Vom U-Bootkrieg bis zur Friedensresolution des Reichstags

Mit dem Scheitern der Friedensbemühungen und der Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs ist der Völkerkrieg in ein neues Stadium eingetreten. Der Anschluß der Vereinigten Staaten an unsere Feinde, der für eine Anzahl überseeischer Neutraler ein Vorbild zu gleichem Tun war, hat den Krieg eigentlich erst zum „Weltkrieg“ gemacht.

Wilson beantwortete die Mitteilung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht sofort mit einer Kriegserklärung; dazu wäre er nach der Verfassung der Vereinigten Staaten ohne Zustimmung des Kongresses nicht berechtigt gewesen. Er antwortete zunächst nur mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Am 3. Februar 1917 machte er in einer Botschaft dem Kongreß von diesem Schritt Mitteilung. Er fügte hinzu, daß er sich bis zum Beweis des Gegenteils weigere, zu glauben, daß Deutschland seine Ankündigung, die mit seinen in der Note vom 4. Mai 1916 gegebenen feierlichen Versprechungen in Widerspruch stehe, tatsächlich wahrmachen werde; sollte er sich darin irren, so werde er „den Kongreß um die Ermächtigung ersuchen, die Mittel anwenden zu können, die notwendig sind, um unsere Seeleute und Bürger bei der Verfolgung ihrer friedlichen und legitimen Unternehmungen auf dem offenen Meer zu schützen“.

Am 26. Februar richtete Wilson an den Kongreß eine Botschaft, die sich auf den Boden der „bewaffneten Neutralität“ stellte und die Bestätigung seiner Vollmachten zur Bewaffnung der amerikanischen Handelsschiffe und zur Inanspruchnahme der erforderlichen Kredite nachsuchte. In einer weiteren Botschaft vom 3. April 1917 erklärte er die „bewaffnete Neutralität“ für „mehr als unnütz“. Es entspreche der gewöhnlichen Klugheit, die deutschen U-Boote zu zerstören, ehe sie die Absicht eines Angriffs erkennen ließen; zudem leugne die deutsche Regierung das Recht der Neutralen, in der Sperrzone überhaupt Waffen anzuwenden, um die Rechte zu verteidigen, die kein moderner Jurist jemals bestritten habe. Er schlug vor, der Kongreß möge beschließen, „den Kriegszustand anzunehmen“, der Amerika von Deutschland auferlegt sei, und sofort alle Maßnahmen zu ergreifen, nicht nur um das Land in vollen Verteidigungszustand zu setzen, sondern auch um Deutschland die Bedingungen zur Beendigung des Krieges aufzuerlegen.

Die Erklärung des Kriegszustandes mit Deutschland wurde am 4. April vom Senat mit 82 gegen 6, am 5. Aprilvom Repräsentantenhaus mit 374 gegen 80 Stimmen beschlossen. Mit ähnlich starken Mehrheiten wurde am 29. April von beiden Häusern des Kongresses ein Gesetz angenommen, das die allgemeine Wehrpflicht einführte. Gleichzeitig wurde ein Kriegskredit von 7 Milliarden Dollar bewilligt, aus dem sowohl die eigenen Kriegsausgaben gedeckt, wie auch die Alliierten finanziell unterstützt werden sollten. Niemand konnte mehr im Zweifel sein, daß die Vereinigten Staaten ihre volle Kraft aufbieten würden, um der Koalition unserer Feinde zu helfen, uns niederzuzwingen.

So erfüllten sich die Befürchtungen derjenigen, die von der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht nur den Abbruch der diplomatischen Beziehungen, sondern auch den Krieg mit Amerika, nicht nur eine Unterstützung der Entente mit Geld und Waffen, sondern auch das Einsetzen der ganzen amerikanischen Volkskraft erwartet hatten.

Aber Herr Wilson ging noch weiter: er machte den Versuch, die ganze bisher noch neutrale Welt gegen die Mittelmächte mobil zu machen.

Schon in seiner Botschaft vom 3. Februar 1917 hatte er verkündet, er nähme als ausgemacht an, daß alle neutralen Regierungen denselben Weg einschlagen würden wie die Vereinigten Staaten. Alsbald nach dem Abbruch der Beziehungen wandte sich die amerikanische Regierung an die Regierungen der neutralen Länder mitder Aufforderung, sich ihrem Vorgehen anzuschließen. Die europäischen Neutralen beschränkten sich jedoch darauf, unmittelbar bei der deutschen Regierung gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg Einspruch zu erheben, ohne weitere Konsequenzen zu ziehen. Am meisten gefährdet erschienen unsere Beziehungen zu Spanien; es gelang jedoch durch einige nicht unerhebliche Zugeständnisse, auch dieses Land so weit zu beschwichtigen, daß ein Bruch vermieden wurde.

Die Aufforderung der Vereinigten Staaten zu einem gemeinsamen Vorgehen wurde am schärfsten von der schwedischen Regierung zurückgewiesen. Sie erinnerte die Regierung in Washington daran, daß sie, die schwedische Regierung, mehrfach Vorschläge zu einem Zusammenarbeiten der Neutralen zwecks Aufrechterhaltung des Völkerrechts gemacht habe (Vorschläge, die in der Hauptsache gegen die völkerrechtswidrige Seekriegführung Englands gerichtet waren). Mit Bedauern habe sie aber feststellen müssen, „daß die Interessen der Vereinigten Staaten ihnen nicht gestatteten, sich diesen Vorschlägen anzuschließen“. In dem Ziel der Abkürzung der Übel des Krieges sei die schwedische Regierung mit der amerikanischen einig. Aber das von der amerikanischen Regierung gewählte Verfahren stehe durchaus im Gegensatz zu den Prinzipien, die bisher die Politik der schwedischen Regierung geleitet hätten; diese wolle in der Zukunft wie in der Vergangenheit den Weg der Unparteilichkeit undNeutralität gegenüber den beiden kriegführenden Gruppen weiter verfolgen und ihn nur dann verlassen, wenn die Lebensinteressen des Landes und die Würde der Nation dazu zwängen.

Auch in der Folgezeit bewahrten die europäischen Neutralen trotz der schwierigen Lage, in die sie durch den doppelten Druck des Handelskrieges unserer Feinde und des deutschen U-Bootkriegs gerieten, ihre Neutralität.

Dagegen folgten eine Reihe überseeischer Länder dem Beispiel der Vereinigten Staaten. Den Reigen eröffnete China, das sich schon im Februar 1917 auf den amerikanischen Standpunkt stellte, Mitte März auch formell die Beziehungen zu Deutschland abbrach und uns später (Anfang Mai 1917) den Krieg erklärte. China wurde durch den U-Bootkrieg unmittelbar kaum berührt. Es folgte lediglich dem Druck der Vereinigten Staaten, in denen es gegenüber den Gefahren, die seinem Bestande von Japan und anderen Angehörigen der uns feindlichen Koalition drohten, den einzigen Beschützer sah. Eine unmittelbare Unterstützung konnten unsere Feinde aus dem Beitritt Chinas kaum ziehen. Aber die Kriegserklärung Chinas an Deutschland eröffnete die namentlich von England heiß gewünschte Möglichkeit, alles, was die Tüchtigkeit und Intelligenz deutscher Kaufleute in Jahrzehnten auf chinesischem Boden an Handelsniederlassungen und geschäftlichen Beziehungen aufgebaut hatten, in Grund und Boden zu zerstören.

Ähnlich zu beurteilen ist auch das Abschwenken weiterer überseeischer Neutraler in das Lager unserer Feinde. Bolivia hatte sich schon gleich nach dem 3. Februar 1917 den Vereinigten Staaten angeschlossen. Cuba und Panama traten Anfang April der Erklärung des Kriegszustandes durch die Union bei. Kurz darauf, am 11. April, brach Brasilien aus Anlaß der Versenkung eines brasilianischen Dampfers die Beziehungen zu uns ab. Es folgten eine Reihe mittel- und südamerikanischer Republiken, so daß auf dem amerikanischen Erdteil schließlich nur noch Mexiko, Argentinien, Chile, Paraguay, Columbia, Venezuela und Salvador in der Neutralität verharrten. Auch das Königreich Siam, in dessen Häfen Deutschland seit langem bedeutende Handelsniederlassungen gegründet und entwickelt hatte, fügte sich dem Druck der Entente und erklärte uns ohne jeden Anlaß Ende Juli den Krieg.

In Europa vermochte Griechenland der von der Entente ausgeübten Erpressung nicht zu widerstehen. Am 11. Juni 1917 sah sich König Konstantin, der mit bewundernswerter Unerschrockenheit an der Neutralität festgehalten hatte, zur Abdankung und zum Verlassen des Landes gezwungen. Damit war Griechenlands Übergang in das Lager unserer Feinde besiegelt.

So stand schließlich gegen uns und unsere drei Verbündeten die ganze Welt im Kampf, bis auf die drei skandinavischen Staaten, die Niederlande, die Schweiz, Spanien, Persien, Mexiko und einige südamerikanische Republiken.

Während die überseeische Welt mehr und mehr in den Krieg mit uns hineingezogen wurde, eröffnete der Ausbruch der Revolution in Rußland im März 1917 die Aussicht auf eine Durchbrechung der feindlichen Koalition. Erinnerungen an den Siebenjährigen Krieg wurden wach, in dem in der Stunde der höchsten Gefahr dem großen König die Kunde kam von dem Tod seiner unversöhnlichen Feindin, der Kaiserin Elisabeth, und von dem Entschluß des neuen Zaren, den Krieg mit Preußen alsbald einzustellen.

