(Der König und Rustan kommen.)
König.Hörtest du? vernahmst du? sahst du?Ihres Mundes freundlich Lächeln,Ihrer Rede Sommerfächeln,Fühltest du den Druck der Hand?Ja, Gülnare, meine Tochter,Sinnt nicht länger Widerstand.Freude, Wonne, sondergleichen!Ihre Hand will sie dir reichen;Und was an des Todes TorenIch mir selber zugeschworen,Und was Nacht bisher verhüllt,Glänzend, herrlich wird's erfüllt.Du, an meiner Tochter Seite,Sitzest auf der Väter Thron,Breitest aus in alle WeiteMit der Kriegsdrommete Ton(Dieses Landes) Macht und Ruhm,Noch vor wenig kurzen TagenStolzer Nachbarn Eigentum.Und sie zittern und sie bebenVor dem Dräun der starken Hand,Und des Ruhmes Säulen hebenHoch den Thron von Samarkand.Sieh dies Land, es ist das deine,Sieh mein Selbst, es folgt dem Land;Oh, des sel'gen Abends Scheine,Da ich dich, den Retter fand!
(Er setzt sich.)
Ich bin müd, bringt mir zu trinken,Selbst die Freude schwächt die Kraft.Alles scheint mir zuzuwinken:Tu, was neu das Alte schafft. Gebt mir Wein, die Zunge lechzet,Und verschließt des Zeltes Hüllen.Freuden, wie sie mich erfüllen,Hegt man gern bei sich allein.
(Zanga gibt den Auftrag. Man geht um Wein. Die Vorhänge desZeltes fallen herab.)
Rustan.Wenn auch das, was ich getan,Voll und wirklich Lohn erheischet,Doch so übermäß'ge Gunst—
König (aufstehend).Laß du über dem Geschick,Auszugleichen Wert und Glück!Wär's Verdienst denn, wenn der RegenNiederträuft auf unsre Flur?Ist Verdienst es, wenn der Leu,Reichbegabt und stark und freiHineilt auf des Wildes Spur;Wenn die kreisende NaturAus der Gaben Reichtum spendet,Achtlos, wer ihn zu sich wendet?Auch der Zufall will sein Spiel.Nimm, was dein; und scheint's zuviel,Dieses als zuviel ErkennenMacht dich wert, es dein zu nennen. Eins nur ist noch zubericht'gen:Rustan, alle, die ich fragteNach den Eltern, die du nanntest,Nach den Deinen, deiner Abkunft,Niemand will die Namen kennen,Und den Stamm, das Volk, den Ort.
Zanga.Ist's doch auch ein kleines Völkchen,Seiner Herden Zucht ergeben,Und da sie nomadisch leben,Kommt's heut an, zieht morgen fort.
Rustan.Dann, o Herr, wenn erst das WasDes Geschehnen klar und deutlich,Forscht man viel noch hinterherUm das Wie und um das Wer?
König.Du hast recht! und wer auch immer,Bist du immer doch derselbe,Der mein Land, mein Volk befreit;Der an jenem grausen MorgenMeiner Tage Rest geborgen,Dessen Mute, dessen SchlagJenes Untiers Grimm erlag.Bist derselbe, und bist's nicht;Und wenn nicht, mir so viel teurer,Als mir teuer dies dein Selbst. Wenn ich dich so vor mir sehe,Hochgewachsen, stark und kühn,Mit der hellen, klaren Stimme,Freu ich doppelt mich und dreifach,Daß du anders, als ich damalsIn der Sinne wirrem Wanken,Mehr ein Wahnbild der Gedanken,Meines Retters Bild gesehn.Du schienst damals klein und bleich,Eingehüllt in braunen Mantel,Und die Stimme scharf und schneidend—
(Man hört aus der Ferne Gemurmel von Stimmen, dazwischen klagend ausgestoßene Laute.)
König.Welch Geräusch?—Seht zu, was ist.
(Es geht jemand.)
Widerlich stört's meine Rede,Und dazwischen Klagetöne,Fast wie jene—
(Zu Rustan.)
Warst du damalsAuch mit diesem ganz allein?
(Auf Zanga weisend.)
War kein dritter, war kein andrerNeben dir?
Rustan.Nur er und ich.
König.Eine Stimme, dumpf und schaurig,Die ich früher schon gehört,Sonst im Leben schon vernommen,Schien da in mein Ohr zu kommen,Wie ich lag von Angst betört.Du standst damals—
Rustan.Herr, am Felsen.
Zanga.Oben, oben, auf dem Felsen.
König.Oben, recht! Je mehr ich sinne,Um so widerlicher wird's.Auf dem Felsen, klein und bleich,Eingehüllt in braunen Mantel,Und die Stimme—
(Die vorigen Klagelaute wiederholen sich.)
König.Pfui des Lauts!Schafft sie fort, die ekle Stimme,Die Erinnerung mit ihr.
(Zanga geht ab.)(Ein Diener hat Wein gebracht.)
König.Hier ist Wein. Komm, laß uns trinken!Weg es waschen dieses Bild!Was ich damals dumpf geträumt,Lieblich hat's den Platz geräumtDem Erfreulichen, dem Wahren.Wo sich Götter offenbaren,Kündigt sie ein Schauder an,Daß, wenn ein die Mächt'gen fahren,Schon die Pforten aufgetan.Hier ist Wein. Komm, laß uns trinken!Und noch diesen Abend sollenLaute Zimbeln und TrommetenHoch von dieser Feste TürmenEs in alle Lüfte stürmen,Daß du Erbe mir und Sohn.Ja, du Edler, ja, du Guter,Schutzgeist, Lebensretter du,Sieh dein Vater trinkt dir's zu!
(Indem er den Becher emporhebt und Rustan sich vor ihm auf ein Knie niederläßt, kommt Zanga eilig zurück; hart hinter ihm ein Kämmerling.)
König (einhaltend).Was begab sich?
Zanga (zu Rustan leise).Herr, nur Mut!
König.Soll ich länger noch erwarten—?
Kämmerling.Herr, die Stadt beinah in Aufruhr.
König (den Becher abgebend).Aufruhr? Torheit! Und warum?
Kämmerling.Herr, die Wellen des Tschihun,Die an unsern Mauern nagen,Haben auf den flachen SandEines Mannes Leib getragen,Der durch Mord sein Ende fand.
König.Laßt sie das dem Richter klagen!
Kämmerling.Und der Mann, er ward erkanntAls derselbige mit jenem,Den, aus deiner Kämmrer Scharen,Nie hat man den Grund erfahren,Du vorlängst vom Hof verbannt.
König.Wohl, ich weiß.—Doch diese Laute?Schaurig, widrig, wirren Klanges—?
Kämmerling.Herr, es ist sein alter Vater,Den du kennst, der stumme Mann;Eine Schrift in seinen Händen,Fleht er um Gericht dich an.
König.Wohl, es sei ihm, doch er schweige!Rustan!
Rustan.Herr!
König.Du kanntest nieJenen Mann, der nun getötet?
Rustan.Herr, so meinst du—?
König.Nun, nur Gutes.Doch die Stimme, deren KlangDamals mir zu Ohren drang,Als du mich befreit beim Jagen,Schien des Manns, der nun erschlagen.Es kommt näher, wächst im Raum,Wie ein halbvergeßner Traum.
Und wen klagt man an als Täter?
Kämmerling.Herr—
König.Du zögerst?
Kämmerling.Wag ich's?
König.Sprich!Wen zeiht man des Mordes?
Kämmerling.Dich!
König.Mich? Ha Torheit und Verrat!Nicht nur ein Sinn fehlt dem Alten,Alle fehlen in der Tat.
(Die Vorhänge auseinanderschlagend.)
Komm herein, du Mann der Torheit,Stumm an Zunge, an Verstand,Und beweise deine Klagen,Oder stirb von meiner Hand!
