Der Krieg und die deutsche Wirtschaft

Die finanzielle Mobilmachung war in Friedenszeiten gründlich vorbedacht und vorbereitet worden. Abgesehen von der planmäßigen Verbesserung und Kräftigung unserer Geld- und Kreditverfassung, die sich jetzt so reichlichlohnte, lag der Organisationsplan bereit, nach dem unser Finanzwesen den Kriegsbedürfnissen angepaßt werden sollte. Auf dem Gebiete der Gütererzeugung und des Warenhandels waren ähnliche Vorkehrungen für den Kriegsfall nicht getroffen worden. Wohl hatte unsere Wirtschaftspolitik in ähnlicher Weise unsere gesamte Volkswirtschaft erstarken lassen und für den Kriegsfall tüchtig gemacht, wie unsere Geld- und Bankpolitik die finanziellen Grundlagen unseres Wirtschaftslebens. Vor allem war es vermöge unserer Wirtschaftspolitik gelungen, unsere landwirtschaftliche Erzeugung in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg in noch stärkerem Maße zu heben, als unsere Bevölkerung gewachsen war. Ebenso war die eigene Gewinnung der für den Krieg wichtigsten industriellen Rohstoffe, der Kohle und des Eisens, in einem Maße gesteigert und auch technisch vervollkommnet worden, daß eine Grundlage für die technisch-industrielle Durchführung des Krieges gesichert war. Auch hatten wichtige Erfindungen und neue Verfahren unsere nationalwirtschaftliche Selbständigkeit, die für das Durchhalten eines großen Krieges von besonderer Bedeutung ist, in einigen nicht unwesentlichen Punkten verbessert. Schließlich waren auf dem Gebiet der sozialen Organisation, insbesondere der Ausgestaltung der Arbeitsnachweise, Fortschritte erzielt worden, die für die Anpassung unserer Wirtschaft an die durch den Krieg von Grund aus geänderten Verhältnisse eine Erleichterung bedeuteten. Aber ein eigentlicher Organisationsplan für dieBereithaltung, Beschaffung und Verteilung der für das Leben der Bevölkerung und die Durchführung des Krieges erforderlichen Nahrungsmittel und Rohstoffe, für die Umstellung unserer gewerblichen und kommerziellen Tätigkeit und für die Umgruppierung der Arbeitskräfte, wie sie der Krieg erforderlich machen mußte, war nicht vorhanden.

Aus den Kreisen des praktischen Wirtschaftslebens heraus war in den Jahren vor dem Ausbruch des Krieges wiederholt auf diese Lücke in unserer Bereitschaft hingewiesen und u. a. die Einrichtung eines „wirtschaftlichen Generalstabs“ zur Bearbeitung dieser organisatorischen Aufgaben verlangt worden. Es war aber nichts Durchgreifendes geschehen. Ich habe den Eindruck, daß man sich bei unseren amtlichen Stellen, denen die Bearbeitung unserer wirtschaftlichen Angelegenheiten anvertraut war, einmal über die seit Jahren über uns schwebende Kriegsgefahr ebensowenig Rechenschaft gab wie im allgemeinen in unserer öffentlichen Meinung; daß man ferner sich von den wirtschaftlichen Verhältnissen und Anforderungen eines modernen Krieges kein hinreichend greifbares Bild machen konnte, um danach organisatorische Vorbereitungen einzurichten; schließlich, daß man weder mit einem langen Kriege, noch auch mit einem ausgesprochenen Wirtschaftskriege ernstlich rechnete.

Nun war der Krieg da; und die Maßnahmen unserer Feinde, namentlich Englands, zeigten alsbald, daß dieser Krieg gegen eine gewaltige, uns fast von allen Seitenumfassende Koalition kein bloßer Krieg der bewaffneten Streitkräfte, sondern auch ein Krieg der Volkswirtschaften, ja der ganzen Volksgemeinschaften sein werde.

Schon bei dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen lehnte es die britische Regierung ab, den Schutz, den nach der Haager Landkriegsakte das private Eigentum und die privaten Forderungen zu beanspruchen hatten, unzweideutig und uneingeschränkt anzuerkennen. Alsbald nach Kriegsausbruch erließ sie Verfügungen, die nach dem alten britischen Recht alle Zahlungen an die Bewohner der mit England im Kriege liegenden Länder unter Strafe stellten. Das Verbot wurde bald auf den gesamten Verkehr mit dem Feinde ausgedehnt. Ebenfalls schon in den ersten Tagen des Krieges wurden die Filialen deutscher Banken in London unter Staatsaufsicht gestellt, der bald die Anordnung der Zwangsliquidation unter Sequestration des Liquidationserlöses folgte. Im weiteren Verlauf wurden Zwangsverwaltung, Sequestration und Zwangsliquidation auch auf alle anderen Unternehmungen im Vereinigten Königreich, den Dominions und Kolonien, die Deutschen gehörten oder an denen deutsches Kapital in nennenswertem Umfange beteiligt war, ausgedehnt und namentlich in den überseeischen Gebieten in der rigorosesten Weise durchgeführt. Dazu kam die Aufhebung von Verträgen mit feindlichen Staatsangehörigen und der feindlichen Staatsangehörigen zustehenden Patentrechte.

Noch einschneidender waren die britischen Maßnahmen auf dem Gebiet des Seekrieges. Ohne sich durch die völkerrechtlichen Satzungen irgendwie beirren zu lassen, unterwarf England den gesamten Seeverkehr auch der Neutralen seiner Kontrolle in der Absicht, jede auch indirekte Zufuhr für Deutschland zu verhindern. Darüber hinaus zwang es den Neutralen in ihren eigenen Ländern eine Handelskontrolle auf, die in ihrer Wirkung die Blockade bis an die Landgrenzen Deutschlands tragen sollte.

Ganz offenkundig und ganz rücksichtslos ging England, von seinen Verbündeten unterstützt, von Anbeginn des Krieges an darauf hinaus, die Kriegführung der Land- und Seestreitkräfte zu ergänzen und zu unterstützen durch eine wirtschaftliche Erdrosselung des deutschen Volkes. Durch die Abschnürung der Zufuhr kriegswichtiger Rohstoffe sollte Deutschland wehrlos gemacht, durch die Abschnürung der Zufuhr von Nahrungsmitteln sollte Deutschland ausgehungert und zur Übergabe gezwungen werden. Dabei handelte es sich für England von allem Anfang an nicht nur um ein Kriegsmittel, sondern klar erkennbar um einen wesentlichen Kriegszweck: Deutschland sollte durch den wirtschaftlichen Druck nicht nur — unabhängig von den militärischen Operationen — zur Kapitulation gezwungen, sondern Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, die England so unbequem geworden war, sollte den tödlichen Streich erhalten. Die Verfolgung und Vernichtung jeder deutschen geschäftlichen Betätigung, jeder deutschenWirtschafts- und Kulturarbeit in allen den Gebieten, die für den britischen Arm überhaupt erreichbar waren, gibt davon beredtes Zeugnis. Der britische Vernichtungswille kannte keine Schranke, weder in geschriebenen Satzungen, noch in der ungeschriebenen Völkermoral, weder im menschlichen, noch im göttlichen Recht. Alles was in den Bestrebungen der edelsten Geister der Menschheit bisher erreicht worden war, um die Kriegführung auf die bewaffneten Streitkräfte zu beschränken und die Leiden des Krieges von der nichtkämpfenden Bevölkerung fernzuhalten, erwies sich vor Englands Gewaltpolitik als eitel Schall und Rauch.