Solche Hoffnungen sollten sich jedoch fürs nächste nicht erfüllen. Zwar waren die sozialistischen Massen, deren Aufstand das alte Regime gestürzt hatte, Gegner des Krieges. Aber die Regierung des Fürsten Lwoff, die sich auf den Trümmern der zaristischen Autokratie bildete, war eher eine Regierung der imperialistischen Liberalen als eine Regierung der den Frieden begehrenden Massen. Vor allem der neue Minister des Auswärtigen, Herr Miljukow, versicherte gegenüber den Ententebotschaftern und in öffentlichen Reden, daß Rußland den Krieg bis zum Endsieg über Deutschland fortsetzen werde. Am 22. März 1917 erklärte er vor den Vertretern der russischen Presse: „Für uns ist ein entscheidender Sieg unerläßlich; die Liquidierung des Deutschen Reichs, ohne die eine Festigung der Ideen, für die wir kämpfen, unmöglich ist, ist heute notwendiger und wichtiger denn je.“

Die Entente suchte die Kriegsstimmung des revolutionären Rußland mit allen Mitteln zu steigern. Der Präsident Wilson sprach in seiner Kongreßbotschaft vom 2. April 1917 von den „wunderbaren und ermutigenden Ereignissen in Rußland“, durch die ein neuer würdiger Teilnehmer an dem „Ehrenbund“ der Nationen entstanden sei. Jetzt, nachdem die Zarenherrschaft gestürzt war, die weder das demokratische England noch das republikanische Frankreich von dem Bündnis mit Rußland abgehalten hatte, ertönte in den Reihen unserer Feinde noch lauter als zuvor das heuchlerische Feldgeschrei „Demokratie gegen Autokratie“; den Russen wurde eingeredet, daß ein Sieg Deutschlands den Verlust ihrer neuen republikanischen Freiheit bedeute. Der Reichskanzler bezeichnete in seiner Reichstagsrede vom 29. März 1917 diese Ausstreuungen als „eitel Lüge und Verleumdung“ und betonte, daß wir nicht beabsichtigten, uns in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzumengen. Er fügte hinzu, daß wir nichts anderes begehrten, als möglichst bald wieder mit dem russischen Volk in Frieden zu leben, „in einem Frieden, der auf einer für alle Teile ehrenvollen Grundlage aufgebaut ist“.

Einen Augenblick lang schien es, als ob die Friedenssehnsucht in Rußland die Oberhand gewinnen sollte. Unter dem Druck der in den Arbeiter- und Soldatenräten organisierten Massen beschloß die russische Regierung am 10. April eine Erklärung, in der es hieß:

„Die Verteidigung unseres eigentlichen nationalen Vaterlandes bildet die hauptsächlichste Aufgabe unseres Krieges. Die provisorische Regierung überläßt es dem Willen des Volkes, in enger Gemeinsamkeit mit unseren Verbündeten alle den Weltkrieg und seine Beendigung betreffenden Fragen endgültig zu entscheiden, hält es aber für ihr Recht und ihre Pflicht, schon jetzt zu erklären, daß das freie Rußland nicht das Ziel hat, andere Völker zu beherrschen, ihnen ihr nationales Erbe wegzunehmen und gewaltsam fremdes Gebiet zu besetzen, daß es vielmehr einen dauerhaften Frieden auf Grund des Rechtes der Völker, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, herbeiführen will. Das russische Volk erstrebt nicht die Steigerung seiner Macht auf Kosten anderer Völker, es hat nicht das Ziel, irgendein Volk zu unterjochen oder zu erniedrigen.“

Aber obwohl die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung in offiziösen Erklärungen alsbald von dieser Kundgebung Akt nahmen und deren Übereinstimmung mit ihren eigenen Absichten feststellten, kam die Sache des Friedens nicht vom Fleck. Auch daß die deutschen Sozialdemokraten eine Resolution des russischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte, die am 14. April zugunsten eines allgemeinen Friedens ohne Annexionen und Entschädigungen gefaßt wurde, am 20. April mit einer Entschließung beantworteten, die sich für das gleiche Ziel aussprach, blieb ohne Wirkung; desgleichen dievom Reichskanzler am 15. Mai im Reichstag abgegebene Erklärung:

„Wenn Rußland weiteres Blutvergießen von seinen Söhnen fernhalten will, wenn es alle gewaltsamen Eroberungspläne für sich aufgibt, wenn es ein dauerndes Verhältnis friedlichen Nebeneinanderlebens zu uns herstellen will — ja dann ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß wir, die wir diesen Wunsch teilen, das dauernde Verhältnis der Zukunft nicht zerstören, seine Entwicklung nicht durch Forderungen unmöglich machen werden, die sich mit der Freiheit und dem Willen der Völker selbst nicht vertragen und die in das russische Volk selbst nur den Keim zu neuer Feindschaft legen würden.“

Zwar erzwang der Arbeiter- und Soldatenrat Mitte Mai eine Umbildung des Kabinetts, bei der Miljukow ausschied und Kerenski das Kriegs- und Marineministerium übernahm. Zwar stellte sich die neue Regierung grundsätzlich auf den Boden eines Friedens ohne Annexionen und Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Aber in derselben Kundgebung, die diese Grundsätze proklamierte, lehnte das neue russische Kabinett „jeden Gedanken an einen Sonderfrieden“ ab und sprach die Erwartung aus, daß „das revolutionäre Heer Rußlands nicht die Vernichtung seiner westlichen Alliierten durch die deutschen Truppen gestatten wird, damit sich diese dann mit ganzer Macht auf Rußland werfen“.

Daß die neue russische Regierung gleichzeitig Schritte in Aussicht stellte, um ihre Verbündeten für einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu gewinnen, konnte die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß auch nach diesem Umschwung an einen Sonderfrieden mit Rußland, und damit an Frieden überhaupt, noch nicht zu denken war.

Eine in der ersten Maihälfte aus den Kreisen des russischen Arbeiter- und Soldatenrates angeregte vertrauliche Aussprache mit deutschen Vertretern an der Dünafront verlief unter diesen Umständen ergebnislos. Ja es gelang dem Druck der Ententemächte, das neue russische Kabinett zu veranlassen, gegen Ende Juni 1917 die russischen Heere zu einer neuen großen Offensive gegen Deutschland vorzuschicken. Die Offensive war von Kerenski, der als Vertreter der revolutionären Massen in das Kabinett eingetreten war, vorbereitet und befohlen worden. Wenige Wochen nach ihrem Beginn ersetzte Kerenski den Fürsten Lwoff als Ministerpräsident. Die Auflehnung der Anhänger Lenins, der Bolschewisten, gegen die Kriegspolitik wurde blutig unterdrückt, Lenin selbst mußte sich längere Zeit hindurch verborgen halten.

So war es um die Mitte des Jahres 1917 offenkundig, daß der Friede mit Rußland, den man von der Revolution erhofft hatte, nur durch einen neuen Schlag gegen die russische Armee gebracht werden konnte.

Im Westen hatten sich unterdessen neue gewaltige Kämpfe abgespielt.

Hindenburg war dem erwarteten großen Offensivstoß der Feinde ausgewichen, indem er unsere zwischen Arras und der Aisne in weitem Bogen vorspringende Front auf eine fast gerade Linie zurückgenommen hatte, die von der Gegend östlich Arras über St. Quentin nach den Höhen nördlich von Vailly führte. Die Zurücknahme unserer Truppen auf diese neue, stark befestigte Linie war Mitte März unbemerkt vom Gegner durchgeführt worden. Durch planmäßige Zerstörung aller Verkehrswege und Stützpunkte in dem geräumten Gebiet war für den Feind die Annäherung gegen die neue Front außerordentlich erschwert worden. Dafür unternahmen Engländer und Franzosen im April eine mit stärkstem Einsatz geführte Flügeloffensive. Die Engländer stießen vom 9. April an bei Arras vor, während die Franzosen etwa eine Woche später an der Aisne und in der Champagne nach sechstägiger stärkster Artillerievorbereitung zum Angriff auf breiter Front vorgingen. Die Offensiven hatten das Schicksal aller früheren: sie kamen über bescheidene Anfangserfolge nicht hinaus, unsere Truppen vermochten in heldenhafter Gegenwehr den Durchbruch zu verhindern.

Anfang Juni holten die Engländer zu einem neuen wuchtigen Stoße aus, dieses Mal in Flandern. Ihr Ziel war, die Höhenkette um Ypern zu nehmen, die flandrische Ebene zu gewinnen und damit unsere Stellung an der flandrischen Küste, die als Basis für den U-Bootkrieg von der größten Wichtigkeit war, unhaltbar zu machen. Auch hier errangen die Engländer, vor allem durch gewaltige unterirdische Sprengungen im Wytschaetebogen, Anfangserfolge, die jedoch bald an dem eisernen Widerstand unserer Truppen ins Stocken kamen. Mit ungeheurer Zähigkeit setzten die Engländer hier ihre Angriffe fort bis in den November hinein.

Gleichzeitig mit diesen schweren Kämpfen an der Westfront holten die Gegner auf allen übrigen Kriegsschauplätzen zu neuen Vorstößen aus. Die Italiener faßten ihre Kräfte zu neuen gewaltigen Angriffen am Isonzo zusammen, die abermals an den österreichischen Stellungen sich brachen. In Mazedonien versuchten die Verbündeten die bulgarisch-deutschen Linien zu sprengen, um doch noch unsere Verbindung mit der Türkei zu durchschneiden und den Rumänen, die sich in der Moldau noch tapfer wehrten, Entlastung und Hilfe zu bringen. Über die Halbinsel Sinai hinaus stießen die Engländer gegen Palästina vor, wurden jedoch im März und April in Gefechten bei Gaza von den Türken zurückgewiesen. Dagegen gelang ihnen die Erneuerung des im Jahre 1916 bei Kut-el-Amara so kläglich gescheiterten mesopotamischenFeldzuges. Nach gründlicher Vorbereitung nahmen sie mit Beginn des Winters 1916/17 den Vormarsch nach Norden wieder auf, schlugen die an dem Mangel rückwärtiger Verbindungen leidenden Türken in einer Anzahl von Gefechten, besetzten am 11. März 1917 Bagdad und drangen in den folgenden Wochen und Monaten weiter nach Norden hin vor.

