ich bin ja nicht dafür geschaffen. Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte für mich. Ich muß es sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.“

„Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert, ich habe gesagt, er ist beschränkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und vielleicht sind sie nicht so schön und groß wie die deinigen, er ist auch nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.“

Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsäumten Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts Kirschbäumen lärmten die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lächelte schmerzlich. „Ich habe meinen Entschluß gefaßt,“ fuhr sie leise fort, „er ist nicht mehr zu ändern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich bist. Du bist zu gut und fein. Du würdest mich nie zu etwas zwingen und ich würde nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber du solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben könnte! Verzeihe mir, es ist ja so schwer für mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre schönmit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt, aber du bist doch nicht der Rechte.“

„So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich, ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern, die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht. Aber trotzdem bist du nicht der Rechte — auch der Baron nicht. Aber es muß ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja unmöglich.“

„Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören. Aber das geht ja nicht. — Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich, mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit. Und ich, auch ich koste Geld — so töricht ist das Leben, alles, alles kostet Geld — und die Bäder, die Mama aufsuchen soll — es kann ja nicht sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.“

„Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen — beinahe hätte ich dir nur einenBrief geschrieben. Ja, ich habe es getan, drei Tage schrieb ich daran — aber dann habe ich so große Sehnsucht gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht, als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen Susanna gewesen!“

Adeles Lippen bebten. „Lebe wohl!“ sagte sie.

„Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und mich vor ihm demütigte und ihn streichelte — wie ein Tropfen auf einen heißen Stein war es ja — es hat auch nichts geholfen, daß das Haus abbrannte — es mußte ja brennen! — es mußte ja brennen! — auch das hat nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich! Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken — aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich, sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!“

Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund.

„Lebe wohl, Adele!“

Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und winkte. Sie war gegangen.

Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich.

Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.

Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen kam, saß er immer noch auf dem Stuhl und sein Gesicht staunte.

Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt in einem großen, schrecklichen Staunen.

Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele. „Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!“ sagte Marie Sinding, die ein wenig mit der Zunge anstieß.

„Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie beherrscht sich so. Wir sind nicht so — haha!“

„Nein, nein!“ Die Schwestern lachten.

Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: „Was wird der Tennisklub als Hochzeitsgeschenk geben?“

Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten, er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens nicht aus seinem Gesichte.

Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle Speisereste unter den Schrank für die Maus. „Eine Maus findet ja immer etwas,“ murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her, „sie ist auch klein und ißt nicht viel.“

Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: „Ja!“ und ging.

Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und glühte seine Stirn.

Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie ein Kind,das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs Zimmer geht.

Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf.

Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern. Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel, immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende — Schönheit, Adel —

„Es ist ja alles gut, alles gut!“ sagte Grau und lachte. Er war nicht imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.

So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!

Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in Lumpen gehüllt.„Wohin geht die Reise?“ fragte Grau und gab ihm die Hand und lachte. „In die Stadt,“ antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein Hemd an hatte, „ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?“

Grau lächelte. „Er ist abgereist, heute!“ sagte er. „Aber was schadet es? Nehmen Sie, nehmen Sie!“ Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein Taschentuch, sein Messer. „Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!“ Er zog seinen Rock aus und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.

Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.

„Guten Tag, Mütterchen!“ rief er aus. „Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da bin ich nun, siehst du?“

Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. „Du gehst? Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!“

„Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser — Er wartet auf mich. Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er war verurteilt wegen Mords,aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß wurde wieder aufgenommen — Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn betrunken —“

„Ja, was ist dir denn?“ sagte Mütterchen erschrocken.

„Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht lästig fallen —“

„Warte!“ stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig aus, es dauerte einige Wochen.

Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des Staunens in sein Gesicht zurück.

„Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!“ flüsterte er. „Verzeihe!“

Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft.

Häufig versuchte er aufzustehen; „Ich muß ja fort!“ sagte er. „Mein Gott, es gibt ja so viel zu tun!“ Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.

Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte im Regen. Der Herbst kam.

Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und einen kurzen.

