Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen vollbracht haben.
Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der „dicke Müller“ von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm den Namen „der russische Teufel“.
Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen, Schulen — alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parkevorgesehen, wie London, Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang. Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat, es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.
Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.
Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon über eine Million Einwohner!
Wiederholt ereigneten sich kleinere und größere Unglücksfälle und Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht größer und häufiger als bei anderen großen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig und ängstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie früher. Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte, auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, „old gray Mac“ hieß er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglück könne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum mehr. Schöpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. SeinGehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen, Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekräfte. Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln, rauchten undschwiegen.
Im achtzehnten Baujahr brach ein großer Streik aus, der zwei Monate währte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltblütigkeit Stroms war es zu danken, daß eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fünf Grad. Die Erscheinung war unerklärlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter weigerten sich einzufahren. Sie befürchteten, der Berg werde sich jeden Augenblick öffnen und ihnen glühende Lava entgegenspeien. Es gab Leute, die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nähere sich dem glühenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken, daß die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heißen Quellen fand sich keine Spur.
Strom wählte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im Stollen. „Der russische Teufel“ gab es erst auf, als er ohnmächtig zusammenbrach. Acht Tage später aber war er wieder in der „Hölle“.
Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, ölige Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewußtlos, durch Reizmittel aufrecht erhalten.
Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenköpfe der Berechnung nach sechzig Kilometer voneinanderentfernt waren, gelang es Strom, drahtlos mit dem „fetten Müller“ von den Azoren durch den Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mörderischer Arbeit waren beide Stollen soweit vorgetrieben, daß sie sich in nächster Nähe voneinander befinden mußten. Aber die Seismographen registrierten keine einzige Detonation, obwohl Müller täglich dreißigmal sprengte. Durch alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, daß die Stollen sich verfehlt hätten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren unaufhörlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, über und unter dem Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut, aber die Apparate reagierten nicht.
Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.
Allan ließ Stollen schräg in die Höhe und schräg in die Tiefe treiben, er ließ ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war höllisch und erschöpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche. Wahnsinnsausbrüche kamen fast täglich vor. Obwohl die Pumpen unaufhörlich gekühlte Luft in die Stollen drückten, blieben die Wände doch heiß wie Kachelöfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den Stollen und beobachteten die Registrierapparate.
Es war das schrecklichste Stück Arbeit, das aufregendste, und Allan fand keinen Schlaf mehr.
Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen beanspruchte viel Zeit.
Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber begannen zu sinken.
Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schweiß, schmutzig und kaum mehr menschenähnlich. Und zum erstenmal sah Allan diesen kühlen Menschen in Erregung und sogar lächeln.
„Wir sind Müller auf der Spur,“ sagte Strom.
Am Ende eines tiefgehenden Schrägstollens, wo die Luft durch den Schlauch pfiff und kühlte, stand ein Registrierapparat unter einer Grubenlampe und zwei geschwärzte Gesichter lagen daneben.
Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine millimeterfeine Schwankung. Müller mußte in genau einer Stunde wieder sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.
Die Zeitungen gaben Extrablätter aus! Wäre Müller ein großer Verbrecher gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstöberte, die Sensation hätte nicht größer sein können.
Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es fest, daß Müller unter ihnen sein mußte. Mac telephonierte ihm „heraufzukommen“. Und Müller ließ den Stollen in die Höhe treiben. Nach vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, daß der Apparat sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hörte man mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein Donner in der Ferne. Nach weiteren dreißig Tagen hörte man die Bohrer! Und dann kam der große Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.
Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.
„Wo ist Mac?“ fragte der „fette Müller“.
„Hier bin ich!“ antwortete Allan.
„How do you do, Mac?“ sagte Müller mit fettem Lachen.
„We are all right!“ antwortete Allan.
Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablättern, die über New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.
Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet — es war der größte Augenblick ihres Lebens! — und doch hatten sie keine Phrase gesprochen! Eine Stunde später konnte Müller eine gekühlte Flasche Münchner Bier an Allan schicken und am nächsten Tage konnten sie durch ein Loch zusammenkriechen — alle übermüdet, schwitzend, nackt, schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.
