IV.Das Delirium der Erde.

Nach einem ungeheueren Zeitraum, der nur nach Jahrmillionen zu berechnen ist, hat sich vom glühenden Sonnenball abermals ein Ring losgelöst, dessen einzelne Teile sich in Folge der Rotation zu einer Kugel zusammenballten, und so ging das fort durch Äonen. Auf diese Weise entstanden der Reihe nach Neptun, Uranus, Saturn Jupiter, der Schwarm der Asteroiden, ferner die Planeten Mars, Erde, Venus und Mercur. Die Erde zählt also mit ihren Geschwistern, den Planeten, zu den Sonnenkindern. Sie empfängt Leben und Nahrung, Licht und Wärme ausschließlich von ihrer erhabenen Mutter, und viele Millionen Jahre früher, bevor das letzte Licht auf dem Sonnenball verflackert ist, müssen ihre Kinder, die Planeten, erstarren und vergehen . . .

Doch viel früher, als die Wissenschaft in ihren kühnsten Hypothesen voraussetzen konnte, droht der Erde Tod und Verderben durch einen Himmelsvagabunden, der in Folge seiner ungeheueren Größe einen unheilvollen Einfluß auf die Umdrehungsgesetze unseres Planeten ausübt. Noch bevor er dem Auge sichtbar war, konnte man Unregelmäßigkeiten beobachten, und jetzt, da er mitseiner ganzen ungeheueren Masse auf die Erde wirkt, hat die Stellung der Erdachse zur Ekliptik eine wesentliche Änderung erfahren, wodurch wieder die Veränderung der klimatischen Verhältnisse unserer Zone hervorgerufen wurde. Wir in Europa, dann die Bewohner des nördlichen Asiens und Nordamerikas haben durch diese Änderung gewonnen. Die Bodenfrüchte gedeihen allenthalben in unerhörter Üppigkeit. Man heimst Ernten mit hundertfachem Ertrage ein. Dafür aber kommen aus den Äquatorialgegenden die haarsträubendsten Berichte von versengendem Sonnenbrand. In ängstlicher Hast fliehen die Völker Indiens und des inneren Afrikas nach dem Norden, um sich vor den mordenden Strahlen der Sonne und vor der durch kein Lüftchen gemilderten Glutatmosphäre zu retten.

Und nun nehmt es gefaßt hin, was die Wissenschaft als das wahrscheinliche Schicksal unserer Erde voraussagen kann. Der unheimliche Genosse wird uns nicht mehr verlassen. Die Erde wird mit ihm als Doppelgestirn um die Sonne kreisen. Doch da er der Stärkere ist, wird er die Erde aus ihrer Bahn zu reißen trachten. Die Erdewird ihm folgen müssen — unwillig zwar, denn sie will ihre vorgeschriebene Bahn einhalten — aber allmählich in großen Spirallinien werden ihre Kreise immer weiter werden, und das Licht der Sonne wird immer mehr verblassen; dann aber wird das Leben auf unserer Erde erstarren — ein fahler Dämmerschein wird alles einhüllen, was ehedem des Menschen Auge entzückt hatte, und in der ewigen Sternennacht werden wir — so lange Lebenswärme noch in unseren Adern wohnt — mit Sehnsucht nach einem schwach schimmernden Sterne blicken, der einst unsere Sonne war . . .“

Mit unheimlicher Ruhe nahm die Menge die Wahrheiten entgegen, die ihr die unerbittliche Wissenschaft durch den Mund des Gelehrten verkündete. In stumpfer Resignation verließ sie den Platz. Freunde umarmten einander und drückten sich die Hände, als wollten sie Abschied nehmen für’s Leben. Dann blickten sie wehmütig hinauf zum leuchtenden Sonnenball, der in gewohnter Schönheit und Majestät herniederstrahlte auf die Erde . . . Kopfschüttelnd und fiebernd fast vor innerer Erregung suchten sie ihr Heim auf. Es kann ja nicht sein! Es ist ja so ganz unfaßbar! . . .

25. November 1899.

Das waren Stunden! Noch immer tobt es in meinen Adern, noch immer schwingen die Nerven von den Eindrücken der letzten Stunden! — Die zweite Ernte war geborgen. Ein Segen, wie ihn der Landmann noch nie vorher gesehen. Was da eingeführt wurde in Scheunen und Gruben, das reichte auf Jahre hinaus für die europäische Menschheit. Arbeitskräfte waren in Fülle vorhanden; denn die Heere waren aufgelöst und die männliche Jugend hatte geholfen die Felder bestellen und die Ernte bergen. Der Segen des Himmels hatte seine Wirkung gethan. Es war in den letzten Tagen wie Ruhe und neue Zuversicht über die Menschheit gekommen.

Da kam der Abend des 24. Novembers. Der Dämon am nächtlichen Himmel lagerte über dem südlichen Horizont. Die gelblich fahle Dämmerung verscheuchte bald die wenigen Passanten aus den Straßen. Sie waren fast menschenleer.Da kam es.— Vom Sternbild der Cassiopeja schien es auszugehen. Zuerst ein hellglänzender Lichtstreif, dann ein Funkenregen, wie von einer Sprührakete. Das kam immer häufiger, bald da, bald dort, undbald schien es, als ob an einem Teile des Himmels eine Feuerwerksfront abgebrannt würde. Wir sahen vom Fenster unserer Wohnung diesem eigenartigen Schauspiel zu. — „Ein Meteoritenregen,“ meinte der Rat. — „Ja wohl,“ sagte ich „diese Meteore sind aber Bestandteile des Kometen. Die Erde ist also in einen Teil des Kernes eingedrungen.“ — In diesem Augenblicke gewahrte ich eine Menschengruppe, die lebhaft gestikulierend einen Gegenstand betrachtete. Ein Mann schien den Umstehenden den Gegenstand zu erklären. Hie und da bückte sich einer, um etwas vom Boden aufzulesen. Auf einmal hörte ich einen Jubelschrei ansstoßen, und gleich darauf stob die Menge jauchzend auseinander. — „Was ist nur wieder los, was stimmt die Menge auf einmal so fröhlich?“ fragte der Rat. — Ich versprach den Meinigen, bald wieder da zu sein, und begab mich auf die Straße. Überall das wirre Durcheinanderdrängen, Jauchzen und Schreien. Aus den Hausthoren stürzten sie hervor auf die Straße, lebhaft gestikulierend und einander die Gegenstände zeigend, die sie vom Boden auflasen. „Was ist’s, was giebt es denn?“ rief ich den Nächststehenden an.

