Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen Kontortür im Torwegund öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«
»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.
»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte. »Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«
John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus. Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen, daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er, der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.
»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte.
»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind, an den Ohren in die Höhe heben.
Der Trinker ging schweigend hinaus und warf schmetternd die Tür zu. Und die Brüder lachten und ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.
John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen und ließ sich einen Kognak geben. Und noch einen, und immer wieder noch einen. Nach einer Weile wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen und ließ ihn im Laden allein. John stand vor der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung begann sich zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre voll von Käse- und Biergeruch, in dieser sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier wäre er gern für immer geblieben.
Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, alter Laden mit ausgetretenen Dielen und kleinem Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer segelten gemächlich über die drei Käseglocken des düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.
John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. Er trat einen Schritt näher: Jamaika-Rum. Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten sich seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am Vormittag, zu Hause vor dem Büffet zu stehen, und nahm die Flasche in die Hand.
Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er stellte die Flasche wieder hin.
Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie fernes Meeresbrausen, und der Fußboden schien sich langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich auch die Flasche in Bewegung zu setzen, schien langsam davongleiten zu wollen. Da packte er das lockende, glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und stolperte damit nach der Tür.
»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« erscholl eine grobe Stimme aus dem Gang zur Bierstube, und ein großer, stiernackiger Handwerker, ein geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John heimlich beobachtet hatte, sprang vor und zischte: »Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie anzeigen!«
John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck halb in die Knie. Und der wütende Tischler riß ihn in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den Schutzmann?« brüllte er.
»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende junge Mann. »Er hätte sie schon bezahlt. Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter Kunde ...«
»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! Schutzmann!«
John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; aber das Festgehaltenwerden unter Rufen nach dem Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.
Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sichjetzt etwas Entsetzlichem wegen das Leben nehmen, rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme Dieb am Rande des tiefen Teiches, zu dem er ganz instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen sangen. Auch über dem Kopf des Verzweifelten flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, mit denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. Hinter seinem Rücken flammte die Abendsonne in ihrer ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines alten, hölzernen Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer schwarzer Sarg auf grünem Wiesenlande stand, unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in das glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit seinem Schicksal.
»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst an seine Eltern denkend.
»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.
John sah sich furchtsam um; aber es war niemand außer ihm auf dem Wege. Er setzte sich auf die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.
»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie ein Kind. »Ich hab' doch nichts getan. Ich hatte sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich hätte sie doch bezahlt.«
Der Tischler hatte ihm das eingebrockt – dieser gehässige, heimtückische Kerl. John wußte: der Tischler ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.
Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen Klang und Bedeutung er auf dem ganzen Weg gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.
»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte er laut, und schon wurde es ihm zur Gewißheit, daß das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was tat ihm noch Schande?
Aber seine Familie, seine Familie und die Leute – – –?
Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden – sie durften ja leben, während er – –
Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er kicherte mit zuckendem Munde. Und auf einmal warf er sich vornüber und krallte die Hände in die warme Erde.
Er wollte alle Schande der Welt tragen – wenn er nur leben durfte! Er liebte das Leben trotz allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz seiner qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt tragen – nur nicht sterben!
Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, und ein Wagen kam gefahren. John richtete sich langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende des Trauerspiels kam schon von selbst. Und alles Auflehnen war vergebens.
Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher Einspänner, hielt an, als John dem Kutscher ein herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« befahl er ihm. »Ich will in die Stadt.«
»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der Kutscher.
»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.
»Und wo haben Sie Ihre Angel?«
»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«
Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle Glaciswäldchen hineinging, sah man jetzt hurtig Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und machte seine Bemerkungen. John saß ganz still da und wunderte sich. Er wunderte sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die Welt noch immer so war wie damals, als er mit seiner ersten und einzigen Flamme, einer jungen Putzmacherin, dort spazieren ging – vor hundert Jahren. So lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein Greis sah er den Paaren nach und drehte verwundert die Daumen umeinander.
Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten Putzmacherin vorgezogen.
Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme wie ein grüner Stern durch die helle, rote Dämmerung. Als der Wagen durch das Tor rollte, begann John vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines Schutzmannes zuckte er heftig zusammen. Der Mann grüßte freundlich und ging vorüber.
Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens hatte er nichts begangen, und selbst wenn er etwas begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig. Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles gleich. Nur um die Mutter tat es ihm leid. Um die tat es ihm leid, um die andern nicht ... SeineZähne schlugen zusammen, als sich der Wagen dem väterlichen Hause näherte.
Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg und half ihm vom Wagen herunter. »Geben Sie ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den Arm, weil dieser allein nicht zu gehen vermochte. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn John. »Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! Für was soll ich auch Angst haben?«
»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, »und nu is der Herr fuchswild.«
»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«
»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«
»Der Vater?«
Rodenberg nickte.
John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; doch plötzlich bekam er einen Krampfanfall. Rodenberg schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.
Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der Hand. Sein sonst so frisches, großzügiges Gesicht war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig die starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand er auf.
»So betrunken?« fragte er den Kutscher.
»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen jungen Herrn mit liebevoller Ungeschicklichkeit aufs Bett trug.
Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und räusperte sich erregt. Frau Kalnis kam in diesem Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermausins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die Hände zusammen.
»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is jeschähn? Ich will man bloß rasch d'e Umnahme abnähmen ...« sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh, herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster Vater, was is hier jeschähn? Nu hatte er sich doch schon einije Tage so scheen jehalten.«
Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. Rodenberg schlich still hinaus, weil er meinte, daß John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, die sie mit zitternden Händen über den unbedeckten Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,« murmelte er leise.
Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans Bett. »Besinne dich,« sagte er heiser, »was hast du heute abend getan?«
»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«
»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« stieß der Vater erbittert hervor, und die Reitpeitsche sauste nieder.
Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich aufgesprungen und hatte ihn an der Kehle gepackt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg – durch Dore und den Lärm herbeigerufen – sich nicht des Wütenden bemächtigt hätte. Er schaffte ihn wieder ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte. Herr Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und ruhig er für gewöhnlich war, so wild und zügellos konnte er im Zorn werden.
»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst recht zu züchtigen.
Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit Schlagen aufhörte.
Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich über seinen Herrn erlaubte.
Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! – nei! – pfui ...« Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen.
John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen, sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nurseine Unruhe. »Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht hätte.
John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte. Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein Triumphator davon –: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes, schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus, und dann sank er ohne Ende in die Tiefe.
Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen, schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.
Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen. Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh, indem sie die Augen geschlossen hielten undschwiegen. Halbnackte Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr? Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet waren, ließ er langsam Pfennige regnen.
Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume rollte.
»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend.
»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde.
»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend.
Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen.
Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderterGarten mit zwei Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch.
»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd.
»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John.
»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky in unwirschem Ton.
»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte.
»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.
Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte, krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen.
»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.
»Wer?« fragte John erschreckt.
»Der Wirt,« brummte der Junge.
»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend.
»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau Kalnis.«
»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen.
»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater.
Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen, sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John, da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie.
Paul rannte auf dem Schwebebaum hin undher, zur Aufbesserung seiner Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.
Wie einem Todkranken wohl zumute war?
Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen, wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können. Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang, bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd.
»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter fühlte, mit zuckenden Lippen.
»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.
»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.
Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer Stimme, »benimm dich vernünftig! – Denkt der Bengel denn gar nicht an seinen Bruder?!«
John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh.
Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du kannst auch noch gesund werden.«
John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit zutraute.
»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht wenigstens bei dir bleiben?«
»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!«
»Wir ärgern dich?«
»Ja!!!«
»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar nervös.«
John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten. Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.
Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und wiederholte sie dann immer aufs neue.
»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene.
»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise hervor, doch die Elterngaben keine Antwort und gingen wie im Traume weiter.
Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um.
Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.
»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.«
Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen, hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald zu liegen schien.
Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als ein Klagelaut durch die Stille zurück.
Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so langweilig!«
»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie rasch zu ihrem Mann.
»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«
»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die Verbannung. – Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!«
»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso gern umkehrte wie sie und der Junge.
Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater, Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch die Seitentür gehen.«
Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab.
Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der Tannenlaube wähnend.
»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.
Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?« wiederholte sie erbleichend.
Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«
John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern, unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier unter ehrlichen Menschen.
Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen, als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten, und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.
Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten. Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens.Herr Zarnosky junior bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch. Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da. Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf; aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.
Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.
Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder, der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.
Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und derHimmel war klar geworden. Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter, und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die um Beifall baten.
»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend.
»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.
Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder.
John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,« stotterte er.
Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Ergehört ganz einfach in eine Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd.
»Ja, du!« blubberte John gekränkt.
»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky.
»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau Rodenberg.«
Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte nichts als Feinde.
Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase, weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas. Sie verstummte.
Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den Rücken.
Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut los, als Paul plötzlich aufihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.
»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.
»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr erschreckte.
Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen, die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen, das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben – und die andern auch nicht; es wird nichts passieren.
John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen: seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.
Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war, als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen Ereignis – Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.
»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen, weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.
Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz, nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit – wie beruhigend das war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem Tode kam.
Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und bäumten wild in die Höhe.»Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.
Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht, und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann war es auch oben zu heiß für ihn geworden.
Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.
Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites, dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet er niemand, dazu war er viel zu stolz.
Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen. John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin, die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.
Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler und Verleumder wußte es.
Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen, wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.
Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken,wie es schien. John sah, wie er ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts. Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond verschlungen.
Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen. Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für möglich.
Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle sollten ihn begleiten, seine ganze Familie.
Und das war doch nicht möglich ...
Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte. Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst.Er sehnte sich jetzt nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht hineinbetten konnte wie in seinem Traum.
Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John geschickt hatte.
Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden.
Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn buchstäblich in die Arme.
»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich was Neies heren kommen!«
Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes, dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher.
»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.«
»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes.
»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.
»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem Wasser ging,« stammelteJohn, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat nach unserm Hause gedroht.«
»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte Rodenberg mit zwinkernden Augen.
John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung über ihn gekommen, er könne – wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte – auch noch gesund werden.
Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr, ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser, alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein treuer Hund an seiner Seite stand.
Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht.
Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er töten?!
Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu dergroßen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog.
Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.
Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie das Neuste?« fragte er Dore.
»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.«
»Na, was sagen Sie dazu?«
»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«
»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.
»Stuß!« murmelte Dore.
»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen – und da is'r reingeflogen.«
»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.
»Stuß!« echote John.
Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um seiner Sehnsucht zu folgen.
Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören, ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz derHitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.
Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte. John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig – und von einer Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube, oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und verließ rasch den Flur.
Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten.
Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, – und der wurde über ihm verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte.
Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden.
Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden.
Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen,es wurde ihm bald heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.
»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und fiel besinnungslos zur Erde.
Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.
»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd.
Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen!
»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu.
»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne. Zu denken!«
Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab Angst,« stammelte er.
John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne – die nie mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machenmich entzwei, ohne daß sie mich anrühren, ohne die Hände zu bewegen.«
»Wer? Wer?«
»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte, und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.
Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. – Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der Schwachsinnige lachte mit.
Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus, Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte.
»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder. »Scher dich raus!« herrschte er ihn an.
Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem älterenund klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt.
»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John.
Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes, aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen, so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.
Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.
Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!« schimpfte er, ganz rot im Gesicht.
»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.«
Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst wirklich sterben?« fragte er leise.
Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete er.
»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.«
John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er freundlich.
»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt.
»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall – und du bist weg und gleich im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis gibt.«
Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf einmal, und dann stockte er ratlos.
»Was ist im Sommer?« fragte John.
»So schön! So schön!«
»Und da möchtest du nicht weg! Was?«
»Nein,« flüsterte Johannes.
»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten? Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren lassen ...«
»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte er.
»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es auch noch einen andern Ausweg, als – ich will mal nachdenken, was ich noch für euch beide tun kann.«
»Ach ja! –« sagte Johannes, und seine ganzeTodesangst und seine ganze Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme.
»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter kommt noch nicht so rasch.«
»Und du wirst? Wirst ...?«
»Ja, ja ...«
Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte.
Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen verspotteter, armer Idiot hing am Leben – – es war so schön im Sommer ...
Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen. Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da leben durfte. Es war so schön im Sommer ...
Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund.
Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst. Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief: »Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem ewigen Leben spräche.
Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen Fenstervorhänge, als der Geistliche,hoch und würdevoll, in den Saal trat. Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges, fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch, während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.
John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.
»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton.
»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen.
»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein lieber John?«
»Ja.«
»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«
»Ja.«
»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«
»Ja.« – John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus,der er in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken an seinem Bett.
»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der Geistliche noch eindringlicher fort.
»Große Angst,« stammelte der Kranke.
»Wir wollen beten!« – Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn. John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn ergoß.
»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.
»Ja,« sagte John leise.
»Beten Sie auch mit?«
»Ja.«
»Wird Ihnen leichter ums Herz?«
»Ja.«
»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?«
»Ja.«
»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.«
»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker.
»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.
»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber ein Osterhimmel, nicht wahr?«
»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche.
John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob sich.
»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen, umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens. Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.
John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.
»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem Händedruck.
John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,« entgegnete er, »der Möviushat direkte Telephonverbindung mit dem lieben Gott.«
»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen ausjerichtet hat?«
»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«
»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu kommen! Sie werden auch nich!«
»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund werden. Es ist mir noch lange nicht genug!«
»Noch nich jenuch jetrunken, was?«
»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend.
»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«
»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie jetan, was sein muß und sein kann?!«
»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.
»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer tretend.
»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.
Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nichtkränken und auch nicht zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat, als wolle er schlafen.
Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«
»Neinei,« entgegnete diese.
»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab' wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.«
»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.
John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.
Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge – –« stotterte sie.
Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend.
Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter Verbeugungen näher tretend.
»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut fahren mögen.
Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte sich auf die Kante desStuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er verschämt im Kreise herum.
»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter.
»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?« schmunzelte Dore.
Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte er indigniert.
Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff. Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich. »Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen.
»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise.
Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten; nächstes Jahr, nächstes Jahr.«
»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch ziehen, wenn ich tot bin.«
Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu. »Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.
»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.
Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen.Dabei wurde er schläfrig und schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.
Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser als tot sein.
Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängtgeblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete, war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.
Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte tröstete?
Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!
Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«
Vielleicht kam er von Gott.
Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte – und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.
Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagenihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen. Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm – denn wer konnte die Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.