Dazu kam nun Ende Juni die neue Kerenskische Offensive, die sich in der Hauptsache gegen die österreichischen Stellungen in Ostgalizien und Wolhynien richtete. Mit Menschenopfern, die kaum hinter denjenigen der Brussilow-Offensive vom Juni 1916 zurückblieben, gelang es den Russen, nicht unerhebliche Anfangsvorteile zu erzielen, bis in der zweiten Julihälfte ein wuchtiger Gegenstoß der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen einsetzte.

Diese höchste Steigerung des Ringens der Landheere wurde begleitet durch den Vernichtungskampf unserer U-Boote gegen die feindlichen Handelsflotten.

Die Aussichten des U-Bootkrieges waren in wichtigen Punkten erheblich günstigere als in irgendeinem früheren Zeitpunkt.

Am 1. Januar 1917 betrug die Anzahl der U-Boote (Torpedo- und Minen-U-Boote) 148 gegen nur 62 ein Jahr zuvor. Die neu hinzugekommenen Boote zeichneten sichvor dem alten Bestande aus einmal durch eine stärkere Bewaffnung mit Torpedos und Artillerie, dann durch einen erheblich größeren Aktionsradius. Die Leistungsfähigkeit unserer Tauchbootflotte war also im Laufe des letztverflossenen Jahres in noch weit stärkerem Maße als im Verhältnis von 62 zu 148 gestiegen. Für das erste Halbjahr 1917 wurde die Fertigstellung von weiteren 50 U-Booten erwartet.

Die guten Ergebnisse des seit dem Monat Oktober wieder aufgenommenen Kreuzerkriegs der U-Boote in den britischen Gewässern waren ein Beweis der erheblich gesteigerten Leistungsfähigkeit unserer Tauchboote. Die monatlichen Versenkungen hatten seit dem November 1916 den Satz von 400000 Bruttotonnen überschritten. Das Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs war damit ein wesentlich besseres, als es jemals zuvor in den schärferen Formen des U-Bootkriegs erreicht worden war. Der „verschärfte U-Bootkrieg“ hatte eine monatliche Höchstleistung von nur 225000 Bruttotonnen im April 1916 zu verzeichnen gehabt.

Die im Dienst unserer Feinde fahrende Handelsflotte hatte im bisherigen Verlauf des Krieges und namentlich in den letzten vier Monaten vor dem Beginn des uneingeschränkten U-Bootkrieges eine immerhin merkbare Schwächung erfahren. Nach den Angaben unseres Admiralstabs waren vom Kriegsausbruch bis Ende Januar 1917 insgesamt etwa 5 Millionen Bruttotonnen versenkt worden,davon 1660000 Tonnen in den letzten vier Monaten. Der Bedarf an Handelstonnage für die Zwecke der Kriegführung war unausgesetzt stark. Die Neubauten blieben weit hinter denjenigen des Friedens zurück. Während England im letzten Friedensjahr rund 2 Millionen Bruttotonnen Schiffsraum vom Stapel hatte laufen lassen, erreichten seine Neubauten im Jahre 1916 nur etwa 580000 Tonnen. Der sich aus allen diesen Umständen ergebende starke Druck auf den britischen Seeverkehr kam in einem ansehnlichen Rückgang der in den Häfen Großbritanniens und Irlands ein- und auslaufenden Schiffe zum Ausdruck. Im letzten Friedensjahr hatte der Ein- und Ausgang beladener Schiffe in den britischen Häfen 117 Millionen Tonnen (netto) betragen, im Jahre 1916 stellte er sich nur noch auf 66 Millionen Tonnen. Der Eingang war allein von 49 auf 30 Millionen Tonnen gesunken. Insbesondere die letzten Monate zeigten einen scharfen Rückgang, von 2787000 Tonnen im August auf 2214000 Tonnen im Dezember 1916 und 2221000 Tonnen im Januar 1917. Der Monatsdurchschnitt des letzten Friedensjahres hatte 4090000 Tonnen betragen. Der Eingang beladener Schiffe in den britischen Häfen war also gegenüber der Friedenszeit um 45 vom Hundert abgedrosselt. Von dem uneingeschränkten U-Bootkrieg durfte man eine weitere scharfe Einschränkung erwarten.

Dabei war, soweit es sich aus amtlichen Statistiken, Berichten von Sachverständigen, der britischen Fachpresseund anderen Quellen entnehmen ließ, die Versorgung der britischen Inseln mit Nahrungsmitteln, insbesondere mit Brotgetreide, knapper als in irgendeinem der früheren Kriegsjahre. Um die Mitte des Januar stellten sich nach dem ersten englischen Fachblatte, dem „Grain Seed and Oil Reporter“, die sichtbaren Bestände Englands an Weizen und Mehl auf 5258000 Quarters gegen 6336000 und 5882000 Quarters in den beiden Vorjahren. Infolge der schlechten Welternte, über die ich bereits früher gesprochen habe, waren die Zufuhren andauernd ungenügend. In den sechs Wochen von Anfang Dezember bis Mitte Januar hatten die Einfuhren von Weizen nur 2,1 Millionen Quarters erreicht, gegen 3,4 und 3,3 Millionen Quarters in den beiden Vorjahren. Wenn diese an sich schon knappen Zufuhren durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch weiter eingeschränkt werden konnten, dann trat der Hungerkrieg gegen England aus dem Bereich der Phantasie heraus und wurde eine praktische Möglichkeit.

Trotz dieser erheblich gebesserten Aussichten hatte ich die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs am 1. Februar 1917 bis zum letzten Augenblick mit allem Nachdruck bekämpft. Ich hatte es für notwendig gehalten, die volle Wirkung der Friedensaktion abzuwarten und nicht durch Überstürzung eine noch so schwache Möglichkeit, doch noch zum Frieden zu kommen, zu zerstören. Ich war ferner der Überzeugung, daß nichts versäumtwerden dürfe, um Amerika draußen zu halten, und ich konnte schließlich die Befürchtung nicht überwinden, daß die allzurasch auf unseren Friedensschritt und die Friedensanregung Wilsons folgende Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs den falschen, aber in seiner Wirkung auf die Neutralen für uns überaus nachteiligen Eindruck erwecken werde, als seien unsere Friedensbemühungen nicht ernst gemeint, sondern nur eine Maskierung unserer U-Bootkriegs-Absichten gewesen.

Nachdem nun einmal die Entscheidung gefallen war und es kein Zurück mehr gab, stand unser Schicksal auf der Hoffnung, daß unter den verhältnismäßig günstigen Vorbedingungen die Wirkungen des U-Bootkriegs England innerhalb einer kürzeren Zeit friedensbereit machen würden, als sie Amerika brauchte, um das volle Gewicht seiner gewaltigen Hilfskräfte gegen uns in die Wagschale zu werfen. Ich konnte und wollte diese Hoffnung, die in den geschilderten Verhältnissen unserer eignen Tauchbootflotte, der Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs und der Welternte eine starke Begründung hatte, nicht von mir weisen. In den Verhandlungen des Hauptausschusses des Reichstags vom 31. Januar und 1. Februar 1917 habe ich dieser Hoffnung Ausdruck gegeben und sie mit dem vorliegenden Tatsachenmaterial, das im wesentlichen oben wiedergegeben worden ist, begründet. Einen Termin für die Niederkämpfung Englands habe ich nicht genannt und hätte ich nach meiner Beurteilung der Sachlageauch nicht nennen können. Vorwürfe, die später von nicht uninteressierter Seite in diesem Punkte gegen mich erhoben worden sind, haben in meinen, in dem Stenogramm des Hauptausschusses festliegenden Ausführungen keine Begründung. Ich habe im Gegenteil dem Ausdruck meiner Hoffnung, daß es uns gelingen werde, England friedensbereit zu machen, bevor Amerika in der Lage sei, effektiv in den Krieg gegen uns einzutreten, im bewußten Gegensatz zu den von anderer Seite in Aussicht gestellten bestimmten Fristen den Zusatz hinzugefügt: „Eine Garantie kann natürlich niemand übernehmen.“

Die Hoffnung wurde bestärkt durch die guten Anfänge des U-Bootkriegs.

Zunächst übertrafen die Leistungen der U-Boote die Schätzungen. Statt der angenommenen 600000 Tonnen, die ja schon nach den Leistungen des U-Bootkreuzerkriegs als zu gering erscheinen mußten, erreichte nach den Angaben unseres Admiralstabs die Versenkung im Monat April 1091000 Tonnen und im Monat Juni 1016000 Tonnen. Das Gesamtergebnis der ersten sechs Monate des uneingeschränkten U-Bootkriegs war — immer nach den Angaben unseres Admiralstabs — 5½ Millionen Tonnen. Auch die Abschreckung der neutralen Schiffahrt vom Verkehr mit England, auf die der Admiralstab so stark gerechnet hatte, schien Tatsache zu werden. Die Schiffsbewegung im „Neuen Wasserweg“ (Rotterdam),die in der ersten Januarwoche 1917 noch einen Eingang von 79000 Nettotonnen aufgewiesen hatte, ging auf 6000 Tonnen in der dritten Märzwoche zurück. Die Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs ließ sich leider nicht mehr unmittelbar verfolgen, da vom Februar 1917 die Veröffentlichung der Schiffsstatistik eingestellt wurde. Aber die starken Versenkungen, verbunden mit dem Fernbleiben eines großen Teils der neutralen Handelsschiffe, konnten nicht ohne Wirkung bleiben.

