Zehntes Kapitel

„Dann schon!“ sagte der Bursche und lachte.

Grau sah ihn an.

Er stand auf. „Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch Stillschweigen beobachten,“ sagte er und gab Hammerbacher die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen, nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?“

„Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.“

„Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?“

„Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.“

„Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?“

„Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so klein ist.“

„Ah, ja!“ rief Grau aus. „Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu seiner Mutter?“

„Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.“

„Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das Andenken an Fräulein Sammet hoch!“

Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und warf folgende Notiz auf ein Blatt: „Der Fleischergeselle Herr Anton Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen FräuleinMargarete Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. —“

Nun wurde es Abend.

Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.

Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit trotzdem.

Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welchwunderbare Produkte es doch auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube. Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach Vollendung gehaucht ist.

Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen — Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?

Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die Giraffen,an die Papageien und die Adler — an alles in seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der Habgierige, auf den es Gold herabregnet?

Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen.

Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne — es ist schön das zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen, die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen? Es ist schön daran zu denken, es macht reich.

Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der Gedanke allein macht schwindlig.

Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan?

Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes, nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen.

Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken kann —

Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege dort auf dem Buche.

Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte es das sein?

Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht und hört nicht mein kleiner Finger?

Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche fürmich, niemand schadet das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern Leute zu vernehmen.

Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen — genug!

Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle, und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit.

Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen, Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit, Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank!

Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird ihn freuen — sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht, daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, sich Mühe gäbe ihn zu verstehen.

Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm sagt, und so rasch die Laune verliert?

Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man die Gutmütigkeit an.Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich?

Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben.

Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu empfinden — oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken offenbart?

Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen?

Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen Füße sogar nachdachten, sah ihm zu.

Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.

Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt, das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken, ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.

Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, die langsam und schwer von den Dächern fielen.

Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein, frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?

Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten,daß sie schwitzten, und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging, starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.

Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.

Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.

Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive, nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt, auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. Inder Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, Schwefelgelb.

Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen Sätzen.

Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer, freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar, das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde.

Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet, späht, lockt und hofft. Der Mannan ihrer Seite dagegen ging nicht, er schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und lachte.

Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.

„Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?“ wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent.

„Adele!“ sagten die Schwestern leise und lächelten.

Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. „Jä,“ sagte er, „ich habe diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört — am andern Tag — aber ich kann schwören —“

„Schwören Sie besser nicht!“ fuhr das Mädchen fort. „Wie leicht hätten Sie im Schnee erfrieren können.“

„Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!“

„Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.“

„Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.“

„Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie verwahrlost sind.“

Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. „Wie geistreich!“ sagte er und lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern anfaßte und in die Höhe hob. „Wie geistreich!“ meckerte er. „Wie geistreich!“

„Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!“ sagte kühl das junge Mädchen und wandte sich den Freundinnen zu.

Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: „Lassen Sie sich’s gesagt sein,“ sagte sie, „daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark dabei verloren.“

„Was hat er verloren?“

„Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.“

Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. „Aber es ist ja keine Silbe wahr von all dem, was Sie da sagen!“ rief er. „Keine Silbe, nicht eine einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!“

„Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken, meinHerr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun. Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht wahr?“

Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen Blick zu, aber dann lachte er wieder. „Was Sie nicht sagen?“ rief er aus. „Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte es von Monte Carlo mit.“

Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: „Er war ja nie in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!“

„Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie? Also lügt er?“

„Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!“

Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte.

„Herr von Hennenbach lügt nicht!“ rief er aus. „Herr von Hennenbach machen sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen — rundweg — ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!“

Grau watete nun durch den Schnee und beschriebeinen weiten Bogen um die Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und rasselte mit den Schlittschuhen.

„Aber, nein!“ sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte in scharfem Tone hinzu: „Was denken Sie doch —?“

Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: „Alle Welt macht sich über mich lustig — ergo — weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!“ Er meckerte, aber er schien zornig zu sein.

„Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!“ sagte eine der Schwestern.

Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: „Tun Sie doch, was Sie nicht lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in Ruhe!“

Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen —

Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker, niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern — ein alter Wartturm — aber von einemWohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof?

Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: „Suchen der Herr etwas?“

Grau zog den Hut. „Ja, ich suche ein Haus,“ sagte er.

„Hier sind keine Häuser,“ sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.

„Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,“ sagte Grau und blickte umher. „Aber man hat mich hierher gewiesen — ich suche das Haus eines Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!“

„Löwenherz?“

Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.

Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß.

Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen. Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. „Es ist der Lehrer!“ rief er aus. „Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr. Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall — Löwenherz!“

Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. „Ah, Susannas Vater!“ sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: „Ach ja, Susannas Vater!“

„Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,“ sagte Grau.

„Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.“

Sie gingen zusammen und schwiegen. „Ein schöner Tag!“ sagte Grau nach einer Weile. „Ja!“ antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein. Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können.

Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen. Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein Siechenhaus,wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit scharfen Augen wahrnehmen konnte.

Dieses Haus sei es!

Grau nahm den Hut ab. „Ich danke, meine Damen!“ sagte er und verneigte sich vor den drei jungen Mädchen. „Bitte, bitte!“

Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: „Wie schön Sie neulich gesprochen haben!“ Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.

Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und leuchtend auf Grau.

Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung.

„Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!“ riefen die Mädchen.

„Morgen kommen wir!“ setzten die Schwestern hinzu.

Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein Träumender.

Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traumemit ihr über die Heide — damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und besonders ihre Art, den Kopf zu tragen — wie merkwürdig ist das Leben!

Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren Gründen außerordentlich für ihn interessierte.

Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch als Grau einmal im Felde ausglitt.

Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen verlassen.

„Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?“ begann er und lüftete den spitzen Hut. „Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen. Ich muß Ihnen leidersagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das Blaue vom Himmel herunter und halten — nichts. Man kann hier Geld zusetzen, du große Güte!“

„Kennen Sie Herrn Lenz?“ fragte Grau.

„Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der Stadt nicht blicken lassen.“

„Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?“

Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte ihn in Brand. „Er hat den Stadtverweis, mein Herr!“ sagte er vergnügt lächelnd und paffte. „Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter, niemand darf die Stadt betreten.“

„Ja, was hat er denn Schreckliches getan?“ fragte Grau und blieb stehen.

Der junge Mann lachte meckernd. „Er hat,“ sagte er flüsternd und kicherte — „er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.“

„Warum wurde er denn entlassen?“

„Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe ihn liegen sehen, bevor nochjemand kam, und gewartet und gedacht: Was für ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!“

„Deshalb also wurde er entlassen?“

„Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters, deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule, nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie, das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der geistliche Rat — ein fetter — ein etwaskorpulenter Herr — er kam — und so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging nicht!“

„Er ging nicht?“

„Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er, ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja, tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch — vor all den Schreibern —“

Der junge Mann lachte und hustete.

„Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch — er mußte dann sitzen, lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen, alles, alles — hähähä — nun treibt er sich in der Welt herum und seine Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn antreffen.“

Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu pochen.

„Sie hat keine Pension?“ fragte er. „Die Frau?“

„Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?“

„Hm. Sie hat auch kein Vermögen?“

„Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen —!“

„Sie ist also arm,“ sagte Grau leise zu sich selbst. „Wie sagten Sie? Sie glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?“ fügte er hinzu und blickte den Mann mit dem Spitzbart an.

Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. „Nein,“ sagte er verwirrt, „ich glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er ist sehr amüsant und er kann deklamieren — was er doch alles im Kopfe hat! Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze Nacht hindurch vorgespielt.“

„Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?“ fragte Grau lächelnd.

„Warum?“

„Nun, ich meine nur!“ sagte Grau und lächelte.

„Ja, ich liebe es!“ antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein wenig und blinzelte. „Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu lachen anfängt —“

„Zu lachen?“

„Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen — dann wird er gefährlich — hier sind wir!“ Er öffnete das Gartentürchen und ließ Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen,auch das Haus lag ohne jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens strich, schien ein besonderer Wind zu sein.

Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und standen einander gegenüber.

Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen. Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte. Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich.

Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit, Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.

Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart auf zu blinzeln; das Blutstieg ihm in die Wangen, als ob er tief erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte mit kaum hörbarer Stimme: „Eisenhut!“

Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff.

Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: „Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme blinzelte.

Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen.

„Guten Tag, Mütterchen!“ sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: „Hier ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!“

Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie versuchte zu lächeln.

„Keineswegs!“ rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. „Herr Eisenhut scherzt. Ich komme lediglich —“

Eisenhut lachte. „Nein,“ unterbrach er Grau, „haben Sie keine Angst, Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.“

Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Sie haben ihn gesehen?“ fragte sie leise und singend, und ihre Stimme zitterte. „Er ist nicht hier!“ Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte sie ganz leise hinzu: „Er wird noch zu tun haben.“ Sie versuchte zu lächeln.

„Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!“ rief Eisenhut boshaft aus und ging hinein ins Haus.

Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.

„Wie fatal, wie fatal!“ sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er gehen. Aber er ging nicht. Ersann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.

„Könnte ich nicht auf ihn warten?“

„Warten?“

„Ja, warten, auf ihn warten!“ wiederholte Grau und sah aus, als horche er in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu: „Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.“

„Stören?“ Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. „Der Herr stören keineswegs,“ flüsterte sie, „wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?“ Sie trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung auf einzutreten.

