Menschliches, Allzumenschliches.Aphorismen.
Aphorismen.
Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem »Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der undnur dersein zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und Dialekt.
Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon – aber keine Wanderer und keine – Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern.
»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's, wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf fällt.So, aber nicht anderssoll dir ein jedes andere Städtchen ein anderes Mädchen bescheren. Aber – rühre nicht daran! Dann ist es Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht.
Auch dieUnbefangenheithat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren drei mittleren Silben ganzverschämtetwas anderes werden soll.
Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein diesen Genuß nicht allein haben wollte – ich weiß es nicht. Jedenfalls rieferseinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten?
Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß das eine nicht: Immer hören es auch die anderen!
Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume, deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen.
Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er nur ungern. Undso langemuß dein Stolzüberdeinem Magen sein.
Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört das zum Altruismus, das ein Laster ist.
Nur nicht immererziehenwollen beim Wandern in Horden. Es ist schon manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte.
Aberes gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle hintereinanderhetzen können.
Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mitdentreuesten Herzen, aber auch mit denkräftigsten Armensolch einen Knaben hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte – »erziehen«, dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen postwendend nach Hause zu schicken.
Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und sie desto eher ablegen.
Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe und mimen am Sonntag Wandersport. – Da schlug ihn der Vater aller Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und »phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst.
Hab nicht den Ehrgeiz,beliebtzu sein. Die Beliebtheit ist immer die Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz liebenswürdig war.
Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abendseinenEßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern.
Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger beiträgst wie jeder andere.
Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößtenOberkörper in Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert werden muß.
Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben, aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen Feuern nicht kennen zu brauchen.
Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag, und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie damals.
Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse lieber das Reisen im Ausland.
Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es für – unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen« wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage »einfach alles, alles mögliche wandert«.