War schon der Krieg gegen eine rein militärisch so starke Koalition für Deutschland und seinen Verbündeten eine in diesem Ausmaß in der Geschichte aller Zeiten und Völker bisher unerreichte Kraftprobe, so wurde die Gefahr der Zermalmung durch die brutale Übertragung des Krieges auf das wirtschaftliche Gebiet ins Ungeheuerliche gesteigert. Deutschland war, wie kein zweites Land außer England selbst, in die Weltwirtschaft verwachsen. Es hatte im letzten Friedensjahr eine Einfuhr von 10,7 Milliarden Mark gehabt, hauptsächlich Rohstoffe und Nahrungsmittel; seine Ausfuhr, hauptsächlich aus Fabrikaten bestehend, hatte den Wert von 10,1 Milliarden Mark erreicht. Wenn wir auch infolge der glücklichen Entwicklung unseres Ackerbaues nur eines verhältnismäßig geringen Zuschusses an Brotgetreide aus dem Ausland bedurften, so war dochunsere Viehwirtschaft, und damit die Versorgung unserer Bevölkerung mit Fleisch und Fett, in erheblichem Umfange auf fremde Zufuhren an Futtermitteln angewiesen. Von unseren großen Gewerbezweigen war die Textilindustrie, bis auf die geringe einheimische Erzeugung von Wolle und Flachs, von der Rohstoffzufuhr aus dem Auslande abhängig. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, stand es mit der Lederindustrie. Kohle und Eisen hatten wir im eigenen Land; aber andere wichtige Metalle kamen vorwiegend, wie das Kupfer, oder ausschließlich, wie das Nickel, aus dem Ausland. Unsere Ausfuhr gab einem großen Teil unserer arbeitenden Bevölkerung lohnende Arbeit. Die Ernährung, Bekleidung und Beschäftigung eines großen Teiles unserer Bevölkerung, darüber hinaus die Ausstattung unserer Streitkräfte zu Land und zu Wasser mit Kriegsgerät, Munition und Proviant wurde durch die Unterbindung unseres Außenhandels auf das ernstlichste in Frage gestellt. Die gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auch ein auf das rein Militärische beschränkter Krieg hätte mit sich bringen müssen, wurden ins Unendliche gesteigert.

Nahezu alles, was zur Überwindung dieser Schwierigkeiten und Gefahren zu geschehen hatte, mußte improvisiert werden.

Die Aussichten einer reinen Vergeltungspolitik waren schlecht. Wir konnten die Beschlagnahme deutscher Vermögenswerte, die Zwangsverwaltung und Zwangsliquidation deutscher Unternehmungen und die anderen gegendeutsches Privatvermögen und deutsche Privatrechte gerichteten Maßnahmen mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen beantworten und taten das auch. Aber was an feindlichem Privatvermögen und Privatrechten unserem Zugriff unterlag, war dem Werte nach nur ein Bruchteil dessen, was bei der weitverzweigten deutschen Betätigung in dem Machtbereich unserer Feinde der Willkür von Engländern, Franzosen und Russen ausgesetzt war. Der völkerrechtswidrigen Unterbindung unserer ausländischen Zufuhren konnten wir, da England die See beherrschte, zunächst nichts gegenüberstellen als unseren wiederholten eindringlichen Appell an die an der Aufrechterhaltung des Völkerrechts mit uns interessierten Neutralen; die U-Bootwaffe, deren Anwendung wegen ihrer Rückwirkung auf die Neutralen, besonders auf die Vereinigten Staaten, von Anfang an als zweischneidig angesehen werden mußte, kam als Mittel für eine Gegenblockade erst im weiteren Verlauf des Krieges ernsthaft in Betracht. Auch auf die sich dem britischen Druck so gefügig zeigenden uns benachbarten Neutralen konnten wir nur in sehr beschränktem Umfang einen Gegendruck ausüben. Ihre Abhängigkeit von unserer Kohle und unserem Eisen war nicht entfernt so groß und so empfindlich wie ihre Abhängigkeit von den unter Englands Kontrolle stehenden Zufuhren von Nahrungs- und Futtermitteln und an wichtigen überseeischen Rohstoffen. Immerhin gaben die uns zur Verfügung stehenden Mittel des Gegendrucks auf diesem Gebiet uns wenigstens einigen Spielraum.

Es kam darauf an, die bescheidenen Vorteile und Druckmittel, die uns zur Verfügung standen, in geschickten Transaktionen und Kombinationen nach jeder Möglichkeit auszunutzen, um die Erdrosselungsabsichten unserer Feinde zu vereiteln. Es kam weiter darauf an, einen Überblick über die im Inland vorhandenen Bestände der für das Durchhalten der Bevölkerung und der Kriegführung wichtigsten Nahrungsmittel und Rohstoffe zu gewinnen, die Erzeugungsmöglichkeiten dieser Stoffe oder geeigneter Ersatzstoffe nach Möglichkeit zu fördern, ihren Verbrauch zu kontrollieren und zu rationieren und auf die Preisbildung der für den Lebensunterhalt der Bevölkerung wesentlichen Waren einen Einfluß zu gewinnen. Das bedeutete nicht nur eine den besonderen Verhältnissen und Bedürfnissen anzupassende Umstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern eine Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung im Sinne des Überganges von dem individualistischen System der freien wirtschaftlichen Betätigung und Initiative, das sich in der hinter uns liegenden Friedenszeit von selbst reguliert hatte, zu dem Versuch einer einheitlichen und planmäßigen Leitung der Gütererzeugung und Güterverteilung.

Die Aufgabe war ihrer Art nach völlig neu. Es gab keine Möglichkeit, sich an bereits erprobte Vorbilder und Methoden anzulehnen; alles mußte gewissermaßen aus dem Nichts heraus geschaffen werden.

Die Aufgabe wurde auch keineswegs in ihrem Umfange von Anfang an erkannt. Ich glaube, es gibt niemanden inDeutschland, der von sich sagen kann, er habe von Anfang an mit einem so langen Kriege und einer so strengen, sich im Laufe des Krieges immer mehr verschärfenden Abschnürung Deutschlands von auswärtigen Zufuhren gerechnet. Die Ansicht, daß ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein könne, wog in militärischen wie in wirtschaftlichen Kreisen vor. Dafür sprach die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Kriegswaffen, die rasche entscheidende Schläge in Aussicht zu stellen schien; ferner die ungeheuerliche Entziehung von Arbeitskräften durch die auf der allgemeinen Dienstpflicht beruhenden Volksheere, eine Entziehung, die in ihrer Wirkung auf die Volkswirtschaft mit einem Generalstreik verglichen worden ist; dann die alle Summen, mit denen Finanzleute und Volkswirtschaftler bisher zu rechnen gewohnt waren, weit hinter sich lassenden Kosten; schließlich die Spekulation auf die menschliche Vernunft, die es nicht zulassen werde, daß die Völker Europas bis zur letzten Erschöpfung ihrer physischen und moralischen Kräfte, bis zur letzten Zerstörung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Werte sich gegenseitig vernichten würden.

Gerade von sehr maßgebender militärischer Stelle habe ich, während der Krieg bereits im Gange war, wiederholt die Meinung vertreten hören, daß das Kriegsende in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Als ich im Monat November 1914 im Großen Hauptquartier zu Charleville im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt den Vorschlagmachte, im Interesse unserer Kriegführung im Orient — die Türkei war in den letzten Oktobertagen an unserer Seite in den Krieg eingetreten — die an der Verbindung mit Syrien und Mesopotamien noch fehlenden Gebirgsstrecken der Bagdadbahn im Taurus und Amanus alsbald mit allen Mitteln auszubauen, erhielt ich die Antwort: Da die Fertigstellung dieser Strecken erst nach Jahr und Tag zu erwarten sei, liege kein militärisches Interesse an dem Projekte vor. Die Möglichkeit, daß wir uns Ende 1915 noch im Kriege befinden könnten, wurde nach den Eindrücken, die ich damals empfangen habe, überhaupt nicht ernstlich in Betracht gezogen. Einer ähnlichen optimistischen Auffassung begegnete ich noch im April 1915, als ich als Reichsschatzsekretär im Großen Hauptquartier weilte. Man setzte damals große Hoffnungen auf gewisse gerade eingeleitete militärische Operationen, und ich hörte die Hoffnung aussprechen, daß, wenn alles gut gehe, der Krieg in wenigen Monaten zu Ende sein könne.