Auch die Ziffern der britischen Einfuhr wurden vom Februar an nicht mehr in der alten Vollständigkeit veröffentlicht. Vor allem wurden für die Nahrungsmitteleinfuhr die Mengenangaben geheimgehalten. Aber die Daten, die noch publiziert wurden, zeigten eine sehr erhebliche Einschränkung fast auf der ganzen Linie. Die Einfuhr des Monats Februar 1917 betrug dem Werte nach nur noch 70 Millionen £ gegen 90 Millionen im Januar. Die Einfuhrmenge des Februar 1917 wies gegenüber derjenigen des Februar 1916 einen Rückgang auf: bei Wolle um 17%, bei Baumwolle um 27%, bei Eisen und Stahl um 59%, bei Holz um 42%, bei Rindfleisch um 17%, bei Butter und Schmalz um 21%, bei Eiern um 39%. Im März 1917 stellte sich der Rückgang der Einfuhrmenge: bei Wolle auf 33%, bei Baumwolle auf 53%, bei Eisen und Stahl auf 62%, bei Holz auf 64%. Über Fleisch, Butter und Eier wurden vom März ab Mengenzahlen nicht mehr bekanntgegeben.

Die schwierige Lage der britischen Getreideversorgung ergab sich aus den knappen Beständen in dem Hauptbezugslande, den Vereinigten Staaten. Das Ackerbaudepartement schätzte am 1. März 1917 die noch in den Händen der Farmer befindlichen Bestände an Weizen auf nur 101 Millionen Bushels (= ca. 2½ Millionen Tonnen) gegen 241 Millionen Bushels um die gleiche Zeit des Vorjahres. Die Ernteaussichten auch für das Jahr 1917 waren schlecht.

Alle diese Ziffern erhielten ihren Hintergrund durch Äußerungen der britischen Staatsmänner und der britischen Zeitungen sowie durch Informationen der verschiedensten Art über den Stand der Dinge in England. Lloyd George hatte zu Anfang des Krieges als Schatzkanzler das geflügelte Wort von den „silbernen Kugeln“ gesprochen, mit denen England siegen werde; er hatte dann als Munitionsminister alle Hoffnungen auf die Massenherstellung von Kriegsmaterial und Munition gesetzt; als er jetzt am 12. April 1917 eine Begrüßungsansprache an den neuen amerikanischen Bundesgenossen hielt, da lautete sein Hilferuf: „Schiffe, Schiffe und noch einmal Schiffe!“ Schon im Februar 1917 hatte Lloyd George im Unterhaus bekannt, die britischen Getreidebestände seien „geringer als jemals seit Menschengedenken“. Im April erklärte der Unterstaatssekretär des britischen Kriegsernährungsamts, Captain Bathurst, der Verbrauch an Brotstoffen gehe um 50 vom Hundert über die nochvorhandenen und die noch zu erwartenden Vorräte hinaus; er stellte außerdem in Aussicht, daß die Kartoffelvorräte in vier Wochen aufgebraucht sein würden.

Die englische Regierung griff zu tief einschneidenden Maßnahmen. Um die Zufuhr der für die Volksernährung und Kriegführung wichtigsten Güter nach Möglichkeit zu sichern, stellte sie die Einfuhr aller irgendwie entbehrlichen Dinge unter Verbot. Den gesamten britischen Schiffsraum stellte sie unter eine einheitliche Kontrolle; aus den nicht unmittelbar dem Verkehr mit England dienenden Linien zog sie so viel Schiffe für die Versorgung Englands heraus, daß nach dem Ausspruch des britischen Handelsministers von der internationalen Schiffahrt Großbritanniens nur noch ein Skelett verblieb. Der stärkste Druck wurde auf die Neutralen ausgeübt, um ihre Schiffahrt in den Dienst Großbritanniens zu zwingen. Überall, wo es gelang, einen neutralen Staat zur Kriegserklärung an Deutschland zu bewegen, wurden die in seinen Häfen liegenden deutschen Schiffe konfisziert. Nach jeder Möglichkeit wurde auf eine Hebung der Produktion im eigenen Lande hingearbeitet. Eine Steigerung der Förderung einheimischer Eisenerze sollte den Ausfall an fremden Zufuhren decken; gesteigerter Holzschlag in den eigenen, nicht sehr ausgedehnten Wäldern sollte Ersatz schaffen für den Ausfall in der Zufuhr fremden Grubenholzes; vor allem aber wurde ein großartiges landwirtschaftliches Programm aufgestellt, das durch die Umwandlung vonGrasland in Ackerland die britischen Inseln von der ausländischen Getreidezufuhr unabhängig machen sollte. Natürlich wurden auch die größten Anstrengungen gemacht, um den während des Krieges so stark zusammengeschrumpften Bau von Handelsschiffen wieder hochzubringen. Die vorhandenen Lebensmittel wurden durch scharfe Vorschriften über die Ausmahlung und über Zusatzmittel gestreckt, der Verbrauch wurde durch eine knapp zugemessene Verteilung empfindlich eingeschränkt.

Amerika suchte nach Möglichkeit zu helfen. Vor allem im Schiffbau, der nach anfänglichen Fehlschlägen, so mit dem massenhaften Bau von Holzschiffen, in der Tat einen großen Aufschwung nahm; dann aber auch mit der Zufuhr von Lebensmitteln. Hier geschah, was ich von Anfang an gefürchtet hatte. Die amerikanische Regierung ließ sich weitgehende Vollmachten für die Regelung der inneren Lebensmittelverteilung und der Lebensmittelausfuhr erteilen. Auf Grund dieser Vollmachten gelang es gegen die Mitte des Jahres 1917, für die Versorgung Englands größere Mengen von Getreide verfügbar zu machen.

Von der zweiten Aprilhälfte an bis in den Juli hinein stieg die Besorgnis in England auf ihren Höhepunkt. Wir erhielten in jener Zeit aus einer unbedingt zuverlässigen Quelle Nachrichten, daß Lloyd George bei seinem Besuch in Paris sich geradezu verzweifelt über die Ernährungslage Englands ausgesprochen habe. Es schien in der Tat, als sei dem U-Bootkrieg der Erfolg beschieden.Wie nahe er damals seinem Ziele war, das werden wir zweifellos aus den englischen Darstellungen über die Entwicklung des Krieges bestätigt erhalten.

Die amerikanische Hilfe brachte in letzter Stunde die Rettung. Es gelang, für die kritischen Monate Juni und Juli genügende Mengen von Brotgetreide im letzten Augenblick verfügbar zu machen. Amerika gab auf Grund der Einschränkung seines eigenen Verbrauchs aus seinen knappen Beständen Getreide für England ab und deckte die dadurch entstehende Lücke in der eigenen Versorgung zum Teil durch Zufuhren aus Australien. Der vorhandene Schiffsraum wurde unter Zurückstellung aller anderen Bedürfnisse auf die Getreidezufuhr konzentriert; sogar Schiffe mit Gefriereinrichtungen für den Fleischtransport wurden in die Getreidefahrt geworfen. Ziffern über die Getreideeinfuhr sind, wie erwähnt, seit dem Februar 1917 nicht mehr veröffentlicht worden; aber aus zuverlässigen Angaben privater Herkunft läßt sich schließen, daß die Getreideeinfuhr Englands in dem einen Monat Juni 1917 kaum viel niedriger gewesen sein muß, als in den fünf vorhergehenden Monaten zusammen.

So gelang es England, den Zusammenbruch seiner Ernährungswirtschaft vor dem Hereinkommen der neuen Ernte zu verhindern. Ebensowenig wie alle die großen militärischen Aktionen zu Land hatte der U-Bootkrieg vermocht, eine rasche Entscheidung herbeizuführen. Die von mir immer bezweifelten und in den internen Beratungen wie in denVerhandlungen des Hauptausschusses des Reichstages bekämpften Berechnungen der wirtschaftlichen Sachverständigen des Admiralstabs, nach denen der uneingeschränkte U-Bootkrieg in fünf Monaten zum Ziel führen sollte, hatten sich als trügerisch erwiesen. So staunenswert die Leistungen unserer U-Boote waren, so sehr der von ihnen versenkte Schiffsraum den Voranschlag des Admiralstabs übertraf — auch diese Leistungen genügten nicht, die Versorgung Englands so weit einzuschränken, daß innerhalb der fünf Monate seine Volksernährung oder seine Kriegstüchtigkeit entscheidend getroffen worden wäre. Auch im U-Bootkrieg konnte nur auf lange Sicht gearbeitet werden. Der U-Bootkrieg wurde zum aufregenden Wettlauf zwischen Neubau von U-Booten und Vervollkommnung der Sicherungs- und Abwehrmittel, zwischen Versenkung von Frachtraum und Neubau von Handelsschiffen, zwischen Herabminderung der britischen Zufuhren und Hebung der eigenen britischen Produktion, schließlich zwischen der Organisation des amerikanischen Millionenheeres und der Vernichtung der Widerstandsfähigkeit der feindlichen Armeen, denen wir an der Westfront gegenüberstanden.

Es mußte ein zäher Kampf werden.