(Der alte Kaleb, grau gekleidet, mit schwarzem Überwurf, weißem Bart und Haar, tritt, von Karkhan geleitet, eine Schrift emporhaltend, ein und wirft sich vor dem Könige nieder, wobei er, nach Art der Stummen, unartikulierte Laute ausstößt.)
König.Nicht berühre meine Kleider,Bis du Widerruf getan.
Zanga (leise).Herr, was dünkt euch?
Rustan.Harr und schweig!
Zanga.Diesen Mann sah ich schon früher.Gleicht er nicht—?
Rustan.Ob auch! Wem immer!Laß uns hören, was er bringt.
König (dem der Alte eine Schrift emporgereicht hat).Was soll ich mit diesen Zeilen?Zorn quillt mir im Auge heiß.
(Zu dem Führer des Greisen.)
Bist du einer, der da weiß?
Karkhan.Seinem Hause nah verwandt.
König.Nun, so sprich, was dir bekannt.
Karkhan.Was man sagt, nicht was ich meine.Jenen Toten, dir bewußt,Fanden wir im Abendscheine,Einen Dolch in seiner Brust.Und der Dolch—er war der deine.
König.Mein Dolch? Wie?
(Seinen Dolch halb ziehend.)
Hier ist mein Dolch.
Karkhan.Jenen Dolch, den du beim JagenPflegtest in dem Gurt zu tragen,Und auch trugst zu jener Zeit,Da ein Wunder dich befreit.
König (zu Rustan tretend, halblaut).Rustan, dir gab ich den Dolch,Der im Wahnwitz der GefahrMeiner Hand entfallen war.Bring ihn her! Gib mir ihn wieder!Du entfärbst dich?—Rustan! Rustan!Jener Mann, den sie beschrieben,Ward durch mich vom Hof vertrieben,Weil sein Trachten, frech gesinnt,Sich erhob zu meinem Kind.Also denn dein Nebenbuhler!Rustan! Rustan! Und die Stimme,Die von jenem Felsen sprach,Und nun auftaucht, hell und wach,Sie glich jenes Mannes Stimme,Der nur jetzt des Mörders Grimme,Unbekanntem Tod erlag.Rustan, gib den Stahl mir wieder.
(Laut.)
War's ein Dolch mit grünen Steinen?
Karkhan.Mit Smaragden reich besetzt;Tief im Busen eingetrieben,Wo er graß zusammenhieltDen durchnäßten braunen Mantel.
König.Braunen Mantel?—Stand am FelsenBleich und hager—du standst seitwärts.Oben er, und schoß—Wer traf?Rustan, Rustan!—Sprich nicht jetzt!Nicht ein Wort, das dich gereuet.Ich will hin, den Toten sehn,Du magst nach dem Dolche gehn. Alter, folg! und folget ihr!
(Zu Rustan tretend.)
Auf! zerstreue diese Wolke!Denn Rechtfert'gung schulden wir,Ich, der Fürst, dem ganzen Volke,Du, der Sohn und Bürger, mir.
(Er geht, von Kaleb und seinem Gefolge begleitet ab.)
Zanga.Herr, was nun?
Rustan.Das fragst du mich?Du, der sonst so überreichlichMittel wußte, Kniffe, Ränke,Der mich bis hierher geleitet;Losgerissen von der Heimat,Mich die Würfel hieß ergreifenZu des Glückes falschem Spiel?Dessen Zunge SchmeichellautIch, ein Törichter, vertraut;Der mit Lügen und mit LeugnenMich verlockt, mir anzueignen,Was ein anderer getan;Abgelockt mich von der Bahn,Von der ebenen, geraden,Von des Ruhmes goldnen Pfaden.
Zanga.Ebnen Pfaden? Schöner Wahn!Ach, verzeiht zu hohen Gnaden,Fast kommt mir ein Lachen an:Wackre Faust und schlichter GeistFördern auch und bringen weiter,Etwa zu 'ner Fahne Reiter,Einer Hauptmannsstell' zumeist,Läßt mit halbzerschoßnen KnochenMagre Gnadensuppen kochen.Aber wen es höher treibt,Auf zu Glückes reichern Spenden,Wenn auch der im Fußweg bleibt,Mag er nur die Schritte wenden.Ich stellt' Euch mit einem Ruck,Sei's im Guten, sei's im Schlimmen,Auf des Berges höchsten Hang,Dessen Mitte zu erklimmenIhr gebraucht ein Leben lang.
Rustan.Und nun gähnt der Untergang!
Zanga.Pah! und was ist auch verloren?Wenn Ihr nicht die Schlange schlugt,Habt Ihr doch den Feind geschlagen,Allen ihren künft'gen TagenHeil gebracht und Sicherheit.Habt Ihr nicht das Heer für Euch?Flüchtet Euch in ihre Reihen,Die Euch kühn gefolgt im Streit;Mag dann dieser König dräuen,Und wer weiß, wer noch gebeut.Herr, nur Mut! Dort seh ich zweiVon den Führern unsers Heeres.Wie sie lauern! wie sie spähn!Bleibt nur hier und harrt der Dinge,Ich will mal sie prüfen gehn.
(Er geht nach dem Hintergrunde auf den Halbkreis von Menschen zu, die dort zurückgeblieben sind.)
Rustan.Folg ich ihm? benütz ich eilendDie Gelegenheit der Flucht?Schändlich! Niedrig! Greulich! Greulich,! Nicht daß ich denMann erschlug.Hab ich ihm den Tod gegeben,War's, verteidigend mein Leben,War's, weil jener Brücke Pfad,Schmal und gleitend wohl genug,Einen nur von beiden trug.War's, weil er mit gift'gem HohnLauernd seine Tat versteckte,Und die Hand erst nach dem Lohn,Dem bereits gegebnen, streckte.War es, weil—muß ich's denn sagenEr und ich zwei Häupter tragen,Und dies Land nur eine Kron'.Es geschah. Allein, wenn nicht,Ständ', genüber seiner Tücke,Jetzt ich auf der Schauerbrücke,Es geschähe jetzt, wie da.Doch, daß nach durchfochtnem Krieg,Da mein Stern zum Scheitel stieg,Ich, verklagt, soll Antwort gebenÜber ein so niedrig Leben,Dafür tröstet mich kein Sieg. Oh, hätt' ich, o hätt' ich nimmerDich verlassen, heimisch Dach,Und den Taumelpfad betreten,Dem sich Sorgen winden nach.Hätt' ich nie des Äußern SchimmerMit des Innern Wert bezahlt,Und das Gaukelbild der HoffnungFern auf Nebelgrund gemalt.Wär' ich heimisch dort geblieben,Wo ein Richter noch das Herz,Wo kein Trachten ohne Lieben,Kein Versagen ohne Schmerz! Ha, und doch! zurück es lassen,Was mir anbeut das Geschick?Diese Stadt mit lauten Gassen,Eines Reiches fürstlich Glück?Wornach heiß mein Wunsch getrachtet,Leibhaft, wirklich, schau ich's anUnd beim Griff der Hand umnachtetMich ein gaukelhafter Wahn?Standen nicht der Vorzeit HeldenOft auf gleicher Zweifelbahn?Tu's! ließ Geist und Mut sich hören;Tu's nicht! rief das Herz sie an;Und sie ließen sich betören,Um den Zaudrer war's getan;Oder taten's, und wir schwörenNun bei dem, was sie getan. Ich will harren, ich will bleiben,Gähnte weit des Todes Schlund;Und wer's wagt, mich zu vertreiben,Stehe fest auf seinem Grund.
(In einer Öffnung des Halbkreises, den die in der Ferne stehendenMenschen bilden, wird Zanga sichtbar.)
Rustan.Zanga! Zanga!
Zanga (kommt nach vorn, von einem graugekleideten alten Weibe gefolgt, das einen Becher trägt). Fort, du Hexe!
Die Alte.Zanga, komm! gib's deinem Herrn!
