I. Theorie.

I. Theorie.Erster Abschnitt.Der Bildungswert des Zeichnens.

Wer heutzutage den Blick auf die Fülle von zeichenmethodischer Literatur richtet, die alljährlich auf den Markt geworfen wird, der fragt sich unwillkürlich, ob es denn überhaupt der Mühe wert ist, sich so ausgiebig mit einem Fache zu befassen, das jahrhundertelang gar nicht zu den regulären Unterrichtsfächern zählte. Ob zeichnerische Betätigung wirklich den Nutzen bringen kann, den man sich davon erwartet? Ob es nicht Zeit- und Kraftverschwendung ist, eine Tätigkeit, ohne die man früher recht wohl auskommen konnte, so stark zu betonen und zu kultivieren? Und unwillkürlich fragt man nach den eigentlichen Gründen, die unsere Zeit zu ihrer Stellungnahme geführt haben.

Es war zunächst ein mehr außerhalb der eigentlichen Bildungsziele gelegener Zweck: Der heimischen Industrie, dem Kunstgewerbe, sollte aufgeholfen werden. Deutschland wollte im Wettbewerb mit den übrigen Nationen erfolgreich bestehen können. Indem man jedoch daran ging, gleich den Engländern und Amerikanern, den Zeichenunterricht in den Dienst des wirtschaftlichen und nationalen Zwecks zu stellen, mußte man einsehen, daß ein rechter Erfolg nur dann erzielt werden konnte, wenn die Reform von Grund aus vorgenommen wurde. Wenn nicht nur gewerbliche, nicht nur wirtschaftliche Ziele und Zwecke angestrebt, sondern wenn die eigentlichen künstlerischen und pädagogischen Aufgaben in den Vordergrund gerückt würden. Von jeher hatte sich auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts der Grundsatz bewährt:Außerpädagogische Nebenziele finden ihre Verwirklichung da am besten, wo die Hauptkraft den innerpädagogischen, den Bildungs- und Erziehungsfragen zugewandt wird. Das gilt auch vom Zeichenunterricht. Verfolgt man mit ihm in erster Linie gewerblich-technische Ziele, so gerät das Fach in Gefahr isoliert zu werden und zu veröden.

Wer unterrichtlich etwas leisten möchte, muß vor allem zweierlei beachten: dieNatur des Menschen, der gebildet und erzogen werden soll, und dieNatur des Unterrichtsfaches, in dessen Sphäre er sich Wissen und Können aneignen möchte.

Fragen wir in unserem Falle zunächst, was die Natur des Menschen fordert, so werden wir finden, daß zwar nicht jeder, der zeichnen lernt, ein Kunstschreiner, ein Dekorationsmaler oder ein Gewerbler im allgemeinen Sinn werden möchte, wohl aber ein ganzer, voller Mensch. Körper und Geist sollen gebildet werden, und es fragt sich zunächst, ob der Zeichenunterricht diese Aufgabe zu leisten vermag.

Kann der Zeichenunterrichtkörperlichbilden? Zeichnerische Tätigkeit setzt ohne Zweifel eine Menge von Muskeln in Bewegung, wenn auch nicht in dem Maße wie Turnen, wie Klavier- oder Violinspiel, wie Schreinern und Schlossern, Rudern und Schlittschuhlaufen. Zeichnen ist in besonderem MaßeHand- und Fingergymnastik. Höher jedoch ist sein Wert für die körperliche Erziehung alsBildungsmittel der Sinneeinzuschätzen. Zeichnen ist eines der vornehmsten Mittel zurBildung des Gesichtssinnes. Auge und Hand, beide erfahren durch zeichnerische Tätigkeit eine eigenartige Schulung.

Und zwar käme wieder ein Doppeltes in Frage: Die Welt des Sichtbaren alsEin-und alsAusdruck. Dem künstlerisch geschulten Auge schenkt die Welt eine Menge von Erlebnissen, die dem ungeschulten Blick unerlebbar bleiben. Linien und Farben, das Reich des Lichtes und der Schatten, die eigenartigen malerischen Schönheiten einer Landschaft, einer Straße: auch dem Laien fallen die Bilder auf die Netzhaut seines Auges; aber was ihm ein Neben- und Durcheinander von Farben bleibt, die weder Gedanken noch Gefühle künstlerischer Art auszulösen vermögen, das wird für den Betrachter mit geschulten Augen ein Quell fortwährender Freuden und Entdeckungen. Wer mit Künstleraugen in die Welt schaut, dem offenbart sie sich in einem neuen, eigenartigen Lichte. Das naive Sehen wird ein Sehen mit Bewußtsein, ein künstlerisches Fühlen und Schauen. Die Phantasie entfaltet ihre Schwingen, und die Seele fühlt sich erfrischt und gestärkt wie in einem Jungbrunn neuen Lebens. Künstlerische Schulung bedeutet Daseinsbereicherung, Lebensergänzung.