— Er that einen Freudensprung und schrie: „Gold, Gold — pures Gold — alles, was da herunterfällt vom Himmel ist pures Gold!“

Es war wirklich so. Ich bückte mich nach einem glänzenden Gegenstand in der Größe einer Haselnuß. Er war noch heiß von seiner jähen Fahrt; aber es war Gold — pures Gold. Während ich es aufmerksam betrachtete, riß es mir ein Vorübereilender brutal aus der Hand. „Such dir ein anderes!“ rief er mir zu. Mir schoß das Blut heiß in die Schläfen. Auch jetzt, Menschheit,in der Zeit des namenlosen Schreckens wühlt das Wörtchen Gold mit einem Male all die bösen Leidenschaften wieder auf, die dich seit vielen Jahrtausenden fruchtlos im Kreise herumgeführt haben! Gold, Gold! Was hat das jetzt noch für Bedeutung — Ihr braucht es nicht. Es ist doch nur ein wertloses Symbol. — Aber jedes Wort verhallte in dem Lärm. Von heftigster Leidenschaft erregt, fielen sie über die Goldkörner her, die anfangs vereinzelt, dann in immer größerer Zahl und in größeren Stücken zur Erde fielen. Sie achteten nicht der empfindlichen Wunden, welche die herabfallenden Stücke verursachten — mit Körben und Kisten und allerlei Gefäßen stürzten sie aus den Häusern und rafften zusammen, was im Bereiche ihrer Hände lag. Dabei kamen sie miteinander in Streit, der die wildesten Formen annahm — Gold, Reichtum! — ein grauenhaftes Delirium kam über die Massen — Besinnung, ruhiges Nachdenken konnten nicht zur Geltung kommen. Jeder raffte, was er nur konnte, und sah voll Wut auf den Nächsten — und ich sah, wie einer seinem Nachbar das Messer in den Rücken bohrte, um sich der Beute zu bemächtigen.Von namenlosem Grauen erfaßt, floh ich die Stätte des Wahnsinns. —

Aber der Hohn des Schicksals brachte diesen Unglücklichen Sättigung ihrer grenzenlosen Leidenschaft. Bald waren die Dächer und Straßen zollhoch mit Goldkörnern bedeckt. Unablässig schaufelten sie das kostbare Metall in ihre Häuser. Und der zweifelhafte Segen nahm kein Ende. Immer dichter wurde der Regen, und zuweilen fielen auch Klumpen von beträchtlicher Größe herab, die mit lautem Jubelgeschrei begrüßt wurden. Hier und dort blieb einer, von einem schweren Stück getroffen, liegen. Des achteten aber die anderen nicht und schaufelten eifrig weiter. Jetzt aber kam ein Geprassel und ein Geknatter, als ob die Feuerschlünde von hundert Batterien sich geöffnet hätten. Gold — Gold und wieder Gold fiel herunter. Hunderte von Leichen lagen in den Straßen — da ergriff die übrigen starres Entsetzen. Sie flüchteten in ihre Wohnungen und fluchten dem Golde! Dem lieben Golde, das sie seit vielen Jahrtausenden mit allen Listen erschlichen, mit allen Lastern errafft — mit Mord und Todschlag erbeutet hatten. Jetzt war es da — undjetzt ließ sich der einst so spröde Gast nicht abweisen. Mit Donnergekrach fielen ganze Blöcke zur Erde, zerschmetterten Menschen und Häuser, und über den Unglücklichen häuften sich Leichenhügel und Berge von Gold.

Als die Sonne aufging, beleuchtete sie ein entsetzliches Bild der Zerstörung.

Fußhoch lag das gelbe, gleißende Metall in den Straßen und auf den Feldern, zumeist in erbsengroßen Stücken; dazwischen aber Blöcke von riesigen Dimensionen, deren verheerende Wirkungen allenthalben sichtbar waren. Wo solch ein Block mit seinem ungeheueren Gewichte hinfiel, da zerschmetterte er alles, was nicht aus Erz und Granit gefügt war. In vielen Straßen waren die Dächerder Häuser demoliert, ja ganze Stockwerke durchschlagen. Nach Tausenden zählten die Opfer, welche der schrecklichen Katastrophe erlegen waren. Inmitten des Stromes war ein Block von solch ungeheueren Dimensionen gefallen, daß das Wasser aus seinem Bette austrat und weithin die Gegend überschwemmte. Dieser „Berg von Gold“ glänzte nun weithin in der aufgehenden Sonne; er überragte an Höhe die umliegenden Hügel und stellte eine Masse vor, die sämtliches gemünzte und zu Geschmeiden verarbeitete Gold der Erde um das Tausendfache übertraf. Als ich mit bebender Seele durch die Straßen der Stadt schritt und mit Schaudern die Erschlagenen betrachtete, welche noch die zusammengerafften Goldbrocken in den erstarrten Händen hielten, stand auf einmal der alte Professor Holberg, ein wunderlicher Kauz, dessen Äußeres schon den Sonderling verriet, hinter mir, tippte mir auf die Schulter und sagte mit seiner schnarrenden Stimme: „Nun, da wären wir ja so weit! Das liebe Gold, das herrliche Gold, das durch so viele Jahrtausende unserer Weisheit Anfang und Ende war — es braucht nicht mehr erlistet, erschlichen, erkämpft, ertrotzt, erpreßt zu werden, esliegt auf der Straße — da kommt und nehmt es — ihr seid freundlichst eingeladen. Schleppt es fort in eure Höhlen und Schlupfwinkel, bis ihr unter seiner Last zusammenbrecht — je mehr, desto besser. Haben Sie gesehen, Herr Kollege, wie sie in ihr altes Delirium verfielen, wie der chronische Goldhunger der Menschheit auf einmal in einen wahnwitzigen Paroxysmus ausartete und gleich darauf in sein Gegenteil verfiel?“