Daß unsere Aussichten in diesem Kampf nicht ungünstig waren, dafür war eine Bestätigung eine halbamtliche Auslassung der britischen Regierung, die Anfang August 1917 ausgegeben wurde. Sie besagte im wesentlichen folgendes:

England hatte bei Kriegsausbruch eine Handelsflotte von Ozeandampfern im Umfang von 17–18 Millionen Tonnen; davon waren über 15 Millionen Tonnen regelmäßig für das Mutterland beschäftigt, der Rest diente dem Verkehr zwischen fremden Ländern, Kolonien usw. Ein großer Teil dieses internationalen Verkehrs mußte den unmittelbaren Bedürfnissen des britischen Mutterlandes geopfert werden. Gegenwärtig besitzt Großbritannien einschließlich der weggenommenen feindlichen Schiffe etwas über 15 Millionen Tonnen, davon 14 Millionen im unmittelbaren Dienste des Mutterlandes. Von diesen 14 Millionen Tonnen ist aber nur etwa die Hälfte für den Handel verfügbar, da die andere Hälfte in den Dienst der Marine, des Heeres, der Verbündeten und der Kolonien hat gestellt werden müssen. — Das bedeutete also, daß damals dem Handelsverkehr der britischen Inseln nur noch etwa 7 Millionen Tonnen Schiffsraum gegen 15 in Friedenszeiten zur Verfügung standen. — Die britische Einfuhr im letzten Jahr vor dem Kriege habe 58 Millionen Gewichtstonnen betragen; im Jahre 1916 sei die Einfuhrmenge auf 43 Millionen Tonnen zurückgegangen, und im laufenden Jahre werde sie noch erheblich niedriger sein. Von den 58 Millionen Tonnen der Friedenseinfuhr seien weniger als ein Viertel auf Nahrungsmittel entfallen, der ganze Rest auf Bedürfnisse des Handels und der Industrie. Im Jahre 1916 dagegen habe die Einfuhr von Nahrungsmitteln, Munition und Materialien für die Herstellungvon Kriegsbedarf nicht weniger als zwei Drittel der Gesamteinfuhr beansprucht. Einer Einfuhr von Industrie- und Handelswaren in Höhe von 40 Millionen Tonnen im Jahre 1913 habe also im Jahr 1916 nur eine Einfuhr in Höhe von 14 bis 15 Millionen Tonnen gegenübergestanden. Im laufenden Jahre könne man in keiner Weise hoffen, auch nur annähernd diese verkürzte Menge zu erhalten.

Die „Frankfurter Zeitung“ bemerkte damals zu dieser Veröffentlichung: „Was in aller Welt, so muß man sich fragen, will diese Offenheit? Damit wird doch Punkt für Punkt das bestätigt, was von ruhigen Beobachtern der englischen Verhältnisse längst gesagt, was aber fast in der ganzen englischen Presse bis vor kurzem leidenschaftlich bestritten wurde. Was will diese Darstellung? Will sie allmählich abbauen oder abwiegeln?“

Aber auch wenn man die Aussichten auf den schließlichen Erfolg des U-Bootkriegs noch so hoffnungsvoll beurteilte — die allzu bestimmten Voraussagen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg innerhalb von fünf oder sechs Monaten zur Niederwerfung Englands führen werde, waren in zu weite und zu tiefe Kreise gedrungen, als daß nach Ablauf der genannten Zeit das Ausbleiben des entscheidenden Erfolges nicht eine Enttäuschung und einen Stimmungsrückschlag hätte hervorrufen müssen.

Über den Beitritt Österreich-Ungarns zum uneingeschränkten U-Bootkrieg hat sich Graf Czernin in einer öffentlichen Rede vom 11. Dezember 1918, auf die ich in der weiteren Darstellung noch öfters zurückkommen werde, wie folgt geäußert:

„Meine damaligen Ministerkollegen Tisza und Clam sowohl wie meine Wenigkeit waren mit Kaiser Karl in der Ablehnung dieses Vorschlages vollständig einig, und rückhaltlos zugestimmt hat dem Gedanken nur der damalige Admiral Haus. Es muß hier konstatiert werden, daß die deutsche Motivierung nicht so sehr darauf ging, England durch Hunger zu besiegen, sondern darin gipfelte, daß die Westfront nur zu halten sei, wenn die amerikanischen Munitionstransporte versenkt würden, daß also ein rein technisch-militärisches Moment in den Vordergrund geschoben wurde. Ich habe damals ernstlichst die Absicht ventiliert, uns in dieser Frage von Deutschland zu trennen, und die geringe Zahl unserer U-Boote hätte unser Nichtmitmachen kaum bemerkbar gemacht. Aber ein anderer Umstand fiel in die Wagschale. Sollte der U-Bootkrieg in den nördlichen Gewässern mit Erfolg geführt werden, dann mußte er gleichzeitig im Mittelmeer einsetzen. Blieb dieses frei, so wären die Transporte über Italien, Frankreichund Dover nach England gegangen und hätten den nördlichen U-Bootkrieg paralysiert. Um aber den U-Bootkrieg in der Adria führen zu können, mußten wir den Deutschen unsere Stützpunkte, wie Pola, Triest und Cattaro, überlassen. Taten wir dies, so machten wir de facto den U-Bootkrieg mit. Unterließen wir es, so fielen wir damit Deutschland in den Rücken und verhinderten seinen U-Bootkrieg, d. h. wir kamen in direkten Konflikt mit Deutschland. So gaben wir zu diesem Vorschlag mit schwerem Herzen unsere Einwilligung, nicht gewonnen durch Argumente, aber bezwungen durch die Ohnmacht, anders handeln zu können.“

Diese Äußerung zeigt, mit welchem Widerstreben man sich in Wien zur Beteiligung an dem uneingeschränkten U-Bootkrieg entschloß; sie zeigt aber noch mehr: Die Bemerkung des Grafen Czernin, daß er damals ernstlich die Absicht ventiliert habe, sich in dieser Frage von Deutschland zu trennen, wirft ein Streiflicht auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen den beiden Bundesgenossen.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn stand seit dem Ausbruch des Krieges unter der Wirkung starker, sich teilweise widerstreitender Einflüsse.

Der Krieg war entstanden aus einem Anlaß, der von den österreichisch-ungarischen Staatsmännern als eine unmittelbare Lebensfrage der Donaumonarchie aufgefaßt worden war, während er uns nur mittelbar dadurch berührte, daß die Erhaltung Österreich-Ungarns von der deutschen Politik als ein vitales Interesse auch für unsaufgefaßt wurde. Aber die Koalition, die alsbald gegen uns auf den Plan trat, richtete ihre Spitze in erster Linie gegen Deutschland, während sie Österreich-Ungarn gewissermaßen als Feind zweiten Grades behandelte.

Graf Czernin sagte in seiner erwähnten Rede:

„Wir hatten öfters den Eindruck, einen Separatfrieden ohne Deutschland schließen zu können, jedoch niemals wurden uns die Bedingungen genannt, unter welchen Deutschland seinerseits Frieden schließen könne. Niemals wurde uns vor allem erklärt, daß Deutschland seinen vorkriegerischen Besitzstand würde behalten können, und immer wurden wir dadurch in der Situation belassen, einenVerteidigungskrieg für Deutschlandführen zu müssen. Wir waren durch unseren Vertrag zur gemeinsamen Verteidigung des vorkriegerischen Besitzstandes gezwungen; dadurch, daß die Entente niemals erklären wollte, daß sie mit einem Deutschland sprechen wolle, das keine Eroberungsabsichten habe, daß die Entente immer erklärte, sie wolle Deutschland vernichten, zwang sie uns gewaltsam den Verteidigungskrieg für Deutschland auf.“

Aus dem Krieg, in dem der deutsche Bundesgenosse der in ihren Lebensgrundlagen bedrohten österreichisch-ungarischen Monarchie beisprang, war also, nicht etwa nur in dem Kopf des Mannes auf der Straße, sondern auch in der Vorstellung des die auswärtige Politik der Monarchie leitenden Staatsmannes ein österreichisch-ungarischer Verteidigungskrieg für Deutschland geworden!

Auf der anderen Seite stand die militärische Gestaltung mit dieser politischen Auffassung des Krieges keineswegs im Einklang. Seit der Hilfe, die österreichisch-ungarische Truppen uns im Herbst 1914 für den Schutz von Schlesien geleistet hatten, war stets die deutsche Armee der gebende und helfende Teil. Nicht österreichisch-ungarische Truppen verteidigten die deutschen Grenzen, sondern deutsche Truppen wehrten wiederholt das Äußerste von Österreich-Ungarn ab. Nur mit deutscher Unterstützung wurden im Winter 1914/15 die Russen vom Einbruch über die Karpathen in die ungarische Tiefebene abgehalten. Nur der Einsatz einer großen deutschen Armee gewann im Frühjahr 1915 die Schlacht bei Gorlice und befreite Galizien. Nur die Hilfe deutscher Truppen warf im Herbst 1915 die Serben nieder und machte damit Österreich-Ungarn nach Südosten hin Luft. Nur deutsche Divisionen brachen im Sommer 1916 die Brussilow-Offensive und bewahrten so wenigstens Mittel- und Westgalizien vor erneuter Eroberung. Und schließlich hielt nur die aus den schwersten Kämpfen im Westen herübergeholte deutsche Armee im September 1916 den Vormarsch der Rumänen in Siebenbürgen auf, um dann das Land unseres Bundesgenossen abermals zu befreien und den neuen Feind auf seinem eigenen Boden niederzuwerfen.

Mochte es also auch politisch eine gewisse Berechtigung haben, von einem Verteidigungskrieg Österreich-Ungarns für Deutschland zu sprechen, militärisch blieb Deutschland der Verteidiger Österreich-Ungarns.

Die Hilfsbedürftigkeit der Donaumonarchie blieb nicht auf das militärische Gebiet beschränkt. Von Anfang an und dauernd sah sich Österreich-Ungarn auf die finanzielle Unterstützung Deutschlands angewiesen. Zwar brachten die österreichischen und ungarischen Kriegsanleihen recht gute Ergebnisse; aber für die Zahlungen an Deutschland und das neutrale Ausland bedurfte Österreich-Ungarn fortgesetzt erheblicher „Valutakredite“. Ebenso nahm auf dem Gebiet der Volksernährung die österreichische Reichshälfte wiederholt unsere Unterstützung in Anspruch, so knapp es auch mit uns selbst bestellt war.

