Nurzu lange ließen wir indeß Herminen aus den Augen, deren Lage nach Woldemars übereilter Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. Julius war nach jener Begebenheit, durch Theresens Vermittlung ihr bekannt, war ihr Freund, ihr Rathgeber geworden, und des Mädchens letzte Hoffnung beruhte auf dem Erfolge seiner Reise.
Muth- und ruheloser als je, lag sie eines Abends an dem Herzen ihrer heimlichen vertrauten Schwester, als diese tröstend zu ihr sprach — Schon manche Braut, meine Geliebte, ward getäuscht, schon manches feste Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder dieBestandlosigkeit der Männer zerrissen und nicht selten segneten späterhin die Getäuschten ihr Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen sollte!
Hermine sah, den Trost verschmähend in ihren Busen nieder. Ach! Schwester „klagte sie“ Du kennst den Umfang meines Unglücks nicht.
Gestehe nur „entgegnete Therese“ daß Julius der liebenswürdigste aller Männer ist. Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an seiner Hand den lieblosen Hitzkopf bald vergessen, daß ich dem Himmel danken würde, der mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen Ziele führt. Das ist Dein Fall. Es kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am Abend vor seiner Abreise, den Günstling eines Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die Pflicht der Ehre und der Freundschaft zu erschöpfen; und sollte es auch mein Leben gelten, ich erschöpfe sie! Ein reitzendes — Dumußt alles wissen, Hermine — Ein gefährliches, verbuhltes Weib sagte er, hat wie der Adjutant mir schreibt, den Thörichten umstrickt, und find’ ich ihn verlohren, so tritt der Mittler kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, ebenen mir den Weg. Ich versprach ihm das, Liebe!
Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, das übereilte Geständniß der Schwester hatte ihr Innerstes zerrissen. „Wehe mir!“ rief sie, als der wilde Schmerz endlich Worte fand. „Wehe mir, denn unserer Mutter Schicksal ist das meine.“ Therese sah verbleichend an ihr herab.
Rechte nicht mit der Unglücklichen „fuhr sie fort“ welche Sterbliche wär’ in jener Versuchung bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, in der dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, dem Liebling alle seine Blüthen zudachte — in der ich die Arme verlangend nach dem Bräutigam ausstreckte, in der die schöne Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O,fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun nach einem endlosen, verschmachteten Tage, in die einsame Kammer — Deine Lippe lispelt seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt ihn an’s Ziel in Deinen Arm; da rauscht es hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, kommt näher zieht Dich an die Brust und wird — und wird zu Deinem Manne!
Der Oheim unterbrach die Schwestern. Ein Geschäft führte ihn her, doch das Wort erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer Sterbenden ähnlich, der Ohnmacht nahe fand. So sage doch endlich was Dein Herz bekümmert! „sprach der Erschrockene“ Kann ich helfen?
Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand.
Willst Du heyrathen? Ich sageJa! Ledig bleiben? Desto besser! Ein ehrlicher Mann kann in Voraus alles gewähren, was ein braves Mädchen verlangen mag. Nach Pyrmont soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch, so reisen wir zusammen.
Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit in die Ferne! vielleicht, daß dort ein Heilbad für mich quillt.
Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte Herminen einen Brief. Er war von Julius. Zitternd erbrach sie ihn.
Nochverbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt, ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den angespannten Wagen umringte.
Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchenauf den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte die Hinsinkende mit Brot undMilch und versprach, bewegt von des Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in’s Auge, untersuchte das Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von den Lippen der Beterin.
Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu Thränen gerührt, ihre Hand.
Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.
Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte — Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich, unrein wie der Zöllner stand.
Den fürcht’ ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes, der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich „fuhr er fort, denn sie hörte ihm mit Andacht zu“ faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels, der mich am Sarge meinesVaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde selbst ehrten sein geheiligtes Andenken.
Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? „fragt ich mich auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!“ Wo sind die Opfer die du dem Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter, wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus.
„Still“ sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg das Licht.
„Aufgemacht!“ rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. „Ich bin es, guter Jakob!“ versicherte Frau von Wessen.
Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen.
Sie werden doch eine Hand für mich frey haben „entgegnete Julie“ um mir durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.
Das „sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand“ das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach.
Ihre Verzeihung „fiel Julius ein“ ist um so überflüßiger, da wir vor Gottes Augen wandelten.
Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! „wiederhohlte er“ wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.
Was kümmert’s mich! „entgegnete sie“ Laß uns Friede machen und Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn.
Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir „flehte sie“ wie und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt mein Herz.
Quälle mich nicht „entgegnete Julie“ Und wenn Dich nun vorhin jemand beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was hättest Du denn zu erwiedern vermocht?
Konnt’ ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste — Dem nahen, sichern Tod entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder.
Das ist auchmeinFall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein weißer Geist, bald eine blutigeGestalt hervor und während dem Du hier in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder des Entsetzens.
Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester „sagte sie“ Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.
