Chapter 3

(Die Bedienten folgen ihm.)

Flottwell (zu dem letzten der Diener). Der Herr ist schwer erkrankt! Ist er geliebt? Wünscht man ihm langes Leben?

Diener (schüttelt den Kopf und sagt gleichgiltig). Er ist ein geiziger Filz, den niemand leiden kann, und in einigen Wochen wirds wohl mit ihm zu Ende gehn. Adieu! (Folgt den andern in den Garten nach.)

Flottwell (sieht gegen Himmel und schlägt die Hände zusammen). O Flottwells Schloß, was beherbergst du für Menschen jetzt! Was soll ich nun beginnen? Die wenigen Taler, die ich noch besaß, hab ich auf meiner mondenlangen Wanderung verzehrt. Ich hab gespart und trocknes Brot gegessen, und doch besitze ich nicht einen Pfennig mehr. Dort mein altes Schloß! (Sieht nach der Ruine in der Ferne.) Es ist zum Sinnbild meines jetzgen Glücks zusammgestürzt. (Er bleibt mit verschränkten Armen nachdenkend stehen.)

Vierter Auftritt

Voriger. Valentin, in bürgerlicher Tracht als Tischlermeister, einen Hobel im Sack, kommt trillernd. Er hat schon dunkelgraues Haar.

Valentin.Wenn ein Tischler früh aufsteht,Tralalala—(Sieht Flottwell.)

Schau, schau, da ist ein armer Mann. Ich muß ihm doch was schenken. (Er nimmt einen Groschen aus dem Sack und will ihn Flottwell reichen, doch stutzt er, als er ihn erblickt.) He Alter! (Flottwell kehrt sich gegen ihn.) Was ist—Ich weiß nicht, dieses Gsicht—das Gsicht ist mir bekannt— jetzt trau i ihm fast den Groschen gar nicht zu geben—

Flottwell. Was wollt Ihr denn?

Valentin (noch gereizter). Die Stimm—das wird doch nicht?(Er zittert.) Sie, hören S'—das wär entsetzlich Bitt umVerzeihung! Sie, kennen Sie das Schloß?

Flottwell (gerührt). Ob ich es kenne, Freund? Es war ja einst mein Eigentum!

Valentin (schreit rasch). Mein gnädger Herr! (Eine Mischung von Freude, Wehmut und Erstaunen macht ihn erzittern, er weiß sich nicht zu fassen. Ruft noch einmal.) Mein gnädger Herr! (Die Tränen treten ihm in die Augen, er küßt ihm stumm die Hand.)

Flottwell. Wer bist du, Freund?

Valentin. Der Valentin. Kennen mich Euer Gnaden denn nimmermehr? Der Tischlergsell, der einmal bei Ihnen gearbeitet hat und den Sie als Bedienten aufgenommen haben, weil er Ihnen so gut gfallen hat.

Flottwell (gutmütig). Valentin? der gute ehrliche Valentin.Und du erinnerst dich noch meiner?

Valentin. Ob ich mich erinnere? O Gott! Euer Gnaden waren ja so gut mit mir und haben mir ja so viel geschenkt. Einen Dukaten hab ich mir noch aufgehoben, (gutmütig) aber die andern hab ich alle ausgegeben.

Flottwell. Und geht es dir gut?

Valentin. Nu mein! Wies halt einen armen Tischler gehn kann.Auf dem Land ist ja nicht viel zu machen. Ich bin zufrieden.

Flottwell. Dann bist du glücklich!

Valentin. Nu, man nimmts halt mit, solang als Gott will. AberEuer Gnaden scheinen mir gar nicht zufrieden zu sein.

Flottwell. Nicht wahr, ich hab mich sehr geändert?

Valentin (verlegen). Ah nein! nein! Euer Gnaden schauen gut aus— gut—recht gut. A bissel strapaziert, aber—(Beiseite.) Das kann man ja einen solchen Herrn nicht sagen.

Flottwell. Mein guter Valentin, nun kann ich dich nicht mehr beschenken.

Valentin. Beschenken? Euer Gnaden werden mich doch jetzt nicht mehr beschenken wollen. Da müßt ich Euer Gnaden richtig völlige Grobheiten antun. (Faßt sich.) Bitt um Verzeihung! Ich red manchmal, als wenn ich Hobelschatten im Kopf hätt. Seit ich wieder Tischler bin, hab ich mein ganze Politur verloren.

Flottwell (für sich). Soll ich mich ihm entdecken?

Valentin (für sich). Ich trau mir ihn gar nicht zu fragen.Mir scheint, er ist voll Hunger.

Flottwell. Gehst du nach Hause?

Valentin. Nein! Ich soll im Wirtshaus drüben die Tür zusammnageln, weil s' gestern einen hinausgeworfen haben, und da ist er ihnen a bissel angekommen an die Tür, und da hat s' einen Sprung kriegt. Und dann hab ich der Schulmeisterin eine neue Linier machen müssen. Sie hat s' an ihren Mann abgeschlagen, weil sie ihn manchmal liniert.

Flottwell (kämpft mit sich, seufzt, greift sich an die Stirne und sagt dann). Nun so leb wohl! (Will gehn.)

Valentin (hält ihn auf). Wo wollen denn Euer Gnaden hin? Euer Gnaden werden mir doch nicht wieder davonlaufen? Jetzt hab ich ja erst die Ehr gehabt zu sehen. (Beiseite.) Wann ich nur wüßte, wie ich das Ding anstellen soll?

Flottwell (seufzt). Was willst du denn noch?

Valentin. Euer Gnaden verzeihen—Aber—Sagen mir Euer Gnaden aufrichtig: Sein Euer Gnaden heut schon eingeladen?

