Auf einen weiteren Vortrag, den der Kanzler am Sonntag vormittag dem Kaiser hielt, setzte dieser für den Montag abend einen Kronrat über die Frage des gleichen Wahlrechts an. Am Abend fand im Kreise des Staatsministeriums eine Vorbesprechung statt, in der Herr von Bethmann erklärte, er halte die Notwendigkeit der Gewährung des gleichen Wahlrechts für so zwingend, daß er, falls die Entscheidung der Krone gegen das gleiche Wahlrecht ausfallen sollte, nicht mehr in der Lage sein würde, die Geschäfte weiterzuführen.
Der Kronrat fand Montag, den 9. Juli, abends sechs Uhr, im Kongreßsaal des Reichskanzlerhauses unter Vorsitz des Kaisers statt. Außer den Staatsministern waren sämtliche Staatssekretäre des Reiches zugezogen worden. Der Kaiser beschränkte sich auf eine kurze Ansprache, in der er auf die Notwendigkeit einer ruhigen, von keinerGewitterstimmung beeinflußten Prüfung der für das preußische Staatsleben so wichtigen Wahlrechtsfrage hinwies und von uns allen die offenste und rückhaltloseste Meinungsäußerung verlangte. In der Aussprache, die bis neuneinhalb Uhr dauerte, wurden alle Gründe für und gegen mit Lebhaftigkeit und Nachdruck ins Feld geführt.
Ich trat mit dem Reichskanzler für die Ergänzung der Osterbotschaft durch das gleiche Wahlrecht ein. Aus allen Diskussionen und Unterhaltungen der letzten Zeit hatte ich den bestimmten Eindruck gewonnen, daß die innerpolitische Atmosphäre dringend dieser Entspannung bedurfte, daß ferner ein weiteres Zögern nur zur Folge haben werde, daß der Krone die Initiative — und dann nicht nur die Initiative in der Wahlrechtsfrage — aus der Hand gleiten werde. Außerdem hatte meine Prüfung der wahrscheinlichen Ergebnisse der verschiedenen Wahlsysteme mich zu dem Schluß geführt, daß der praktische Unterschied zwischen dem gleichen Wahlrecht und einem — neben dem gleichen Wahlrecht allein in Frage kommenden — stark demokratischen Pluralwahlrecht nicht groß genug sei, um in einer so entscheidungsschweren Zeit einen schweren inneren Konflikt zu rechtfertigen.
Von den elf Staatsministern sprachen sechs für, fünf gegen die Gewährung des gleichen Wahlrechts.
Der Kaiser folgte den Vorträgen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Er selbst nahm keine Stellung, sondern behielt sich seine Entscheidung vor.
In der auf den Kronrat folgenden zwanglosen Unterhaltung sagte mir der Kaiser:
„Allen Respekt vor meinem Staatsministerium! Jeder einzelne von Ihnen hat seine Sache ausgezeichnet vertreten. Aber man muß mir Zeit lassen, mit mir selbst fertig zu werden.“
Er fügte hinzu, daß er eine Entscheidung auch nicht wohl treffen könne, ohne in einer für das Staatsganze und die Dynastie so wichtigen Angelegenheit dem Kronprinzen Gelegenheit gegeben zu haben, Stellung zu nehmen. Der Kronprinz wurde noch in der Nacht telegraphisch aufgefordert, alsbald nach Berlin zu kommen.
Der Hauptausschuß hatte Sonnabend und Montag in Gegenwart des Kanzlers weitergetagt, ohne daß über die Fragen gesprochen wurde, die jetzt mit einemmal ganz in den Vordergrund der Ereignisse gerückt waren. Der Kanzler verteidigte seine Politik gegen Angriffe von den verschiedenen Seiten, besonders gegen eine starke Offensive des Abgeordneten Dr. Stresemann; er sprach gut, fand aber keine Resonanz. Am Dienstag vormittag stellte zu Beginn der Sitzung der Abgeordnete Ebert die Anfrage, ob der Kanzler Mitteilungen über das Ergebnis des Kronrats machen könne; als der Kanzler verneinte, beantragte Herr Ebert die Vertagung, die angenommen wurde. Meinerseits veranlaßte ich die Vertagung des Verfassungsausschusses, der an dem gleichen Tage über die Wahlrechtsanträge abstimmen sollte.
Die unterdessen geführten Besprechungen mit den Fraktionsführern über die Herstellung einer besseren Fühlung zwischen Reichsleitung und Parlament ergaben, daß die Besetzung wichtiger Reichsämter mit Vertrauensleuten der Parteien sich nicht ohne weiteres in einer die verschiedenen Wünsche befriedigenden und dabei der Sache gerecht werdenden Weise durchführen ließ. Ich hatte mein Amt dem Kanzler zur Verfügung gestellt, um in keiner Weise ein Hindernis für die Überwindung der inneren Schwierigkeiten zu sein; das gleiche hatten einige meiner Kollegen getan. Aber im allgemeinen zeigten die Parteiführer weder für sich selbst noch für ihre Kollegen ein allzu heißes Begehren nach verantwortungs- und dornenvollen Ämtern. Aus den Besprechungen ergab sich das Projekt der Errichtung eines „Reichsrates“, dem außer dem Reichskanzler und den Staatssekretären Vertrauensmänner der größeren Parteien und eine gleiche Anzahl von Bundesratsmitgliedern angehören sollten; der „Reichsrat“ sollte über die wichtigeren Vorgänge der Politik auf dem Laufenden gehalten und vor wichtigeren Entscheidungen in der äußeren und inneren Politik gehört werden. Der „Reichsrat“ wäre also ein Organ dauernder Fühlungnahme zwischen Reichsleitung, Bundesrat und Reichstag gewesen. Die Berufung einzelner geeigneter Parlamentarier in leitende Stellungen sollte dadurch nicht ausgeschlossen werden.
Am Morgen des 11. Juli traf der Kronprinz in Berlin ein. Er hatte am Vormittag eine lange Aussprache mit dem Kaiser. Von dort begab er sich zum Kanzler. Während der Kronprinz noch unterwegs war, telephonierte der Kaiser an den Kanzler, der Kronprinz habe sich von der Notwendigkeit der Gewährung des gleichen Wahlrechts überzeugt, ebenso von der Notwendigkeit, daß der Kanzler, der dem Kaiser sein Amt unabhängig von der Entscheidung über die Wahlrechtsfrage zur Verfügung gestellt hatte, im Amte bleibe. Er bitte ihn, die Order wegen des gleichen Wahlrechts alsbald vorzulegen und die Geschäfte weiterzuführen.
In der am Nachmittag stattfindenden Staatsministerialsitzung berichtete der Kanzler über die von dem Kaiser und König getroffenen Entscheidungen und legte den Entwurf einer Königlichen Order vor, laut welcher der dem Landtag vorzulegende Gesetzentwurf wegen Änderung des Wahlrechts zum Abgeordnetenhaus auf der Grundlage des gleichen Wahlrechts aufgestellt werden sollte. Der Vizepräsident des Staatsministeriums regte daraufhin an, daß angesichts der Tragweite dieser Entscheidung für das Verfassungsleben des Preußischen Staates die Staatsminister insgesamt ihre Ämter zur Verfügung stellen möchten, um die schwierige Aufgabe der kaum zu umgehenden Neugestaltung des Staatsministeriums zu erleichtern. Die sämtlichen Staatsminister erklärten, dieser Anregung entsprechen zu wollen, einigemit dem Hinzufügen, daß sie angesichts der von dem König getroffenen Entscheidung sich nicht imstande fühlten, die Verantwortung ihres Amtes weiterzutragen, und deshalb den König unter allen Umständen um ihre Entlassung bitten wurden.
Die Order über das gleiche Wahlrecht wurde am Abend des 11. Juli vom König unterzeichnet und dem Ministerpräsidenten zugestellt. Sie wurde am nächsten Morgen veröffentlicht.
Damit war in dem wichtigsten und umstrittensten Punkt der „Neuorientierung“ das entscheidende Zugeständnis gemacht. Die große innerpolitische Forderung, um die jahrzehntelang erbittert gekämpft worden war, hatte ihre Erfüllung gefunden.
Schon vorher, am 6. Juli, hatte ich im Reichstag namens der Verbündeten Regierungen die Vermehrung der Mandate für die großen Reichstagswahlkreise in aller Form zugesagt.
Für die von allen Seiten als notwendig erkannte engere Fühlung zwischen Reichsleitung und Volksvertretung schien in dem „Reichsrat“ eine praktische Lösung gefunden zu sein.
Aber die großen Zugeständnisse auf dem Gebiet der inneren Politik, groß genug, um eine neue Ära heraufzuführen, genügten nicht mehr, um die erregten Gemüter zu beschwichtigen und das Reichsschiff wieder in ruhiges Fahrwasser zu steuern. Es blieb die Frageder „Friedensresolution“ und neben ihr die Frage des Kanzlers.
Über eine Resolution des Reichstags zur Friedensfrage beriet eine „interfraktionelle Kommission“, zu der sich Vertreter der Mehrheitssozialisten, der Fortschrittler und des Zentrums zusammengetan hatten. Die Nationalliberalen waren anfangs gleichfalls vertreten, schieden dann aber aus, da sie in Sachen der Friedensresolution sich mit den anderen Parteien nicht einigen konnten. Die beiden Rechtsparteien standen abseits. Auch Vertreter der Reichsleitung wurden nicht zugezogen. Die Parteien wollten jetzt selbst die Politik machen.
Gleichzeitig wurde in allen Fraktionen, die bisher dem Kanzler ihr Vertrauen gewährt hatten, gegen Herrn von Bethmann Sturm gelaufen. Auch der sonst bei den Linksparteien nicht gerade beliebte „Militarismus“ wurde als Sturmbock benutzt: überall wurde unter Berufung auf „Offiziere vom Großen Hauptquartier“ verbreitet, daß Hindenburg und Ludendorff es ablehnten, mit Bethmann Hollweg weiter zusammenzuarbeiten. Daneben versicherte Herr Erzberger mit der Miene des Eingeweihten, daß Bethmann für Friedensverhandlungen „unmöglich“ sei.
