Chapter 10

Mir war klar, daß der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen schweren Kampf würde durchkämpfen müssen, und ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte, ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache ließ mir keinen Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein ausführliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens für die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschränkten U-Bootkriegs entscheidenden Punkte zusammenfaßte, und das ich amMorgen dem Kanzler durch Fernschreiber nach Pleß übermitteln ließ.

In diesem Telegramm bezweifelte ich zunächst die Berechnung des Admiralstabs, daß in fünf Monaten der Seeverkehr Englands durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschränkt werde. Ich wies darauf hin, daß im Falle des gerade infolge des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu befürchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden würde. Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschränkung des britischen Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten könne, sei natürlich nicht zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift über die Versorgung Englands mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, daß angesichts der knappen Zufuhrmöglichkeiten die britischen Bestände im Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen würden. Ich gab jedoch zu bedenken:

„Hat der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so muß und kann Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler Staat nicht denkt: die Einschränkung des eigenenGetreideverbrauchs zugunsten Englands. Die Einschränkung braucht keineswegs durch eine Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es würden große Käufe evtl. Zwangsankäufe der amerikanischen Regierung den Zweck wohl erreichen können. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner hat wie England, ist jede Beschränkung des Getreideverbrauchs pro Kopf des Amerikaners eine mehr als doppelt so große Zulage pro Kopf des Engländers. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhängt, halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß Amerika eine zehnprozentige Einschränkung seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchführen könnte, womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei Monaten, freigemacht würden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England die Hälfte versenkt würde — ein Prozentsatz, der weit über die vom Admiralstab berechneten Möglichkeiten hinausgeht —, wäre ein solches Vorgehen für England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe. So paradox es klingt, ist also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegenüber dem U-Boot-Kreuzerkrieg in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide nicht verschlechtert, sondern verbessert.“

Ob es beim uneingeschränkten U-Bootkrieg möglich sein werde oder nicht, die Neutralen draußen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser übersehen lassen alsjetzt. Zu überstürzten Entschlüssen liege keine Veranlassung vor. Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die Zeit nicht gegen, sondern für uns. Der Januar und Februar seien aus natürlichen Gründen der Jahreszeit stets ungünstige Monate für die britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im Dezember begonnen; trotz der größten Anstrengungen Englands habe die Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten Gründen die Entscheidung über den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch um einige Wochen aussetzten, so hätten wir alle Aussicht, daß sich inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestände noch erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn eines uneingeschränkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde der Erfolg sein.

Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen, änderte nichts mehr an der Entscheidung.

Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frühe des 10. Januar aus Pleß zurück. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte: „Der Rubikon ist überschritten.“

Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschüttert.

Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen, daß ich bei aller Treue und Ergebenheit für seine Person diesen Weg nicht mitgehen könne und meine Entlassung nehmen würde. Wahnschaffe erwiderte, mein Abgang würde für mich selbst natürlich der bequemste Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Gründen zwingender Natur davon Abstand genommen, auf seiner ursprünglichen Ansicht, den Abschied zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir persönlich über alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin keine Entschlüsse zu fassen.

Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten ließ.

Er schilderte mir die Vorgänge in Pleß. Schon bei der Ankunft habe ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, mitgeteilt, der Kaiser habe sich nach schweren inneren Kämpfen zu der Überzeugung durchgerungen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, daß das an allen Fronten in schweren Kämpfen stehende Landheer moralisch und materiell durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg Unterstützung erhalte. Im Westen sei für das Frühjahr mit einer neuen Offensive der Franzosen, Engländer und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die Somme-Offensivedes verflossenen Halbjahres übertreffen werde. Jede Möglichkeit der Einschränkung der Zufuhr von Material und Mannschaften an den Feind müsse unter allen Umständen wahrgenommen werden. Zeit sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zum 1. Februar eröffnet werde, könnten sie, die beiden Generale, die Verantwortung für den Gang der militärischen Operationen nicht übernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung für alle militärischen Folgen des uneingeschränkten U-Bootkrieges zu tragen, auch für die Folgen eines Eingreifens der europäischen Neutralen und Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie übrigens keine allzu große Bedeutung bei.

Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit der größten Entschiedenheit für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt.

Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschränkten U-Bootkriegs als unerläßlich bezeichneten und mit der sie die Verantwortung für alle militärischen Folgen des U-Bootkriegs auf sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der früher dem uneingeschränkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretär des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg des uneingeschränktenU-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja gewährleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen müssen, ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu entsprechen. Sein nächster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es ihm gefallen sei, überzeugen müssen, daß er sich auf diese Weise nicht der Verantwortung entziehen dürfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung die Frage so gestellt habe, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie überhaupt noch möglich gewesen wäre, nicht auf seine Verantwortung habe nehmen können, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum Erfolg zu verhelfen. Dazu gehöre, daß sich das deutsche Volk und unsere Verbündeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme, so werde das einerseits die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit über den U-Bootkrieg, der mit dem endgültigen Entschluß, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen müsse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gänzlich zertrümmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen für denuneingeschränkten U-Bootkrieg und damit unser Bündnissystem selbst auf das äußerste gefährden. Auch ich müsse mir die Gewissensfrage stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration machen dürfe, die an der bereits für den 1. Februar befohlenen Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ändere, dafür aber Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwächen und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an unserm Erfolg hervorrufen müsse; dies lediglich auf mein persönliches Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, daß doch auch nach meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich erheblich gebessert hätten. Ich müsse mir diese Gewissensfrage um so mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der auswärtigen Politik und der Kriegführung handele, also um eine Frage, die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle.

Es war für mich die schwerste Entscheidung meines Lebens.

Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, daß der Kanzler mir die gerade durch Wolff veröffentlichte Antwortnote der Entente an den Präsidenten Wilson zeigte, die durch die Maßlosigkeit der angedeuteten Kriegsziele und die Unverschämtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen Fuß stellen zu lassen, jede Friedensmöglichkeitverschüttete und jeden halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur äußersten Notwehr überzeugen mußte.

Sie wurde mir erschwert durch die Erwägung, daß es hier nur ein Entweder — Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden stellen und auf diesem Boden kämpfen, wie der General seine Schuldigkeit tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine Ansicht nicht durchgesetzt hat.

Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, daß ich ihm helfen würde, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge möglich sei.

Der im Großen Hauptquartier gefaßte Beschluß war dahin gegangen, daß in einem näher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen jeglichen Seeverkehr geführt werden sollte. Der Beschluß war bis zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Neutralen angekündigt werden, jedoch mit der Maßgabe, daß neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt nach Häfen im Sperrgebiet sein sollten, während einer „angemessenen Frist“ geschont werden sollten.

Ich fand diese Art der kurzen Ankündigung ebenso sinnlos wie provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus „marinetechnischen Gründen“bestanden, und die Befehle waren, als ich davon erfuhr, schon hinausgegangen.

Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe der Eröffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhörten Antwort der Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht noch ein kleiner Funken von Hoffnung.

Am 22. Januar richtete der Präsident Wilson an den amerikanischen Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der Kriegführenden übermitteln ließ. Die Botschaft gewährt in die Sinnesart und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hände der Gang der Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen wichtigen Einblick.

Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden kriegführenden Gruppen auf die Friedensanregung des Präsidenten gegeben hatten: „Die Mittelmächte erwiderten in einer Note, die einfach besagte, daß sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu erörtern. Die Mächte der Entente haben viel ausführlicher geantwortet und, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit genügender Bestimmtheit, um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Bürgschaften und Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgänglichen Bedingungen einer befriedigenden Lösung erscheinen. Wir sind dadurch der endgültigen Erörterung des Friedens,der den gegenwärtigen Krieg beenden soll, um so viel nähergekommen.“

Dem Präsidenten fehlte also jedes Verständnis dafür, daß die von den Ententemächten angedeuteten Bedingungen derart waren, daß die Entente selbst eine Erörterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande des Krieges für ausgeschlossen hielt. Die Ausführlichkeit, mit der die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und eine Friedensdiskussion mit den Mittelmächten abgelehnt hatte, war ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmächte sich zur Erörterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sichern sollte, bereit erklärt hatten. Die Bekundung einer so merkwürdigen Befangenheit war eine Bestätigung aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft, die später im entscheidenden Augenblick leider nicht genügend beachtet worden ist.

