»Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,Liegt still und blank zur Seite.Stromüber gleißt, waldüber grüßt,Feldüber lockt die Weite! –
»Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,Liegt still und blank zur Seite.Stromüber gleißt, waldüber grüßt,Feldüber lockt die Weite! –
Dasist dochschön, nicht wahr, mein Freund!« Und so machte sein junges Herz die heiße Eisenprobe auf das, woran es als gut und schön glaubte. Und zugleich gab es Dank und Freundschaft an ein anderes Herz, das ihm brüderlich nahe war …
Seine Freundschaft ließ er mehr spüren, als daß er sie aussprach. Er eröffnete sein und des andern Herz in dem gleichen, freien Vertrauen, ohne Dringlichkeit und Überschwang. Das erste Exemplar meines Kriegsbuches »Sonne und Schild« schenkte ich ihm, und als er's gelesen, sagte er nichts als: »Ihre Mutter möchte ich kennen lernen, Flex. Ich darf sie doch nach dem Kriege besuchen, nicht wahr?« – – –
Allmählich war der süßherbe Frühlingsgeruch alten Laubs und junger Erde in den schwülen Brodem sommerheißer Sümpfe und den Dunst abgeblühter Wasser übergegangen. Die jungen Krähen, die unsre Leute aus den Horsten der Föhrenwipfelzur Kurzweil heruntergeholt hatten, stolzierten längst groß, frech und struppig mit gestutzten Flügeln auf der Brustwehrkrone unsres Grabens entlang, krakehlten mit den Posten, hieben mit den dreisten Krummschnäbeln nach den blanken Mündungen der Gewehrläufe oder revidierten die Kochgeschirre und Trinkbecher bei den Ruhebänken der Mannschaften. Im heißen Sande sonnten sich Kreuzottern und Kupfernattern, die den Fröschen auf der kühlen Grabensohle nachstellten. Der wunde und ausgeholzte Wald strömte starken Harzgeruch aus. Die Sumpfwiesen wucherten von fettem Grün, und von den sonnentrocknen Moorbreiten schwelten rote Torfbrände durch die weißen Juninächte. Die Luft glimmerte und zitterte tagsüber von Sonne, und rasch heraufziehende Gewitter entluden sich krachend über den schwankenden Föhrenkronen.
Von Galizien grollten die Donner neuer gewaltiger Kämpfe herüber, und in die Riesenglieder der Hindenburgarmee, die in eiserner Ruhe erstarrt schienen, kam ein Recken und Strecken, bis die endlose Front von lärmendem Kampfgetöse erdröhnte. Wir lagen noch immer abwartend hinter unsren Verhauen, aber wir lauerten nur noch auf den Befehlzum Vorbrechen. Auf nächtlichen Streifzügen zum Feinde hatten wir schon Papierfahnen mit der schadenfrohen Nachricht vom Fall Przemysls und Lembergs an die russischen Drahtverhaue geheftet, und wir wußten, daß diese Meldungen auch für uns heute oder morgen zu Angriffsfanfaren werden mußten.
Aber ehe uns der wachsende Strom des großen Kampfes erfaßte und in seinen Strudeln fortriß, wurden uns noch ein paar klare, glückliche Tage geschenkt, deren Bild aus der Vergangenheit herüberleuchtet wie der Schimmer von fernen, schönen, hellspiegelnden Seen. Unsre Kompanie wurde zu Anfang des Juli auf fünf Tage aus den Gräben gezogen und kam unter Laubhütten und Zelten tiefer im Walde in Ruhestellung. Der Zufall wollte, daß in diese Zeit mein Geburtstag fiel, und der Freund half den Tag feiern, nicht mit vollen Gläsern und Liederlärmen, sondern in seiner Art mit Sonne, Wald und Wasser und dem Ewigkeitsklang uralt schöner Worte, die sich auf jungen Lippen verjüngten und beseelten. Der waffenlose, wolkenlose Feiertag des sechsten Juli wurde ganz ein Geschenk seines frischen Herzens an das meine. Als die Sonne am höchsten stand, gingen wir aus dem Schatten derroten Föhren zu den Nettawiesen hinunter. Die Sonne badete im tiefsten Blau des vom Nachtgewitter erfrischten Himmels und überspiegelte mit feuchtem Glanze die hellschimmernden Flußwindungen und den fern in stählernem Blau aufblendenden Schild des Sajno-Sees. Das Licht troff durch das vollsaftige Grün der strotzenden Pappeln und Weiden, und über dem wuchernden Gras der weiten Koppeln flimmerte die Luft und zitterte unter dem Atem der erwärmten Erde. Wir warfen die Kleider am Netta-Ufer ab und badeten. Mit dem Strome trieben wir in langen Stößen hinab, schwammen gegen den Strom zurück, daß sich uns das Wasser in frischem Anprall über die Schultern warf und stürzten uns immer aufs neue von der sonnenheißen Holzbrücke, die gegen die Sohlen brannte, kopfüber in weitem Sprung in den Fluß. Auf dem Rücken trieben wir geruhig stromab und liefen auf dem lauen Sande am Schilfufer zurück. Im buntwuchernden Wiesenkraut ließen wir uns von Sonne und Wind trocknen, und die leisen, zitternden Sonnenwellen rannen gleichmäßig durch Luft und Sand und Menschenleib und durchgluteten alles Lebendige mit trunkener Kraft und erschlaffender Freude.
Die Wiese schäumt von Blüten,Der Wind singt drüberhin,Den sonnenlichtdurchglühtenLeib bad' ich kühl darin.Du freie Gottesschmiede,Du lohe Sonnenglut,Inbrünstiglich durchglüheLeib, Seele, Herz und Blut!Ins Glühen unermessenUnd Blühen eingewühltWill ich den Tod vergessen,Der alle Erde kühlt.Glüh', Sonne, Sonne glühe!Die Welt braucht soviel Glanz!Blüh', Sommererde, blühe,Ach blühe Kranz bei Kranz!
Die Wiese schäumt von Blüten,Der Wind singt drüberhin,Den sonnenlichtdurchglühtenLeib bad' ich kühl darin.
Du freie Gottesschmiede,Du lohe Sonnenglut,Inbrünstiglich durchglüheLeib, Seele, Herz und Blut!
Ins Glühen unermessenUnd Blühen eingewühltWill ich den Tod vergessen,Der alle Erde kühlt.
Glüh', Sonne, Sonne glühe!Die Welt braucht soviel Glanz!Blüh', Sommererde, blühe,Ach blühe Kranz bei Kranz!