Flottwell (lächelt). Nein, lieber Mann!

Valentin. Dürft ich wohl so frei sein und dürft mir die Ehr ausbitten, auf eine alte Hausmannskost?

Flottwell (gerührt). Ich danke dir. Rechtschaffener Mensch!Ich komme.

Valentin. Nichts kommen. Ah beleib. Ich laß Euer Gnaden nimmer aus. Die sollen sich ihre Tür selbst zusammennageln. Ich muß mit meinen gnädigen Herrn nach Haus gehn jetzt.

Flottwell. So komm!

Valentin. Aber das sag ich gleich, so gehts bei mir nicht zu,wies einmal bei uns da (aufs Schloß deutend) zugegangen ist—Ah—(Schlagt sich aufs Maul.) Schon wieder so einHobelschattendiskurs.

Flottwell. Ich werde mit allem zufrieden sein.

Valentin. Nichts! Nein! Wird nicht so schlecht ausfallen, ich koch ja selbst. Ah, wir werden uns schon zusammnehmen, ich und meine Alte. Wird sich schon wo ein übertragens Geflügelwerg finden. Solang der Valentin was hat, werden Euer Gnaden nicht zugrund gehen. Jetzt werden wir unsern Einzug halten. Ah, so kanns nicht ablaufen. Euer Gnaden müssen eine Auszeichnung haben. Ich geh voraus, und Euer Gnaden kommen nach; und alle meine Kinder müssen Spalier machen, und wie Euer Gnaden eintreten, müssen s' schreien, daß ihnen die Brust zerspringen möchte: Vivat! unsern Vatern sein gnädiger Herr soll leben!

Flottwell. Guter Valentin.

Valentin. Das ist ein Leben auf der Welt!

(Flottwell geht Arm in Arm mit ihm ab.)

Fünfter Auftritt

Verwandlung

Tischlerstube. Eine Hobelbank. Tischlerwerkzeuge hangen an der Wand. Tisch und Stühle. Links ein Fenster. Rechts eine Seitentür.

Liese jagt den Michael, der eine Pudelmütze aufhat und Bücher mit einem Riemen zusammengeschnürt, aus dem Kabinett heraus. Hiesel sägt bei der Hobelbank.

Liese. Wart, du Spitzbub, wann die Mutter nach Haus kommt! Ich werd dir naschen lernen. Kaum kommt er nach Haus, so hat man schon wieder Gall.

Michael (weinend). Die Mutter hat mirs erlaubt.

Liese (reißt dem Hiesel die Säge aus der Hand). Stehn laß, sag ich. Wenn du den Vatern was ruinierst.

Hiesel. Ich arbeit schon so gut als wie der Vater. (Hämmert.)

(Pepi will aus dem Kabinett herausgehn, fällt aber nieder und weint.)

Liese. Den Buben hebts auf! (Sie hebt ihn auf, er hat noch das Kinderröckchen an, und stellt ihn auf den Tisch.) Jetzt ist er noch nicht angezogen. (Sie zieht ihm sein Kamisol an.)

Michael (zupft sie am Kleid). Den Schlüssel gib mir, daß ich meine Schulbücher aufheben kann.

Liese. Laß mich gehn, ich muß den Buben anziehn. Wann die Mutter kommt! Es ist schon elf Uhr.

Hansel. Hiesel, komm heraus, wir steigen in Taubenkobel hinauf.

Liese. Nein, wenn die Buben aus der Schul zu Haus kommen, ists nicht zum Aushalten. (Hiesel hämmert.) Hörst nicht zum hammern auf?

(Eine Gans lauft herein und frißt.)

Michael (der nach dem Ausgang deutet). Das Fleisch geht über.

Liese (setzt den kleinen Buben mitten ins Zimmer, der schreit).Auf den kleinen Buben gebts acht! (Läuft hinaus.)

Hansel (ruft). Hiesel, aussa geh!

Sechster Auftritt

Vorige. Valentin. Flottwell.

Valentin. Spazieren Euer Gnaden nur herein! (Hansel geht vom Fenster weg.) Fallen Euer Gnaden nicht über den Buben. Wer hat ihn denn da mitten ins Zimmer hergesetzt? Ich bitt um Verzeihung, es ist alles in Unordnung. Einen saubern Sessel heraus! (Michael lauft ins Kabinett und bringt einen holzernen Stuhl.) Jagts die Gans hinaus! die Hobelschatten weg! (Hiesel tut es. Valentin zu Michael.) Einen Polster bring! (Michael läuft fort und stolpert.) Jetzt wirft er das Leimpfandel um. Wie gfallt Euer Gnaden denn die Wirtschaft? (Michael bringt einen Bettpolster.) Was treibst du denn, hättest gar eine Tuchet gebracht. (jagt ihn fort damit. Zu Flottwell.) Ich bitt, Platz zu nehmen. Lieserl, wo bist du denn? Komm doch herein. Alle Kinder! (Liese, alle Kinder bis auf Hans.) Wo ist denn der Hansel?

Liese. Der ist schon wieder draußen.

Valentin (wirft einen Blick durchs Fenster). Da hab ich die Ehre, meine Familie aufzuführen. Eins—zwei—drei—vier, und der fünfte sitzt auf den Taubenkobel oben. Mein Weib wird gleich nach Haus kommen. Die wird ein Vergnügen haben. Hansel! komm herein geschwind.

Hansel (innen, ruft). Ich kann ja nicht so geschwind heruntersteigen!

Valentin. So fall herunter. Jetzt da gehts her, Kinder. Da stellt euch im Kreis herum! (Hansel kommt.) Da schauts den Herrn an. Das ist mein lieber guter gnädiger Herr, von dem ich euch so viel erzählt hab. Der hat euren Vatern und viel hundert Menschen Gutes getan. Gehts hin und küßt ihm alle die Händ.