Ebensowenig wie mit einem mehr als vierjährigen Krieg hat man die Nachhaltigkeit und Wirksamkeit unserer Absperrung vom Ausland vorausgesehen. Auch wer England jede Art von Völkerrechtsbruch, namentlich in der Seekriegführung, zutraute, hat in den Anfängen des Krieges noch hoffen können, daß die Maschen des Wirtschaftskrieges weit genug bleiben würden, um uns zu gestatten, auf dem Weg über die uns benachbarten Neutralen uns wichtige Zufuhren zu verschaffen. Das Selbstinteresse derNeutralen, namentlich der Vereinigten Staaten, erschien als ein Faktor, der in unsere Rechnung eingestellt werden konnte. In der Tat hat in den ersten Kriegsmonaten England auf dieses Selbstinteresse Amerikas einige Rücksicht genommen. Noch in einer Note vom 7. Januar 1915, mit der die britische Regierung eine Beschwerde der Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete, betonte die britische Regierung, sie habe z. B. Baumwolle nicht auf die Konterbandeliste gesetzt und bei jeder Gelegenheit ihre Absicht festgestellt, bei dieser Praxis zu bleiben. In der Tat ist Baumwolle erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1915 von der britischen Regierung als Konterbande erklärt worden.

So entwickelte sich im Laufe des Krieges erst allmählich der ganze Ernst der Lage und damit die Erkenntnis der ganzen Größe der zu bewältigenden Aufgabe. Unsere Kriegswirtschaft ist nicht entstanden aus einem von vornherein die Aufgabe in ihrer Gesamtheit umfassenden einheitlichen Plan; sie ist allmählich herausgewachsen aus tastenden Versuchen und aus oft unzulänglichen, oft über das Ziel hinausschießenden Notmaßnahmen, mit denen die wirtschaftlichen Berufskreise und die staatlichen Gewalten den immer schwerer und dringender werdenden Anforderungen der Zeit gerecht zu werden suchten. An ihrem Anfange stand der unmittelbar nach dem Kriegsausbruch einsetzende Zusammenschluß großer an dem Bezug ausländischer Rohstoffe interessierter Kreise desGewerbes und Handels zur gemeinsamen Überwindung der sich auftürmenden gewaltigen Schwierigkeiten durch einheitliches Vorgehen und gemeinsames Tragen der mit einem Schlage so enorm gestiegenen Risiken (Zentraleinkaufsgesellschaft, Kriegsausschuß für Öle und Fette, Kautschukabrechnungsstelle u. a. m.); ferner die Errichtung der Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium zum Zweck der Sicherung und Beschaffung der kriegsnotwendigen Rohstoffe; dann gewisse Notmaßnahmen auf dem Gebiete der Ernährungspolitik, wie die — übrigens von der Vertretung der Landwirtschaft selbst angeregte — Festsetzung von Höchstpreisen für Brotgetreide, die Ausmahlungsvorschriften, die Schaffung eines einheitlichen Kriegsbrotes, die Verwendungsbeschränkung (Verbot der Verfütterung von Brotgetreide) und ähnliche Maßnahmen mehr. Von diesen Anfängen ausgehend, erstreckte sich die Kriegswirtschaft auf immer weitere Gebiete unserer ganzen Wirtschaft. Zu dem einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis von Waren erfassenden System der Höchstpreise, Richtpreise und Preisprüfung kamen immer weitergehende Verwendungsbeschränkungen, Beschlagnahmen, Enteignungen, Ablieferungsverpflichtungen, Rationierungen des Verbrauchs durch Karten, Bezugsscheine und Verteilungsschlüssel, eine fortschreitende Zentralisation der Beschaffung und Bewirtschaftung von wichtigen Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Fabrikaten; weiterhin staatliche Eingriffe in den Aufbau einzelner Gewerbezweige im Wegezwangsweisen Zusammenschlusses, verbunden mit Stillegungen und Produktionsregulierungen; schließlich der Versuch einer staatlichen Regulierung der wirtschaftlichen Arbeit durch das Hilfsdienstgesetz. Ergänzt wurde diese Entwicklung der kriegswirtschaftlichen Organisation durch die Mitwirkung der wirtschaftlichen Verbände des Unternehmertums und der Arbeiterschaft, durch die mit bewundernswerter Tatkraft und erstaunlichem Erfolg durchgeführte Anpassung der Gütererzeugung in Landwirtschaft und Gewerbe an die neuen Verhältnisse und an die gewaltigen Anforderungen des Krieges, durch die im Zusammenwirken von Wissenschaft, Technik und wirtschaftlicher Tatkraft erzielten Fortschritte im Produktionsverfahren, die zu einer ungeahnten Steigerung der wirksamen Ausnutzung von Stoffen und Kräften führten und teilweise ganz neue Wege von bleibender Bedeutung erschlossen.

Ich werde im weiteren Verlaufe meiner Darstellung Gelegenheit haben, auf einzelne Teile der Entwicklung unserer Kriegswirtschaft, an denen ich persönlich mitzuarbeiten berufen war, des näheren einzugehen.

Die großen militärischen Entscheidungen der ersten Kriegsmonate hatten uns in die Verteidigung gebracht. Im Westen in einer festen, weit in das Feindesland ausholenden Linie, die im Stellungskrieg gehalten werden mußte. Im Osten in einem weiten freien Raum, der eine offensive Verteidigung im Bewegungskrieg gestattete. Starke feindliche Übermacht hier wie dort, dazu eine Übermacht, die — wenigstens soweit Rußland und das britische Imperium in Betracht kamen — durch vermehrten Kräfteeinsatz noch einer wesentlichen Steigerung fähig war. Und diese feindliche Übermacht konnte aus ihrer freien Berührung mit der gesamten Welt Ergänzung und Entlastung finden, während die Mittelmächte auf sich selbst gestellt waren.

Wir standen, wie am ersten Tage des Krieges, so nach den ersten gewaltigen Kraftproben vor der Gefahr, trotz allen Heldentums und aller Heldentaten erdrosselt und zermalmt zu werden. In dieser Lage hieß es, nach jeder möglichen Hilfe ausschauen, die uns aus der furchtbaren Umklammerung befreien konnte.

Während unser italienischer und unser rumänischer Bundesgenosse sich von Anfang an der Erfüllung ihrer Bundespflicht enthielten, während Japan seine zunächst erklärte Neutralität schon am 19. August durch sein an uns gerichtetes Ultimatum aufgab und sich der Koalition unserer Feinde anschloß, während die Neutralen abwartend und zumeist mit für uns recht kühlen Gefühlen beiseite standen, stellte sich die uns seit langem befreundete, aber niemals verbündete Türkei als ein willkommener und wichtiger Mitkämpfer ein.

Ich habe im ersten Teil dieses Buches die Belastungsproben skizziert, denen die deutsch-türkische Freundschaft seit der jungtürkischen Revolution ausgesetzt war, und denen sie sich gewachsen gezeigt hat. Deutschlands territoriale Uninteressiertheit an den Fragen des näheren Orients, sein positives Interesse an der Aufrechterhaltung der Unversehrtheit, der Unabhängigkeit, der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Erstarkung der Türkei war so offenkundig und trat in so konkludenten Handlungen zutage, daß auch die westmächtlich voreingenommenen jungtürkischen Politiker, sobald sie an der Macht und Verantwortung waren, sich wohl oder übel zu Deutschland hingedrängt sahen. Selbst das Vorgehen unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen in der bosnischenFrage und die tripolitanische Brutalität Italiens hatten die aus den wahren Interessen der Türkei erwachsende Wiederannäherung an Deutschland nicht hindern können.

