Von der Heimat.

Von der Heimat.

Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche »Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in der Fremde.

Tafel IRud. Lichtenberg phot.Pappelallee in Norddeutschland

Tafel I

Tafel I

Rud. Lichtenberg phot.Pappelallee in Norddeutschland

Rud. Lichtenberg phot.

Pappelallee in Norddeutschland

W. Bandelow phot.Abend auf der Elbe

W. Bandelow phot.Abend auf der Elbe

W. Bandelow phot.

Abend auf der Elbe

Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglichauch ihr Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres Vaterstädtchens – ja gerade vondem– einen neuen Anzug anmessen zu lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!« Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr, daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige Zeit. Dann wird alles Alte – die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt, die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen – all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß man gerade hier, indieserHeimat, in diesem Winkel, im Wirbel des brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde.

Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark.Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.

Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark.Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.

Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark.

Schnuckenhirte in der Lüneburger Heide.

Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, ohne die derMenschnicht werden kann. DieBodenständigkeitist aber kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, weit über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum ist für lange noch nur eine Sache der Seele, und auch dieechteDemokratie ist vorerst nur im Reich des Geistes möglich. In dieser Welt der Erscheinungen hat alles Internationale seine Grenzen schon in der einfachen Tatsache der Stammes- und Rassenverschiedenheit der Menschen. Deshalb sind wir außer Alemannen, Schwaben, Märkern, Friesen usw.zunächst Deutsche. Und die EntdeckungDeutschlandsist – obwohl sogar die beiden Pole keine »weißen Stellen« auf der Weltkarte mehr sind – für die weitaus meisten Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der Schönheit der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll mitgesungen, alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« und »Von dem Nordmeer bis zur Etsch«, abergesehen, sehenwollenhaben es wenige, auch die nicht, die es vermocht hätten. »Dann lieber schon was Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, Italien oder neuerdings auch Indien und Japan.

Hofphot. C. Eberth, Cassel.Vorfrühling am Bach.

Hofphot. C. Eberth, Cassel.Vorfrühling am Bach.

Hofphot. C. Eberth, Cassel.

Vorfrühling am Bach.

Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seineindische Fahrt berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; seinHerzging erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten, wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im alten Eden fremd geworden sind«. – Gott sei Dank, hätte ich fast gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch klaren Heimatsuchers und Dichters.


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