Er bückte sich und hob ein eigroßes Stück vom Boden auf. „Schade, ei, wie schade!“ rief er aus. „Dich hätt’ ich im vorigen Jahre noch brauchen können, als ich den Sohn der armen Witwe behandelte. Er sollte fort in ein wärmeres Klima, da hätte er noch gerettet werden können, der Ernährer seines alten Mütterchens. Warum bist du denn damals nicht durch den Schornstein hereingeflogen, du dummes, plumpes Stück Gold — weißt du denn nicht, wie sehr sie dich herbeigesehnt, das weißhaarige Mütterchen, wie sie ihr armes Gehirn zermartert hat, um einen Weg zu finden, wie man dich herbeischaffen könnte, wie sie vor dem Bilde ihres Schöpfers auf den Knieen gelegen, um dich vom Himmel herabzuflehen — alles vergeblich;du bist damals nicht gekommen, du dummes, fühlloses, gleißendes Stück Metall — sie mußte ihr Kind, ihren Ernährer täglich mehr hinschwinden sehen, und wenn sie gleich aufschrie in ihrem wilden Schmerze — es fand sich doch keiner, der sich von dir um seines Mitmenschen willen getrennt hätte, denn sie hatten dich alle lieb mit einer sündhaften, abgöttischen Liebe, sie hatten dich lieber als ihren Nächsten, lieber als Mutter und Vater, lieber als ihr eigenes Kind, ihre Ehre, ihren Gott! Du durftest nur blinken, so kehrte sich die Natur des Menschen um — du machtest den ehrlichen Mann zum Betrüger, das schamhafte Weib zur Dirne, den strengen Richter zum käuflichen Rechtsverdreher. Hahaha! Und jetzt bist du da — aber den Sohn der armen Witwe hat man inzwischen schon eingegraben,und die Alte ist ihm schnell gefolgt. Ein Glück für dich; denn sie hätte dir ja doch geflucht, wenn du jetzt gekommen wärst, wie zum Hohne. Und sie fluchen dir alle — haben Sie gesehen, lieber Kollege, welcher Verachtung und welchem Ekel das gelbe Metall allenthalben begegnet? Es ist nichts mehr wert! Hahaha! Entthront, der Purpurmantel herabgerissen, das Scepter entzwei gebrochen — du stolzer Herrscher über die Menschheit, mächtiger als Dschingiskhan und Tamerlan, aber auch grausamer als diese, deine Herrschaft ist zu Ende. Du hast abgewirtschaftet, du stolzer Verächter des Schweißes und der Arbeit, du unerbittlicher Sklaventreiber der Armut, dein Reich ist dahin, du kupplerischer Sklave des Wohllebens, du stets dienstbeflissener Helfer des Übermutes, du Hofnarr des Müßiggangs und des Dünkels. — Ei, was seh’ ich denn da? Goldene Spangen und Ringe, kunstvolles Geschmeide — alles auf die Gasse geworfen, wie unnützen Kehricht! Da sehen Sie nur selbst, wie man all den Tand zum Fenster hinauswirft! Und jener Bettler, in Lumpen gehüllt, er stößt das glitzernde Geschmeide, das eben aus jenem Fenster gefallen ist, verächtlich mit demFuße bei Seite. Ein Stück Brot ist ihm lieber.“

ProfessorHolberghielt plötzlich inne und deutete auf eine Gruppe von Frauen und Männern, welche, fröhliche Lieder singend, in’s Freie zogen. „Haben sie nicht recht?“ fragte er mich. „Sie können es ja nicht ändern. Was da kommt, hätte jeden Tag kommen können in all den langen Zeitperioden, an die sich die Menschheit zurückerinnert. Wie viele haben in früheren Zeiten dem Tode in tausendfachen Gestalten furchtlos ins Antlitz geschaut! Und für jeden Einzelnen, wenn es für ihn ans Sterben ging, war der Tod ein Weltuntergang.“ —

Wir schlossen uns der Gruppe an. Gegen Westen zu war die Landschaft von dem Meteorregen des vorhergehenden Tages so ziemlich verschont geblieben, während auf der östlichen Seite die Felder verwüstet, die Wälder ihres Laubes beraubt waren, und viele Stämme zerschmettert auf dem Boden lagen. Es war also anzunehmen, daß die Katastrophe nur auf einem begrenzten Strich Landes so ungeheuere Verheerungen angerichtet hatte. Wir kamen an einen herrlichen,freien Platz, von einem hochstämmigen Buchenwald eingefaßt. Die Waldlisière entlang rauschte ein munteres Bächlein. Hier lagerte sich die fröhliche Schar im Schatten hundertjähriger Buchen. Dem äußeren Ansehen nach waren es Menschen aus den verschiedensten Lebenssphären. Der flaumbärtige Student und der grauhaarige Gelehrte, der junge Kleriker und der narbenbedeckte Soldat, die leichtfüßige Nähmamsell und die ehrwürdige Matrone, sie alle hatten sich zusammengefunden zu demselben Zwecke. Sie wollten das ewige und unveräußerliche Menschenrecht, mutig dem Unvermeidlichen ins Antlitz zu schauen und die Gaben der Natur in geselliger Heiterkeit zu genießen, auch jetzt noch aufrecht erhalten. Gleichwie jene mutige Schar während der Florentiner Pest sich in der herrlichen Natur ihr gutes Menschenrecht an der Freude nicht verkürzen ließ und in edlem Freundesverkehr Vergessenheit suchte, so wollten auch sie eine Art Decamerone bilden, in Fröhlichkeit, Gesang und Saitenspiel, im Verkehr mit lieblichen Frauen und bei heiteren Gelagen auf kurze Zeit Lethe trinken und gleichzeitig das Wort des Dichters zum Wahrwort machen:

„Und singend einst und jubelndDurch’s alte ErdenhausZieht als der letzte DichterDer letzte Mensch hinaus.“

„Und singend einst und jubelnd

Durch’s alte Erdenhaus

Zieht als der letzte Dichter

Der letzte Mensch hinaus.“

Es gab keinen Unterschied der Stände mehr. Jeder in diesem Kreise hatte das gleiche Recht an die Freude. In zwanglosen Gruppen lagerten sich die Pärchen, die sich zueinandergesellt. Der Wein erhitzte die Gemüter, und manches übermütige Scherzwort machte unter fröhlichem Gelächter die Runde. Dann aber kam auch die Kunst an die Reihe. Der Sänger, eine prächtige, männliche Erscheinung, wußte mit dem Zauber seiner Stimme die Anwesenden mächtig zu ergreifen. Herrlich klangen die Töne durch die idyllische Waldeinsamkeit, und das Echo einer fernen Felswand vervielfältigte sie in geisterhafter Weise. In diesem Augenblick stieg der Mond am Horizont empor, immer höher und höher — gleichzeitig wurde die langgestreckte Feuerrute des Kometen sichtbar. Und da trat ein Ereignis ein, welches die eben noch so fröhliche Runde verstummen machte. —