In meinen Verhandlungen mit den Parteien suchte ich auch jetzt noch zu verhindern, daß die nach unseren Wahrnehmungen heranreifende Friedensmöglichkeit durch eine schwere innere Krisis und einen Kanzlerwechsel zerstört würde. Fast schien es, als ob ich damit Erfolg habensollte. Noch am Mittwoch, 11. Juli, erklärten mir die Führer der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokraten, kein Interesse an einem Kanzlerwechsel zu haben. Für das Zentrum gab mir in Gegenwart des Abgeordneten Dr. Spahn der Abgeordnete Fehrenbach ein Resumé wieder, in dem er nach einer langen Aussprache in der Fraktion deren Meinung zusammengefaßt habe. Das Resumé lautete etwa: Das Zentrum sähe in seiner großen Mehrheit kein Bedenken gegen das Verbleiben des Kanzlers im Amte. Die Fraktion vertraue jedoch darauf, daß der Kanzler, falls sich herausstellen sollte, daß seine Person eine Erschwerung für Friedensverhandlungen sei, daraus die Konsequenzen ziehen werde. Sogar von den Konservativen, den erklärten Bethmann-Gegnern, gewann ich den Eindruck, daß sie für eine geräuschlose Erledigung der Kriegskredite unter Zurückstellung ihrer Wünsche nach einem Kanzlerwechsel zu haben sein würden.
Mit den Vertretern der Nationalliberalen konnte ich erst am Donnerstag vormittag sprechen. Als deren Vertreter besuchten mich die Herren Dr. Schiffer, Dr. Stresemann und List (Eßlingen). Dr. Stresemann erklärte, ein großer Teil seiner Partei betrachte Bethmanns Abgang als eine Notwendigkeit. Dr. Schiffer machte nur den Einwand, daß nicht alle in der Partei so dächten. Auf meinen Hinweis auf die außenpolitischen Umstände, die im gegenwärtigen Moment gegen einen Kanzlerwechsel und für eine glatte Bewilligung des Kriegskredits sprächen,machte Herr Dr. Stresemann etwa folgende Bemerkung: Für die Haltung der nationalliberalen Fraktion gegenüber Herrn von Bethmann müsse doch auch die Stellungnahme der Obersten Heeresleitung von großer Bedeutung sein. Es könne auf seine Fraktion nicht ohne Eindruck bleiben, wenn er heute genötigt sei, ihr mitzuteilen, daß der General Ludendorff entschlossen sei, seinen Abschied zu nehmen, wenn Bethmann Kanzler bleibe.
Jetzt sah ich allerdings jede Hoffnung schwinden, die Situation zu halten und in einer Lage, in der alles auf innere Festigkeit und Geschlossenheit ankam, einen Kanzlerwechsel zu vermeiden. Zunächst weigerte ich mich, an die Richtigkeit der Information des Herrn Dr. Stresemann zu glauben; im übrigen würde ich sofort den Kanzler veranlassen, sich mit dem General Ludendorff unmittelbar in Verbindung zu setzen.
Als ich mich nach dieser Besprechung zum Kanzler begab, erfuhr ich, daß der Kronprinz an demselben Vormittag zu früher Stunde die Abgeordneten Graf Westarp, Mertin, Erzberger, Dr. Stresemann, von Payer und Dr. David der Reihe nach empfangen und sie über die politische Lage und die Stellung des Kanzlers eingehend befragt habe, ohne sich selbst zu äußern. Die Wahl der Abgeordneten Erzberger und David, die in ihren Fraktionen in der vordersten Reihe der Kanzlerstürzer standen, ließ eine geschickte Regie erkennen. Der Kronprinz hatteim weiteren Verlauf des Vormittags den österreichisch-ungarischen Botschafter Prinzen Hohenlohe und den bulgarischen Gesandten Rizoff besucht, die beide mit größtem Nachdruck für ein Verbleiben Bethmanns eintraten.
Ferner erfuhr ich beim Kanzler, daß Herr von Payer berichtet hatte, ein „Offizier aus dem Großen Hauptquartier“ habe einem seiner Fraktionskollegen gesagt, er möge in der Fraktion verbreiten, Hindenburg und Ludendorff könnten nicht länger mit Herrn von Bethmann zusammenarbeiten; den gleichen Auftrag hätten Erzberger, Dr. Stresemann und wohl auch Dr. David für ihre Fraktionen erhalten.
Auf die telegraphische Mitteilung dieser Behauptungen ließ General Ludendorff am Abend desselben Tages an den Kanzler zurücktelegraphieren:
„Ich habe keinen Offizier beauftragt, einem Abgeordneten zu übermitteln, daß ich mit dem Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg nicht weiterarbeiten könne.“
Das Dementi bezog sich jedoch nur auf die Beauftragung eines Offiziers mit einer solchen Mitteilung, nicht auf die Sache selbst. Denn zu der Stunde, als dieses Telegramm an die Reichskanzlei abgesandt wurde, war in der Sache der entscheidende Schritt bereits geschehen und Herrn von Bethmann bekannt: Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff hatten den Kaiser für den Fall des Verbleibens des Herrn von Bethmann im Laufe des Nachmittags telegraphisch um ihre Entlassung gebeten.Der unheilvolle Gegensatz, in den die beiden Generale, je länger desto mehr, zu Herrn von Bethmann geraten waren, kam so im ungeeignetsten Augenblick zur Explosion.
Ohne Kenntnis von diesem Vorgang zu haben, verhandelte ich an demselben Nachmittag im Reichstag über die „Friedensresolution“.
Dort erhielt ich ein Schreiben des Herrn Dr. Stresemann, der mir unter Bezugnahme auf die Unterhaltung vom Vormittag mitteilte, daß die nationalliberale Fraktion beschlossen habe, durch ihren stellvertretenden Vorsitzenden, den Prinzen Schönaich-Carolath, dem Chef des Zivilkabinetts des Kaisers mitteilen zu lassen, daß nach ihrer Ansicht eine Lösung der Krisis ohne den Rücktritt des Reichskanzlers nicht denkbar sei.
Dann wurde mir durch den Abgeordneten Fehrenbach mitgeteilt, das Zentrum habe seine Stellung von gestern unter der Einwirkung gewisser Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier geändert und sich gegen eine kleine Minderheit dahin ausgesprochen, der Kanzler sei ein Friedenshindernis und müsse gehen. Der Fraktionsvorsitzende Dr. Spahn hatte während der Sitzung einen schweren Ohnmachtsanfall erlitten und mußte in ein Krankenhaus transportiert werden.
Die inzwischen in der interfraktionellen Fraktion fertiggestellte Friedensresolution schickte ich an den Kanzler, der im Schloß Bellevue beim Kaiser zum Vortrag war, mit der dringenden Bitte, sich nicht auf diese Resolution festzulegen.
Der Abgeordnete von Payer, der von den Mehrheitsparteien beauftragt war, die Resolution dem Kanzler zu überreichen, erklärte mir, es sei an der Resolution kein Wort zu ändern. Auch habe er den Auftrag, vom Kanzler zu verlangen, daß er in seiner im Reichstag abzugebenden Erklärung die Resolution glatt annehme, ohne irgendeinen erklärenden oder umschreibenden Zusatz, auch ohne jede Berufung auf seine bisherige Politik. Ich antwortete Herrn von Payer: „Wenn ich Kanzler wäre, würde ich unter keinen Umständen unter ein solches kaudinisches Joch gehen; da ich nur Stellvertreter des Kanzlers bin, werde ich meinen ganzen Einfluß bei dem Kanzler aufbieten, um ihn zu veranlassen, ein solches Ansinnen kategorisch zurückzuweisen.“
Der Kanzler hatte sich Herrn von Payer für neun Uhr abends zur Verfügung gestellt. Es war halb neun Uhr, als meine Unterhaltung mit Herrn von Payer zu Ende war. Ich fuhr zum Kanzler. Dieser war gerade vom Kaiser zurückgekommen. Er teilte mir mit: Der Kaiser habe den Wortlaut der „Friedensresolution“ an den Feldmarschall telephoniert. Dieser habe geantwortet, die Oberste Heeresleitung müsse von dieser Resolution eine Schädigung der Schlagkraft des Heeres befürchten, für die sie die Verantwortung nicht übernehmen könne. Der Kaiser habe ihn, den Kanzler, beauftragt, Herrn von Payer zu erklären, in der vorliegenden Fassung sei dieResolution aus den von der Obersten Heeresleitung angegebenen Gründen unannehmbar. Im übrigen habe der Kaiser Hindenburg und Ludendorff zu weiteren Besprechungen nach Berlin befohlen; sie würden am nächsten Vormittag eintreffen.
Der Kanzler fügte hinzu, er habe dem Kaiser die Unhaltbarkeit seiner Stellung zu den Parteien und zur Obersten Heeresleitung auseinandergesetzt und erneut um seine Entlassung gebeten. Während des Vortrags habe der Chef des Militärkabinetts General von Lyncker bestätigt, daß Hindenburg und Ludendorff telegraphisch um ihre Entlassung nachgesucht hätten. Der Kaiser habe ihn zwar seines ungeminderten Vertrauens versichert und erklärt, gegenüber den beiden Generalen werde er die Sache am nächsten Tage in Ordnung bringen. Er sei aber unbedingt entschlossen, auf seinem Rücktritt zu bestehen.
Ich konnte Herrn von Bethmann in diesem Entschluß nur bestärken. Man mochte über die sachliche Berechtigung und die Zweckmäßigkeit der Stellungnahme der Herren von der Obersten Heeresleitung gegen Herrn von Bethmann denken, wie man wollte — eine weitere Zusammenarbeit war jetzt in der Tat unmöglich, und einen Rücktritt von Hindenburg und Ludendorff hätte weder die Armee noch das Volk vertragen.
