Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?

Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?

Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Dasmußman entweder oder man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht – sondern Privatsache.

Zu zweit? »Two is no society,« sagen die Engländer, und die verstehen sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern über Berg und Tal, dann sind die beiden »society«. Sie erfassen die Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste Form des Wanderns.

Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sindeins. Sie brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und genießen? Der Eine und die Eine?

Phot. R. Hilbert, Rathenow.Flußlandschaft aus Brandenburg.

Phot. R. Hilbert, Rathenow.Flußlandschaft aus Brandenburg.

Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Flußlandschaft aus Brandenburg.

Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne es sich – was das Schlimmste ist – zuzugestehen.

Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogenhaben. Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe.

In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder, objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon zu dem Kapitel:


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