Darin aber liegt der eigentliche Bildungswert, den ein rechter Zeichenunterricht vermittelt: in dergeistigenWirkung, in derseelischenFörderung, die nirgends ausbleiben kann, wo jenes sensualistische Unterziel, die Schulung von Auge und Hand, in rechter Weise angestrebt wird. Der innere Mensch, das Ich, die Persönlichkeit erfährt eine Steigerung, eine eigentümliche Lebenserhöhung. Der Verstand wird geschärft; denn es gehört eine nicht geringe Menge intellektueller Schulung dazu, die einzelnen Gesetze richtig zu erfassen. Der Geschmack erfährt seine Bildung und Verfeinerung. Die Freude am Wahren und Echten,der Haß gegen alles Falsche und Gekünstelte werden rege. Und mit ihnen das rechte Wollen und Streben. Es ist eine Willensleistung ersten Ranges gewesen, als ein Meister wie Dürer, dem die Seele voll war von gewaltigen Ideen, bei Herstellung seiner Kupferstiche Tausende von Strichen und Strichlein, Punkten und Pünktchen mühsam einritzte und eingrub, und es wirkt läuternd und aneifernd, diese Arbeit im kleinen zu beobachten, wie es erhebend und läuternd wirken kann, den Gedanken- und Gefühlsreichtum unserer großen Kunst in sich aufzunehmen.

Ist dasAugevornehmlich Werkzeug für den sichtbarenEindruck, so spielt hinwiederum dieHandals Organ des sichtbarenAusdrucksin der Bildungsarbeit eine hervorragende Rolle. Es ist heute, nachdem die Arbeitsschulbewegung sich dieser Aufgabe in einer Weise angenommen hat, die zuweilen übers Ziel hinausschoß, nicht mehr in dem Maße wie früher nötig, auf den Wert manueller Bildung hinzuweisen. Es war ein Unrecht, jahrzehntelang einem einseitigen Intellektualismus, einem ausgesprochenen Gedächtnisdrill zu huldigen und die Arbeit am Konkreten, vor allem die zeichnerische und plastische Darstellungs- und Gestaltungslust des Kindes zu vergessen. Die Gegenwart denkt anders darüber. Sie würdigt auch hier die starkegeistigeFörderung, die manuelle, besonders zeichnerische Ausdruckstätigkeit zu bieten vermag. Sie weiß, es ist nicht bloß Fingerübung oder Handgeschicklichkeit, wenn ein einfaches Baumblatt charakteristisch gezeichnet werden soll. Sie weiß, es gehört auchdenkendeÜberlegung zur ersten Anlage, es gehört ein Sinn für die Schönheit der Form, es gehört künstlerisches Empfinden für die Akkuratesse der Berippung, es gehört ein starkes Maß von Energie für Bewältigung der ganzen Aufgabe. Verstand, Gefühl und Wille – auch im zeichnerischenAusdruckfinden sie ihre Schulung. Die gewissenhafte Durchführung der zeichnerischen Darstellung verspricht einen fleißigen Arbeiter. Wie im Stil des Aufsatzes, so offenbart sich auch im Stil der Zeichnung der Entschlossene und der Verzagte, der Ordentliche und der Schlumper, der peinlich Saubere und der Schmierer.

Beides – Kultur des Auges und der Hand, zeichnerischer Eindruck und zeichnerischer Ausdruck – dienen jedoch nicht nur dem eigenen Ich; sie werden gleichzeitig Mittel zur Eroberung derUmwelt: derNaturwie derKultur.

Der Natur im weitesten Sinn: Wer ein künstlerisch geschultes Auge, eine zeichnerisch geschickte Hand sein eigen nennt, der wird die Außenwelt nicht nur mit anderen Augen betrachten als der künstlerisch ungeschulte Laie, er wird sie auchgenauerbeobachten. Er wird Dinge sehen, die dem andern einfach unsichtbar bleiben. Er wird sich einenSchatz von Form- und Farbenvorstellungen im Gedächtnis aufspeichern, von denen der Laie nichts weiß. Diese genaue Beobachtung wird ihn nicht nur zeichnerisch, nicht nur künstlerisch fördern, sondern auchwissenschaftlich. Es ist eine lebendigere Art vonNaturkunde, als sie die Wissenschaft durch systematische Übersichten, durch Begriffe und Zahlen allein vermitteln könnte. Diese Art der Naturbeobachtung ist in der Regel stark gefühlsbetont. Sie ist das rechte Mittel,Liebe zur Naturin dem Beobachter zu wecken. Der Künstler malt – wie Schwind es einmal ausdrückt – all seine Liebe mit in das Bäumchen hinein, das er im Bilde darstellt. Die ganze Umwelt gewinnt für die künstlerische Betrachtung einen eigenen Schimmer, eine Art poetischer Verklärung. Dadurch weckt sie das Interesse für die Erscheinung in einem weit stärkeren Grade, als es die abstrakt wissenschaftliche Betrachtungsweise ohne bildhafte Anschaulichkeit zu leisten vermöchte.