Allans Rückfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis wühlten, schrien und jubelten.
„Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...“
Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.
Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie ließ sich nicht an die Peripherie der Arbeit drängen, sie siedelte sich im lärmenden Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulären Ingenieurkursus, um „mitreden zu können“.
Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie in würdiger Weise ihre Rechte.
Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan für den Lunch freigab. Um fünf Uhr aber, Punkt fünf Uhr war sie da — ob Allan in New York weilte oder in der Tunnel-City,einerlei — und bereitete still, ohne ein Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder Architekten, darum kümmerte Ethel sich nicht im geringsten.
Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn der Teetisch fertig war, so sagte sie: „Mac, der Tee ist fertig.“
Und Allan mußte kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel einerlei.
Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Türe und wartete geduldig, bis er kam. Die Sonntage mußte er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wünschte. Ethel führte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte. Sie hatte einen Park von fünfzehn Automobilen zu ihrer Verfügung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von seiner Farm herüber. Hobby produzierte jährlich zwanzigtausend Hühner und Gott weiß wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er war religiös geworden und besuchte Betsäle. Zuweilen blickte er Allan ernst in die Augen und sagte: „Denke an dein Seelenheil, Mac —!“
Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.
Der alte Lloyd hatte ein Stück Land bei Rawley, vierzig Kilometer nördlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art Schloß für Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag mitten in einem Park alter Bäume, die Lloyd von japanischen Gärtnern hatte für die Verpflanzung präparieren und nach Rawley bringen lassen.
Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte er ganze Wochen bei seiner abgöttisch geliebten Tochter zu.
Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er wurde von Ethel wie ein Heiland gehütet. Es war Macs Kind, Macs, den sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig Jahren das Werk des Vaters übernehmen und vervollkommnen. Sie nährte ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten Schritte tun.
In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel nannte ihn „rassig und aristokratisch“. Im dritten Jahre aber ging er in die Breite, sein Schädel wurde dick und er bekam Sommersprossen. Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glücklich. Sie liebte zarte und empfindliche Kinder nicht, stark und kräftig mußten sie sein und tüchtig schreien, damit die Lungen wuchsen — genau wie der kleine Mac es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen. Sie zitterte stündlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfüllt von Entführungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von Millionären gestohlen, verstümmelt, geblendet hatte. Sie ließ eine Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen. In dieser Stahlkammer mußte der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnüffelte ein Detektiv die Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zähne. Der Chauffeur mußte ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Straße in New York, weil er „hundred miles an hour“ fuhr.
Jeden Tag mußte ein Arzt den Kleinen, der prächtig gedieh, untersuchen. Wenn das Kind sich nur räusperte, so depeschierte sie sofort nach einem Spezialisten.
Überall sah Ethel Gefahren für ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den kleinen Mac zu stehlen.
Im Park war eine große Wiese, die, wie Ethel sagte, „geradezu zur Landung von Aeroplanen einlud“. Ethel ließ ein Rudel Bäume darauf pflanzen, so daß jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend zerschmettern mußte.
Ethel stiftete eine Riesensumme für die Erweiterung des Hospitals, das sie „Maud Allan Hospital“ taufte. Sie gründete die besten Kinderheime der ganzen Welt in allen fünf Tunnelstädten. Schließlich war sie nahe am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: „Ethel, du mußt sparen!“
Die Stelle, wo Maud und Edith getötet worden waren, ließ Ethel umzäunen und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu sagen. Sie wußte recht gut, daß Allan Maud und die kleine Edith noch nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hörte. Sie wußte auch, daß er in seinem Arbeitstisch sorgfältig ein vielgelesenes Tagebuch aufbewahrte: „Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.“
Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu schmälern.
Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und täglich kamen die Tunnelköpfe einander näher und näher. Die letzten dreißig Kilometer waren eine Sträflingsarbeit. Allan war gezwungen, für zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hineinin den „Krater“. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mußte mit einem Netz von Kühlröhren übersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer Arbeit war auch dieser Stollen bewältigt.
Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die Welt gebracht, aber nun stand er!Und niemand wunderte sich darüber.