Geschützdonner grollte von fern herüber, aber die Welt des Kampfes, dem wir auf Stunden entrückt waren, schien traumhaft fern und unwahr. Unsre Waffen lagen unter den verstaubten Kleidern im Grase, wir dachten ihrer nicht. Eine große Weihe kreiste unermüdlich über der weiten schimmernden Tiefe grüner Koppeln und blauer Wasser; an ihr,deren schlanke Schwingen in weitem, prachtvollem Schwunge zu lässigem Schweben ausholten, hingen unsre Blicke. War es der Raubvogel, der die Seele des jungen Menschen neben mir emporriß in freier Gottesfreude? Der Wandervogel, der einst in deutschem Gotteshause eingesegnet worden war mit dem seiner Seele ebenbürtigen Spruch: »Die auf den Herren hoffen, haben neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler!«, der junge Gottesstudent fühlte seiner Seele die Schwingen wachsen von jener ewigen Kraft, die »deinen Mund fröhlich macht, daß du wieder jung wirst wie ein Adler,« und frei und leicht hob er sich und den Freund empor über die hellen Tiefen der bunten Erde. Der junge Mensch stand schlank und hell auf dem blühenden Grunde, die Sonne ging schimmernd durch seine leichtgebreiteten Hände, und die Lippen, die so oft von Goethes Liedern überflossen, strömten den uralt heiligen Wohlklang der Psalmen Davids über den sonnentrunkenen Gottesgarten hin:
»Herr, mein Gott; du bist sehr herrlich!Du bist schön und prächtig geschmückt!Licht ist dein Kleid, das du anhast!Du breitest aus den Himmel wie einen Teppich.Du wölbest es oben mit Wasser.Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagenund gehest auf den Fittigen des Windes.Du machst deine Engel zu Winden und deine Diener zuFeuerflammen, der du das Erdreich gründest aufseinem Boden, daß es bleibt immer und ewiglich.Die Ehre des Herrn ist ewig.Der Herr hat Wohlgefallen an seinen Werken.Er schauet die Erde an, so bebet sie …Ich will dem Herren singen mein Leben lang und meinen Gottloben, solange ich bin.Meine Rede müsse dem Herrn wohlgefallen. Ich freue michdes Herrn!«
»Herr, mein Gott; du bist sehr herrlich!Du bist schön und prächtig geschmückt!Licht ist dein Kleid, das du anhast!Du breitest aus den Himmel wie einen Teppich.Du wölbest es oben mit Wasser.Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagenund gehest auf den Fittigen des Windes.Du machst deine Engel zu Winden und deine Diener zuFeuerflammen, der du das Erdreich gründest aufseinem Boden, daß es bleibt immer und ewiglich.Die Ehre des Herrn ist ewig.Der Herr hat Wohlgefallen an seinen Werken.Er schauet die Erde an, so bebet sie …Ich will dem Herren singen mein Leben lang und meinen Gottloben, solange ich bin.Meine Rede müsse dem Herrn wohlgefallen. Ich freue michdes Herrn!«
Das ewige Preislied Gottes aus seiner Schöpfung ging über die reife, in ihren Tiefen erwärmte Erde hin. Der Wohlklang der jungen Stimme umlief wie ein tönendes Kristall den klaren Wein der ewigen Worte. Der ebenmäßige Mensch in seiner jungen Schlankheit stand selbst wie ein Dankesmal der Schöpfung in dem hellprangenden Gottesgarten, und von seinen frischen Lippen ging ein Hauch religiösen Frühlings über Erde und Menschen hin.
Über die weiten Koppeln hin stob der übermütigeGalopp sattelloser Pferde. Stuten und Fohlen weideten auf den Nettawiesen. Im Wasser und an den grünen Ufern des Flusses wimmelte es von den hellen Leibern badender Soldaten, die lichten Breiten der Netta schäumten von Wasser, Sonne und ausgelassenem Lachen. Die ewige Schönheit Gottes prangte über dem weiten Gottesgarten und leuchtete als Sonne und Schild über dem hellen Bilde des Jünglings …
Über den Lärm und Glanz aller Kämpfe und Siege hin glänzt das Bild dieser Stunde in mir nach als der stärkste Eindruck, den ich mit Seele und Sinnen im Leben empfangen habe.
Aber am Abend des Tages stand derselbe Mensch im grauen Waffenrock neben mir auf dem dunklen Hochstand im Wipfel einer Doppelfichte, von wotagsüberunsre Baumposten das Kampfgelände mit Ferngläsern absuchten, und ließ spielend den roten Mond im hellen Stahl seines breiten Seitengewehrs spiegeln. Seine rechte Hand glitt in leiser Unruhe prüfend an der Schneide entlang, und Auge und Hand freuten sich, wie so oft, an der römischen Form der blanken Waffe. Mit leicht vorgestrecktem Kopfe horchte er nach dem Dunkel der russischen Gräben hinüber, über denen die wachsamen Leuchtkugelnstiegen und sanken. Hinter den schwarzen Holzhütten von Obuchowizna glomm die rote Glut eines Torfbrandes, und schwarzer Ruß flockte in Wolken über den fackelhellen Himmel. Wir sprachen, ins Dunkel der Riesenfichte geschmiegt, von den Kämpfen, denen wir entgegengingen. »Einen echten und rechten Sturmangriff zu erleben,« sagte der junge Leutnant neben mir, »das muß schön sein. Man erlebt vielleicht nur einen. Es mußdochschön sein.« Und schwieg wieder und blickte auf den breiten Stahl in seinen Händen nieder. Mit einmal legte er mir den Arm um die Schulter und rückte das helle Schwert vor meine Augen: »Das istschön, mein Freund! Ja?« Etwas wie Ungeduld und Hunger riß an den Worten, und ich fühlte, wie sein heißes Herz den großen Kämpfen entgegenhoffte. Lange noch stand er so, ohne sich zu rühren, mit leicht geöffneten Lippen im heller werdenden Mondlicht, das über die breite Klinge in seinen hellen Händen floß, und schien auf etwas Fremdartiges, Großes und Feindseliges zu lauschen, das im Dunkel verhohlen war. Wie er so wach und durstig in eine nahe, waffenklirrende Zukunft hineinhorchte, schien er mir wie das lebendig gewordene Bild des jungen Knappen, der in der Nacht vorder Schwertleite ritterliche Wacht vor seinen Waffen hält.