Als der Krieg ausbrach, konnte in Stambul kein Staatsmann darüber im unklaren sein, daß im Falle eines Sieges der Entente Rußland nach Konstantinopel greifen und daß niemand ihm das verwehren werde. Zu oft und zu deutlich war in den letzten Jahren von Rußland her proklamiert worden, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin und Wien führe. Der Krieg war also von Anfang an, ob die Türkei beiseite stand oder ob sie eingriff, ein Krieg um die Existenz des türkischen Reiches. Die Türkei hatte die Wahl, ob sie durch ein Eingreifen an der Seite der Mittelmächte das ihrige zur Abwendung der Vernichtung tun oder ob sie in willenlosem Geschehenlassen ihr Schicksal hinnehmen wollte.

Die britische Politik versäumte nicht, der türkischen Regierung sofort mit Eindringlichkeit zu zeigen, wo ihr Platz in diesem Völkerringen sei. Schon am 2. August 1914 beschlagnahmte sie zwei von der Türkei auf Drängen des britischen Botschafters in England in Bestellung gegebene und im voraus bezahlte Kriegsschiffe.

Schon in jenen Tagen wurde zwischen dem deutschen Botschafter Freiherrn von Wangenheim und der türkischen Regierung ein Bündnisvertrag vereinbart, für dessen Zustandekommen sich auf türkischer Seite vor allem der Kriegsminister Enver Pascha einsetzte.

Am Abend des 10. August erschienen die beiden deutschen Kriegsschiffe „Göben“ und „Breslau“, die im Mittelmeer der feindlichen Übermacht glücklich entronnen waren, vor den Dardanellen. Sie erhielten die Erlaubnis zur Einfahrt; denn die türkische Regierung hatte die beiden Schiffe in Erwartung ihrer glücklichen Ankunft von der deutschen Regierung gekauft. Entrüsteter Protest der Ententemächte. Zusammenziehung eines Ententegeschwaders vor den Dardanellen. Darauf am 28. September Sperre der Dardanellen.

Für die deutsche Kriegspolitik war schon mit dieser Etappe ein wichtiger Erfolg erzielt. Die Verbindung der Westmächte mit Rußland durch die Ostsee war durch den Krieg zerschnitten. Wenn jetzt auch der Großhandelsweg durch die Dardanellen gesperrt war, so blieb nur noch der für umfangreiche Transporte infolge des Mangels an Eisenbahnen in Nordrußland nicht praktikable Weg über Archangelsk. Die Dardanellensperre machte die Unterstützung der Entente auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch russische Mannschaften für lange Zeit unmöglich, sie schränkte die Möglichkeit der Versorgung Rußlands mit westmächtlichem Kriegsmaterial erheblich ein, und sie unterband die Belieferung Frankreichs und Englands mit russischem Getreide.

Es konnte fraglich erscheinen, ob es im deutschen Interesse lag, die durch drei Kriege geschwächte Türkei zu veranlassen, weiter zu gehen und aktiv in den Krieg einzugreifen. Die Möglichkeit, auf dem Wege über die Türkeiund mit Hilfe der Türkei das britische Reich an lebenswichtigen Punkten anzugreifen, etwa am Suezkanal oder gar über den Persischen Golf in Indien, hatte zwar in der englischen Agitation gegen die Bagdadbahn und leider auch in gewissen leichtfertigen deutschen Veröffentlichungen eine Rolle gespielt; aber bei nüchterner und sachkundiger Beurteilung mußte man die Durchführbarkeit und die Aussichten auch nur einer Aktion gegen den Suezkanal so lange als äußerst zweifelhaft betrachten, als einmal ein ungehinderter Verkehr zwischen den Mittelmächten und der Türkei nicht gesichert war und als ferner die Eisenbahnverbindung zwischen Konstantinopel und Syrien im Taurus- und Amanusgebirge noch die empfindlichen Lücken aufwies. Im übrigen bot die Türkei sowohl im südlichen Mesopotamien den Engländern als auch in Nordostanatolien den Russen wegen des Fehlens jeder Eisenbahnverbindungen gefährliche Angriffsflächen; ja, es war nicht einmal als unbedingt sicher zu betrachten, ob die Dardanellen, trotz der in den letzten Jahren durchgeführten Modernisierung ihrer inneren Befestigungsanlagen, einem energischen und nachhaltigen Angriff würden standhalten können. Auf den „Heiligen Krieg“, von dem manche die Revolutionierung Ägyptens und Indiens erwarteten, habe ich nach meiner Kenntnis des stumpf und unfanatisch gewordenen Islam niemals große Hoffnungen gesetzt, solange wir nicht selbst die Bewegung in jene Länder tragen konnten.

Diese Ansichten wurden auch in unserem Auswärtigen Amt geteilt, und man hat es deshalb wohl vermieden, die Türken zum Eintritt in den Krieg allzu eifrig zu drängen. Aber die Dinge drängten von selbst in dieser Richtung. Es zeigte sich bald, daß die Ententemächte sich mit der Sperrung der Dardanellen nicht abfinden und der Türkei nur die Wahl lassen würden, sich klipp und klar zu entscheiden. Die Wahl der türkischen Staatslenker war im voraus getroffen. Vergeblich bot die Entente der Türkei die Garantie ihres Besitzstandes; die Türkei hatte mit solchen Garantien zu schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druck der Ententemächte verstärkte sich. Ende Oktober kam es bei der Einmündung des Bosporus in das Schwarze Meer, wo russische Kriegsfahrzeuge Minen legten, zu einem Zusammenstoß zwischen türkischen und russischen Seestreitkräften: die Kriegserklärung erfolgte aus dem Munde der Schiffsgeschütze.

Deutschland hatte einen politischen Sieg erfochten; es hatte zu einer Zeit, in der es in West und Ost in die schwersten Kämpfe gegen eine erdrückende Übermacht verstrickt war, einen Bundesgenossen gewonnen, dessen nicht zu unterschätzendes Gewicht auf der Wage des Völkerschicksals vielleicht den entscheidenden Ausschlag geben konnte.

Nun hieß es, das Gewicht des neuen Bundesgenossen in Wirkung setzen.

Der neue Bundesgenosse stand, von uns getrennt, auf einem ebenso wichtigen wie bedrohten Außenposten. Wenndieser Außenposten gesichert und die militärische wie die wirtschaftliche Kraft der Türkei für uns nutzbar gemacht werden sollte, dann mußten alsbald die Brücken zu dem neuen Mitkämpfer geschlagen werden. Der Weg zur Türkei führte, solange der Engländer das Mittelmeer, der Russe das Schwarze Meer beherrschte, in jedem Fall über Bulgarien, außerdem entweder über Rumänien oder über Serbien. Bulgarien stand uns mit wohlwollender Neutralität gegenüber. Aber Serbien stand mit noch ungebrochener Kraft gegen uns im Feld, und Rumänien nahm trotz seines Bündnisvertrages mit uns damals schon in so ungenierter Weise für die Entente Partei, daß es auch den völkerrechtlich durchaus einwandfreien Durchfuhren von uns zur Türkei und von der Türkei zu uns die unerhörtesten Schwierigkeiten in den Weg legte. Da ohne Krieg mit Rumänien die Überwindung des rumänischen Hindernisses unmöglich erschien und da niemand bei uns das Bedürfnis nach einem weiteren Kriegsgegner hatte, da ferner der serbische Landesteil, der den Donauweg zwischen Ungarn und Bulgarien blockierte, der sogenannte Negotiner Zipfel, eine Tiefenausdehnung von nur 50–60 Kilometern hatte, erschien der Weg vorgezeichnet: die Forcierung des unterhalb des Eisernen Tores gelegenen serbischen Donaukreises.

