Die territoriale Erweiterung unserer Wirtschaftsgrundlage durch die militärischen Erfolge, die uns die Besetzung und Verwaltung großer Flächen feindlichen Gebietesermöglichten, und unser erfolgreicher Kampf um die neutralen Märkte, die uns erreichbar geblieben waren, reichten nicht entfernt aus, Ersatz zu schaffen für die gewaltigen Zufuhren an Nahrungs- und Futtermitteln, an Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren aller Art, die uns durch den Krieg und durch die Abschneidung vom überseeischen Verkehr entzogen wurden und die bisher ein wesentlicher Teil des Untergrundes unserer Produktions- und Verbrauchswirtschaft gewesen waren. So ergab sich die Notwendigkeit, einmal den uns verbleibenden Spielraum für Produktion und Verbrauch durch die Anwendung neuer Methoden und die Gewinnung von Ersatzstoffen im Inland, sowie durch die intensive Nutzbarmachung der verfügbaren Arbeitskräfte nach jeder Möglichkeit zu erweitern; dann unsere Gütererzeugung und unsere Lebenshaltung auf die plötzlich so viel enger gewordenen Verhältnisse einzustellen und sie gleichzeitig den gewaltigen Bedürfnissen des Krieges anzupassen.
Wissenschaft, angewandte Technik und Unternehmungsgeist hatten sich in Deutschland seit den Zeiten eines Werner von Siemens zusammengefunden und in gemeinschaftlicher, sich ergänzender und fördernder Arbeit die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu den von aller Welt bestaunten und beneideten Fortschritten befähigt. Jetzt galt es, alle diese Kräfte zuräußersten Leistung anzuspannen, um eine Aufgabe zu lösen, so schwer, wie sie niemals in der Geschichte einem Volke gestellt worden ist: Das Leben und die Wirtschaft eines Siebzig-Millionen-Volkes, die bisher auf der freien Verfügung über die Naturschätze und Naturerzeugnisse des ganzen Erdballes aufgebaut waren, unter den drängenden Anforderungen und gewaltigen Erschwernissen des Krieges durch die denkbar stärkste Ausnutzung der nach Art und Menge beschränkten Hilfsquellen des eigenen Landes aufrechtzuerhalten.
Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Kräfte des deutschen Genius vervielfacht hätte. Überall mühten sich die besten Köpfe, um den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur Erdrosselung einengte, durch die Macht schöpferischen Geistes zu weiten. Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren in ähnlicher Fülle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden, ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in ähnlichem Ausmaß gesteigert und vervollkommnet worden. Und wenn schließlich trotzdem das erdrückende Übergewicht der Zahl und der Masse in diesem Völkerringen den letzten Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch für alle Zeiten ein unzerstörbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewähr für eine bessere Zukunft.
Es ist nicht möglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja auch nur eine einigermaßen vollständigeÜbersicht des auf dem weiten Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften seien angedeutet.
Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus der Luft, die uns überhaupt erst die Möglichkeit gaben, den ungeheuren und ständig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdünger zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewöhnlicher deutscher Tonerde. Ich hätte hier noch zu erwähnen, daß das Kalziumkarbid, das als Zwischenprodukt für den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung als Ersatz für fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat; so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner als Ersatz für wichtige ausländische Metalle in der Stahlfabrikation, ja sogar als Hilfsstoff für die Herstellung von künstlichem Gummi und als Rohstoff für die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als Ersatz für das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie große Dienste geleistet. Die nahezu völlige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi wurde uns erträglich gemacht durch die während des Krieges erfundenen Verfahren zur Herstellung von künstlichemGummi und die Vervollkommnung der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das künstliche Produkt nur für Hartgummi ein vollständiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang beschränkt worden, daß wir während des Krieges unser Auskommen gefunden haben und weiter gefunden hätten.
Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen Bevölkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese Verfahren haben ferner die Möglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in so großen Mengen benötigten Sandsäcken zu versorgen. Das neu erfundene Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als Rohstoff für das rauchlose Pulver unabhängig gemacht.
Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen, abgesehen von der bereits erwähnten Herstellung von Stickstoffdünger, auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung durch die Unterbindung der ausländischen Zufuhren am schwersten gefährdet war. Zunächst suchte man durch die möglichste Ausdehnung der Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in großem Umfang durch Fäulniszugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose Abfälle behandelte Erzeugnisse, so auf Rübenkraut, Kartoffelkraut und ähnliches mehr mit großem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren kam bald hinzu die künstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nährhefe) und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschließung, schließlich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen und bisher unverwerteten Abfällen aller Art. In ähnlicher Weise ist unsere auf das äußerste bedrohte Versorgung mit Ölen durch die sparsamste Ausnutzung aller ölhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue Verfahren der Ölgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden.
Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, fördernd und organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschäfte, die ich als Reichsschatzsekretär und Staatssekretär des Innern zu leiten hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewährt, wie die mir leider nur in engen Grenzen mögliche Mitarbeit an diesen schöpferischen Leistungen, als deren äußersten Kontrast ich, je länger desto mehr, die endlosen und größtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand.Ich mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber das war dann meistens der Ausfluß einer mühsam unterdrückten inneren Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren Debatten; während die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten mußten und zu Schaden kamen.
Neben der Steigerung der technischen Leistungsfähigkeit der Gütererzeugung ging einher eine Umstellung des ganzen Produktionsapparates auf die durch den Krieg total veränderten Bedürfnisse. Die Herstellung von Kriegsgerät aller Art in gewaltigen Mengen, daneben die Sicherung der Ernte traten mit Kriegsbeginn in den Vordergrund; auf der andern Seite waren große Zweige der Industrie und des Handels alsbald zu empfindlichen Einschränkungen gezwungen: alles, was für den überseeischen Export arbeitete, und alles, was auf überseeische Rohstoffe angewiesen war. In ganz großem Stil mußten Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sich neuen Aufgaben und neuen Beschäftigungen zuwenden.