Inzwischen war Herr von Payer im Reichskanzlerhause eingetroffen, um sich des Auftrags der Mehrheitsparteien zu entledigen. Der Kanzler teilte ihm mit, daß dieResolution in der vorliegenden Fassung unannehmbar sei, und daß sich am nächsten Tage Gelegenheit geben werde, die Sache in Berlin unter Mitwirkung von Hindenburg und Ludendorff zu besprechen.
Am nächsten Morgen — Freitag, 13. Juli — übersandte der Kanzler in aller Frühe dem Kaiser sein schriftliches Abschiedsgesuch, ohne die Ankunft der beiden Generale abzuwarten.
Der Kaiser ließ mir im Lauf des Vormittags mitteilen, er habe Hindenburg und Ludendorff ersucht, sich mit mir und dem Chef der Reichskanzlei wegen einer Besprechung mit den führenden Abgeordneten in Verbindung zu setzen. Um 4 Uhr nachmittags besprach ich zusammen mit dem Unterstaatssekretär Wahnschaffe im Generalstabsgebäude mit den beiden Generalen die parlamentarische Lage. Von fünf Uhr ab wurden der Reihe nach die Vertreter der einzelnen Fraktionen empfangen. Der Feldmarschall machte seine Ausstellungen an der Resolution und bezeichnete die Stellen, die nach seiner Ansicht einer Änderung bedurften. Es wurde verabredet, daß bei mir am nächsten Tage weiter verhandelt werden sollte. Der Abgeordnete Scheidemann sagte mir beim Abschied: „Verhandeln können wir, aber geändert kann nichts mehr werden.“ Ich entgegnete: „Das ist nicht das letzte Wort.“
Die Besprechungen dauerten bis neun Uhr abends. Während der Besprechungen war Hindenburg abgerufen worden; er kam nach etwa einer halben Stunde wieder.Er war im Schloß Bellevue gewesen, wo inzwischen über den Kanzlerwechsel entschieden worden war.
Von Herrn von Bethmann, zu dem ich mich vom Generalstab begab, erfuhr ich das Nähere. Der Kaiser hatte seine Entlassung genehmigt und den bisherigen Unterstaatssekretär im preußischen Finanzministerium und preußischen Staatskommissar für Volksernährung Herrn Dr. Georg Michaelis zu seinem Nachfolger ernannt.
Herr Michaelis war mir als vorzüglicher Verwaltungsbeamter bekannt, aber zum Leiter der Reichspolitik, zumal in dieser schwierigen Zeit, fehlten ihm nach meiner Ansicht die wichtigsten Voraussetzungen. Ich fragte Herrn von Bethmann, ob er etwa Herrn Michaelis als seinen Nachfolger vorgeschlagen habe. Herr von Bethmann verneinte und fügte hinzu, er sei über die Nachricht genau so erstaunt gewesen wie ich. Volle Klarheit darüber, wer Herrn Michaelis beim Kaiser in Vorschlag gebracht hat, habe ich nie gewinnen können. Nur so viel steht fest, daß der Kaiser wünschte, in Zukunft die Reibungen zwischen der politischen Leitung und der Obersten Heeresleitung nach Möglichkeit vermieden zu sehen, und infolgedessen Wert darauf legte, einen auch der Obersten Heeresleitung genehmen Mann in das Amt des Reichskanzlers zu berufen.
Ich fand das Vorgehen bei der Berufung des neuen Kanzlers unbegreiflich und brachte dies gegenüber dem Chef des Zivilkabinetts, Herrn von Valentini, der sich noch am späten Abend mit Herrn Michaelis im Reichskanzlerpalaiseinfand, mit einiger Heftigkeit zum Ausdruck. Ich sagte voraus, daß der neue Kanzler sich nicht bis Weihnachten werde im Amte halten können, und ersuchte Herrn von Valentini, dem Kaiser meine Bitte um Entlassung zu übermitteln. Auch dem neuen Kanzler, der mich bat, ihm meine Mitarbeit zu gewähren, erklärte ich meinen Entschluß, meine Entlassung zu nehmen; auf sein Drängen sagte ich ihm schließlich zu, für eine Übergangszeit, bis er selbst eingearbeitet sei und für mich einen geeigneten Nachfolger gefunden habe, die Geschäfte weiterzuführen.
Unterdessen hatte Wolffs Telegraphisches Bureau der Reichskanzlei telephonisch mitgeteilt, es habe „aus dem Reichstag“ den Wortlaut der „Friedensresolution“ zur sofortigen Verbreitung erhalten. Da mit den Parteien verabredet worden war, daß am nächsten Tag über die Resolution weiter verhandelt werden sollte, lag hier ein offensichtlich illoyaler Akt und Gewaltstreich vor. Der neue Reichskanzler ordnete an, daß Wolff ersucht werden solle, die Verbreitung zu unterlassen und durch Rundruf die Presse zu bitten, von einer Veröffentlichung der Friedensresolution, falls ihr diese von anderer Seite zugehen sollte, Abstand zu nehmen. Trotzdem wurde der Text der Friedensresolution am nächsten Morgen im „Vorwärts“ publiziert.
In der Frühe des 14. Juli teilte mir der neue Kanzler mit, daß er versuchen wolle, die Friedensresolution durcheine eigene Erklärung überflüssig zu machen. Ebenso telephonierte mir der General Ludendorff, daß er trotz der illoyalen Veröffentlichung der Resolution im „Vorwärts“ die für den Nachmittag in Aussicht genommene Besprechung mit den Vertretern der Mehrheitsparteien für zweckmäßig halte, um einige Änderungen durchzusetzen.
Die Besprechung fand in zwangloser Form bei mir im Garten des Reichsamts des Innern statt. Ich suchte die Sache so zu führen, daß die Parteien im Falle einer sie befriedigenden Erklärung des Kanzlers auf die verschiedenen Resolutionen — es lag auch eine der Konservativen und der Nationalliberalen vor — verzichteten. Es schien einen Augenblick lang, als ob ich damit Erfolg haben sollte. Herr von Payer, der als Vertrauensmann des Mehrheitsblockes durch die vorzeitige Veröffentlichung der Resolution sich in einer sehr schiefen Position fühlte — die Veröffentlichung war übrigens ohne sein Wissen geschehen —, suchte offensichtlich einen anständigen Ausweg; sogar Herr Erzberger schien für einen Augenblick schwankend zu werden und es für einen gangbaren Weg zu halten, nach der Rede des Kanzlers — Verständigung über diese vorausgesetzt — über alle vorliegenden Resolutionen zur Tagesordnung überzugehen. Aber die Sozialdemokraten blieben steif. Schließlich erklärte Herr Michaelis, er sehe ein, daß kaum mehr etwas zu machen sei, und er glaube sich mit der Resolution abfinden zu können.
Damit war die Angelegenheit erledigt. Die für den nächsten Nachmittag in Aussicht genommene Zusammenkunft mit den Rechtsparteien und den Nationalliberalen konnte sachlich nichts mehr ändern.
Am Donnerstag, 19. Juli, erschien der neue Kanzler zum erstenmal im Reichstag. In seiner Antrittsrede gab er einen kurzen Überblick über die Kriegslage und entwickelte dann in Sätzen, die den Mehrheitsparteien durch den Chef der Reichskanzlei vorher mitgeteilt worden waren, seine Stellung zur Friedensfrage. Deutschland habe den Krieg nicht gewollt. Es strebe nicht nach Eroberungen, nicht nach gewaltsamer Vergrößerung seiner Macht. Darum werde es nicht einen Tag länger Krieg führen, wenn ein ehrenvoller Friede zu haben sei. Das Gebiet des Vaterlandes sei für uns unantastbar. Der Friede müsse uns die Grenzen des Deutschen Reiches für alle Zeit sicherstellen. Wir müßten im Wege der Verständigung und des Ausgleichs die Lebensbedingungen des Deutschen Reiches auf dem Kontinent und über See garantieren. Der Friede müsse die Grundlage für eine dauernde Versöhnung der Völker bieten, der weiteren Verfeindung der Völker durch wirtschaftliche Absperrung vorbeugen und uns davor sichern, daß sich der Waffenbund unserer Gegner zu einem wirtschaftlichen Trutzbunde gegen uns auswachse. „Diese Ziele lassen sich im Rahmen Ihrer Resolution, wie ich sie auffasse, erreichen.“
Die Worte „wie ich sie auffasse“ waren eine Improvisation; sie standen nicht in dem vor der Sitzung den Mehrheitsparteien mitgeteilten Wortlaut und wurden späterhin dem Kanzler zum großen Vorwurf gemacht.
Wir hatten also einen neuen Kanzler, hatten die Friedensresolution und überdies die Zusage des gleichen Wahlrechts in Preußen. Das waren die sichtbaren Ergebnisse der Julikrisis. Sie waren in sich widerspruchsvoll, wie die ganze Krisis selbst.
Die Koalition, der Herr von Bethmann Hollweg zum Opfer gefallen war, hatte mit der andern Koalition, die für die Friedensresolution und das gleiche Wahlrecht gekämpft hatte, nichts gemein als das der Führung Erzbergers folgende Zentrum. Diejenigen Elemente und Faktoren, die in der Frage des Kanzlerwechsels die Entscheidung herbeigeführt hatten, standen innerlich im schärfsten Gegensatz zu denjenigen, die für die Friedensresolution und das gleiche Wahlrecht eingetreten waren.
Deshalb konnte die Lösung der Krisis niemanden befriedigen.
Die Sozialdemokraten und Fortschrittler hatten zwar die Zusage des gleichen Wahlrechts und die Friedensresolution durchgesetzt, aber der neue Kanzler stand ihren außen- und innerpolitischen Auffassungen wesentlich ferner als Herr von Bethmann.