„Hier,“ sagte er, „Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu, Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.“

Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: „Die Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut, auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich, im kleinen nur —“

„Still, still!“ sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn.

Grau schloß sofort die Augen. „Mein Bruder!“ flüsterte er und drückte Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: „Eisenhut, deine Mutter?“ Er schwieg lange, dann fügte er hinzu: „Da ging ich ein und aus in diesem Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr geschwächter Geist, man kann ihn stärken — Gott verzeihe mir! — Versprich es mir, Eisenhut!“ Er umklammerte EisenhutsHand und sank lächelnd ins Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.

Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in den Sand.

Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glühte in den grünen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill im Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit einem singenden, seufzenden Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter, sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze, fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten kahl und immer mehr Blätter regneten und drohten ihn zu ersticken —

— Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut.

Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur leise.

Eisenhut kam ans Bett. „Worüber staunst du doch nur?“ fragte er. „Du staunst immer!“

Grau lag und staunte.

Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mütterchen ihm immerfort die Stirne trocknen mußte.

Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin undviele, viele trug er dahin. Es ging durch die kahlen Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte, Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es wurde glühend heiß — er erwachte.

Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es war Nacht und er wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände am Fenster und kühlte dann die Lippen.

Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder, eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein furchtbarer Weg. Er kam in einen großen Felsenhof und hier waren viele Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine Heide. Hier ließ es sich gut ausschreiten.

Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.

„Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet und von Hoffnungen hast du gelebt!“ sprach die Stimme, die furchtbar klang.

„Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!“

„Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hörnern hätte deine Rede sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dichgelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer über das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf deiner Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal in deinem Leben ging mein großer Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an, aber du hast ihn nicht erkannt?“

„Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!“

„Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn ich dich schüttele? Sprich, sprich, elende Seele?“

Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. „Erbarmen, Erbarmen!“ schrie er und krümmte sich.

„Sprich, sprich!“ sagte die furchtbare Stimme.

Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet.

Aber die furchtbare Stimme sprach: „Sprich, elende Seele!“

Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach diese Stimme und drei Tage und drei Nächte flehte, bat Grau.

Eisenhut trat ans Bett und fragte, ob er wach sei. Grau sah ihn mit Augen an, die nichts sahen.

„Erkennst du mich?“ fragte Eisenhut und lächelte, als ob er ihn lächelnd eher erkennen sollte.

Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem Gefangenen mit schrecklicher Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde.

Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie mit Eis.

Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare Stimme war nicht mehr zu hören, und er ging in der Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er war fröhlich. Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen näher und er erkannte Susanna.

Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: „Verzeihe, verzeihe, Susanna!“ rief er. „Verzeihe das Zuviel — ich habe dich ja geliebt — aber verzeihe das Zuviel!“

Susanna hob ihn auf. „Es ist alles gut,“ sagte sie leise und lächelte.

Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie war eine Frau. Er erstaunte und richtete sich auf. Mit dieser Frau war er einst über die Heide im Sternschnuppenregen gegangen, nun war sie da.

„Bist du wieder du?“ sagte sie und sah ihn an.

Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es war ihm, als ob er sein ganzes Leben verstände. „Ach so!“ rief er aus und eilte ihr entgegen und weinte vor Glück.

In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag nahte und Eisenhut, der während der Wache eingeschlafen war, wurde durch das klagende Geheul eines Hundes geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schönund friedevoll aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen begann. Er sah, daß er tot war.

Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund zu vertreiben. Er warf Steine nach ihm, aber dieser gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um Steine, er lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete sich ganz unsinnig.

Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war, sagte sie erschrocken: „Aber die Schuhe, wo hat er denn Susannas Schuhe?“

„Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!“ sagte Eisenhut ärgerlich. „Er wird die Schuhe wohl in seinem Koffer haben!“

Es regnete, als man Grau begrub. Viele Leute waren gekommen, auch Fremde, die man noch nie gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach seinem Tode trafen Kränze ein. Ein Gärtner hatte einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch nie zuvor solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch Adele war gekommen.

Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war ein schöner Mann mit blondem Vollbart, der sich selbst stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegthatte, und der Kirchner mußte die ganze Zeit einen Regenschirm über ihn halten.

Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die Helme in der Hand. Sie hatten rötliches Haar und helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder waren.

Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen Eifer Graus, seiner großen Nächstenliebe, den himmlischen Herrschern und vielem anderen. Je mehr er sprach, desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er sich unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan mit dem blonden Vollbart warf ihm zornige Blicke zu.

Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans Grab. Er hob die Hand, zum Zeichen, daß er sprechen wolle. Dann sprach er.

„Hochverehrte Anwesende —“ so sprach Eisenhut — „dieser Mensch, den wir heute begraben — er ist —“

Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner. Die Leute sahen ihn erstaunt an und unterdrückten ein Lächeln.

Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß allein in der Stube, die Hände im Schoß.

„Welche Freude!“ sagte sie. „Wenn Susanna wüßte, daß Sie mich besuchen!“

Adele setzte sich in den Sessel.

Sie sagte: „Wer hätte denn denken können, daß er krank war und daß es so schnell mit ihm zu Ende gehen könnte.“

Mütterchen seufzte. „Sie war immer ein schwächliches Kind.“

Nach einer Weile sagte Adele: „Hat er viel leiden müssen?“

Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: „Nein, sie hat einen sanften Tod gehabt. Sie wußte gar nicht, daß sie sterben sollte.“ Darauf nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: „Susanna? Susanna?“

Adele schauerte zusammen; sie ging.

Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich und nahm einen Brief aus der Tasche.

„Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige Frau,“ sagte er, „außerdem hätte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.“

Adele lächelte und gab ihm die Hand. „Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue mich Sie zu sehen. Es war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede — —“

Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr verändert, bleich sah sie aus und gleichsam um viele Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem Flüstern herab, so daß man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte.

Sie nahm den Brief an sich.

„Er ist ja offen?“ sagte sie.

„Ja,“ entgegnete Eisenhut, „so hat er ihn mir gegeben.“

„Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit meinemBruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte mir, daß er sie einmal vor ihm warnte. Aber — nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!“

Eisenhut erzählte was er wußte.

„Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gnädige Frau.“

Adele lächelte und errötete flüchtig. „Wie hat er mich genannt?“ fragte sie.

„Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.“

Adele schwieg lange. Dann sagte sie: „Wer hätte denn denken können, daß es so kommen könnte!“

„Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna bekommen,“ sagte Eisenhut.

Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand. „Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,“ sagte sie, „da Sie nun doch auf Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte, ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!“ Sie hielt inne, dann fügte sie leise hinzu: „Er war ein solch guter Mensch!“

Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam emporstieg.

Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab. —

Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte:

„Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt, unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.“

Ende

WerkevonBernhard KellermannYester und Li(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.)Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt — einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. — Henri Ginstermann heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind — ein triviales Bild zu gebrauchen — wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbargreifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm — fast wortlos — ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist sie ab. Und die „Geschichte einer Sehnsucht“ schließt mit dem schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über die der Zug die Geliebte entführt.(Königsberger Allgemeine Zeitung)IngeborgRoman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch — Ingeborg —, diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.(Die Zeit, Wien)Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne an, die man schwer vergißt . . . Selten ist etwas Glühenderes und Sanfteres geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe.(Der Tag, Berlin)Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern und quellenden Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß man Stufe um Stufe mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten muß, so voll ist es von Liebe und Blut aus einem großen, großen Herzen.(Münchener Zeitung)Das MeerRoman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen Dasein dieser einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel, die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden der Welt da draußen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, Freundschaft, Verrat — es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Böse. Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein — aber doch, hier darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat. Manchem wird die wilde Schönheit unverständlich bleiben, manchem wird auch die feinste Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur das Meer ist — und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch einem Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur daß Kellermanns Empfindung, wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist.(B. Z. am Mittag, Berlin)Man braucht nach „Ingeborg“ niemandem zu sagen, welcher Meister der Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben dürfen, daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines großen künstlerischen Ernstes ein kostbares Lebenselement geschäftig ist und manchen wirbelnden Strahl zur Oberfläche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau)Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.