Für diese Lösung setzten sich Kanzler und Auswärtiges Amt bei der Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung des schwer erkranktenGeneralobersten von Moltke der General von Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die militärische Unmöglichkeit der Erfüllung dieser Forderung geltend gemacht. Als die Türkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer stärker drängte, machte das Auswärtige Amt einen erneuten Versuch, zu dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhältnisse des näheren Orients herangeholt wurde. In Brüssel, wohin ich gerade von einem Besuch im Großen Hauptquartier zurückgekehrt war, erhielt ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretärs Zimmermann, das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und nötigenfalls beim Kaiser selbst mit den stärksten Argumenten für eine sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung des Donauweges einzutreten. Ich entschloß mich, sofort wieder nach Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam, stellte sich heraus, daß am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der Kaiser und General von Falkenhayn nach dem östlichen Kriegsschauplatz abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn, der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, daß beim Generalstab wenig Neigung für die serbische Operation bestehe, da auf den Hauptkriegsschauplätzen jeder Mann gebraucht würde. Aus diesem Grund habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenüber den Wünschen des Auswärtigen Amts ablehnend verhalten und zunächst nureinmal den Obersten Hentsch zur Prüfung der Verhältnisse an Ort und Stelle nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von Wild entnahm ich, daß man in den leitenden militärischen Kreisen die Voraussetzungen, unter denen allein die Türkei überhaupt erst aus einem stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbündeten gemacht werden und außerdem Bulgarien für den Anschluß an uns gewonnen werden könne, nicht genügend würdigte. General von Wild versprach mir, meine Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren. Es blieb aber bei der Ablehnung.

Es war für mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen Öffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft gegeben hätte, die österreichisch-ungarischen Truppen mit starkem Kräfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rückte gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in heftigen Kämpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen und genommen. Aber bald stießen die österreichisch-ungarischen Truppen in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf große Schwierigkeiten. Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rückzug unter Preisgabe vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember mußte auch Belgrad wieder geräumtwerden. Ich kann als Laie die Frage nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt genügt hätte, um die Verbindung mit Bulgarien und der Türkei damals schon herzustellen und zu sichern. Zunächst war durch den österreichischen Mißerfolg diese Möglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate später ist die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und durchgeführt worden.

In der Zwischenzeit mußte sich die Türkei, so gut es ging, behelfen, ohne uns über die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen Vorteil bringen zu können.

Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische Kaukasusgebiet vorzustoßen, blieb mangels genügender rückwärtiger Verbindungen in den Anfängen stecken und führte schließlich infolge der feindlichen Haltung der armenischen Bevölkerung zu schweren Rückschlägen. An dem türkischen Ufer des Persischen Golfs setzten sich die Engländer mit indischen Truppen fest und bereiteten eine Operationsbasis für die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne daß die Türken sie aus einer durch keine Eisenbahn überbrückten Entfernung von mehr als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. Ägypten wurde im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklärt, nachdem schon vor dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Türkei die britische Regierung die ägyptische Regierung gezwungen hatte, denKriegszustand gegenüber den Mittelmächten zu proklamieren. Mehr als gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorstöße gegen den Suezkanal, die keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Türken im Winter 1914/15 nicht zu unternehmen.

Dagegen machten die Verbündeten vom Februar 1915 an außerordentliche Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden Stoß zu führen, der sowohl die Türkei ins Herz treffen, wie auch die unterbrochene Verbindung zwischen Rußland und den Westmächten wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als die Russen gerade damals in der „Winterschlacht in den Masuren“ eine Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich Material so gewaltige waren, daß es in Frage gestellt schien, ob die russische „Dampfwalze“ sich ohne ausgiebige Nachhilfe von außen werde wiederherstellen lassen.

In England waren die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John Fisher, des Ersten Lords der Admiralität.

Am 19. Februar begann eine mächtige Schlachtflotte die Außenforts der Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und heiß umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten undschwachen Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang März konnte der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. März büßten die Angreifer drei Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein französisches. Man sah ein, daß ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwärts zu kommen sei.

Ein solches mußte erst zusammengestellt und herbeigeholt werden; denn die wenigen Bataillone Senegalesen und Zuaven, mit denen man anfänglich auszukommen gehofft hatte, genügten nicht entfernt, und die griechische Hilfe, die man erwartete, blieb aus. Man griff auf die in Ägypten versammelten Truppen, hauptsächlich Australier und Neuseeländer, zurück. Am 25. April 1915 erfolgte die erste Landung auf der Halbinsel Gallipoli.

Die auf Gallipoli zusammengezogene türkische Armee leistete den Angreifern, die ihre Forts und Feldbefestigungen Tag und Nacht mit einem Eisenhagel aus Land- und Schiffsgeschützen aller Kaliber überschütteten, den zähesten Widerstand. Eine unerwartete aber wirksame Unterstützung erhielt sie durch deutsche U-Boote, die plötzlich vor den Dardanellen erschienen, vom 25. bis 27. Mai die drei britischen Panzerschiffe „Triumph“, „Majestic“ und „Agamemnon“ torpedierten und durch die beständige Bedrohung die großen Schlachtschiffe von der Halbinsel fernhielten. Aber eine schwere Sorge lastete auf den braven Verteidigern: der Munitionsmangel. Der täglicheVerbrauch war bei aller Sparsamkeit enorm; Rumänien ließ keine Munition durch; Serbien hielt immer noch den Negotiner Donaubogen; unsere U-Boote konnten bei ihrem beschränkten Tonnengehalt höchstens Zünder und ähnliche Dinge, aber keine Granaten heranschaffen. Der Energie und Geschicklichkeit eines deutschen Seeoffiziers gelang es, in Konstantinopel eine behelfsmäßig ausgestattete Munitionsfabrik gewissermaßen aus dem Boden zu stampfen; aber deren Leistungsfähigkeit konnte nicht entfernt auf die Höhe des Bedarfs der Gallipoli-Armee gesteigert werden. Die Telegramme unseres Botschafters verlangten immer dringender die Öffnung eines Weges für ausreichende Munitionszufuhr. Wiederholt schien die letzte Stunde geschlagen zu haben. Mehr als einmal war nach heftigen Angriffen der Vorrat der Artilleriemunition so vollständig erschöpft, daß einem erneuten Angriff des Feindes der Erfolg sicher gewesen wäre. Churchill sprach damals das Wort: „Nur wenige Meilen trennen uns vom Ziel und vom endgültigen Sieg.“ Er wußte selbst nicht, wie nahe er oft an Ziel und Sieg war.

Endlich kam die Erlösung. Im Oktober 1915 reichten wir uns über Serbien hinaus mit Bulgarien die Hände, der Donauweg war frei, die Dardanellen und Konstantinopel waren gerettet. Die Entente mußte sich von der Aussichtslosigkeit weiterer Versuche überzeugen. Schon am 2. November 1915 nannte der britische Premierminister im Unterhaus das Dardanellenunternehmen „a disappointmentand failure“. Im Januar 1916 wurden bei Nacht und Nebel die letzten Reste des Landungskorps eingeschifft. Die Gräber von vielen Zehntausenden sind, wie die Tumuli von Troja, das Denkmal des gewaltigen Ringens.