Das Unternehmertum vollzog die Umstellung aus eigener Initiative und im wesentlichen aus eigener Kraft mit einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit und Energie. Fabriken und Werkstätten, die stets nur der Herstellung von Waren des Friedensbedarfs gedient hatten, wandten sich,angereizt durch gute Gewinnaussichten, der Fabrikation von Heeresgerät und Heeresausrüstung zu. Nicht nur Betriebe der Metallindustrie, auch Spinnereien und ähnliche Unternehmungen wurden in Geschoßdrehereien und Zünderfabriken umgewandelt. Neue industrielle Anlagen zur Fabrikation von Kriegsbedarf schossen wie Pilze aus der Erde.
Weit schwieriger war die Umgruppierung der Arbeiterschaft.
Die nächste Wirkung des Krieges, der unserer Volkswirtschaft Millionen der leistungsfähigsten Arbeiter entzog, war — eine erschreckende Arbeitslosigkeit! In einer Lage, in der alles darauf ankam, jede Arbeitskraft, die der Heeresdienst nicht in Anspruch nahm, für die Gütererzeugung nutzbar zu machen, sahen sich Hunderttausende zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen gezwungen, ohne alsbald neue Arbeit finden zu können. Die zum großen Teil unvermeidlichen, zum Teil aber auch ohne Not überstürzten Betriebseinschränkungen und Betriebseinstellungen setzten Arbeitskräfte frei, die nicht ohne weiteres den Weg zu neuer Beschäftigung fanden, schon deshalb nicht, weil die technische Umstellung der Industrie eine gewisse Zeit erforderte. In welch erschreckendem Maße der Krieg den Arbeitsmarkt erschütterte, davon geben folgende Zahlen ein Bild.
Bei den Arbeitsnachweisen kamen auf hundert offene Stellen bei den männlichen Arbeitern im Juli 1914158 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 248; bei den weiblichen Arbeitern kamen im Juli 1914 auf 100 offene Stellen 99 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 202.
Das Reich griff alsbald nach Kriegsausbruch ein, um sowohl im Interesse der Arbeiterschaft wie im Interesse der höchstmöglichen Leistung unserer Produktion die Umgruppierung der schaffenden Hände zu beschleunigen. Der Weg war eine den Kriegsbedürfnissen angepaßte Organisation des Arbeitsnachweises.
Das deutsche Arbeitsnachweiswesen vor dem Kriege litt vor allem an einer starken Zersplitterung. Neben den nicht bedeutenden gewerbsmäßig betriebenen Stellenvermittlungen arbeiteten ohne ausreichenden Zusammenhang nebeneinander: die von öffentlichen Körperschaften eingerichteten Arbeitsnachweise, die Arbeitgebernachweise, die Arbeitnehmernachweise und paritätische Arbeitsnachweise. Das Reichsamt des Innern gab diesen Organen gleich nach Kriegsausbruch in der „Reichszentrale für Arbeitsnachweise“ eine einheitliche Spitze. Die einzelnen Arbeitsnachweise übernahmen die Pflicht, sowohl die offenen Stellen wie auch die überschüssigen Arbeitsangebote an die Zentralstelle zu melden, um so einen Ausgleich zu ermöglichen. Schon am 9. August 1914 konnte die Reichszentrale ihre Arbeit aufnehmen. Sie hat sich nicht auf die Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsnachweisen beschränkt, sondern in wichtigen Fällenunmittelbar eingegriffen; so vor allem gleich nach Kriegsausbruch bei der Beschaffung von Arbeitskräften für die Bergung der Ernte, für die in großem Umfang eingeleiteten Festungsarbeiten, für die reichseigenen Betriebe der Militär- und Marinebehörden und der von diesen beschäftigten Unternehmungen; ferner bei der Zuweisung von Kriegsgefangenen an die unter Mangel an Arbeitskräften leidenden Betriebe in Industrie und Landwirtschaft.
Ergänzt wurde die Tätigkeit der Reichszentrale und der Einzelnachweise durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit für die nicht ohne weiteres unterzubringenden Arbeitslosen, durch Einschränkungen der Arbeitszeit, das Verbot von Überstunden und von Nachtarbeit in gewissen Betrieben, durch eine den Arbeiterverhältnissen angepaßte Verteilung der Heeresaufträge, durch eine planmäßige Fürsorge für die Erwerbslosen.
Nachdem die erste große Umschichtung der Arbeitskräfte vollzogen war, änderte sich die Lage und damit die zu bewältigende Aufgabe. Die Einziehung der Millionen zum Heeresdienst und der steigende Bedarf an Heeresausrüstung ließ die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften rasch in die Höhe schnellen. Während im August 1914 auf 100 offene Stellen 248 Arbeitsuchende gekommen waren, brachte schon der April 1915 mit 100 Angeboten auf 100 offene Stellen den Ausgleich. In den folgenden Monaten überwog die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften das Angebot immer stärker: auf 100 offene Stellen kamenim Oktober 1915 nur noch 85, im Oktober 1916 nur noch 64 Angebote.
Dagegen ging bei den weiblichen Arbeitskräften das Überangebot nur ganz allmählich zurück. Hier wirkte dem Überangebot keine Einziehung zum Heeresdienst entgegen; außerdem wurden durch Betriebseinschränkungen gerade solche Industriezweige am stärksten betroffen, in denen die weiblichen Arbeitskräfte überwiegen (Textilindustrie). Im Juli 1915, also ein Jahr nach Kriegsausbruch, standen 100 offenen Stellen immer noch 165 Arbeitsuchende gegenüber; dann kam infolge der gerade damals notwendig werdenden Einschränkung in der Textilindustrie eine weitere Steigerung des Arbeitsangebots bis auf 182 im Oktober 1915. Die Zahl für den April 1916 war 162, für den Oktober 1916 immer noch 135 Angebote auf 100 offene Stellen.
Zunehmender Mangel an männlichen Arbeitskräften, fortdauernder Überschuß an weiblichen Arbeitskräften — das drängte auf einen Ausgleich. Planmäßig wurde überall, wo es angängig war, die Männerarbeit durch Frauenarbeit ersetzt. In welchem Maße das gelungen ist, zeigt sich darin, daß nach den Arbeitsausweisen der Betriebskrankenkassen vom 1. Juli 1914 zum 1. Juli 1916 der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte an der Gesamtzahl der Arbeiter gestiegen ist:
Allein vom 1. Juli 1915 bis zum 1. Juli 1916 weist die Krankenkassenstatistik eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskräfte um 750000 Arbeiterinnen auf.