Die Nationalliberalen, die Rechtsparteien und die Oberste Heeresleitung waren zwar mit dem Kanzlerwechsel zufrieden; aber die Nationalliberalen hatten infolge der Friedensresolution den Anschluß an den sich bildenden Block der Mehrheitsparteien nicht erreicht, die Rechtsparteien waren in den beiden Fragen des Wahlrechts und der Friedensresolution unterlegen, und die Oberste Heeresleitung mußte schließlich nicht nur die von ihr als schädlich erachtete Friedensresolution in Kauf nehmen, sondern mehr als das: die Bildung des in der Friedensresolution sein Glaubensbekenntnis findenden Mehrheitsblocks, der von nun an den Reichstag bis zu seinem wenig ruhmvollen Ende am 9. November 1918 beherrschen und den Gegensatz zwischen Heeresleitung und Reichskanzler mehr und mehr durch den Gegensatz zwischen Heeresleitung und Reichstagsmehrheit ersetzen sollte.
Die Krisis hatte also nur eine Scheinlösung gefunden; die ihr zugrunde liegenden Gegensätze waren nicht ausgeglichen worden. Die Krisis war beendigt, aber der kritische Zustand dauerte fort.
Die Friedensresolution des Reichstags, mit deren Annahme Herr Michaelis das Kanzleramt antrat, lautete:
„Wie am 4. August 1914 gilt für das deutsche Volk auch an der Schwelle des vierten Kriegsjahres das Wort der Thronrede: >Uns treibt nicht Eroberungssucht.< Zur Verteidigung seiner Freiheit und Selbständigkeit, für die Unversehrtheit seines territorialen Besitzstandes hat Deutschland die Waffen ergriffen.Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar. Der Reichstag weist auch alle Pläne ab, die auf eine wirtschaftliche Absperrung und Verfeindung der Völker nach dem Kriege ausgehen. Nur der Wirtschaftsfriede wird einem freundschaftlichen Zusammenleben der Völker den Boden bereiten. Der Reichstag wird die Schaffunginternationaler Rechtsorganisationen tatkräftig fördern. Solange jedoch die feindlichen Regierungen auf einen solchen Frieden nicht eingehen, solange sie Deutschland und seine Verbündeten mit Eroberung und Vergewaltigung bedrohen, wird das deutsche Volk wie ein Mann zusammenstehen, unerschütterlich ausharren und kämpfen, bis sein und seiner Verbündeten Recht auf Leben und Entwicklung gesichert ist. In seiner Einigkeit ist das deutsche Volk unüberwindlich. Der Reichstag weiß sich darin eins mit den Männern, die in heldenhaftem Kampfe das Vaterland schützen. Der unvergängliche Dank des ganzen Volkes ist ihnen sicher.“
„Wie am 4. August 1914 gilt für das deutsche Volk auch an der Schwelle des vierten Kriegsjahres das Wort der Thronrede: >Uns treibt nicht Eroberungssucht.< Zur Verteidigung seiner Freiheit und Selbständigkeit, für die Unversehrtheit seines territorialen Besitzstandes hat Deutschland die Waffen ergriffen.
Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar. Der Reichstag weist auch alle Pläne ab, die auf eine wirtschaftliche Absperrung und Verfeindung der Völker nach dem Kriege ausgehen. Nur der Wirtschaftsfriede wird einem freundschaftlichen Zusammenleben der Völker den Boden bereiten. Der Reichstag wird die Schaffunginternationaler Rechtsorganisationen tatkräftig fördern. Solange jedoch die feindlichen Regierungen auf einen solchen Frieden nicht eingehen, solange sie Deutschland und seine Verbündeten mit Eroberung und Vergewaltigung bedrohen, wird das deutsche Volk wie ein Mann zusammenstehen, unerschütterlich ausharren und kämpfen, bis sein und seiner Verbündeten Recht auf Leben und Entwicklung gesichert ist. In seiner Einigkeit ist das deutsche Volk unüberwindlich. Der Reichstag weiß sich darin eins mit den Männern, die in heldenhaftem Kampfe das Vaterland schützen. Der unvergängliche Dank des ganzen Volkes ist ihnen sicher.“
Die Resolution wurde mit 212 gegen 126 Stimmen bei 17 Stimmenthaltungen angenommen. Dafür stimmten das Zentrum bis auf wenige Ausnahmen, die Fortschrittliche Volkspartei und die Mehrheitssozialdemokraten; dagegen die Konservativen, die Nationalliberalen und die unabhängigen Sozialdemokraten; die deutsche Fraktion war geteilt; die Stimmenthaltungen kamen in der Hauptsache auf die Polen. —
Die von den Vätern der Resolution gewünschte und erwartete Wirkung auf unsere Feinde blieb aus, ja es trat das Gegenteil dieser Wirkung ein. Die Resolution, und mehr noch die Begleiterscheinungen, unter denen sie zustande gekommen war, erweckten bei unseren Feinden den Eindruck der Kriegsmüdigkeit und der inneren Zerrüttung des deutschen Volkes.
Von einer hervorragenden, uns durchaus wohlgesinnten neutralen Persönlichkeit fiel damals die Äußerung: „Die Entente kann Herrn Erzberger zum Ehrenmitglied ernennen.“
Aus anderen neutralen Lagern wurde berichtet, daß die in unterrichteten englischen Kreisen vor kurzem noch herrschende unsichere und pessimistische Auffassung neuer Zuversicht gewichen sei; jetzt glaube man, Deutschland werde durch innerpolitische Kämpfe um die Regierungsform und durch eine zunehmende Kriegsmüdigkeit zum Frieden gezwungen sein, ehe England sich in der gleichen Zwangslage sehe.
Was wir heute über gewisse tatsächliche Vorgänge im Lager unserer Feinde wissen, bestätigt dieses Urteil.
Noch Anfang April 1917 war die Siegeszuversicht bei unseren Feinden, namentlich in Frankreich, offenbar sehr hochgestimmt gewesen. Das ergibt sich aus der Behandlung, die der Brief des Kaisers Karl von Österreich an den Prinzen Sixtus von Parma durch den Präsidenten der Französischen Republik und die französische Regierung erfuhr.
In diesem Briefe[1]hatte der österreichische Kaiser dem Präsidenten Poincaré nicht mehr und nicht weniger angeboten, als daß er unter Aufbietung seines ganzen persönlichen Einflusses bei seinen Verbündeten die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich Elsaß-Lothringens unterstützen wolle.
Herr Poincaré hatte über den Inhalt des Briefes mit dem Prinzen eine Aussprache, über die er brieflich an den Ministerpräsidenten und Minister des Äußern Herrn Ribot Mitteilung machte. Danach hat Herr Poincaré den Prinzen ersucht, dem Kaiser Karl mitzuteilen, daß es sich für Frankreich nicht um das Elsaß-Lothringen mit den Grenzen von 1870 handle, sondern um das Elsaß-Lothringen von 1814, d. h. Elsaß-Lothringen einschließlich des Saargebiets. Letzteres hatte im Lauf der letzten tausend Jahre nur während zweier ganz kurzer Episoden zu Frankreich gehört, nämlich zur Zeit des Hochstandes der französischen Eroberungspolitik Ludwigs XIV. von 1680 bis 1697 und Napoleons I. von 1801 bis 1815. Außerdem verlange Frankreich Wiedergutmachung und Entschädigungen, ferner Garantien auf dem linken Rheinufer.
Von Paris reiste Prinz Sixtus nach London. Lloyd George erschienen seine Mitteilungen in hohem Maße beachtenswert, und er empfahl der französischen Regierung, sie in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Es kam darüber zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem englischen Premier und dem französischen Präsidenten. Die Angelegenheit wurde am 17. April in der Konferenz der Ententemächte in St. Jean de Maurienne in persönlicher Aussprache behandelt. An dieser Aussprache nahm auch der auswärtige Minister Italiens, Herr Sonnino, teil. Er widersetzte sich auf das äußerste einem Friedensschluß, der nicht die italienischen Wünsche auf dem Boden derLondoner Abmachungen befriedige. Lloyd George vertrat die Ansicht, daß in diesem Augenblick eine Diskussion der österreichisch-italienischen Territorialfragen vermieden werden müsse, weil sich sonst unvermeidlich die Verhandlungen zerschlagen würden. Die Hauptsache sei, Deutschland zu erledigen; alles andere werde sich dann schon finden. Schließlich aber gab Lloyd George dem Verlangen Frankreichs auf Einbeziehung des Saargebiets und dem Drängen Italiens nach. Ob dann Herr Poincaré, wie der „Manchester Guardian“ nach anscheinend guten Informationen später erzählte, dem österreichischen Kaiser in der Tat vorgeschlagen hat, das Trentino und Triest an Italien abzutreten und sich dafür an Schlesien schadlos zu halten, lasse ich dahingestellt; ebenso die dem Kaiser Karl zugeschriebene Antwort, es bestehe gegen diese Lösung das Bedenken, daß zwar die Monarchie das von ihr an Italien herauszugebende Gebiet in Händen habe, nicht aber Frankreich Schlesien; ebenso, ob Kaiser Karl, nachdem er den Bericht des Prinzen Sixtus über das Ergebnis seiner Besprechungen in Paris und London erhalten hatte, an diesen den von Wien aus später bestrittenen zweiten Brief geschrieben hat, in dem er die Überzeugung aussprach, daß, falls Frankreich seine territorialen Forderungen auf Elsaß-Lothringen beschränke, es ihm gelingen werde, Deutschland zum Friedensschluß zu bewegen. Wesentlich für die Beurteilung der Lage ist lediglich, daß Frankreich damals, Mitte April 1917, die Möglichkeit eines Friedens, der ihmnurElsaß-Lothringen bringen sollte, zurückwies und die Erwerbung des Saargebietes sowie „Garantien“ auf dem linken Rheinufer zur Voraussetzung von Friedensverhandlungen machte. Die Ablehnung der Anregung des Kaisers Karl erfolgte, ohne daß das französische Kabinett mit dem Kaiserbrief befaßt worden war; nur Herr Ribot wurde von Herrn Poincaré mit ausdrücklicher Zustimmung des Prinzen Sixtus unterrichtet. Desgleichen wurden weder Belgien, noch Rußland, noch die Vereinigten Staaten vor der Ablehnung über die Angelegenheit orientiert oder befragt.