„Die Ehrung ist auf meiner Seite!“ sagte Grau freudig und verbeugte sich ehrerbietig vor Mütterchen. „Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!“

Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde erkleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

„Hier ist ein Herr, Susanna,“ sagte Mütterchen leise. „Herr —?“

„Grau!“ Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber Grau erlaubte es nicht.

„Wie schön!“ sagte Susanna. „Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.“ Graus Herz begann zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel, während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

„Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,“ fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien. „Danke!“ sagte sie und blickte Grau an. „Ich habe auch schon von Ihnen gehört, Herr Grau,“ fügte sie hinzu, „und ich habe gewünscht Sie zu sehen — und nun sind Sie hier. — Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich weiß nicht warum.“ Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.

„Das ist eigentümlich!“ sagte Grau lächelnd. „Und doch hat jeder Mensch das so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.“

„Er war es auch?“

„Ja.“

„Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding.Sie sollten sie kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die andere dabei, nicht wahr?“ Susanna blickte fragend in Graus Augen. „Haben Sie die andere gesehen?“

„Fräulein von Hennenbach?“

„Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?“ Sie lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte sie: „Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?“

„Wie schön sie doch ist!“ sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. „Ja, wie schön sie doch ist!“ sagte sie. „Sie ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt — und sie scheut sich nicht zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind Schulfreundinnen, müssen Sie wissen — wenn sie nun eintritt in das kleine Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht!Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!“

Grau lächelte. „Jetzt nicht mehr?“ fragte er.

„Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,“ fuhr sie geheimnistuerisch fort, „denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten — nun, das war ja vielleicht nicht recht von ihr — sie haben es alle wieder hören müssen, und dann — dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann an sich zu ziehen — aber das ist ja immer so — auch er“ — sie flüsterte und deutete auf die Türe — „auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, auch er!“

„Also deshalb!“ sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

„Susanna!“ sagte Mütterchen. „Wenn er es hört!“ Sie warf einen ängstlichen, argwöhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. „Wie sollte er es hören können, Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt — Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.“

Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder auf Grau.

„Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!“ fuhr sie fort. „Es ist noch etwas anderes.“

„Sie ist gewiß sehr eigentümlich.“

Ja, ob er das gefunden habe?

„Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,“ sagte Grau, der Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

„Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein. Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß — Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande —“

„Ich habe die Brandstätte gesehen.“

„— was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?“

„Solch ein Gedanke!“ sagte Grau. „Wie rasch sie denkt!“

„Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.“

„Wann war denn der Brand?“ fragte Grau.

„Mütterchen, wann war es wohl?“

Mütterchen sagte: „Mitte August!“

„Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht wahr?“

Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. „Niemand weiß es,“ sagte sie. „Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.“

„Welch ein Glück!“

„Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen. Vielleicht war es ein Racheakt.Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden sein.“

„Von selbst?“ Aber ein Feuer könne doch nicht vonselbst entstehen? Grau schüttelte den Kopf.

„Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag —“

„Der Sohn?“ unterbrach sie Grau.

„Ja,“ erwiderte Susanna ein wenig überrascht. „Kennen Sie ihn?“

„Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,“ antwortete Grau. „Was ist das für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.“

„Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig — ein wenig —“

Grau lächelte. „Nun?“

Mütterchen in der Ecke sagte: „Er ist ein Leichtfuß!“

Susanna lachte leise: „Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen! Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adelebraucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.“

Susanna blickte Grau lange an. „Denken Sie, wie böse die Menschen sein können! Sie wissen, was ich meine!“ Susanna ballte die Fäuste.

„Ja,“ sagte Grau; „es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von selbst entstanden ist,“ fügte er hinzu, „durch Wolle, Späne oder irgend etwas.“

Susanna lächelte. „Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.“

„Das war allerdings Glück im Unglück!“ sagte Grau.

„Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,“ fuhr Susanna fort. „Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre. Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie davon. Auch als sie sich verlobte — sie hat sich mit einem Baron Kirchgang verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie — ja, da hat sie ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlichist sie. Manchmal scheint es als ob sie aus einer andern Welt sei.“

Grau blickte Susanna an. „Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?“

„Wie?“

„Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,“ sagte Grau mit eigentümlichen Lächeln.

„Ich verstehe nicht?“ sagte Susanna gespannt.

„Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte das nicht möglich sein?“

„Ja, wieso sollte es möglich sein?“ fragte sie.

Grau zuckte die Achseln. „Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?“ fragte er.

Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte auf den Feldern.

„Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,“ sagte Mütterchen leise und wandte sich langsam der Küchentüre zu.

„Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er hatte noch immer ein Einsehen.“

„Ja,“ sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. „Der Herr müssen mich einen Augen — blick ent — schuldigen —“

„Mütterchen ist sehr scheu,“ flüsterte Susanna. „Sie kann nicht sprechen, aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum Fenster hereinblicken, in der Nacht,und am Morgen, da sah ich die Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt, beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist sie. Manchmal — ach, nicht oft — vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da sagt sie: ‚Wenn er doch einen Brief schriebe!‘ Dann kann sie nicht mehr schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten — so selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von der Welt.“ Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: „Ich hoffe, Sie werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?“

„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte Grau. „Ich liebe es, Ihnen zuzuhören. Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.“

„Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit jemand zu sprechen.“

„Verzeihen Sie einen Augenblick,“ unterbrach sie Grau, „da wir vorhin von dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen — er ist wohl Student?“

„Ja. Weshalb?“

Grau lächelte. „Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?“

„Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war noch nie dort.“

„So, so. Er lebt also immer hier?“

„Ja, ja. Ich verstehe nicht —“

„Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde — aber sprechen Sie doch nun, bitte, Fräulein Lenz!“

Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: „Ja, ich freue mich, sprechen zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!“

„Warum gerade das?“ Grau rückte den Stuhl näher heran.

Susanna kicherte. „Sie werden vielleicht lachen!“ sagte sie mit hoher Stimme. „Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um alldie neuen Ideen — all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege — es ist ein Jahr und noch ein halbes dazu — habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei mir gesehen — ja, sechs waren es.“

„Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?“

„Es ist nun,“ sagte Susanna und blickte in die Weite, „es ist nun vier Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.“ Sie lächelte. „Trotzdem vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile —“

„Wie gut das ist! Das ist gut!“ unterbrach sie Grau.

„So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen, daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.“

„Jeder Mensch hat solche Augenblicke!“

„Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er spricht, sage ichzu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.“

„Wie schön Sie das sagten!“ sagte Grau bewundernd und nickte.

Susanna fuhr fort: „Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, denn sonst — ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich — sagen wir — taucht der nickende Kopf eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch, wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbeauf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung — immer sehen Kinder interessante Dinge im Wasser — und sie müssen hinunterspucken. Auch ich mußte es tun — auch Sie?“

Grau lachte. „Ja,“ sagte er.

Susanna fuhr fort: „Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er ist wie Sand, wenn es kalt ist — er glänzt, wenn es getaut hat und Frost darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche. Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und mußdie Augen schließen, und wissen Sie, was dann geschieht?“

„Dann träumen Sie!“

„Ja, dann träume ich.“

„Was träumen Sie denn?“

Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu müde dazu war, so träumte sie Musik.

„Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die Reihe an Ihnen.“

Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber Grau verstand es, ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: „Es kann eine Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein — aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Dassind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel wieder wie am Anfang. — So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben — aber so ähnlich ist es, Sie müssen es sich eben ausmalen.“

Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben.

„Sie frieren?“ sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts. „Nein,“ sagte er und lächelte, „ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie dasbeschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.“

„Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht und singt.“

„Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln hüpfen.“

Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.

„Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,“ sagte er, „Sie sind ja ganz außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!“

Susanna lachte leise und errötete.

„Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?“

Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es sang.

„Da haben wir es!“ Grau lachte. „Sie müssen Musik von Grund auf studieren. Spielen Sie ein Instrument?Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt ein Piano haben!“

Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte mit hoher Stimme: „Ich kann aber doch nicht spielen!“

„Das? Was das anbelangt — da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen — nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen — nach einem Jahr oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden —“

Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?

Dann sagte sie leise: „Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben — ich —“

Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: „Das ist mein Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas derartiges etwa erzählt? Wie? — Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum —“

Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: „Es muß heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.“

Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen. „Er hat nein gesagt!“ flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse neben Grau.

„Nein?“ jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: „Ach, Mütterchen, du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.“

„Ja,“ hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.

„Ja, was tun Sie denn!“ schrie Grau erschrocken und sprang auf.

„Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.“

Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. „Wie liebenswürdig von Ihnen,“ sagte er und drückte Mütterchen die Hand. „Ich breche in Ihr Haus ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!“ Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.

Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer umher.

Mütterchen erstarrte vor Schrecken. „Da ist — nun — diese —“ Sie blickte starr und hilflos auf Grau. „Hsch, hsch — du ungezogene —“

„Putt — putt,“ machte Grau. „Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau Lenz, seht an.“ Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.

„Ja, in der Küche — aber — der Herr müssen entschuldigen — mein ganzes Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden — wie mich diese ungezogene — hsch, hsch — Kreatur blamiert — Geh hinaus, Klatschbase.“


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