Wie die Frauen, so mußten auch die Jugendlichen in verstärktem Maße zur Arbeit herangezogen werden.
Um die Arbeitskraft der Frauen und der Jugendlichen für den Kriegszweck voll nutzbar machen zu können, hatte ein Gesetz vom 4. August 1914 dem Reichskanzler die Befugnis erteilt, Ausnahmen von den gesetzlichen Bestimmungen über den Schutz der weiblichen Arbeiter und der Jugendlichen zu gestatten. Die harte Notwendigkeit des Krieges machte in vielen Fällen eine Lockerung dieser Schutzbestimmungen erforderlich. Es wurde eben nicht nur auf den Schlachtfeldern gekämpft, sondern auch in den Arbeitsstellen der Heimat. Hier wie dort waren wir gezwungen, von dem wertvollen Kapital unserer Volkskraft zu zehren, um das Volksganze gegenüber dem Vernichtungswillen unserer Feinde zu erhalten.
Ihre höchste Steigerung hat die „Mobilmachung der Arbeit“ in dem Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst gefunden, auf das ich weiter unten in einem besonderen Abschnitt des Näheren eingehen werde.
Die erfolgreichen Bemühungen, unsere heimische Gütererzeugung durch technische und organisatorische Vervollkommnung und durch die Nutzbarmachung allerArbeitskräfte zu steigern, konnten wesentliche Erleichterungen unserer bedrängten Lage schaffen und das Äußerste abwehren, aber sie konnten uns nicht der Notwendigkeit entheben, die Verwendung der den normalen Bedarf nicht deckenden Nahrungsmittel und Rohstoffe zu regulieren.
Es war unmöglich, die Regulierung dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen. Dann hätte sich die Regulierung des Verbrauches der nur in unzureichenden Mengen verfügbaren Waren im Wege der Preisgestaltung vollzogen, in der Weise, daß eine scharfe Preissteigerung schrittweise die weniger zahlungsfähige Nachfrage ausgeschaltet hätte. Reichliche Versorgung der Wohlhabenden, Hunger und Elend der breiten Volksschichten wären die unvermeidlichen Folgen gewesen. Es kam alles darauf an, eine solche Entwicklung in sozialem Geist und mit Mitteln der sozialen Organisation zu verhindern. Die schwere materielle Bedrängnis, die der Krieg über unser Volk brachte, konnte nur dann ertragen und überwunden werden, wenn alle Volksgenossen mittragen halfen und jeder seinen Anteil an der notwendigen Einschränkung übernahm.
Die Festsetzung von Höchstpreisen allein konnte die Aufgabe nicht lösen. Eine gesetzliche Preisfestsetzung schaltet den Preis als Regulator von Angebot und Nachfrage aus, ohne einen andern Regulator an seine Stelle zu setzen. Ein niedriger Höchstpreis veranlaßt Erzeuger und Händler zur Zurückhaltung, ohne den Konsumenten zu der gebotenen Einschränkung seines Verbrauches zu nötigen.Das System der Höchstpreise, durch das die Bevölkerung von einer allzu starken Verteuerung der Lebenshaltung bewahrt werden sollte, bedurfte mithin sofort, wenn es das Zusammenbrechen der Versorgung nicht geradezu beschleunigen sollte, der Ergänzung durch weitergehende Maßnahmen. Als solche kamen in Betracht die Regulierung des Verbrauchs durch Einschränkungen der Verwendung und durch Rationierung, ferner die Erfassung der Bestände und der Neuproduktion durch Beschlagnahme und Enteignung. Die vollständige Übernahme der Bewirtschaftung ist die äußerste Konsequenz.
Je elementarer das Lebensbedürfnis war, dem eine Ware zu genügen hatte, je offenkundiger die Knappheit der verfügbaren Bestände, desto dringender war das staatliche Eingreifen.
Auf dem Gebiet der Volksernährung hat demgemäß die Reglementierung mit demBrotgetreidebegonnen und hier zur Entwicklung eines Systems geführt, das für die Gesamtheit der Kriegswirtschaft von großem Einfluß geworden ist.
Neben den Höchstpreisen wurden hier schon im Oktober 1914 bestimmte Verwendungsbeschränkungen eingeführt. Das Verfüttern von Brotgetreide wurde verboten. Für das Ausmahlen von Brotgetreide wurden Mindestsätze vorgeschrieben. Für Weizenbrot wurde ein bestimmter Zusatz von Roggenmehl, für Roggenbrot ein solcher von Kartoffeln oder Kartoffelmehl vorgeschrieben. In derFolgezeit wurden diese Bestimmungen verschärft und ergänzt.
Bereits im Januar 1915 ging man den entscheidenden Schritt weiter. Es wurde jetzt einmal der Brot- und Mehlverbrauch pro Kopf und Tag auf eine bestimmte Höchstmenge festgesetzt und zur Durchführung dieser Rationierung die Brot- und Mehlkarte eingeführt. Gleichzeitig wurde die Bewirtschaftung des in Deutschland vorhandenen Brotgetreides der im November 1914 aus privater Initiative gegründeten und jetzt weiter ausgebauten „Kriegsgetreide-Gesellschaft“ übertragen. Das Brotgetreide wurde für die genannte Gesellschaft beschlagnahmt, und die Gesellschaft wurde beauftragt, das beschlagnahmte Getreide aufzunehmen, zu lagern, vermahlen zu lassen und das Mehl mit Hilfe einer gleichzeitig geschaffenen Reichsverteilungsstelle zu verteilen. Die Verteilung der Mehlmengen über die Bäcker bis zu den Konsumenten wurde den Kommunalverbänden übertragen.
Ihre endgültige Form erhielt die Organisation durch eine Verordnung vom 28. Juni 1915. Die Kriegsgetreide-Gesellschaft wurde ersetzt durch die „Reichsgetreidestelle“, bestehend aus einer Verwaltungsabteilung und einer Geschäftsabteilung; die erstere wurde mit weitgehenden behördlichen Befugnissen ausgestattet, der letzteren wurde die kaufmännische Durchführung übertragen. Die neue Verordnung brachte insofern eine Abweichung gegenüber der bisherigen Regelung, als das Brotgetreide der Ernte 1915 nicht für die Reichsgetreidestelle, sondern für dieKommunalverbände beschlagnahmt wurde, da diese als die geeigneten Organe für die Durchführung der Beschlagnahme und die örtliche Kontrolle erschienen. Den Kommunalverbänden wurde die Verpflichtung zur Lieferung des Getreides an die Reichsgetreidestelle oder an die von dieser zu bezeichnenden Stellen auferlegt.