Dann hat mir freylich nichts begegnen können „entgegnete diese und lächelte wegwerfend.“
Wie? „fragte Julius“ Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief.
Ich für mein Theil „erwiederte Julie“ gestehe dagegen, daß mir bis jetzt der guteGeist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen.
Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für’s erste die Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aberan der Thätigkeit einer höhern, leitenden und erhebenden Hand „setzte Auguste hinzu“ sind bereits durch die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt.
Schnell erglühend sagte Julie „Ich fand noch eben Kraft genug in mir, den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des Hauptmanns Schicksals den besten Trost.“
Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte.
Geliebte Tochter „las das Fräulein mit zitternder, von Furcht und Hoffnungen bewegterStimme“ ich melde Dir daß sich Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet, doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.
Geliebte Tochter „las das Fräulein mit zitternder, von Furcht und Hoffnungen bewegterStimme“ ich melde Dir daß sich Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet, doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.
Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm. Lassen Sie uns eilen „sprach er“ denn leicht könnt vor Abends noch ein Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten.
DerWagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an demselben. Vor allem „sprach Julie zu dieser“ lassen Sie uns Erschöpfte erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre und fand sich auf’s Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien erschrocken, trat ihm mit reitzenderDemuth entgegen, dankte dem Gütigen in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste der willkommensten aller Eroberungen gewiß.
So eben „sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter“ hat mir der Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde. Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn. Im Zollhaus erwarten Sie mich.
Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse plötzlich von ihrenKrämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als dasSchöneund Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen.
Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein. Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallenlassen, daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war.
Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause. Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde und Feinde in Bewegung.
Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen hatte.
Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten auf immer beurlaubte. Zwar „sprach sie“ ist der Schritt gewagt;aber in der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück — Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen und weiß noch immer nicht was er will — Zwar ist mein Bräutigam der feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch die Meinen und Amor unser Schutzpatron.
Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel. Ihnen, Herr Baron „fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort“ Ihnen, dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben hilft, wünsch’ ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres als daß er der Deine wird — Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie,ma mere, und IhreBethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein! Damit verschwand sie.
Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte — Möchte der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von Wessen aus Augustens Seele so wär’ es wohl gerathen, die edle Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen?
Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib — „Auguste!“ sprach er leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen, thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl es lebhaft „fuhr er fort“ daß die Wildhüttezu meinem Glücke hinreichen, daß sich, an diesem Herzen allewilden Wünsche des meinen in sanfte Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre fühlt, verräth dies Auge.
Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit bebender Stimme — „Innige Liebe!“
Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen.
Woldemarwar indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß umfangende Julie ward vorden Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte, und sein Gemütherlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen! „rief er mit Hamlet aus“ das ist eine Vollendung der brünstigsten Wünsche werth.
Vielleicht auch träumen! „sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle“ nur bette Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist, so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster. Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt? Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dichempört? Nun, so flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach.
Ich weiß ja wohl „versetzte Woldemar“ daß Deine Kopfwunde bedeutendere Folgen als die meine hatte.
Fürchte das nicht! „entgegnete Gregor“ Tiefer als diese — ach, ganz unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin verbindet sie. Welcher Unsterblichen „frag ich mit dem Dichter“ soll der höchste Preis seyn? — Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies; in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift; dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin! Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn und Kühlung um des Wallers Schläfe.
So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst? Könnte dieEinbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft absterben.
Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht „versetzte Gregor“ wird der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern Sternen.
Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster vorüber.
O Himmel! „rief Woldemar“ Meine Braut! —
„Mein Weib!“ rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend, Stirn und Augen „Ja — Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war Julie.“
Julie von Wessen! „fiel der Hauptmann ein“ die Wittwe eines Officiers.
Wittwe? sagte dieser — O, wollte Gott!
Woldemar blickte ihm starr in’s Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief Gregor mit einem seltsamen Lächeln.
Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat.
Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen.
Armer Gregor!
Sag: Aermster Wessen — So nenn’ ich mich.
Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen „fuhr jener fort“ beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf. Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem finsternGebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand.
Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf „fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe Narbe“ doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester — Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern.Ein treulos Weib! — Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen sprang er auf. „Sagtest Du nicht daß sie hier sey?“
Mit nichten! „erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück“ Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich hin, und vergrub sich tief in sein Stroh.
Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicherSonnenstrahl fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz.
Derplötzliche Tod des Oheims, welcher kurz nach seiner Ankunft in Pyrmont erkrankte, hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, und sie der traurigen Gewißheit überhoben, sein Vertrauen durch das unabwendbare Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. Ein freundliches, in der Nähe jenes Heilquells gelegenes Landgut ward zum Verstecke gewählt, und der Geistliche desselben, der sich am Sterbebette des Oheims die Achtung der Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger gemacht; denn für immer hatte Hermine auf die Rückkehr in ihre Heimath Verzicht gethan.