An diese seltsame, dunkle Stunde wurde ich erinnert, als ich vor Weihnachten die Mutter des gefallenen Freundes in seiner Heimat besuchte. Nach einer Weile des Schweigens fragte sie mich leise: »Hat Ernst vor seinem Tode einen Sturmangriff mitgemacht?« Ich nickte mit dem Kopfe. »Ja, bei Warthi.« Da schloß sie die Augen und lehnte sich im Stuhle zurück. »Das war sein großer Wunsch,« sagte sie langsam, als freue sie sich im Schmerze einer Erfüllung, um die sie lange gebangt hatte. Eine Mutter muß wohl um den tiefsten Wunsch ihres Kindes wissen. Und das muß ein tiefer Wunsch sein, um dessen Erfüllung sie noch nach seinem Tode bangt. O, ihr Mütter, ihr deutschen Mütter! – –
Wißt ihr nun, ihr, die ihr diesen Tag nacherlebt habt, von dem ich redete, wißt ihr nun, was es heißt, Wandrer sein zwischen beiden Welten? …
In den letzten Tagen des Juli löste uns ein Landwehrregiment in den Gräben vor Augustow ab. Mit übermütig vollen Herzen lasen wir den Ablösungsbefehl. Wenn auch das Marschziel geheim gehalten wurde, so wußten wir doch, es ging insGefecht, es wurde Ernst. Aber wir wollten nicht klanglos aus den liebgewordenen Wäldern marschieren. Auf einer ausgelassenen Abschiedspatrouille sagten wir nächtlicherweile den russischen Muschiks Lebewohl, mit denen wir so lange feindnachbarlich zusammen gehaust hatten. Mit roten und blauen Papierlaternen aus unsern Unterständen und langen Hakenstangen schlichen wir im Dunkel über den Kolnobach und krochen an die feindlichen Verhaue an. Dort schafften wir uns mit den flinken Handspaten im lockern Sande eine Kugeldeckung, hingen die bunten Lampen an die Stangenhaken und zündeten sie in tiefen Wühllöchern gleichzeitig an. Auf ein leises Kommando schwebten die hellen Laternen, rot und blau aufleuchtend, über den russischen Verhauen empor und standen dort festlich und feierlich still. Zugleich erhob sich, von einem Dutzend frischer Stimmen gesungen, die Wacht am Rhein und schwoll über die Russengräben hin. Die aus dem feindlichen Dunkel knatternden Salven taten den Sängern hinter ihren guten Sandhaufen wenig, nur daß hie und da einer lachend den Sand aus den Zähnen spuckte, den die über die Deckung streifenden Kugeln in den offenen Mund peitschten. Die blaue Lampe erlosch und fiel, von ein paarKugeln zerfetzt, von der Stange. Aber die roten Laternen hielten sich um so wackerer, nur daß sie eben ein paarmal im Kugelwind schwankten und flackerten. Mählich wurde, während Gesang und Gelächter unbekümmert fortklangen, der ganze Russenwald rebellisch, aber je wütender aus den Gräben geschossen wurde, desto sichrer wußten wir, daß keine stärkere Patrouille gegen uns vorging, um den nächtlichen Unfug an den Stacheldrähten zu bestrafen. Leuchtkugeln flogen steilauf, hielten sich ein Weilchen flackernd in schwebender Helle, sanken nieder und erloschen blakend neben uns im Sande; sie wurden mit Hallo als Bereicherung des nächtlichen Feuerwerks begrüßt. Allmählich ließ das Schießen nach, und es war wohl an der Zeit, die kleine Patrouille zurückzunehmen, ehe sie von stärkeren russischen Kräften ausgehoben würde. Denn Verluste durfte der nächtliche Unfug nun einmal nicht kosten. Aber kaum wollte ich den Befehl zum Rückzug geben, da wälzte sich ein junger Kriegsfreiwilliger im Sande blitzschnell mit dem Gesicht nach mir herum und bettelte: »Herr Leutnant – Musketier sein's lust'ge Brüder!« Und eh' ich noch antworten konnte, fielen zehn Stimmen und mehr, sich vor Übermut überschlagend, in den Text des bravenSoldatenlieds ein. Dagegen war nichts zu machen. Ich fügte mich und beschränkte mich darauf, die Augen wachsam spazieren zu lassen, während die guten Kerls Vers um Vers heruntertobten. Das neueinsetzende russische Feuer beruhigte mich zudem; die Russen schienen keine Lust zu haben, der frechen Gesellschaft, die ihnen vor der Nase lärmte, handgreiflich auf den Pelz zu rücken. Das längste Lied nimmt einmal ein Ende, auch ein Soldatenlied. Aber meine Hoffnung erwies sich als trügerisch, denn nach dem »lustigen Musketier« schien meinen grauen Jungs das Lied von der »finstern Mitternacht« als unabweisliches Bedürfnis. »Herr Leutnant – Steh' ich in finstrer Mitternacht! –?« Mochte vernünftig sein, wer wollte, angesichts solcher Schuljungenlustigkeit nach zwölf Kriegsmonaten! Ich blieb bäuchlings im Sande liegen und lachte, während meine Kerls immer wütender sangen und Sand spuckten. Zwei rote Papierlaternen hielten sich unvergleichlich trotz alles Flackerns und Baumelns. Aber alles muß einmal ein Ende nehmen, und so setzte ich allen weiteren Programmvorschlägen ein eisernes Nein entgegen und ließ die Leute einzeln bis zur nächsten Wiesenschlenke zurückkriechen, wo wir uns in Deckung sammeln konnten. Nach weiternhundert Metern sprangen wir auf und machten, daß wir über den Bach zurückkamen. Gottlob, es bekam keiner etwas ab trotz der Abschiedsgrüße, die fleißig hinter uns dreinpfiffen. In unsern Gräben mußten wir noch einmal über das sorgenvolle Gesicht des Kompanieführers lachen, der bereits dem Unterabschnittskommandeur telephonisch das Auftauchen roter Signallichter in der russischen Stellung gemeldet hatte und nun etwas verdutzt unsre Patrouillenmeldung entgegennahm. Viel Zweck hatte der übermütige Streich nicht, aber es war doch ein hübsches Zeichen für den Geist, mit dem unsre Leute nach wochenlangem Stilliegen in den Bewegungskrieg gingen.
Andern Tags erwarteten wir die Ablösung. Noch einmal streiften wir zu zweit, den Mückenschleier unter der Feldmütze, durch den würzigen Harzduft und schweren Torfgeruch der Sumpfwälder und schlenderten bis zu den Nettawiesen. Am Waldrand im heißen Sand gelagert, hörten wir die Schnaken singen und die Spechte hämmern. Das keifende Geschwätz der Eichelhäher lärmte uns zu Häupten, und die schillernden Blauspiegel ihrer Flügel leuchteten blank zwischen den sonnenroten Stämmen auf, wie sie in ungeschicktem Schlingerflugvon Lichtung zu Lichtung herauf- und hinunterstoben. Die papageienbunten Mandelkrähen schwangen sich über das dunkle Grün der Fichten und ließen die Sonne in ihrem farbigen Gefieder aufblenden. Fern hinter dem breiten Stahlschilde des Sajno-Sees verdämmerten im Sonnendunst des Horizonts violette Zichorienfelder und die weißen Teppiche üppig blühender Margaretenwiesen. Die blaue Netta gluckte leise aus prangendem Grün und buntem Schaumkraut herüber.
Am Spätabend rauschte und klirrte der Marsch der ablösenden Landwehrkompanie durch den stillgewordenen Wald. Mit den Unterständen und Gräben zugleich übernahmen die Landwehrleute von unsern Musketieren das lebendige Erbe der zahmen Krähen und halbflüggen Blauraken. Gute Wünsche herüber und hinüber, dann rückte die Kompanie ab. Im Waldesdunkel intonierte die Kompaniekapelle, deren Instrumente zumeist sehr sinnreich aus Blechbüchsen und Telephondraht hergestellt waren, das »O Deutschland, hoch in Ehren!«, und Gruppe um Gruppe fielen die Mannschaften ein. Unter Lachen und Singen ging es der ungewissen Zukunft entgegen.
Die Nacht verbrachten wir auf Stroh in denRussenkasernen von Augustow. In den nächsten Tagen ging's über Suwalki nach Kalvarja weiter. Auf diesen ersten Märschen, die den im monatelangen Stellungskrieg eingerosteten Knochen der Leute recht sauer wurden, erwies sich der junge Wandervogel als frischer Helfer. Ohne viel Ermahnen, Schelten und Antreiben wußte er durch ein rasches Scherzwort hier und dort einen niederhängenden Kopf zu heben, während er mit leichtem, festem Schritt an der marschierenden Kolonne herauf- und herunterging. Bot ihm einer der berittenen Offiziere während des Marsches ein Pferd an, so schlug er's aus; als Zugführer marschierte er mit seinen Leuten. Von einem Gaul herunter, der ihm nicht zustand, die müden Gruppen anzutreiben, das lag ihm nicht. Etwas Festes und Festliches war immer in seinem Gang, das jeden gern nach ihm hinschauen ließ. Unweit Kalvarja wurden die Marschkolonnen des Bataillons von der russischen Artilleriebeobachtung bemerkt, und über die auf kurze Strecke eingesehene Straße fegten krachend die Sprengladungen berstender Schrapnells. Hart neben den ziehenden Kolonnen schleuderten einschlagende Granaten die schwarze Erde baumhoch empor und wühlten mächtige Trichter auf. Die Kompanienwichen dem Feuer in den Sumpfbruch rechts der Straße aus und zogen abseits außer Sicht im Wiesengrunde weiter den Türmen von Kalvarja entgegen. Noch sehe ich Ernst Wurche durch den Granatensegen von Kalvarja schreiten mit demselben geruhigen und aufrechten Gang, mit dem er die Steilhänge der Côtes Lorraines hinab, an ostpreußischen und polnischen Seen entlang und singend an der Spitze der zum Baden ziehenden Kompanie durch die Sonnenwälder von Augustow gezogen war. Dieser Gang wurde um nichts hastiger. Das ruhige, feste, gleichsam befehlende Ausschreiten des jungen Leutnants geleitete die Kompanie in guter Ordnung durch die Feuerzone und verhinderte ein Auseinanderlaufen der Kolonnen in dem unbekannten und gefährdeten Gelände. Nach stundenlangem, erschöpfendem Marsch durch morastige Gründe und unwegsame Hänge bog die Kompanie wieder auf die große Straße ein. Neben dem triebhaften Vorwärtsziehen der müden grauen Masse klang der lebendige Schritt des jungen Führers über das Steinpflaster von Kalvarja.