Hier haben wir also klar herausgearbeitet die Kombination von Höchstpreisen mit strengster Verwendungsbeschränkung und Verbrauchsrationierung einerseits, Erfassung und Bewirtschaftung der Produktion und der Bestände andererseits.
Beim Brotgetreide hat sich diese Organisation alles in allem vorzüglich bewährt. Sie hat nicht nur eine ausreichende und regelmäßige Belieferung der deutschen Wehrmacht und der gesamten deutschen Zivilbevölkerung mit dem täglichen Brot sichergestellt, sondern sie hat diese Belieferung zu Preisen durchgeführt, die bald hinter denjenigen in allen andern Ländern, nicht nur der Kriegführenden sondern auch der Neutralen, nicht nur diesseits sondern auch jenseits des Ozeans zurückblieben. Das ist erreicht worden, obwohl Deutschland in Friedenszeiten auf Grund der Agrarzölle das Zentrum der höchsten Getreidepreise der Welt gewesen war, und obwohl nicht nur die ausländischen Zufuhren von Brotgetreide in Wegfall kamen, sondern auch die inländische Produktion infolge einer weniger intensiven Bodenbearbeitung und geringeren Düngung wesentlich hinter den Friedensernten zurückblieb.
Allerdings lagen beim Brotgetreide die Vorbedingungen für eine staatliche Bewirtschaftung besonders günstig. Bedarf und Bestände sind hier verhältnismäßig leicht festzustellen. Die Kontrolle ist verhältnismäßig einfach. Die Haltbarkeit und Transportfähigkeit von Roggen und Weizen ist verhältnismäßig gut. Qualitätsunterschiede spielen keine entscheidende Rolle. Alles Eigenschaften, die ein einheitliches Disponieren nach einem wohldurchdachten Plan erheblich erleichtern, und Eigenschaften, die bei den meisten andern Nahrungsmitteln fehlen oder mindestens nicht in dem gleichen Maße vorhanden sind.
Man hatte deshalb in der ersten Zeit des Krieges auch wenig Neigung, das beim Brotgetreide erprobte System der Bewirtschaftung auf die andern Kategorien von Nahrungsmitteln zu übertragen. Schon bei den Kartoffeln lagen die Verhältnisse für eine einheitliche Bewirtschaftung sehr viel weniger günstig. Die Bestände sind infolge der Einmietung der Ernte weniger leicht zu übersehen. Die Haltbarkeit ist geringer und stets unsicher. Die verschiedenen Sorten bilden eine weitere Erschwerung. Noch größer sind die Schwierigkeiten der zentralen Bewirtschaftung bei leicht verderblichen Nahrungsmitteln wie bei Gemüse und Obst. Ebenso bei Fleisch, Milch, Butter, Eiern, Fischen.
Man hat deshalb bei allen diesen Dingen, als sie anfingen knapp zu werden, eine gleichmäßige Verteilung zuerträglichen Preisen auf andern Wegen zu erreichen versucht: durch Reglementierung oder Syndizierung des Handels, durch Abschluß von Lieferungsverträgen zwischen Kommunen und Händlern oder Produzenten, durch teilweise Beschlagnahmen oder durch Umlage von Lieferungsverpflichtungen auf Provinzen und Kommunen, durch Festsetzung von variabeln Richtpreisen, durch Preisprüfungsstellen und Kriegswucheramt. Aber der mangelhafte Erfolg aller dieser Maßnahmen drängte — trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten — immer mehr zu der radikalen Lösung, wie sie beim Brotgetreide mit so viel Erfolg verwirklicht worden war. Auf fast allen Gebieten des Ernährungswesens kam man von Teileingriffen zur zentralen Bewirtschaftung, die nach dem Vorbild der Brotgetreide-Organisation in die Hand von Reichsstellen mit Verwaltungsabteilungen für die behördliche Tätigkeit und Geschäftsabteilungen für die kaufmännische Tätigkeit gelegt wurde. So bekamen wir die Reichskartoffelstelle und Reichshülsenfruchtstelle, die Reichsstelle für Gemüse und Obst und die Reichszuckerstelle, die Reichsfleischstelle und die Reichsstelle für Speisefette, die Reichsverteilungsstelle für Eier und den Reichskommissar für Fischversorgung. Viele von diesen Reichsstellen umgaben sich für die kaufmännische Durchführung ihrer Aufgaben mit einem Kranz von Kriegsgesellschaften für alle möglichen Spezialgebiete, für Sauerkraut, wie für Teichfische und Aale.
Ich habe der Ausdehnung der Zwangswirtschaft auf Gebiete, die sich ihrer Natur nach für eine staatliche Bewirtschaftung nicht eignen, mehrfach Widerstand entgegenzusetzen versucht. Ich bin auch heute noch der Meinung, daß auf manchen Gebieten die Zwangswirtschaft weit mehr geschadet als genutzt hat, daß sie die Produzenten verwirrte und verärgerte und so die Produktion lähmte, daß sie große Mengen leicht verderblicher Nahrungsmittel, die im Weg des privaten Handels leicht und sicher dem Verbrauch zugeführt worden wären, verkommen ließ, sodaß in der Endwirkung Erzeuger und Verbraucher zu kurz kamen. Den allergrößten Nachteil aber sehe ich darin, daß die Überspannung des Systems der zentralen Bewirtschaftung den wucherischen Schleichhandel geradezu großzüchtete. Wenn auf der einen Seite die Kontrollmöglichkeit gering, auf der andern infolge der Übertreibung des Systems die Versuchung zu seiner Durchbrechung übermächtig ist, dann gibt es kein Halten. Auch nicht durch Strafen. Im Gegenteil, indem die Strafen das Risiko des Schleichhandels erhöhen, steigern sie die Schleichhandelspreise. Nach meiner Überzeugung wäre hier weniger mehr gewesen. Aber jeder Widerstand war vergeblich. Ein gewisser Ressortfanatismus in den Abteilungen des Kriegsernährungsamts und den diesem angegliederten Reichsstellen, der, vielleicht unbewußt, auf eine Erweiterung der eigenen Machtbefugnisse hinausging, wäre an sich noch zu bändigen gewesen, wenn er nicht noch geschoben undgedrängt worden wäre durch den parlamentarischen Beirat des Kriegsernährungsamtes, in dem die Anhänger der alles erfassenden staatlichen Bewirtschaftung stark überwogen.
