Zweiter Teil

Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten, ihr Mund lächelte.

„Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha — Mütterchen steht da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie. Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur — bis zur Erde —“

Susanna hielt inne und lauschte.

Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit Geschirr klappern. Man vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, pst! Aber Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut: „Ach was! Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche zu machen, dafür wird er ja bezahlt, punktum.“ Er sagte es absichtlich laut, damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie leise auf und sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte amBoden und Eisenhut lachte belustigt. Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst.

Es war still im Zimmer und man hörte die kleine Uhr ticken und schnarchen, denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob sie aufatme.

Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, während sie die großen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten. Sie saß still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen.

„Wie geht es weiter mit Ihren Türken?“ fragte Grau.

Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der Hände flüsterte sie hastig: „Er hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.“

Grau lachte. „Er wollte Mütterchen erschrecken, das tut mir leid,“ sagte er absichtlich laut. „Was seine Bemerkung anbetrifft, so weiß er recht gut, daß ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn er ist klug, Herr Eisenhut!“

Eisenhut räusperte sich in der Küche.

„Freilich! Sie sind so vernünftig,“ hauchte Susanna. „Nun wird Mütterchen sich aber nicht ins Zimmer wagen?“

„Klingeln Sie ihr!“

Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft in der Türe. Sie trug ein Servierbrettchen in der Hand.

„Die Zeitung — die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit!“ rief Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der Türspalte erschien. Er beugte sich vor und legte einZeitungsblatt auf das Servierbrett. „Für ihn, für Herrn Grau!“ fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu.

Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau nicht in die Augen zu blicken. „Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?“

Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen und Mütterchen schlich sich wieder hinaus.

„So ist es gut!“ sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. „Nun ist sie glücklich! Was ist es denn mit der ‚Zeitung‘?“ fragte sie. „Was will er nur damit?“

Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: „Seiner Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken — hahaha! Eisenhut!“

Grau verbarg rasch sein Erstaunen.

„Aber Ihre Notiz in der Zeitung?“ sagte Susanna.

Grau zuckte die Achseln. „Man kann sich täuschen,“ sagte er, „aber kümmern wir uns nicht um diese Geschichten, Fräulein Susanna!“ Wie sonderbar, dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und wandte Susanna den Blick zu und sie mußte ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu bedeuten habe.

„Sie haben nicht zu Ende erzählt.“

Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren.

„Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,“ beharrte Grau und sah Susanna in die Augen, „bis ansEnde müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens plötzlich mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?“

Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gänzlich diese Bank vergessen! „Wie aufmerksam Sie doch zuhören?“ sagte sie und richtete sich auf. „Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich — ja, lassen wir die Türken sein. Was wollte ich doch bei den Türken? Ich werde Ihnen erzählen, denn ich muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie ist das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich muß Ihnen folgen. Sie sehen mich an und ich muß. — Adele hat mir erzählt, Sie sind bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: ‚Schlafen Sie‘ und sahen ihn an. Da schlief er.“

Grau schüttelte den Kopf.

„Doch!“ sagte Susanna. „Die ganze Stadt spricht darüber, selbst die Ärzte, denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschläfern.“

Grau lächelte.

„Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf die Stirn und sagte: Schlafen Sie — das ist alles.“

Susanna lachte und hustete. „Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund, nichts andres. Es ist ja so merkwürdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein und sofort begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand erzählt habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aberja, ich will fortfahren, lassen Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, nicht wahr? Bei den Träumen, ja.“

„Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da droben saßen und warteten.“

„Ja, als ich wartete.“

„Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.“

Susanna lächelte fein. „Wie gut Sie aufmerken!“ wiederholte sie. „Jedes Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging, Herbst ging, Winter ging — die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten. Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie Vater seine Stellung aufgab — da litt ich, für Vater, fürMütterchen, wir standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein. Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich, da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!“

Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend. „Seltenes!“ wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: „Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor. Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?“

Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, siesenkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: „Und ich träumte davon — wie es wohl sein würde — wenn das Seltene mich verklärte — wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere — niederbeugen — wie der Tau — der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt — wenn der große Tag erschien, da es kann —“

Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.

Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.

Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie reichte ihm die Hand hin und sagte: „Vergessen Sie es. So töricht war es von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, schon lange ist es ja nicht mehr so.“

„Erzählen Sie weiter!“ sagte Grau leise und blickte Susanna an.

Und Susanna fuhr fort: „Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch — zuweilen klingt es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!“

Sie lächelte und blickte Grau an.

Und Grau sagte leise: „Warum sollte es nicht mehr kommen?“

Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: „Nein, ich glaube es nicht mehr, das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich zuweilen noch — ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch — aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch habe ich noch, wissen Sie welchen?“Aber ehe Grau antworten konnte, fügte sie hinzu: „Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.“

Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. „Hören Sie, Fräulein Susanna,“ sagte er und lachte halblaut, „hören Sie, Fräulein Susanna,“ wiederholte er und lachte, „Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu bescheiden!“

Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.

Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. „So übermäßig bescheiden brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen, grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde, aber sobald es Frühling wird — meine Freundin, meine liebe Freundin?“

Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit. Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie sagte nichts.

„Sobald es Frühling wird,“ wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen bannenden Ausdruck an, „da werden Sie ganz anders denken!“ Er lächelte und begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichtsmehr. Die Uhr tickte und schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls und blickte Susanna lange an.

„Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?“ fragte er flüsternd.

Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.

Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann verabschiedete er sich hastig. „Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,“ sagte er. „Auf Wiedersehen.“ Er ging.

Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das Türchen ins Schloß und ging rasch weg.

Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des „Gauboten“ las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der „Gaubote“ als Programm angekündigt: Im Reiche der Mitte. „Nachdem am Sonntag ein lustiges Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen unserer geliebten Vaterstadt erfüllte —“

Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen einherstolzierten.

Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten.

Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von Susanna und Mütterchen.

Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, lachten undplauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem festlich beleuchteten „Elefanten“ und blickte ins Tor hinein. Es war Hammerbacher. Grau blieb stehen.

Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden. So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung — seit jenem Tage, da die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.

Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte, aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf.

So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab.

Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete immer noch.

Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: „Wünschen Sie, daß ich den Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?“

Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen nieder und nahm die Kappe ab. „Guten Abend.“

„Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?“

„Welchen Herrn?“

„Wie gut wir uns verstehen!“ sagte Grau und blickte den Burschen scharf an. „Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?“

Hammerbacher lächelte verlegen. „Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen war, aus Not — sie ließen mir keine Ruhe mehr — dieses Gestichel —“

Grau schüttelte den Kopf: „Wie konnten Sie nur so etwas tun?“ sagte er mit mildem Vorwurf. „Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben, Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!“

Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.

Grau schüttelte den Kopf. „Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!“ rief er zornig aus. „Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringendnahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen — ich werde nicht eher ruhen! — bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! Leben Sie wohl — wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!“

Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.

Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der lachenden, treibenden Menge emporstieg.

Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich fieberhaft zu suchen.

Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.

Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte.

Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten angepackt. „Herr Grau, Herr Grau!“

Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl Nichtraucher?

„Wir haben Zigaretten zu verkaufen — buh, buh!“ Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein. „Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!“

„Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!“ sagte Grau und er erstand ein Paket Zigaretten.

„Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!“

„Ganz prächtig!“ sagte Grau und paffte. „Ganz herrlich ist das.“

Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem Munde aus: „Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!“

„Danke! Danke!“ Grau verneigte sich.

„Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst! Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!“ Hahaha — diese ganz abscheuliche Baßtrompete!

Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte, es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten, schwätzten und sahen Grau an.

„Gestatten Sie, daß ich vorstelle — Fräulein Anna Mohr —“

„Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!“ schrien die Damen.

Grau lachte und rauchte die Zigaretten. „Ich habe gar nicht gewußt, daß es so viele schöne Damen in der Stadt gibt?“ sagte er und sah alle der Reihe nach an. Sein Blick war ruhig und rein.

Die Mädchen lachten.

„Wir wollen ihn fragen —“ Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste von ihnen sei.

„Welche ist die schönste von uns allen,“ sagte Klara Sinding, jene, die das kleine Mal auf der Wange hatte.