Wir haben getan, was wir konnten, um unserem Bundesgenossen in seinen Bedrängnissen zu helfen. Aber wir vermochten bei der bundesfreundlichsten Gesinnung und beim besten Willen nicht alle seine Wünsche zu erfüllen, und wir mußten im eigenen Interesse an unsere Hilfe Bedingungen knüpfen, die nicht immer als angenehm empfunden wurden. So mußten wir die Gewährung der Valutakredite davon abhängig machen, daß Österreich-Ungarn für seinen Zahlungsverkehr mit dem Auslande eine ähnlich strenge „Devisenordnung“ erließ, wie wir sie erlassen hatten; ferner davon, daß Österreich-Ungarn sich bei seinen Einkäufen im Ausland dieselben Beschränkungen auferlegte wie wir; denn andernfalls wäre der von uns erstrebte Zweck, den Rückgang des Kurses der Reichsmark auf den neutralen Plätzen aufzuhalten, durch die österreichisch-ungarischen Verfügungen über die von unsgewährten Markkredite geradezu vereitelt worden. Und wenn in kritischen Augenblicken von den Österreichern unsere knappen Bestände an Brotgetreide und Mehl in Anspruch genommen wurden, so mußten wir darauf bestehen, daß in Österreich eine ähnlich straffe Organisation der Volksernährung durchgeführt wurde wie bei uns; denn wir konnten es vor dem eigenen Volke nicht verantworten, seine kargen Rationen noch weiter zu kürzen, um die Österreicher vor den Folgen ihres Wirtschaftens aus dem Vollen zu bewahren. Aber alles das ging natürlich nicht immer ohne Reibung und Verstimmung.

Kompliziert wurde das Verhältnis vor allem durch die polnische Frage.

An der Gestaltung der polnischen Dinge nahm Österreich-Ungarn ein ganz besonders lebhaftes Interesse. Im österreichischen Staatsleben spielten die Polen infolge des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Deutschen und Tschechen eine hervorragende Rolle: die Unterstützung des Polenklubs war für jede verfassungsmäßige Führung der Staatsgeschäfte eine Notwendigkeit. Darüber hinaus hatte man in Wien die klare Erkenntnis, daß Erhaltung oder Verlust Galiziens von der Lösung der Frage abhänge, was aus Russisch-Polen werden solle. Die Wiener Politik zog daraus die Folgerung, daß sie sich für die Ordnungder polnischen Verhältnisse die Vorhand sichern müsse; es schwebte ihr dabei wohl von Anfang an eine Vereinigung Russisch-Polens mit Galizien und die Angliederung dieses neuen Gebildes in einer mehr oder weniger losen Form an Österreich-Ungarn vor. Als Baron Burian den Reichskanzler Mitte April 1916 in Berlin besuchte, äußerte er halb im Scherz, halb im Ernst, er werde erst nach Wien zurückreisen, wenn er Polen in seinem Handkoffer mitnehmen könne. Sein Handkoffer war für Polen doch etwas zu klein, und er hat es nicht mitgenommen. Die polnische Frage blieb zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn ungeklärt. Die Wiener Regierung benutzte diesen Zustand, um in Polen selbst für ihr Ziel eine rege Propaganda zu entfalten, und zwar nicht nur in dem von österreichisch-ungarischen Truppen besetzten südlichen Teil, dem Bezirk von Lublin, sondern auch in dem von unseren Truppen besetzten Generalgouvernement Warschau.

Die sich aus diesem Zustand ergebenden Verhältnisse wurden allmählich unhaltbar.

Nach der schweren Niederlage der Österreicher in Wolhynien und Galizien im Juni 1916 schien Herrn von Bethmann die Gelegenheit gekommen, eine Klärung herbeizuführen. Der Kanzler reiste mit Herrn von Jagow am 10. August 1916 nach Wien, um dort mit Baron Burian auf einer Grundlage ins Reine zu kommen, die vor allem die von Österreich beanspruchte Präponderanz in denpolnischen Angelegenheiten beseitigen und uns Bewegungsfreiheit geben sollte. Die beiden Herren kamen zurück mit einer Vereinbarung, die ein autonomes Königreich Polen mit Anlehnung an die beiden Zentralmächte ins Auge faßte. In den militärischen Dingen sollte Deutschland den ausschlaggebenden Einfluß haben; über die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen Polens zu den beiden Zentralmächten sollte zunächst noch zwischen mir und der Wiener Regierung verhandelt werden.

Ich hatte, ebenso wie der Unterstaatssekretär Zimmermann, ernstliche Bedenken gegen jede Festlegung auf die Errichtung eines autonomen und selbständigen Polen. Ich fürchtete, daß ein solches Polen für uns ein unzuverlässiger Nachbar sein werde, daß es seine Begehrlichkeit alsbald auch auf unsere teilweise polnisch bevölkerten Ostmarken richten werde, daß es notwendigerweise zum Zankapfel zwischen uns und unserem Verbündeten werden müsse und daß die geplante Autonomieerklärung der immerhin noch denkbaren Verständigung mit Rußland einen schweren Stein in den Weg rollen könne. Von der Idee, daß ein autonomes Polen noch während des Krieges für uns nutzbar gemacht werden könnte, die damals schon in manchen Köpfen spukte, hielt ich nichts. Es war mir eine Beruhigung, daß in Wien ein bestimmter Zeitpunkt für die Autonomieerklärung nicht festgelegt worden war und daß der Kanzler den Wert der Wiener Verständigung hauptsächlich in dem negativen Ergebnissah, daß Polen der Wiener Regierung aus den Zähnen gezogen sei und wir bei allen künftigen Entschließungen an erster Stelle mitzusprechen hätten. Auch der Kaiser sprach sich in jener Zeit in einem Telegramm an den Kanzler, später auch persönlich mir gegenüber, sehr entschieden dahin aus, daß von jeder Proklamation einer polnischen Autonomie vorläufig abzusehen sei, hauptsächlich um nicht einen Frieden mit Rußland zu erschweren.

Dagegen drängte das Wiener Kabinett unausgesetzt auf einen baldigen Erlaß der Autonomieerklärung. Es fand Unterstützung in deutschen politischen und parlamentarischen Kreisen, so bei gewissen Abgeordneten des Zentrums und der Freisinnigen Volkspartei — ich nenne nur die Namen Freiherr von Rechenberg, Erzberger und Friedrich Naumann —, vor allem aber bei dem Generalgouverneur von Beseler. Der Generalgouverneur hoffte, auf Grund einer Autonomieerklärung in kurzer Zeit eine ansehnliche polnische Armee aufstellen, ausbilden und im Kampf für die Unabhängigkeit Polens Schulter an Schulter mit den Zentralmächten ins Feld stellen zu können. Angesichts der schweren Kämpfe, die uns für das kommende Frühjahr bevorstanden, war diese Aussicht für die Oberste Heeresleitung eine große Verlockung; die Oberste Heeresleitung schloß sich dem General Beseler an und forderte eine schleunige Entscheidung.

Der Kanzler war zu der Überzeugung gekommen, daß ein Separatfriede mit Rußland auch von Stürmer, der imJuli Ssasonoff als Minister des Auswärtigen ersetzt hatte, nicht zu erlangen sei. Alle bisher dem Zaren und der russischen Regierung auf den verschiedensten Wegen gemachten Andeutungen, daß wir für einen billigen Frieden zu haben seien, auch die Andeutung, daß eine dem russischen Interesse Rechnung tragende Regelung der Meerengenfrage bei unserem türkischen Bundesgenossen zu erreichen sei, hatten kein Ergebnis gehabt. Insbesondere war eine im Frühjahr 1916 durch Vermittlung eines deutschen Großindustriellen und des japanischen Gesandten in Stockholm gemachte Sondierung entgegen der getroffenen Abrede von der russischen Regierung alsbald den Ententeregierungen mitgeteilt worden.

Außerdem war Herr von Bethmann von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Errichtung eines sich an die Mittelmächte anlehnenden polnischen Pufferstaates überzeugt. Er sah die große Zukunftsgefahr für Deutschland in der gewaltigen und auch künftighin weiter wachsenden russischen Masse, gegen deren Ansturm wir ein politisches und militärisches Vorfeld schaffen müßten.

Den Ausschlag dafür, daß die im Grundsatz Mitte August in Wien vereinbarte Proklamation der beiden Kaiser über die Errichtung eines selbständigen Königreichs Polen nicht länger hinausgeschoben, sondern am 5. November 1916 verkündet wurde, gab jedoch das Drängen der militärischen Stellen. Mein Bestehen darauf, daß vorher zum mindesten zwischen Österreich und uns, womöglich aber auch zwischender präsumptiven polnischen Regierung und den beiden Mittelmächten alle grundsätzlichen Fragen politischer, militärischer und wirtschaftlicher Art geregelt sein müßten, war erfolglos.

Die Proklamation der beiden Kaiser war zunächst nur ein Programm und sollte nur ein Programm sein; sie schuf den polnischen Staat noch nicht, sondern stellte seine Errichtung als Ziel auf. Die Durchführung sollte zwischen den beiden Mittelmächten und einflußreichen polnischen Kreisen erst noch vereinbart werden.

Die Wiener Regierung suchte sich sofort bei den Polen noch einen besonderen Stein im Brett zu sichern, indem sie gleichzeitig mit dem Zwei-Kaiser-Manifest über die Errichtung des polnischen Staates, aber ohne vorherige Verständigung der deutschen Regierung, ein Kaiserliches Manifest über die Gewährung einer erweiterten Autonomie an Galizien veröffentlichte.