Yester und Li

(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.)Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.

Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt — einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. — Henri Ginstermann heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind — ein triviales Bild zu gebrauchen — wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbargreifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm — fast wortlos — ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist sie ab. Und die „Geschichte einer Sehnsucht“ schließt mit dem schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über die der Zug die Geliebte entführt.

(Königsberger Allgemeine Zeitung)

Ingeborg

Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.

Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch — Ingeborg —, diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.

(Die Zeit, Wien)

Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne an, die man schwer vergißt . . . Selten ist etwas Glühenderes und Sanfteres geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe.

(Der Tag, Berlin)

Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern und quellenden Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß man Stufe um Stufe mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten muß, so voll ist es von Liebe und Blut aus einem großen, großen Herzen.

(Münchener Zeitung)

Das Meer

Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.

Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen Dasein dieser einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel, die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden der Welt da draußen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, Freundschaft, Verrat — es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Böse. Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein — aber doch, hier darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat. Manchem wird die wilde Schönheit unverständlich bleiben, manchem wird auch die feinste Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur das Meer ist — und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch einem Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur daß Kellermanns Empfindung, wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist.

(B. Z. am Mittag, Berlin)

Man braucht nach „Ingeborg“ niemandem zu sagen, welcher Meister der Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben dürfen, daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines großen künstlerischen Ernstes ein kostbares Lebenselement geschäftig ist und manchen wirbelnden Strahl zur Oberfläche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!

(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau)

Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.

Anmerkungen zur TranskriptionOffensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... bescheiden, aber die FlaggedieGlückes flattert darüber. ...... bescheiden, aber die FlaggedesGlückes flattert darüber. ...... führten,daßsich schüttelte und hin- und herwarf und ...... führten,dassich schüttelte und hin- und herwarf und ...... Der Mann strich an denHäuserentlang, blieb stehen, ...... Der Mann strich an denHäusernentlang, blieb stehen, ...... Dienstmädchen FräuleinMagareteSammet seit Jahresfrist ...... Dienstmädchen FräuleinMargareteSammet seit Jahresfrist ......sebstentstehen? Grau schüttelte den Kopf. ......selbstentstehen? Grau schüttelte den Kopf. ...... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbeanfdem ...... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbeaufdem ......Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ......„Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ...... Wandern wieder auf....... Wandern wieder auf.“...... nur einTranmund klammere mich an den Gedanken, ...... nur einTraumund klammere mich an den Gedanken, ......uudda sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, ......undda sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, ...... für die klügste von allen.Es war das kleine häßliche ...... für die klügste von allen.“Es war das kleine häßliche ...... „Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort.Plötzlich ...... „Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort.„Plötzlich ...... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?...... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?“...... treffen.Guten Abend. Herzlich gefreut.“ Im Begriffe ...... treffen.„Guten Abend. Herzlich gefreut.“ Im Begriffe ...... hätte.“...... hätte....... Eisenhut?...... Eisenhut?“...... Mann in die Augen.“...... Mann in die Augen....... dicke Chinese.“...... dicke Chinese....... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur....... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.“...... Ich hatteAugst! Wie dumm nicht zu wissen, was ...... Ich hatteAngst! Wie dumm nicht zu wissen, was ...... blitzschnell unter dem Diwannndzerrte ein Paar alte ...... blitzschnell unter dem Diwanundzerrte ein Paar alte ...... Mark, die die Dame holte. Es waren nur zehntausend!...... Mark, die die Dame holte. Es waren nur zehntausend!“...... an Susannas Ehrentage.— Vor der Türe hing ein ...... an Susannas Ehrentage.“— Vor der Türe hing ein ...... jetzt sogar bei derErinneruugan dieses schöne Schauspiel, ...... jetzt sogar bei derErinnerungan dieses schöne Schauspiel, ...... und so stark,dasihm die Brust bei jedem Atemzuge ...... und so stark,daßihm die Brust bei jedem Atemzuge ...... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen....... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.“...... desZimmesstehen sah. Sie war schön und schlank. ...... desZimmersstehen sah. Sie war schön und schlank. ...

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):


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