Im Anschluß an diese kurze, für die Frage der Friedensverhandlungen allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausführlich seine Ideen über das künftige Zusammenleben der Völker. Dem Frieden müsse eine Neuordnung der Völkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die Vereinigten Staaten sich unter allen Umständen beteiligen müßten. Die Grundlage für diesen Neubau werde durch den Friedensschluß gelegt, der demVölkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der gegenwärtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden oder nur für ein neues Gleichgewicht der Kräfte? Nicht Gleichgewicht, sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es müsse ein Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden würde von dem Unterlegenen als Demütigung, als Härte, als unerträgliches Opfer empfunden werden und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf dem das Friedensgebäude wie auf Flugsand ruhen würde. Nur ein Friede unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen müsse eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Großen und Kleinen. Das Recht müsse gegründet sein auf die gemeinsame Kraft, nicht auf individuelle Nationen. „Die Menschheit hält jetzt Ausschau nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht.“ Neben der Gleichberechtigung der organisierten Völker sei für einen dauernden Frieden erforderlich, daß die Regierungen ihre Macht von der Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. für ausgemacht, daß die Staatsmänner überall über die Herstellung eines einigen, unabhängigen, selbständigen Polen einig seien. Soweit wie möglich, sollte überdies jedes große Volk eines direkten Ausganges zu den Heerstraßen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung, so durch Neutralisierung der Zugangswege.Die Seewege selbst müßten gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatsächlich frei sein. „Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non für den Frieden, für Gleichheit und Zusammenarbeit.“ Wilson sprach dann weiter von der Notwendigkeit der Rüstungsbeschränkungen zu Wasser und zu Land. Die Rüstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem künftigen Geschick der Völker und des Menschengeschlechtes verknüpft.

Das waren Gedanken von einer großen Konzeption und hohem idealem Flug. Aber ihre Verwirklichung war abhängig, wie das Wilson auch selbst ausgeführt hat, von der Lösung der unmittelbar praktischen Frage der Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons Botschaft weniger als nichts; denn sie enthüllte nur seine völlige Verständnislosigkeit für unsere und unserer Verbündeten Lebensrechte und Lebensbedürfnisse und für das Ungeheuerliche der Forderungen der Entente, die nach deren eigenem Eingeständnis nicht durch einen Frieden ohne Sieg, sondern nur nach völliger Niederwerfung der Mittelmächte erreichbar waren.

Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und könne Herr Wilson einen Ausweg finden.

Am Sonntag, 28. Januar 1917, ließ mich der Kanzler noch abends gegen 10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst Househabe ihm im Auftrag des Präsidenten Wilson mitgeteilt, der Präsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf, den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemühungen nach dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemühungen würden ihm wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fänden, ihm unsere Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen Umständen die ihm zur Übergabe am 31. Januar bereits übermittelte Note, enthaltend die Ankündigung des uneingeschränkten U-Bootkriegs, vorläufig einbehalten zu dürfen, und empfahl, dem Wunsche des Präsidenten Wilson nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen.

Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah, es könne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in großen Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir für den Fall des Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren längst nach ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs und wahrscheinlich nicht zu erreichen.

Der Kanzler entschloß sich, noch am gleichen Abend mit dem Staatssekretär Zimmermann nach dem GroßenHauptquartier zu reisen. Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart des Inhalts, daß wir die neue Initiative des Präsidenten auf das freudigste begrüßten und den Botschafter ermächtigten, dem Präsidenten die Grundzüge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefaßt waren, zu seiner persönlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig mit der Übergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurückhaltung der letzteren sei unmöglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf ihren Stationen befänden und für einen Gegenbefehl größtenteils nicht erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald einzustellen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelungen sein würde, eine Erfolg versprechende Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.

Die dem Präsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die folgenden:

Zurückerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsaß.Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und wirtschaftlich sichernden Grenze.Koloniale Restitution in Form einer Verständigung, die Deutschland einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.

Zurückerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsaß.

Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und wirtschaftlich sichernden Grenze.

Koloniale Restitution in Form einer Verständigung, die Deutschland einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.

Rückgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen sowie finanzieller Kompensationen.Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien für die Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der belgischen Regierung festzustellen wären.Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu restituierenden Gebiete.Schadloshaltung der durch den Krieg geschädigten deutschen Unternehmungen und Privatpersonen.Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Maßnahmen, welche ein Hindernis für den normalen Handel und Verkehr nach Friedensschluß bilden würden, unter Abschluß entsprechender Handelsverträge.Sicherstellung der Freiheit der Meere.

Rückgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen sowie finanzieller Kompensationen.

Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien für die Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der belgischen Regierung festzustellen wären.

Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu restituierenden Gebiete.

Schadloshaltung der durch den Krieg geschädigten deutschen Unternehmungen und Privatpersonen.

Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Maßnahmen, welche ein Hindernis für den normalen Handel und Verkehr nach Friedensschluß bilden würden, unter Abschluß entsprechender Handelsverträge.

Sicherstellung der Freiheit der Meere.

Die deutsche Regierung erklärte sich ferner bereit, auf der Basis der Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen.

Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917, unmittelbar nach Überreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriegefernzuhalten und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anlaß zur Kritik. Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen, sprachen den Wunsch aus, der Kanzler möge sich, wenn es nun doch noch zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm für gebunden halten.

Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach Überreichung der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen später zur Kriegserklärung.

Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhänge zwischen den Friedensbemühungen, denjenigen der Reichsregierung wie denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgänge dargestellt, wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich weiß, daß andere, darunter auch solche Persönlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der Geschehnisse übereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits des Atlantischen Ozeansdie Friedensbemühungen und die zum Krieg mit Amerika führende Entwicklung mitgemacht hat.

Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur davon überzeugt, daß der Präsident Wilson in jener Zeit ehrlich den Frieden wollte, sondern auch daß er den beiden kriegführenden Parteien ohne Voreingenommenheit gegenüberstand und bereit war, einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden durchzusetzen. Die Friedensbemühungen des Präsidenten Wilson hätten nach seiner Überzeugung zum Erfolg geführt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Präsidenten fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrängt hätten, in dem Augenblick, wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg dem Präsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmöglichkeit zerstört und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen hätten.

Ich selbst habe bis zur letzten Möglichkeit dafür gekämpft, daß die Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie desjenigen des Präsidenten Wilson vollkommen übersehen lasse. Wenn ich der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so plädiere ich also gewiß nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit.

Ich will dem Präsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner Ansicht gerechten Frieden herbeizuführen, nicht abstreiten. Aber ich kann ihm wederzubilligen, daß er in der Herbeiführung des Friedens einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch daß er — bei allem subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit — den beiden kriegführenden Gruppen objektiv dasselbe Maß von Verständnis und Wohlwollen entgegenbrachte.

Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, der Präsident Wilson werde nunmehr groß genug sein, sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes Jahr bis zur Präsidentenwahl; das Bevorstehen der Präsidentenwahl konnte also noch kein ernstliches Hindernis für eine Friedensaktion sein. Aber der Präsident tat nichts für den Frieden. Er steckte unser Zugeständnis der Einstellung des uneingeschränkten U-Bootkriegs ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um England zur Rückkehr auf den Boden der völkerrechtlichen Normen des Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewiß nicht frei von Fehlern gewesen. Präsident Wilson hätte sich vielleicht anders verhalten, wenn die Zurückführung des U-Bootkriegs auf die Formen des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wäre, nachdem die durch die Versenkung der „Lusitania“ geschaffene kritische Lage durch die Torpedierung der „Arabic“ und schließlich der „Sussex“ — um nur die wichtigsten Fälle zu nennen — eine heillose Erschwerung erfahren hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schonim Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Präsidenten, mit ihm zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch während des Krieges, gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle — die Tatsache bleibt bestehen, daß der Präsident Wilson auf die von deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht einmal eine Zusage gab, daß er etwas tun werde, daß er schließlich mit einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine Verbündeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 gemacht hatten.

Daß der Präsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und Weltanschauung dem angelsächsischen Kulturkreis angehört und infolgedessen innerlich unsern Feinden nähersteht als uns, ist kein Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber für uns eine Tatsache, die wir ungestraft nicht übersehen durften. Daß Herr Wilson objektiv nicht mit dem gleichen Maße messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem Präsidenten vom Oktober-November 1918 über die Herbeiführung eines Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen sollte auch dem größten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden sein, daß dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und Voreingenommenheituns gegenüber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson an gerechter Würdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedürfnisse zu gewärtigen hatten, war schon geradezu überwältigend zum Ausdruck gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbündeten Völker sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir hätten auf seine Friedensanregung „einfach“ unsere Bereitwilligkeit erklärt, mit unsern Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, während er die „viel ausführlichere“ Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die Zerstücklung Österreich-Ungarns und der Türkei und die Verstümmelung Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die endgültige Erörterung des Friedens „so viel näher“ gebracht habe!

Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch, wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, daß Wilson damals im Begriff gewesen sei, sich für einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden einzusetzen und sich dafür mit Erfolg einzusetzen, so ist das nur erklärlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaßen ausreichenden Fühlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehrund jede Art persönlicher Fühlung zwischen Berlin und der deutschen Botschaft in Washington war völlig abgebunden. Die Benutzung unserer eigenen amerikanischen Stationen für drahtlosen Verkehr hatte uns die Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch für jede Art von Chiffretelegrammen unmöglich gemacht, während die britischen Kabel unbeschränkt unsern Feinden zur Verfügung standen. Die Möglichkeit, durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen gewährt. So ist es schließlich zu verstehen, daß unserer Vertretung jenseits des großen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz ringenden deutschen Volke und das Augenmaß für das uns Notwendige und Erträgliche verlorenging.

Jedenfalls stand für uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917 fest, daß sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde gescheitert seien. Den Temperamentvolleren genügten zur Bestätigung dieser Überzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen Staatsmänner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurückwiesen, jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemächte am 31. Dezember 1916 überreichen ließen. Für dieVorsichtigeren war jeder Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den Friedensschritt des Präsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter in Paris übergab. Die Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson vom 22. Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine Fortsetzung der Friedensbemühungen, sondern lediglich als eine nur aus unheilbarer Voreingenommenheit erklärliche Parteinahme des Präsidenten Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefaßt werden. Niemand in unseren leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung und über die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen Vorgängen noch der Meinung sein, daß man jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre Fortsetzung dachte.

Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen Bernstorff zeigte, daß Präsident Wilson einen erneuten Friedensschritt zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge überhaupt noch mögliche geschehen, um dem Präsidenten Wilson freies Feld für diesen neuen Versuch zu geben. Der Präsident hat es aber vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage für die erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unsererBereitwilligkeit, den uneingeschränkten U-Bootkrieg alsbald wieder einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen für Friedensverhandlungen zu sichern, brüsk jede weitere Verhandlung abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede weitere Begründung abzubrechen.

Es mag als ein müßiges Fragen erscheinen, ob es dem Präsidenten Wilson, falls die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht in jenen kritischen Tagen erfolgt wäre, gelungen wäre, den Frieden herbeizuführen, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem Falle dem Krieg ferngeblieben wären. Aber diese Fragen haben unser ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, daß es mir ein Bedürfnis ist, auch hierüber ein Wort zu sagen.

Ich halte es für ausgeschlossen, daß die von Wilson gegen Ende Januar 1917 ins Auge gefaßte neue Friedensaktion zu einem für uns annehmbaren Frieden hätte führen können. Die von der Entente aufgestellten Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln können, waren derart, daß nur ein gänzlich niedergebrochenes Deutschland sie annehmen konnte. Wer hätte es damals in Deutschland wagen können, Elsaß-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige Kriegsentschädigung aufzuladen, uns für die Zukunft unter die Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in der schnödesten Weise derZertrümmerung preiszugeben? Auch nur ein Status-quo-Frieden wäre nur unter den schwersten inneren Kämpfen durchzufechten gewesen; er wäre durchgefochten worden, aber was darüber hinausging, war schlechterdings unmöglich. Nur wenn der Präsident Wilson bereit gewesen wäre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen Macht auf die Ententemächte zu drücken, um sie zu einer völligen Sinnesänderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen die Unterstützung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung gefunden hätte, wäre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 die unerhörten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte, ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongreß der Vereinigten Staaten. Viel näher lag die Wahrscheinlichkeit eines amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbündeten.