Zwischen Kalvarja und Mariampol bezog das Regiment noch einmal feste Stellung, die von preußischer Landwehr ausgebaut war. Ein abscheulicherFäulnisgeruch lag über den Lehmgräben, in denen trübes Grundwasser immer in tiefen Lachen und Pfützen stand. Unter dem Bodenbelag der Unterstände mußte das nachsickernde Wasser immer aufs neue ausgeschöpft werden. Jenseits der Brustwehr lag der ausgeworfene Schlamm in breiten, zähen Bächen. An der Luft und unter der Erde wimmelte es von Ungeziefer. Das Fliegengeschmeiß sammelte sich um jeden eßbaren Bissen in schwarzen Klumpen, und aus dem Deckbalkengefüge der Unterstände warfen uns die unermüdlich wuselnden Mäuse den trocknen Lehm auf Köpfe und Teller. Ernst Wurche, der in diesen Tagen seinen dritten Zug an einen Kameraden mit älterem Patent abgeben mußte, teilte mit mir ein enges Erdloch, in dem wir gerade auf zwei etagenförmig übereinander gebauten Pritschen schlafen konnten. Gegen die Mäuse eröffneten wir, wenn es zu toll wurde, mit unsern Pistolen von beiden Pritschen her nächtliche Feuerüberfälle, die sich mitunter zu wütendem Trommelfeuer steigerten. Wenn dann unsre Taschenlampen als Scheinwerfer über den Kampfplatz spielten, beleuchteten sie ein wüstes Trümmerfeld von Holzsplittern und Lehmbrocken, unter denen sich einmal sogar eine Mäuseleiche begraben fand. Die Höhlenluft,in der wir schliefen, wurde durch den Pulverschwaden, der das nächtliche Schlachtfeld deckte, weder besser noch schlechter. Im übrigen mieden wir nach Möglichkeit den Aufenthalt in dem unappetitlichen Loche, in dem wir uns trotz der von Wurche besorgten pomphaften Türinschrift »Stabsquartier des 2. Zuges« nicht heimisch fühlten. Bei Nacht wanderten wir durch den Graben und die Horchpostenlinie oder pirschten uns auf Patrouille an die russische Feldwache heran. Bei Tage nützten wir jedes Stündlein Sonne zum Faulenzen und Plaudern auf einer kärglichen Feldblumenwiese hinter den Gräben. Die flache Wiese war der einzige saubere Fleck, der uns in dem armseligen Lande, das sich um die »Leidensstadt« Kalvarja dehnt, erreichbar war. Aber sie hatte den Nachteil, daß man sie nur »liegend« bewohnen konnte. Vermaß man sich, aufrecht darauf zu wandeln, so pfiffen einem vom Russengraben her die Salven um die Ohren. Aber es war doch schön, sich auf dem blühenden Fleckchen zu strecken, die Hände unterm Kopf zu verschränken und in den blauen, sonnenheißen Himmel hinaufzusehen. Auf dieser Wiese haben der Freund und ich unsre letzten Plauderstündchen gehalten, zum letzten Male habe ich mich hier seines gedankenhurtigenund bildkräftigen Plauderns freuen dürfen … Goethes Lieder ließen uns die Armseligkeit der Umgebung vergessen, und oft rief uns erst der Kugelsegen, der uns beim Aufstehen begrüßte, wieder in die Wirklichkeit zurück.
In der ersten Frühe des 19. August hatte ich den Freund eben im Nachtdienst abgelöst, als ich vom Kompanieführer den Befehl erhielt, mit einer Patrouille die Stärke der feindlichen Grabenbesatzung nach Möglichkeit zu erkunden. Die Kämpfe um Kowno machten die Stellung des Gegners mit jedem Tage unhaltbarer, und es lag alle Ursache vor aufzupassen, ob er nicht einmal freiwillig bei Nacht und Nebel die Gräben räumte, um sich weiter rückwärts in günstigerer Lage aufs neue festzusetzen.
Mit einer Patrouille von zwei Gruppen fühlte ich vor. Es war schon fast heller Tag, und zunächst glaubte ich nicht, daß wir weit kommen würden. Denn gleich als wir uns über die Ausfallrampe der Brustwehr schwangen, pfiffen uns von drüben ein paar Kugeln um die Ohren, die uns bewiesen, daß noch Leben in dem Russengraben war, und zudem mußten wir fast den ganzen Weg in voller Sicht des Feindes zurücklegen. Aber sonderbar, je weiter wir vorgingen, desto zaghafter kamen die Schüssevom gegnerischen Graben. Daß wir längst bemerkt waren, daran war kein Zweifel. Entweder hatten also die Russen in der Nacht die Stellung geräumt und nur ein paar Leute zurückgelassen, die durch fleißiges Schießen die Grabenbesatzung so lange wie möglich »markieren« sollten und denen es nun angesichts unsres Vorgehens rätlich schien, keine zu große Erbitterung in uns aufzuspeichern, oder aber man wollte uns herankommen lassen und in die Falle locken. Um herauszubekommen, welche der zwei Möglichkeiten wahrscheinlich sei, nahm ich mit meinen zwei Gruppen auf einem flachen Hügel Stellung, schoß ein paar Salven nach den russischen Gräben und ging dann im Kehrt ein Stückchen zurück, als wenn ich wieder in die eigene Stellung wollte. Ich sagte mir: wollten die Russen uns in die Falle locken und sehen nun, daß wir doch umkehren, so werden sie jetzt mit allen Gewehren feuern, um uns zusammenzuschießen, ehe wir ganz entkommen. Aber trotz der Kehrtschwenkung blieb es bei ein paar Schüssen, die bald von rechts, bald von links her über unsre Köpfe weggingen. Dadurch sicher gemacht, gingen wir wieder energisch gegen die russischen Verhaue vor. Gleichzeitig schickte ich einen Mann zurück an Leutnant Wurche, er möchtemir mit einer Handgranatengruppe möglichst rasch folgen. Ich wollte ihn in einem abgebrannten Gehöft kurz vor dem russischen Hindernis erwarten, dann in den Russengraben einbrechen und uns im Fall einer Überrumpelung mit den Nahkampfmitteln doch noch aus der Falle herauskämpfen. Es ging alles glatt ab. Auf ein verabredetes Zeichen brachen wir unter den verkohlten Bäumen vor und rissen die spanischen Reiter des russischen Hindernisses auseinander. Im Nu hatten die hartzupackenden Fäuste unsrer Leute eine Bresche gelegt, und wir sprangen über die Brustwehrkrone in den feindlichen Graben hinein. Im kritischen Augenblick des Vorbrechens schlug doch allen das Herz schneller, das merkte man an der Art, mit der die Hände der Leute in den Stacheldraht hineinfuhren. Im russischen Graben holte uns Ernst Wurche mit seiner Handgranatengruppe ein. Ein russischer Sergeant gab sich mit einer Gruppe gefangen. Wir schickten