Vier Wochen später nahm die submarine pneumatische Expreßpost den Betrieb auf.
Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei Spalten für den Herald.
Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder und wieder, daß er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Männer wie Strom, Müller, Olin-Mühlenberg, Hobby, Harriman, Bärmann und hundert andern den Bau habe vollenden können.
„Ich muß indessen bekennen,“ schrieb er, „daß mich die Zeit überholt hat. Alle meine Maschinen über und unter der Erde sind veraltet und ich bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat die Rocky-Mountains in kürzerer Zeit durchbohrt, als ich es hätte tun können. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe überfliegen den Atlantic in sechsunddreißig Stunden. Noch bin ich schneller als sie und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise, die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sindpopulär. Der Tunnel gehört dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute vierzigtausend Menschen täglich befördern. In zehn Jahren, wenn die Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend. In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewältigen können. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahinParallelstollenzu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.“
Und Allan kündigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen Artikel an, daß er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen werde.
Um diesen Termin einhalten zu können, peitschte er Ingenieure und Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Züge voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise für die Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen ausgeführt. Ein Bataillon von Führern wurde ausgebildet, wozu Allan Leute wählte, die an hohe Geschwindigkeiten gewöhnt waren: Automobil- und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugführer.
In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation hervor. Sie waren etwas höher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier Doppelpaaren dicker Räder liefen und Kreisel, Kühler, Behälter, Kabel und Röhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen waren Prunksäle. (Kinematographische und musikalische Vorführungen sollten die Reise durch den Tunnel verkürzen.)
Ganz New York stürmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst wenigstens bis Mac City zu fahren.Die Tunneltrains selbst waren für die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen belegt.
So kam der erste Juni heran ...
New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking, Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte Allans erste Fahrt wie ein Völkerfest.
Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.
Schon Tage vorher liefen Extrazüge von Berlin, London und Paris nach Biskaya, von allen großen Städten der Staaten nach Mac City. Flotten von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten Juni flogen von frühmorgens an stündlich zwanzig Züge nach Mac City, vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstürzte. Die großen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin, London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorführen, der sechs volle Stunden dauerte. In den Varietés und Concerthalls traten Chöre von früheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straßen wurden Millionen von Postkarten mit Allans Porträt verkauft, Millionen von „Tunnel-charms“, kleine in Metall gefaßte Gesteinsplitter aus den Stollen.
Allan startete Punkt zwölf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle von Hoboken-Station, die größte der Welt, war bis auf den letzten Quadratfuß mit erregten Menschen angefüllt und alle reckten die Hälse, um einen Blick auf den mächtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.
Der Zug, der mit dem Führungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell erleuchtet, und die Glücklichen, die nahe genug standen, blickten in prächtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, daß Ethel die erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwölf wurden die eisernen Rolläden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit jeder Minute. Zehn Minuten vor zwölf bestiegen vier Ingenieure den Führungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen Bug erinnerte. Allan mußte nun jeden Augenblick erscheinen.
Allan kam fünf Minuten vor zwölf Uhr. Als er den Perron betrat, brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, daß man hätte glauben können, Hoboken-Station krache in sich zusammen.
Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da, schneeweiß, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und gutmütigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den kleinen Mac an der Hand führte. Hinter ihr ein kleiner gebückter Mann mit aufgestülptem Mantelkragen und weiter Reisemütze, die tief übers Gesicht sank. Er war kaum größer als der kleine Mac und man hielt ihn allgemein für einen farbigen Groom. Es war Lloyd.
Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht ein Kaiser oder König, nicht der Präsident der Republik, die Großmacht Lloyd, dasGeld, war der erste Passagier!
Ethel blieb mit ihrem Knaben zurück. Sie hatte den kleinen Mac von Rawley herübergebracht, damit er diesen großen Augenblick miterlebe. Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte: „Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!“
Die Kreisel begannen zu rotieren und füllten die Halle mit einem hohlen, pfeifenden Sausen. Die Stützbacken lösten sich automatisch, als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten — und der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel über Hoboken, New York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone klingelten, die Telegraphen spielten — — New York, Chikago, San Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der Welt auf fünf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzüge und Dampfer, die unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem Werk zujubelte.
