Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.

Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.

Phot. Ad. Saal.Schloß Bebenhausen im Schönbuch.

Phot. Ad. Saal.Schloß Bebenhausen im Schönbuch.

Phot. Ad. Saal.

Schloß Bebenhausen im Schönbuch.

Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht, weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder – wie er nicht übel in einem neuen Roman genannt wird – der »ewige Deutsche«, unserem wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb – und wandern mit.

Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an alles denkt«? Und dabei stiefelt ermit den Augen am Bodendurch die Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag hineinzuleben wie ein halber Herrgott. – Wie ein halber, bitte!

Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das?Dubist das Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem!Du,deineGedanken,deinePläne,deineSorgen!«

Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sichhier nur um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit, wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (undsolcheGedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt, es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit solcher Intensivität des Erlebens erfassen –als einer der wenigen unter den vielen!

Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren, strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wieZurückstrahlenbedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion beleuchtet alsEinzahl, als »derjenige, welcher!«

So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken,soin dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als Warnung ein fatales Gefühl im Hals!

Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche. Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre wunde Stelle.

Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen Störungen, in der Befolgung des Losungswortes:Los von dir selbst!Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt!

Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesenverneinendenImperativ in einen bejahenden verwandelt.Der kann aber immer nur lauten:Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!

Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub.Ruine Giersberg in den Vogesen.

Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub.Ruine Giersberg in den Vogesen.

Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub.

Ruine Giersberg in den Vogesen.

Immer nur an dasandereoder andieanderen denken! Nicht an »denanderen in uns«! In unserem Falle heißt das: Mit ganzer Seele und mit allen Kräften die Landschaftsreize auf sich wirken zu lassen und jeden Gedanken (sei es auch nur die bei Malern und Schriftstellern so leicht sich einstellende Überlegung, mit welchen technischen Mitteln der Eindruck des geschauten Naturbildes wiederzugeben wäre) kühl und gelassen übergehen und desto heller aus sich selbst heraussehen!

Das ist gar keine kleine Arbeit.

Tafel III.E. Stöbe phot.Sommerzeit in Posen

Tafel III.

Tafel III.

E. Stöbe phot.Sommerzeit in Posen

E. Stöbe phot.

Sommerzeit in Posen

H. von Seggern phot.Holländische Tjalk auf der Unterelbe

H. von Seggern phot.Holländische Tjalk auf der Unterelbe

H. von Seggern phot.

Holländische Tjalk auf der Unterelbe

Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man ganz unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen Mystiker »seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen fallen, und man wird das Schauen lernen. Das Schauender Natur oder, wie Spinoza sagt, »naturae sive dei« (der Natur oder Gottes).

Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der geringsten; als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, aberinihr,mitihr und sieinuns, in uns undmituns. Weiter aber, als in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst zum eigenen beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein Sterblicher. Das heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht mehr im Wege, und der »andere in uns« hat das Schweigen gelernt, daswirallerdingsunter denanderen zuvor geübt haben müssen. Wenn er aber nicht mehrin Gedankenmit uns reden kann, ist er tot. Aber oft tut er nur so. Denn er ist zählebig wie alles Niedere.

Phot. Rud. Lichtenberg.»Dort drunten in der Mühle.«

Phot. Rud. Lichtenberg.»Dort drunten in der Mühle.«

Phot. Rud. Lichtenberg.

»Dort drunten in der Mühle.«


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