Die Blätter verbleichen „sprach sie einesAbends zu Theresen, als die Schwestern Arm in Arm durch den Garten des freundlichen Besitzthums schlichen“ verblich ich doch mit diesen! Kein Meer reicht hin den Flecken auszuwaschen, der Tod allein kann ihn vertilgen. Bescholten und verbannt werd ich vergehen — schnell wie mein Kranz verblühn, und unbekränzt in’s Grab getragen werden.
Auch die Reue hat ihre Grenzen „erwiederte Therese“ und der Gram sein Ziel. Die Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der Schuldige, Du nur das Opfer. Schon öfter hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild hoher Tugend worden. Und wenn mich meine Augen nicht trügen „fuhr sie fort und zeigte nach der Gitterthür“ so erscheint uns eben dort ein hülfreicher Freund.
Es war Julius der an Augustens Arm in den Garten tratt. Erblassend floh Hermine durch den Laubengang; wo hätte sie den Muthhergenommen sich in dieser Gestalt vor ihm sehen zu lassen.
Ich komme weit her „sprach er zu Theresen“ um Ihnen meine Frau vorzustellen, vergebens wies man uns an der Pforte des Paradieses ab. „Ich bin Gott Vater!“ versicherte ich und glaub es nun selbst, denn Eva hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn nicht scheuen darf! Deren frommen Augen die wunderseltsame Kraft ward, den kecken Versucher in einen ehrbaren Vormund zu verwandeln.
Denken Sie mir nicht an jenen Tag „fiel die junge Wahl seufzend ein“ wir leiden noch an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß’ ich willkommen und freue mich des Engels den er dem Glück und seinem guten Rechte dankt.
Komm an mein Herz, edles Mädchen! sprach Auguste, und umarmte Theresen. Sie sehn „versetzte Julius“ daß wir alles erschöpfen die Pförtnerin dieses Klosters zu gewinnenund ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen Jungfrau zu beschwören, deren Zustand sie in meinen Augen um so reitzender macht.
Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete ihre Schwester, und ein Mann, dessen Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten Geschlechte versöhnte, wird eine so seltene Tugend der leidigen Neugierde nicht zum Opfer bringen wollen.
Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach er ernstwerdend.
Den liefert das Pfarrhaus.
Und bald auch — den Herrn Pathen.
Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, die ihn mit einem Fächerschlag zur Ruhe wies. Wenn ich hier nützlich seyn könnte „sprach sie zu jener“ so nehmen Sie mich auf, denn mein Mann hat eine Geschäfts-Reise vor und ich war so lange schon mit dem Fröhlichen froh, daß ich recht gern wieder ein Weilchenmit dem Weinenden weinen möchte. Dieser Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja vielleicht auch, früh oder spät, theilnehmender Seelen.
Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte Therese, und diese großmüthige Herabneigung wird ein verstörtes, in edle Schaam versunkenes Gemüth viel schneller als mein längst verbrauchter Trost erheben.
Mir ist „sprach Julius“ bey allem dem ganz wunderbar ums Herz, und mein Innerstes mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber dieser Pein erfüllt, der um jeden Preis alles gut machen soll!
Meines Mannes Reise „versicherte Auguste“ hat diesen Zweck.
Therese weinte jetzt und sagte „Dieser Urheber bin ich!“
Oder der Himmel „entgegnete Julius“ der Sie zum Ebenbild der Schwester schuf, oder die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe eine Saat himmlischer Freuden mit Unkrautbedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir ist leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um nicht auf Kosten ihres Lebens zu empfinden. Es wird in diesem Sturm versinken.
Das ist’s was ich fürchte „klagte diese.“
Ich fürchte nichts! „sprach die Baronin“ wir sind zum Schmerz berufen; verstören nur — zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige sind gemacht die Sünde dieser Welt, die Schuld der Schuldigen zu tragen.
Für die Wahrheit küß’ ich Ihre Hand! „rief Therese.“ Der liebende Gatte that ein Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, die Wangen der Umfangenen berührten sich. Therese „flehte Julius“ bey dem schönen Sinn dieser Gruppe beschwör ich Sie, mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich wenigstens nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn zu lassen. Der Anblick soll mich stärken für meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde verdient ja doch, ich fühl’ es lebhaft, diese Güte.
Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste gleich, hinter der Hecke hervor und neigte sich laut weinend an seine Brust. Sie haben viel für mich gethan! „sprach sie mit gebrochner Stimme“ mehr als ich jevergüten kann; doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich stehe am Grabe, Julius; es ist mein letzter Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr wenn SieIhnwiedersehn.
Thränen füllten seine Augen. Hermine drückte des Freundes Hand, und einen Kuß auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach sie mit dem Flötenton der innersten Wehmuth und sank erbleichend an Theresens Herz.
Leidende Heilige! „rief Julius erschüttert aus.“ Der lichte Geist der Hoffnung umschwebe Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein Blümchen an die Rose schmiegen, und der entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn.
Ich werde vor Gott stehn „erwiederte sie“ und Ihr gerührt an meinem Grabe. Juliusverwies ihr die bangen Zweifel und machte sich reisefertig.