Während uns in der Türkei ein neuer Bundesgenosse entstand, der das Kräfteverhältnis zwischen uns und der übermächtigen feindlichen Koalition immerhin zu unsern Gunsten verbesserte und uns einige Aussicht bot, aus der eisernen Umklammerung den Weg ins Freie zu gewinnen, rückte unser italienischer Dreibundgenosse, der mehr als drei Jahrzehnte hindurch die gute Zeit mit uns geteilt, sich dabei wohl befunden hatte und zu neuer Blüte erstarkt war, immer deutlicher von uns nach dem Lager der Entente hinüber.

Aus den Gründen, die ich im ersten Band dieses Werkes entwickelt habe, mußten die Mittelmächte für den Ernstfall eines Krieges mit einer England einschließenden Koalition damit rechnen, daß Italien sich auch bei einem unzweifelhaften Vorliegen des Casus foederis der Verpflichtung zur Waffenhilfe entziehen würde. Erwarten durfte man auf Grund der mehr als dreißigjährigen Gemeinschaft eine unzweideutige und wohlwollende Neutralität. Auch Bismarck hatte damit gerechnet, daß im Kriegsfall der Dreibundvertrag Italien zum mindesten abhalten werde, sichzu unseren Feinden zu schlagen, daß er ferner Österreich-Ungarn gestatten werde, seine italienische Grenze zu entblößen, und daß er andererseits einige französische Armeekorps an den Seealpen binden werde.

Italien erklärte in der Tat eine freundschaftliche Neutralität. Aber seine Handlungen standen mit dieser Erklärung von Anfang an nicht in Einklang.

Die Mitteilung der Neutralität an Frankreich erfolgte in Formen, die dort einen Begeisterungssturm erregten und der französischen Regierung die Gewißheit gaben, daß sie ohne Gefahr den letzten Mann von der Alpengrenze abziehen und gegen die deutsche Armee ins Feld stellen könne. Dagegen holte Italien gegenüber den Mittelmächten den Artikel 7 des Dreibundvertrags hervor, der ihm für den Fall einer Machterweiterung Österreich-Ungarns auf dem Balkan eine Kompensation in Aussicht stellte. Indem Italien sich seiner Verpflichtung aus dem Dreibundvertrag entzog, machte es aus dem gleichen Vertrag Rechte geltend. Die Mittelmächte erkannten den Anspruch Italiens ausdrücklich an für den Fall, daß die im Bündnisvertrag vorgesehene Voraussetzung der Erweiterung der österreichisch-ungarischen Machtsphäre auf dem Balkan, die nach den Erklärungen des Wiener Kabinetts nicht in dessen Absicht lag, tatsächlich eintreten sollte. Gebessert wurde durch diese Anerkennung nichts.

Auch wirtschaftlich ließ Italien uns im Stich. Es erschwerte und verhinderte die Durchfuhr wichtigerStapelartikel nach Deutschland, ja sogar den Abtransport der bei Ausbruch des Krieges in italienischen Häfen mit Bestimmung für Deutschland bereits lagernden Güter. Die Aussicht, auf dem Wege über das verbündete, aber in diesem Krieg neutral bleibende Italien die gegen uns geplante Wirtschaftsblockade vereiteln zu können, mußte von vornherein aufgegeben werden.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier zu schildern, wie eine raffinierte Bearbeitung der italienischen Presse und Straße das Land für den Verrat an dem alten Bundesgenossen reif machte. Ich beschränke mich auf die Feststellung des Ergebnisses.

Bereits im Oktober 1914, als der plötzliche Tod San Giulianos, der noch im Jahre 1912 die Erneuerung des Dreibundvertrages unterzeichnet hatte, die Neubildung des italienischen Kabinetts nötig machte, trat die Abkehr von den Mittelmächten unverhüllt in Erscheinung. Nachfolger San Giulianos wurde Sidney Sonnino, ein Mann, von dem ein italienisches Wort sagt, er sei „mezzo Ebreo, mezzo Inglese“ — halb Jude und halb Engländer — und dessen Parteinahme für England allbekannt war. Am 3. Dezember sprach Salandra, der das Präsidium auch des neuen Kabinetts behalten hatte, in der italienischen Kammer die bedenklichen Worte von der „tätigen und wachsamen Neutralität“, der „stark gewappneten Neutralität“ und „den gerechten Ansprüchen“, die Italien zu verwirklichen habe. Diese Worte deuteten an und verhüllten zu gleicher Zeit,was sich in den geheimen diplomatischen Verhandlungen abspielte: Das neue italienische Kabinett, umworben von Versprechungen und bedrückt von Drohungen der Entente, getrieben von dem sich immer mehr erhitzenden Nationalismus und Irredentismus der Straße, dabei dem Zug des eigenen Herzens folgend und fast mehr schiebend als geschoben, verlangte von Österreich-Ungarn die im Dreibundvertrag vorgesehene Kompensation unabhängig von dem tatsächlichen Eintritt der zu kompensierenden österreichisch-ungarischen Machterweiterung auf dem Balkan, lediglich auf Grund der damals von der österreichisch-ungarischen Armee eingeleiteten und dann so unglücklich verlaufenen neuen Operation gegen Serbien; es verlangte die Kompensation nicht, wie es dem Sinn des Vertrages entsprach, auf dem Balkan, sondern es richtete seine begehrlichen Augen auf Trient und Triest; es forderte schließlich nicht eine Kompensation für später, sondern sofortige Auslieferung der verlangten Gebietsteile.

Eine Gefühlspolitik hätte diese Zumutungen auf jede Gefahr hin mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber Gefühlspolitik verbot sich für die Mittelmächte bei der ernsten Lage, in der sie sich befanden, von selbst. Es galt, Figuren zu opfern, um nicht mit Sicherheit das Spiel um die eigene Existenz zu verlieren.

Die deutsche Regierung schickte den Fürsten Bülow, der sich zur Verfügung gestellt hatte, als außerordentlichen Botschafter nach Rom, damit er als bester Kenner deritalienischen Personen und Verhältnisse mit seinem ganzen Ansehen und seiner ganzen diplomatischen Geschicklichkeit helfe, das Äußerste zu vermeiden.

Es bedurfte eines starken Druckes auf unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen, um überhaupt die Grundlage für Verhandlungen zu schaffen und späterhin den Abbruch infolge der immer maßloser werdenden italienischen Ansprüche zu verhüten. Noch Ende Januar 1915 sagte der damalige Erzherzog-Thronfolger, der spätere Kaiser Karl, bei einem Besuch im Großen Hauptquartier unserem Kaiser, wie schwer es dem Kaiser Franz Joseph werde, sich vor den italienischen Zumutungen zu beugen. Kaiser Wilhelm hat mir Anfang Februar gesagt, er könne es als Souverän und Verbündeter nicht übers Herz bringen, auf den alten Kaiser in dieser furchtbaren Sache zu drücken. Er sei dem Baron Burian, der vor kurzem seinen Antrittsbesuch als neuernannter Minister des Auswärtigen gemacht habe, dankbar für den Takt, mit dem dieser es unterlassen habe, ihn auf die Trentinofrage anzusprechen. Die Aufgabe, Österreich-Ungarn zu den unvermeidlichen Zugeständnissen zu bewegen, müsse ihm von seinen Staatsmännern abgenommen werden.

Nur mit dem äußersten Widerstreben und bis aufs äußerste zögernd fand die Wiener Regierung sich bereit, die italienischen Forderungen zu diskutieren und schließlich in der Hauptsache zuzugestehen. Am 18. Mai 1915 hat der Reichskanzler von Bethmann Hollweg imReichstag die österreichischen Konzessionen mitgeteilt, deren Hauptpunkte waren:

1. Der von Italienern bewohnte Teil von Tirol wird an Italien abgetreten.

2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevölkerung rein italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca.

3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine italienische Universität erhalten.