Auf der anderen Seite griff der Generalgouverneur von Beseler den weiteren Verhandlungen vor; er erließ, ohne vorherige Verständigung mit dem österreichisch-ungarischen Generalgouverneur in Lublin und mit den Berliner Stellen, am 13. November 1916 eine Verordnung über die Bildung eines Staatsrates und eines Vereinigten Landtages im Königreich Polen. Mit diesem nicht mehr rückgängig zu machenden Schritte, den der General von Beseler mit der Notwendigkeit erklärte, den Boden für die Werbung der polnischen Freiwilligen-Armee vorzubereiten, war der polnischeStaat aus dem Stadium des Programms ohne weiteres in das Stadium der Durchführung hinübergeführt worden.

Zu dem Nebeneinander der österreichischen Verwaltung im Lubliner Bezirk und der deutschen Verwaltung im Warschauer Bezirk kam nun noch das Kondominium der beiden Zentralmächte beim Staatsrat. Die Polen, die gar nicht genug auf dem einmal betretenen Weg des Ausbaues ihres Staates weiterdrängen konnten, hatten die schönste Gelegenheit, die deutschen und die österreichischen Vertreter gegeneinander auszuspielen. Die Verhältnisse waren bald so unerquicklich wie nur möglich.

Es wurde im weiteren Verlauf der Dinge immer klarer, daß Österreich, trotz der bei den Verhandlungen vor dem Erlaß der Novemberproklamation gegebenen Zusagen, auch weiterhin darauf ausging, sich Polen in irgendeiner Form anzugliedern, und daß es für diese Lösung in Polen selbst eine umfangreiche Agitation entfalten ließ.

Zunächst wurde von österreichischer Seite die Ernennung des Erzherzogs Karl Stephan zum Regenten und späterhin zum König von Polen eifrig propagiert.

Über diesen Gedanken wurde in den ersten Apriltagen 1917 im deutschen Hauptquartier zwischen den beiden Kaisern eine Unterhaltung geführt. Nach Wien zurückgekehrt, suchte Kaiser Karl auf dem Wege telegraphischer Korrespondenz den Kaiser Wilhelm auf die alsbaldige Ernennung des Erzherzogs zum Regenten und seine Designation zum König von Polen festzulegen.Kaiser Wilhelm wiegelte jedoch ab mit dem Hinweis, daß nach seiner Ansicht jeder weitere Schritt vermieden werden müsse, der eine Verständigung mit dem neuen Rußland erschweren könne.

Späterhin wurde von österreichischer Seite die sogenannte „austro-polnische Lösung“ angeregt, nach der das neue aus Russisch-Polen und Galizien bestehende Königreich zum mindesten durch Personalunion mit der österreichisch-ungarischen Monarchie verbunden werden sollte; nachdem die österreichische Regierung das Gefühl gewonnen hatte, daß die deutsche Regierung diesen Gedanken nicht a limine abweisen würde, ging sie weiter und verlangte auch die wirtschaftliche, insbesondere die zollpolitische Angliederung Polens an die österreichisch-ungarische Monarchie. Die großen deutschen Interessen, die in der polnischen Frage auf dem Spiel standen, konnten bei aller Geneigtheit, dem Bundesgenossen in einer so tief in seine staatlichen Verhältnisse einschneidenden Frage Verständnis und Entgegenkommen zu zeigen, nicht mit einer leichten Handbewegung zur Seite geschoben werden.

Österreich suchte seinen Wünschen den Boden zu bereiten vor allem durch eine eifrige Unterstützung der polnischen Forderungen auf einen beschleunigten Ausbau des polnischen Staatswesens.

Wir hatten klüglich das entgegengesetzte Interesse. Nicht nur, daß wir uns die Möglichkeit einer Verständigung mit Rußland über Polen auch jetzt noch offenhaltenmußten — wir durften auch nicht übersehen, daß Polen, das für Österreich abseits seiner Etappenstraßen lag, für uns Etappengebiet war, das, solange der Krieg mit Rußland dauerte, im Interesse des Zentrums unserer Ostfront unter allen Umständen fest in unserer Hand bleiben mußte; wir durften ebensowenig übersehen, daß die Gesinnung der Polen gegenüber ihren deutschen „Befreiern“ auch nach der Zwei-Kaiser-Proklamation keineswegs eine solche war, daß wir unser Haupt ruhig in ihren Schoß legen konnten. Die Werbung des Generals von Beseler war mehr als kläglich gescheitert; die große Masse der polnischen Bevölkerung sah in uns nach wie vor den Feind.

Trotzdem fand das polnische und österreichische Drängen auf einen beschleunigten Ausbau des polnischen Staates im deutschen Reichstag eifrige Befürworter. Im August 1917, in einem Augenblick, in dem der polnische Staatsrat sich demonstrativ aufgelöst hatte, weil die zu mehr als drei Vierteln aus österreichischen Staatsangehörigen bestehende „Polnische Legion“ Befehl zum Abmarsch an die russische Front erhalten hatte, brachten Zentrum, Freisinnige und Sozialdemokraten im Hauptausschuß des Reichstags einen Antrag ein, der u. a. die sofortige Schaffung eines polnischen Ministeriums und die unverzügliche Umwandlung des Staatsrates in eine Volksvertretung verlangte. Einer der Herren Antragsteller verlangte in seiner Begründung sogar die Übertragung der Polizei an die Polen; ein anderer, der heute ein hohes Staatsamtbekleidet, hatte sogar die Naivität, uns vorzuhalten, ein hervorragendes Mitglied des polnischen Staatsrates habe ihm gesagt, Graf Czernin habe erklärt, die Wiener Regierung sei zur Erfüllung der polnischen Wünsche bereit, wenn nur die deutsche Regierung nicht Widerstand leiste — das alles noch dazu in Gegenwart der führenden Mitglieder der polnischen Fraktion des Reichstages!

Eine Einigung zwischen Berlin und Wien über die polnische Frage wurde auch späterhin nicht erzielt. Die Meinungsverschiedenheiten erfuhren vielmehr in der kritischen Zeit des Krieges, wie ich weiter unten darstellen werde, eine erneute Zuspitzung.

Während die unselige polnische Frage eine Quelle von Reibungen und Verstimmungen zwischen den beiden Verbündeten war, schienen die Bestrebungen nach einem wirtschaftlichen Zusammenschluß ein neues und starkes Band um Deutschland und Österreich schlingen zu wollen. Das Naumannsche Buch über Mitteleuropa fand nicht nur in Deutschland, sondern wohl noch mehr in Österreich eine begeisterte Leserschaft. Als Naumann in Wien in einer großen Versammlung persönlich seine Gedanken entwickelte, wurde er von den Zuhörern wie der Künder einer neuen Zeit gefeiert.

Der alte Kaiser Franz Joseph hat mir damals, im Februar 1916, über das Wirtschaftsbündnis ein nachdenkliches Wort gesagt: „Es wird über die Sache zu viel geredet, und das ist schade.“ Das war in der Tat schade; denn die großen Schwierigkeiten, die in der Sache lagen, konnten mit den Mitteln der Beredsamkeit nicht überwunden, wohl aber gelegentlich noch vergrößert werden.

Diese Schwierigkeiten erhellten schon aus der Tatsache, daß von dem gesamten Außenhandel Deutschlands nur etwa 9 Prozent auf den Handel mit Österreich-Ungarn kamen, von dem österreichisch-ungarischen Außenhandel dagegen nicht weniger als 42 Prozent auf den Handel mit Deutschland. Eine handelspolitische Einigung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn ließ also für Deutschland die Sorge für neun Zehntel seines Außenhandels offen, für Österreich-Ungarn dagegen nur für zwei Fünftel. Für Deutschland war infolgedessen eine Einigung auf Grundlagen, die seine Handelsbeziehungen mit den übrigen Ländern erschweren mußten, also vor allem eine Einigung auf Grund eines Systems von Vorzugszöllen, schlechthin unannehmbar, während die österreichischen und ungarischen Anhänger des Gedankens der wirtschaftlichen Annäherung gerade auf ein System gegenseitiger Vorzugszölle hinarbeiteten.

Mein eigener Gedanke, den ich den österreichisch-ungarischen Präferenzideen gegenüberstellte, kam hinaus auf die Schaffung einer weitgehenden wirtschaftlichen Gemeinschaft zwischen den beiden Reichen, die nicht nurdas Zollwesen, sondern auch das Niederlassungsrecht, das Handelsrecht (einschließlich des Rechtes der Handelsgesellschaften) und das Verkehrswesen (Eisenbahnen und Binnenwasserstraßen) umfassen sollte. Speziell auf dem Gebiet des Zollwesens erstrebte ich ein einheitliches Zolltarifgesetz mit einem einheitlichen Zolltarifschema und mit im großen ganzen einheitlichen Zollsätzen nach außen und wenigen Ausgleichszöllen im Innern. Den starken Widerstand der österreichischen und der mit künstlichen Mitteln großgezogenen ungarischen Industrie hoffte ich durch Maßnahmen auf dem Gebiete der Syndizierung und Kartellierung überwinden zu können. Es ist mir schließlich auch gelungen, den Grafen Tisza, der vorher dem Gedanken der wirtschaftlichen Annäherung durchaus ablehnend gegenübergestanden hatte, für Verhandlungen auf dieser Grundlage zu gewinnen.

Die Verhandlungen, bei denen die österreichischen und ungarischen Kommissare mit großer Hartnäckigkeit immer wieder auf das für uns schlechterdings unannehmbare Präferenzsystem zurückkamen, zogen sich lange über mein Ausscheiden aus meinen Ämtern hin und waren noch nicht abgeschlossen, als im Herbst 1918 die Katastrophe eintrat.