Lebe wohl! „sprach die tiefbewegte Auguste und floh an den Hals ihres scheidenden Gatten“ Dem Herrn befehl ich Deine Wege! Umfangend hob er sie empor. Lebe wohl! „flisterte sie“ mein Liebling, meines Lebens Licht! Meine Wonne!
Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars Braut die Hände der neuen Freundin und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz und sprach — Wie sanft wird sich’s in diesen Armen sterben!
DemBriefe des Julius welchen der Aufwärter dem Hauptmann überbrachte war ein kleines, mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von der Hand der Frau von Wessen beygefügt. Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof wo sie abtrat, und mehr als eine Triebfeder drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar fand sie allein, schöner als je, in einem idealischen Nachtkleid und ward mit bräutlicher Traulichkeit von ihr umfangen.
Ihr Selbstgefühl „sprach sie, als er an ihrer Seite Platz genommen hatte“ wird mir für die Großmuth Dank wissen mit der ich mein höchstes Gut, den Liebling meiner Seele, einer heiligen, gebietenden Rücksicht zumOpfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne der mir dies Opfer möglich und den Verlust erträglich macht. Auch Sie „fuhr Julie, als sein stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, mit süßem Lächeln fort“ Auch Sie gewinnen offenbar, denn ein so fehlervolles Weib ist nur für kurze Flitterwochen gut und jungem Weine gleich, der schnell begeistert aber Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher als galant, und auch ich will ehrlich seyn. Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. Wie gern hätt’ ich das Süßeste mit ihm getheilt, doch er verstand mich nicht, zagte nur wo er begehren sollte, und zittert vor dem schönsten Verhältniß. Mag eine Prüde sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur die Dankbarkeit gewann das Ihre, nur der redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, nöthigte diesem Munde die längst bereuete Verheißung ab. Doch jenes hatte meine Leidenschaft erfunden und diese geb ich hierzu Gunsten einer weinenden Braut zurück. Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu den schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu sehen, wird sich mein künftiger Gemahl für Ihre Befreyung verwenden.
Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte wieder, dankte, lauschte, erfuhr mit Verwunderung wie eigentlich Augustens blaues Band in seine Nähe kam und sagte, mit dem Geist dieser Burg versöhnt „Ein Vertrauen ist des andern werth, und nicht bey mir darf die großmüthige Verwendung dieses sogenannten, künftigen Gemahls beginnen. Vor allem bieten Sie die Hand um den bisherigen zu retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. Seit wenig Tagen theil ich mein Stroh mit ihm, und auch sein Unglück.“
Julie sah ihn verblassend an, und eben führte Woldemar den Beweis als plötzlich Waffen auf dem Saale klangen und die kleine Tochter des Wirths ein leisesSauvès Vous!in’s Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgteder Warnerin auf dem Fuße nach und nahm die Frau von Wessen als Gefährtin des verdächtig gewordenen Obersten und nebenher auch den Gefangenen in Verhaft — Verhaft und Guillotine aber waren, in jener Schreckens-Zeit fast immer Synonimen.
Dasiehst Du nun „sprach Therese, und hob die Wiege vor das Bett der tief bewegten Mutter hin“ wie wenig Glauben auch die bängste Ahnung verdient. Wir zitterten, von Deinem Beyspiel angesteckt, vor der entscheidenden Stunde; aber sie nahm unsern Kummer mit, und gab uns diesen Liebes-Gott. O Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen unsers Kranzes.
Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen,Therese ihn mit lauten Küssen, Hermine mit heiligen Thränen ihr Ebenbild.
Zwar „sprach Auguste“ sind die Männer die begünstigten Schooßkinder des Himmels, aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester Rausch, ihr schönster Gedanke das Entzücken einer Mutter auf?
Die Männer „fiel Therese ein“ sind wilde Bäume, und höchstens nur zum Rauschen gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert.
Potz tausend! „rief Auguste“ das ging hoch.
Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht so paßt es doch und der Himmel verzeihe jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, das hält schwer. Die Undankbaren! Mit einem hoffärtigen „Ich danke dir Gott!“ sehn sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem sanften, wachenden, erhaltenden Schutzengel des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichenMütter wird kaum gedacht; weder der Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen und unsere Opfer — Geräuschlos bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlenSiemit den kleinsten. Fast immer folgt ihnen die Vergeltung auf dem Fuß, wir werden fort und fort an eine andere Welt verwiesen.
„Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt“ schalt Auguste und legt’ es an der Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun des Lieblichen und vergab sich jetzt die schwache Stunde. Wie hold du bist „sprach sie den Schmerz vergessend.“ Wie diese Augen glänzen — die Lippe lächelt schon! Als hätt’ ihn mir die gute Fee gebracht.
Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine ward, wie einst Latonens Sohn von den Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt. Ich wollte „sagte jetzt Therese, um die erschöpfte Schwester einzuschläfern“ daß es noch Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins soschön. Meine Gräfin hatte ein altes Buch voll solcher Mährchen, es war bey weitem besser als manch Dutzend unserer Zauber-Romane — Die Fingerzeige der weisen und mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem Schicksal versöhnt und mein Herz von der Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach den scheinbaren Gütern des Lebens geheilt. So spricht sie unter anderm einst, nach der Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein Amanden um ein Almosen an. Amanda, welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie reichlich und wird nun in aller Demuth gefragt, warum sie denn die Rosen und Lilien ihres lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth bethaue? Die Herzlichkeit der Alten erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen! sagte Amanda. Ist er denn unbeständig? Treu wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn — Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit nichten! gesund und reich, und ganz wie er seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden vonseiner Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich ihm „versichert sie“ dem ohnbeschadet vom Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen werden nicht müde meines Geschmacks zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft er mich die Seine nennt. Wag’ ich es dann, der Lieblosigkeit zum Trotz, ihm unter mehr als vier Augen ein schönes Wort zu sagen, oder wohl gar einen Kuß auf seinen ungebührlich großen Mund zu drücken, so greift die eine nachihrem Tuch, die andere kichert hinter ihren Fächer, die dritte lacht ihr Strickzeug an und meine Schammröthe verwundet sein Innerstes.
Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg hin, pflückte dort nach langer Wahl ein grün und gelbes Blümchen, kam zurück und sprach: dasGutewar immerdar heilbringender als dasSchöneund ein reizloser Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch wächst für den gedachten Uebelstand ein wundersames Hausmittel am Wege das Du nachBelieben gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher Freund zu dreyen Mahlen an dies Blümchen gerochen, so wird er schnell genug der Schönste aller Schönen werden. Amanda glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute durch einen wegwerfenden Blick zu entfernen, Balsamine aber legte das grün und gelbe Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und sagte — „Nur siehe zu, was Du thust, denn manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher warf mit der stinkenden Muschel die köstliche Perl weg und den Kern statt der Schale. Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb ist aller Mädchen Schatten.“ Das Fräulein sprach „Es ist schon gut, sie kann nun gehn.“ Die Alte ging, Amanda sah ihr nach und ihren Amatus in der Allee herabkommen. Die Schwestern haben Recht! „gestand sie sich“ er wird von Tage zu Tage garstiger. Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender seyn. Amatus sah von Ferne schon die Faltenihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den starren, auf ihre Arbeit gehefteten Blick und setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie seufzte auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam in ihre himmelblauen Augen drängten, auf Rechnung eines heftigen Schnupfens. Er suchte sie durch die Versicherung daß sich jedes heftige Uebel in der Regel am schnellsten erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer Busen-Locke und langte bald darauf auch nach dem seltsamen Blümchen das noch auf ihrem Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und sprach im Scherze „Riech ein Mahl!“
Es riecht nach gar nichts! „versetzte er, und drückt’ es tief in die häßliche Stumpfnase“ es kriebelt nur!
Ists möglich? „rief Amanda in ihre Hände schlagend“ Ja, ja, sie wächst! Ich seh’s genau; die Nase streckt sich! Mehr verlang ich nicht! Aber schon verschmolz der schwarze Stachelbart in blaue Schatten, die weit geschlitzten Lippen schlossen sich zum Rosenkelche,des Herzens sanfte Flamme strahlt’ aus dem verklärten Augen-Paar, und als ihm die Ungenügsame das Blümchen zum dritten Mahl hart vor die umgeschaffene Nase hielt, wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat der je einen Feen-Günstling verlieblichte, wurden die röthlichen Lichtspieße zu goldenen Locken, formte sichder vieleckige Scheitel zum Apollons-Kopf um.
O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute ihn mit feurigen Küssen und beschwor den Verwunderten sie heute auf den Ball zu begleiten.
Amatus war entzückt den Dämon ihrer Laune so schnell entfliehen zu sehn und gab Amanden stracks den Arm. Ihm war als hab er immer so ausgesehn und allen Freundinnen und Bekannten als hab ihnen nur von der Häßlichkeit des engelschönen Mannes geträumt — Jetzt lächelte, statt der Spottsucht, das Verlangen aus diesen; jetzt hatte jede die sonst auf alle Tänze versagt war, diebesten für ihn aufgehoben, und die ihn gestern noch wie einen Unhold flohn, suchten den unstäten heute mit allen ihren Zauberkünsten fest zu halten —
Leiser! „bat Auguste“ sie schlummert sanft.
„So schlafen wir auch!“ entgegnete die Erzählerin und setzte sich, erschöpft von Nachtwachen zurecht, um nun ein wenig auszuruhn. Die Baronin aber, der das Mährchen gefallen hatte, versicherte, sie werde sich durch diesen unzeitigen Schlaf die Nacht verderben, und auch Hermine schlug jetzt die sanften Augen auf, und erbat sich die Fortsetzung.
Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen! „sprach Therese,“ so will ich in der wunderseltsamen Geschichte des grünen und gelben Blümchens fortfahren und wünsche nur, daß mein ungeschicktes Bestreben, Eure Nachsicht verdienen mögen.
Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr einen Kuß zu und diese sprach —
Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor Freuden nicht zu fassen wußte, wenn die Eine sie die beneidenswertheste Braut nannte, die Andre nicht müde ward ihr jeden seiner Reitze vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte und Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden brachte, aus Mißgunst theils und theils aus Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er fliegt am Arm der eitlen Hore fort und keine Fessel bindet ihn.
Immer hatte der Vielgetreue sonst, von den Grazien gemieden, des Winkes seiner Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft Stundenlang den zarten Hals verlängern um ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren. Sonst labte er sie während der Tänze mit Thee, kredenzte ihr bey Tafel den Wein und den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt vom Walzer selbst, und hatte dann soviel mit seiner Mühmchen-Schaar und ihren Nachbarinnenzu verkehren, daß die Vergessene oft voll Ingrimms in den Fächer biß.
Sonst pries er sich selig sein gewaltiges Haupt auf dem Halse einer Huldgöttin wiegen zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im Preise gesunken und Hände, die ihm sonst im Pfänderspiel bald Schnippchen schlugen, bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten Amatus jetzt, der Taube gleich, mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst blies ein Licht seines Verstandes nach dem andern aus; nur wie zur Frohne schlich er nun mit dem getheilten, erkälteten Herzen zu der schmollenden Braut. Die fromme Gutmüthigkeit, die reine Treue, die sittliche Güte, der schöne Kranz seltener Vorzüge, über dem Amanda früher oft die vermißte Blume der Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis auf die letzte Spur verschwunden.
Die getäuschte Braut verwünschte ihre Uebereilung, sah täglich nach allen Windenhin der alten Bettlerin entgegen und in jedem Spital-Weibe Balsaminen. Aber diese ließ sich weder hören noch sehen.
Als endlich das zerfallene Paar eines Abends wieder in finsterer Zwietracht auf der Rasenbank saß, fiel Amanden am Schluß ihrer Gesetz-Predigt, die, gleich allen Predigten, wo nicht ungehört, doch unbeachtet blieb, der Kreuzweg in’s Auge. Sie gedachte des Störenfrieds welchen das Mütterchen dort gepflügt hatte, sammelte von einem Gedanken überrascht, die ganze Flora dieses Platzes in ihre Schürze, tratt vor den schweigenden Flattergeist hin und sprach — Wie kräftig! Riech ein Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in die Höhe, Amanda aber flehte jetzt so liebevoll und hob ihr Schürzchen so hoch empor, daß Amatus endlich der unschuldigen Bitte nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch schöner ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich davon ging. Sie sah ihm hoffnungslos, wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel,da kam die Fee ganz unverhofft am Krückenstabe in der Allee herab. Amanda griff zu ihrer Arbeit und that als habe sich kein Wässerchen durch ihre Schuld getrübt.
Guten Abend, schönes Fräulein! „sprach das Mütterchen“ ich seh ihr weint nicht mehr, und werdet mir nun um so williger eine Gabe reichen.
Ich wollte alles was ich habe, darum geben „entgegnete Amanda“ wenn mein Liebster noch häßlicher als zuvor, und wieder der Alte wäre. Euer verwünschtes Blümchen hat nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen geht, so sorgt dafür daß er künftig nur mir gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel lieber ganz ohne diese, als in einer so hoch stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge, das liebevoll an meinen Winken hängt, und wäre es grau und schielend, den schönstenSternen vor, die ohne Auswahl allen leuchten.
Ihr hättet bedenken sollen „sprach die Fee“ daß es auf Erden keinen Gewinn ohne Verlust, kein Licht ohne Schatten geben kann, und daß die reichsten Geschenke der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden. Die Vollkommenheit, schönes Fräulein, erscheint hienieden, gleich dem Silberblick edler Metalle, nur wie ein flüchtiges Meteor, und der Phönix ist kein Spielzeug für Kinder die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren Kleinod einen rothbäckigen Hampelmann vorziehn.
Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat aber flehentlich um irgend ein anderes Blümchen, das den unseligsten aller Zauber zu lösen, und ihren Amatus wieder so häßlich, aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu machen vermöge. Euer nächster Kuß „erwiederte Balsamine“ wird, wenn es Euchanders Ernst damit ist, die Wirkungen des Blümchens aufheben, nur sehet, zu was ihr thut, denn wer nach dem Unvergänglichen strebt, darf kein Opfer scheun, und den Götzen nicht schonen, wenn er die Götter versöhnen will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie gestern verwünschen und ich würde dann ganz unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber seht, dort kömmt Euer Ungetreuer mit einer ganzen Schaar lockender Jungfrauen in der Allee herab. So lebt denn wohl, armes Fräulein und fortan in der festen Ueberzeugung, daß nur ein bösartiges Gemüth den Menschen entstellt, ein edles hingegen auch über die entschiedenste Häßlichkeit einen gewinnenden Zauber verbreitet.