Was unter den „Garantien auf dem linken Rheinufer“, die Frankreich forderte, zu verstehen war, ergibt sich aus der im Februar 1917 getroffenen, von der Bolschewistenregierung veröffentlichten Abmachung zwischen der französischen und russischen Regierung. Nach dieser Abmachung sollte Frankreich Elsaß-Lothringen und das Saargebiet erhalten; der übrige Teil des linken Rheinufers sollte von Deutschland politisch und wirtschaftlich abgetrennt und zu einem neutralen Pufferstaat gemacht werden.
Nachdem an so unerhörten Forderungen, wie sie nur einem gänzlich geschlagenen und wehrlos gemachten Deutschland zugemutet werden konnten, der private, in seinem springenden Punkte vor dem eigenen Minister des Auswärtigen geheimgehaltene Friedensversuch des österreichischen Kaisers gescheitert war, scheint allerdings in Frankreich ein Stimmungsumschwung eingetretenzu sein. Darauf deutet die oben (S.71) erwähnte, schwer besorgte Äußerung Ribots zu dem italienischen Botschafter; ferner die Tatsache, daß nicht allzu lange nach der Ablehnung der kaiserlichen Anregung von französischer Seite Versuche gemacht wurden, nicht nur Unterhaltungen mit der österreichisch-ungarischen Regierung aufzunehmen, sondern auch mit einem Vertrauensmann der deutschen Regierung in Fühlung zu kommen.
Aus einer ein Jahr später zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen Czernin entstandenen öffentlichen Polemik, auf die ich weiter unten noch zu sprechen komme, wurde bekannt, daß im Juli 1917 der österreichische Legationsrat Graf Revertera von einer neutralen Mittelsperson namens der französischen Regierung befragt wurde, ob er in der Lage sei, Eröffnungen dieser Regierung an die österreichisch-ungarische Regierung entgegenzunehmen. Graf Revertera wurde vom Grafen Czernin ermächtigt, die Besprechungen mit dem Vertrauensmann der französischen Regierung, dem Major Grafen Armand, aufzunehmen, um festzustellen, ob Grundlagen für die Herbeiführung eines allgemeinen Friedens geschaffen werden könnten. Daraufhin trafen sich die beiderseitigen Vertrauensleute im Lauf des Monats August — also nach der Juliresolution — in der Schweiz. Aber die Besprechungen führten zu keinerlei Ergebnis.
Schon vorher hatte eine der ersten politischen Persönlichkeiten Frankreichs durch eine neutrale Mittelspersonbei einer mit den französischen Verhältnissen und Personen durch langjährige Tätigkeit in Paris besonders genau vertrauten deutschen politischen Persönlichkeit die Geneigtheit erkennen lassen, eine persönliche Aussprache über die Friedensmöglichkeiten in der Schweiz zu arrangieren. Die über Ort und Zeit des Zusammentreffens eingeleiteten Verhandlungen waren im Gang, als die Kanzlerkrisis ausbrach. Um dieselbe Zeit war auch bei maßgebenden belgischen Persönlichkeiten ein lebhaftes Interesse für die Aufnahme einer vertraulichen Fühlung über die Friedensmöglichkeiten festzustellen.
Ich habe dem damaligen Führer der Zentrumspartei, Herrn Dr. Spahn, im Laufe der Verhandlungen über die Friedensresolution und die Kanzlerfrage — soweit ich es angesichts des mir auf die Seele gebundenen Geheimnisses tun konnte — angedeutet, daß bei einem unserer westlichen Gegner gewisse Zeichen des Einlenkens hervorgetreten seien, daß ich aber befürchten müsse, daß durch den Erzbergerschen Vorstoß und die Vorgänge, die sich an diesen anschlossen, sowie durch die sensationelle Behandlung dieser Vorgänge in einem Teil der deutschen Presse diese Friedensgeneigtheit im Keime erstickt und der Kriegswille unserer Gegner neu gestärkt werden würde. Diese Andeutung an Herrn Dr. Spahn habe ich einige Tage später Herrn Erzberger auf eine Anfrage schriftlich bestätigt.
Es unterliegt heute für mich keinem Zweifel, daß bei unseren westlichen Gegnern auf die Ablehnung der Anregungdes Kaisers Karl, der sich Lloyd George ohnedies nur ungern gefügt hatte, eine Reaktion eingetreten war; daß die großen Erfolge unseres U-Bootkriegs und namentlich die akute Bedrängnis, in die England für die Zeit bis zur neuen Ernte sich versetzt sah und der Lloyd George damals in Paris einen geradezu alarmierenden Ausdruck gab, bei unseren westlichen Feinden der Neigung für einen billigen Frieden der Verständigung Raum zu schaffen begannen. Auch die Kurie sah gerade zu jener Zeit die Aussichten für Friedensverhandlungen günstiger an. Der neuernannte Nuntius am Münchener Hof, Monsignore Pacelli, kam Ende Juni nach Berlin und knüpfte mit Herrn von Bethmann Besprechungen über eine Friedensaktion des Papstes an, wobei er andeutete, daß der Papst Grund habe, eine solche Aktion nicht für aussichtslos zu halten. Der Nuntius war von der Aussprache mit Herrn von Bethmann, wie er mir selbst erzählte, in hohem Maße befriedigt.
Nach der Julikrisis und der Friedensresolution war die Lage merklich verändert.
Die angebahnten Friedensgespräche kamen nicht zustande oder verliefen ergebnislos.
Keine Hand rührte sich bei unseren Feinden, um in die vom Deutschen Reichstag ausgestreckte Friedenshand einzuschlagen. Alles was vom feindlichen Ausland zu uns herüberschallte, gab denjenigen recht, die als Wirkung der Friedensresolution das Gegenteil von Friedensbereitschaft bei unseren Feinden befürchtet hatten.
So erklärte der englische Minister Carson am 20. Juli in Dublin, daß Verhandlungen mit Deutschland erst möglich seien, wenn die deutschen Truppen hinter den Rhein zurückgezogen seien.
Am 25. Juli erklärte das britische Kabinett durch den Mund des Herrn Bonar Law, meines Wissens zum erstenmal, daß England mit Frankreichs Forderung der Rückgabe Elsaß-Lothringens solidarisch sei.
An demselben 25. Juli wurde im Britischen Unterhaus eine von Mac Donald und Trevelyan eingebrachte „Friedensresolution“ mit 148 gegen 19 Stimmen abgelehnt.
Am 30. Juli bestätigte der französische Ministerpräsident Herr Ribot in der Französischen Kammer die aus Petersburg kommende Enthüllung, daß die französische Regierung nicht nur die Rückgabe Elsaß-Lothringens, sondern auch die Errichtung eines linksrheinischen Pufferstaates erstrebe; die Kammer selbst zeigte sich allerdings etwas bescheidener: sie wollte sich mit Elsaß-Lothringen und einer Kriegsentschädigung begnügen.
An dem gleichen 30. Juli legte Balfour im Britischen Unterhaus England erneut auf das elsaß-lothringische Kriegsziel der Franzosen fest; außerdem verlangte er die Demokratisierung Deutschlands und sprach den Satz aus, daß die Sicherheit Europas nicht eher garantiert sei, als bis Deutschland machtlos oder frei gemacht sei.
Am 11. August zwang Lloyd George den Arbeiterführer Henderson, aus dem Kabinett auszuscheiden, weil er sich fürdie Beschickung der Stockholmer Friedenskonferenz durch Delegierte der britischen Arbeiterschaft eingesetzt hatte.
Selbst der „Vorwärts“ mußte damals zugestehen, „daß die Westmächte eben die Entscheidung der Waffen wollen, und daß uns darum gar nichts anderes übrig bleibt“.
Das war das Ergebnis der großen Friedensaktion des Deutschen Reichstags!
Dazu kam, daß der Rücktritt des Herrn von Bethmann Hollweg, der angeblich das Friedenshindernis gewesen sein soll, von aufrichtigen Friedensfreunden im Auslande sehr bedauert wurde. Mir ist eine Äußerung des päpstlichen Nuntius in München, der — wie erwähnt — mit Herrn von Bethmann kurz vor dessen Abgang Fühlung über die Friedensmöglichkeiten genommen hatte, hinterbracht worden: ohne den Rücktritt des Kanzlers seien die Friedensaussichten damals gute gewesen. Und Herr Gerard, der Berliner Botschafter der Vereinigten Staaten, denen gegenüber Herr von Bethmann die Sache des Friedens besonders schwer kompromittiert haben soll, äußert in seinem Buche (S. 292):
„It would have been easier for Germany to make peace with von Bethmann Hollweg at the helm. The whole world knows him and honours him for his honesty.“ Zu deutsch: „Es würde für Deutschland leichter gewesen sein, Frieden zu machen mit Bethmann Hollweg an der Spitze. Die ganze Welt kennt ihn und achtet ihn wegen seiner Ehrenhaftigkeit.“
Gerade diejenigen, welche am stärksten durchdrungen waren von dem Ernst der Lage und am stärksten bemüht waren, so bald wie möglich einen erträglichen Frieden herbeizuführen, mußten deshalb in dem von Herrn Erzberger im Verein mit den Sozialdemokraten unternommenen Vorstoß, der Bethmanns Kanzlerschaft ein Ende setzte und die „Friedensresolution“ zeitigte, eine Störung der Friedensbemühungen und eine Beeinträchtigung der Friedensmöglichkeiten erblicken.
