8.

Zu seiner Überraschung sah er auf dem Perron der Columbussquarestation unter den Wartenden einen Bekannten stehen, einen Mitpassagier der letzten Überfahrt. Der Mann sah ihn sogar an, aber — Triumph! — er erkannte ihn nicht! Und doch hatte er mit diesem Mann täglich Poker gespielt im Rauchsalon.

Auf den inneren Geleisen klirrte blitzschnell ein Expreßzug dahin und füllte die Station mit Getöse und Wind. Woolf wurde ungeduldig und sah auf die Uhr. Fünf Minuten!

Plötzlich aber konnte er den Passagier von vorhin nicht mehr sehen. Als er sich umblickte, sah er ihn hinter seinem Rücken stehen, in die Lektüre des Herald vertieft. Und gleichzeitig war Woolf an allen Gliedern gelähmt. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte in ihm! Wenn dieser Passagier einer von Allans Detektiven wäre, der ihm schon — von Cherbourg herüber gefolgt war —? Es fehlten noch drei Minuten bis sechs. Woolf tat ein paar Schritte zur Seite und sah verstohlen nach dem Passagier hin. Der las ruhigweiter, aber in der Zeitung war ein Riß und durch diesen Riß starrte ein scharfes Auge!

In tiefster Herzensnot sah S. Woolf in dieses Auge hinein. Es war vorbei! In diesem Augenblick flog der Zug herein und S. Woolf sprang zum Entsetzen der Wartenden aufs Geleise hinunter. Eine Hand mit gespreizten Fingern griff nach ihm.

S. Woolf wurde zwei Minuten vor sechs Uhr von den Rädern der Subway zermalmt und eine halbe Stunde später war ganz New York schon erfüllt von erregtem Geschrei.

„Extra! Extra! Here you are! Hýa! Hýa! All about suicide of Banker Woolf! All about Woolf!“

Die Zeitungsverkäufer rasten wie wilde Pferde dahin, und die Straßen, die Woolf heute durchwandert hatte, hallten wider von seinem Namen.

„Woolf! Woolf! Woolf!“

„Woolf in drei Teile geschnitten!“

„Der Tunnel verschlingt Woolf!“

„Woolf! Woolf! Woolf!“ Jedermann hatte hundertmal seinen 50PS-Wagen den Broadway entlangrollen sehen, mit dem silbernen Drachen, der wie ein Ozeandampfer brummte. Jedermann kannte seinen zottigen Büffelschädel. S. Woolf war ein Teil von New York und nun war er tot! S. Woolf, der das größte Vermögen verwaltete, das je ein Mensch unter sich hatte! Die dem Syndikat günstig gesinnten Blätter schrieben: „Unglücksfall oder Selbstmord?“ Die feindlichen: „Erst Rasmussen! — Jetzt Woolf!!“

„Woolf, Woolf, Woolf!“ Die Zeitungsboys bellten denNamen hinaus und stießen Rauchwolken in die neblige Straße. Es hörte sich an wie das heisere Heulen von Wölfen, die ihre Beute zerfleischen.

Allan erfuhr Woolfs schrecklichen Tod fünf Minuten nach dem Vorfall. Ein Detektiv sprach ihn durchs Telephon.

Verstört, unfähig zu arbeiten ging er in seinem Arbeitsraum hin und her. Die Straßen waren angefüllt mit Nebel und nur die Wolkenkratzer ragten über das Nebelmeer hinaus, von der sinkenden Sonne düster beleuchtet. New York tobte und heulte in der Tiefe:der Skandal war im Gang! Erst nach geraumer Zeit war es ihm möglich, mit dem Chef des Pressebüros und dem interimistischen Leiter des finanziellen Ressorts beraten zu können. Die ganze Nacht hindurch verfolgte ihn der letzte Eindruck Woolfs, wie er leichenfarben, nach Atem ringend, im Sessel lag ...

„Es ist der Tunnel!“ sagte Allan zu sich. Er fühlte sich von Drohung und Unglück umringt und fröstelte. Er sah eine hoffnungslose Zeit kommen. „Nun wird esJahredauern —!“ dachte er und wanderte schlaflos auf und ab.

Der Tod Woolfs hielt Tausende in dieser Nacht wach. Als Rasmussen sich erschoß, war man nervös geworden, Woolfs Tod aber erschreckte die ganze Welt. Das Syndikat wankte! Alle großen Banken der Welt waren mit Milliarden am Tunnel beteiligt, die Industrie mit Milliarden, das Volk, bis herab zu den Zeitungsverkäufern, mit Milliarden. Die Erregung fieberte von San Franzisko bis Petersburg, von Sidney bis Kapstadt. Die Presse aller Kontinente schürte die Besorgnis. Die Papiere des Syndikats fielen nicht, sie stürzten! Woolfs Tod war der Beginn des „großen Erdbebens“.

Die einberufene Versammlung der Großaktionäre des Syndikats dauerte zwölf Stunden und glich einer erbitterten, höllischen Schlacht, in der sich früher besonnene Menschenzerfleischten. Das Syndikat hatte am 2. Januar Hunderte von Millionen Zinsen und Teilzahlungen zu entrichten, Riesensummen, für die keine genügende Deckung vorhanden war.

Die Versammlung veröffentlichte ein Communiqué, worin sie erklärte, daß die finanzielle Situation momentan wenig günstig sei, die Hoffnung einer Sanierung aber nicht von der Hand gewiesen werden könne. Dieses Communiqué enthielt in notdürftig verschleierter Form die ganze fatale Wahrheit.

Am nächsten Tage konnte man Zehn-Dollar-Shares für einen Dollar kaufen. Ein Heer von Privatpersonen, vor Jahren von der allgemeinen Spekulationswut fortgerissen, war ruiniert. Über ein Dutzend Opfer forderte dieser erste Tag. Die Banken wurden gestürmt. Nicht nur jene, deren hohe Beteiligung am Syndikat bekannt war, auch viele, die gar nichts damit zu tun hatten, wurden vom Morgen bis zum Abend belagert und die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Eine ganze Reihe von Instituten sah sich gezwungen, die Schalter zu schließen, da die Barmittel erschöpft waren. Die Krise von 1907 war ein Scherz gegen diese. Einige kleine Bankhäuser krachten schon beim ersten Ansturm zusammen. Aber selbst die Großbanken erzitterten von unten bis oben in der Brandung, die gegen sie anlief. Vergebens versuchten sie die Öffentlichkeit durch Bekanntmachungen zu beruhigen. New York City-Bank, Morgan Co., Lloyd, American zahlten im Laufe vondreiTagen Summen von schwindelnder Höhe aus. Die Telegraphisten sanken um vor Erschöpfung. Die Bankpaläste waren die ganze Nacht taghell erleuchtet, Direktoren, Kassierer, Sekretäre kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Das Geld wurde immer teurer. Hatte die Panik von 1907 den Zinsfuß für tägliches Geld auf 80 bis 130 Prozent getrieben,so kostete es heute 100 bis 180 Prozent! Es war zuweilen überhaupt unmöglich, tausend Dollar zu leihen. „New York City“ wurde von Gould gehalten, Lloyds Bank verteidigte sich selbst bis aufs Messer, American erhielt Unterstützungen von der Bank of London. Abgesehen von dieser Bank war kein Cent von europäischen Banken zu erhalten: diese Banken setzten sich selbst in fieberhafter Hast in Verteidigungszustand. An den Börsen von New York, Paris, London, Berlin, Wien trat eine beispiellose Deroute ein. Ein Heer von Firmen stellte die Zahlungen ein. Kein Tag verging ohne Bankerotte, kein Tag ohne Opfer. Woolfs Todesart wurde epidemisch, täglich warfen sich Ruinierte vor die Räder der Subway. Der Finanzkörper von fünf Erdteilen hatte eine klaffende Wunde erhalten und drohte sich zu verbluten. Handel, Verkehr, Industrie, die große Maschine der modernen Welt, die mit Milliarden geheizt wird und Milliarden ausspeit, schwang nur noch langsam und mühselig, so daß es den Anschein hatte, als werde sie plötzlich, jede Stunde, ganz stehen bleiben.

Die Tunnel-Terrain-Gesellschaft, die sich mit dem Kauf und Verkauf von Baugeländen der Tunnelstationen befaßte, krachte über Nacht zusammen und erschlug Ungezählte.

Die Zeitungen waren in diesen Tagen Schlachtberichte.