Auf dem westlichen Firmamente leuchtete plötzlich ein Meteor auf, das an Größe und Helligkeitdie eben untergegangene Sonne zu erreichen schien. Langsam und majestätisch strich es in weitem Bogen über das Firmament hin. So groß war die Lichtfülle, welche dieses Phänomen ausstrahlte, daß die erstaunten Beobachter vermeinten, die Sonne sei wieder über den Horizont emporgestiegen. Das Licht des Mondes erblaßte vollständig. Die leuchtende Kugel näherte sich in ihrem Fluge immer mehr dem Monde; sie mußte in ungeheuerer Entfernung von der Erde sein; denn man bemerkte trotz der Riesengröße dieses Himmelskörpers kaum seine Bewegung. In atemloser Spannung verfolgte die eben noch so fröhliche Schar die Bewegung des Meteors. Es war kein Zweifel, der fremde Weltkörper war in den Attraktionsbereich des Mondes gelangt und mußte mit ihm zusammenstoßen. Furchtbare, bange Minuten verstrichen; kaum wagte einer zu atmen. Immer näher und näher rückte der unheimliche Körper an den Mond heran — jetzt trennte ihn nur mehr ein Zwischenraum von wenigen Graden von dem ruhig dahinwandelnden treuen Begleiter unserer Erde. Da schien es, als ob mit einem plötzlichen Ruck die beiden Körper in einen verschmolzen wären. Gleichdarauf erlosch das Licht des gewaltigen Meteors, und an der Stelle, wo es in den Mondkörper eingedrungen war, sah man eine fackelförmige, rote Flamme aufsteigen. Wie gelähmt standen die Beobachter und konnten kein Auge abwenden von dem ungeheuerlichen. Vorgang, der sich über ihnen im Weltenraume abspielte. Welch furchtbare Kräfte der Zerstörung mag dort oben das Aufeinanderprallen zweier Weltkörper entfesselt haben! Und dennoch, kein Laut drang an das Ohr der irdischen Zuschauer, keine Schallwelle verkündete den Effekt der wildwütenden Gewalten. Dort oben im Ätherraum giebt es keinen Schall. Lautlos, klanglos spielen sich alle Bewegungsphänomene ab; dennnur dort, wo Atmosphäre oder Wasser ist, kann sich die Schallbewegung fortpflanzen. Aber selbst angenommen, daß der Äther die Schallwellen fortpflanzen könnte, so hätten die Beobachter doch erst etwa vierzehn Tage nach der Katastrophe das Geräusch, welches diese verursachte, gehört; denn da der Schall in der Sekunde nur einen Weg von 330 Metern zurücklegt, so hätte er die Entfernung des Mondes von der Erde, welche circa 52000 Meilen beträgt, erst in dieser Zeit durcheilen können.

Dort und da wurden längs der Peripherie feurige Garben emporgeschleudert, als ob sie aus dem Krater eines ungeheueren Vulkans gespieen würden. Mit einemmale geschah etwas, das den Zuschauern das Blut in den Adern erstarren machte. Ungefähr in der Mitte der hellglänzenden Mondscheibe wurde plötzlich ein unregelmäßiger dunkler Streifen sichtbar, der sich langsam erweiterte. Dieser dunkle. Streifen war das durchscheinende Firmament. Durch den Zusammenstoß mit dem riesigen Meteor war eine Zertrümmerung des Erdtrabanten erfolgt. Was da oben vor den Augen der Erdbewohner sich in wenigen Minuten vollzogen hatte, war der Zusammenbruch einer Welt, mit derunsere Erde, seit Äonen verschwistert, ihre vorgeschriebene Bahn im unendlichen Raum durchrollte. Schon einmal, vor ungezählten Jahrmillionen, hatte einen Genossen unserer Planetenfamilie ein ähnliches Geschick ereilt. Er hatte seine Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter. Durch welche Ursache seine Vernichtung erfolgte, ist unbekannt. Wahrscheinlich aber ist es, daß der Zusammenstoß mit einem anderen Weltkörper seine Zertrümmerung zur Folge hatte; denn statt des einen großen Planeten, der nach der Laplace’schen Theorie an jener Stelle um die Sonne kreisen sollte, entdeckte das Fernrohr bis jetzt über dreihundert winzig kleine Planeten, die sogenannten Asteroiden. Sie sind so klein, daß einige von ihnen kaum einige Meilen Durchmesser haben, und das Merkwürdigste daran ist, daß sie keine kugelförmige Gestalt wie die übrigen Planeten haben. Es sind also die Trümmer eines großen, durch eine Weltkatastrophe zerschmetterten Planeten.

In den folgenden Nächten waren alle Fernrohre nach dem Monde gerichtet. Jetzt unterschied man schon genau drei größere Stücke, welche sich voneinander langsam entfernten, da ein jedesStück vermöge seiner verschiedenen Masse dem Gesetze der Attraktion in anderer Weise unterworfen war. Das kleinste Stück umkreiste die beiden größeren, wie ein Trabant des Trabanten.

Jahre waren seit dem oben geschilderten Ereignisse geschwunden. Was hatte die Menschheit in dieser Zeit für herbe Prüfungen durchzumachen gehabt! Kein schöner, tragischer Tod war der Erde beschieden — keine Götterdämmerung, kein plötzliches Aufflammen in einer ungeheueren, alles verzehrenden Lohe. Eine Reihe von furchtbaren Heimsuchungen hatte das Menschengeschlecht allmählich decimiert. Aber die Menschheit hatte den Kampf nicht aufgegeben. Mit der Gefahr und der Größe des Unglücks wuchs auch der Mut, die zähe Ausdauer, ja der Trotz. Anfangs kleinlaut und verzagt, endeten Tausende durch Selbstmord, oder ihr Geist erlosch in der Nacht des Wahnsinns.

Aber je mehr die Schwierigkeiten sich häuften, desto gewaltigere Anstrengungen machte der Menschengeist, die Erhaltung der Gattung zu ermöglichen. Und dann, als auch der letzte Hoffnungsschimmer zu erbleichen begann, daß ein Staubgeborenerdem allgemeinen Verderben entrinnen könnte, da flammte die neue Hoffnung in ihnen auf, daß es möglich sein werde, die Spuren ihres Daseins in monumentalen Werken zu hinterlassen. Vielleicht, daß nach dem Chaos eine neue Schöpfungsära in ungezählten Zeiträumen den Funken der Intelligenz wieder anfachen wird und neue Geschlechter den rätselhaften Zeichen eines früheren Lebens nachspüren und die Fackel des Geistes an dem glimmenden Funken der Überlieferung neuerdings entzünden werden.

Langsam und Schritt für Schritt waren die Veränderungen eingetreten, welche die Lebensbedingungen der Menschheit bis auf ein Minimum herabgesetzt hatten. Zuerst kam ein großes Sterben über die Menschheit. Es war ein sanfter Tod — ein Müdewerden und Hinüberschlummern. Er traf in erster Reihe die Alten; dann die Kranken und Hinfälligen. Die Gelehrten fanden die Ursache dieses Sterbens in einer für die Sinne nicht wahrnehmbaren Vermengung unserer Atmosphäre mit den irrespirablen Gasen der Kometensubstanz.