Auch innerpolitisch konnte ich die Friedensresolution nur für schädlich halten. Die Resolution hatte ihren Boden in der falschen Meinung, daß unsere Gegner lediglich durch die Furcht vor übertriebenen deutschen Kriegszielen in ihrem Kriegswillen und ihrer Abneigung gegen Friedensverhandlungen bestärkt würden. Dabei hätte jeder, der die Dinge mit offenen Augen sah, sich darüber klar sein müssen, daß das einzige Friedenshindernis die für uns schlechthin unerträglichen Kriegsziele waren, von denen sich unsere Feinde nicht trennen wollten, es sei denn, daß sie sich von der Unmöglichkeit ihres Sieges überzeugten. Dies mußte in alle Köpfe gehämmert und der verhängnisvolle Irrtum mußte ausgerottet werden, als ob es nur der Bekundung eines aufrichtigen Friedenswillens von unserer Seite bedürfe, um den Frieden herbeizuführen. Ich habe mich darum bemüht, soweit mir die Möglichkeit dazu gegeben war. Nicht nur in geschlossenen Ausschußsitzungen, auch in den öffentlichenReichstagsverhandlungen habe ich immer und immer wieder, wo sich die Gelegenheit dazu gab, das Meinige getan, um den Wahn von der Friedensbereitschaft unserer Feinde zu bekämpfen und das wahre Friedenshindernis ins Licht zu rücken. So habe ich am 5. Mai 1917 dem Abgeordneten Cohn auf eine seiner Friedensreden mit dem Ruf nach „Frieden, Freiheit und Brot“ geantwortet:
„Glaubt jemand ernstlich, daß der Friedensschluß heute eine Frage der Bedingungen ist? Nein! Er ist eine Frage des Siegeswillens, und der Siegeswille ist bei den anderen noch nicht gebrochen. Einen Frieden, wiewirihn wollen und brauchen, schaffen Sie uns mit Ihren Reden nicht! Und der Friede, den Sie möchten, der bedeutet nicht Brot, sondern Hunger für unser Volk; er bedeutet nicht Freiheit, sondern er bedeutet Knechtschaft. Das spreche nicht ich aus; das sind die Worte unserer Feinde. Lesen Sie nur ihre Reden und Zeitungen! Ich habe neulich im Ausschuß einen Artikel des französischen Senators Humbert verlesen, der mit den Worten schließt: >Zu Sklaven müssen wir diese Rasse von Sklaven machen, die von Weltherrschaft träumte.< — So sieht der Friede aus, den unsere Feinde uns gönnen und geben wollen!“
Das Vorgehen des Reichstagsausschusses und dann des Reichstags unter der Führung des Herrn Erzberger und der Sozialdemokraten mußte aber in unserem Volk den Irrtum über das wahre Friedenshindernis verstärken, statt ihnauszurotten. Es mußte den Eindruck erwecken, daß die Volksvertretung und ihre erleuchteten Führer, darunter Männer, denen man so viel Einblick in die Geheimnisse der internationalen Lage zutraute wie dem Abgeordneten Erzberger, das wahre Friedenshindernis in der mangelnden Friedensbereitschaft der deutschen Regierung erblickten; den Eindruck, daß der Reichstag es für zwingend nötig gehalten habe, hier nach dem Rechten zu sehen und die ungenügende Friedenswilligkeit der Regierung durch eine dieser aufzuzwingende eigene Kundgebung zu ersetzen. Je stärker dieser Eindruck wurde, desto größer wurde die Unzufriedenheit im deutschen Volke, desto stärker wurde die Gefahr des Auseinanderbrechens der inneren Front und die Lähmung des Kampfeswillens unserer Truppen.
Wenn irgend etwas, außer dem völligen Versagen der Reichstagsresolution in ihrer Wirkung auf unsere Feinde, die Augen hätte öffnen können, dann war es das Schicksal der Stockholmer Sozialistenkonferenz, das sich um die gleiche Zeit erfüllte, in der im Reichstag um die Friedensresolution gekämpft wurde. Es war ein großer Gedanke, die internationale Macht des Sozialismus ins Feld zu rufen, um der leidenden und blutenden Menschheit den Frieden zu bringen. Wir und unsere Verbündeten haben diesem Versuch — trotz mancher Bedenken — kein Hindernis in den Weg gelegt. Die demokratischen Regierungen der Westmächte und Amerikas waren es, die ihren Sozialistendie Pässe nach Stockholm verweigerten; die Sozialisten dieser Länder waren es, die sich wohl oder übel dieser Weigerung fügten. Für jedermann, der Augen hatte zu sehen, erwies sich damit in diesen demokratischen Ländern der sozialistische Friedensgedanke schwächer als der nationale Kriegs- und Siegeswille.
Aber auch aus diesem völligen Versagen der „internationalen Solidarität des Proletariats“ hat man bei uns nichts gelernt. Immer eifriger wurde unser Volk in die Suggestion versetzt, das Friedenshindernis sei der Kriegswille der „Alldeutschen“, der „Militärpartei“, der „von den Militärs abhängigen Regierung“. Immer weiter fraß der Wahnsinn um sich: Wenn wir nur unsern Friedenswillen durch Handlungen zeigen, dann werden auch unsere Feinde die Waffen niederlegen und uns in die Arme fliegen.
Die im Juli 1917 gelegte Saat ist im November 1918 fürchterlich aufgegangen.
Bei der ersten Besprechung mit führenden Reichstagsabgeordneten im Garten des Reichsamts des Innern hatte der neue Kanzler die Bemerkung gemacht, daß er „bisher als mehr oder weniger unbeteiligter Zeitgenosse neben dem Wagen der Reichspolitik hergelaufen sei“.Das war ehrlich, aber es wurde dem Kanzler, wie häufig im politischen Leben die Ehrlichkeit, von manchen Seiten als Zeichen von Ungewandtheit verdacht. Es mag erstaunlich erscheinen, daß ein Mann, der über seine mangelnde Erfahrung in politischen Dingen sich selbst durchaus im klaren war, den Mut aufbringen konnte, das Reichskanzleramt in jener schwierigen Zeit zu übernehmen. Ich selbst habe in jener nächtlichen Besprechung im Reichskanzlerhause, die unmittelbar auf seine Ernennung folgte, eine Andeutung meines Erstaunens nicht unterdrücken können. Herr Michaelis antwortete mir darauf, der Abgang des Herrn von Bethmann werde zweifellos eine starke Entspannung herbeiführen und ihm die Arbeit erleichtern; im übrigen vertraue er auf Gott, mit dessen Hilfe er die Aufgabe, zu der er berufen sei, auch bewältigen werde.
Dieses starke Gottvertrauen mag es erklären, daß Herr Michaelis trotz seiner unzureichenden Vertrautheit mit dem großen Felde, auf das er nun gestellt war, von Anfang an eine große Selbständigkeit bei seinen Entschlüssen und eine auffallende Neigung zu Improvisationen entwickelte.
Seine Mitarbeiter mußte er sich zu einem erheblichen Teil neu wählen. Dazu zwang ihn schon das innerpolitische Programm, das er am 19. Juli im Reichstag entwickelte. Er sagte damals nach einem kurzen Bekenntnis zu der Königlichen Botschaft über das gleiche Wahlrecht:
„Ich halte es für nützlich und für notwendig, daß zwischen den großen Parteien und der Regierung eineengere Fühlung herbeigeführt wird, und bin bereit, soweit es möglich ist, ohne den bundesstaatlichen Charakter und die konstitutionellen Grundlagen des Reiches zu schädigen, alles zu tun, was dieses Zusammenarbeiten lebens- und wirkungsvoller machen kann. Ich halte es auch für wünschenswert, daß das Vertrauensverhältnis zwischen dem Parlament und der Regierung dadurch enger wird, daß Männer in leitende Stellen berufen werden, die neben ihrer persönlichen Eignung für den betreffenden Posten auch das volle Vertrauen der großen Parteien in der Volksvertretung genießen. Selbstverständlich ist alles das nur unter der Voraussetzung möglich, daß von der anderen Seite anerkannt wird, daß das verfassungsmäßige Recht der Reichsleitung zur Führung der Politik nicht geschmälert werden darf. Ich bin nicht willens, mir die Führung aus der Hand nehmen zu lassen.“
Trotz des starken Wortes am Schluß war mit dieser Erklärung die „Parlamentarisierung“ der Regierung zugesagt. Der Rücktritt fast der Hälfte der preußischen Staatsminister und die Bereitwilligkeit der übrigen, wie der sämtlichen Staatssekretäre des Reiches, auf ihre Ämter zu verzichten, gab Gelegenheit, mit der Parlamentarisierung einen Anfang zu machen. Der Gedanke des „Reichsrats“ wurde zunächst nicht weiterverfolgt.
Ich selbst hatte am 14. Juli mein Entlassungsgesuch eingereicht. Ich hatte es damit begründet, daß der neue Reichskanzler freie Hand brauche; daß fernerdas Reichsamt des Innern in seiner bisherigen Gestalt nicht werde erhalten bleiben können und der Rücktritt des Staatssekretärs des Innern für die Umgestaltung und Aufteilung des Amtes freie Bahn schaffe; daß schließlich die Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir im Kampf des letzten Jahres zugezogen hatte, den neuen Kanzler auch nicht mittelbar belasten dürften.
Der Kaiser lehnte die Entgegennahme meines Entlassungsgesuches ab. Von den verschiedensten Seiten, auch von den Vertretern der mit uns verbündeten Regierungen, wurden bei mir Schritte unternommen, um mich zum Bleiben zu bewegen; es wurde mir geradezu als Fahnenflucht ausgelegt, wenn ich mich jetzt zurückziehen wollte. Auch Herr Michaelis insistierte von neuem darauf, daß ich ihm meine Mitarbeit nicht vorenthalten dürfe.