„Der Tunnel verschlingt mehr und mehr!“

„Mr. Harry Stillwell, Bankier, Chikago, erschießt sich. — Broker Williamson, 26. Straße, ruiniert, vergiftet sich und seine Familie. — Fabrikant Klepstedt, Hoboken, wirft sich unter die Subway.“ — Die Nachricht, daß sich der alte Jakob Wolfsohn in Szentes erhängte, verhallte vollkommen unbeachtet.

Es war diePanik! Sie sprang über nach Frankreich, England, Deutschland, Österreich und Rußland. Deutschland wurde zuerst von ihr ergriffen und war innerhalb einer Woche, wie die Vereinigten Staaten, in Unruhe, Angst und Schrecken getaucht.

Die Industrie, die sich kaum von den Folgen der Oktoberkatastrophe erholt hatte, geriet auf Grund. Ihre Papiere, vom Tunnel zu unerhörter Blüte getrieben — Eisen, Stahl, Zement, Kupfer, Kabel, Maschinen, Kohle — wurden von den stürzenden Tunnelaktien mit in die Tiefe gerissen. Die Kohlenkönige und Hüttenbarone hatten am Tunnel enorme Vermögen verdient, nun aber wollten sie keinen roten Heller riskieren. Sie setzten die Löhne herab, führten Feierschichten ein und warfen Tausende von Arbeitern auf die Straße. Die Beschäftigten erklärten sich mit den Kameraden solidarisch. Sie traten in Ausstand, gesonnen, diesmal bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und sich nicht wieder durch Versprechungen verlocken zu lassen, die diese Meineidigen brachen, sobald die Sonne wieder schien. Waren die Zeiten gut, so waren sie gut genug, die Millionen vermehren zu helfen, waren die Zeiten schlecht, so warf man sie hinaus. Sollten die Zechen ersaufen und die Hochöfen verschlacken!

Der Streik begann wie jeder andere. Er entflammte in den Becken von Lille, Clermond-Ferrand und St. Etienne, wälzte sich hinüber ins Mosel-, Saar- und Ruhrgebiet und nach Schlesien. Die englischen Bergarbeiter und Hüttenleute von Yorkshire, Northumberland, Durham und Südwales erklärten den Sympathiestreik. Kanada und die Staaten schlossen sich an. Der gespenstische Funke sprang über die Alpen nach Italien und über die Pyrenäen nach Spanien. Tausende der blutroten und leichengelben Fabriken aller Länder standen still. Ganze Städte waren tot. Die Hochöfen wurden gelöscht, die Grubenpferde aus den Schächten gebracht. Die Dampfer lagen in ganzen Flotten, Schlot an Schlot, in den Friedhöfen der Häfen. Jeder Tag kostete Unsummen. Aber da die Panik auch den übrigen Industrien das Geld entzog, so schwoll das Millionenheer der Arbeitslosen von Tag zu Tag mehr an. DieLage wurde kritisch. Eisenbahnen, elektrische Kraftzentralen, Gasanstalten waren ohne Kohle. In Amerika und Europa lief nicht ein Zehntel der Züge mehr und der atlantische Dampferverkehr war fast gänzlich unterbunden.

Es kam zu Ausschreitungen. In Westfalen prasselten die Maschinengewehre und in London lieferten die Dockarbeiter der Polizei eine blutige Schlacht. Das war am 8. Dezember. Die Straßen bei den West India Docks waren an diesem Abend mit Toten, Arbeitern sowie Polizisten bedeckt. Am 10. Dezember erklärte die englische Arbeiter-Union den Generalstreik. Die französische, deutsche, russische und italienische folgten und zuletzt schloß sich die amerikanische Union an.

Das war der moderne Krieg. Nicht kleine Vorpostengefechte, es war die Schlacht in vollem Umfang! In geschlossenen Fronten standen sich Arbeiter und Kapital gegenüber.

Schon nach wenigen Tagen zeigten sich die Schrecken dieses Kampfes. Die statistischen Ziffern der Verbrechen, der Kinder- und Säuglingssterblichkeit stiegen ins Grauenhafte. Die Nahrung für Millionen von Menschen verfaulte und verdarb in Eisenbahnwaggons und Schiffsbäuchen. Die Regierungen nahmen das Militär zu Hilfe. Aber die Truppen, aus Proletariern zusammengesetzt, leisteten passiven Widerstand, sie arbeiteten und kamen nicht von der Stelle, und das war nicht die Zeit zu strengen Repressalien. Gegen Weihnachten waren die großen Städte, Chicago, New York, London, Paris, Berlin, Hamburg, Wien, Petersburg, vollkommen ohne Licht und in Gefahr, ausgehungert zu werden. Die Menschen froren in den Wohnungen und was schwach und elend war ging zugrunde. Täglich gab es Feuersbrünste, Plünderungen, Sabotage, Diebstähle. Das Gespenst der Revolution drohte ...

Die internationale Arbeiterliga aber gab keinen Fuß breit nach und forderte Gesetze, die den Arbeiter vor der Willkür des Kapitals schützten.

Inmitten dieser Unruhen und Schrecken stand das Tunnelsyndikat immer noch aufrecht. Es war ein Wrack, durchlöchert, krachend in allen Fugen, aber es stand!

Das war Lloyds Werk. Lloyd hatte eine Versammlung der Großgläubiger einberufen und war persönlich erschienen, um zu sprechen, was er seit zwanzig Jahren wegen seines Leidens nicht mehr getan hatte. Das Syndikat durfte nicht fallen! Die Zeiten waren verzweifelt und der Fall des Syndikats würde namenloses Unheil in die Welt bringen. Der Tunnel sei zu retten, wenn man weise vorgehe! Würde man jetzt einen taktischen Fehler machen, so sei sein Schicksal entschieden, ein für allemal, und die Entwicklung der Industrie würde um zwanzig Jahre zurückgeworfen werden. Der Generalstreik könne keine drei Wochen mehr dauern, da die Arbeiterheere am Hungertod seien, das Geld käme zurück, die Krise würde im Frühjahr ein Ende haben. Es müßten Opfer gebracht werden. Die Großgläubiger müßten stunden, Geld vorschießen. Die Aktionäre und Shareinhaber aber müßten am 2. Januar ihre Zinsen bei Heller und Pfennig ausgezahlt erhalten, wollte man nicht eine zweite Panik heraufbeschwören.

Lloyd selbst brachte als erster große Opfer. So gelang es ihm, das Syndikat zu halten.

Diese Beratung war geheim. Die Zeitungen verkündeten am anderen Tag, daß die Sanierung des Syndikats in die Wege geleitet sei und die Gesellschaft am 2. Januar wie immer ihren Verpflichtungen gegen Aktionäre und Shareinhaber nachkommen würde.

Der berühmte 2. Januar kam heran.

Am 1. Januar pflegen alle Theater, Konzerthallen, Restaurants in New York überfüllt zu sein.

Dieser 1. Januar aber war tot. Nur in einigen großen Hotels herrschte Leben wie gewöhnlich. Die Trambahnen verkehrten nicht. Die Hochbahnen und die Subway ließen nur vereinzelte Züge laufen, die von Ingenieuren geführt wurden. Im Hafen lagen die verödeten Ozeanriesen mit gelöschten Feuern in den Docken, eingepackt in Nebel und Eis. Die Straßen waren am Abend dunkel, nur jede dritte Lampe brannte, und die Reklametableaus, die sonst mit der Regelmäßigkeit von Leuchtfeuern aufblitzten, waren erloschen.

Schon um Mitternacht stand eine dichtgedrängte Menschenkette vor dem Syndikatgebäude, bereit die Nacht zu durchwachen. Sie alle wollten ihre fünf, zehn, zwanzig, hundert Dollar an Zinsen retten. Es ging das Gerücht, daß das Syndikat am 3. Januar die Pforten schließen werde, und niemand war geneigt, sein Geld zu riskieren. Immer mehr kamen.

Die Nacht war sehr kalt, zwölf Grad Celsius unter Null. Ein feiner Schnee siebte wie weißer Sand aus dem tiefschwarzen Himmel herab, der die oberen Stockwerke der schweigenden Turmhäuser verschlang. Frierend und zähneklappernd schoben sich die Wartenden zusammen, um sich zu wärmen, und erregten einander durch Befürchtungen, Vermutungen und Gespräche über das Syndikat, Aktien und Shares. Sie standen so eng, daß sie recht gut im Stehen schlafen hätten können, aber niemand machte ein Auge zu. Die Angst hielt sie wach. Die Türen des Syndikats könnten am Ende doch geschlossen bleiben! Dann waren ihre Shares plötzlich vollkommen wertlos! Mit blaugefrorenen fahlenGesichtern, die Augen voll von Angst und Besorgnis, harrten sie auf ihr Schicksal.