Aber auch inkultureller, in wirtschaftlich-sozialer Hinsicht hat in einer Zeit der Technik, wie es die unsere ist, zeichnerische Schulung von Auge und Hand hervorragende Bedeutung. Es sei nur darauf verwiesen, daß ein rechter Zeichenunterricht manches künstlerische Talent, das ohne Anleitung leicht verkümmern würde, erst entdecken hilft. Die Schule hat freilich nicht die Aufgabe, künftige Künstler zu erziehen. Wichtig aber erscheint die Tatsache, daß mancher Schüler, der in wissenschaftlicher Hinsicht nichts Nennenswertes zu leisten vermag, zuweilen als Zeichner hervorragendes Talent verrät und durch diese Erkenntnis vor verfehlter Berufswahl bewahrt bleibt.

Die Künstler selbst aber dürfen sich von einem künstlerisch gerichteten Zeichenunterricht ein urteilsfähigeres Publikum erwarten. Ein geschultes Auge begnügt sich nicht mit schlechter Fabrikware. Es hat nur Freude am Gediegenen, Ursprünglichen. Der künstlerisch Gebildete wird bei seinen Möbeln die Schönheit nicht in verlogenem Prunk, sondern in ihrer Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit suchen. Die Nachfrage nach dem Guten wird sich mehren; die Kauflust der Masse wird wachsen. Bei Bildern wird man nach wirklichen Meistern greifen; den Wert der Originale wird man würdigen lernen. Der Kunstmarkt, der mit dieser Nachfrage, mit dieser Kauflust rechnen muß, wird seinen Einfluß auch auf das künstlerische Schaffen selbst ausüben. Echte, bodenständige Kunst wird häufiger zu finden sein. Das gleiche gilt für Industrie und Gewerbe.

Die künftige Generation soll jedoch nicht nur in ihrer Eigenschaft als Reproduzentin von einer künstlerischen Bildung Förderung erhoffen dürfen; auch die Schaffenden und Arbeitenden, die Handwerker und die Gewerbetreibenden, die Beamten und die Studenten – kurzum,alle Berufe, deren Angehörige eine Schulung des Auges und der Hand nötig haben, werden durch einen richtigen Zeichenunterricht neue Möglichkeiten gewinnen, ihre Berufsarbeit wirksam zu unterstützen, und neue Ideen für Ausgestaltung dieser und jener Leistung gewinnen. Es gibt kaum einen Beruf, der nicht einmal in die Lage käme, mit zeichnerischen Darstellungsmitteln ausdrücken zu müssen, was sich mit Worten eben nicht ganz verdeutlichen läßt. Ganz abgesehen vom Handwerker, vom Schneider z. B., der zur Kreide greift, bevor er den Anzug zuschneidet; vom Zimmermann und Maurer, die des gezeichneten Planes bedürfen – auch der einfache Bauer, der an seinem Wagen oder an seinem Schweinestall etwas ändern lassen will oder der seinem Knechte verdeutlichen möchte, wo im Walde er die Klafter Holz zu suchen hat, tut sich leichter, wenn er mit ein paar Strichen das Nötige erklären kann. Es ist in der Tat viel Wahrheit in der Äußerung, die der blinde Maler Gérard de Lairesse gegen Ende des 17. Jahrhunderts seinen Schülern in die Feder diktierte: »Es ist das Zeichnen zu allen Professionen, die durch das Urtheil oder Vernunfft und mit dem Gesichte verrichtet werden, dienlich: ja, ich dürfte fast sagen, daß keine Kunst und Wissenschaft in der Welt seye, oder die Zeichnung sei ihr so nötig, als die Hand zum essen.« Das kommt besonders in der Großstadt dem Lehrer einer Abschlußklasse zum Bewußtsein, sobald es sich darum handelt, für die austretenden Schüler die rechten Lehrstellen ausfindig zu machen. Neben guter Schulung im Lesen, Schreiben und Rechnen ist es in erster Linie zeichnerische Fähigkeit und Fertigkeit, was viele Handwerksmeister von ihren künftigen Lehrlingen verlangen.

Der Streit um den Wert des Zeichnens ist heutzutage zum Abschluß gekommen und zwar im bejahenden Sinn. Wenn da und dort in reaktionären Kreisen außer der »bewährten Trias Lesen, Schreiben und Rechnen« alles Darüberhinausgehende als unnötige Spielerei erklärt und aus dem Unterrichtsplane gestrichen werden soll, so braucht man sich nicht weiter dadurch beirren zu lassen. Mit derartigen Rückschrittlern rechnet unsere Zeit nicht mehr. Sie hilft dem Gesunden und Lebensfähigen zum Durchbruch, wie sie seinerzeit auch der »bewährten Trias« Geltung verschaffte in einer Umgebung, der es unerhört schien, daß ein Bauernbub außer Lesen auch Schreiben oder gar Rechnen lernen sollte. Der Kultur- und Bildungswert des Zeichnens gilt uns heute als unleugbar erwiesen, und es fragt sich nur, auf welchem Wege der Lernende am sichersten und besten zum rechten Ziele gelangt. Bevor ich mich zur Beantwortung dieser Frage wende, soll uns ein kurzer Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung des Zeichenunterrichts vor Um- und Irrwegen bewahren.


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