Dem Kaiser wie dem Kanzler kam es in erster Linie darauf an, daß ich für die Vorbereitungen der Friedensverhandlungen und später für die Mitwirkung bei den Verhandlungen selbst verfügbar bliebe. Als ich auf meinem Entschluß, unter keinen Umständen das Reichsamt des Innern oder einen Teil davon zu behalten, gegenüber allen Einwirkungen bestehen blieb, und als sich für die Besetzung des durch Zimmermanns Rücktritt frei werdenden Auswärtigen Amtes Schwierigkeiten ergaben, ließ mich der Kaiser fragen, ob ich bereit sei, das Auswärtige Amt zu übernehmen. Ich bat mir Bedenkzeit aus, kam aber zu dem Schluß, daß mir die Annahme derFriedensresolution durch den neuen Kanzler die Übernahme des Auswärtigen Amtes so gut wie unmöglich mache; daß überdies der Staatssekretär des Auswärtigen seiner schweren Aufgabe nur gerecht werden könne, wenn er in Parlament und Presse über einen stärkeren und einheitlicheren Rückhalt verfüge, als ich ihn erwarten durfte. Der Kanzler meinte zwar zu diesen letzteren Bedenken in scherzhaftem Tone, vielleicht könne ich einiges verbessern, wenn ich den Abgeordneten Erzberger darüber vergewissere, daß das Auswärtige Amt auch unter meiner Leitung in derselben Weise wie bisher von seinen Diensten Gebrauch machen werde; ich antwortete, und zwar nicht im Scherz, meine erste Handlung als Staatssekretär des Auswärtigen würde die Beseitigung des Herrn Erzberger aus allen auswärtigen Geschäften sein.
Dies war am Montag, den 16. Juli.
Wie recht ich hatte, zeigte schon der folgende Tag. Es war bereits etwas über die Absicht, mir das Auswärtige Amt zu übertragen, durchgesickert. In der interfraktionellen Kommission, die in Permanenz tagte, entstand große Erregung, als Herr Erzberger bestätigte, daß diese Absicht bestehe. Noch am gleichen Tage begann gegen mich in der Presse ein wahres Trommelfeuer.
Mein Entschluß, auf das Auswärtige Amt zu verzichten, war ohnedies gefaßt. Die Kandidatur des Botschafters in Konstantinopel, Herrn von Kühlmann, trat in den Vordergrund. Ich bat, mich an seiner Stelle alsBotschafter nach der mir wohlbekannten und vertrauten Türkei zu schicken. Aber Kaiser und Kanzler wünschten mich in Berlin zu halten. Die schließlich gefundene Lösung war, daß ich meinem Wunsche entsprechend von der Leitung des Reichsamts des Innern, sobald dessen ins Auge gefaßte Teilung durchgeführt sei, befreit werden, jedoch allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers und Mitglied des preußischen Staatsministeriums bleiben sollte; als besondere Aufgabe war mir dabei die einheitliche Leitung der Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen zugedacht.
Mit dieser Lösung habe ich mich abgefunden; Freude habe ich nicht an ihr erlebt.
Während meine eigene Angelegenheit noch schwebte, wurde die Neubesetzung der freigewordenen und freiwerdenden Reichsämter und preußischen Ministerien verhandelt. Dabei erhielt der Zentrumsführer Dr. Spahn das preußische Justizministerium, der nationalliberale Landtagsabgeordnete Dr. v. Krause das Reichsjustizamt; der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Schiffer wurde Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt; der der Fortschrittlichen Volkspartei nahestehende und ihr genehme Straßburger Bürgermeister Dr. Schwander wurde als Staatssekretär des aus dem Reichsamt des Innern auszuscheidenden Reichswirtschaftsamts ins Auge gefaßt, ebenso der dem Zentrum nahestehende Kölner Oberbürgermeister Wallraf als Staatssekretär für das verbleibendeReichsamt des Innern; der Sozialdemokrat August Müller wurde zum Unterstaatssekretär im Kriegsernährungsamt ernannt. Auch abgesehen von diesen mit der „Parlamentarisierung“ zusammenhängenden Ernennungen gab es einen starken Wechsel: Herr von Kühlmann wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amts; der Präsident des Kriegsernährungsamts von Batocki wurde durch den bisherigen Oberpräsidenten von Pommern, Herrn von Waldow, ersetzt; an die Stelle des Herrn Krätke wurde der Eisenbahndirektionspräsident Rüdlin an die Spitze des Reichspostamts berufen; das Finanzministerium übernahm an Stelle des Herrn Lentze der Regierungspräsident Hergt.
Auch in seine allernächste Umgebung zog der Kanzler neue Leute. Vor allem ernannte er zum Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei an Stelle des Herrn Wahnschaffe seinen früheren Mitarbeiter in der Reichsgetreidestelle, Herrn von Grävenitz. Der Chef der Reichskanzlei hat unter anderem die schwierige Aufgabe, den dauernden Kontakt zwischen dem Reichskanzler und den Parteien des Reichstags aufrechtzuerhalten, den Reichskanzler über Stimmungen und Verstimmungen; über Beschwerden und Wünsche des Parlaments zu unterrichten und den Absichten des Reichskanzlers bei den Parteien vorzuarbeiten. Für die Erfüllung dieser Aufgabe ist eine genaue Kenntnis des parlamentarischen Parketts und der parlamentarischen Persönlichkeiten erforderlich, zudem eine gute diplomatische Veranlagung. Herrvon Grävenitz war, wie sein Herr und Meister selbst, ein guter preußischer Verwaltungsbeamter, brachte aber nicht die Eigenschaften mit, die ihn zum Chef der Reichskanzlei qualifiziert hätten. Dieser Mangel ist in der kurzen Zeit der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis sehr fühlbar gewesen.
Herr Michaelis stand mit dem Herzen zweifellos auf der Seite der rechtsgerichteten Minderheit des Reichstags. Trotzdem war er von dem ehrlichen Willen beseelt, loyal mit den aus Zentrum, Freisinnigen und Sozialdemokraten bestehenden, gelegentlich durch den Hinzutritt der Nationalliberalen verstärkten Mehrheitsparteien zusammenzuarbeiten. Später, bei seiner Abschiedsrede an die stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten, hat er selbst bekannt, daß er während seiner ganzen Kanzlerschaft schwer unter diesem Zwiespalt gelitten habe.
Zunächst hatte er mit seiner Unterwerfung unter die Friedensresolution und mit der Ankündigung der Parlamentarisierung einen gewissen Erfolg. Am Tag nach seiner Antrittsrede, am 20. Juli, wurde der Kriegskredit, an dessen Bewilligung sich alle die schweren Diskussionen angeknüpft hatten, mit allen Stimmen gegen diejenigen der Unabhängigen Sozialdemokraten bewilligt.
An demselben Tag sah der Kaiser bei mir im Reichsamt des Innern in Gegenwart der Minister, Staatssekretäre und stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten die Führer der einzelnen Reichstagsfraktionen einschließlichder Mehrheitssozialdemokraten. Es war das erstemal, daß der Kaiser in dieser Weise mit dem Reichstag in Berührung trat. Er unterhielt sich nahezu drei Stunden lang auf das angeregteste und unbefangenste mit den einzelnen Abgeordneten, ohne jedoch die akuten Fragen des Kanzlerwechsels, der Friedensresolution und der inneren Politik zu berühren.
Es war das einzige Mal, daß der Kaiser mit dem heutigen Reichspräsidenten Ebert zusammentraf. Ich hatte ihm erzählt, daß Herr Ebert vor kurzem seinen zweiten Sohn auf dem Schlachtfelde verloren habe. Nach der allgemeinen Begrüßung und Vorstellung sprach der Kaiser als einen der ersten Abgeordneten Herrn Ebert an und drückte ihm in schlichten und herzlichen Worten seine Teilnahme aus.
Nachträglich habe ich fast bedauert, dem Kaiser zu dieser Zusammenkunft geraten zu haben, die eine persönliche Fühlung zwischen Kaiser und Reichstag anbahnen und dadurch zum Ausgleich mancher Gegensätzlichkeiten beitragen sollte; denn es kam mir zu Ohren, daß Teilnehmer an der Zusammenkunft einige Äußerungen, die der Kaiser in seiner zwanglosen und burschikosen Art getan hatte, in vergröberter und entstellter Form verbreiteten, um Stimmung gegen den Kaiser zu machen.
In der Reichstagssitzung vom 19. Juli, in der Herr Michaelis sein Einverständnis mit der Friedensresolution erklärte, konnte er ein Telegramm des Feldmarschalls von Hindenburg vorlesen, in dem dieser über den erfolgreichen Beginn des Gegenstoßes gegen die in Galizien und Wolhynien vorgedrungenen Russen berichtete. In wenigen Tagen wuchs dieser Gegenstoß zu einem großen Siege. Schon am 25. Juli verloren die Russen Tarnopol, das sie ununterbrochen seit den ersten Wochen des Krieges gehalten hatten. Am 3. August wurde Czernowitz zurückerobert. In den folgenden Tagen und Wochen wurden die Russen fast überall über die ehemalige Reichsgrenze zurückgeworfen. So endete die Kerenski-Offensive in einer schweren Niederlage und in einer starken Demoralisation der russischen Südarmee. Durch tatkräftige deutsche Hilfe war abermals eine österreichische Niederlage gutgemacht, und die nordöstlichen Grenzlande unseres Verbündeten waren bis auf schmale Streifen vom Feinde befreit.