Das Geld! Das Geld! Das Geld!

Die Arbeit ihres Lebens, Schweiß, Mühe, Demütigungen, schlaflose Nächte, graue Haare, eine vernichtete Seele! Noch mehr: ihr Alter, ein paar Jahre Ruhe bis zum Tod! Wenn sie verloren, so war alles vorbei, zwanzig Jahre ihres Lebens fortgeworfen, Nacht, Elend, Schmutz und Armut ...

Die Angst und Erregung wuchs von Minute zu Minute. Wenn sie ihre Ersparnisse einbüßten, so wollten sie Mac Allan, diesen Champion aller Schwindler, lynchen.

Gegen den Morgen kamen immer größere Scharen. Die Kette stand bis hinauf zur Warrenstreet. So kam der graue Tag heran.

Um acht Uhr ging eine plötzliche Bewegung durch die Menge: im schweigenden, von rauchender Kälte umhüllten Syndikat-Building leuchteten die ersten Lampen auf!

Um neun Uhr — mit dem Glockenschlage! — öffneten sich die schweren Kirchentüren des Gebäudes. Die Menge wälzte sich hinein in das prunkvolle Vestibül und von da aus in die gleißend hellen Kassenräume. Ein Heer von frischgewaschenen, ausgeschlafenen Beamten wimmelte hinter den kleinen Schalterfenstern. Die Einlösung der Kupons ging blitzschnell vonstatten. An allen Schaltern wurden von fliegenden Händen die Dollarnoten auf die Marmorplatte geblättert, das Kleingeld klirrte. Alles wickelte sich ruhig ab. Wer bedient war, wurde von selbst durch die nachschiebende Menge zum Ausgang hinausgepreßt.

Etwas nach zehn Uhr aber gab es eine Stockung. Drei Schalter schlossen gleichzeitig, da ihnen das Wechselgeld ausgegangen war. Das Publikum wurde unruhig und die Beamten der übrigen Schalter wurden von zehn und zwanzigUngeduldigen gleichzeitig bestürmt. Da ließ der Kassenvorstand verkünden, daß die Schalter auf fünf Minuten geschlossen würden. Die Herrschaften möchten Kleingeld bereithalten, da sich die Auszahlung sonst zu sehr verzögere. Die Schalter schlossen.

Die Situation der Wartenden im Schalterraum war keineswegs angenehm. Denn die Menge, von den Zeitungen auf 30000 geschätzt, drängte von draußen gleichmäßig nach. Wie ein Baumstamm vom Mechanismus eines Sägewerks in die Säge geschoben wird, so gleichmäßig wurde die Menschenkette in das Syndikat-Building hineingepreßt und — in Teile aufgelöst — durch den Ausgang nach Wallstreet gedrückt. Ein Mann setzt den Fuß auf die erste Granitstufe. Nach einer Minute hebt ihn die nachdrängende Menge in die Höhe, er steht mit beiden Füßen auf der ersten Granitstufe. Nach zehn Minuten ist er oben und wird langsam durchs Vestibül gemahlen. Nach weiteren zehn Minuten wird er in den Schalterraum gedrückt. Er ist eine mechanische Figur ohne Eigenbewegung geworden, und Tausende vor ihm und hinter ihm absolvieren genau die gleichen Bewegungen in genau der gleichen Zeit.

Infolge der Stockung aber war der riesige Schaltersaal in wenigen Minuten gedrückt voll. Die Leute im Vestibül wurden zum Teil die Treppe zu den oberen Stockwerken hinaufgeschoben.

Die Wartenden an den Schaltern aber konnten die Position nicht länger halten und hatten die hübsche Aussicht, nach zehnstündigem Warten an den Schaltern vorbeigepreßt und gegen den Ausgang gedrückt zu werden. Dann konnten sie sich wieder hinten anreihen.

Sie alle hatten die Nacht schlaflos verbracht, gefroren wie Hunde, nicht gefrühstückt, sie versäumten Zeit, hatten Unannehmlichkeiten in ihren Büros und Geschäften zu erwarten— ihre Laune war die denkbar schlechteste. Sie schrien und pfiffen, und der Lärm setzte sich durchs Vestibül auf die Straße hinaus fort.

Eine ungeheure Erregung ging durch die Menge.

„Die Schalter werden geschlossen!“

„Das Geld ist ihnen ausgegangen!“

Und das Drängen wurde ungeduldiger und gewaltsamer. Kleider wurden abgerissen, und Menschen, die keine Luft bekamen, schrien und fluchten. Manche aber, die getragen wurden und bis zur Brust über die Köpfe hinausragten, heulten laute Verwünschungen.

An den Schaltern stauten sich die Massen zum Ersticken. Schreie, Flüche wurden laut. Ein Chauffeur schlug mit der Faust die Scheibe des Schalters ein und schrie, dunkelrot vor Atemnot im Gesicht: „Mein Geld, ihr Schwindler. Ich habe hier dreihundert Dollar! Gebt mir meine dreihundert Dollar, ihr hundsgemeinen Diebe und Halsabschneider!“

Der Beamte drinnen sah den Schreihals bleich und abweisend an: „Sie wissen genau, daß die Shares unkündbar sind. Sie haben Ihre Zinsen zu fordern, das ist alles!“

Die Scheiben klirrten plötzlich an allen Ecken und Enden und die Clerks begannen nunmehr wieder fieberhaft rasch Geld auszuzahlen. Allein es war zu spät. Das Geschrei, das sich erhob, als die Auszahlung wieder begann, wurde von dem zusammengepreßten Menschenhaufen im Saal und Vestibül mißdeutet, und das Gedränge wurde noch schrecklicher.

Wer den Ausgang erreichen konnte, machte sich so rasch wie möglich davon. Aber auch das gelang nur einzelnen. Plötzlich krachten die Schaltertüren und die Menge wurde in den Kassenraum gepreßt. Die Clerks und Beamten flüchteten, Bücher und Kassetten und Geld zusammenraffend,so gut es ging. Die Menge brandete hinein und im Nu waren die eichenen Schalterwände eingedrückt. Auf diese Weise war Luft entstanden. Die Menge rannte durch alle denkbaren Türen hinaus. Aber nun wirkte der Druck von hinten um so stärker, die Menschenhaufen wurden hineingeschossen. Hier aber fanden sie zu ihrer größten Verblüffung eine zerstörte und geplünderte Bank vor. Umgeworfene Pulte, verstreute Papiere, ausgeschüttete Tinte und Haufen von Kleingeld und zertretenen Dollarscheinen.

Eines aber war klar für sie: ihr Geld war verloren! Hin! Kaputt! Ihr Geld, ihre Hoffnungen, alles!

Das ganze Gebäude heulte vor Wut und Empörung. Man begann zu demolieren, was zu demolieren war. Fenster klirrten, Tische, Stühle zerkrachten und ein fanatischer Jubel brauste auf, so oft es Trümmer gab.

Das Syndikat-Building wurde gestürmt!

Dreißigtausend Menschen — und nach manchen mehr — drängten hinein und wurden die Treppen empor in die oberen Stockwerke geworfen. Die wenigen Schutzleute, die zur Ordnung da waren, waren vollkommen machtlos. Die friedlich Gesinnten suchten irgendwo einen Ausweg, die Wütenden aber suchten sich festzukeilen, wo immer es ging, und ihren Zorn zu befriedigen.

Das Gebäude war an diesem zweiten Januar fast vollkommen verlassen und die meisten Stockwerke gänzlich leer. Um Geld zu sparen hatte man beschlossen, nur die notwendigsten Räume beizubehalten und die frei werdenden Etagen zu vermieten. Die meisten Ressorts waren schon nach Mac City übergesiedelt, andere im Umzug begriffen, die an Anwälte und Firmen vermieteten Etagen aber heute noch nicht im vollen Betrieb.

Das zweite und dritte Stockwerk war angefüllt mit Ballen von Briefschaften, Rechnungen, Quittungen, Plänen, diein den ersten Tagen des Jahres nach den neuen Büros transportiert werden sollten.

Sinnlos in seiner Wut begann der Pöbel diese Ballen durch die Fenster auf die Straße zu werfen und das Treppenhaus damit anzufüllen.