Der alte Lloyd ließ sich entkleiden und legte sich zu Bett.
Sie waren unterwegs. —
In den Hotels hatten Tausende von Menschen um zehn Uhr diniert und erregt über den bevorstehenden Start gesprochen. Musikkapellen konzertierten. Das Fieber wuchs und wuchs. Man wurde exaltiert und sogar poetisch. Man nannte den Tunnel „die größte menschliche Tat aller Zeiten“. „Mac Allan hat das Epos vom Eisen und der Elektrizität gedichtet.“ Ja, Mac Allan wurde sogar im Hinblick auf seine Schicksale in den fünfundzwanzig Jahren des Baus „der Odysseus der modernen Technik“ genannt.
Zehn Minuten vor zwölf flammte die Projektionsfläche der Edison-Bio auf und darauf stand: „Ruhe!“
Sofort wurde alles vollkommen still. Und augenblicklich begann der Telekinematograph zu arbeiten. In allen Weltstädten der Erde sah man zur gleichen Sekunde die Bahnhofhallevon Hoboken-Station, schwarz von Menschen. Man sah den gewaltigen Tunneltrain, man sah, wie Allan sich von Ethel und seinem Sohn verabschiedete — die Zuschauer schwingen die Hüte: der Zug gleitet aus der Halle ...
Ein unbeschreiblicher, donnernder Jubel, der minutenlang währte, erhob sich. Man stieg auf die Tische, Hunderte von Sektgläsern wurden zerbrochen und zertreten. Die Musik intonierte das Tunnellied: „Three cheers and a tiger for him!...“ Aber der Lärm war so ungeheuer, daß niemand einen Ton hörte.
Hierauf erschien eine Schrift auf der Leinwand: „Die fünfundzwanzig Köpfe.“ Allan, als er den Bau begann, Allan, wie er heute aussah. Ein zweiter Orkan der Begeisterung brach los. Hobby, Strom, Harriman, Bärmann, S. Woolf, der „fette Müller“, Lloyd. Dann begann der eigentliche Film. Er begann mit dem Meeting auf dem Dachgarten des „Atlantic“, dem „ersten Spatenstich“, er führte im Laufe der Nacht mit Unterbrechungen durch alle Phasen des Baus, und so oft Allans Bild erschien, erhob sich neuer, begeisterter Jubel. Der Riesenfilm zeigte die Katastrophe, den Streik. Man sah wieder Mac Allan durch das Megaphon zu dem Heer von Arbeitern sprechen (und der Phonograph brachte Teile seiner Rede!), die Prozession der Tunnelmen, den großen Brand. Alles.
Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsfläche ein Telegramm: „Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der Menge! Viele Menschen im Gedränge verletzt!“
Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer — — den zweihundertsten — Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete,wettete, schrie! Würde Allan pünktlich in Bermuda eintreffen? Allans erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines elektrischen Zuges und zunichts anderem. Der Rekordteufel wütete! In der ersten Stunde hatte Allan den Rekord für elektrische Züge gedrückt, den bis dahin die Züge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerückt, in der dritten hatte er sie geschlagen.
Um fünf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Höhepunkt.
Auf der Projektionsfläche erschien telekinematographisch übermittelt die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation: wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung. Fünf Uhr zwölf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein. Fünf Minuten und der Zug fährt weiter. Ein Telegramm: „Allan erreicht Bermuda mit zwei Minuten Verspätung.“
Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber blieben. Sie blieben über vierundzwanzig Stunden wach, um Allans Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie augenblicklich zu wecken, „im Falle etwas passierte“. Über die Straßen regneten schon die Extrablätter nieder. —
Allan war unterwegs.
Der Zug flog durch die Stollen, daß sie meilenweit vor und hinter ihm dröhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg, wenn es in die Höhe ging, gleichmäßig und ruhig wie eine Flugmaschine: der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sichin die runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots stürzten, die Lichter der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwärme. Die Tunnelmänner (verschanzt hinter den eisernen Rolltüren der Stationen), feste Burschen, die die große Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht hatten, weinten vor Freude, als sie „old Mac“ vorüberfliegen sahen.