In jener Zeit, am 14. August, erschien der Graf Czernin zu Besprechungen über die Lage und die zu fassenden Beschlüsse in Berlin. Er brachte einen neuen Vorschlag zur Beendigung des Krieges mit: Österreich sei bereit,Galizien an Polen zu geben und sich an Gesamtpolen zugunsten Deutschlands zu desinteressieren, in der Weise, daß Deutschland berechtigt sein solle, sich Gesamtpolen politisch, militärisch und wirtschaftlich in jeder uns gut scheinenden Form anzugliedern. Dafür sollte Österreich-Ungarn in Rumänien die Vorhand haben — ein Gedanke, der schon bei den Kreuznacher Besprechungen im Monat Mai eine Rolle gespielt hatte —, und außerdem sollte — darauf lag der Nachdruck — Deutschland zugunsten Frankreichs auf Elsaß-Lothringen verzichten. Jedoch müsse eine solche Abmachung in Rücksicht auf die österreichischen Polen vorläufig streng geheim bleiben.
Sowohl Herr Michaelis wie Herr von Kühlmann lehnten dieses quid pro quo ab. Der Verzicht auf Elsaß-Lothringen erschien bei der damaligen militärischen Lage als eine Ungeheuerlichkeit, für die kein Anlaß vorlag und die dem deutschen Volk nicht zugemutet werden konnte. Auch die polnische Versuchung, die uns Graf Czernin vorführte, konnte uns nicht beeindrucken. Wir alle waren der Überzeugung, daß Polen für uns in keiner Form eine wünschenswerte Erwerbung sein würde. Niemand gelüstete es danach, im Westen altes deutsches Land mit einer fast ausschließlich deutschen Bevölkerung preiszugeben, um dafür im Osten ein Mehrfaches an nichtdeutschem Land mit einer nichtdeutschen Bevölkerung einzutauschen.
Graf Czernin war über die Ablehnung seines Vorschlags enttäuscht. Er richtete am Schlusse dieser Aussprachean uns die Frage, wie Deutschland sich stellen werde, wenn unsere Feinde uns den Status quo anbieten sollten. Der Reichskanzler erklärte seine Bereitwilligkeit, alsbald mit jedem feindlichen Staate in Verhandlungen einzutreten, der seine Forderungen auf deutsche Gebietsteile oder auf Gebietsteile unserer Bundesgenossen fallen lasse. Graf Czernin nahm von dieser Erklärung Akt.
Am Tage der Ankunft des Grafen Czernin in Berlin war dort das vom 1. August 1917 datierte Rundschreiben des Papstes Benedikt XV. an die Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker übergeben worden. Das war offenbar die Aktion, wegen der Monsignore Pacelli schon Ende Juni Herrn von Bethmann sondiert hatte.
In diesem Rundschreiben richtete der Papst an „diejenigen, welche die Geschicke der Nationen in ihren Händen halten“, unter Berufung auf seine politische Uninteressiertheit eine dringende Mahnung zum Frieden. Seine Aufforderung beschränkte sich nicht auf allgemeine Wendungen; sie bezeichnete vielmehr bestimmte Punkte, deren Klärung ihm als notwendige Grundlage für einen gerechten und dauerhaften Frieden erschien.
Voran stellte er den Grundgedanken, daß an die Stelle der materiellen Kraft der Waffen die moralische Kraft des Rechtes treten müsse; daraus folge ein billiges Einvernehmen zum Zweck gleichzeitiger und gegenseitiger Verminderung der Rüstungen, ferner die Einführung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Auf Grund dieserVorherrschaft des Rechts sei jedes Hindernis für den Verkehr der Völker durch Sicherung der Freiheit und Gemeinsamkeit der Meere zu beseitigen. — Von diesem Programm für das künftige Zusammenleben der Völker auf die Beendigung des gegenwärtigen Krieges übergehend, schlug das Rundschreiben vor, in der Frage der Kriegskosten den Grundsatz eines vollständigen und gegenseitigen Verzichts aufzustellen; ferner die beiderseitige Herausgabe der besetzten Gebiete zuzugestehen, was für Deutschland die Herausgabe Belgiens „mit Garantie seiner vollen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber gleichviel welcher Macht“ bedeute, desgleichen die Räumung von Nordfrankreich; ebenso für die anderen kriegführenden Parteien „eine ähnliche Herausgabe der deutschen Kolonien“. Das Rundschreiben wandte sich dann zu den „strittigen territorialen Fragen“, die zwischen Italien und Österreich, Deutschland und Frankreich schwebten; hier sprach es die Hoffnung aus, „daß die streitenden Parteien in Anbetracht der unermeßlichen Vorteile, die ein mit Abrüstung verbundener, dauerhafter Friede bringt, gewillt seien, diese Fragen aus einer versöhnlichen Gesinnung heraus zu prüfen, dabei den Bestrebungen der Völker nach Maßgabe des Gerechten und Möglichen Rechnung zu tragen und die Sonderinteressen dem Allgemeinwohl der großen menschlichen Gemeinschaft einzuordnen“. Derselbe Geist der Billigkeit und Gerechtigkeit werde die Prüfung der anderenterritorialen und politischen Fragen leiten müssen, namentlich der armenischen, der balkanischen und der polnischen Frage; insbesondere dem ehemaligen Königreich Polen müßten seine edlen geschichtlichen Überlieferungen und die von ihm während des Krieges erduldeten Leiden gerechterweise das Mitgefühl der Nationen gewinnen.
Das Rundschreiben war gewiß nicht von Parteinahme für den Bund der Mittelmächte eingegeben. Denn die Wiederherstellung des Status quo wurde nur zugunsten der Westmächte in der Forderung der unbedingten und vollständigen Rückgabe des von uns besetzten belgischen und nordfranzösischen Gebietes in vollem Umfang erhoben. Dagegen wurden Elsaß-Lothringen und das von Italien geforderte österreichische Gebiet als „strittige Fragen“ behandelt, in denen ein versöhnliches und versöhnendes Entgegenkommen empfohlen wurde. Auch die polnischen Wünsche, die ohne Beeinträchtigung des österreichischen und auch des deutschen Besitzstandes nicht zu erfüllen waren, erhielten eine vorsichtige, aber unverkennbare Unterstützung. Im übrigen erwähnte das päpstliche Rundschreiben die Ostfragen nicht; das konnte als eine stillschweigende Andeutung aufgefaßt werden, daß Deutschland sich für Opfer im Westen Kompensationen im Osten suchen möchte.
Trotz des für Deutschland und Österreich nicht unbedenklichen Inhalts der päpstlichen Vorschläge bestand in den Berliner Besprechungen mit dem Grafen CzerninÜbereinstimmung darüber, daß man versuchen müsse, auf Grund der päpstlichen Vorschläge zu Friedensverhandlungen zu kommen. Es wurde vereinbart, daß eine Verständigung über Inhalt und Zeitpunkt der zu erteilenden Antwort zwischen den beiden Regierungen stattfinden sollte.
Noch ehe die in Aussicht genommenen weiteren Besprechungen mit Wien über die Beantwortung der Papstnote eingeleitet werden konnten, bemächtigte sich der Hauptausschuß des Reichstags der Angelegenheit. Herr Dr. Südekum, der damals den Vorsitz führte, berief den Hauptausschuß — soviel ich weiß, ohne vorherige Verständigung mit dem Reichskanzler — auf den 22. August 1917. Ich erinnere daran, daß Graf Czernin in seiner Rede vom 11. Dezember 1918 Herrn Dr. Südekum neben Herrn Erzberger als denjenigen deutschen Abgeordneten bezeichnet hat, mit dem er vor der Friedensresolution des Reichstags Fühlung genommen hatte, um im Deutschen Reichstag einen „dauernden und kräftigen Verbündeten gegen die Eroberungspläne der Militärs“ zu gewinnen.
In der vertraulichen Vorbesprechung, die am 21. August stattfand, war die Papstnote und die auf sie von der deutschen Regierung zu erteilende Antwort natürlich der wichtigste Gegenstand. In der Ablehnung einer Preisgabe Elsaß-Lothringens bestand Einigkeit. Dagegen gingen die Meinungen in der belgischen Frage erheblich auseinander. Die Mehrheitsparteien stellten ferner denKanzler wegen der Worte „wie ich sie auffasse“ in seiner Reichstagserklärung vom 19. Juli zur Rede. Der Kanzler erklärte, daß diese Worte eine Augenblickseingebung gewesen seien und daß es ihm ferngelegen habe, die Loyalität gegenüber den Mehrheitsparteien zu verletzen.
In der Sitzung des Hauptausschusses vom 21. August kam der Kanzler ohne zwingenden Anlaß auf diese Angelegenheit zurück, und zwar in Wendungen, die dahin verstanden wurden, er habe sich niemals vorbehaltlos auf den Boden der Friedensresolution des Reichstags gestellt und habe sich für verpflichtet gehalten, dies in seiner Erklärung zum Ausdruck zu bringen. Da er beim Verlesen seiner Erklärung das Gefühl gehabt habe, daß der den Mehrheitsparteien mitgeteilte Text dies vielleicht nicht genügend erkennen lasse, habe er jene beanstandeten Worte hinzugefügt.
Von diesem Augenblick an war die Stellung des neuen Kanzlers bei den Mehrheitsparteien so schwer erschüttert, daß man die neue Kanzlerkrisis vom 22. August datieren kann. Mit Mühe und Not wurde die Angelegenheit am Nachmittag durch einen Austausch von Erklärungen für den Augenblick zurechtgezogen. Dagegen fand der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Herr von Kühlmann, mit einer sehr geschickten und formgewandten Rede bei den Mehrheitsparteien großen Beifall. Sein in Anlehnung an die Papstnote formulierter Satz, daß in der Politik nicht nur die Macht, sondern auch das Rechteine Rolle spiele, und daß eine nur auf Macht begründete Politik zum Scheitern verurteilt sei, offenbarte zwar keine neue Weisheit, wurde aber von den Mehrheitsparteien als eine programmatische Absage an einen „Gewaltfrieden“ und als ein grundsätzliches und klares Bekenntnis zu dem „Frieden der Verständigung und des Ausgleichs“ der Reichstagsresolution aufgefaßt.