Bis hinauf zum siebenten Stockwerk sah man plötzlich Gesichter an allen Fenstern.

Drei junge, freche Burschen, Mechaniker, kamen sogar bis zu Allan im 32. Stockwerk hinauf!

„Mac muß uns unser Geld geben! Hallo!“ Das war eine bestrickende Idee!

„Go on boy— wir wollen zu Mac!“

Der Liftboy weigerte sich, die lauten Frechdachse zu fahren. Da warfen sie ihn zum Lift hinaus und fuhren ab. Sie lachten und schnitten dem Liftboy, der vor Wut heulte, Grimassen. Der Lift stieg und stieg — und plötzlich wurde es ganz ruhig! Vom zwanzigsten Stock an hörte man das Getöse nur noch wie fernen Straßenlärm.

Der Lift flog an verödeten Korridoren vorbei. Sie sahen nur wenig Menschen, aber die wenigen, die sie sahen, schienen nicht zu ahnen, was da drunten, zwanzig und fünfundzwanzig Stockwerke tiefer vor sich ging. Ein Beamter schloß gleichmütig die Tür seines Büros auf, im 30. Stockwerk saßen zwei Herren mit der Zigarre im Mund auf einem Fenstersims und unterhielten sich lachend.

Der Lift hielt, und die drei Mechaniker stiegen aus und brüllten: „Mac! Mac! Mac, wo bist du! Heraus mit Mac!“

Sie gingen an alle Türen und pochten dagegen.

Plötzlich aber erschien Allan in einer Tür und sie starrten ihn, den sie im Bild so oft gesehen hatten, eingeschüchtert an und konnten kein Wort herausbringen.

„Was wollen Sie?“ fragte Allan ungehalten.

„Unser Geld wollen wir!“

Allan hielt sie für betrunken.

„Geht in die Hölle!“ sagte er und warf die Tür ins Schloß.

Da standen sie und starrten die Tür an. Sie waren gekommen, um aus Mac unter allen Umständen ihr Geld herauszuschlagen, und nun hatten sie keinen Cent erhalten und wurden noch dazu in die Hölle geschickt.

Sie berieten und entschlossen sich abzufahren.

In die Hölle gingen sie nicht, nein, aber durchs Fegfeuer mußten sie doch! Im zwölften Stockwerk stürzten sie durch Rauch und im achten sauste ein brennender Lift voller Feuer und Flammen an ihnen vorbei.

Verstört und halb wahnsinnig vor Schrecken erreichten sie das Vestibül, wo die Woge der nach außen fliehenden Menschen sie mit auf die Straße riß.

Niemand wußte, wie es geschehen war. Niemand wußte, wer es tat. Niemand sah es. Aber es war doch geschehen ...

Im dritten Stock stieg plötzlich ein Mann auf das Fenstersims. Dieser Mann hielt beide Hände als Schalltrichter vor den Mund und gellte unaufhörlich mit voller Kraft der Lungen auf das immer noch ins Gebäude drängende Menschenheer hinab: „Feuer! Das Building brennt! Zurück!“

Der Mann war James Blackstone, ein Bankclerk, den die Menschenmasse in den dritten Stock emporgedrückt hatte. Im Anfang hörte ihn niemand, denn alles ringsum schrie. Aber als das Gellen sich automatisch wiederholte, wandtensich mehr und mehr Gesichter in die Höhe und plötzlich verstand die Straße, was Blackstone im dritten Stock schrie. Sie verstand nicht alles, nur das einzige alarmierende Wort: „Feuer!“ Die Straße sah auch plötzlich, daß das, was wie neblige Kälte aussah, dieser graue Dunst, in dem Blackstone stand, nicht Kälte war, sondern Rauch. Der Rauch verdichtete sich und zog in breiten, trägen Streifen zum Fenster hinaus, um über Blackstones Kopf rasch in die Höhe zu wirbeln. Dann aber begann der Rauch rasch dichter zu werden, zu rollen, zu puffen, und Blackstone verschwand fast gänzlich. Blackstone aber verließ seinen Posten nicht. Er war ein mechanisch gellendes Warnungssignal, das die mit enormer blinder Energie vorwärtsdrängende Masse langsam zum Stillstand und endlich zum Rückzug zwang.

Blackstones Besonnenheit ist es zu danken, daß eine ungeheure Katastrophe vermieden wurde. Sein gellender Schrei weckte die Überlegung der sinnlos gewordenen Masse. Im Building befanden sich zurzeit viele Tausende. Sie strömten den Ausgängen zu, stießen aber hier auf eine Mauer von Menschen. Es schien zunächst, als ob die Menschen auf der Straße neugierig zusehen wollten, was jetzt geschehen würde. Endlich aber, aufgepeitscht durch Blackstones Schreie — wandten sie sich um und stießen hundertfältig Blackstones Warnungssignal aus: „Zurück, das Building brennt!“ Die Menge wurde in die Nebenstraßen gepreßt, sie flutete ab.

Über die breiten Granittreppen des Gebäudes stürzte ein wilder Wasserfall von Köpfen, Armen und Beinen und Strudeln von Menschen, die auf die Straße rollten, sich aufrafften und entsetzt flohen. Sie alle hatten sie gesehen, während sie die Treppen hinabhagelten — da drinnen — die schrecklichen: die brennenden Lifts! Lifts, drei, vier, angefüllt mit brennenden Papierbündeln, die in die Höhe schossen und aus denen das Feuer herabtropfte.

Blackstone wurde plötzlich wieder im Rauch sichtbar. Er wurde rasch größer und auf einmal kam er näher: er war gesprungen! Blackstone stürzte in eine Gruppe Fliehender, und es ist sonderbar, daß niemand verletzt wurde. Die Fliehenden spritzten auseinander wie Schmutz, in den ein Steinblock fällt. Sie erhoben sich alle blitzschnell wieder und nur Blackstone blieb liegen. Man trug ihn fort, aber er erholte sich rasch, er hatte sich nur einen Fuß ausgerenkt.

Von Blackstones erstem Ruf bis zu seinem Sprung waren keine fünf Minuten vergangen. Zehn Minuten später wimmelten Pinestreet, Wallstreet, Thomasstreet, Cedar-, Nassaustreet und Broadway von Löschzügen, qualmenden Dampfspritzen und Ambulanzen. Alle Depots New Yorks spien Löschzüge aus.

Kelly, der Kommandeur der Wehr, erkannte augenblicklich die große Gefahr, in der das Geschäftsviertel schwebte. Er rief sogar „Bezirk 66“ zu Hilfe, das heißt Brooklyn, was seit dem großen Brand des Equitable Buildings nicht mehr geschehen war. Die Nordpassage der Brooklynbrücke wurde gesperrt, und acht Dampfspritzen mit den zugehörigen Zügen flogen über die gespenstisch im Winterdunst hängende Brooklyn-Bridge nach Manhattan. Das Tunnelgebäude qualmte aus allen Fugen wie ein 32stöckiger Riesenofen. Es war umtobt von Schlachtsignalen, warnenden, schauerlichen Hornrufen, gellenden Glockenschreien, trillernden Pfiffen.

Das Feuer war im dritten Stock und in den Lifts gelegt worden, die man in die Höhe sausen ließ. Niemand konnte später sagen, wer diese Teufelei verübt hatte.

Die brennenden Lifts stürzten ab, wie Bergsteiger, denen an einer steilen Wand die Kräfte ausgehen, einer nach dem andern. Aus dem Souterrain prasselte nach jedem Sturz eine Wolke glühenden Staubs empor. Im Vestibül, im Liftschacht dröhnten Kanonenschüsse und knatterte Schnellfeuer:die Hitze zog unter Krachen die Dielen der Schachtverschalung aus den Schrauben. Der Liftschacht wurde zu einer heulenden Säule von glühender Luft, die die brennenden Briefballen mit nach oben riß. Sie durchschlug den Lichtdom, und eine Fontäne von Funken stieß aus dem Dach empor. Das Building verwandelte sich in einen Vulkan, der brennende Papierfetzen und glühende Briefballen ausspie, die wie Raketen in die Luft stiegen und wie Geschosse über Manhattan dahinsurrten.

Um den glühenden Krater da droben aber kreiste in tollkühner Nähe eine Flugmaschine, wie ein Raubvogel, dessen Horst verbrannte: Photographen der Edison-Bio, die das schneebedeckte Hochgebirge von Wolkenkratzern mit dem aktiven Vulkan in der Mitte aus der Vogelperspektive kinematographisch aufnahmen.