(Die Kinder tun es. Unterdessen sagt)

Hansel. Vater, der sieht ja gar nicht aus als wie ein gnädiger Herr.

Valentin. Bist still. Du bist kein Kenner. Was verstehst denn du von gnädigen Herren.

(Hansel tut es auch.)

Pepi. Euer Gnaden, Pepi auch Hand küssen.

Valentin. Das jüngste Kind meiner Laune, Euer Gnaden.

Liese (verlegen). Euer Gnaden! Unser Herr Vater hat uns halt so viel Gutes, Liebes und Schönes von Euer Gnaden gesagt, daß wir uns recht freuen, Euer Gnaden kennenzulernen.

Flottwell. Gott! (Sinkt von Schmerz und Scham überwältigt in den Stuhl und verhüllt mit beiden Händen das Gesicht.)

Liese (leise). Vater, der Herr bedauert mich recht. Dem muß ja gar schlecht gehn!

Valentin (ebenso). Tuts nichts dergleichen, wir werden schon darüber reden! (Liese geht ab.) Gehts jetzt, Kinder, gehts ein wenig in den Hof hinaus. (Zu Hiesel.) Du schaust dich drauß um die fetteste Enten um. (Zu Michael.) Und du suchst dein Mutter auf. Sie soll gleich nach Haus kommen. (Kinder ab.) Mein Gott, die Kinder, die wissen noch nichts von der Welt. (Seufzt.) Ja ja! Sein Euer Gnaden nicht so betrübt. Ich hab selbst nicht zuviel. Aber Euer Gnaden dürfen mir nicht zugrunde gehen. Aber erzählen mir Euer Gnaden doch einmal, wie ist denn das Unglück so gekommen?

Flottwell. Ich lebte durch acht Jahre mit meiner edlen Gemahlin, die mir in London einen Sohn geboren hatte, ganz glücklich. Jedoch auf einer Reise nach Südamerika, von welcher sie mich vergebens abzuhalten suchte, als hätte sie mein Unglück geahnet, entriß mir der Tod beide. Ich ging nach London zurück, suchte Zerstreuung. Mein Aufwand stieg. Ich ließ mich in großartige Spekulationen ein, die mir nur Ruhm, aber keinen Gewinn bringen konnten, und nach mehreren Jahren sah ich mein Vermögen bis auf einen kleinen Rest geschmolzen. Nun ward mir bange, ich beschloß, nach meinem Vaterland zurückzukehren, mit dem festen Vorsatz, mich in jeder Hinsicht einzuschränken. Ich kam nach Deutschland—ein unglücklicher Gedanke hieß mich Wiesbaden besuchen. Hier war die Grenze meines Leichtsinns. Nach zwanzig Jahren spielte ich wieder einmal in der Hoffnung, mein Vermögen zu vermehren, ich gewann, spielte fort und verlor alles. Alles. Mußte meine Garderobe zurücklassen und mit zwanzig Talern die weite Reise nach meiner geliebten Heimat, wohin es mich mit unwiderstehlicher Gewalt zog, zu Fuße machen, und so bin ich zum Bettler nun verarmt.

Valentin. Das ist freilich eine traurige Geschichte, aber es ist halt notwendig, daß man s' erfahrt. Aber verzeihen mir Euer Gnaden, Euer Gnaden sein doch ein bissel selber schuld. Es schickt sich nicht, daß ich das sag. Aber ein Herr, der so dagestanden ist wie Euer Gnaden—Es ist zum Totärgern—Ich kann mir nicht helfen, ich red halt, wie ichs denke.

Flottwell. Du hast recht. Oh, jetzt erst treten alle Warnungen vor meine Seele, die ich aus Stolz und Übermut verschmähte, Cheristane und das grauenvolle Bild des geheimnisvollen Bettlers, der mich so lange Zeit verfolgt und dessen Abkunft ich wohl nie enträtseln werde.

Valentin. Nun sein Euer Gnaden nur beruhigt. Wie ich gesagt hab. Alles, was in meinen Kräften steht. Haben Euer Gnaden nur die Gnad und gehen Euer Gnaden derweil allergnädigst in das andere Zimmer hinein, daß wir da ein wenig zusammenräumen können. Es schaut gar so innobel aus. Schauen sich Euer Gnaden ein wenig um drinnen. Da werden Euer Gnaden etwas darin sehen, was Euer Gnaden gewiß erfreuen wird. (Er geleitet ihn bis an die Tür.)

Flottwell. O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich erst, wenn unsere Sonne untergeht. (Ab.)

Valentin. Das ist eine schöne Rede, aber ich hab sie nicht verstanden. Lisi, Kinder, gehts herein!

(Liese. Hiesel. Hansel.)

Liese. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Habt ihr euren Vatern gern?

Alle drei. Ja!

Valentin. Wollt ihr ihm eine Freude machen?

Alle drei. Ja, lieber Vater!

Valentin. Verdruß habt ihr mir schon genug gemacht. Seid mit dem Herrn da drin recht gut und höflich. Er wird bei uns im Haus bleiben. Ich laß ihn nimmer fort. Und redet der Mutter auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gäh.

Kinder. Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit ihr.

Valentin. So? Ja was die Eltern jetzt den Kindern für Kummer und Sorgen verursachen, das ist außerordentlich. Also geht hinein zu ihm. Ich komm gleich wieder, ich muß nur die Tür in Wirtshaus machen. Und vergeßt nicht, was ich gesagt hab. Er ist unglücklich. Mit unglücklichen Menschen muß man subtil umgehen. Die glücklichen können schon eher einen Puff aushalten.

(Kinder ab ins Kabinett.)

Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch denkt, der Himmel lenkt.

LiedDa streiten sich die Leut herumOft um den Wert des Glücks,Der eine heißt den andern dumm,Am End weiß keiner nix.Da ist der allerärmste MannDem andern viel zu reich.Das Schicksal setzt den Hobel anUnd hobelt s' beide gleich.Die Jugend will halt stets mit GwaltIn allen glücklich sein,Doch wird man nur ein bissel alt,Da find man sich schon drein.Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!Das bringt mich nicht in Wut.Da klopf ich meinen Hobel ausUnd denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit VerlaubUnd zupft mich: Brüderl, kumm!Da stell ich mich im Anfang taubUnd schau mich gar nicht um.Doch sagt er: Lieber Valentin!Mach keine Umständ! Geh!Da leg ich meinen Hobel hinUnd sag der Welt Adje. (Ab.)

RepetitionEin Tischler, wenn sein War gefällt,Hat manche frohe Stund,Das Glück ist doch nicht in der WeltMit Reichtum bloß im Bund.Seh ich soviel zufriednen Sinn,Da flieht mich alles Weh.Da leg ich nicht den Hobel hin,Sag nicht der Kunst Adje! (Ab.)

Siebenter Auftritt

Flottwell mit einem Bilde in der Hand, sein Bild in jungenJahren vorstellend. Liese. Hans. Hiesel.

Flottwell. Wie freut mich das, mein Bild in eurem Haus zu finden. Ich könnt es nicht in bessern Händen wissen. Wie ist es an euren Vater gekommen?

Liese. Der Vater hat uns erzählt: Er hats im Schloß gekauft.Wie alles gerichtlich lizitiert ist worden.

Flottwell (seufzt). Ja so!

Hansel. Und es hat nicht viel gekostet. Es hat kein Mensch was geben wollen dafür.

Flottwell (für sich). Schändlich!

Liese (heimlich). Bist still! Weißt du nicht, was der Vater gesagt hat?

Hiesel (deutet an den Rand des Bildes). Da steht der Datum, wenn Euer Gnaden geboren sein.

Liese (sieht nach). Den letzten Julius. (Freudig.) Da ist ja heute Ihr Geburtstag? Ah! das ist schön. Gerade fünfzig Jahr.

Alle drei. Wir gratulieren!

(Liese läuft fort)

Flottwell. Als die Sonne sank, ward ich geboren. Wenn sie wieder sinken wird? Wo werd ich sein? (Versinkt in Nachdenken.)

Hiesel (zu Hans). Du, da bin ich vergnügter, wenn meinGeburtstag ist.

Hansel. Ja, er ist ja schon fünfzigmal geboren. Da gwöhnt mans halt.

Liese (fahrt Pepi herein, der jetzt als Knäbchen reinlich gekleidet ist und einen großen Blumenstrauß trägt). Da bring ich noch einen Gratulanten.

Hansel (sieht zum Fenster hinaus). Just kommt die Mutter!(Läuft hinaus.)

Liese (herzlich). Möchten Euer Gnaden noch viele solche Blumen auf Ihrem Weg erblühen! Das wünschen wir Ihnen alle von ganzem Herzen.

Flottwell (nimmt tief ergriffen den Blumenstrauß, sagt) Ich dank euch, liebe Kinder! (und legt ihn auf den Tisch.) Ach, warum kann ich euch nur mit Worten danken!

Achter Auftritt

Vorige. Rosa, schlicht bürgerlich gekleidet, gealtert. Sie trägt einen bedeckten Korb. Hans und Michael mit ihr.

Rosa (erzürnt zu Hans). Was dableiben? Erhalten ein fremdenMenschen? Wenn man so viel Kinder zu ernähren hat! Ist deinVater närrisch? Das ging' noch ab! (Erblickt Flottwell.) Daist er ja. (Für sich.) Nu, der sieht sauber aus!

Flottwell (der am Tische saß und auf Rosas Reden nicht horchte, steht auf). Guten Tag, liebe Frau!

Rosa (boshaft grüßend). Guten Tag, Herr von Flottwell! Freut uns, daß Sie Ihre alte Dienerschaft aufgesucht haben. So können Sie sich doch wenigstens überzeugen, daß wir arme, aber ehrliche Menschen sein. In unserm Haus hat nie ein Schmuck existiert, wie Sie sehen. Wir haben uns auch in Ihrem Dienst nicht so viel erwirtschaften können als wie gewisse Personen, die sich ein Schloß davon gekauft haben. Ich glaub, Sie werden mich verstanden haben.

Flottwell. Ich verstehe Sie nicht ganz, liebe Frau. Ich erinnere mich nicht genau an alle Ereignisse meines Hauses. Nur das weiß ich gewiß, daß keinem meiner Diener, mit meinem Willen, eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Rosa (fein). Ah was! Verhältnisse bestimmen die Äußerungen der Menschen. Ich kann Ihnen gar nichts sagen, Herr von Flottwell, als: Sehen Sie sich bei uns um! Können Sie von uns fordern, daß wir in unserer eingeschränkten Lage noch einen Mann erhalten, dem wir nichts zu danken haben als unsern richtigen Lohn, so steht es Ihnen frei, bei uns zu bleiben. Mein Mann ist ein guter Lappe, der läßt sich zu allen überreden. Der nähmet die ganze Welt ins Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab zu entscheiden, ich kenn unsere Verhältnisse, unsere Ausgaben und unsere Einnahmen. Ich muß für meine Kinder sorgen, wenn sie nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht geben. Es wird uns freuen, wenn Sie uns heut auf Mittag beehren wollen. Wir werden uns nicht spotten lassen. Aber für immer? Verzeihen S'! das kann ich nicht zugeben! Heut in meinem Haus und nimmer!