Auf dem Gebiet der industriellen Rohstoffe führte die gleich zu Beginn des Krieges eingerichtete Kriegsrohstoff-Abteilung des Kriegsministeriums.
Hier mußten mit raschem Zugriff die vorhandenen Bestände an nicht beliebig vermehrbaren kriegswichtigen Rohstoffen für die Heereszwecke sichergestellt werden. Es handelte sich vor allem um die in Deutschland nicht vorkommenden oder nur in beschränktem Umfang zu gewinnenden Mineralien, die sogenannten „Sparmetalle“, und um die Textilrohstoffe.
Die Erfassung erfolgte zunächst im Weg der Beschlagnahme. Mit der Beschlagnahme, die noch nicht gleichbedeutend mit Enteignung ist, wird dem Eigentümer das Recht der beliebigen Veräußerung und Verarbeitung des beschlagnahmten Materials entzogen. In zahlreichen Fällen hat die Kriegsrohstoff-Abteilung von einer Enteignung abgesehen und lediglich die Verwendung reguliert und kontrolliert. In andern Fällen sah sie sich zu der Überführung der Bestände in Staatseigentum veranlaßt. Die Notwendigkeit hierzu lag besonders dann vor, wenn nicht nur auf die Vorräte der Industrie und des Handels, sondern auch auf die bereits in den Gebrauch übergegangenenBestände von Haushaltungen, Betrieben usw. zurückgegriffen werden mußte, wie bei Kupfer und Kupferlegierungen, Nickel, Zinn.
Für die Verteilung und die Verwendungsregulierung waren die auf Grund der Bestandsaufnahmen und Bedarfsanmeldungen aufgestellten Wirtschaftspläne maßgebend. Bei der Aufstellung dieser Wirtschaftspläne hieß es, sich nach der Decke strecken, den angemeldeten Bedarf nach seiner Dringlichkeit klassifizieren, nach Ersatzmöglichkeiten suchen und jedenfalls so zu disponieren, daß in der Lieferung der notwendigen Heeresausrüstung keine Stockung eintreten konnte.
Wie auf dem Gebiet des Ernährungswesens, so waren auch hier die zu lösenden Aufgaben teils behördlicher, teils kommerzieller Natur. Die Anordnungen von Bestandserhebungen, Beschlagnahmen und Enteignungen, die Festsetzung der Preise, die Aufstellung der Wirtschaftspläne und der Verteilungsschlüssel konnten nur von einer Behörde ausgehen, die sich dabei natürlich der Beratung der beteiligten Industrie- und Handelskreise bedienen mußte. Dagegen war die Abnahme und Bezahlung der zu beschaffenden Materialien sowohl im Inland, wie namentlich auch in den besetzten Gebieten, in den Ländern unserer Bundesgenossen und der uns zugänglichen Neutralen, ferner die Verfrachtung, Einlagerung, Sortierung ein kaufmännisches Geschäft großen Stils, für dessen Bewältigung besondere Organe aus den beteiligten Wirtschaftskreisen geschaffenwerden mußten, die sogenannten „Kriegsrohstoff-Gesellschaften“.
Schon die Erfassung der kriegswichtigen Rohstoffe für den Heeresbedarf griff stark ein in die Versorgung der Zivilbevölkerung. Das gilt vor allem für die Erfassung der Faserstoffe und des Leders. Für die Verteilung des von der Heeresverwaltung für die Versorgung der Zivilbevölkerung freigegebenen Leders mußte im Frühjahr 1916 eine besondere Organisation geschaffen werden. Noch stärker wurde die Versorgung der Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen, als es sich notwendig zeigte, im Heeresinteresse die Hand auch auf Fertigfabrikate der Textilindustrie zu legen. Nachdem am 1. Februar 1916 die Heeresverwaltung die Beschlagnahme der Anzugstoffe, Futterstoffe, Wäsche, Unterkleider usw. verfügt hatte, wurde eine umfassende Regelung der Versorgung der Zivilbevölkerung mit Kleidung und Wäsche unaufschiebbar. Zu diesem Zweck wurde die „Reichsbekleidungsstelle“ ins Leben gerufen, der die dornenvolle Aufgabe zufiel, die notwendig gewordene Einschränkung des Verbrauches im Wege des der Lebensmittelkarte nachgebildeten, auf dem Gebiet der Bekleidung aber viel schwerer anwendbaren Bezugsscheins durchzuführen und gleichzeitig für die weitestmögliche Nutzbarmachung des hier besonders wichtigen Altmaterials an Stoffen und Kleidern zu sorgen.
So entstanden, gerade in der Zeit, in der ich das Reichsamt des Innern übernahm, für die Zivilverwaltung auchaußerhalb des Gebietes der Volksernährung neue große Aufgaben.
Diese Aufgaben wuchsen, als die immer stärker werdende Knappheit der Rohstoffe und der Arbeitskräfte eine Beschränkung auf die Regelung des Verbrauchs nicht mehr angängig erscheinen ließ.
Schon die Verteilung der allzu knapp gewordenen Rohstoffe auf die einzelnen Betriebe durch die Kriegsrohstoff-Abteilung hatte einen starken Einfluß auf die Betriebe selbst ausgeübt. Es waren zwei verschiedene Wege gangbar: entweder die Verteilung auf sämtliche vorhandenen Betriebe nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit, was zur Folge haben mußte, daß alle Betriebe des betreffenden Industriezweiges nur teilweise beschäftigt wurden; oder die Zuweisung des Rohstoffs an einzelne besonders leistungsfähige Betriebe bis zur Vollbeschäftigung unter Stillegung der weniger leistungsfähigen. Wirtschaftlich rationeller ist das zweite System; denn es ermöglicht die gleiche Leistung bei geringerem Aufwand von Arbeit, Kohle usw. Dagegen sprachen gewisse soziale Rücksichten für das erstere System, da dieses keinen Betrieb gegenüber den andern in Nachteil brachte und die Entlassung von Arbeitern durch Kürzung der Arbeitszeit vermeiden ließ.