„Die schönste?“ Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten, herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte hinzu: „Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie meinen — so nach dem ersten Blick zu urteilen — aber auch das ist schwer, denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im Gesichte einer andern Dame in die Augen — ja, es ist unmöglich.“ Er blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den großen Ohren an und sagte: „Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe —“ das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht — „bei Ihnen,mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd weich sind und von eigentümlichen Rot — bei Ihnen sind es die Brauen und die Schläfen —“

Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort — aber nein — wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist —! Sie fragten.

„Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!“ Grau lachte. „Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich dieses Fräulein hier für die klügste von allen.“ Es war das kleine häßliche Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche Mädchen sagte mit tiefer Stimme: „Ich war stets die Dümmste im Institut!“ Aber sie lächelte.

Grau lächelte ebenfalls. „Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu —“

Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.

„Wie hübsch er plaudert!“ flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. „Ja,“ wisperte sie, „er ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist — er zittert immer ein wenig.“ „Pst, er hört dich.“

Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. „Es ist aber verboten, die Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.“ Die jungen Damen öffneten die Münder und blickteneinander verdutzt an: Ja, große Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die andern, wie könnte man sie doch herausfinden?

„Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!“ sagte Grau und lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie unbrauchbar waren.

Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf. Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei.

„Ich werde Ihnen etwas helfen,“ sagte Grau lächelnd und blickte sie an. Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: „Ein Huhn!“

„Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott —“ die Mädchen schüttelten sich vor Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus!

Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: „Es ist ganz merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der Gedanke gekommen — gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig helfen —“ Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau.

Grau lächelte. „Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste beste, das mir in den Kopf gekommen ist,natürlich. Klugheit und Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so verschieden — ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben —?“

Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen machten Miene auseinander zu stieben.

„Auf eine Sekunde noch!“ bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier stattfinden sollte — Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die Adressen der Damen aufzuschreiben —?

Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. „Ja, natürlich, natürlich.“ Sie schrien, was sie konnten.

Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst, mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus.

Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend; das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe. Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener Herren, diesich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte, sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig.

Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.

Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm.

In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen. Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren Grund Licht brannte.

Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.

„Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!“ sagte sie dann.

„Danke!“ Adeles Hand war brennend heiß.

„Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht, als Sie um ihre Hand anhielten?“

Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf gekostet, bis sie einwilligte.

Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen Lächeln. „Heute ist Fasching!“ sagte sie. „Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt getrunken.“ Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen und kühlte sie mit den Steinen. „Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.“

Grau lächelte. „Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,“ sagte er „aber wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie doch den Kopf an meine Schulter legen — und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf anmeine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an meiner Schulter und atmete so tief.“ Das erzählte er.

„Wie hübsch!“ sagte Adele und lachte. „Sehen Sie die Lauben und all die närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?“

„Prächtig!“

„Echte Provinz — haha! — echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich befürchte Sie können es nicht —“

„Doch,“ sagte Grau, „ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.“

„Unmöglich!“

„Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.“

„Ah! — Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!“

Sie legte ihre Hand in seinen Arm.

„Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es doch, nicht wahr?“ fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge bewegte.

„Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,“ antwortete Grau.

„Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?“

Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe. Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die Westentasche.

Adele lachte. „Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,“ rief sie aus, „sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so verwundert an?“

„Tat ich das?“

„Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!“

Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.

„Warten wir bis zum nächsten Tanze,“ sagte Adele und lächelte. „Hier ist es übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.“

„Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber ich erinnere mich ja gar nicht —?“

Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und allesrannte in die chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der eine Extranummer zum besten gab.

Adele lachte. „Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.“

Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah. Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen unterbrach ihn rasender Beifall.

„Wie wohl das tut, diese Ruhe!“ sagte Adele und ließ sich auf eine kleine Bank nieder. „Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! — Die Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?“

„Gewiß erinnere ich mich,“ antwortete Grau. „Ist es nicht merkwürdig, daß ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem Ihre Augen.“

Adele unterbrach ihn. „Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume geschehen!“ rief sie lachend aus. „Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniellbeiseite, Sie sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?“

„Danke,“ sagte Grau und nahm neben Adele Platz. „Ja, es war ein Traum. Es war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was diese Frau mir alles gesagt hat — ich träumte, ja, nun will ich endlich beginnen — ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.“

„Ein Geist?“ Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie hatte ein feines anliegendes Ohr.

„Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut, ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel war, sah ich sehr genau.“

„Was sahen Sie denn da?“ fragte Adele.

„Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.“

Eine Lachsalve raste durch den Saal.

„Wie schön!“ Er möge doch fortfahren.

„Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber ergrautes Haar.“

„Was tat er?“

„Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, sangenohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen Sie?“

„Ah!“ sagte Adele und sah rasch auf. „Es waren die einsamen Menschen der Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!“

Grau nickte. „Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe ich seitdem — es ist ja sechs Jahre her — die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein wenig verschieden vielleicht — kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich an eines jener Gesichter im Traume — aber ich wollte das ja nicht sagen, Pardon.“

„Fahren Sie doch fort!“ sagte Adele.

Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: „Wie sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, wie er ist!“

„Ja, wie eigentümlich ist das,“ sagte Adele und blickte Grau an. „Man sagt, an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?“

Grau lächelte. „An den Augen?“ sagte er. „Vielleicht. Ein wenig an den Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein, er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch, schief gleichsam — oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen. Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten — wie meinen Sie? — Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln. Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen — und es kann sein, daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe des Menschen.“

„Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?“ fragte Adele. „Aus dem Lächeln dieser Einsamen? — Hören Sie die Narren lachen, haha?“

„Gewissermaßen,“ fuhr Grau eifrig fort. „Gewissermaßen ja. Aber ich mache zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir erschrecken würden, könntenwir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß zwischen den Menschen — zwischen den Seelen — überhaupt keine scharfe Trennung existiert — ich für meine Person glaube das — vielleicht können Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß, was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm — jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen — und doch können Sie den Glauben nicht lassen — er ist einsam, arm, aber gut.“

Adele sah auf. „Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt —“

Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: „Ich bin ja ganz vom Thema abgekommen!“

Auch Adele lachte. „Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?“

„Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über all die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging es über endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den Sternen näher und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen Himmel. Nun blickte ich plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine Frau, die vor einem Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige, sie trug die Haare in einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus als Sie.“

„Was tat sie denn?“ fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da die beiden Backfische vorbeitanzten.

„Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,“ fuhr Grau fort. „Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz glühend, zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, ganz klein, aus der brennenden Rose.“

„Wie amüsant!“ sagte Adele. „Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.“

„Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort.„Plötzlichnun sagt die Frau leise und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.“

Adele lachte. „Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!“

„Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich habe nicht gedacht, daß du heute kommst.“

„Verstanden Sie denn jetzt?“ unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.

„Ja,“ antwortete Grau, „ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. — Ich wiederholte das gleiche. — Wie sagst du? Wiederumsagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst du mich denn nicht mehr? — Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? — Nein. — Aber sie ist von dir! — Nein! — Ja, sie ist von dir, wir haben uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein, sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. — Komm! sagte sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und ganz still —“

Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. Adele hielt sich die Ohren zu. „Wie schade!“ sagte sie, indem sie aufstand. „Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?“

„Ja.“

Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und seine Wangen röteten sich.

Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann. Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat siemit verstellter Stimme um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.

„In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,“ sagte sie. „Es kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?“

„Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.“

Adele lächelte. „Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!“

Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. „Halten Sie mich fester!“ sagte sie.

Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen.

Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele inne hielt und erblaßte. Sie stand still. „Ich kann nicht mehr!“ sagte sie leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und erstaunt an, während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte.

„Aber was ist Ihnen?“ fragte Grau.

„Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,“ sagte Adele. „Nichts, einen Augenblick nur.“ Sie sammelte sich rasch.

„Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.“

Adele schüttelte den Kopf. „Es ist nichts,“ sagte sie, „es ist nur so merkwürdig —“ Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie schien zerstreut zu sein.

„Kommen Sie!“ sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr.

In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und sagte unvermutet: „Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?“

Grau errötete leicht. „Wie?“ Dann blickte er Adele erstaunt an. „Gewiß liebe ich Susanna aufrichtig,“ erwiderte er.

Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke, dann raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie blickte stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln, alles hatte sich verändert.

„Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?“ fragte Grau.