Amanda vernahm diese Worte kaum und bemerkte das plötzliche Verschwinden der Fee um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin an seinem Arme wandelte und die andere ihm ein Liedchen vorsang, daß dieSehnsucht des liebekranken Herzens aussprach. Sie rauschte einer Windsbraut ähnlich, nach der Allee hin. Amatus ließ, von dem Anblick bestürzt, den Arm der Begleiterin aus dem seinen fallen und fühlte seine Lippe mit tausend gierigen Küssen bedeckt. Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und beschämt abseits, sie aber lachte laut als das Antlitz des Geküßten plötzlich in die frühere, abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte zu früh.
O Himmel „rief jetzt Amatus“ wie siehst Du aus? Was ist meiner Amanda begegnet? Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme in einen Spiegel verwandelt der mein abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend warf Amanda einen Blick in den Bach der zu ihren Füßen wallte, und sank bewußtlos an ihm nieder,denn Amatus hatte Recht.
Ermahne Dich! „bat er, als das frische Wasser mit dem er die Verwandelte bespritzte,sie aus dem Scheintod des Entsetzens erweckte“ Wir wollen nun recht glücklich seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt wie es dem Häßlichen erging als es sich mit dem Schönen vermählt hatte, und welche Rolle dem armen Vulkan an der Seite der Liebesgöttin zu Theil ward. Dieser Sorge seh ich mich jetzt auf immer überhoben und Ergebung in das unbeugsame Schicksal wird Amanden in meinen Augen viel reitzender als vorhin machen.
Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes Beginnen und fast ging ihr der doppelte Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr noch als der eigene, verschuldete zu Herzen. Der Bräutigam aber war nie fröhlicher gewesen und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag mit dem Schicksal versöhnt, als ein engelschönes Kind sie für das mannigfache, aus dem Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte. Kaum hatte Amanda den Kleinen an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wiederschöner denn je ward; kaum neigte sich der gerührte Gatte zu dem Engel nieder als ihm dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte sich, still entzückt, über dem Kinde und ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine, daß sie meine gnädigen Frauen sowohl als diesen kleinen Fee-Sohn in ihren freundlichen und mächtigen Schutz nehme.
Allerliebst! „sprach Auguste“ und Dir bescheere sie einen Amatus.
Hermine, die zu schlummern schien, richtete sich plötzlich auf und sprach — Es ist nicht gut daß Ihr eswagtet mich so plötzlich, so ohne alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber, warum zaudert Er denn? Führt ihn doch näher — Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter!
Auguste und Therese sahen sich betroffen an und nach der Thüre hin an der Herminens Augen fest hingen, dort aber ließ sich nichts erblicken und die Kranke sank mit geschlossenen Augen in das Kissen zurück.
Herminehatte in den folgenden Abenden genau um dieselbe Stunde dieselbe Vision und versank darauf jedes Mahl in einen tiefen Schlaf, ohne sich beym Erwachen des Vorgangs bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach das Grauen, wenn die bleiche Dulderin oft mitten unter traulichen Gesprächen nach irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers hinwies und getäuscht von Sehnsucht und Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren Raum sah. Der Arzt verschrieb, demonstrirte, tröstete und unterhielt die Damen mit ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer machten und Therese kehrte bereits in der Stille zu dem verworfenen Glauben an die Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurückund sah von Tage zu Tage einer Trauerpost entgegen.
Eben nahte sich der Zeiger eines Abends der Geister-Stunde als Hermine die Schlummernden mit angsthafter Stimme bey ihren Nahmen rief und sie bat die Gartine des Fensters aufzuziehen, denn es hat „setzte sie unter Schauern hinzu“ zu wiederhohlten Mahlen leis’ und seltsam an die Scheibe geklopft. Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, sprachen ihr zu und hörten beyde jetzt an der bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen.
Ich wache schon seit einer Stunde „entgegnete Hermine“ bin ohne Fieber und habe mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, die dem Klange der Scheibe vorangingen. Fürchtet Ihr Euch so ruft die Wärterin, denn daß ein Mensch oder ein Geist vor ihm lauscht, ist außer Zweifel. Die Wärterin, welche in der offen stehenden Kammer schlief und von dem Gespräch erwacht war, kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit HerminensZustand, die Kranke durch Erfüllung ihres Willens zu beruhigen, zog die Gardine rasch empor und fuhr mit einem Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg ihr Gesicht in den Kissen der Schwester, Hermine aber wendete sich erbleichend nach der Wandseite und lispelte — „Er hat vollbracht.“
Juliuseilte indeß mit Pässen einer neutralen Macht und geltenden Empfehlungen ausgerüstet, nach der Grenze und traf in Straßburg auf einen Officier von dem Gefolge des Obersten, der in jenen stürmischen Tagen auf der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter war. Er ging so eben, dem Tod entronnen, zurArmee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche Oberste die humane in Feindes Land geübte Schonung mit dem Leben habe bezahlen müssen, daß er selbst nur durch Zufall demselben Schicksal entgangen, und daß der Entschluß, sich einem Freund zu Liebe in den Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, mehr als tollkühn sey. Der Officier schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissenTod mit so reger Zuversicht, stellte ihm die Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, daß Julius die Erfüllung der Pflichten gegen sich selbst, jeder entferntern vorzog. Er kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter zurück, welche wieder auf der Wessenburg hauste, die zufolge geschlossener Verträge jetzt auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten schriftlich von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und von der Nothwendigkeit, die gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten der Baronin in Ordnung zu setzen.
Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen mit dem feindlichen Freunde nach Woldemars Schicksal geforscht, denn der Officier war kaum freygesprochen, als er ohne Zögerung auf das Feld der Ehre zurückeilte. Er wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, kraft ihrer Reitze, ihrer Geistes-Gegenwart und Gewandtheit gelungen sey, den Blutdurst der Richter in milde, menschlicheSchonung zu verwandeln, und daß man sie zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt habe.
Juliusfand bey seinem endlichen Eintritt in Herminens Asyl, Theresen in Thränen, seine Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke noch bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen Schmerz, die theure vielgeliebte Schwester allmählig vergehen, diese sah den Freuden der Mutter entgegen, Hermine duldsam und ergeben in das offene Grab. Der Geist des Geliebten war seit jenem Abend gewichen, selten nur gedachte sie seiner und auch dann nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen Jugend-Gespielen gedenken mag. Auguste hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen nichts wichtigeres als ihren herzgeliebtenGatten von allem was sie hier erfuhr, empfand und leistete, von Herminens Zustand und der Erscheinung jener Nacht zu unterhalten. Welchen Zuwachs „fuhr sie fort“ meine natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken und Umgebungen erleiden mußte und unter welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde nach der Gardine hinsah, wirst Du selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt mein Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte und ein bleiches Gespenst durch die Scheibe sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß mein Ohr, mein Auge ward von bekannten Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder mächtig ward, hatten die Bedienten bereits den Garten durchsucht, hatten ein halb erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild unter dem Fenster aufgefunden, und den Unglücklichen in das Gewächshaus gesperrt. Noch lag Hermine sprachlos da und zeugte zu der Kirche hin. Wir sandten nach dem Geistlichen.Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet sey, vernahm die Bedienten, ließ sich in das Gewächshaus führen und bereitete mich nach der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn meines todt geglaubten, beweinenswerthen Bruders vor, den er sofort für den Augenblick bey sich aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen ihre Hände. Eine Wunde „fuhr Auguste fort“ deren Narbe sich über die Scheitel bis in den Nacken hinabzieht, ist die wahrscheinliche Quelle seines Wahnsinns, denn bis jetzt nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. Er vertraute dem Pastor während eines solchen, daß er schon halb begraben, durch das Mitleid einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das Innere Frankreichs abgeführt worden sey; daß ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur Flucht behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, sein Zustand und das Geleite des Heiligen ihm den Weg gebahnt habe. Er will zuerst auf der Wessenburg gewesen, dort nicht eingelassen worden und von den Hirten hierhergewiesen worden seyn. Auch hier fertigt der Gärtner den sinnlosen, scheinbar wilden Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey Nacht über die Garten-Mauer, schleicht zu dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt die schrecklichste aller Scenen.
Gern, ach, gern „setzte die Baronin unter herzlichen Thränen hinzu“ wär ich längst an seinen Hals geflogen und hätt’ ihm die gesuchte, lang entbehrte Schwester finden lassen, aber der Pastor gestattet es nicht und besteht auch darauf, die Mutter in dem Glauben an seinen Tod zu erhalten. Darum verschob ich die Mittheilung dieser erschreckenden Neuigkeit bis auf Deine Herkunft, und Du wirst Dir nun leicht erklären können warum wir, trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden.
Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn eines so merkwürdigen als Schrecken erregenden Verwandten zu überzeugen, fand ihn tiefim Stroh vergraben das er dem einladendsten Bette vorzog und den Leibes- wie den Seelen-Arzt an seiner Seite. Jener erklärte ihn, kraft den Folgen der Wunde welche das edlere Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man kam überein, den Unglücklichen einer nahen Versorgungs-Anstalt zu übergeben. Tief bewegt kehrte der Baron jetzt an Herminens Bett zurück die ihm mit Innigkeit ihre brennende Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind an das Herz legte, und den Freund mit süßen, tief eindringenden Worten bat, das nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu begehen.
Gern will ich das! „sprach Julius, ergriffen von Erinnerungen“ nur geloben Sie mir auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern, und Ihren Gram in den Strom der ewigen Liebe zu versenken welche diesen Tag vor allen zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen Lächeln versetzte sie „Bald, theurer Julius, bald wird mich dieser Strom umfangen.“