Zanga.Laß mich! Laß mich!
Die Alte.Böser Diener!Sorgst du nicht um deinen Herrn?
Rustan.Was ist das?
Zanga.Weiß ich es selber?Sie verfolgt mich mit dem Becher,Nennt's ein Mittel, nennt's Arznei.
Die Alte.Wohl Arznei! Du böser Diener!Nimm es nur, gib's deinem Herrn!
Zanga.Laß mich, laß!
Rustan.Wer sendet sie?
Die Alte.Ich mich selbst, mein schöner Herr!Du bist krank; sieh, das erfuhr ich—
Rustan.Krank?
Die Alte.Ei, Sohn! Bedenklich krank!Wie glimmt wild dein dunkles Auge,Wie zuckt gichterisch der Mund!Gib die Hand mir, reich den Arm,Und ich deute dir dein Fieber.
Rustan.Laß!
Die Alte.Wohl krank! (ansteckend) krank!Einer starb schon, der dir nahte,Draußen liegt er auf dem Sand.Und der König fürchtet auch wohl,Daß dein Übel ihn ergreife,Darum harrt er, weilt mit Vorsatz,Will dir Zeit, mein Söhnlein, geben,Zu entweichen, zu entfliehn.
Rustan.Zanga!
Die Alte.Nun! Nur nicht verzagt!Sieh, mein Sohn, hier ist ein Mittel,Sieh den glimmernd schäum'gen Saft.Kaum benetzt er deine Lippen,Sinkt die Brandung ebbend nieder,Lösen sich die müden Glieder,Schweigt der Schmerz, erlischt der Tag,Zürne dann, wer zürnen mag!
Rustan.Greulich! Greulich!
Die Alte.Ei, ich seh wohl,Dich erschreckt des Trankes Anblick,Weil er gar so brausend zischt.Ei, das gibt sich, ei, das legt sich,Wie Begeisterung der Jugend.Auch, mein Sohn, in Wein gegossen,Wirkt ein Tropfen wie das Ganze.Hier steht Wein. Ha, und der Becher,Sieh! wie gleicht er hier dem meinen.Nun, ich mische dir den Trank.
(Sie nähert sich dem Tischchen neben dem Ruhebette, auf dem desKönigs Becher steht.)
Rustan (sie anfassend).Halt!—Und Zanga!—Laß den VorhangLaß des Zeltes Vorhang nieder!
(Zanga zieht den Vorhang, er schließt sich.)
Die Alte.Hi, hi, hi! Warum den Vorhang?Warum Decken denn und Hüllen,Wenn wir Rechtes nur erfüllen?Ei, du möchtest wohl den Trank,Aber auch, daß man dich zwänge!Ei, ich zwinge niemand, Sohn!Bietend reich ich meine Gaben,Wer sie nimmt, der mag sie haben.Und so stell ich hin den Becher,Der dich reizt, und der dich schreckt.Wird dein Übel, Söhnlein, schlimmer,Weißt du, was dir Heilung weckt.Doch nicht bloß an dich gebunden,Andern auch hilft dieser Trank,Macht die Kranken schnell gesunden,Die Gesunden freilich krank.
(Sie hat den Becher auf den links stehenden Tisch gestellt.)
Nun, mein Söhnlein, Gott befohlen!Ohne Abschied, ohne Dank!
Rustan
(der mit gesenktem Haupte sinnend im Vorgrunde gestanden, fährt jetzt empor und faßt die) Alte an). Halt! und nimm zurück den Becher, Nimm zurück ihn, deinen Trank!
(Er ergreift den auf dem Tischchen rechts stehenden Becher und drückt ihn der Alten in die Hand.)
Die Alte.Hi, hi, hi! Hast dich vergriffen!Dort steht er, der edle Trank.Das hier ist ja Saft der Trauben.
(Sie trinkt.)
Wie das labt—wie das erquickt!
(Den Becher umwendend.)
Leer und aus!—Nu, dir zum Heile!Und den Becher mir zum Lohn.
(Sie steckt den Becher in ihr Gewand.)
Wohlgemut, mein teurer Sohn.Nicht die Hand vors Aug' geschlagen!Was dir kommt, das mußt du tragen,Eine Leiche, auf dem Thron.Bist nun deines Schicksals Meister,Sprichst ein Wort im Rat der Geister,Trägst dein eigen Los davon. Horch! man kommt. Nun, ich willgehen.Unbesorgt! Sie sehn mich nicht.Ob gleich alle zu mir flehen,Scheut doch jeder mein Gesicht.Sieh dort offen eine SpalteIn des Zeltes dünner Wand,Raums genug für eine Alte.Nun, mein Sohn, die Zukunft walte!Glück, Entschlossenheit, Verstand!
(Sie hinkt nach der rechten Seite des Zeltes und zieht sich hinter die Umhänge des dort stehenden Ruhebettes zurück, blickt noch einmal, die Vorhänge aufhebend, hervor und wird dann nicht mehr gesehen.)
Rustan.Sieh! wo kam sie hin, die Alte?
Zanga.Herr, ich weiß nicht. Sie entschwand.War's dort durch des Umhangs Spalte,War's—mir bleibt es unerkannt.
Rustan.Schweig, und gib das Tuch.
(Auf ein dunkelrotes Tuch zeigend, das Zanga lose um den Hals geschlungen trägt.)
Zanga.Das Tuch?
Rustan.Wohl, das Tuch—so!—und nun stille!
(Er hat das dunkelrote Tuch über den gleichbehangenen Tisch links und den darauf stehenden Becher gebreitet und steht in banger Erwartung.) (Die Vorhänge des Zeltes tun sich auf. Der König tritt ein, hinter ihm Kaleb, Karkhan und zwei Begleiter.)
König.Du noch hier?
Rustan.Wo sonst, mein König?
König.Nun, ich dachte dich entfernt.Geht, ihr andern.
(Zu Kaleb.)
Du nur bleib!
(Das Gefolge entfernt sich, die Vorhänge des Zeltes werden geschlossen.)
König (der einem der Abgehenden den braunen Mantel und den Dolchabgenommen hat, die dieser trug, den Mantel auf den Bodenhinwerfend).Rustan! kennst du diesen Mantel?Diesen Mantel, diesen Dolch?
Rustan.Schlecht versteh ich mich auf Kleider;Doch auf Waffen gut, du weißt's.
König.Nun denn: kennst du diese Waffe?
Rustan.Wohl; es ist derselbe Dolch,Den du einst verlorst beim Jagen.
König.Ich verlor? Den ich dir gab.
Rustan.Ja, nachdem du ihn verloren,Und ich ihn gefunden, Herr;Wie ihn wohl ein andrer fand,Als ich selbst ihn drauf verloren.
König.Du verlorst ihn?
Rustan.Wohl.
König.Ein andrerFand ihn?
Rustan.Also scheint's.
König.Und tatJener andre das Verbrechen,Das laut aufmahnt, es zu rächen?
Rustan.Laß mich Herr, von dem nur sprechen,Was ich selber tat und weiß.
König.Und der Mantel?
Rustan.Herr, ich sagt' es:Schlecht versteh ich mich auf Kleider.
König.Doch die Züge jenes Toten,Sie sind auch des Mannes Züge,Der mich auf der Jagd befreit.
Rustan.Du warst damals kaum bei Sinnen,Erst nur hast du's selbst bekannt.
König (die Schrift emporhaltend, die ihm Der alte Kaleb gab).Und die Schrift hier sagt so vieles,Zeigt, wie dem so graß VerblichnenHohes Unrecht ich getan.