Von dem Liftschacht aus kroch das Feuer durch die Türen in die einzelnen Stockwerke.

Die Fensterscheiben flogen mit einem hellen Knall heraus und zerschellten an den gegenüberliegenden Gebäuden. Die eisernen Fensterstöcke wurden von der Hitze gebogen, herausgeschleudert und wirbelten mit dem hohlen surrenden Geräusch von Aeroplanpropellern durch die Luft. Das Zink, mit dem Fensterbleche und Dachrinnen gelötet waren, schmolz und prasselte als glühender Regen herab. (Für diese Zinkklumpen zahlte man später hohe Preise!)

Kelly schlug eine heroische Schlacht. Er legte fünfundzwanzig Kilometer Schlauchleitungen, aus hundertzwanzig Rohren schoß er Hunderttausende von Gallonen Wasser in das brennende Gebäude. Im ganzen verschlang dieser Brand fünfundzwanzig Millionen Gallonen Wasser und er kostete der Stadt New York hundertdreißigtausend Dollar — dreißigtausend mehr als der große Brand des Equitable-Buildings 1911.

Kelly kämpfte mit dem Feuer und mit der Kälte zu gleicher Zeit. Die Hydranten froren ein, die Schläuche barsten. Fußdick lag die Eiskruste auf der Straße. Das Eis schlug einen dicken Mantel um das brennende Gebäude. Pinestreet war fußhoch mit Eiskörnern bedeckt, denn der Wind verwehte das Wasser und verwandelte es in Eislapilli, die auf die Straße herabregneten.

Kelly hatte mit seinen Bataillonen den Feind umzingelt und schlug acht Stunden lang alle Ausfälle zurück. Auf den Dächern ringsum fochten Kellys Bataillone, halb erstickt vom Rauch, mit Eisklumpen bedeckt in einer Kälte von zehn Grad Celsius. Zwischen ihnen schossen Journalisten hin und her und die Kinematographen drehten mit erstarrten Händen die Kurbel. Auch sie arbeiteten bis zur Erschöpfung.

Das Gebäude war aus Beton und Eisen und konnte nicht abbrennen, obwohl es glühte, daß Legionen von Fensterscheiben in der Nachbarschaft platzten. Aber es brannte vollkommen aus.

Allan flüchtete über das Dach der Mercantile Safe Co., das acht Stockwerke unter ihm lag.

Er hatte einige Minuten, nachdem ihn die Frechdachse durch ihr Geschrei herausgelockt hatten, den Ausbruch des Feuers bemerkt. Als Lion taumelnd vor Angst und Aufregung zu ihm geeilt kam, hatte er schon den Mantel angezogen und den Hut auf dem Kopf. Er war dabei, Briefschaften von den Tischen aufzuraffen und in die Taschen zu stecken.

„Das Building brennt, Sir!“ keuchte der Chinese. „Die Lifts brennen!“

Mac warf ihm Schlüssel zu. „Öffne den Tresor und schreie nicht!“ sagte er. „Das Gebäude ist feuersicher.“ Allan war gelb im Gesicht, betäubt von dem neuen Unglück, das über ihn hereinbrach. „Das ist das Ende!“ dachte er. Er war nicht abergläubisch! Aber nach all den Schicksalsschlägen drängte sich ihm der Gedanke auf, daß ein Fluch auf dem Tunnel liege! Ganz mechanisch, ohne recht zu wissen, was er tat, raffte er Zeichnungen und Pläne und Schriftstücke zusammen.

„Der kleine Stift mit den drei Zacken, Lion, flenne nur nicht!“ sagte er, und verwirrt und betäubt wiederholte er ein paarmal: „Flenne nur nicht ...“

Das Telephon schrillte. Es war Kelly, der Allan sagte, er solle über die Ostwand nach dem Dach der Mercantile Safe Co. absteigen. Von Minute zu Minute schrillte das Telephon — es sei höchste Zeit! — bis Allan den Apparat abstellte.

Er ging von Tisch zu Tisch, von Gestell zu Gestell und zog Pläne und Schriftstücke hervor und warf sie Lion zu.

„Das muß alles in den Tresor, Lion! Vorwärts!“

Lion war halb irrsinnig vor Angst. Aber er wagte keine Silbe mehr zu sagen, nur seine Lippen bewegten sich, als ob er einen alten Hausgott anrufe. Mit einem Seitenblick hatte er sich überzeugt, daß ein Gewitter im Gesicht seines Herrn stand, ein Hagelwetter, und er hütete sich, ihn zu reizen.

Plötzlich klopfte es. Sonderbar! In der Türe erschien der Deutschrusse Strom. Er stand in der Türe, in einem kurzen Mantel, den Hut in der Hand, nicht unterwürfig und nicht aufdringlich. Er stand, als habe er die Absicht, geduldig zu warten, und sagte: „Es wird Zeit, Herr Allan.“ Es war Allan rätselhaft, wie Strom heraufgekommen war,aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Es fiel ihm ein, daß Strom in New York war, um mit ihm über die Verringerung des Heeres von Ingenieuren zu sprechen.

„Gehen Sie voran, Strom!“ sagte er unwirsch. „Ich komme schon!“ Und er wühlte weiter in den Stößen von Papieren. Draußen quoll der Rauch an den Fenstern vorbei und in der Tiefe winselten die Signale der Wehren.

Da fiel Allans Blick nach einer Weile wieder gegen die Türe: Strom stand immer noch still wartend, den Hut in der Hand.

„Sie sind noch da?“

„Ich warte auf Sie, Allan,“ erwiderte der bleiche Strom bescheiden und bestimmt.

Plötzlich drang eine Wolke von Rauch ins Zimmer und mit dem Rauch erschien ein Offizier der Wehr mit einem weißen Helm auf dem Kopf. Er hustete und rief: „Kelly schickt mich. In fünf Minuten können Sie nicht mehr aufs Dach, Herr Allan!“

„Ich brauche gerade noch fünf Minuten,“ antwortete Allan und fuhr fort, Papiere aufzuraffen.

In diesem Augenblick wurde das Knipsen eines photographischen Apparates hörbar, und als sie sich umdrehten, sahen sie einen Photographen, der Allan aufs Korn genommen hatte.

Der Offizier mit dem weißen Helm wurde vor Erstaunen einen Schritt zurückgeworfen.

„Wie kommen Sie hierher?“ fragte er verblüfft.

Der Photograph knipste den verblüfften Offizier. „Ich bin hinter Ihnen hergeklettert,“ antwortete er.

Allan mußte trotz seiner Niedergeschlagenheit laut auflachen. „Lion, Schluß, drehe ab! Nun, kommen Sie!“

Ohne einen Blick in sein Arbeitszimmer zurückzuwerfen ging er durch die Türe.

Der Korridor war eine dicke, finstere Masse von ätzendem Qualm. Es war höchste Zeit. Unter unausgesetzten Zurufen erreichten sie die schmale Eisentreppe und das Dach, auf dem an drei Seiten graue Rauchmauern in die Höhe wirbelten und die Aussicht benahmen.

Sie kamen gerade in dem Augenblick oben an, als der Glasdom einstürzte und sich in der Mitte des Daches ein Krater öffnete, der Rauch, Funkenregen, Feuerklumpen und brennende Papierfetzen ausspie. Dieser Anblick war so entsetzlich, daß Lion laut zu jammern anfing.

Der Photograph aber war verschwunden. Er photographierte den Krater. Er richtete die Linse über New York, hinunter in die Straßenschluchten, auf die Gruppe auf dem Dach. Er geriet in eine Raserei zu photographieren, so daß der Offizier sich schließlich gezwungen sah, ihn am Kragen zu packen und zur Leiter zu schleppen.

„Stop, you fool!“ schrie der Offizier wütend.

„Was sagen Sie:fool?“ antwortete der Photograph entrüstet. „Dafür werden Sie bezahlen. Ich kann hier photographieren, solange ich will. Sie haben gar kein Recht —“

„Now shut up and go on!“ schrie der Offizier.

„Was sagen Sie:shut up? Auch dafür werden Sie bezahlen. Mein Name ist Harrisson vom Herald. Sie hören von mir.“

„Meine Herren, haben Sie Handschuhe? Das Fleisch bleibt Ihnen an den eisernen Leitern hängen.“

Der Offizier befahl dem Photographen, als erster abzusteigen.

Aber der Photograph wollte gerade den Abstieg aufnehmen und protestierte.