„Nein, nicht jetzt,“ erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an. „Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,“ fügte sie hinzu, „darf ich Sie bemühen?“ Auch ihre Stimme hatte sich verändert.

Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung sein könnte.

Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben überhäuft.

„Hoch, hoch, hurra!“ schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen.

Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde Stimmung und die Herren waren alle angeheitert.

Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein, durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen, fröhlichen Herren — es waren die Offiziere von Weinberg — er war größer als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen hohen Schädel gelegt war.

Baron Kirchgang — Adeles Bräutigam — war ein schweigsamer, etwas ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er war kürzer als der rechte und lahm.

Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.

„Ihr Herr Bruder ist nicht da?“ fragte er Adele.

„Er ist dagewesen,“ antwortete sie ihm, „er sitzt mit seinen Freunden im ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?“

„Ich dachte nur,“ sagte Grau. „Danke!“

Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte lächelnd: „Auf das Wohl Ihrer Braut!“

Grau dankte. „Auf Susannas Wohl!“

Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.

Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht, niemand beachtete ihn.

Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.

Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. „Sofort, sofort, mein schöner Herr!“ rief sie. „Willst du eine Flasche, eine ganze Flasche? Nur zwanzig Mark!“

Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele und rief: „Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.“ Er sprach immerzu mit verstellter, quiekender Stimme.

Da drehte sich Adele rasch um und sagte: „Es ist Herr Eisenhut! Für ihn geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!“

Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er sich ganz steif und quiekte mitverstellter Stimme: „Sind Sie auch sicher, daß es Herr Eisenhut ist?“

Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen.

„Maske ab! Maske ab!“ schrieen die Herren.

Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern, zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.

„Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!“ sagte er. „Guten Abend, Fräulein von Hennenbach!“ Er machte auch einen schüchternen Versuch, ihr die Hand zu reichen.

Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. „Nun will ich Ihnen einschenken, ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?“

„Bravo! Bravo!“ riefen die Herren.

Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen Zähne.

„Sie scherzen?“ sagte er.

„Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!“

Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas. Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.

„Fräulein von Hennenbach?“ stotterte er.

Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. „Herr Eisenhut?“

„Hundert Mark? Hundert M—?“ fragte Eisenhut leise. „Hundert Mark — aber ganz unmöglich?“ Er lächelte beklommen.

Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.

Eisenhut raffte sich zusammen.

Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.

Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe, hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.

„Bitte, Herr Eisenhut!“ sagte Adele, da Eisenhut zögerte. „Ich werde sogar nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!“ Sie lachte und nippte am Glase.

Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander, lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch.

„Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!“

Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr unsicher.

Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.

„Wieder?“ fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.

„Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.“

„Noch mehr?“ fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. „Hundert Mark für die Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.“ Er deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen.

Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da hätten sie ganz besondere Preise.

Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und her. „Sie scherzt — Fräulein von Hennenbach scherzt!“ sagte er zu der lachenden Gesellschaft von Herren.

„Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sienicht, daß man sich schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht lange besinnen.“

Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts Eisenhut — hahaha — schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und lachten und stießen sich gegenseitig an.

Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr wieder in die Rocktasche.

„Bravo! Hurra!“

Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen sollte?

„Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!“ antwortete Adele. „Sie nennen sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.“

„O — hoho!“ versetzte Eisenhut geschmeichelt.

„Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!“

Eisenhut streckte den Kopf vor. „Haben Sie denn — haben Sie denn diesen Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.“ Er lächelte eigentümlich und blickte Adele an.

Adele lachte laut und unnatürlich. „Selbstverständlich habe ich ihn gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?“

Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.

„Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe nochmals daran. Nun, nehmen Sie?“

Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra! Eisenhut, Eisenhut!

Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an. Gelächter.

„Bitte!“ sagte Adele und lachte. „Weshalb zögern Sie denn?“

Hier näherte sich Grau. Er sagte: „Fräulein von Hennenbach?“

Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte: „Bitte?“

In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas, die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit den Füßen und schrieen, was sie konnten.

Eisenhut bewegte heftig die Hände. „Bezahlt ihr!“schrie er. „Bezahlt ihr! Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, bezahlt ihr!“ wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts.

Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der treibenden Menge.

„Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!“

Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.

Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen.


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