Flottwell (mit empörtem Erstaunen). Nein! Ich hab es nicht gehört! Es war ein Traum! So sprach sie nicht zu Julius von Flottwell, ihrem einstgen Herrn. Zu jenem Flottwell, der im goldumstarrten Saale hundert Schmeichler an der Tafel sah! Zu dem gepriesnen Vater seiner Diener! Zum edelsten der Freunde! Zum besten, schönsten, geist- und goldbeglücktesten der Menschen, und wie die Lügen alle heißen, die ihre Süßigkeit ans volle Glas hinschrieb. So sprach sie nicht zu mir, den dieser Blumenstrauß schon zu so heilger Dankbarkeit entflammen konnte, als hätte ihn ein Engel in des Paradieses Schoß gepflückt? O Weib! Könnt ich den zehnten Teil meines verlornen Glücks zurückbeschwören und zehnfach Elend auf dein altes Haupt hinschmettern, das dich zu meinen Füßen führen müßte, dann sollte meine Großmut dich belehren: wie ungerecht du warst, daß du in meinem Unglück mich so bitter hast gekränkt. (Gebt ab.)

Liese (betrübt). Das hätt die Mutter aber doch nicht tun sollen.

Rosa (zornig). Still sei und marsch in die Kuchel hinaus!(Liese geht ab. Zu den Buben.) Nu habt ihr nichts zu tun?

Hansel (schluchzt). Das sag ich den Vatern, wann er zu Haus kommt. (Geht mit den andern ab.)

Rosa (allein). Das wär eine schöne Wirtschaft! Und wie der Mensch schreit in einem fremden Zimmer! Und er hat ja was von einem alten Haupt gsagt. Hab denn ich ein altes Haupt? Der Mensch muß gar keine Augen im Kopf haben. Das nutzt einmal alles nichts, reden muß man um seine Sach. Wer 's Maul nicht aufmacht, muß den Beutel aufmachen. Ah, da kommt mein Mann nach Haus, den werd ich meine Meinung sagen.

Neunter Auftritt

Vorige. Valentin.

Valentin. So! Jetzt ist die Tür auch wieder in der Ordnung.Ah, bist schon zu Haus, liebes Weib? Das ist gscheid.

Rosa. Ja zum Glück bin ich noch zur rechten Zeit zu Haus gekommen, um deine voreiligen Streiche wieder gutzumachen.

Valentin. Was denn für Streich? Wo ist denn der gnädige Herr?

Rosa. Wo wird er sein? Wo es ihm beliebt.

Valentin. Was? Was hast gesagt? Ist er nicht in der Kammer drin?

Rosa. Such ihn!

Valentin (schaut hinein). Wo ist er denn? (Heftiger.) Wo ist er denn?

Rosa. Was gehts denn mich an? Was kümmern mich denn fremde Leut?

Valentin. Fremde Leut? Hast denn nicht gesprochen mit ihm?

Rosa (unwillig). Ah was!

Valentin. Was ist denn da vorgegangen? Kinder! Kommt alle her.

(Liese. Hans. Hiesel. Michael, der den Pepi führt.)

Valentin. Wo ist der gnädige Herr?

Liese (verlegen). Ja ich—

Rosa (keck). Nun, was stockst? Fort ist er. Was ists weiter?

Valentin. Fort ist er? Wegen was ist er fort? Wann ist er fort?Wie ist er fort? Um wieviel Uhr ist er fort?

Liese. Ja die Mutter—

Valentin. Heraus damit!

Rosa. Nu sags nur! Was fürchtest dich denn?

Liese. Die Mutter hat zu ihm gsagt: Sie behalt ihn nicht im Haus.

Hansel (weinend). Und der Vater machet lauter so dumme Sachen.

Valentin. Das hast du gesagt?

Hiesel. Drauf ist er fortgelaufen und hat geweint.

Valentin (bricht in ein ironisches Lachen aus). Ha! ha!(Klatscht in die Hände.)

Rosa. Nu was sein das für Sachen?

Valentin. Still sei! Kinder, gehts hinaus.

Rosa. Warum nicht gar—

Valentin. Still sei—da setz dich nieder!

Rosa. Du!—

Valentin (drängt sie auf den Stuhl). Nieder setz dich! Kinder, gehts hinaus.

(Die Kinder geben ab.)

Hansel (im Abgehen). Nein, wies in unserm Haus zugeht, das ist schrecklich. (Ab.)

Rosa (springt auf). Jetzt was solls sein?

Valentin. Nur Geduld! Ich hab dich nicht vor den Kindern beschämen wollen, wie du mich! Was ist dir jetzt lieber? Willst du meinen gnädigen Herrn im Haus behalten, oder ich geh auch fort.

Rosa. Was? Was willst du für Geschichten anfangen, wegen einem fremden Menschen?

Valentin. Ist er dir fremd? Mir nicht! Einen Menschen, den ich Dank schuldig bin, der kann mir gar nicht fremd werden.

Rosa. Du bist Vater. Du mußt auf deine Kinder schauen.

Valentin. Er ist auch mein Kind, ich hab ihn angenommen.

Rosa. Nu das ist ein junges Kind.

Valentin. Ja, so jung als du ist er freilich nicht, denn du betragst dich, als ob du vier Jahr alt wärst.

Rosa. Kurz und gut: Ich leid ihn einmal nicht im Haus.

Valentin. Du leidest ihn nicht? Kinder! kommts herein.

(Alle Kinder.)

Alle Kinder. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Ziehts euch an, ihr geht mit mir!

Hiesel. Wohin denn, Vater?

Valentin. Das werds schon sehen. Auf die Schleifen gehn wir nicht. Nehmt alles mit. Eure Studien. Das Namenbüchel. Die ganze Bibliothek. Den Hobel. Das ganze Arbeitszeug. Alles!