Seit zwei Jahren warErwinmit seinerMariedurch des Priesters Segen verbunden. Ein gesundes Knäblein lag in der Wiege; es hatte das Licht der Welt noch in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Glückstrahlend hatte es die Mutter der Ahnfrau in den Arm gelegt, und diese vergaß beim Anblicke ihres Urenkelkindes alle Schrecken und Drangsale der vergangenen Monate. Ja, es zog sogar ein Gefühl des Friedens und der Beruhigung durch die Brust, als sie in die unschuldigen Kinderaugen blickte, die ihren Anteil an der Schönheit und den Freuden dieser Welt zu fordern schienen. War er doch auch ein berechtigter Erbe alles dessen, was die Menschheitauf ihrer vieltausendjährigen Wanderschaft im Schweiße ihres Angesichtes erkämpft und errungen hatte — vielleicht der letzte Erbe einer tausendjährigen Kultur. Alles, was da war und entstand und sich entwickelte, was in Millionen Gehirnen zur Erkenntnis oder zur künstlerischen Ausgestaltung drängte, war mit den Kindern dieser Epoche abgeschlossen, zu ewigem Stillstand verdammt — das ungeheuere Erbe ein nutzloses Spielzeug in der Hand eines lallenden Kindes!

Doch diese Erwägungen vermochten in den Eltern und Großeltern die Freude an dem Seienden nicht zu verkümmern. Auch die Vögel bauten ihre Nester, und der Baum vor dem Hause setzte Blüte an Blüte, ja, es schien, als ob sich der Lebensdrang aller Kreatur verzehnfacht hätte, als ob sich alles, was da noch im dumpfen Entfaltungsdrange schlummerte, zum letzten Appell hervordrängen wollte. — —

Denn die Sonne schien noch warm; aber allmählich wurde es den Erdenkindern zur traurigen Gewißheit, daß die Lebensweckerin und Allerhalterin verblaßte, daß die große Wärmespenderin mit ihren Gaben immer haushälterischer wurde. Dergewaltthätige Begleiter unserer Erde hatte nicht die Absicht, sich in unserem Sonnendistrikte häuslich einzurichten; er strebte vielmehr darnach, seine Gesponsin, die Erde, auf seinem freien, ungebundenen Wanderleben im Weltenraume mitzunehmen. So leicht ging dies allerdings nicht; denn die Erde leistete, dem Trieb der Selbsterhaltung folgend, mit den ihr innewohnenden Urkräften mächtigen Widerstand. Aus diesem Kräftespiel ergab sich aber doch der endgiltige Sieg des gewaltigen Gestirns. Die Erde wurde aus ihrer Bahn gedrängt und bewegte sich nicht mehr in einer elliptoiden Linie, sondern in der Form einer aufgerollten Spirale um die Sonne, wobei sie sich von ihrer Lebensspenderin immer mehr entfernte. Mit der Entfernung nahm auch die Wärmemenge ab, und von da an machte der Erkaltungsprozeß der Erde mit mathematischer Genauigkeit seinen Fortschritt. Auch das Licht der Sonne nahm bedeutend ab, und selbst um die Mittagszeit waren ihre Strahlen matt und glanzlos, als ob sie durch eine Wolkenschichte abgeschwächt würden. Das Aussehen der Menschen und Dinge wurde dadurch in unheimlicher Weise beeinflußt; die Blätter derBäume und Sträucher, sowie das Gras der Wiesen verloren ihre grüne Farbe. Der Buchenwald zeigte ein mattes Grau wie das Olivenlaub, und die Wiesenflächen waren anzusehen, als ob eine dichte Staubschichte darüber lagerte; der Farbenschmelz der Blüten und Blumen war verschwunden, und selbst der Menschen Antlitz wurde aschfahl.

Der Abend zeigte statt des Mondes eine Anzahl hellleuchtender Klümpchen, die über einen großen Teil des Firmamentes ausgebreitet waren. Das waren die Trümmer des einstigen treuen Begleiters unserer Erde. In immer engeren Bahnen umkreisten diese Trümmer die Erde; denn je mehr sich diese von der Sonne entfernte, desto größer wurde die Anziehungskraft, die sie auf die kosmischen Körper ihrer Umgebung ausübte. Zuletzt stürzten einzelne dieser Trümmer auf die Erde nieder und erzeugten Katastrophen, gegen die alle Elementar-Ereignisse, welche die Erdgeschichte kennt, unbedeutende Erscheinungen waren. Der erste dieser Mondpartikel fiel in den indischen Ocean. Obwohl es nur ein verschwindend kleiner Teil des ehemaligen Erdtrabanten war, so erzitterte doch die ganze Erde in ihren Grundfesten. Dieungeheuere Welle, welche der Einschlag des in den Ocean eindringenden Körpers verursachte, riß alles mit sich fort, was in den Bereich ihrer verheerenden Wirkung kam. Bergehoch stürmte sie gegen das Festland, überschwemmte in wenigen Stunden Ostindien, die Sunda-Inseln, Malakka und machte erst vor der gewaltigen Felsenmauer des Himalaya Halt. Vor dieser Sintflut gab es keine Flucht, keine Rettung. Tausendjährige Kulturen wurden in wenigen Stunden vernichtet, alles Lebende ertrank, volkreiche Städte waren nach dem Rücktritt der Wasser versandete und verschlammte Trümmerhaufen — die Wiege der Menschheit ein ungeheueres Leichenfeld! Durch das Eindringen des kosmischen Körpers wurden die vulkanischen Kräfte des Erdinneren rege. Über die ganze Erdrinde pflanzten sich die Erschütterungen fort, zahllose Städte und Ortschaften lagen in Schutt und die Bewohner unter ihren Trümmern begraben. An tausend Orten öffneten sich Feuerschlünde, die ihre glühende, zähflüssige Lava nach allen Seiten ergossen. War die Menschheit schon durch die veränderte Mischung der Atmosphäre decimiert worden, so schrumpfte ihre Zahl nochmehr zusammen durch die eben geschilderten ungeheueren Verheerungen, welche die aufrührerischen Elemente verursachten. Viele raffte der Schreck dahin — andere aber trotzten mutig allen Ereignissen. Den Tod als etwas Selbstverständliches erwartend, waren ihre Nerven gestählt gegen die entsetzlichen Phänomene, welche sie in fast ununterbrochener Folge erleben mußten. Ja, ein gigantischer Trotz erfüllte die Überlebenden, und nur zwei Triebe arbeiteten mächtig in ihnen. Sie wollten bis in die denkbar letzten Phasen das ungeheuer erhabene Schauspiel einer sterbenden Welt als letzte Zuschauer ansehen, und sie wollten die Spuren ihres Daseins diesem durch endlose Räume fliehenden Leichenfelde eingraben — denn ihre letzte Hoffnung gaben sie nicht auf, daß nach Jahrtausenden vielleicht neues Leben auf der alten Erde grünen würde. Dann sollten die Monumente, welche sie errichten wollten, von einer versunkenen Welt erzählen. — So flackerte der Erhaltungstrieb der Gattung noch einmal auf und spannte die Muskeln und Nerven der letzten Menschen, die inzwischen alles Grauen verlernt hatten, zu unerhörten Leistungen an. Es galt zunächst, Licht und Wärme,die in konstanter Abnahme begriffen waren, künstlich zu ersetzen.