Solange kein Mangel an Arbeitskräften und keine Knappheit an Kohlen bestand, mochte man dem ersteren System den Vorzug geben. Das ist in der Tat in der ersten Periode der Kriegswirtschaft ganz vorwiegend geschehen.Vor allem in der mit Rohstoffen besonders knapp versehenen Textilindustrie, ebenso in der Schuhwarenindustrie hielt man auf eine gleichmäßige Verteilung der Beschäftigung; das bedingte eine wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit, die unter Gewährung von Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln zu den Arbeitslöhnen durchgeführt wurde.
Als aber der wachsende Bedarf an Kriegsgerät die Nachfrage nach Arbeitskräften immer mehr steigerte, als die äußerste Sparsamkeit mit Kohle und andern Betriebsstoffen immer dringlicher wurde, ließ sich der Übergang zu dem wirtschaftlich rationellen System der Vollbeschäftigung der Höchstleistungsbetriebe und der Stillegung der weniger leistungsfähigen Unternehmungen trotz aller sozialen Bedenken nicht mehr vermeiden. Den entscheidenden Umschwung brachte das sogenannte „Hindenburg-Programm“ in Verbindung mit dem Hilfsdienstgesetz und die im Winter 1916/17 scharf einsetzende Kohlenknappheit.
Schon vorher aber erschienen mir Eingriffe in die Struktur einzelner Industriezweige im Interesse der Steigerung der Nutzwirkung aller Kräfte und Stoffe und der Vermeidung unwirtschaftlichen Arbeits-, Kapitals- und Materialaufwandes angezeigt.
Zunächst wurde angesichts des Mangels an Arbeitskräften im Kalibergbau ein Verbot des Abteufens von neuen Schächten erlassen (8. Juni 1916). Dann wurden Neubauten und Erweiterungsbauten von Zementfabrikenbeschränkt (29. Juni 1916), um den angesichts der Nichterneuerung der Syndikatsverträge zu befürchtenden irrationellen Arbeits- und Kapitalaufwand für den Bau neuer oder die Vergrößerung bestehender Werke zu verhindern. In der gleichen Richtung zielten meine Bemühungen bei den Bundesregierungen und Generalkommandos, eine Zurückstellung aller nicht kriegswichtigen Hoch- und Tiefbauten behufs Freisetzung von Arbeitskräften und Ersparnis von Material zu erreichen. Schließlich erwähne ich die Durchführung des wirtschaftlich rationellen Prinzips der Beschäftigung einer Auswahl leistungsfähiger Fabriken in der Seifenindustrie, die im Frieden nicht weniger als 2000 Betriebe überwiegend kleinster Art beschäftigt hatte. Von diesen wurden jetzt nur ganz wenige leistungsfähige Betriebe mit Fetten weiter beliefert, während die stillgelegten Betriebe das Recht erhielten, von den arbeitenden Fabriken Fertigprodukte zu Vorzugspreisen zu beziehen und mit ihren eigenen Packungen in Verkehr zu bringen (Verordnung vom 21. Juli 1916). Eine ähnliche Regelung wurde für die Schuhindustrie in die Wege geleitet.
Bei einem wichtigen Gewerbe allerdings mußte ich aus zwingenden Gründen des öffentlichen Wohles im entgegengesetzten Sinne, zum Zweck der Erhaltung gerade der kleinen und weniger leistungsfähigen Betriebe, eingreifen: beim Zeitungsgewerbe.
Es war die wachsende Knappheit der Rohstoffe der Papierfabrikation, und späterhin auch der Kohle, die aufdiesem Gebiet ein Eingreifen nötig machte. Die Bemühungen, die Beschaffung und Verarbeitung der Rohstoffe in ausreichendem Umfang zu sichern, hatten keinen vollen Erfolg. Es fehlte in Deutschland an Arbeitskräften für den Einschlag von Papierholz; der Bedarf des Heeres an Holz für die Schützengräben usw. nahm immer größeren Umfang an, und der Bezug von Papierholz, Zellstoff und Druckpapier aus dem Ausland wurde durch Ausfuhrverbote erheblich eingeschränkt. Um das Papier konkurrierten mit den Zeitungen neue wichtige Industrien: einmal die Fabrikation von Papiergarn, von dem immer wachsende Quantitäten benötigt wurden, vor allem für die Herstellung von Sandsäcken für die Schützengräben; dann die Verwendung von Papier im Nitrierverfahren zur Herstellung von rauchlosem Pulver.
Die aus diesen Verhältnissen sich ergebende starke Erhöhung der Rohstoffpreise und damit der Druckpapierpreise traf das Zeitungsgewerbe um so schwerer, als seine finanziellen Grundlagen durch den Ausfall von Einnahmen aus Inseraten ohnedies erschüttert waren. Um das Forterscheinen der Zeitungen, namentlich auch der am schwersten bedrohten mittleren und kleineren Zeitungen, zu ermöglichen, entschloß ich mich im Frühjahr 1916 noch in meiner Eigenschaft als Reichsschatzsekretär, Reichszuschüsse zur Verbilligung des Druckpapierpreises zu bewilligen.
Aber damit war nur der finanzielle Teil der Schwierigkeiten überwunden, nicht aber die Knappheit an Druckpapier,die trotz aller Gegenmaßnahmen so stark wurde, daß der Wettbewerb um die verfügbaren Mengen einen Teil der Presse einfach auszuschalten drohte. Eine planmäßige Einschränkung des Verbrauchs von Druckpapier durch das Reich war um so mehr geboten, als dafür gesorgt werden mußte, daß die recht erheblichen Reichszuschüsse zur Verbilligung des Zeitungspapiers ihren Zweck der Erhaltung der deutschen Presse in ihrer Gesamtheit erfüllten und nicht nur den im freien Wettbewerb um das Papier stärkeren Zeitungsunternehmungen zugutekämen.