„Vorwärts,“ sagte Allan. „Verlassen Sie das Dach. Machen Sie keine Dummheiten!“

Der Photograph warf den Riemen über die Schulter und stieg über die Brüstung.

„Sie haben ja allein das Recht, mich von Ihrem Dach zu weisen, Herr Allan,“ sagte er tief gekränkt, während er langsam versank. Und als nur noch sein Kopf sichtbar war, fügte er hinzu: „Aber daß Sie von Dummheiten reden, das bedaure ich, Herr Allan. Von Ihnen hätte ich das nicht erwartet.“

Nach dem Photographen stieg Lion ein, der ängstlich unter sich blickte, dann Strom, hierauf Allan und den Schluß machte der Offizier.

Sie hatten acht Stockwerke abzusteigen, rund hundert Sprossen. Der Rauch war hier gering, aber weiter unten waren die Sprossen so dick mit Eis bedeckt, daß man sie kaum mehr greifen konnte. Unaufhörlich stieb Wasser über sie, das augenblicklich zu Körnern auf den Kleidern und im Gesicht gefror.

Dächer und Fenster der Nachbarschaft waren von Neugierigen punktiert, die dem Abstieg zusahen, der gefährlicher aussah, als er war.

Sie kamen alle wohlbehalten auf dem Dach der Mercantile Safe Co. an, und hier erwartete sie schon der Photograph und kurbelte.

Das Dach sah einem Gletscher ähnlich und ein kleiner spitzer Eisberg näherte sich Allan. Das war der Kommandeur Kelly. Zwischen den beiden, alten Bekannten, wurden folgende Worte gewechselt, die am selben Abend noch in allen Zeitungen standen.

Kelly: „I am glad I got you down, Mac!“

Allan: „Thanks, Bill!“

Bei diesem Riesenbrande, einem der größten Brände New Yorks, verloren wunderbarerweise nur sechs Menschen das Leben: Joshua Gilmor, Kassendiener, mit Kassierer Reichhardt und Kassenvorstand Webster in der Stahlkammer vom Feuer überrascht. Die Schutzgitter werden durchsägt, gesprengt, Reichhardt und Webster gerettet. Als man Gilmor herausziehen will, verschüttet eine Lawine von Schutt und Eis das Gitter. Gilmor fror am Gitter fest.

Die Architekten Capelli und O’Brien. Springen vom 15. Stock ab und zerspritzen auf der Straße. Feuerwehrmann Riwet, vor dessen Füßen sie zerschellen, erleidet einen Nervenchok und stirbt drei Tage später am Schrecken.

Commander Day. Von einem einstürzenden Fußboden des dritten Stockwerkes mit in die Tiefe gerissen und vom Schutt erschlagen.

Der Groom Sin, Chinese. Bei den Aufräumungsarbeiten in einem Eisklumpen eingeschlossen aufgefunden. Zum nicht geringen Entsetzen aller kommt, als man den Klumpen zerschlägt, der fünfzehnjährige Chinese in seinem hübschen blauen Frack zum Vorschein, die Mütze mit den LetternA. T. S.auf dem Kopf.

Heldenhaft war die Handlungsweise des Maschinisten Jim Buttler. Buttler drang in das brennende Gebäude ein und löschte die acht Kesselfeuer in voller Gemütsruhe, während über ihm das Feuer tobte. Er verhütete eine Kesselexplosion, die verhängnisvoll hätte werden können. Jim tat seine Pflicht und verlangte kein Lob. Aber er war nicht so töricht, das Angebot eines Managers zurückzuweisen, der ihn bei einer Monatsgage von 2000 Dollar durch ganz Amerika schleppte und ihn inconcerthallsauftreten ließ.

Drei Monate lang sang Buttler jeden Abend sein kleines Lied:

„Ich bin Jim, der Maschinist vomA. T. S.„Die Flammen brausen über mir,„Ich aber sage: Jim, lösch deine Feuer ...“

New York war erfüllt von Feuerlärm und Brandgeruch.

Während sich noch der Qualm des Brandes über Downtown wälzte und verkohlte Papierstücke aus dem grauen Himmel herabregneten, brachten die Zeitungen das brennende Building, Kellys kämpfende Bataillone, die Bildnisse der beim Brand Verunglückten, den Abstieg Allans und seiner Begleiter.

Das Syndikat wurde totgesagt. Der Brand war eine Einäscherung erster Klasse. Der Schade war trotz der Versicherungen enorm. Verhängnisvoller aber war die Unordnung, die der rasende Pöbel und das Feuer angerichtet hatten. Millionen von Briefen, Quittungen und Plänen waren zerstört. Nach dem amerikanischen Gesetz müssen Generalversammlungen am ersten Dienstag des Jahres abgehalten werden. Der Dienstag fiel vier Tage nach dem Brand, und das Syndikat erklärte an diesem Tage den Konkurs.

Das war das Ende.

Noch am Abend der Konkurserklärung sammelte sich vor dem Central-Park-Hotel, in dem Allan Wohnung genommen hatte, eine Rotte von Gesindel an und pfiff und johlte. Der Manager fürchtete für seine Fensterscheiben und legte Allan Briefe vor, in denen man drohte, das Hotel auffliegen zu lassen, wenn es Allan noch länger beherberge.

Mit einem bitteren, verächtlichen Lächeln gab Allan die Briefe zurück. „Ich verstehe!“ Er siedelte unter fremdem Namen ins Palace über. Am nächsten Tage aber mußte er auch das Palace wieder verlassen. Drei Tage später nahmihn kein Hotel in New York mehr auf! Dieselben Hotels, die früher jeden regierenden Fürsten an die Luft gesetzt haben würden, wenn Allan die Zimmer gewünscht hätte, verschlossen ihm die Tür.

Allan war gezwungen New York zu verlassen. Nach Mac City konnte er nicht übersiedeln, da man gedroht hatte, die Tunnel-Stadt in Brand zu stecken, sobald er sich dort sehen lasse. So fuhr er mit dem Nachtzug nach Buffalo. Die Mac Allanschen Steel Works wurden polizeilich bewacht. Allans Anwesenheit konnte indessen nicht lange geheim bleiben. Man drohte die Steel Works in die Luft zu sprengen. Um Geld zu schaffen hatte Allan die Werke bis auf den letzten Nagel an Mrs. Brown, jene reiche Wucherin, verpfändet. Sie waren nicht mehr sein Eigentum und er durfte sie nicht in Gefahr bringen.

Er ging nach Chicago. Aber auch in Chicago gab es Hunderttausende, die am Tunnel Geld verloren hatten. Man vertrieb ihn auch hier. Die Fensterscheiben des Hotels wurden in der Nacht eingeschossen.

Allan war in Acht und Bann. Noch vor kurzer Zeit war er einer der mächtigsten Männer der Welt, von allen Souveränen mit Auszeichnungen überschüttet, Ehrendoktor einer großen Anzahl von Hochschulen, Ehrenmitglied aller bedeutenden Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften. Jahrelang hatte man ihm zugejubelt und zuweilen nahm die Begeisterung Formen an, die an den Personenkultus früherer Zeiten erinnerte. Kam Allan zufällig einmal in einen Hotelsaal, so schrie sofort irgendeine begeisterte Stimme: „Mac Allan ist im Saal!Three cheers for Mac!“ Eine Meute von Journalisten und Photographen war ihm Tag und Nacht auf den Fersen gewesen. Er konnte kein Wort sprechen, keine Bewegung machen, ohne daß es die Öffentlichkeit hörte und sah.

Nach der Katastrophe hatte man ihn gedeckt. Es handelte sich ja nur um dreitausend Menschenleben! Nun aber handelte es sich umGeld, die Öffentlichkeit war ins Herz getroffen und zeigte ihm ihr geschliffenes Gebiß.

Allan hatte dem Volk Millionen und Milliarden gestohlen! Allan hatte für sein irrsinniges Projekt die Sparpfennige des kleinen Mannes geplündert! Allan war nicht mehr und nicht weniger als ein Highway-robber, ein Wegelagerer! Er und der saubere S. Woolf! Er hatte ja die ganze Tunnelfarce lediglich zu dem Zweck inszeniert, seinem Allanit einen Riesenabsatz zu schaffen — jährlich eine Million Dollar Reingewinn! Sieh dir heute die Allanschen Steel Works in Buffalo an,my dear: eine Stadt! Und gewiß hatte Allan sein Geld in Sicherheit gebracht, bevor es zu krachen begann! Jeder Liftboy und Trambahnkutscher schrie so laut, wie man es nur immer wollte, daß Mac der größte Gauner aller Zeiten war!