Rosa. Ah, das ist mir ja noch gar nicht vorgekommen!

Valentin. Gelt? Oh, es gibt Sachen, wovon sich unserePhilosophie nichts träumen läßt.

Hansel. Aber heut nimmt sich der Vater zusammen, das ist gscheidt.

Rosa (stemmt die Hände in die Seite). Du willst die Kinder aus dem Haus nehmen?

Valentin. Ich bin die Ursach, daß sie ins Haus gekommen sind, folglich kann ich s' auch aus dem Haus nehmen.

Liese. Aber Vater, was soll denn das werden? Das wär ja ganz entsetzlich.

Valentin (zu Liese). Willst du bei deiner Mutter bleiben?

Liese. Ja, das ist meine Schuldigkeit.

Valentin. So geh zu ihr! (Liese geht hin.) Buben, gehts her zu mir! (Die Buben treten auf seine Seite.) Das sind die Stützen meines Reiches. Die gehören mir zu. Machts euch fertig!

(Die Buben nehmen alles.)

Hiesel. Was soll denn ich noch nehmen?

Valentin. Den Zirkel, runder Kerl.

Rosa. Er macht wirklich Ernst. Das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt.

Liese. Liebe Mutter, gib die Mutter nach.

Valentin. So, jetzt ist der Auszug fertig. Jetzt gebts acht.Jetzt werd ich kommandieren: Rechtsum, kehrt euch, marsch!(Will fort.)

Rosa (ruft ihm reumütig nach). Du Mann! Halt!

Valentin. Was gibts?

Rosa. Ich muß dir noch was sagen!

Valentin (für sich). Aha! jetzt fangen die Unterhandlungen an.(Laut.) Nur kurz! das sag ich gleich.

Rosa (leise). Laß die Kinder hinausgehn.

Valentin. Kinder, gehts hinaus!

Liese (für sich). Nu Gott sei Dank!

Hansel. Mir scheint, die Mutter gibt doch nach. Ja, wann wirMänner einmal anfangen, da muß es brechen oder gehn.

(Die Kinder ab.)

Valentin. Also was willst du jetzt?

Rosa (gutmütig). Schau, überleg dirs doch, du wirst dich überzeugen, ich hab recht.

Valentin. Still sei, sag ich. Oder ich ruf die Kinder herein.

Rosa. So laß doch drauß. Sie zerreißen ja zu viel Schuh, wenn sie immer hin und wieder laufen.

Valentin. Das nutzt dir alles nichts. Aut Aut! Oder, entweder—

Rosa. Gut, ich will mirs überlegen.

Valentin. Nichts überlegen. Heut muß er noch ins Haus, und eineMahlzeit muß hergerichtet werden, daß die ganze Menschheit dieHänd über den Kopf zusammenschlagen soll.

Rosa. Nu mir ists recht! Aber er verdients um uns nicht.

Valentin. Was sagst? Er verdients nicht? Wer ist denn schuld, daß wir so friedlich miteinander leben? Daß ich hab Meister werden können und das Häusel da gebaut hab, als die zweihundert Dukaten, die ich so nach und nach von ihm zu schenken gekriegt hab. Wem haben wir also unser bissel zu verdanken?

Rosa. Mich hat er aber nie mögen.

Valentin. Ist nicht wahr! Der Kammerdiener hat dich nur verschwärzt bei ihm. Sonst wären wir noch in seinem Haus.

Rosa. Ja wenn er eines hätte.

Valentin. Ja so. Da hab ich ganz vergessen drauf.

Rosa. Er hat mich bei jeder Gelegenheit heruntergesetzt.Einmal hat er sogar vor einer ganzen Gesellschaft gesagt—

Valentin. Was hat er denn gesagt?

Rosa. Das sag ich nicht.

Valentin. Geh, sag mirs, liebe Alte. Geh! Wer weiß, ists wahr?

Rosa. Ja es ist auch nicht wahr. Er hat gesagt: ich bin ausgewachsen.

Valentin. Das hat er gsagt? Und das hast du dir seit zwanzigJahren noch gemerkt.

Rosa. Oh, so etwas vergißt ein Frauenzimmer nie.

Valentin. Nu das mußt ihm halt verzeihen. Mein Himmel! Ein junger Mensch. Er hat halt damals lauter so schiefe Ansichten gehabt. Dann ists ja auch nicht wahr. Du bist ja gebaut wie eine ägyptische Pyramiden. Wer könnt denn dir in deiner Gestalt etwas nachsagen? Das wär ja wirklich eine Verleumdung erster Gattung.

Rosa. Nu, der Meinung bin ich auch.

Valentin. Gelt, Alte, ja, wir behalten ihn da im Haus. Du wirst es sehen, ich werd recht fleißig arbeiten. Es schadt uns nichts. Im Gegenteil, 's geht mir alles besser von der Hand.

Rosa (nach einem kurzen Kampf). Nu meinetwegen. So solls denn sein.

Valentin (springt vor Freude). Bravo Rosel! das hab ich auch von dir erwartet. Ich hätt dich nicht verlassen, wenn ich auch heut fortgegangen wär. Oh! morgen auf die Nacht wär ich schon wieder nach Haus gekommen. Jetzt ist aber alles in der Ordnung. Kinder! kommts herein zum letzten Mal. (Alle Kinder.) Kinder, legt alles wieder hin. Wir ziehen nicht aus. Ich hab mit der Hausfrau da einen neuen Kontrakt abgeschlossen. Vater und Mutter sind versöhnt. Der gnädige Herr kommt ins Haus.

Kinder (alle freudig). Das ist gscheid! das ist gscheid!