Rustan.Tatst du dem Verblichnen unrecht,Tu nicht Gleiches dem Lebend'gen.Was soll mir die tote Schrift?Laß dir meine Taten sprechen!Wer schlug jene blut'ge Schlacht,Die dir Heil und Sieg gebracht?Wer befestigte die Krone,Halb von einem Feind geraubt,Wieder dir auf deinem Haupt?Dankst du's nicht, wenn du noch dräust,Dem Bedrohten, mir, zumeist?Ha, ich find es wohl bequem,Dadurch sich den Dank zu sparen,Daß dem Retter, daß wir dem,Durch den Heil uns widerfahren,Häufen auf des Vorwurfs Last;Den Berechtigten, mit Lachen,Zum Verpflichteten uns machen.König, mir gib erst mein Recht!Was geschehn an jenem Knecht,Laß uns künftig sehn und rächen.Jetzt erst halte dein Versprechen,Gib, was du mir zugesagt!
König.Halt! Was damals ich versprach,Zogen andre Gründe nach!Wer mein Höchstes sein will sehn,Muß, ein Reiner, vor mir stehn.Reine dich vor meiner Macht!Noch hat niemand es erfahren,Was dich drücket für Verdacht;Zeit geb ich dir diese NachtMit dir selbst zu Rat zu sitzen,Was dir frommen mag und nützen.Aber bricht der Morgen an,Ohne daß du's dargetan,Samml' ich einen andern RatAus den Besten meines Heeres;Der soll sitzen und entscheiden,Wer im Recht ist von uns beiden.
(Er wendet sich von ihm; zu Kaleb.)
Alter, komm! Ich will nun lesenDeine Schrift, so weit sie geht.Was dein armer Sohn gewesen,Zeigt sie deutlich—nur zu spät.
(Am Sofa rechts stehend.)
Doch erst geh nach Licht und Wein.Es wird dunkel, und mich dürstet.Hier ließ ich, da erst ich ging,Stehen einen vollen Becher,Einen Becher Freudenwein.Sog ihn denn der Boden ein?Zwar, die Freude ist vergangen,Und verging denn auch der Wein?
(Rustan hat ergrimmt das über dem Becher auf dem Tische links ausgebreitete Tuch hinweggerissen.)
König.Doch, dort steht er. Wie er blinkt,Freundlich mir entgegenwinkt!Ach, was ist seitdem vergangen,Seit mein Mund an dir gehangen!Zanga, geh nach Licht!
(Zanga geht ab.)
Du, Alter,Bring mir her dort jenen Becher,Jenen frohen, holden Wein!Ach, vielleicht, daß von dem Glück,Das in mir, als ich getrunken,In den Kelch ein Hauch gesunken,Und er gibt ihn nun zurück.Bring den Becher, bring den Wein!
(Er hat sich auf das Sofa gestreckt. Der alte Kaleb geht nach demBecher auf dem Tisch links. Da er ihn bereits ergriffen, fällt ihmRustan in den Arm.)
Rustan.König, trink nicht!
König.Und warum?
Rustan.Nicht aus dieses Mannes Hand,Der durch schlau erdachte LügenAb mir deine Gunst gewandt,Und der töten kann, wie lügen;Nicht aus dieses Mannes Hand!
König.Ruhig sei du nur zur Stund'!Was er sprach,
(Die Schrift in seiner Hand haltend.)
was hier geschrieben,Ist dem Wahren treu geblieben,Wahrheit sprach sein stummer Mund.Und so nehm ich mit VertrauenDas Gefäß aus seiner Hand.Wer wird allen denn mißtrauen,Weil ein einz'ger nicht bestand?
Rustan.Wohl denn! sei's zum Glück gewandt!
(Er läßt den Alten los, der den Becher dem Könige bringt.)
König.Rustan, sieh hier diesen Becher,Den ich erst dir zugetrunken,Erst als Erben und als Sohn,Sieh, ich halt ihn jetzt noch immerMit versöhnlichem Gemüt.Dünkt es gut dir, aufzuklären,Was geschehn, was du getan;—Zwar nicht mehr als Sohn und Erbe,Da reicht Höhres nur hinan;—Doch mit Zeichen meiner Gnade,Mit Geschenken reich geschmückt,Sollst du ziehen deine Pfade,Wie kein Sterblicher beglückt.Laß den Frieden uns erneuen!
(Den Becher emporhebend.)
Rustan! Allen, die bereuen!
Rustan (vor sich hin).Prosit!—Wen's zuerst gereut!
(Er wendet sich ab.)(Da der König im Begriffe ist zu trinken, öffnen sich die Vorhängedes Zeltes und Zaziga tritt ein; hinter ihm Diener mit Lichtern undWein.)
König.Setzt die Lichter auf den Tisch,Und geht hin zu meiner Tochter;Ich will hier des Abends KühleNoch ein Stündchen mir genießen.Erst zu Nacht erwartet mich!Aber fort mit den Gefäßen!Hier ja steht mein Freudenwein.
(Er trinkt.)
Nie ja trank ich so gewürzten,Feurig-starken, schäum'gen, dunkeln;Jugendähnlich gleitet erDurch die abgespannten FibernUnd die Luft im Raum erzittertVon dem sprühend geist'gen Duft.Köstlich! labend!
(Er trinkt.)
Zanga.Herr, o sieh!
Rustan.Schweig!
Zanga.Die Führer auch des HeeresSind gewonnen, Euch zu Dienste.Über Undank murren sie,Harren Eurer.
Rustan.Nun, ich komme.
König.Geht ihr andern! Kaleb, bleib!
(Die Diener gehen.)
Laß uns sehen diese Schrift,Die zerstreuten einzlen Blätter,Die dein Sohn aus der Verbannung,Nebst der Schutzschrift, die wir lasen,Schrieb dem tiefgekränkten Vater.Hier stehn Namen, die ich kenne.Horch! und—schweig! sagt' ich beinah,Doch du schweigst ja jetzt und immer.
(Rustan ist, den übrigen folgend, bis zu des Zeltes Ausgang gekommen, dort bleibt er stehen und tut, lauschend, einige Schritte zurück. Der König liegt lesend auf dem Sofa, an dessen Seite der alte Kaleb, auf den Knien niedergekauert, zuhört. Die Lichter auf dem Tische erhellen die Gruppe. Der übrige Teil der Bühne ist dunkel.)
Der König (liest)."An den Quellen des WahiaLeb ich einsam, ein Verbannter,Nah des alten Massud Hause."Also schreibt dein armer SohnIn dem ersten seiner Blätter. "Sah dort Mirza, seine Tochter,Sie, die einz'ge, die vergleichbar,Nahe mindstens kommt Gülnaren,Meines Herrn erlauchter Tochter."Wohl erlaucht! Hättst du's bedacht,Dein Geschick wär' leicht und milde.
(Weiterlesend.)
"Rustan, Rustan, wilder Jäger!Warum quälst du deine Liebe,Suchst auf unbetretnen PfadenEin noch zweifelhaft Geschick?"
(Die hintern Vorhänge werden durchsichtig und zeigen in heller Beleuchtung Mirza mit in dem Schoße liegenden Händen vor der Hütte ihres Vaters sitzend. Vor ihr steht ein Greis, in Gestalt und Kleidung ganz dem alten Kaleb ähnlich. Er hält eine kleine Harfe im Arm. Rustan, der zusammenfahrend einige Schritte zurückgewichen ist, macht, mit beiden Händen auf die beiden Greise zeigend, ihre Ähnlichkeit bemerkbar.)
König (lesend)."Schau, sie kommt dir ja entgegen,Sorgt um dich mit frommen Blick,
(Mirzas Gestalt erhebt sich.)
Kehr zurück auf deinen Wegen,Wenn nicht hier, wo ist das Glück?"
Rustan.Mirza! Mirza!
(Die Erscheinung verschwindet.)
König.Wer ist hier?
Rustan (vortretend).Ich, mein Fürst.
König.Und was führt her dich?
Rustan.Nennen hört' ich meinen Namen,Und ich glaubte, Herr, du riefst.
König.Nicht nach dir; doch rief ich Rustan;War's ein andrer gleich, der fern wohntAn den Quellen des Wahia.Doch, da hier, magst du nur bleiben.Manches steht wohl hier geschrieben,Das du deuten kannst und sollst.