Im Anfang gab es noch einzelne Zeitungen, die Allans Partei ergriffen. Aber es regnete Drohungen und nicht mißzuverstehende Winke in die Redaktionen — und was mehr war: niemand kaufte diese Zeitungen mehr! Ja, Tod und Teufel, man wollte doch nicht lesen, was man persönlich nicht dachte und noch dafür bezahlen! Und die Zeitungen, die sich verritten hatten, schwenkten ab und suchten aufzuholen. Es fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dem die Gabe verliehen war, Trinkgelder von richtiger Höhe in die richtige Hand zu drücken.

Allan tauchte in verschiedenen Städten auf, aber immer mußte er wieder verschwinden. Er war der Gast Vanderstyffts in Ohio, aber siehe da, einige Tage später gingen drei Speicher von Vanderstyffts Musterfarm in Flammen auf. Die Prediger in den Betsälen nützten die Konjunktur aus und nannten Allan den Antichrist und machten guteGeschäfte dabei. Niemand wagte es mehr, Allan aufzunehmen. Auf Vanderstyffts Farm erreichte ihn ein Telegramm Ethel Lloyds.

„My dear Mr. Allan,“ depeschierte Ethel, „Papa bittet Sie, auf unserm Gut Turtle-River, Manitoba, Wohnung zu nehmen, so lange Sie wollen. Pa würde sich sehr freuen, wenn Sie sein Gast wären. Sie können dort Forellen fischen und finden gute Pferde vor. Besonders Teddy empfehle ich Ihnen. Wir kommen im Sommer zu Ihnen. New York fängt schon an ruhiger zu werden.Well, I hope you have a good time. Yours truly Ethel Lloyd.“

In Kanada fand Allan endlich Ruhe. Niemand kannte seinen Aufenthalt. Er war verschollen. Einige Zeitungen, die von sensationellen Lügen lebten, brachten die Aufsehen erregende Nachricht, daß er sich getötet habe.

„Der Tunnel verschlingt Mac Allan!“

Aber jene, die ihn kannten und wußten, daß er sechs Leben habe wie der Hai, prophezeiten, daß er bald wieder auftauchen werde. Und in der Tat kehrte er früher nach New York zurück, als jemand geahnt hatte.

Der Zusammenbruch des Syndikats hatte noch Hunderte mit in die Tiefe gerissen. Viele Privatleute und Firmen, die der erste Stoß erschüttert hatte, hätten sich zu behaupten vermocht, wenn man ihnen ein paar Wochen Frist gegeben haben würde. Der zweite Stoß rannte sie nieder. Im großen und ganzen aber waren die Folgen des Bankrotts weniger verderbenbringend, als man befürchtet hatte. Der Bankrott kam nicht unerwartet. Sodann: die allgemeine Lage war so schlecht, daß sie kaum noch schlechter werden konnte. Es war die traurigste und elendeste Zeit seit hundert Jahren. Die Welt war um zwanzig Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen worden. Der Streik begann abzuflauen, aber Handel, Verkehr, Industrie lagen noch immerin einer tiefen Ohnmacht. Bis hinauf nach Alaska, bis hinein in die Berge des Baikal und die Wälder am Kongo war die Betäubung gedrungen. Auf dem Missouri-Mississippi, dem Amazonenstrom, der Wolga, dem Kongo lagen Flotten von Dampfern und Leichtern ohne Leben.

Die Asyle für Obdachlose waren überfüllt, ganze Stadtviertel in den großen Städten verarmt. Jammer, Hunger und Elend überall.

Es war Torheit zu behaupten, Allan habe diese Lage verschuldet. Wirtschaftliche Krisen aller Art spielten herein. Aber man behauptete es. Die Zeitungen hörten nicht auf, Allan anzuklagen. Sie schrien Tag und Nacht, daß er dem Volk mit falschen Vorspiegelungen das Geld aus der Tasche gelockt habe. Nach siebenjähriger Bauzeit sei noch nicht ein Drittel des Tunnels vollendet! Niemals, niemals habe er daran geglaubt, den Bau in fünfzehn Jahren bewältigen zu können, und das Volk schamlos belogen!

Endlich, Mitte Februar, erschien in den Zeitungen ein Steckbrief hinter Mac Allan, Erbauer des Atlantic-Tunnels. Allan wurde angeklagt, das öffentliche Vertrauen bewußt getäuscht zu haben.

Drei Tage später hallte New York wider von dem Geheul der Zeitungsverkäufer: „Mac Allan in New York! Stellt sich dem Gericht!“

Die Konkursverwaltung des Syndikats bot eine ungeheure Kaution, ebenso Lloyd, aber Allan wies beide Angebote zurück. Er blieb in den „Tombs“, im Untersuchungsgefängnis der Franklinstreet. Täglich empfing er auf einige Stunden Strom, in dessen Hände er die Verwaltung des Tunnels gelegt hatte und konferierte mit ihm.

Strom hatte mit keiner Miene, keinem Wort sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß Allan in diese mißliche Lagegekommen sei, nicht mit einem Lächeln seine Freude, ihn wiederzusehen. Er referierte, nichts sonst.

Allan war angestrengt tätig, so daß ihm die Zeit nicht lang wurde. Er speicherte ein Depot an Gehirn auf, das sich später (später!) in Muskelkraft umsetzen sollte. Während seiner Internierung in den „Tombs“ arbeitete er die Baumethode für die einstollige Fortführung des Tunnels aus. Außer Strom empfing er nur seine Verteidiger, sonst niemand.

Ethel Lloyd ließ sich einmal bei ihm melden, aber er wies sie ab.

Der Prozeß Allans begann am 3. April. Schon Wochen vorher war jeder einzelne Platz des Verhandlungssaales belegt. Man bezahlte Unsummen für die Vermittlung eines Platzes. Es kamen die frechsten und schamlosesten Durchstechereien vor. Besonders die Damen gebärdeten sich wie toll: sie alle wollten sehen, wieEthel Lloyd sich benehmen würde!

Den Vorsitz führte der gefürchtetste Richter von New York, Doktor Seymour.

Mac Allan standen die vier ersten Verteidiger der Staaten zur Seite, Boyer, Winsor, Cohen und Smith.

Der Prozeß dauerte drei Wochen, und drei Wochen lang befand sich Amerika in ungeheurer Erregung und Spannung. Der Prozeß war die minuziöse Geschichte der Gründung des Syndikats, der Finanzierung, des Baus und der Verwaltung des Tunnels. Auch sämtliche Unfälle und die Oktober-Katastrophe wurden ausführlich erörtert. Die Damen, die bei der Vorlesung vollendeter Dichtungen einschlafen, blieben bei all diesen Einzelheiten, die niemand verstehen konnte, der nicht mit der Materie genau vertraut war, gespenstisch wach.

Ethel Lloyd fehlte keine Stunde. Während der ganzenDauer der Verhandlung saß sie, aufmerksam lauschend, fast ohne Bewegung in ihrem Sessel.

Allan erregte große Sensation und auch einige Enttäuschung. Man hatte erwartet, ihn, auf dem das Schicksal herumhämmerte, gebrochen und müde zu sehen, um ihn bemitleiden zu können. Aber Allan dankte, er sah genau aus wie früher. Gesund, kupferhaarig, breitschulterig, genau dieselbe Art, scheinbar zerstreut und gleichgültig zuzuhören. Er sprach dasselbe breite, langsame, wortkarge westliche Amerikanisch, das zuweilen noch an den Pferdejungen von Uncle Tom erinnerte.

Großes Aufsehen erregte auch Hobby, der als Zeuge zugezogen worden war. Sein Anblick, seine hilflose Art zu sprechen, erschütterten. War dieser Greis Hobby, der auf einem Elefanten durch den Broadway ritt?

Allan brach sich selbst das Genick. Zum größten Schrecken seiner vier Verteidiger, die seinen Freispruch schon beschworen hatten.

Der Angelpunkt des ganzen Prozesses war natürlich die von Allan angegebene Bauzeit von fünfzehn Jahren. Und am siebzehnten Tage des Prozesses tastete sich Doktor Seymour vorsichtig an diesen heiklen Punkt heran.