Valentin. Drum lauft, was ihr könnt. Kein Mensch darf zu Haus bleiben. Ich nehm den kleinen Buben mit. (Er nimmt Pepi auf den Arm.) Geht zu alle Nachbarn. Fragt, ob sie ihn nicht gesehen haben. Sie sollen euch suchen helfen. Und wenn ihr ihn findet, so bringt ihn her.

Rosa. Der Mann wird närrisch vor lauter Freuden.

Kinder. Bravo! jetzt gehts lustig zu. (Ab.)

Hansel. Vater, verlaß sich der Vater auf mich. Wenn ich ihn pack, mir kommt er nimmer aus. (Geht stolz ab.)

Valentin. Der Bub kann einmal ein großer Mann werden, wenn er so fortwachst. Weib, jetzt komm! Du hast mir viel Verdruß heut gmacht, aber jetzt ist dir wieder alles verziehen. Kein Mensch ist ohne Fehler, wenn einem nur zur rechten Zeit der Knopf aufgeht. Wer weiß, wers noch vergilt, und ich denk mir halt, wenn ich einmal recht alt werd, so möcht ich doch auch andere Erinnerungen aufzuweisen haben, als daß ich einen Stuhlfuß geleimt hab und einen Schubladkasten gemacht. Jetzt komm!

(Beide ab.)

Zehnter Auftritt

Verwandlung

Die Ruine des alten Schlosses Flottwell. Zerfallne Gemächer und Türme, auf Felsen gebaut, zeigen sich rechts. Links die Aussicht, gleichsam von der Höhe des Schloßberges, auf entferntere gegenüberstehende Berge, hinter welchen die Sonne untergeht.

Flottwell in Verzweiflung. Klettert über einen der Felsen, als käme er aus dem Tal.

Flottwell.Ich bin herauf! Ich habe sie erreicht,Die letzte Höhe, die in dieser WeltFür mich noch zu erklimmen war.Ich steh auf meiner Ahnen Wieg und Sarg,Auf Flottwells altem edlen Herrenschloß.Wir sind zugleich verhängnisvoll gestürzt.Hätt ich dich nicht verlassen, stündest duUnd ich. Zu spät!(Wirft den Hut und Bettelstab von sich.)Verfaule, Bettelstab!Mein Elend braucht nun keine Stütze mehr.Ich kehre nie zu eurer Welt zurück,Denn mein Verbrechen schließt mich aus dem ReichDes Eigennutzes aus. Ich habe michVersündigt an der Majestät des Goldes.Ich habe nicht bedacht, daß dies MetallSich eine Herrschaft angemaßt, vor derIch hätt erbeben sollen, weil es auchMit Schlauheit, die bewundrungswürdig ist,Das Edle selbst in seinen Kreis gezogen.Wer fühlt sich glücklich, der durch Wohltun einstEin Arzt der Menschheit war, und dem es nunVersagt, weil ihm die güldene ArzneiGebricht, wodurch die kranke Welt genest.Ich stand auf dieser segensvollen Höh,Ich konnte mich erfreun an anderer Glück,Wenn freudenleer mein eigner Busen war.Ich hab mich selbst von diesem heilgen ThronGestürzt. Dies Einzge ists, was ich mit RechtBeweinen darf, sonst nichts. Zum Kinderspott,Zum Hohngelächter des gemeinen PöbelsDarf nie ein Edler werden, drum fahr hinMein Leben, dessen Pulsschlag Ehre war.Ich könnte mich in jenen Abgrund stürzen,Doch nein! des letzten Flottwells Haupt, es beugSich nicht so tief. Mein Leben ist ja nochDas einzge Gut, das mir Verschwendung ließ,Mit dem allein will ich nun sparsam sein,Der Hunger soll mich langsam töten hier.Aus Straf, weil ich die undankbare WeltZu viel gemästet hab. O Tod, du bistMein einzger Trost. Ich hab ja keinen Freund—

(Ein Stein weicht zurück, und der Bettler ohne Hut und Stab steht vor ihm, spricht.)

Bettler. Als mich!

Flottwell (erschrickt).Als wen? Ha! schreckliche Gestalt,Die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehenUnd die ich nun für meine erst erkenn,Weil mich die Zeit auf gleiche Stufe stelltUnd ich wie du in jeder Hinsicht nunBejammernswert und elend bin.Weh mir! Nun wird mirs klar, du solltest mirEin schauervolles Bild der Warnung sein.

Bettler.Dies war mein Zweck. Du hast mich nicht erkannt,Weil Leidenschaft nie ihre Fehler sieht.Erkenne mich nun ganz, ich bin ein JahrAus deinem viel zu rasch verzehrten Leben,Und zwar dein fünfzigstes, das heute nochBeginnen wird, wenn jene Sonne sinkt.Du hast an Cheristanen einst ein JahrVerschenkt, und diese edle Fee, die sichFür dich geopfert hat, sah in dem BuchDer Zukunft, daß, wenn du zurück nicht kehrstVon der Verschwendung Bahn, das fünfzigsteJahr deines Lebens dir den BettelstabAls Lohn für deinen Leichtsinn reichen wird.Glaub nicht, daß du geendet hättest hier.Wer so wie du gestanden einst und aufSo niedre Stufe steigt, sinkt tiefer nochAls einer, der im Schlamm geboren ist.Zu warnen warst du nicht, drum konnte ichDich nur von deinem tiefsten Sturz erretten.Bis jetzt hat niemand noch dir eine GabGereicht: Ich hab für dich bei dir gebettelt.Ein Jahr lang hab ich den Tribut durch ListUnd schaudervolle Angst von dir erpreßt.Die letzte Stunde hab ich aufbewahrt,Sie schlief in diesem Stein und spricht zu dir:

(Ein Stein teilt sich, und ein Haufen Gold und der Schmuck zeigt sich in einem silbernen Kästchen.)