4. Die italienische Souveränität über Valona und die dazugehörige Interessensphäre wird anerkannt.

5. Österreich-Ungarn erklärt seine politische Uninteressiertheit an Albanien.

Das Deutsche Reich hatte dem römischen Kabinett gegenüber im Einverständnis mit der österreichisch-ungarischen Regierung die volle Garantie für die loyale Ausführung dieser Anerbietungen übernommen.

Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenüber gebunden. Der volle Umfang der österreichischen Zugeständnisse wurde dem italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich war, ließen sich durch die bis zum Weißglühen erhitzte Straße einschüchtern und stimmten der Kriegserklärung zu, die von dem italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien überreichtwurde. „Die Erfüllung der nationalen Aspirationen gegen jede gegenwärtige und künftige Bedrohung“ wurde in diesem Dokument als der Kriegsgrund bezeichnet!

Deutschland gegenüber wurde eine Kriegserklärung nicht abgegeben. Auch Deutschland sah zunächst von einer Kriegserklärung ab und beschränkte sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Auch der Fürst Bülow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht mehr verhindern können. Ob es ihm gelungen wäre, wenn die Wiener Regierung eine größere Entschlußfähigkeit betätigt und rascher mit ihren Zugeständnissen hervorgetreten wäre, ist nachträglich wohl kaum zu entscheiden. Persönlich bin ich der Ansicht, daß die italienische Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung betreten hatte, durch das Mißtrauen des Verräters und Erpressers zwangsläufig in den Krieg getrieben worden ist, und daß von jenem Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Fürst Bülow über seine römische Mission erzählt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen geblieben.

War so die Sendung des Fürsten Bülow zum Scheitern verurteilt, so hat der Fürst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung dermilitärischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Möglichkeit gab, dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn auf meine Frage geantwortet, daß weder die Österreicher noch wir in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Kräfte entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice befreite Österreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm rechtzeitig die Hände frei für die Abwehr des italienischen Überfalls.

Die Mittelmächte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben, in die Verteidigung gedrängt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine bewegliche im Osten. Es handelte sich für die Leiter ihrer Operationen darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten.

Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten Flügeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen über das westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumänischen Grenze geschwungenen Kampffront ein.

An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder abzunehmen und sie in schweren Winterkämpfen über die verschneiten Pässe zurückzuwerfen. Aber die Kraft der dort kämpfenden österreichisch-ungarischen Armee und der sie verstärkenden deutschen Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhälfte kam die Angriffsbewegung ins Stocken.

Dagegen führte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar gegen den rechten Flügel der russischen Front einleitete, zu einem vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg übertraf. Acht Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die „Winterschlacht in Masuren“ mit der Vernichtung der russischen Nordarmee ihren Abschluß.

Ostpreußen war jetzt endgültig von den Russen befreit und vor neuen Einbrüchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war durch die Zerschmetterung ihres rechten Flügels und den Verlust seines gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschüttert. Bis in die Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmächte die Entlastung. Ihre Führer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden Offensive geöffnet.

Inzwischen rüttelten an der Westfront Franzosen, Engländer und Belgier mit ihren farbigen Hilfsvölkernunausgesetzt an den deutschen Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen. Alle diese Vorstöße vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschüttern, geschweige denn zu durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken zahlenmäßigen Überlegenheit der Feinde zu kräftigen Gegenstößen fähig. Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff die Franzosen von den Soissons beherrschenden Höhenstellungen herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die Staatsmänner der Entente mußten sich Rechenschaft geben, daß die Träume vom September ausgeträumt waren, daß nur eine riesenhafte Anstrengung den deutschen Stellungsring würde sprengen können.

Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die deutschen Linien in der Champagne zu zerreißen, zum mindesten aber dem in der Masurenschlacht schwer bedrängten russischen Verbündeten eine Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mußte das Unternehmen aufgegeben werden.

In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kämpfe bei dem nordwestlichen Frontteil. Am 23. Aprilbegannen unsere Truppen einen umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere Heeresleitung noch einmal den im Spätherbst mißlungenen Versuch machen, hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen setzten vom 10. Mai an Franzosen und Engländer mit schweren Angriffen gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohöhe ein. Abermals und dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung.

Denn am 2. Mai hatte mit der Schlacht bei Gorlice die gewaltige Aktion der verbündeten Armeen eingesetzt, für die die Karpathenkämpfe im Januar und Februar und auch die Winterschlacht in Masuren, trotz ihrer gewaltigen Dimensionen, nur eigentlich die Einleitung gewesen waren. Die russischen Linien in Westgalizien von der ungarischen Grenze bis zur Mündung des Dunajec in die Weichsel wurden im ersten Anprall an zahlreichen Stellen durchbrochen. Die westgalizische Front war zerschmettert, die südlich anschließende Karpathenfront kam ins Weichen, ebenso die im Weichselbogen stehenden russischen Linien. Vierzehn Tage nach Beginn der Offensive war der San erreicht und an mehreren Stellenüberschritten. Am 3. Juni wurde das nach langer Belagerung am 22. März gefallene Przemysl wiedererobert. Am 22. Juni wurde Lemberg den Russen entrissen.

Im Juli rückte der Schwerpunkt des Ringens nach Polen. Westlich der Weichsel wie zwischen Weichsel und Bug drängten unsere siegreichen Armeen gegen Norden. Gleichzeitig begann unsere Nordarmee, die inzwischen mit schwachen detachierten Kräften den größten Teil von Kurland erobert hatte, einen zermalmenden Druck von der Südgrenze Ostpreußens gegen die Narewlinie. Im August war die Frucht reif. Fast gleichzeitig fielen am 4. und 5. August Iwangorod im Süden und Warschau im Norden. Am 19. August folgte Kowno, am 20. Nowo-Georgiewsk mit einer unerhörten Beute an Artillerie und sonstigem Material. Am 26. August war Brest-Litowsk, der gewaltige Waffenplatz am Bug, in unserer Hand. Drei Wochen später waren unsere Truppen 180 Kilometer weiter östlich in Pinsk angelangt; das russische Heer war vor ihnen in den Pripjetsümpfen verschwunden. Die wolhynischen Festungen Luck und Dubno wurden eine leichte Beute. Im Norden wurde am 3. September das stark befestigte Grodno gestürmt. Am 18. September fiel Wilna. Aber leider blieb einem großartigen Umfassungsversuch Hindenburgs in Richtung auf Minsk der Erfolg versagt. Ende September 1915 hielten wir in einer Linie, die aus der Gegend Dünaburg in fast genau südlicher Richtung über Pinsk nach der Ostgrenze Galiziens führte. Hier war diegroße, Anfang Mai eingeleitete Operation zum Abschluß gekommen.

Gewaltiges war in den fünf Monaten erreicht worden. Das Anfang Mai bis auf einen kleinen Rest von den Russen besetzte Galizien und der östliche Rand von Ostpreußen waren befreit, ganz Polen, Litauen und Kurland, dazu große Teile von Wolhynien und Weißrußland mit ihren starken Festungen waren erobert. Die große russische Armee, die größte, die wohl je die Welt gesehen, war geschlagen und auseinandergesprengt, große Teile von ihr waren vollkommen vernichtet. Mehr als eine Million Gefangener waren in unsern Händen geblieben. Die Verluste der Russen an Kriegsmaterial waren ungeheuer.

Und doch war Rußland nicht bezwungen. Seine Armee als Ganzes war zwar stark geschwächt, aber nicht vernichtet, sein Kriegswille war nicht gebrochen. Hinter der langgestreckten neuen Front begann es, aus seinem fast unerschöpflichen Menschenreservoir und mit der finanziellen und industriellen Hilfe seiner Verbündeten wie der neutralen Amerikaner sich ein neues Kriegswerkzeug zu formen; das es später bei den weiteren Entscheidungen mit Wucht in die Wagschale warf.