Nach einer kurzen Pause begann er ganz harmlos: „Sie verpflichteten sich, den Tunnel im Laufe von fünfzehn Jahren zu bauen, also nach Ablauf der fünfzehn Jahre die ersten Züge laufen zu lassen?“

Allan: „Ja.“

Doktor Seymour, leichthin, dabei rügend ins Publikum blickend: „Waren Sieüberzeugt, den Bau in dieser Zeit fertigstellen zu können?“

Alle Welt erwartete nun, Allan würde die Frage bejahen. Allan aber tat es nicht. Seine vier Verteidiger rührte nahezu der Schlag, als er den Fehler beging, die Wahrheit zu sagen.

Allan erwiderte: „Überzeugtwar ich nicht. Aber ich hoffte untergünstigenVerhältnissen den Termin einhalten zu können.“

Doktor Seymour: „Rechneten Sie mit diesengünstigenVerhältnissen?“

Allan: „Ich war natürlich auf die eine oder andere Schwierigkeit gefaßt. Der Bau konnte unter Umständen zwei, drei Jahre länger dauern.“

Doktor Seymour: „Also waren Sieüberzeugt, den Bau nicht in fünfzehn Jahren fertigstellen zu können?“

Allan: „Das sagte ich nicht. Ich sagte, ich hoffte es, wenn alles gut ging.“

Doktor Seymour: „Sie gaben den Termin von fünfzehn Jahren an, um das Projekt leichter starten zu können?“

Allan: „Ja.“

(Die Verteidiger saßen wie Leichname.)

Doktor Seymour: „Ihre Wahrheitsliebe macht Ihnen alle Ehre, Herr Allan.“

Mac sagte die Wahrheit und hatte sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben.

Doktor Seymour begann sein „summing-up“. Er sprach von zwei Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts. Die Damen, die bleich vor Zorn werden, wenn sie in einem Geschäft fünf Minuten warten müssen, hielten bis zum Schluß aus. Er rollte das ganze schaurige Panorama von Unheil auf, das der Tunnel in die Welt gebracht hatte: Katastrophe, Streik, Bankrotte. Er behauptete, zwei Menschen wie Mac Allan seien imstande, die ganze wirtschaftliche Welt zu ruinieren. Allan sah ihn erstaunt an.

Am nächsten Tag um neun Uhr morgens begannen die Plädoyers der Verteidiger, die bis spät in die Nacht währten. Die Verteidiger legten sich flach über den Tisch und streichelten die Geschworenen unter dem Kinn ...

Dann kam der Tag der größten Spannung. Tausende von Menschen umdrängten das Gerichtsgebäude. Sie alle hatten durch Allan zwanzig, hundert, tausend Dollar verloren. Sie verlangten ihr Opfer und sie bekamen es.

Die Geschworenen wagten es gar nicht, Allans Schuld zu verneinen. Sie hatten keine Lust, mit einer Dynamitbombe in die Höhe zu gehen oder auf der Treppe ihres Hauses niedergeschossen zu werden. Sie sprachen Allan der bewußten Irreführung des Publikums, kurz des Betruges schuldig. Wiederum fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dessen Hände golden abfärbten.

Das Urteil lautete auf sechs Jahre drei Monate Gefängnis.

Es war eines jener amerikanischen Urteile, die Europa nicht fassen kann. Es war unter dem Druck des Volkes und der momentanen Lage gegeben. Auch politische Motive spielten herein. Die Wahlen standen bevor und die republikanische Regierung wollte der demokratischen Partei schmeicheln. Allan hörte das Urteil mit ruhiger Miene an und legte sofort Revision ein.

Das Auditorium aber war einige Minuten völlig erstarrt.

Dann aber sagte eine empörte, bebende Frauenstimme: „Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in den Staaten. Die Richter und Geschworenen sind von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen!“

Das war Ethel Lloyd. Diese Bemerkung kostete sie ein kleines Vermögen und dazu zehntausend Dollar für Anwälte. Und da sie während ihres Prozesses, der enormes Aufsehen erregte, den Gerichtshof abermals beleidigte, bekam sie drei Tage Haft wegen Ungebühr. Ethel Lloyd bezahlte aber freiwillig keinen Pfennig. Sie ließ sich pfänden. Und zwar übergab sie dem Gerichtsvollzieher zwei Paar Handschuhe mit Brillantknöpfen.

„Bin ich mehr schuldig?“ fragte sie.

„Nein, danke,“ antwortete der Beamte und zog mit den Handschuhen ab.

Als aber die Zeit herankam, da Ethel ins Loch wandern sollte, hatte sie keine Lust. Drei Tagejail?No, Sir!Sie riß aus an Bord ihrer Dampfjacht „Goldkarpfen“ und kreuzte in zwanzig Meilen Entfernung von der Küste, wo ihr niemand etwas anhaben konnte. Stündlich sprach sie funkentelegraphisch mit ihrem Vater. Die Funkenstationen der Zeitungen fingen alle Gespräche ab und New York amüsierte sich acht Tage lang. Der alte Lloyd lachte Tränen über seine Tochter und vergötterte sie noch mehr. Da er aber ohne Ethel nicht leben konnte, so bat er sie schließlich zurückzukehren. Er sei nicht wohl. Sofort richtete Ethel den Bug des „Goldkarpfens“ gegen New York, und hier fiel sie prompt in die Hände der Gerechtigkeit.

Ethel brummte drei Tage und die Zeitungen zählten die Stunden bis zu ihrer Befreiung. Ethel kam lachend heraus und wurde von einem Park von Automobilen empfangen und im Triumph nach Hause gebracht.

Unterdessen aber saß Allan im Staatsgefängnis von Atlanta. Er verlor nicht den Mut, denn er nahm das Urteil nicht ernst.

Im Juni nahm die Revision des Prozesses ihren Anfang.

Der Riesenprozeß wurde abermals aufgerollt. Das Urteil aber blieb unangetastet und Allan kehrte nach Atlanta zurück.

Die Sache Allan ging an den Supreme Court. Und nach drei weiteren Monaten wurde der letzte Prozeß geführt. Es wurde Ernst und ging um Allans Hals.

Die finanzielle Krise war unterdessen abgeflaut. Handel, Verkehr, Industrie begannen sich zu erholen. Das Volk hatte seinen fanatischen Haß verloren. Aus hundert Anzeichen merkte man, daß jemand an der Arbeit war, Allans Sache zu ordnen. Man behauptete, es sei Ethel Lloyd.Die Zeitungen brachten günstiger gefärbte Artikel. Die Geschworenen waren ganz anders zusammengesetzt.

Allans Aussehen befremdete, als er vor dem Supreme Court erschien. Seine Gesichtsfarbe war fahl und ungesund, seine Stirn von tiefen Falten durchfurcht, die auch blieben, wenn er sprach. Er war grau geworden an den Schläfen und stark abgemagert. Der Glanz seiner Augen war erloschen. Zuweilen schien er ganz teilnahmlos.

Die Aufregungen der letzten Monate, die Prozesse hatten ihn nicht niederwerfen können. Aber die Haft in Atlanta hatten seine Gesundheit untergraben. Ausgeschaltet vom Leben und von Aktivität mußte ein Mann wie Allan zugrunde gehen; wie eine Maschine zusammensackt, wenn sie zu lange stillsteht. Er wurde ruhelos und schlief schlecht. Entsetzliche Träume bekamen Gewalt über ihn, so daß er sich am Morgen gemartert erhob. Der Tunnel verfolgte ihn mit Schrecknissen. Es donnerte in seinen Träumen und das Weltmeer brach in die Stollen und Tausende trieben wie ertrunkene Tiere zu den Tunnelmündungen hinaus. Der Tunnel saugte wie ein Trichter: er verschlang Maschinenhallen und Häuser, die Tunnelstadt glitt in den Schlund hinein, Dampfer, Wasser und Erde, New York begann sich zu neigen und zu sinken. New York brannte lichterloh und er flüchtete über die Dächer der zusammenschmelzenden Stadt. Er sah S. Woolf in drei Teile geschnitten und alle drei Teile lebten und flehten ihn um Gnade an.

Der Supreme Court sprach Allan frei. Der Freispruch wurde mit großem Jubel aufgenommen. Ethel Lloyd schwenkte das Taschentuch wie eine Fahne. Allan mußte unter Bedeckung zu seinem Wagen gebracht werden, da man ihn in Stücke gerissen hätte, um ein Andenken zu haben. Die Straßen rings um das Gebäude hallten wider: „Mac Allan! Mac Allan!“

Der Wind blies wieder aus der andern Richtung.

Allan aber hatte nur noch einen Gedanken, den er mit dem letzten Rest von Energie verfolgte: Einsamkeit, keine Menschen ...

Er begab sich nach Mac City.


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