Als Organ für eine sachgemäße Regelung wurde im April 1916 die „Kriegswirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe“ geschaffen und zunächst mit der Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse von Bedarf und Versorgung betraut. Nachdem ich das Reichsamt des Innern übernommen hatte, wurde der Kriegswirtschaftsstelle ein Beirat, bestehend aus Vertretern des Zeitungsgewerbes und der Papierindustrie, beigegeben. Die notwendig gewordene Kontingentierung des Papierverbrauchs der einzelnen Zeitungen wurde unter Mitwirkung des Beirats durchgeführt. Eine gleichmäßige Einschränkung aller Zeitungen um einen bestimmten Prozentsatz ließ sich dabei nicht ermöglichen, weil die kleinen und mittleren Blätter, die nur in einem bescheidenen, kaum zu verkürzenden Umfang erschienen, durch den notwendigen Abstrich einfach zum Tode verurteilt worden wären, während die Zeitungen mit einer Tagesausgabe von vielenDruckseiten eine stärkere Einschränkung eher ertragen konnten. Die kleine und mittlere Lokalpresse mußte aber aus naheliegenden und zwingenden Gründen unter allen Umständen am Leben gehalten werden. Die gegebene und auch von dem Beirat mit großer Mehrheit gebilligte Lösung war eine gestaffelte Kontingentierung, die den Verbrauch der in größeren Ausgaben erscheinenden Zeitungen stufenweise stärker einschränkte als den Verbrauch der Blätter mit kleiner Ausgabe.
Ich bin wegen dieser Regelung späterhin, als infolge der Kohlennot die Kontingentierung schärfer angespannt werden mußte, von einem Teil der großen Presse heftig angegriffen worden; ja eine Anzahl Berliner Organe hat sich damals zu einer Art Streik gegen mich zusammengetan und verabredet, von meiner im März 1917 im Reichstag zum Etat des Reichsamts des Innern gehaltenen Rede über unsere Kriegswirtschaft keinerlei Notiz zu nehmen. Heute denkt wohl mancher von denen, die mich damals so scharf befehdeten, etwas milder; denn es ist mir nicht bekannt, daß nach meinem Ausscheiden aus dem Reichsamt des Innern eine bessere Lösung der Druckpapierfrage gefunden worden wäre.
Die Zeitungsangelegenheit war ein Sonderfall ganz eigener Art. Die Presse als Ganzes konnte ihre Funktionen, die im Kriege noch so viel bedeutungsvoller waren als im Frieden, nur dann erfüllen, wenn auch ihre über das ganze Land verteilten kleinen Organe erhalten blieben. Die Erzielungeiner stärkeren Nutzwirkung von Kräften und Stoffen im Wege einer Konzentration der Produktion in wenigen besonders leistungsfähigen Betrieben verbot sich also hier durch die Natur der von der Presse zu vollbringenden Leistung. Überall aber, wo solche besonderen Verhältnisse nicht vorlagen, verlangten die immer gewaltiger anwachsenden Ansprüche des Krieges geradezu gebieterisch, daß aus Menschen und Stoffen das Höchstmaß von Nutzwirkung herausgeholt werde. Die Entwicklung drängte also zu der Verwirklichung der Grundsätze hin, die gegen Ende des Jahres 1916 im „vaterländischen Hilfsdienst“ eine gesetzliche Formel gefunden haben.
Die aus der allgemeinen Lage sich ergebende Notwendigkeit der äußersten Anspannung aller Kräfte wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 verstärkt durch eine ernste Krisis der Munitionserzeugung.
Mit bewundernswerter Umsicht und Tatkraft hatte die deutsche Eisenindustrie gleich nach Beginn des Krieges die gewaltige Aufgabe der Versorgung unseres Heeres mit Kriegsgerät aller Art in Angriff genommen und bewältigt. Der Verbrauch an Munition, namentlich an Artilleriemunition, überstieg von Anfang an alle Begriffe. Die vorhandenen Bestände waren rasch aufgebraucht, diebestehenden Einrichtungen für die Herstellung von Artilleriemunition vermochten mit dem riesenhaften Bedarf nicht entfernt Schritt zu halten. Im September und Oktober 1914 machte die Munitionsversorgung des Heeres eine schwere Krisis durch, die unsere militärischen Operationen auf das äußerste beeinträchtigte, ja verhängnisvoll zu werden drohte. Alles, was in der deutschen Eisenindustrie irgendwie der Herstellung von Granaten dienstbar gemacht werden konnte, wurde herangeholt. Man half sich mit Graugußgranaten, die zwar gegenüber den Stahlgranaten geringwertig sind, aber rasch in großen Mengen hergestellt werden konnten. Gleichzeitig wurden die Einrichtungen für die Herstellung von Stahlgranaten in einem Maße ausgebaut, daß nach verhältnismäßig kurzer Zeit für diese Fabrikation mehr als 90 Werke zur Verfügung standen, gegenüber 7 bei Kriegsausbruch. Auch die Belieferung dieser Werke mit Rohstahl gestaltete sich befriedigend. Zwar hatte unsere Eisen- und Stahlerzeugung unmittelbar nach Kriegsausbruch einen schweren Rückgang erfahren. Die Flußstahlerzeugung war von 1628000 Tonnen im Juli 1914 auf 567000 Tonnen im August herabgesunken. Aber den Anstrengungen der Industrie und dem verständnisvollen Entgegenkommen der Heeresleitung in der Freigabe von Arbeitskräften war es gelungen, die Stahlerzeugung bald wieder zu heben; im Sommer 1916 erreichte sie etwa 1400000 Tonnen im Monat, also etwa 85% der Friedenserzeugung. Eine besondere Förderung hatte die Herstellungder Stahlgranaten dadurch erfahren, daß es gelungen war, als Rohmaterial Thomasstahl an Stelle des immer knapper werdenden Siemens-Martin-Stahls zu verwenden.
Die Klagen über ungenügende Munitionsversorgung waren so allmählich verstummt. Lange Zeit hindurch schien die Munitionserzeugung den Bedarf des Feldheeres ausreichend zu decken. Noch im Mai 1916 versicherte mir der damalige Kriegsminister, General Wild von Hohenborn, als ich mich bei ihm über die Wirkungen des gewaltigen Munitionsverbrauches vor Verdun erkundigte, daß unsere Munitionsvorräte und unsere Munitionserzeugung jeder Eventualität gewachsen seien.