Lloyd ließ sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frühstückte und rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich war er ungestört, endlich war er fern von den Menschen und an einem Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein lichterblitzendes Appartement, zwölf Gemächer, die die Maschine hinter sich herschleppte und die von einer köstlichen, ozongesättigten Luft erfüllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt sich zehn Minuten mit ihr. („Don’t smoke too much, Pa!“ sagte Ethel.) Dann las er die Telegramme. Plötzlich hielt der Zug. Sie stoppten in der großen Station im „heißen Stollen“. Lloyd sah durch ein Guckloch und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.
Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines Salons waren geöffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein blaues Meer hinaus und auf der andern Seite über eine unübersehbare Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete ihm, daß sie vierzig Minuten Verspätung hätten, da ein Ölbehälter leck geworden sei.
Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug stürzte sich in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor Vergnügen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.
Von Azora an führte Strom. Er schaltete den vollen Strom ein und der Geschwindigkeitsmesser stieg auf zweihundertfünfundneunzigKilometer die Stunde. Die Ingenieure wurden unruhig, aber Strom, dem die Hitze in den heißen Stollen wohl die Haare abfressen konnte aber nicht die Nerven, ließ sich nicht ins Handwerk pfuschen.
„Es wäre eine Blamage, wenn wir zu spät kämen,“ sagte er. Der Zug fuhr so rasch, daß er stillzustehen schien; die Lichter schwirrten ihm wie Funken entgegen.
Finisterra.
In New York wurde es wieder Nacht. Die Hotels füllten sich. Die Begeisterung raste, als das Telegramm die ungeheure Speed meldete. Würde man die Verspätung einholen oder nicht? Die Wetten stiegen ins Unsinnige.
Die letzten fünfzig Kilometer führte Allan.
Er hatte vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber die Erregung hielt ihn aufrecht. Bleich und erschöpft sah er aus, mehr nachdenklich als freudig: viele Dinge gingen ihm durch den Kopf ...
In wenigen Minuten mußten sie ankommen und sie zählten Kilometer und Sekunden. Die Signallampen fegten vorbei, der Zug stieg ...
Plötzlich blendete weißes, grausames Licht ihre Augen. Der Tag brach herein. Allan stoppte ab.
Sie waren mit zwölf Minuten Verspätung in Europa eingetroffen.
Ende
WerkevonBernhard Kellermann
Yester und Li
Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 M., in Leinen M. 1.25.
Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt — einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen, zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. — Henri Ginstermann heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für Menschen! Ihre Seelen sind — ein triviales Bild zu gebrauchen — wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau. Besingt sie in überschwenglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar ergreifend ist dieser Schluß. Ein Dichter hat dies Buch geschrieben. Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind die letzten Hüllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch erscheint alles wie durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten Glanz umsponnen. Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises wird gegeben, wie mit dem Silberstift gezeichnet.
(Königsberger Allgemeine Zeitung)
Ingeborg
Roman. 18. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.
Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch — Ingeborg —, diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftigein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein schuld war ... Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Von Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
(Die Zeit, Wien)
Der Tor
Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie, sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord des Dienstmädchens erörtern — wie hört man das Laute ihrer Reden, die Heftigkeit ihrer Diskussion und Überzeugungssucht das Rasseln und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel, Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten, ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht ... Nicht Vergangenes erzählt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin. Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und verdunkeln einander — dann wieder langsam hintereinander schreitend, lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu betrachten, das Gefühl, die unsichtbareGottheit, der sie dienen, zu begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu können, und ist doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird, bebend, flehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus dem andern hervor. Eh man sich’s versieht, biegt der Weg um: neue Landschaft erschließt sich dem Staunenden — man muß das Buch für Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.
(Neue Freie Presse, Wien)
Das Meer
Roman. 10. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.