Diese Wahrscheinlichkeit lag um so näher, als sich in der am 21. Dezember 1916 in Berlin überreichten Friedensnote der amerikanischen Regierung der Passus fand, daß die Interessen der Vereinigten Staaten durch den Krieg „ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien“, und daß das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich daraus ergebe, daß „sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte“. Diese kaum verhüllte Drohung wurde noch deutlichergemacht durch ein Interview, das der Staatssekretär Lansing bald darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewährte und in dem er mit unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am Krieg.

Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, daß der Präsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschränkten U-Bootkrieg nicht gemacht hätten, der Welt den Frieden gebracht hätte. Auf der andern Seite ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß gerade aus der Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika und Deutschland entstanden wäre, der nun aus der Veranlassung des U-Bootkriegs entstanden ist.

Ich bedaure es, daß die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klärung drängte, infolge der überstürzten Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschließenden Weise wird aufgehellt werden können. Für mich selbst steht aus dem Miterleben jener kritischen Epoche unerschütterlich fest: Wilsons geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu verhelfen, ist gescheitert an seiner Verständnislosigkeit für unsere Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende der Jahre 1916 und 1917.

Diese Ausführungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen Friedensbedingungen der gegen uns verbündeten Mächte. Diese Bedingungen sind eine Bestätigung des oben ausgesprochenen Urteils.

Diese Ausführungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen Friedensbedingungen der gegen uns verbündeten Mächte. Diese Bedingungen sind eine Bestätigung des oben ausgesprochenen Urteils.

Fußnoten:[4]Die amerikanische Regierung hat später wiederholt behauptet, ein Verbot der Waffenausfuhr an Kriegführende wäre, da eine Waffenlieferung nach Lage der Verhältnisse ausschließlich für die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschließlich die Entente schädige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche Regierung dagegen konnte sich für ihren Standpunkt, daß die Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschließlich der Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Präsident Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begründung des Verbots der Waffenlieferung für die beiden sich in Mexiko bekämpfenden Parteien erklärt hatte: „Da Carranza keine Häfen hat, Huerta dagegen über Häfen zur Waffeneinfuhr verfügt, ist es unsre Pflicht als Nation, beide auf gleichem Fuße zu behandeln, wenn wir den wahren Geist der Neutralität beobachten wollen und nicht eine reine Papierneutralität.“[5]Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

Fußnoten:

[4]Die amerikanische Regierung hat später wiederholt behauptet, ein Verbot der Waffenausfuhr an Kriegführende wäre, da eine Waffenlieferung nach Lage der Verhältnisse ausschließlich für die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschließlich die Entente schädige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche Regierung dagegen konnte sich für ihren Standpunkt, daß die Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschließlich der Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Präsident Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begründung des Verbots der Waffenlieferung für die beiden sich in Mexiko bekämpfenden Parteien erklärt hatte: „Da Carranza keine Häfen hat, Huerta dagegen über Häfen zur Waffeneinfuhr verfügt, ist es unsre Pflicht als Nation, beide auf gleichem Fuße zu behandeln, wenn wir den wahren Geist der Neutralität beobachten wollen und nicht eine reine Papierneutralität.“

[4]Die amerikanische Regierung hat später wiederholt behauptet, ein Verbot der Waffenausfuhr an Kriegführende wäre, da eine Waffenlieferung nach Lage der Verhältnisse ausschließlich für die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschließlich die Entente schädige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche Regierung dagegen konnte sich für ihren Standpunkt, daß die Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschließlich der Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Präsident Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begründung des Verbots der Waffenlieferung für die beiden sich in Mexiko bekämpfenden Parteien erklärt hatte: „Da Carranza keine Häfen hat, Huerta dagegen über Häfen zur Waffeneinfuhr verfügt, ist es unsre Pflicht als Nation, beide auf gleichem Fuße zu behandeln, wenn wir den wahren Geist der Neutralität beobachten wollen und nicht eine reine Papierneutralität.“

[5]Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

[5]Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

Als erster Teil dieses Werkes ist erschienenKarl HelfferichDie Vorgeschichte des WeltkriegesGeh. 5 Mark, geb. 7.50 MarkEin dritter Band (Schlußband) erscheint demnächstVerlag Ullstein & Co, Berlin