Während wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten, stürmten schwere politische Sorgen auf uns ein.

Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir militärisch gegen Rußland führten, durch einen Gegenschlag zu parieren. Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen Geländegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und März die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafür suchte die Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumänien und Bulgarien wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen Balkanbund herzustellen, die Türkei endgültig von uns zu trennen, Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Südosten her einen umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf Österreich-Ungarn anzusetzen, der unserer Offensive gegen Rußland ein Ende setzen sollte. Zusammen mit dem vom Süden und Südosten zu führenden Einmarsch der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen.

Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumänien, wo mit dem Tode des Königs Carol die letzte Stütze der Mittelmächte gefallen war und der Hof, dieRegierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit, im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, überhaupt keinen Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumänen Siebenbürgen und Ungarn bis zur Theiß in Aussicht stellte, vermochten wir nichts annähernd Gleichwertiges gegenüberzustellen. Auch wenn es gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugeständnissen an die ungarländischen Rumänen zu bewegen, auch wenn man die Rumänen auf Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was wollte dies besagen gegenüber der von der Entente eröffneten Aussicht auf ein im Umfang und der Bevölkerung verdoppeltes Großrumänien! Zwar feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien Ansprüche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende Element in den Entschlüssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges. Man wollte einer starken russischen Hilfe für die Moldau, einer Deckung gegen Bulgarien für die Walachei vergewissert sein, ehe man sich entschloß, einzugreifen. Demgegenüber gab es für die Mittelmächte nur ein Mittel, Rumänien draußen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu bringen: wir mußten als die Stärkeren erscheinen und in der Lage sein, auf Rumänien einen unmittelbaren militärischen Druck auszuüben.

Auch in Bulgarien lagen die Verhältnisse für unsere Diplomatie nicht leicht. Zwar war der Haß gegen Serbienund Rumänien groß. Serbien hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprünglichen Abmachungen Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und tätigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine große und einflußreiche Rolle. Die Rumänen hatten durch ihre Intervention das Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren die südliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die Mittelmächte neutral zu halten wünschten und bisher mit dem König und gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Türkei, die an unserer Seite kämpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen. Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Türkei, die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurückgedrängt war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie einen bis an die Maritza heran- und über die Maritza hinausreichenden Geländestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand, hinsichtlich einer allzu starken Annäherung an Konstantinopel durch russische Empfindlichkeiten behindert.

Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien der Entscheidung zuzudrängen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Aus zuverlässiger Quelle hatten wir vorher Nachrichten über Abmachungen zwischen Italien und Rumänien erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verständigt hatten, gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der italienischen Kriegserklärung war es klar, daß Rumänien noch zögerte. Es war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung, die Rumänien noch zur Zurückhaltung veranlaßten; aber die Lage Rumänien gegenüber blieb prekär.

Die Bulgaren zeigten sich zurückhaltend und warteten offenbar auf Anerbietungen, die wir ihnen in Rücksicht auf die Türkei nicht machen konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wünsche konnten wir nicht erfüllen. In Athen kämpfte König Konstantin mit Venizelos einen schweren Kampf um die griechische Neutralität. Hätten wir Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla versprochen, so hätten wir uns die bulgarische Unterstützung mit der Kriegserklärung Griechenlands erkauft. Wir drückten auf die Türkei, die Entente drückte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen für ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlichBulgariens hatte ich den Eindruck, daß den Ausschlag nur ausreichende militärische Garantien für den Erfolg seines Losschlagens geben würden. Nur wenn wir uns fähig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unerträglich werdenden Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen.

Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten fast täglich an das, was auf dem Spiele stand.

Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen den Negotiner Kreis erneut in Erwägung gezogen worden. Angesichts des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen. Die Kriegserklärung Italiens an Österreich machte den Plan abermals zunichte; denn jetzt mußte jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf eine Lösung mußte also vertagt werden.

Wenn die Lage überhaupt noch eine Verschärfung erfahren konnte, so durch die ernste Spannung unseres Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten infolge der Torpedierung der „Lusitania“. Das Schiff war am 7. Mai versenkt worden; am 17. Mai, sechs Tage vor der italienischen Kriegserklärung, übergab Herr Gerard die Note, die im ernstesten Ton Genugtuung und Sicherheiten gegen die Wiederholung eines solchen Falles verlangte. Seit jenenTagen lag der schwere Schatten des Bruchs mit Amerika über unserm Schicksal.

Den Abend des 22. Mai, den Vorabend des Pfingstfestes, verbrachte ich bis spät in die Nacht hinein beim Kanzler. Wir waren allein auf dem großen Gartenbalkon. Eine wundervolle Mondnacht lag über dem Park. Der Kanzler schloß sich auf und sprach über seine Sorgen. Vom Fürsten Bülow waren Telegramme aus Rom gekommen; der Fürst hatte noch eine letzte, ganz schwache Hoffnung, aber das Gefühl sagte uns, daß der italienische Krieg unabwendbar sei. Wir konnten jetzt hoffen, daß es gelingen werde, den italienischen Angriff am Isonzo und an der Alpenfront aufzuhalten. Aber die Rückwirkung auf den Balkan? Wie lange würde in Rumänien das Schwanken, das seit unserer Gorlice-Offensive bemerkbar war, vorhalten? Wie lange noch würden die Türken ohne ausgiebige Munitionszufuhr die Dardanellen halten können? Welche Mittel gab es, Rumänien unter Druck zu halten und die Verbindung mit der Türkei herzustellen? Unser Angriff in Galizien hatte den San und damit einen gewissen Abschluß erreicht. Weiter östlich hatten die österreichisch-ungarischen Truppen überall die Karpathenausgänge erkämpft und standen in der Bukowina, am Pruth und an der rumänischen Grenze. Die Frage lag nahe, ob jetzt nicht die Möglichkeit gegeben sei, einen Teil unserer Ostarmeen heranzuziehen, um die Lage auf dem Balkan in unserm Sinne zu entscheiden. Der Kanzler sagte mir, daß General Falkenhayn eine Erneuerung derOffensive in Galizien vorbereite und dafür seine Truppen brauche. Ich fragte nach dem strategischen und politischen Ziel; die Säuberung Ostgaliziens und die Befreiung Lembergs ständen nach meiner Ansicht politisch und schließlich auch militärisch doch weit hinter einer endgültigen Eingliederung des Balkans in unser politisch-strategisches System zurück. Der Kanzler entgegnete, nach Falkenhayns Ansicht sei die russische Armee furchtbar mitgenommen; der jetzt beginnende neue Angriff solle das Werk vollenden; beim Durchhalten dieses Programms hoffe die Oberste Heeresleitung in wenigen Wochen die russische Offensivkraft, zum mindesten für den Rest des Sommers, endgültig zu brechen; es sei für ihn, den Kanzler, auch wenn er weniger zuversichtlich denke als Falkenhayn, sehr schwer, dem siegreichen Feldherrn in den Arm zu fallen.

Am nächsten Vormittag sprach ich mit dem Unterstaatssekretär Zimmermann und einigen meiner Freunde vom Auswärtigen Amt über dieselbe Frage. Die italienische Kriegserklärung war inzwischen sicher geworden, und der Kanzler hatte sich entschlossen, am nächsten Abend mit Herrn von Jagow nach dem Großen Hauptquartier zu reisen. Mir schien von dem richtigen Entschluß in dieser kritischen Lage für den Ausgang des ganzen Krieges so viel abzuhängen, daß ich für meine Person nichts versäumen wollte. Ich übergab deshalb dem Kanzler vor seiner Abreise die nachstehende Niederschrift:


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