Inletzter Stundesozusagen wurde noch eine vereinfachte Methode entdeckt, das Wasser in seine beiden Elemente, Wasserstoff und Sauerstoff, zu zerlegen und die weißglühende Flamme des Wasserstoffes durch den Sauerstoff zur höchsten Licht- und Wärmeleistung anzustacheln. Ungeheuere Wärmehäuser von meilenweiter Ausdehnung wurden errichtet und Gewächse aller Art durch dieses künstliche Mittel zum Wachsen und Früchtetragen gebracht. Von den früheren, fabelhaft üppigen Ernten waren unermeßliche Vorräte aufgespeichert, und da die Menschenzahl auf einen geringen Prozentteil ihrer früheren Größe zusammengeschmolzen war, so gab es für die Überlebenden keine Sorge ums tägliche Brot. Mit fieberhafter Anstrengung arbeitete alles daran, durch gewaltige Bauten aus Metall und Granit unverwüstliche Spuren zu hinterlassen und durch die von Künstlerhand gemeißelten Darstellungen des verflossenen Kulturzustandes der alten Erde einen Geleitbrief mitzugeben für das dereinst wieder erwachende Leben. Man kehrte wieder zur Pyramide der alten Ägypter, als dereinfachsten und dauerhaftesten Bauform, zurück; aber die vorgeschrittene Technik erlaubte die Konstruktion von Gebäuden mit gigantischen Formen. Das Innere dieser gewaltigen Pyramiden, deren Spitzen die Höhe des Eifelturmes überragten, wurde zu Museen alles dessen umgewandelt, was die Erde von ihrer ersten Jugend an bis zu ihren Sterbetagen hervorgebracht hatte. Da gab es ein ethnographisches, ein naturhistorisches, ein kunsthistorisches Museum; die eine Pyramide beherbergte in ihrem Innern eine ungeheuere Bibliothek, welche ein Kompendium des gesamten Wissens der Menschheit enthielt, eine andere Pyramide enthielt die dichterische Arbeit des Menschengeistes von Homer und Kalidasa angefangen bis auf die modernen Geister von der „fin du siècle“.

In den Marmorbergen von Carrara herrschteein reges Leben; alle Nationen der Erde waren vereinigt, um, unterstützt von den vorgeschrittenen Mitteln der Technik, ein unerhört kühnes Werk zu schaffen. Einer der Berggipfel wurde an Ort und Stelle durch Dynamitsprengungen und durch die Arbeit ungeheuerer Bohrmaschinen in ein gigantisches Kunstwerk umgewandelt. Die Nationen Europas hatten sich geeinigt, aus dem Marmorberge die Züge Goethes herauszumeißeln, den man körperlich wie geistig als die vollendetste Verkörperung des Menschheitstypus erklärt hatte. So lange die Berge stehen und die Krisen der fieberdurchglühten Erde überdauern, wird auch sein Antlitz dem neuen Leben entgegenleuchten und sein Götterauge den Abglanz einstiger Menschengröße erkennen lassen.

Das alles und viel mehr, dessen Aufzählung Bände füllen würde, wurde in fieberhafter Hast vollendet; denn die Zeit war schon gemessen, in der die Menschheit noch in freier Luft verweilen konnte. Kalt und matt leuchteten die Strahlen der Sonne. Diese erschien dem Auge des Beobachters fast um die Hälfte kleiner. Es war ein Licht von der Intensität der Morgendämmerung. Die Erdewar inzwischen demMars, der allnächtlich als leuchtende Scheibe von der vierfachen Größe des Mondes am Himmelsbogen aufstieg, in beträchtliche Nähe gekommen. In den letzten Wochen nahm die Distanz rapid ab, und die Fernrohre, welche sich nach dem ruhig in seinen Bahnen dahinrollenden Himmelsnachbar richteten, sahen erhabene, nie geahnte Wunder. Kontinente und Meere boten sich den erstaunten Blicken in größter Deutlichkeit dar, und mit der zunehmenden Annäherung gewahrte man die Spuren einer überaus reichen Kultur, die nur von intelligenten Geschöpfen hervorgebracht worden sein konnte. Mächtige, oft einige Meilen breite Meeresarme durchzogen die Kontinente; denn diese hatten weder Gebirge noch Flüsse. Die geradlinige Form der Meeresarme ließ darauf schließen, daß sie durch den Willen und die Arbeit von intelligenten Wesen entstanden waren.

Jetzt war die Distanz so gering, daß die größten Fernrohre die Landschaften des Mars bis auf wenige Kilometer Entfernung nahe bringen konnten. Man erblickte Riesenstädte mit Bauten von fabelhafter Größe und nie gesehenen Formen. Auf den Meeresarmen tummelten sich zahllose Schiffe undschwimmende Städte; phantastische Brücken überspannten in ungeheueren Bogen die mehrere Meilen breiten Kanäle, Hunderttausende von lebenden Geschöpfen standen auf freien Plätzen und auf den Plattformen der Gebäude und beobachteten die Erde, deren Erscheinungen und Kunstgebilde ihnen nicht minder wunderlich vorkommen mochten, wie uns die ihrigen. Sie bewegten sich wie wir; nur konnten sie sich auch nach Belieben in die Luft erheben und freischwebend, jedoch sehr langsam von einem Ort zum anderen gelangen. Sie waren entschieden höher organisiert als die Erdbewohner, was bei dem ungleich höheren Alter des Mars ja selbstverständlich ist. Man sah, sie suchten sich durch Zeichen mit den Erdbewohnern zu verständigen. Aus ungeheueren Reflektoren kamen Lichtzeichen hervor, die den Erdbewohnern erst nach langen Mühen verständlich wurden, trotzdem sie in der scharfsinnigsten Zeichensprache ausgedrückt waren. Man konnte übrigens daraus entnehmen, daß ihren höher entwickelten Sinnen die Erde und ihre Bewohner schon viel früher wahrnehmbar geworden waren, und daß sie ihre Versuche, sich mit den Erdbewohnern zu verständigen, schon oft wiederholthaben mußten. Die Gelehrten fanden endlich den Schlüssel zu dieser Zeichensprache. Die Bewohner des Mars entsendeten den irdischen Bewohnern brüderlichen Gruß und teilten ihnen mit, daß die Erde noch zehn Jahre lang sich von der Sonne entfernen würde, bis sie in die Nähe des Jupiters komme. Dieser gewaltige Planet werde den Kometen an seine Bahn fesseln; dadurch würde die Erde von ihrem gewaltthätigen Begleiter befreit und, ihren alten Attraktionsgesetzen folgend, in umgekehrter Spirallinie in ihre frühere Bahn zurückkehren.