eine Gefechtsordonnanz an die Kompanie zurück, entwaffneten die Russen und schickten sie mit zwei Mann als Bedeckung dem vorauseilenden Melder nach. Einen Teil der Leute ließen wir zur weiteren Durchsuchung der Unterstände zurück und gingen mit dem Rest der Patrouille aufklärendgegen die zweite Stellung des Gegners vor. Die Gräben auf der beherrschenden Höhe 130 fanden wir leer, und auch die Gehöfte weiter rückwärts waren verlassen. Nur ansehnliche Batterien leerer Flaschen in den kahlen Stuben zeigten deutlich, wo die höheren Stäbe quartiert hatten. Auch aus der zweiten Stellung ging ein Melder an die Kompanie zurück. Wir selbst drangen unbehindert noch mehrere Kilometer bis über die Szeszupa vor, schossen uns mit einer Kosakenpatrouille herum und stellten fest, daß der Gegner auch in den Gräben am Flußufer noch nicht wieder Halt gemacht hatte. Danach war unsre Aufgabe gelöst, und wir suchten wieder Verbindung mit der Kompanie. Auf der Rückkehr zu unsern Gräben – wir fuhren mit einem für unser Gepäck requirierten Wagen zurück – trafen wir zwischen der ersten und zweiten Grabenlinie der Russen bereits aufklärende Dragoner, die auf Grund unsrer Meldung vorgeschickt waren. Kurz danach stießen wir auf Infanteriepatrouillen und marschierende Kolonnen, und als wir persönlich dem Kompanieführer Meldung machten, gingen bereits Teile der Feldartillerie auf Balkenbrücken über unsre Gräben vor. Die ganze Division war in Bewegung. Unsre Leute strahlten. Die »Neunte« hatte als ersteKompanie den Abzug des Gegners erkundet. Darauf war jeder Mann der Kompanie stolz. Wir wurden mit einer Patrouille nochmals vorgeschickt, um an der Szeszupa-Brücke den Flußübergang zu decken. Aber die Brücke dröhnte schon unter marschierenden Kolonnen, Pferdehufen und Rädern. Kavallerie- und Infanteriepatrouillen fühlten bereits weit voraus vor. Wir warfen die Kleider ab, badeten im Flusse und erwarteten das Bataillon. Es war für Monate unser letztes Bad.
Der gefangene Sergeant hatte ausgesagt, daß sein Regiment weiter rückwärts an der Bahnlinie bei Krasna wieder feste Stellung bezogen habe. Diese Angabe erwies sich als richtig. Die Rückzugsstraße des Gegners, auf der wir alsbald vormarschierten, war von weggeworfenen Patronen besät und stellenweise in ihrer ganzen Breite tiefaufgerissen und zerstört, um das Vorankommen unsrer Geschütze und Fahrzeuge zu hindern. Aber die Wälder längs der Straße hatten Stammholz genug, um die Gräben im Augenblick zu überbrücken. Im Walde kurz vor dem langgestreckten Dorfe Warthi krepierten die ersten russischen Schrapnells über der Straße, auf der unser Bataillon marschierte. Die Kompanien zogen sich in Gefechtsbereitschaft nachlinks in die den feindlichen Stellungen vorgelagerten Waldstücke und erwarteten den Angriffsbefehl. Unsere Artillerie fuhr auf und antwortete den russischen Geschützen. Ein paar Gehöfte zwischen uns und dem Gegner brannten wie Fackeln herunter.
Schon beim Abmarsch aus unsrer alten Stellung hatte Leutnant Wurche den Regimentsbefehl erhalten, der ihn zur zehnten Kompanie kommandierte. Während des Marsches war er noch mit mir zusammengeblieben, aber jetzt als die Kompanien zum Gefecht auseinandergezogen wurden, eilte er mit kurzem Händedruck davon, um sich bei seinem neuen Kompanieführer zu melden. Während des Marsches war er einsilbig gewesen. Ich verstand ihn ganz. Es wurmte ihn,seinenZug,seineLeute aus der Hand geben zu müssen. Darin fühlte er recht wie ein Künstler, der einen andern über eine angefangene Arbeit gehen lassen muß. Er war Soldat genug, darüber nicht viele Worte zu machen. Er wußte Großes und Kleines recht wohl zu unterscheiden. Das Kleine, das ihn anging, nahm er darum nicht weniger ernst, aber er sprach nicht darüber.
So kam es, daß wir in unser erstes Gefecht nicht Seite an Seite vorsprangen. Zwei Züge der neuntenKompanie, darunter der meine, wurden zuerst eingesetzt. Es war nicht viel mehr als eine gewaltsame Erkundung. Gleich beim ersten Sprung unsrer hinter dem Waldrand entwickelten Schützenlinie ins offene Gelände fegte der Hagel der russischen Maschinengewehre ratternd gegen uns an und riß die ersten Lücken. In drei Sprüngen arbeitete ich mich mit meinen Leuten bis zu einer flachen Ackerwelle vor, die uns wenigstens gegen Flankenfeuer Deckung gab. Der letzte Sprung kostete mich einen meiner braven Gruppenführer, den Gefreiten Begemann, der noch am Morgen auf unsrer Patrouille wacker und fröhlich unter den ersten in den russischen Graben hineingesprungen war. In den Ackerfurchen hinter uns jammerten Verwundete. Von unsrer kleinen Anhöhe aus konnten wir die russischen Gräben überschauen. Es waren wochenlang ausgebaute schrapnellsichre Gräben hinter tiefen, doppelten Drahtverhauen, eine meisterhafte, schachbrettartige Anlage, die mit Maschinengewehren gespickt war und den Angreifer an jedem Punkte in ein verheerendes Flankenfeuer hineinzwang. Diese Stellungen waren von stürmender Infanterie ohne starke Artillerievorbereitung nicht einfach zu überrennen. Mit ein paar Gruppen dagegen anzulaufen, war unmöglich.Ich gab Befehl »Spaten heraus!« und ließ meine Leute sich einschanzen. Dann schickte ich Gefechtsordonnanzen mit Meldung zurück und erhielt Befehl, mich bei Dunkelheit auf die Höhe der andern Kompanien zurückzuziehen. Als es dämmerte, gruben wir dem Gefreiten Begemann, den ein Herzschuß niedergestreckt hatte, in der vordersten Linie ein Grab. Die Kameraden in der Schützenlinie knieten auf und entblößten das Haupt. Ich sprach laut das Vaterunser. Ein paar russische Schrapnells barsten krachend über dem offenen Grabe. Wir schlossen das Grab, legten Helm und Seitengewehr auf den flachen Hügel und schickten drei Ehrensalven darüber hin gegen die russischen Gräben. Dann zogen wir uns auf die Höhe des Bataillons zurück. Hinter den niederbrennenden Bauernhöfen hoben die Kompanien Gräben aus und erwarteten in Bereitschaftsstellung den Morgen.