In diesem Nebeneinander von Interessengemeinschaften und Interessengegensätzen trat eines immer klarer zutage:die zunehmende Kriegsmüdigkeit unseres Verbündeten. Die Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie litten infolge der laxeren Verwaltung und schlechteren Organisation noch stärker unter dem Druck des Krieges als das deutsche Volk. Ihre moralische Widerstandskraft gegenüber diesem Druck war geringer; denn für den Tschechen, Polen, Slowaken, Rumänen war der Krieg nicht, wie für das deutsche Volk, ein Kampf um das nationale Dasein. Dazu kam für die leitenden Kreise der Monarchie zweifellos das durch die Entwicklung des Krieges ausgelöste drückende Gefühl der Abhängigkeit von Deutschland. Der durch den U-Bootkrieg veranlaßte Eintritt Amerikas in den Kampf gegen die Mittelmächte, ferner die russische Revolution, die auf die österreichischen Slawen unmittelbarer einwirkte als auf die deutschen Massen, mußten die Kriegsmüdigkeit unseres Bundesgenossen noch steigern.

Gegen Ende März 1917 war Graf Czernin für zwei Tage in Berlin. Er sprach bei dieser Gelegenheit sehr offen aus, daß Österreich-Ungarn den Krieg nicht mehr lange werde fortsetzen können; ein weiterer Winterfeldzug sei jedenfalls eine Unmöglichkeit.

In den ersten Apriltagen kam Graf Czernin in Begleitung des Kaisers Karl und der Kaiserin Zita nach dem deutschen Hauptquartier, wohin sich auch der Kanzler und der Staatssekretär Zimmermann begaben. Kaiser Karl gab eine ähnliche Schilderung der Lage, wie sie Graf Czernin in Berlingegeben hatte. Bestimmte Vorschläge machte er jedoch ebensowenig wie sein Minister des Äußern. Soweit ich unterrichtet bin, fiel nur in Form einer sondierenden Andeutung die Bemerkung: am besten wäre es, wenn wir Elsaß-Lothringen den Franzosen anböten, um auf diese Weise zum Frieden zu kommen; Österreich-Ungarn sei an sich bereit, ganz Galizien und auch das Trentino herzugeben, das habe aber keinen praktischen Zweck, denn der Friede könne nur im Westen gemacht werden. Die Kriegslage wurde bei uns, zumal da die russische Revolution uns die Befreiung von unserm großen östlichen Feinde in Aussicht stellte, in keiner Weise als derartig angesehen, daß die Preisgabe der Reichslande auch nur hätte in Erwägung gezogen werden können.

Am 14. April ließ Kaiser Karl durch einen persönlichen Adjutanten an Kaiser Wilhelm ein Handschreiben überbringen, dem ein Bericht des Grafen Czernin vom 12. April beigefügt war.

In diesem Berichte führte Graf Czernin im wesentlichen aus:

Die militärische Kraft der Monarchie gehe ihrem Ende entgegen. Die Rohmaterialien für die Munitionserzeugung gingen zur Neige. Dumpfe Verzweiflung habe sich aller Volksschichten bemächtigt. Im Spätsommer oder Herbst müsse um jeden Preis Schluß gemacht werden. Der Krieg, der in der Weltgeschichte ohne Vorbild sei, habe für ganz Europa die revolutionäre Gefahr heraufbeschworen. Aufdie österreichischen Slawen wirke die russische Revolution stärker als auf die Reichsdeutschen; aber auch die innere Situation Deutschlands sei nicht wesentlich anders als diejenige Österreich-Ungarns. Eine weitere Winterkampagne werde auch in Deutschland Umwälzungen hervorrufen, die dem verantwortlichen Verteidiger des dynastischen Prinzips viel ärger erscheinen müßten als ein von den Monarchen geschlossener schlechter Friede. Die amerikanische Kriegserklärung habe die Situation zweifellos wesentlich verschärft. Der Fortgang der russischen Ereignisse lasse sich noch nicht übersehen. Eine französisch-englische, wahrscheinlich auch eine italienische Offensive ständen unmittelbar bevor. Wenn es gelungen sei, in etwa zwei bis drei Monaten diese Angriffe abzuschlagen, „dann müssen wir, bevor Amerika das militärische Bild neuerdings zu unseren Ungunsten verschiebt, einen weitergehenden detaillierten Friedensvorschlag machen und uns nicht davor scheuen, eventuell große und schwere Opfer zu bringen“. Die deutschen Hoffnungen auf den U-Bootkrieg halte er für trügerisch. Admiral von Holtzendorff habe vorausgesagt, der verschärfte U-Bootkrieg werde England binnen sechs Monaten mattsetzen. Es seien seither zweieinhalb Monate vergangen, und an einen Niederbruch Englands sei auch nicht einmal zu denken. Auch in einigen Monaten werde England nicht gezwungen sein, die Waffen niederzulegen, aber es werde sich dann vielleicht die Rechnung stellen,„ob es klug und vernünftig sei, diesen Krieg à outrance zu führen, oder ob es nicht staatsmännischer sei, goldene Brücken zu betreten, wenn ihm dieselben von den Zentralmächten gebaut werden; dann wäre der Augenblick gekommen für weitgehende schmerzliche Opfer der Zentralmächte“. Der Kaiser Karl habe die wiederholten Versuche der Feinde, ihn von seinem Bundesgenossen zu trennen, abgelehnt; aber gleichzeitig habe der Kaiser ihn, den Grafen Czernin, beauftragt, den deutschen Staatsmännern zu sagen, daß Österreich-Ungarn am Ende seiner Kräfte sei und daß Deutschland über den Sommer hinaus nicht mehr auf Österreich-Ungarn werde rechnen können. Er habe diesen Befehl ausgeführt, und die deutschen Staatsmänner hätten ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß auch für Deutschland eine weitere Winterkampagne ein Ding der Unmöglichkeit sei. Wenn sich nicht in einigen Wochen die Möglichkeit ergäbe, mit Paris oder Petersburg zu sprechen, dann müsse noch rechtzeitig die letzte Karte ausgespielt und die angedeutete äußerste Proposition gemacht werden.

Dieser Schritt des österreichischen Kaisers und des Grafen Czernin, der wie die Drohung einer befristeten Aufkündigung der Waffenbrüderschaft aussah, überraschte um so mehr, als die Befürwortung „weitgehender schmerzlicher Opfer“ Hand in Hand ging mit den österreichischen Aspirationen auf Polen. Bei demselben Besuch im deutschen Großen Hauptquartier, bei dem Kaiser Karlden Deutschen Kaiser auf die sofortige Ernennung des Erzherzogs Karl Stephan zum Regenten und seine Designierung zum König von Polen festzulegen suchte, machte er uns mit dem Grafen Czernin die Zumutung, daß wir Elsaß-Lothringen herausgeben sollten. Und an demselben 13. April, an dem der Kaiser Karl die Denkschrift des Grafen Czernin an Kaiser Wilhelm abschickte, sandte er ihm ein Telegramm, in dem er die Zustimmung des Deutschen Kaisers erbat, dem Erzherzog Karl Stephan Mitteilung von den ihn betreffenden Absichten machen zu dürfen!

Bekannt war uns ferner, daß seit einiger Zeit der frühere österreichisch-ungarische Botschafter in London, Graf Mensdorff, in der Schweiz weilte, um dort mit Vertrauensleuten der Entente Fühlung zu nehmen.

Nicht bekannt dagegen war uns damals der im Frühjahr 1918 von der französischen Regierung veröffentlichte Brief des Kaisers Karl an seinen Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma. In diesem Briefe hieß es nach der französischen Version, die zunächst von der Wiener Regierung als „verfälscht“ bezeichnet worden ist, an deren Richtigkeit aber nach dem Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen Czernin ein Zweifel wohl kaum mehr möglich ist:

„Mein lieber Sixtus! — Das Ende des dritten Jahres des Krieges, der so viel Trauer und so viel Schmerzen in die Welt brachte, rückt heran. Alle Völker meines Reichessind enger als je vereint im gemeinsamen Willen, die Integrität der Monarchie selbst um den Preis der schwersten Opfer zu erhalten... Niemand dürfte die von meinen Truppen davongetragenen militärischen Vorteile bestreiten, besonders die auf dem Balkankriegsschauplatz. Seinerseits hat Frankreich eine prächtige Widerstandskraft und Begeisterung gezeigt. Wir alle bewundern rückhaltlos die wunderbare traditionelle Tapferkeit seiner Armeen und den Opfergeist des ganzen französischen Volkes. Deshalb ist es mir besonders angenehm, zu sehen, daß, obwohl wir augenblicklich Gegner sind, kein Auseinandergehen der Gesichtspunkte oder Aspirationen mein Reich von Frankreich trennt. Ich bin berechtigt, hoffen zu dürfen, daß meine lebhaften Sympathien für Frankreich, vereint mit jenen, die in der Monarchie herrschen, auf immerdar die Rückkehr eines Kriegszustandes vermeiden werden, für den mir keine Verantwortung zufällt. Zu diesem Zweck und um die Echtheit dieser Gefühle auf bestimmte Art kundzutun, bitte ich Dich, geheim und inoffiziell Herrn Poincaré, dem Präsidenten der französischen Republik, mitzuteilen, daß ich mit allen Mitteln und unter Aufbietung alles meines persönlichen Einflusses bei meinem Verbündeten die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich Elsaß-Lothringens unterstützen werde.“

Der Brief sprach dann über Belgien, das wiederhergestellt und entschädigt werden müsse, und über Serbien, das gleichfalls wiederhergestellt werden und einen Ausgangnach der Adria erhalten solle, allerdings unter der Bedingung, daß es sich unter Garantie der Ententemächte zur Unterdrückung jeder gegen Österreich-Ungarn gerichteten Agitation verpflichte. Vorschläge über Rußland müßten bis zur Konstituierung einer gesetzlichen und endgültigen Regierung vorbehalten bleiben. Der Brief schloß:


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