Diese Schilderung des Ozeans, des ewig unruhigen, brausenden, tobenden, gefräßigen, gespenstischen Ozeans, ist so ungeheuer plastisch und namentlich schon durch die Sprache so ausdrucksvoll, daß dem Leser gleichsam aus den Zeilen fortwährend das Rollen und Grollen des Meeres entgegentönt. Wie Wellen kommen die Sätze daher, häufen, übersprudeln sich, stehen still, plötzlich nur zu einem oder zwei Worten verdichtet, die gleich einem Kahn auf einer Wogenreihe tanzen, dann wieder in heftige, rasend schnelle, bizarr verknäuelte Bilder sich auflösend — es ist eine Tonmalerei, die wie orchestrale Symphoniemusik wirkt. Eine Sprachsymphonie: „Das Meer“! Und wir sehen und hören nicht nur das Meer, an der bretonischen Küste — nein! Mit einer grandiosen Phantasie führt er uns auf den Boden der See, in die Geisterhöhlen der Klippen, zwischen die Eisberge der nordischen Strömung, in die chinesischen Baien. Das Meer in der Mondnacht, im Sturm, in der Stille, den Schiffbruch des Dampfers und den Kampf des Fischerboots — alles zaubert dieser Poet mit vollendeter Kunst vor die staunende Seele. Dazu die Leute dieser Insel. Urzeit. Menschen ohne Kultur, aber auch ohne Kulturfäule. Prächtige, spitzbübisch-naive, tiertreue Menschen, die wie Kinder dumm, morallos, vertrauensselig und heftig sind ... Es ist eine Apotheose des Meeres, wie aus dem Munde heidnischer Priester. Gleichsam die Apotheose alles Großen, Unbekannten, nie zu Enträtselnden, das wir Natur nennen.
(Augsburger Abendzeitung)
Im gleichen Verlag ist erschienen:
Amerika Heute und MorgenReiseerlebnisse von Arthur Holitscher
Fünfte Auflage.Mit 69 Abbildungen. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Das Beste des Buches liegt in der Unmittelbarkeit der Erlebnisse und der Darstellung. Es geht über ein paar Weichen hinweg, daß uns manchmal die Haare zu Berge stehen, aber die volle Fahrt ist doch das Besondere an dem Buche. Man stutzt und möchte um Mäßigung bitten, aber schon ist man bei der nächsten Sache, und wir treiben wirklich hingerissen, gerührt, verführt, ergriffen und nur selten einer kühl nachdenklichen Stimmung überlassen, mitten durchs Leben der Staaten, mitten durch die weiten, zukunfthellen Ebenen Kanadas. In den Hauptstädten Kanadas erleben wir die Ankunft der Kolonistenzüge mit ihren frisch vom Schiff auf den neuen Boden gesetzten Insassen: irische Proletarier, belgische Handwerker, slowakische und russische Bauern, denen nun ohne Unterschied das Land, dem sie entgegenfahren, gehört von diesem Morgen an. Der Reisende besucht die neuen Siedler auf ihren Heimstätten, auf ihren Dörfern einsam draußen auf der Prärie. Und in den zauberischen Städten der Westküste am glitzernden Meer erleben wir den Tummel einer harten jugendlichen Bevölkerung, in die zum Überfluß noch die kleinen Vorläuferscharen gelber und brauner Asiaten hineingemischt sind. Wir lesen bei Holitscher Interessantes über Literatur und Theater in Amerika, über die Frage der Juden, der Einwanderer, der Neger und des Sozialismus, über alle die Probleme, die impulsive und unruhige Menschen drüben mehr auf dem Weg der Revolte als der Staatskunst zu lösen gedenken. Wir wissen, wie viele Dinge, die auch die unseren sind, drüben doch ganz anders liegen und ebenso anders gelöst werden müssen ... Wir nehmen dieses neue Amerikabuch gern auf in unser Arbeitszimmer. Es trägt uns, wie durch eine geöffnete Saaltür, den großen verworrenen Schall der Gegenwart herein, aber wir lassen uns nicht hindern, Europa nur noch mehr zu lieben, weil es, auf einen andern Kontinent verpflanzt, auch eine andere Welt zu erzeugen vermocht hat.
(Frankfurter Zeitung)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription:Offensichtliche Zeichensetzungsfehler sowie typografische Fehler wurden korrigiert.
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