Diese Nachricht der Bewohner des Nachbargestirns übte auf die Erdbewohner eine zündende Wirkung aus. Also winkte dem Erdengeschlecht doch noch ein Hoffnungsschimmer! Ungeheuere Freudenfeuer wurden angezündet und in geometrische Linien gebracht, um den Bewohnern des Mars die Bestätigung zu geben, daß ihre Mitteilung verstanden wurde. Die Menschen, welche durch all die Heimsuchungen der letzten Zeit gegen alle Schrecken der Elemente abgestumpft waren, wurden durch diese Nachricht, die ihnen den Schimmer einer Hoffnung ließ, elektrisiert. In ihren Augen leuchtete, seitlanger Zeit zum erstenmale, ein Funke der Freude auf, die Begegnenden tauschten Händedrücke oder fielen einander um den Hals und weinten Freudenthränen. Es war ja keine Rettung für sie; denn die wenigen Millionen, welche die grauenvollen Umwälzungen noch verschont hatten, sie werden hinsiechen in der jahrelangen Nacht, in der Öde der ungeheueren Eiswüste — —

Aber eine kleine Zahl — vielleicht ein einziges Paar wird den allgemeinen Zusammenbruch überdauern, und ein neues Sonnengeschlecht wird erstehen, das mit weiser Ausnützung der großen Hinterlassenschaft seiner Ahnen neuen, erhabenen Zielen der Vollendung entgegenstrebt. —

Das ganze Interesse der Erdenbewohner konzentrierte sich jetzt auf die Beobachtung des Mars, dessen Riesenscheibe schon dem unbewaffneten Auge reiches Beobachtungsmaterial bot. Durch das Fernrohr angesehen, zeigte sie aber einen überwältigenden Anblick — eine wunderbar organisierte Welt, neuartig, seltsam, fremdartig gebildet, aber höher, kunstvoller, glücklicher gestaltet als das Leben unserer Erde — die Lebewelt des Mars zeigte den Erdbewohnern das entzückende Bildihrer eigenen Zukunft. Der um vieles ältere Bruder im Planetensystem hatte schon seit vielen Jahrtausenden eine hohe Stufe der Entwicklung seiner Lebewelt erreicht. Das Ideal, dem alle Erdenbewohner in heißer Sehnsucht zugestrebt, schien in jener glücklicheren Welt schon seit langen, langen Zeiträumen verwirklicht zu sein.

Die Zeichensprache, welche durch Aneinanderreihen von riesigen Reflektoren mit buntfarbigen Lichtern bewerkstelligt wurde, war bald derart ausgebildet, daß die Erdbewohner größere Mitteilungen über die Lebewelt auf dem Brudergestirn empfangen konnten.

Zunächst erfuhren sie, daß die Bewohner des Mars durch die viel vollendeteren optischen Instrumente und durch andere photo-elektrische Hilfsmittel schon seit Jahrtausenden in der Lage waren, die Erde und ihre Bewohner aufs eingehendste zu studieren. Da ihre hochentwickelte Kultur auf Jahrtausende hinter unsere Zeitrechnung zurückreichte, so war die Beobachtung der Vorgänge auf unserer Erde die denkbar vollkommenste. In den bis auf das 15. Jahrtausend zurückreichenden Aufzeichnungen der Marsastronomen und seinerHimmelshistoriographen war jedes Ereignis, das sich auf der Erde während dieses Zeitraumes zugetragen, verzeichnet. Mit innigster Teilnahme verfolgten die Marsbewohner die Kämpfe und Umwälzungen, die blutigen Schlachten und grimmen Verfolgungen und all die unsäglich verhängnisvollen Irrtümmer, in denen die Erdenkinder befangen waren. Wie oft versuchten die Marsbewohner, ihre Weltenbrüder aus diesem unheilvollen Taumel der Verblendung und der Vorurteile herauszureißen — alle Versuche, Nachrichten auf die Erde gelangen zu lassen, scheiterten an den stumpfen Sinnen und den unvollkommenen Beobachtungswerkzeugen ihrer Bewohner.

Es ist unfaßbar für unser Vorstellungsvermögen, daß die Marsbewohner schon vor Jahrtausenden die Inschriften der Pyramiden lasen und entzifferten, daß sie unsere Baustile kannten, und Abbildungen der Erdbewohner in dem Anschauungsunterricht der Marsjugend eine große Rolle spielten; denn der physische und gesellschaftliche Zustand der Erdbewohner war für sie ein Spiegelbild einer längst entschwundenen, uralten Entwicklungsepoche und zugleich ein warnendesBeispiel der verhängnißvollen Folgen eines Rückfalles in längst überwundene, barbarische Zeiten.

Das goldene Zeitalter der höchsten Entfaltung aller Tugenden der Sitte und Nächstenliebe und damit die Empfindung eines harmonischen Glücksgefühls, ein Zustand, den sich die Erdbewohner in ihren schönsten Phantasien ausgemalt, war dort oben auf dem Mars seit langen Zeiten stabilisiert.

Nach den Mitteilungen der Marsbewohner gab es dort in Folge der hochentwickelten Erkenntnis der Natur und ihrer geheimsten Wirkenskräfte keine Gegensätze, keinen Kampf und Streit. Die Erkenntnis des höchsten Wesens und die Erforschung seiner erhabenen Eigenschaften führte zu einem abgeklärten, hehren, über alle kleinlichen Vorstellungen erhobenen Gottesbegriff, daß der Zweifel verstummte und die dogmatischen Haarspaltereien der Sekten gegenstandslos wurden. Über ihre Gesellschaftsordnung berichteten sie in den folgenden lapidaren Sätzen:

Jeder Marsbürger ist vollberechtigter Erbe alles dessen, was die Marsoberfläche mit dem befruchtenden Sonnenstrahl hervorbringt, und allesdessen, was die vorangegangenen Geschlechter den Epigonen hinterlassen haben, also des gesamten geistigen und materiellen Besitztums. Die befruchtende Sonne und die gebärende Scholle haben ihre Gaben gleichmäßig verteilt, und jeder Marsgeborene ist Mitherr und Mitgenießer dieser Gaben. — Da alle Marsbewohner Brüder und Schwestern sind, aus denselben Elementen hervorgegangen und an denselben Stern gebunden, so giebt es auch keinen anderen Unterschied zwischen ihnen als den des Alters und der hervorragenden Kenntnisse.

