Vom Wald.
Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlicherklären könnten, daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine listige Art – durch Bodenverfilzung – Wasser, Licht und Luft entzieht.
Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche –Walden.
Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist.
Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art, nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried, im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern und Blätterrauschen.Gemalthat den Wald eigentlich nur Moritz v. Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma. Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden wollte.
Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit undstiller Größe, an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen vermocht.
Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken. Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen.
Einmal – vor bald zehn Jahren – da sind wir zu fünft durch den Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende, lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten, in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen, wissenden, segnenden Augen – aber wir wollten nichts für uns selbst.
Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen.
Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute, nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen – des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz unverdienterweise!
Phot. Prof.Dr.Hausrath.Mittagsstille im Wald.
Phot. Prof.Dr.Hausrath.Mittagsstille im Wald.
Phot. Prof.Dr.Hausrath.
Mittagsstille im Wald.