(Rustan zieht sich zurück.)
Der König (liest weiter)."Rustan, Rustan! wilder Jäger"—
(Einhaltend.)
Wird's mir dunkel doch und wirre!Alter, rück die Leuchte näher,Schlummer, scheint's, trübt meinen Blick.Noch ein Schluck.
(Er trinkt.)
Nun, so scheint's besser.
(Er liest.)
"Rustan, Rustan, wilder Jäger,Kehr zurück auf deinen Pfaden!Was ist Ruhm, der Größe Glück?Sieh auf mich! Weil ich getrachtetNach zu Hohem, nach Verbotnem,Irr ich hier in dieser Wüste,Freigestellt das nackte LebenJedes Meuchelmörders Dolch."
(Die Wand des Zeltes wird von neuen durchscheinend. Es zeigt sich, hell beleuchtet, der Mann vom Felsen. Der braune Mantel hängt nachschleppend über die rechte Schulter. An der linken entblößtem Brust nagt eine Natter, die er in der Hand hält.)
König (liest)."Und wenn ich ihn auch zermalme,Wie der Hirt die Schlange tritt,Bin ich minder tot?"
(Der Mann vom Felsen macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte er die Schlange nach Rustan schleudern.)
Rustan (niederstürzend).Entsetzen!
(Die Erscheinung verschwindet.)
König.Was ist hier?
(Die Umhänge des Ruhebettes zurückschlagend.)
Rustan am Boden?Was geschah? Sieh, Alter, hin!
(Der alte Kaleb nähert sich dem Hingesunkenen.)
Rustan (sich emporrichtend).Ist er fort? Ha, Zauberkünste!Und doch nur der Sinne Traum.
(Nach rückwärts gewendet.)
Kommst du immer, wenn's zu spät?Immer, wenn's bereits geschehen?Sieh den Becher halb geleert,Ganz erfüllt schon mein Geschick.
König.Mir wird schwül, mein Innres brennt.Aufwärts bäumen sieh die Fluten,Alle Tropfen meines Blutes.Böser Trank.—Was war im Becher?Rustan! Rustan! Was im Becher?
Rustan (bebend).Herr, weiß ich's?
König.Und das Gefäß!Was nur trübte meine Augen?Das ist nicht derselbe Becher!Fremde Zeichen stehen drauf,Sinnlos wilde, wirre Zeichen.Wo mein Becher? Rustan, Rustan!
Rustan (in die Knie sinkend).Herr, weiß ich's?
Die Alte (kommt hinter den Umhängen des Ruhebettes hervor. Sie rolltden mitgenommenen Becher mit dem Fuße vor sich her, dem Vorgrunde zu).Hi, hi, hi!Lauf mein Rädchen,Spinn dein Fädchen!Nun und nie!Hi, hi!
(Sie verschwindet hinter den Vorhängen.) (Rustan hat sich bemüht den rollenden Becher aufzuhalten und unter dem am Boden liegenden Mantel zu verbergen.)
König.Welch Geräusch?—Das ist mein Becher;Dieser hier ein unterschobner.
(Er ist vom Bette aufgestanden.)
Rustan, Rustan! Heil'ge Götter!Ist denn niemand hier? Kein Helfer?Alter, komm, sei du mir Stütze!
(Zu Rustan, der noch immer mit dem Becher beschäftigt ist.)
Ha, umsonst verhüllst du es!Ewig sichtbar dein Verbrechen! Alter, hilf! Ach, ich vergehe!Hört denn niemand? Eilt nach Ärzten!Rettung! Beistand! Rache! Hilfe!
(Er sinkt am Eingange des Zeltes den dort Entgegenkommenden in dieArme. Die Vorhänge schließen sich über der Gruppe.)
Rustan (nachdem er einige Male nach dem vor ihm liegenden Becher gegriffen hat, ihn endlich fassend). Endlich! Endlich!—Ha, und dort!
(Er hebt auch den zweiten neben dem Ruhebette liegenden Becher auf, die Becher in beiden Händen wechselweise betrachtend.)
Eins und eins!
(Mit den Augen am Boden suchend.)
Wo ist der zweite?Eins und eins! Der zweite, wo?Wo der andre, andre Becher?
(Er sinkt erschöpft mit dem Haupt gegen das Ruhebette.)
Zanga (kommt).Herr! ach, alles ist verloren!
Rustan (fährt empor).
Zanga.In den Armen drauß der SeinenLiegt der alte Fürst vergehend.Seine Lippen stammeln Worte,Er enthüllt wohl, was geschehn,Was hier vorging, spricht er aus.
Rustan (den Tisch neben dem Sofa von der Stelle rückend).Fort den Tisch hier und das Bette!Dort hinaus entkam die Alte;Da hinaus entflieh auch ich.
Zanga.Fruchtlos, denn hier grenzt die HalleAn des Schlosses innre Räume;Hier im Wege feste Mauern,Dort verwehrt's ein tobend Volk.
Rustan.Hier hinaus! Mit meinen ZähnenWill ich an der Mauer brechen,Hier mit diesen meinen ArmenEinen Rettungsweg zur Flucht.
Zanga.All umsonst! Denn horch! man kommt.
Rustan.Nun, so halt bereit dein Messer,Und wenn sie mich greifen, Zanga,Stoß von rückwärts mir's in Leib.Hörst du wohl? von rückwärts, Zanga,Und wenn alles erst verloren.
(Er steht, auf Zanga gestützt, mit vorhängendem Haupte.) (Die Vorhänge des Zeltes teilen sich nach beiden Seiten. Die Stadt ist vom Monde hell beleuchtet. Volk erfüllt den äußern Raum.)
Gülnare (von ihren Frauen gefolgt, kommt von der linken Seite und eilt nachdem Vorgrunde).Hier ist der, den ich genannt!
Rustan.Zanga! Deinen Dolch! Gib Waffen!
Gülnare.Herr, zu dir gehn meine Schritte.Tot im Staube liegt mein Vater,Und die wutentbrannten Mörder—
Rustan.Wer? Wer sah's? Wer weiß? Weiß ich's?
Gülnare (fortfahrend).Jener greise, stumme Mann,Der, den Tod des Sohnes rächend,Ausgestreckt die frevle HandNach des edlen Fürsten Leben,Seine Helfer und GenossenRuhen nicht, bis sie dem VaterMich, die Tochter, nachgesandt.Zwar, der Frevler ist gefangen,Aber mächtig sind die Seinen,Man befreit ihn, er kehrt wieder,Und vollendet sein Geschäft.
Rustan.Zanga! Zanga! Spricht sie? Hör ich?
Gülnare (kniend).Herr, o stoß mich nicht zurück!Deinen Namen auf den Lippen,Starb der gute, alte Vater,Gleich, als wollt' er seine Liebe,Sein Vertraun auf deinen BeistandNoch im Abschied von dem LebenMir als letzte Erbschaft geben."Rustan", sprach er, und verschied.Und so fleh ich denn im Staube:Nimm die Einsame, Verlaßne,Einst bestimmt zu nähern Banden,Nimm sie auf in deinen Schutz!
(Trompeten.)
Gülnare (aufstehend).Hörst du? Auch das Heer in Aufruhr.Es rückt an auf diese Mauern.Deinen Namen nennen sie,Ihren Führer, dich, als Herrn.Und das Volk schart sich zu ihnen,Alle gegen mich gerichtet,Ohne deinen, deinen Schutz.
(Von der linken Seite, außer den Vorhängen, bringen einigeGewaffnete den alten Kaleb.)
Gülnare.Siehst du dort den grauen Mörder?Wie er funkelt, wie er glüht!Weh!
Zanga (die Hand an den Säbel gelegt).Auf ihn! Haut ihn in Stücke!