Auch der folgende Tag brachte noch keinen Angriffsbefehl. Wie es hieß, wurde in aller Eile Artillerieverstärkung herangezogen, um die feindliche Stellung sturmreif zu machen.
Am 21. August wurde nach zweistündigem Artilleriefeuer auf der ganzen Linie angegriffen. Das Gefecht von Krasna und Warthi lebt alseiner der blutigsten Tage in der Geschichte der Brigade.
Hinter den kahlen Hängen vor Warthi entfaltete sich das Bataillon. Die Kompanien zogen an den feuernden Batterien vorüber und entwickelten sich aus den flachen Mulden gegen die Höhe, von wo der Angriff vorgetragen wurde. Über diese Anhöhe lief zwischen den verbrannten Höfen eine Straße, die beim Angriff überquert werden mußte und vom Feinde rasend mit Maschinengewehren bestrichen wurde. Zugweise und gruppenweise sprangen die Kompanien über den Todesweg. Ich sah Leutnant Wurche mit seinem Zuge springen, Gewehr in der Hand, den Kopf im Nacken. Links und rechts von ihm rissen die Russenkugeln Lücken. Verwundete krochen zurück und taumelten hangabwärts zum Verbandplatz. Neue Feuersbrünste flammten um Warthi auf und warfen schwelende Rauchschwaden über das Schlachtfeld. Die Maschinengewehre hämmerten und schütteten. Das Infanteriefeuer brodelte. Die Artillerien zerrissen Luft und Erde. Die Schwarmlinien des Bataillons verschwanden im Gelände, verschmolzen mit Feld und Acker. Hier und dort eine springende Gruppe, die alsbald, wie von der Erde verschluckt, wieder verschwand. Die starkeStellung des Gegners hatte durch unser Artilleriefeuer nur wenig gelitten. Die Maschinengewehre waren nicht niedergekämpft. Der tiefe Angriffsraum, der zudem von verschanzten Höhen aus mit vernichtendem Flankenfeuer bestrichen wurde, kostete harte Verluste. Teile des Bataillons drangen nahe an die russischen Hindernisse vor, der Angriff gewann ein paar hundert Meter Raum, aber es war nicht möglich, sturmkräftige Schützenlinien vor den feindlichen Verhauen aufzufüllen. Die letzten Reserven wurden nicht mehr eingesetzt. Die vorgedrungenen Schützenlinien hatten sich auf dem Gefechtsfeld eingegraben. In der Dämmerung kam Befehl an die Kompanien, sich ineinerHöhe in durchlaufenden Gräben einzuschanzen. Es wurde dunkel. Leuchtkugeln stiegen. Spaten und Beilpicken klirrten. Von den überstürmten Äckern kam ein Stöhnen und Rufen. Die Krankenträger gingen vor und zerstreuten sich mit Bahren übers Feld. In den rasch aufgeworfenen Gräben saßen die Gruppen beisammen, schnitzten Kreuze und machten Kränze aus Wacholder und Fichtenzweigen. Aus der dunklen Erde wuchsen Gräber und schlossen sich über den Toten von Warthi. Brände verschwelten. Ab und zu ein prasselndes Zusammenstürzen ausgebrannterHäuser und Scheunen. Und immer wieder irgendwo ein Wimmern, ein messerscharfes Schreien. Ablösende Posten gingen zu zweien und dreien ins Dunkel vor. Patrouillen streiften durch die Postenkette zu den Russengräben hinüber. Die ganze Nacht hindurch ging das Suchen und Fragen und stille Finden …
Ernst Wurche lag mit seinen Leuten in der vordersten Linie. Da sein Kompanieführer gleich zu Beginn des Gefechts ausfiel, hatte er mitten im Sturm die Führung der zehnten Kompanie übernommen. Seine Fernsprecher hatten Verbindung nach rückwärts gelegt. Mitten in der Nacht rief mich der Freund durchs Feldtelephon an. Nach jedem einzelnen Mann seines alten dritten Zuges fragte er. Ich hatte die Verluste der Kompanie zusammengestellt. Auch in den dritten Zug hatte der Tag seine Lücken gerissen. Nach jedem der Verwundeten fragte er mehr, als ich antworten konnte. Von seinem eignen Erleben sprach er nicht. »Alles Gute für morgen!« »Gute Nacht!« Ich hing den Hörer ab. Dann ging ich zum dritten Zuge und brachte den Leuten die Grüße des Freundes. Der Morgen ging blaß über Gräben und Gräbern auf …
Der neue Tag verging unter Wachen und Schanzen. Es hieß, daß schwere Artillerie im Anmarschsei. Aber in der nächsten Nacht wichen die Russen weiter ostwärts auf Olita zurück. In der Frühe des 23. August drängten wir nach. Mein Zug hatte während des Marsches die Spitze. An unsern Kolonnen vorüber zogen auf dem ganzen Wege zwischen Nowewloki, Warthi und Solceniki die endlosen Flüchtlingszüge der von den Russen mitgeschleppten lettischen Bauern, die mit einem Troß armseliger Karren voller Betten und Hausrat, mit dem Rest ihrer Herden und Pferde ihren verlassenen Höfen hinter den deutschen Linien wieder zustrebten. Nur selten flog ein Zuruf, ein Gelächter hin und her zwischen den grauen Kolonnen der marschierenden Soldaten und der armen Herde bündelschleppender Frauen, schreiender Kinder und hastig die Kappen und Pelzmützen rückender Männer. Die Dörfer und Höfe, zu denen die Vertriebenen zurückwanderten, lagen in Asche unter verkohlten Fruchtbäumen und niedergetretenen Zäunen. Der ferne Widerschein ihrer brennenden Dörfer hatte durch Tage und Nächte den Heimatlosen in die Augen gebrannt und ihren Glanz stumpf gemacht. Abseits der Straße irrte blökendes Vieh über die zertretenen Felder, barfüßige, schreiende Jungen mit Stöcken und kläffende Hunde sprangen dazwischen herum. Vorüber ander Völkerwanderung der Abgehausten ging unser Marsch, ging durch menschenöde Dörfer aus altersschwarzen Holzhütten mit tiefhängenden, moosverfilzten Strohdächern und geplünderten Obstgärten, vorbei an frischen Gräbern und vorbei an den gespenstisch-verwahrlosten lettischen Kirchhöfen, die mit ihren schwarz und riesenhaft über einen Wall von rohen Felsblöcken emporstakenden Holzkreuzen geheimnisvollen Schädelstätten glichen, öden, verlassenen, von allem Lebendigen gemiedenen Richtplätzen. Pferdekadaver und verlassene Wagen, zerfetzte Uniformstücke und verstreute Patronen überall auf Weg und Feld, zerfahrene und zertretene Ernten zur Seite …
Am Wegekreuz vor Zajle erhielt ich durch Zuruf der Verbindungsrotten Befehl zu halten. Der Bataillonsstab kam zur Spitze vorgeritten, saß ab und studierte im Straßengraben die Karte. Meldereiter brachten Befehle. Der Vormarsch fand an der Seensperre vor dem Gilujicie- und Simno-See für heute sein Ende. Die Kompanieführer wurden nach vorn gerufen und empfingen die Befehle für die Nacht. Der Stab bezog mit zwei Kompanien Quartier im Gutshof von Ludawka, die neunte und zehnte Kompanie sicherte mit Feldwachen undVorposten zwischen den Buchciánski-Sümpfen und dem Simno-See. Über Karte und Meldeblock gebückt, standen die Offiziere um den am Grabenrand sitzenden Major. Auf der Straße von Zajle her kam eine Sicherungspatrouille mit einer Rotte heftig redender und gestikulierender Bauernburschen; es waren großgewachsene, strohblonde Kerle, die ohne Kleider in den Betten gelegen hatten, nur die Soldatenhemden hatten sie verraten.