POLITISCHE BÜCHERSozialisierung oder Sozialismus?vonDr. August MüllerPreis 3 MarkZwei Forderungen hat unsere revolutionäre und doch so gedankenarme Zeit in den Vordergrund des politischen Interesses gestellt: die Sozialisierung und das Rätesystem. Dr. August Müller, dessen Laufbahn vom Handarbeiter über den Journalismus und späteres akademisches Studium zum Vorstandsmitglied des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und schließlich zum Unterstaatssekretär führte, gibt hier aus seiner reichen Erfahrung eine höchst beachtenswerte Kritik der beiden Revolutionsideale.Die französische Revolution von 1789Eine Mahnung an die GegenwartvonHans Wilhelm HollmPreis 2 MarkDiese Schrift führt von unserer Zeit in die Epoche der Weltgeschichte, die die französische Revolution entstehen sah. Sie will warnen vor der ungeheuren Gefahr des Terrors, und sie zeigt den Weg zu einem Neuaufbau der in ihren Grundfesten erschütterten deutschen Kultur.Die GroßmächteRichtlinien ihrer Geschichte — Maßstäbe ihres WesensvonMartin SpahnPreis 5.50 MarkIn allen diesen Fragen der tieferen ursächlichen Verankerung des Weltgeschehens bietet die neueste Schrift des Straßburger Historikers und Politikers Martin Spahn reiche Aufschlüsse. Das Werk... gehört zu den tiefsten und gehaltsamsten Erzeugnissen der unter der Einwirkung des Krieges entstandenen Literatur.Kölnische Volkszeitung.VERLAG ULLSTEIN & CO, BERLIN

POLITISCHE BÜCHER

Sozialisierung oder Sozialismus?vonDr. August MüllerPreis 3 Mark

Zwei Forderungen hat unsere revolutionäre und doch so gedankenarme Zeit in den Vordergrund des politischen Interesses gestellt: die Sozialisierung und das Rätesystem. Dr. August Müller, dessen Laufbahn vom Handarbeiter über den Journalismus und späteres akademisches Studium zum Vorstandsmitglied des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und schließlich zum Unterstaatssekretär führte, gibt hier aus seiner reichen Erfahrung eine höchst beachtenswerte Kritik der beiden Revolutionsideale.

Zwei Forderungen hat unsere revolutionäre und doch so gedankenarme Zeit in den Vordergrund des politischen Interesses gestellt: die Sozialisierung und das Rätesystem. Dr. August Müller, dessen Laufbahn vom Handarbeiter über den Journalismus und späteres akademisches Studium zum Vorstandsmitglied des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und schließlich zum Unterstaatssekretär führte, gibt hier aus seiner reichen Erfahrung eine höchst beachtenswerte Kritik der beiden Revolutionsideale.

Die französische Revolution von 1789Eine Mahnung an die GegenwartvonHans Wilhelm HollmPreis 2 Mark

Diese Schrift führt von unserer Zeit in die Epoche der Weltgeschichte, die die französische Revolution entstehen sah. Sie will warnen vor der ungeheuren Gefahr des Terrors, und sie zeigt den Weg zu einem Neuaufbau der in ihren Grundfesten erschütterten deutschen Kultur.

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Die GroßmächteRichtlinien ihrer Geschichte — Maßstäbe ihres WesensvonMartin SpahnPreis 5.50 Mark

In allen diesen Fragen der tieferen ursächlichen Verankerung des Weltgeschehens bietet die neueste Schrift des Straßburger Historikers und Politikers Martin Spahn reiche Aufschlüsse. Das Werk... gehört zu den tiefsten und gehaltsamsten Erzeugnissen der unter der Einwirkung des Krieges entstandenen Literatur.Kölnische Volkszeitung.

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MÄNNER UND VÖLKERArbeiterbewegung und SozialdemokratievonPaul KampffmeyerSüd-Tirolvom Brenner bis zur Salurner Klauseherausgegeben von Dr.Karl GrabmayrEnglische StaatsmännervonSil-VaraFranzösische StaatsmännervonMax NordauRussische Köpfevon Professor Dr.Theodor SchiemannDie Träger des deutschen Idealismusvon ProfessorRudolf EuckenJeder Band 3 MarkVERLAG ULLSTEIN & CO, BERLIN

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Arbeiterbewegung und SozialdemokratievonPaul Kampffmeyer

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Jeder Band 3 Mark

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Anmerkungen zur TranskriptionDer Schmutztitel wurde entfernt.Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen, und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.

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