(Von der rechten Seite, aus dem Hintergrunde, ziehen in Reihen bewaffnete Krieger und schwenken sich gegen die Mitte zu halb auf.)
Gülnare.Dort das Heer! Ich bin verloren!
Rustan (gegen Zanga und die Bewaffneten, die den alten Kaleb bedrohen).Halt!
(Gegen die Reihen der Krieger.)
Und ihr!
(Auf Kaleb.)
Was er verbrochen,Ob er schuldig, ob er's nicht,Übergebt ihn meiner ObhutUnd bestellet ein Gericht.
(Gegen das Heer.)
Und ihr andern, wackre Krieger,Aber schuldig jetzt—gleich mir!
(Er wirft sich vor Gülnaren nieder.)
Werft, gleich mir, euch hin im Staube.Eure Herrscherin steht hier!
(Die vordersten des Heeres knien, die übrigen senken die Lanzen.)
Gülnare.Habe Dank!—Euch sei verziehen!Allzu glücklich, als Empörer,Daß, was ihr mit Trotz begehrt,Eure Fürstin frei gewährt.
(Man hat den Turban des Königs gebracht und die Krone davon abgelöst.)
Dieses Landes Herrscherschmuck,Er bleibt mein, ich geb ihn niemand,Sollte Tod mich übereilen,Niemand, keinem, auch nicht dir!Geben nie—wohl aber teilen!
(Sie hebt die Krone in der Rechten hoch empor, während Rustan mit den Zeichen wilder Verzweiflung die Stirne gegen den Boden drückt.)
Das Volk.Hoch Gülnare, unsre Fürstin!Hoch Gülnare, Rustan! Rustan!
(Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
(Saal im Königlichen Schlosse, links und rechts Seitentüren. Im Hintergrunde links der Haupteingang, daneben ein alkovenartiger Raum, durch einen Vorhang bedeckt. Rechts im Vorgrunde ein Tisch und Stuhl. Rustan, kostbar gekleidet, einen goldenen Reif im Haar, kommt hastig durch den Haupteingang. In demselben Augenblicke tritt Zanga durch die Seitentüre links ein. Rustan bedeutet ihm mit auf den Mund gelegtem Finger, umzukehren. Zanga zieht sich durch die Tür zurück. Rustan selbst tritt in den durch den Vorhang abgeschlossenen Raum. Karkhan und zwei seiner Verwandten kommen durch den Haupteingang.)
Karkhan.Hierher kommt, und folgt mir, Freunde!Was ich längst bei mir beschlossen,Jetzt und jetzo führ ich's aus.Könnt ihr länger es mit ansehn,Wie der eingedrungne FremdeEurer und der Euren spottet?Jeden Tag an Kühnheit wachsend,Jede Stunde an Gewalt?Schwinden täglich nicht die Besten,Denen seine Furcht mißtrauet,Unbemerkt aus unsrer Mitte?Wie? Wohin? Wer kann es wissen?Und sein Helfer, jener Schwarze,Den der Abgrund ausgespien,Stachelt tückisch seine KühnheitBis zu selbstvergeßner Wut.Wo ist Recht noch und Gericht?Schmachtet nicht mein alter Ohm,Er, der sprachlos Unglücksel'ge,Schwarzer Frevel falsch beschuldigt,Ungehört und unvernommen,Rechtlos hinter schwarzen Mauern,Überwiesen, weil verklagt?Oh, daß ein gerechter RichterMit den Augen, statt den Ohren,Hörte seine stumme Sprache,Die er spricht, der Unglücksel'ge,Statt mit Lippen, mit der Hand;Manche Zweifel würden schwinden,Manche Rätsel würden klar;Die jetzt, richtend, andre binden,Stellten selbst sich schuldig dar. Ha, ihr schweigt? Blickt aufden Boden?Seid ihr Männer, wagt's zu sein!Folgt mir! Hier der Fürstin Zimmer,Wir zu drei, wir treten ein,Klagen ihr des Landes Nöten,Klagen ihr die eigne Not,Zeigen ihrem Schamerröten,Wie so machtlos ihr Gebot.Oh, ich weiß, sie seufzet selberUnter jener Ketten Last,Die der Fremde um sie herschlingtWie um eine Sklavin fast.Laßt uns auf die Hohe richten,Meinem Oheim werde Recht;Frei und laut vor allem VolkeTue sich Verborgnes kund,Und wer schuldig, und wer schuldlos,Richte weiser Richter Mund.Einen Schritt schon tat ich selber,Einen schon hab ich gewagt—Doch ein Tor, der früher sagt,Was getan erst nützt und frommt.Kommt und folget mir zur Fürstin,Dort allein ist Schutz und Halt;Dieser Tag, er sei der letzteEingedrungner Machtgewalt.
(Sie gehen auf die Seitentüre rechts zu.)
Rustan (der während der letzten Worte hinter dem Vorhange hervorgetreten ist, verstellt ihnen den Weg). Halt noch erst! Gebt euch gefangen!
Karkhan.Welchen Rechtes?
Rustan.Hochverräter!Zanga! Wachen! Wachen! Zanga!
(Die drei ziehen die Dolche.)
Rustan.Zieht nur aus die feigen Waffen,Nicht ein Heer von euresgleichenFürcht ich, einzeln, wie ich bin.
(Aus der Seitentüre links kommt Zanga, durch die Mitteltüre einHauptmann mit Soldaten.)
Rustan.Schafft sie fort, die Hochverräter!
Karkhan.Hochverräter? Wir?
Rustan.Ihr leugnet's?Blinkt nicht noch in euren HändenDer Empörung frecher Stahl?Oh, ich kenne euer Treiben!In dem Innern eurer HäuserLauern meine wachen Späher,Was ihr noch so leis gesprochen,Reicht von fern bis an mein Ohr.Fort mit ihnen, ohne Zaudern! Ich will dieses Land durchflammenWie ein reinigend Gewitter,Niederschmettern seine Stämme,Aus dem Grund die Wurzeln haunUnd dem Boden, wenn gereutet,Neuen Samen anvertraun!Fort mit ihnen!
(Der Hauptmann hat sich Karkhan genähert, der mit einer bittenden, stummen Gebärde, auf die Tür der Königin zeigend, ihn einzuhalten bittet.)
Rustan (zu Zanga im Vorgrunde, leise).Aber duGeh zum Kerker jenes Alten,Den ich selbst dem Licht erhalten,Die Notwendigkeit gebeut:Schaff ihn fort!
Zanga.Wohl, Herr, doch wie?
Ein Kämmerer (kommt aus der Seitentür rechts).Herr, die Königin läßt fragen,Welch Geräusch in ihren Zimmern—?
Rustan.Früh genug soll sie's erfahren,Wenn getan, was not zu tun.
(Der Kämmerer geht wieder ab.)
Rustan (zu Zanga leise).Schaff ihn fort aus diesen Mauern!Laß mit vorgehaltnem DolchIhn geloben teure Eide;Aber, von Gefahr bedrängt,Besser er, als—merk—wir beide!
(Zanga zieht sich zurück, während des Folgenden geht er leise fort.)
Rustan (die Gefangenen erblickend).Ihr noch hier? Fort mit den Frevlern!
Hauptmann.Herr, die Königin naht selber.
(Er zieht sich zurück.)
(Zwei Kämmerlinge haben die Seitentüre geöffnet. Gülnare tritt heraus mit Begleitung.)
Gülnare.Man verweigert die ErklärungDem von mir gesandten Diener.Hier bin ich, mein eigner Bote,Um zu fragen, was geschah.
Rustan (auf Karkhan zeigend).Führt sie fort!
Gülnare.Wer sind die Leute?
Rustan.Hochverräter.
Karkhan.Unterdrückte,Die zu deinen Füßen flehn.
(Die drei knien.)
Gülnare.Laßt sie sprechen.