Unter dem hochragenden Wegekreuz von Zajle sah ich den Freund noch einmal. Er hatte den Weg nach Posiminicze erkundet, wo er mit einem Zuge Feldwache beziehen sollte. Wir sprachen über die Toten von Warthi. Ich redete von diesem und jenem, den ich in seinem ersten Gefechte fallen sah, nachdem ein frischer und herzlicher Führerwille durch lange Monate unermüdlich an ihm gearbeitet hatte. Ein Sprung und Sturz – tot! Und für dieseneinenSchritt so viele Mühe und Liebe – »Nicht für dieseneinenSprung,« unterbrach mich der Freund, »sondern dafür, daß er ihn mit hellen und beherzten Augen, mitMenschenaugen tat! Und sollte das nicht genug sein?« Ich sah ihn an und schwieg. Schwieg aus Freude und nicht aus Widerspruch. Aber er schien's dafür zu nehmen und schobseinen Arm unter meinen. »Haben Sie denn vergessen, was Sie Ihren alten Klaus von Brankow in der einen Bismarcknovelle sagen lassen?« Und er holte die Worte aus seinem frischen, jungen Gedächtnis: »Umsonst –? Es mag enden, wie es will – Ihr werdet Euer Brandenburg, Brandenburg! nicht umsonst gejubelt haben. Hat nicht der tote Begriff Vaterland lebendige Schönheit und Taten gezeitigt? Haben nicht tausend junge Menschen durch tausend Stunden menschlichen Lebens nicht an Leichtes und Leeres und Arges gedacht, sondern sind mit warmen und festen Herzen durch Tage und Nächte gegangen? Kann eine Zeit umsonst sein, die aus dem sprödesten der Stoffe, aus dem menschlichen, Kunstwerke gemacht und sie auch denen offenbart hat, die sie wie Barbaren zertrümmern mußten?« –
In diesem Augenblick wurde ich zum Kompanieführer gerufen und erhielt Befehl, zur Sicherung der Postenaufstellung mit meinem Zuge bis Dembowy Roq vorzugehen und dort Stellung zu nehmen. Ich sprang noch einmal, während meine Leute unter Gewehr traten, über den Graben und drückte dem Freunde die Hand. »Ich habe für die Nacht Feldwache in Posiminicze,« sagte er, »kommen Sie doch auf eine Stunde herüber!« »Das geht nunnicht, ich liege selbst auf Vorposten.« »Ja dann – aber es ist schade!« Ich ließ seine Hand und sprang über den Graben zurück. »Gewehre in die Hand!« Ich marschierte mit der Spitzengruppe ab, der Rest des Zuges folgte auf kurzen Abstand. Unter dem hohen, schwarzen Kreuze von Zajle stand die schlanke, aufrechte Gestalt des Freundes. »Auf Wiedersehen!« rief ich ihm zu. Er stand still unter dem Kreuze und hob die Hand zum Helmrande …
Die Feldwachen und Posten waren aufgestellt, und ich war mit meinem Zuge nach Zajle zur Vorpostenkompanie zurückmarschiert. Ich saß am Tisch einer Bauernstube und schrieb Briefe nach Haus. Der Kompanieführer schlief auf einer Strohschütte. Die Bauernfamilie lag in einem riesigen Holzbett unter grellbunten Kissenbergen. In einer Stubenecke zwischen Tornistern und Gewehren hockten die Fernsprecher um ein Lichtstümpfchen am Apparat. Ab und zu klöhnte der Summer, eine ferne quäkende Stimme gab Meldungen durch, die der Telephonist halblaut wiederholte und niederschrieb. Das menschenüberfüllte Zimmer war voll verbrauchter Luft. Ich stand auf und öffnete ein Fenster. Zögernd und blaß traten die Sterne aus dem Himmel. Vor demHause klang der Schritt des Postens. Hinter mir tönte ab und zu das verschlafene Wimmern eines kleinen Kindes, das in der lettischen Wiege, einem an rußschwarzen Stricken von der Decke herabschwebenden Holzkasten, lag. Leise und kühl wehte die Nachtluft mich an.
Wieder klöhnte der Summer des Telephons aus der Stubenecke. »Herr Leutnant –!« »Ja, was ist?« Ich wandte mich ahnungslos um. Der Fernsprecher hielt mir den Hörer entgegen. Der Summer hatte dreimal lang angerufen. Das ging mich nichts an. Irgend jemand sprach mit dem Bataillon. Aber ich nahm doch den Hörer, den der Fernsprecher mir mit kurzem Ruck aufdrängte. Warum sah mich der Mann so an? Ich hörte das Gespräch ab. »Meldung von Feldwache in Posiminicze: Leutnant Wurche auf Patrouille am Simno-See schwerverwundet. Bitte um Wagen zum Transport.« …
Es war ganz still im Zimmer. Der Mann am Fernsprecher sah mich an. Ich wandte mich ab. Die Gedanken flogen mir durcheinander. Ich wollte aus dem Zimmer stürzen und nach Posiminicze laufen … Aber ich lag ja auf Vorposten. Und draußen verblutete vielleicht der Freund. Ich durfte nicht fort. »Ja dann – aber es ist schade.« Das Abschiedswortunter dem Kreuz von Zajle ging plötzlich durch die Stille. Ich biß die Zähne aufeinander. Immer wieder hörte ich das Wort, das halb gleichgültige, sinnlose Wort, das mich höhnte. »Es ist schade … Es ist schade …« Und draußen verblutete der Freund.
Da nahm ich den Hörer wieder und rief die zehnte Kompanie an. Der Summer schrillte. Die Kompanie meldete sich. Aber es war keine neue Meldung von der Feldwache eingelaufen. Der Verwundete lag noch draußen. Ein Wagen war nach Posiminicze unterwegs. Das war alles. »Sobald neue Meldung kommt, rufen Sie mich an!« »Jawohl, Herr Leutnant.« Alles dienstlich, ruhig, gleichgültig, müde wie immer. Ich saß und wartete. Ich stand auf und ging auf und nieder. Der Mann in der Ecke folgte mir mit den Augen. Ich ging aus dem Zimmer und war allein. Von Stunde zu Stunde rief ich durchs Feldtelephon an. »Keine weitere Meldung, die Leute sind noch draußen.« Immer dasselbe. Und ich saß kaum eine Wegstunde fern und durfte nicht zu dem Freunde eilen. Ich stand auf der dunklen Straße von Zajle, starrte in die Finsternis nach Südosten hinüber und kämpfte mit mir und war meiner nicht mehr Herr.
Das Fenster klang. »Herr Leutnant!« Ich stürzte ins Zimmer und faßte den Hörer. »Hier Leutnant Flex!« »Hier zehnte Kompanie! Leutnant Wurche ist tot.«
Ich gab den Hörer aus der Hand, ohne Antwort. »Schluß!« rief der Fernsprecher in den Schalltrichter. Sinnlos, sinnlos war das alles … Wieder stand ich unter dem blassen Himmel. Die Häuser um mich her als drohende, schwarze Klumpen. Und die Stunden schlichen weiter, eine nach der andern.
