Die Natur.

Die Natur.Ein Schlußwort.

Ein Schlußwort.

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen …

Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte.

Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich …

Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; zur genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus.

Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.

Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten, Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung …

Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumt, daß man sie verlange; sie eilt, daß man sie nicht satt werde …

Sie hatkeine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht.Ihre Krone ist die Liebe; nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles will sie verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos …

Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich undschrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken …

Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.

Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so wird man die theoretische Gleichsetzung vonnaturamitdeusbei dem jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie –faute de mieux– Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen Deutschland erhoben.

Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen, was dahinter liegt, zu retten.Nicht allein mit dem Verstand, der zwar ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns der Natur zu nähern:Die bewegte Stille der Liebe.

Phot. J. Hartmann.Im Riesengebirge.

Phot. J. Hartmann.Im Riesengebirge.

Phot. J. Hartmann.

Im Riesengebirge.


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