Rustan.EinverstandenMit dem alten grauen Frevler,Der nur allzu leicht gebüßt—
Karkhan.Einverstanden, wenn er schuldlos,Doch sein Feind, wenn er der deine.Nicht Verzeihung und nicht Schonung,Nur Gehör bitt ich für ihn;Was Verbrechern selbst zuteil wird,Eines Richters Aug' und Ohr.
Gülnare.Billig scheint, was sie begehren.
Rustan.Wär' es so, würd' ich's gewähren.
Gülnare.Und wenn ich's nun selber wünsche?
Rustan.Wünsche! Wünsche!
Gülnare.Und befehle.
Rustan.Ließe gleich sich mancherleiNoch entgegnen diesem Spruche,Der ein Wunsch und ein Befehl;Doch, gefällig gegen Damen,Füg ich gern mich unbedingt.Und schon sandt' ich meinen Diener,Der den vielbesprochnen AltenHin vor seinen Richter bringt.
Karkhan.Trifft ihn der, ist er verloren.Sende selbst nach seinem Kerker,Leih ihm selbst ein gnädig Ohr.
Gülnare (zum Kämmerer).Geh denn hin, und führ ihn vor.
Rustan.Halt!
(Dem Kämmerer den Weg vertretend.)
Gülnare.Ich sprach!
(Der Kämmerer geht ab.)
Rustan.Nun wohl, ich sehe,Was ein Bund mir schien der Kleinen,Und ein Anschlag in geheim,Ist ein offenkundig BündnisZwischen Hohen, zwischen Niedern,Gift von Schlangen und InsektenAuf des Leuen Untergang.Und auf nichts Geringres zielt man,Als den überläst'gen Vormund,Der mit seines Armes WaltenWeiberhafter Launen WillkürFern von diesem Reich gehalten,Einzuschüchtern, wenn nicht mehr.
Gülnare.Was es sei, es wird sich zeigen,Bringt man erst den Alten her.
Rustan.Eines nur hast du vergessen:Daß des weiten Landes BesteMeinem Arm ihr Heil vertraun.Meinem Rufe folgt dein Krieger,Und dein Höfling meinem Wort;Zutraunsvoll der stille BürgerSieht nach mir, als seinem Hort.Ja, der Diener, den du sandtest,Jenen Alten zu befrein,Kehrt erfolglos von der Pforte,Läßt nicht mein Geheiß ihn ein.Denn des festen Turmes WacheSteht in meiner Fahnen Eid,Mit dem Kopf bezahlt der Schwache,Der ihn ohne mich befreit.Längst schon dieses Tags gewärtig,Sah ich so mich weise vor:Wer von Gnade lebt, ist zaghaft,Wer auf Dank zählt, ist ein Tor.
Gülnare.Wie nur allzu schnell enthüllst du,Was die Ahnung längst befürchtet.Vater, Vater! Welchem SchützerGabst dein Liebstes du in Haft!
Rustan.Er wohl wußte, wem zu trauen:Nicht der blöden Scheu, der Kraft.
Karkhan.Fürstin, sei du nicht beklommen,Noch ist alles nicht verloren,Mancher Helfer bleibt dir noch.Meine Freunde stehn in Waffen,Und was lange still beschlossen,Frei und offen künd ich's nun.Während hier zu dir ich spreche,Sprechen sie zu deinem Volke,Schütteln ab das feige Joch.Und schon, dünkt mich, hat's begonnen,Denn der Helfer seiner Taten,Sieh, verschüchtert, stumm, beklommen,Wie nach schlecht vollbrachtem Auftrag,Kehrt er wieder, ist er da.
Zanga (ist mit allen Zeichen der Verwirrung eingetreten und hat sich in Rustans Nähe gestellt).
Karkhan.Und herauf die weiten StiegenDringt ein bunt verworrnes Rauschen,Wie von Tritten, wie von Stimmen.Ja, dein Volk führt deine Sache,Und es kam der Tag der Rache.Siehst du dort? Mein Ohm ist frei!
(Der alte Kaleb erscheint an der Türe. Bewaffnetes Geleite hinter ihm.)
Rustan (zu Zanga).Tor und Schurke!
Zanga.Herr, gar altIst der Spruch: vor Recht Gewalt.
(Der alte Kaleb ist eingetreten. Da er Rustan erblickt, will er wieder zurück.)
Gülnare.Bleib du nur und fürchte nichts.Ich bin hier zu deinem Beistand.Ja, man braucht dein einfach ZeugnisÜber einen wicht'gen Punkt,Den noch Nebel dicht umwallen,Und nur dir bekannt von allen:Deut uns deines Königs Tod.
Rustan.Er ihn deuten? Raserei!Er, der selbst der Tat verdächtig,Überwiesen wohl sogar,Der in jener grausen StundeSchuldig hieß in jedem Munde,Stellt sich jetzt, ein Kläger, dar?
Gülnare.Der Verdacht der ersten StundeIst darum nicht immer wahr.Wohl hab ich seitdem vernommen,Daß der König, als er hingingIn den letzten, tiefen Schlaf,Diesen hier als Freund umfangen,Ihm vertraut die letzten Worte;Und er wußte, wer ihn traf.
(Der alte Kaleb ist auf die Knie gesunken, und streckt flehend dieHände empor.)
Rustan.Ha, vortrefflich ausgesonnen,Nur nicht auch so leicht vollbracht.Du vergißt, daß hier dein Zeuge,Daß er lautlos wie die Nacht,Und mit Blicken und mit Mienen,Die ihr schlau ihm beigebracht,Kann vor Kindern er bestehen,Nicht vor der Gesetze Macht.
Gülnare.Und du selber hast vergessen,Daß der Mensch in seiner WeisheitLängst ein Mittel ausgedacht,Zu verkörpern seine Laute,Festzuhalten, was gedacht.Dort ein Tisch, Papier und Feder,Mit zwei Zügen ist's vollbracht,Und ein ärmlich Blatt erhelletDes Geschehnen dunkle Nacht.Setzt ihn hin und laßt ihn schreiben,Ihn beschützet meine Macht.
(Der Alte ist von seinen Verwandten an das Tischchen rechts imVorgrunde gesetzt worden. Man hat ihm Schreibgeräte gegeben.)
Rustan.Mag er schreiben, mag er lügen,Gleichviel wen, ob mich es trifft.
(Den Säbel in der Scheide emporhaltend.)
Meine Feder birgt die Scheide,Blut'ge Wunden meine Schrift.Geifre Wurm! ich geh, zu ordnen,Was unschädlich macht dein Gift.
(Er geht nach dem Hintergrunde zu, bleibt aber in der Mitte, halb gegen den Alten gewendet, erwartend stehen.)
Karkhan (zu dem Alten).Zittre nicht, sei nicht beklommen,Ist es doch schon halb vollbracht!Silben bilden sich und Worte.
(Lesend.)
"Eures Königs Mörder—"
Rustan (mit heftiger Bewegung, den Säbel halb aus der Scheide gezogen).Halt!
(Der Alte fährt erschreckt empor und hält sich zitternd am Tische fest, die Feder entsinkt seiner Hand und fällt auf der rechten Seite des Tisches zur Erde.)
Rustan.Ich verbiete, daß er schreibe!
Gülnare.Ich befehle, daß er's soll!
Rustan.Stellt ihn mir! Mir fest ins AugeMag er schauen und vergehn!Oder ihr, die ihr so eifrigSeine Meuterkünste fördert.Ist hier Landes denn nicht Sitte,Daß in Fällen dunklen Rechts,Wo's an Licht fehlt und Beweisen,Beide Teile sich zum ZweikampfStellen mit geschärften Eisen?Auf! Wer ficht für diesen Alten?Ich will Gegenpart ihm halten.
Gülnare.Nicht wer stärker, wer im Recht,Zeige Einsicht, statt Gefecht!Schreib du nur! Wo ist die Feder?Er verlor sie, bringt ihm neue.