Ich wartete nur auf das Frührot. Dann jagte ich nach Posiminicze hinüber. Zwei Stunden gab mir die Kompanie Urlaub. Dann mußte ich zum Abmarsch zurück sein. Ohne Pferde war es unmöglich. Ich brachte einen Leiterkarren auf, meine Leute holten ein paar Gäule von der Weide. Der Bauer mußte anspannen. Aber er machte Schwierigkeiten. Er hatte kein Lederzeug. Ich riß die Pistole heraus und drohte die Gäule zusammenzuschießen. Der Bauer und die Weiber warfen sich auf die Erde, rangen die Hände und heulten. Ich riß ihn hoch. »Stricke!« Es waren keine Stricke da. Erst als ich auf die Pferde anschlug, brachte ein halbwüchsiger Bursche Stricke aus einem Schuppen. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich mußte den Freundnoch einmal sehen. Er sollte durch eine Hand zur Ruhe gebettet werden, die ihn brüderlich liebte. Die Gäule waren angesträngt. Ich sprang auf. Einen jungen Kriegsfreiwilligen, der das Grab für die Eltern zeichnen sollte, nahm ich mit. Vorwärts! Ich hieb auf die Pferde und jagte querfeld nach Posiminicze hinüber.
Dann stand ich vor dem Toten und wußte nun erst: Ernst Wurche war tot. In einer kahlen Stube auf seinem grauen Mantel lag der Freund, lag mit reinem, stolzem Gesicht vor mir, nachdem er das letzte und größte Opfer gebracht hatte, und auf seinen jungen Zügen lag der feiertäglich große Ausdruck geläuterter Seelenbereitschaft und Ergebenheit in Gottes Willen. Aber ich selbst war zerrissen und ohne einen klaren Gedanken. Vor dem Hause, zur Linken der Tür, unter zwei breiten Linden hatte ich die offene Grube gesehen, die die Leute der Feldwache ausgehoben hatten.
Dann sprach ich die Mannschaften, die am Abend mit ihm auf Patrouille gegangen waren. Ernst hatte feststellen sollen, ob die Gräben der Seensperre vor Simno noch von Russen besetzt wären. Im Vorgehen war die Patrouille vom Feind mit Schrapnells unter Feuer genommen worden. Eswar unmöglich, unbemerkt an die zu erkundende Stellung mit der Patrouille heranzukommen. Aber der junge Führer kehrte nicht um, ohne seinen Auftrag restlos zu erfüllen. Nur seine Leute ließ er zurück. Während sie in Deckung warteten, machte er einen letzten Versuch, sich die Einsicht in den russischen Graben zu erzwingen. Gewohnt, immer zuerst sich als den Führer einzusetzen, kroch er allein Meterbreite um Meterbreite vor und arbeitete sich so noch weitere hundertfünfzig Meter heran. Der Graben war nur noch von Kosakenposten besetzt, aber im Vorkriechen wurde der deutsche Offizier von einem der Russen bemerkt, der alsbald auf ihn feuerte. Eine Kugel drang ihm in den Leib, die großen Blutgefäße zerreißend und den Tod in kurzer Zeit herbeiführend. Seine Leute bargen ihn aus dem Feuer der flüchtenden Kosaken. Einer fragte, wie sie ihn trugen: »Geht es so, Herr Leutnant?« Er antwortete noch ruhig wie immer: »Gut, ganz gut.« Dann verließen ihn die Sinne, und er starb still, ohne zu klagen.
Vor dem lettischen Gehöft, wo er als Feldwachhabender gelegen, auf den Seehöhen vor Simno schmückte ich ihm das Heldengrab. Zwei Linden über ihm als geruhige Grabwächter, das naheRauschen der Wälder und das ferne Gleißen des Sees sollten ihn behüten. In den Bauerngärten umher war eine blühende, schwellende Fülle von Sonne und Sommerblumen. Ein Grab voll Sonne und Blumen sollte der sonnenfrohe Junge haben. Mit Grün und Blumen kleidete ich die kühle Erde aus. Dann brach ich eine große, schöne Sonnenblume mit drei golden blühenden Sonnen, trug sie ihm ins Haus und gab sie ihm in die gefalteten Hände, die, fast Knabenhände noch, so gerne mit Blumen gespielt hatten. Und ich kniete vor ihm, sah wieder und wieder in den feiertäglich stillen Frieden seines stolzen jungen Gesichts und schämte mich meiner Zerrissenheit. Aber ich rang mich nicht los von dem armseligen Menschenschmerze um das einsame Sterben des Freundes, in dessen Hand in der letzten Stunde keine andere gelegen hatte, die ihn liebte.
Doch je länger ich kniete und in das reine, stolze Gesicht sah, desto tiefer wuchs in mir eine angstvolle und unerklärliche Scheu. Etwas Fremdes wehte mich an, das mir den Freund entrückte. Dann schlug mir das Herz in aufwallender Scham. Er, der seinem Gotte so gerne nahe war, wärealleingestorben? Ein Bibelwort fiel mir ein ausJeremias: »Ichbin bei dir, spricht der Herr, daß ich dir helfe.« Das letzte große Zwiegespräch auf Erden, die Zweieinsamkeit zwischen Gott und Mensch hatte kein Unberufener gestört … Und ich klagte um ein freundloses Sterben – – –
Nicht daß ich's in jener Stunde klar empfunden hätte, aber als Keim senkte es sich damals in meine Seele, der in später Erinnerung heller und heller aufblühte. Großen Seelen ist der Tod das größte Erleben. Wenn der Erdentag zur Rüste geht und sich die Fenster der Seele, die farbenfrohen Menschenaugen verdunkeln wie Kirchenfenster am Abend, blüht in dem verdämmernden Gottestempel des sterbenden Leibes die Seele wie das Allerheiligste am Altar unter der ewigen Lampe in dunkler Glut auf und füllt sich mit dem tiefen Glanze der Ewigkeit. Dann haben Menschenstimmen zu schweigen. Auch Freundesstimmen … Darum forscht und sehnt euch nicht nach letzten Worten! Wer mit Gott spricht, redet nicht mehr zu Menschen.
Hätte ich's doch klarer empfunden in jener Abschiedsstunde! Ich ließ den Freund hinaustragen und half ihn in das grünausgekleidete Grab unter den Linden senken. In seiner vollen Offiziersausrüstung bettete ich ihn zum Heldenschlafe mit Helm und Seitengewehr.In der Hand trug er die Sonnenblume wie eine schimmernde Lanze. Dann deckte ich ihn mit der Zeltbahn. Über dem offenen Grabe sprach ich ein Vaterunser, zu dem mir nun freilich wieder die Worte in Tränen versagten, und warf die ersten drei Hände Erde auf ihn, danach sein Bursche, dann die andern. Dann schloß sich das Grab, und der Hügel wuchs. Eine Sonnenblume steht darauf und ein Kreuz. Darauf ist geschrieben: »Leutnant Wurche. I. R. 138. Gefallen für das Vaterland. 23. 8. 1915.« Der Stahl, den der Waffenfrohe blank durch sein junges Leben getragen, liegt ihm nahe am Herzen, als ein Gruß von Erde, Luft und Wasser der Heimat, aus dem Marke deutscher Erde geschmiedet, in deutschem Feuer gehärtet und mit deutschem Wasser gekühlt.