Nimm hier dein Eigentum, das du mir gabst,Zurück. Du wirst es besser schätzen nun,Weil du die Welt an deinem Schicksal hastErkannt. Was du dem Armen gabst, du hastsIm vollen Sinne selber dir gegeben.Leb wohl! Ich hab vollendet meine Sendung. (Versinkt.)

Flottwell (allein).Ists Traum, ists Wahrheit, was ich sah und hörte?Woher die überirdische Erscheinung?

(Sanfte Musik. Die Ruinen verwandeln sich in eine Wolkengruppe mit vielen Genien. Cheristane in reizender Feenkleidung in der Mitte auf einem Blumenthron.)

Cheristane (sanft).Mein Julius! Es war Azur, der GeistDer letzten Perle, die ich einst für dichSo freudig hingeopfert hab, als ichDie süße Lieb zu dir mit bittererVerbannung büßen mußte. Ach! Mir wars jaVom Schicksal nicht gegönnt, dich zu erretten,Er hat für mich erfüllt, was meine TreuDir einst gelobt.

Flottwell (kniet).O Cheristane! DichErblicke ich auf dieser Erde wieder?Du Himmelsbild aus meiner Rosenzeit!Kaum wagt mein welkes Aug den Blick zu hebenZur Morgenröte deiner ewgen Jugend.Oh, zieh nicht fort, verweile noch! Sieh, wieDie Wehmut um vergangne Zeit mich tötet.

Cheristane.Verzweifle nicht, mein teurer Julius,Und dulde noch dein kurzes Erdenlos.Wir werden uns gewiß einst wiedersehenDort! in der Liebe grenzenlosem Reich,Wo alle Geister sich begegnen dürfen.

(Sie fliegt unter klagender Musik ab. Die Ruinen zeigen sich wieder. Flottwell sieht Cheristane nach.)

Elfter Auftritt

Voriger. Liese. Dann Valentin, Rosa, Kinder. Nachbarsleute.Bauern.

Liese (ist die erste auf der Szene). Vater! Vater, nur herauf!Da ist der gnädige Herr, ganz gesund und wohlbehalten noch.

Flottwell. Wer sucht mich hier? (Schließt das Kästchen.)

Valentin (kommt). Wir alle, gnädiger Herr. Das ganze Dorf ist in der Höh.

Flottwell. Was willst du, guter Valentin?

Valentin. Was ich will? Mein Wort will ich Euer Gnaden halten und um Verzeihung bitten für mein ungeschliffnes Weib. Gehst her, Verbrecherin, und kniest dich nieder da.

Rosa (herzlich). Lieber gnädiger Herr! Ich hab mich sehr vergessen heut. Doch mach ich meinen Fehler wieder gut. Sie dürfen nimmermehr aus unseren Haus. Ich werd Sie gwiß wie eine Tochter pflegen.

Die Kinder. Verzeihen S' ihr, gnädiger Herr!

Pepi (kniet nieder).Lieber Herr, sei wieder gut,Die Mutter weiß nicht, was sie tut.

Valentin (weint). Das hab ich gedichtet, Euer Gnaden.

Flottwell. Steht auf, ihr guten Leute! Ich habe schon verziehen.Und freue mich, daß ich euch eure Treue nun vergelten kann.Ich bin kein Bettler mehr. Unter diesen Mauern hab ich einenkleinen Schatz gefunden, den mein Vater hier für mich bewahrte.

Valentin. Ah, das ist ein Malheur, und ich hab mich schon gefreut, daß Euer Gnaden nichts haben, damit ich Euer Gnaden unterstützen kann.

Flottwell. So ist es besser, lieber Valentin. Du kannst dein Leben nun in Ruh genießen. Ich nehme dich und deine Frau nun in mein Haus und will für die Erziehung deiner Kinder sorgen!

Rosa, Liese (erfreut). Wir danken herzlich, gnädger Herr!

Hansel (zu den Kindern). Buben, jetzt werden wir lauter gnädigeHerrn!

Valentin. Ich werd der Haustischler bei Euer Gnaden. Ich wix und politier das ganze Haus. Aber eins muß ich noch sagen. Ein Menge meiner alten Nachbarn haben sich auch hier angetragen, Euer Gnaden zu unterstützen. Und freuen sich, ihren vorigen Gutsherrn wiederzusehen. Euer Gnaden haben ja allen Guts getan, und einen guten Herrn vergißt man nicht so leicht.

Alle. Vivat, der gnädige Herr soll leben!

Schlußgesang

Valentin.Wie sind wir doch glücklich, wir stehn auf dem Berg,Jetzt zeigt sich der Kummer so klein wie ein Zwerg.Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Der Chor wiederholt die zwei letzten Verse.)

Chor.Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Auf den Bergen sieht man, wie in der Ferne die Senner und Sennerinnen die Kühe von den Alpen treiben, und sie singen wie Echo.)

Senner und Sennerinnen.Dudeldide dudeldide! Die Küh treibts von der Alm.

Valentin.Die Küh treibn die Sennrinnen just von der Alm.Genügsamkeit bleibt doch die köstlichste Salm,Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Chor.Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).Dudeldide dudeldide! Wie freut die Kuh der Stall.

Valentin.Jetzt gehn wir zur Tafel, die macht erst den Schluß.Für heut ist beendet ein jeder Verdruß.Doch heb ich bei Tische den Ehrenplatz auf,Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Chor.Doch hebn wir bei Tische den Ehrenplatz auf,Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).Dudeldide dudeldide! Zufrieden muß man sein.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Verschwinder, von Ferdinand Raimund.


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