Diese Grundgesetze der Gesellschaft sind jedem Marsbewohner eingeboren, wie der Glaube an ein höchstes, allerhaltendes, unendlich gütiges Wesen, das sich in allem Leben offenbart und das zu lieben das einzige Gebot der Marsbürger ist. Das Ganze und das Einzelne ist aber ein Einziges, und alle Wandlungen sind nur Schein, welche den Kern der Sache nicht treffen. Die Marsbewohner werden zwar geboren und sterben; aber sie erneuern sich immer wieder; sie verlieren ihrIch, verändern aber nur die Form, um am Urwesen aller Dinge weiterzuleben und weiterzubauen.Deshalb erscheint ihnen der andere als ihr eigenes Selbst, das nur dem ewigen Erscheinungswechsel unterworfen ist. Du bist inallem, und alles ist indir. Dein kleines Ich ist nur ein Tropfen, der von der Welle des Lebens für kurze Augenblicke emporgeschleudert wird aus dem ewigen Meere des Seins. Nicht länger dauert diese Trennung, als der Tropfen braucht, um wieder in den Ozean zurückzufallen. So sind die Marsbewohner mit ihrem Gotte eins, und so sind sie mit ihrem Nächsten eins. Ihr Ethos, ihr Sittengesetz baut sich auf dieser festen Grundlage auf: alles Lebende ist ein einziges Wesen, und alle Erscheinungen sind Teile dieses Wesens. Die Glückseligkeit besteht darin, dieses Urwesen aller Dinge von Schmerzen zu befreien. Wie ist das anders möglich, als daß alle lebenden Wesen von Schmerzen frei sind! Ich muß also für den anderen sorgen und ihn lieben, um mich selbst zu befreien; denn dieser andere bin ja ich in millionenfacher Wiederholung. Jeder einzelne ist nur ein kleines Glied des großen Körpers, und all der unsägliche Jammer, welcher die Organe dieses Körpers trifft, wird auch von uns empfunden, wenn wir eingehenin das ewige Leben, d. h. wenn unsere Einzelexistenz erlischt. Das dunkle Gefühl des Mitleids deutet darauf hin, daß wir mit unbekannten höheren Organen zusammenhängen mit dem großen Werden und Vergehen außer uns.

Die tausendjährige Aufgabe der Marsbewohner bestand darin, den anderen von Schmerz zu erlösen. Die Naturwissenschaften lieferten die Mittel, die Körper der Marsbewohner immer mehr zu vervollkommnen, die Krankheiten aus der Welt zu schaffen, die physische Kraft und das Wohlbefinden, sowie die Schönheit des Körpers zur höchsten Entfaltung zu bringen. Es giebt auf dem Mars keine Krankheiten mehr. Die Bürger des Mars werden hundert Marsjahre alt, das ist fast zweihundert Erdenjahre; dann stumpfen sich ihre Sinne ab, ihr Interesse am Dasein erlischt, und im heiteren Kreise der aufblühenden Jugend, umgeben von liebenden Verwandten, verdämmert ihr Einzelleben in das große, flutende Meer alles Seins. —

Die hohe Vollendung der Maschinentechnik, die Ausnützung des Lichtes, der Elektrizität und des Magnetismus haben die körperliche Arbeit der Marsbewohner auf ein Minimum reduziert. ZehnMarsjahre hat jeder Marsbürger zu arbeiten oder zu dienen, die zehn jugendkräftigsten Jahre seines Lebens; dann nimmt auch er teil an den Schätzen und Genüssen der Gesamtheit. — —

Mit unendlicher Sehnsucht blickten die Erdenbewohner zu dem glücklichen Gestirn hinauf, von dem ihnen solche Offenbarung kam. O könnten sie zurück, noch einmal zurück in ihr sonniges Paradies! Wie anders würden sie dann ihr Leben gestalten! In selbstloser Eintracht und Liebe würden sie mit den Gütern der Erde schalten, als Brüder und Schwestern würden sie wandeln Hand in Hand, wie im Garten Eden. Zu spät, zu spät! Sie hatten ihr Erbe verschwendet und ihr Leben vergeudet in Haß und Zänkereien — sie, die auf einem glücklichen Stern zur herrlichsten Lebensentfaltung, zur schönsten Eudämonie geboren waren! — — —

Nur wenige Tage dauerte die Nähe des herrlichen Gestirns und seiner edlen Bewohner. Mit nimmersatten Blicken schauten die Erdenbewohner in diese harmonische Welt des Glückes und der höchstentwickelten Lebensfreude — dann mußte Abschied genommen werden. Wie zwei Schiffe befreundeterNationen, die sich im Weltmeere begegnen und freundliche Grüße miteinander tauschen, segelten die beiden Welten aneinander vorüber. Mit unsäglicher Wehmut sahen die Erdbewohner, wie sich der Zwischenraum allmählich wieder zu vergrößern anfing. Auf Nimmerwiedersehen, Ihr edlen Brüder einer fremden Welt! so lautete das Lichtsignal, welches die Erdenkinder ihren glücklichen Freunden gaben. Auch auf dem Mars wurde eine starke Bewegung sichtbar. Signale flammten auf, die Kanäle erglänzten in blendendem Licht, und große Feuerkugeln, die in der Höhe zersprühten, formten sich zu Abschiedsworten! — Lautlos segelte der Stern vorüber. Kein Schall, keiner Stimme Laut drang zur Erde nieder. Aber die Herzen der Erdenkinder quollen über; denn sie fühlten den Strom der Liebe, der das All verbindet, herüberfluten, und süße Wehmut erfüllte ihr Gemüt. Ade — ade — Ihr Erdenkinder! so schien es ihnen herabzuklingen — ade, Ihr Brüder einer fremden Welt! Und eine wohlthuende Wärme durchströmte die Seele des Menschen. Wir sind verbunden mit dem All! Keine Vernichtung. Nicht nur die Menschen sind Brüder, nein, höhere Wesen anderer Gestirnenehmen teil an unserem Geschick und weinen ihren Weltenbrüdern Thränen nach! Ade — ade! Mählich verblaßten die Gegenstände auf dem Gestirn. Kleiner und kleiner wurden die Details, und bald vermochten auch die schärfsten Fernrohre nichts mehr zu unterscheiden als die Umrisse der Kontinente. —


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