Zanga (der während des Vorigen, in Absätzen sich von seinem Herrnentfernend, von rückwärts auf die rechte Seite des Vorgrundesgekommen ist).Neu ist gut, doch alt ist besser.
(Er hebt die am Boden liegende Feder auf.)
Hier die Feder!
(Rasch nach dem Eingange blickend.)
Doch wer naht?
(Die Blicke der Nächststehenden folgen den seinigen und wenden sich nach der Türe.)
Zanga.Alter, hier!
(Er reicht ihm die Feder mit der linken Hand. Während der Alte zögernd darnach greift, fährt Zanga mit der Rechten, in der er den Dolch verborgen hält, ihm entgegen und verwundet ihn.)
Doch sieh dich vor!(Der Alte sinkt mit einem unartikulierten Schmerzenslaut in denStuhl zurück, die verwundete Rechte mit der Linken, später miteinem Tuche bedeckend.)
Gülnare (nach dem Alten blickend).Ha, was ist? Du bist verwundet?
(Zanga hat die Hand, in der er den Dolch hält, rasch auf den Rücken gelegt, und sucht den Hintergrund und die Seite zu gewinnen, wo sein Herr steht.)
Gülnare.Wo der Täter? Schließt die Türen!
Karkhan.Dieser war's! Seht ihr das Blut?Seht den Dolch in seinen Händen!Greift ihn!
Zanga.Herr, errett, beschütze!
Gülnare.Schütz ihn, ja, und hab's nicht Hehl!War die Tat doch dein Befehl!
Rustan.Mein Befehl? Der ich vor allenWünschen muß, daß dieser Mann,Der allein den gift'gen ArgwohnMir vom Haupt entfernen kann,Daß er lebe, daß er fähig—Mit der Hand, wenn stumm sein MundAuszusagen, was ihm kund;Und ich sollt' ihn selbst verletzen,Selbst Unmöglichkeit mir setzen,Mich zu reinen hier zur Stund'?Hat ihn dieser hier verwundet,Steh dafür er selber ein;Wer des Zeugen Worte scheuet,Fühlt am mindesten sich rein.War denn er nicht auch zugegen,Als der alte Fürst erblich?Warum einen nur beschuld'gen,Teilt der Schein in viele sich?Hat sein Arm es nicht vollzogen,Tat's vielleicht sein Wort, sein Rat;Oh, es gibt der Arten viele,Zu begehen eine Tat!Und so kehr ich ihm den Rücken,Wende ab von ihm den Blick;Ist er schuldlos, sei's zum Glücke,Schuldig, hab ihn sein Geschick.
Zanga.Herr!
Rustan.Umsonst! Der Alte zeugte.
Zanga.Das mein Dank?
Rustan.Verräter, Dank?Warst nicht du's, der mich verleitet,Aus der Heimat mich gerissen,Mich umgarnt, umsponnen mich?
Zanga.Wohl! Nur eins dient dir zu wissen:Stumm der Alte, doch nicht ich!Sammelt euch! Ich will verkünden,Wie man Reich und Krone finden,Heben kann vom Staube sich.
Rustan.Zanga!
Zanga.Nun?
Rustan.Du wolltest—?
Zanga.Will!
Rustan.Du hast recht! und wir sind töricht,Uns dem dunkeln Werk der Lügen,Unsrer Feinde Trug zu fügen,Nun, da ihre List zerstört.Jener Zeuge, dem sie trauten,All ihr Treiben auf ihn bauten,Ihres Hoffens einzig Pfand,Stumm an Zunge, tot die Hand.Bleib bei mir, ich will dich schützen,Ewig sei der Treue Band! Fürstin, ist dir sonst ein Mittel,Muß zum letztenmal ich fragen,Zu beweisen deine Klagen?Noch ein Zeuge? Bring ihn her!
Gülnare.Niemand, nein, als Gott und er.
Rustan.Gott ist endlich über allen;Aber nicht nur, (was) begangen,Sieht das (Wie) auch, das (Warum.)Nein, dein Zeuge hier vor MenschenZeuge jetzt zum letzten Male,Schweige dann auf immerdar!
(Er ist zum Tische getreten und hat den darauf liegenden Zettel ergriffen, sich damit vor den Alten hinstellend.)
"Eures Königs Mörder"—Wer?Warst du's selbst? Du wirst's nicht sagen.War es jener dort, dein Neffe?Er, ein Heuchler, und mein Feind?War's des Königs eigner Mundschenk?Oder sie, des Fürsten Tochter,Die, nach Reich und Krone lüstern,Vorgriff seinem trägen Ende? Nicht mit Winken und Gebärden,Deutlich zeug vor dem Gesetz!
(Mit steigender Schnelligkeit.)
War's mein Diener, den ich selberAngeklagt im Taumelwahn?War's ein Zufall? war's natürlich?Waren's Krieger, waren's Bürger?
(Einzelne mit dem Finger bezeichnend.)
Jener? Der dort? Dieser?
Der Alte (der sich während des Vorigen emporgerichtet und mit blitzendenAugen und hocharbeitender Brust dagestanden hat, stammelt jetzt inhöchster Anstrengung, nach einigen unartikulierten Lauten).D-U!
Gülnare.Spricht er?
Rustan.Torheit! Aberwitz!Abgebrochne Schmerzenslaute,Formt ihr euch zu Sinn und Worten?Kannst du zeugen, wohl, so zeuge!Breche dann der Himmel ein.Gib den Namen und vollende!
(Den Zettel hinhaltend.)
"Eures Königs Mörder"—
Der Alte (nach einigen heftigen Bewegungen plötzlich die verwundete rechte Hand aus der sie haltenden Linken loslassend und mit gebrochenen Gliedern in die Arme der Umstehenden sinkend, leise aber schnell). Rustan!
Karkhan.Gott, er stirbt!
Gülnare.O ew'ge Vorsicht!
(Alle um den Alten beschäftigt. Pause.)
Rustan.Zanga!
Zanga.Herr!
Rustan.Hast du vernommen?
Zanga.Wohl!
Rustan.Es ist nichts Wirklichs, sag ich.Truggestalten, Nachtgebilde;Krankenwahnwitz, willst du lieber,Und wir sehen's, weil im Fieber.
(Es schlägt die Uhr.)
Horch, es schlägt!—Drei Uhr vor Tage.Kurze Zeit, so ist's vorüber!Und ich dehne mich und schüttle,Morgenluft weht um die Stirne.Kommt der Tag, ist alles klar,Und ich bin dann kein Verbrecher,Nein, bin wieder, der ich war.
(Eine Dienerin der Königin, die sich früher entfernt, kommt mit einem Fläschchen zum Beistande des Verwundeten zurück.)
Rustan.Sieh, ist das nicht Muhme Mirza?Auch ein Nachtgebild', wie jene,Die dort um den Alten stehn!Sieh, ich hauche, sie vergehn. Wie? sie bleiben? nahen? dräuen?Eingetaucht denn nur von neuen,Laß uns nach dem Weitern sehn.
Gülnare (sich von dem Alten emporrichtend).All umsonst! die Pulse stocken;Nur zu sicher, er verging.
(Rustan erblickend.)
Du noch hier? noch immer trotzend?
Rustan.Fürstin, halt! und ohne Hast!Was hier wirklich, was geschehen,Wieviel mir dran fällt zur Last,Laß uns rechnen, laß uns abziehn,Mir, was mein, dir, was du hast.Manchen Dienst bist du mir schuldig,Manches Gute dies dein Land,Und doch schenk ich dir's zur Stunde,Lasse los all was dich band.Wähle von den reichsten Schätzen,Nimm die köstlichsten Provinzen,Kleinod, Perlen, Edelstein;Mir laß eine leere Wüste,Wo Verlangen buhlt mit Armut,Wo kein Gold als Sonnenschein.Doch die Herrschaft, sie sei mein.
Gülnare.Dir die Herrschaft? Herrsch in Ketten!Nehmt gefangen ihn!