Da begann am 1. Juli die Schlacht an der Somme, die erste ganz große Materialschlacht. Engländer und Franzosen entwickelten eine Überlegenheit an Artillerie und Munition, von der man sich bei uns offenbar weder bei der Obersten Heeresleitung noch beim Kriegsministerium und der Feldzeugmeisterei eine auch nur annähernde Vorstellung gemacht hatte. Wie wenig unsere maßgebenden militärischen Kreise mit einer solchen Steigerung des Munitionsbedarfes gerechnet hatten, ergibt sich daraus, daß die Feldzeugmeisterei keinerlei Eile zeigte, die am 30. Juni 1916 ablaufenden Verträge über die Lieferung von Granaten aus Thomasstahl zu erneuern, obwohl der Vorstand des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute schon Monate vorher auf den Ablauf der Verträge hingewiesen und auf rechtzeitige Erneuerung gedrängt hatte. Als die Entscheidung ausblieb,richtete der Vorstand des genannten Vereins im Juni noch einmal eine dringende Anfrage an die Feldzeugmeisterei und erhielt darauf am 2. Juli die Antwort, eine Weiterlieferung von Thomasstahl für die Granatfabrikation sei nicht beabsichtigt. Vierzehn Tage später, am 16. Juli, erhielt der Verein ein dringendes Telegramm des Inhalts, es liege die zwingende Notwendigkeit vor, Geschosse aus Thomasstahl in großen Mengen zu beschaffen; es werde umgehende Feststellung der Höchstmengen, die geliefert werden könnten, erbeten. Drei Tage darauf fand eine Versammlung der Thomaswerke statt, bei der die Militärbehörde den dringendsten Monatsbedarf an Thomasrundstahl für die Granatenfabrikation auf ein Vielfaches dessen bezifferte, was die Thomaswerke leisten konnten. Außerdem ergab sich, daß es in den dringenden Bestellungen der Militärbehörden auf die verschiedenen Arten von Stahlerzeugnissen — Granaten, Wurfminen, Minenwerfer, Draht usw. — an der erforderlichen Einheitlichkeit fehlte, so daß die einzelnen Stellen sich in der Nachfrage nach dem Rohmaterial gegenseitig Konkurrenz machten.
Die neuen Anforderungen der Heeresverwaltung übertrafen in ihrem Umfang bei weitem alles bisher Dagewesene. Die Stahlindustrie zeigte sich sofort bereit, jede andere Arbeit, auch die Lieferungen an das neutrale Ausland, zurückzustellen und die zur Bewältigung des neuen Munitionsbedarfes erforderliche Umstellung ihrer Betriebe, die an Umfang selbst die Umstellung der Industrie zu Anfangdes Krieges übertraf, mit jeder möglichen Beschleunigung durchzuführen. Über die Voraussetzungen — Freigabe der erforderlichen Facharbeiter und der notwendigen Rohstoffe, einheitliche Disposition in den Bestellungen der Heeresverwaltung auf Stahlerzeugnisse, Zurückstellung des Bedarfs für andere Zwecke, z. B. des Schienenbedarfs des Eisenbahn-Zentralamts — war für den 18. August eine abschließende Besprechung im Kriegsministerium vereinbart. Die Besprechung verlief ohne positives Ergebnis, da, wie mir von Teilnehmern an der Beratung mitgeteilt worden ist, weder der den Vorsitz führende Vertreter des Kriegsministeriums, ein Major, noch der Vertreter der Feldzeugmeisterei und des Ingenieurkorps genügend orientiert waren.
In diesem Stadium wurde ich zum erstenmal mit der Angelegenheit durch Vertreter der Industrie befaßt. Ich erteilte den Herren, die über die Behandlung dieser unabsehbar wichtigen Frage auf das äußerste erregt waren, den Rat, sich alsbald an den stellvertretenden Kriegsminister — der Kriegsminister selbst befand sich im Großen Hauptquartier — zu wenden, in der Überzeugung, daß dieser sofort durchgreifen würde. Ich stieß mit diesem Rat auf Bedenken und Zweifel, aber die Herren sagten zu, den Vorschlag alsbald an ihre Verbände weiterzugeben. Wenige Tage darauf erhielt ich die Nachricht, man habe meinen Rat insofern befolgt, als man den Kriegsminister telegraphisch gebeten habe, in der Munitionsangelegenheitalsbald zwei Vertreter der Eisen- und Stahlindustrie im Großen Hauptquartier zu empfangen. Die Antwort habe gelautet, der Kriegsminister sei zur Zeit an der Ostfront festgehalten und gebe anheim, bei dem stellvertretenden Kriegsminister in Berlin vorstellig zu werden. Ein erneutes persönliches Telegramm des Herrn Krupp von Bohlen und Halbach an den Kriegsminister hatte die erneute Verweisung an dessen Stellvertreter zur Folge.
Der Verein Deutscher Eisenhüttenleute legte nun seine Auffassung der Lage und seine Vorschläge in einer vom 23. August 1916 datierten Denkschrift nieder, die dem Kriegsminister und wohl auch andern maßgebenden militärischen Persönlichkeiten zugestellt wurde. Auch mir wurde auf meinen Wunsch ein Exemplar überlassen. Schon vorher hatte ich dem Reichskanzler, der im Begriff war, nach dem Großen Hauptquartier zu reisen, über die Angelegenheit Vortrag gehalten und ihm anheimgestellt, den Chef des Generalstabs — damals noch General von Falkenhayn — und den Kriegsminister auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit einer Reorganisation der Materialbestellung hinzuweisen.
Wenige Tage darauf war der General von Falkenhayn als Generalstabschef durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg ersetzt. Als der Kanzler am 28. August, noch ohne Kenntnis des Wechsels, abermals nach dem Hauptquartier fuhr, gab ich ihm die mir inzwischen zugegangene Denkschrift des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute mit.Der Kanzler fand den Generalfeldmarschall und den General Ludendorff bereits orientiert und fest entschlossen, durchzugreifen. Am 31. August richtete der Feldmarschall an den Kriegsminister ein Schreiben, in dem er das stärkste Kraftaufgebot zur Steigerung der Munitions- und Waffenherstellung verlangte. Dem Kanzler gab der Feldmarschall eine Abschrift.
Ich schrieb darauf an den General Ludendorff am 3. September 1916 einen Brief, in dem es hieß: