VII. Außergewöhnliche Leistungen der Postanstalten.
Zu gewissen Zeiten des Jahres kommen ganz enorme Mengen von Postsendungen zur Auflieferung und Bearbeitung. So tritt alljährlich in der zweiten Hälfte des Monats Dezember für die deutsche Post eine besonders mühe- und arbeitsvolle Zeit ein. Es ist die Zeit um das heiligeWeihnachtsfest, wo durch das ganze Land alt und jung, reich und arm, getreu der uralten deutschen Sitte, darauf bedacht ist, die Lieben nah und fern durch eine Gabe, ein Angebinde als Zeichen freundlichen Gedenkens zu erfreuen. Hierdurch erfährt nun besonders derPaketverkehrbei der Post eine über das gewöhnliche Maß weit hinausgehende Steigerung. Dieser Päckereiverkehr ist indes für die Post kein Schreckgespenst und vermag die Ordnung ihres Betriebes nicht zu erschüttern. Freilich bedarf es zu seiner Bewältigung der umfassendsten Vorbereitungen nach verschiedenen Richtungen, der Aufwendung erheblicher außergewöhnlicher Kosten und schließlich des freudigen Einsetzens der vollen Kraft, der ganzen Umsicht und Willfährigkeit seitens des gesamten Personals von den Vorstehern bis zum Paketträger und Hilfsboten.
„Tausend fleiß’ge Hände regen,Helfen sich in munterm Bund,Und in freudigem BewegenWerden alle Kräfte kund“,
„Tausend fleiß’ge Hände regen,Helfen sich in munterm Bund,Und in freudigem BewegenWerden alle Kräfte kund“,
„Tausend fleiß’ge Hände regen,Helfen sich in munterm Bund,Und in freudigem BewegenWerden alle Kräfte kund“,
„Tausend fleiß’ge Hände regen,
Helfen sich in munterm Bund,
Und in freudigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund“,
das ist der Eindruck, den jeder, Laie oder Fachmann, erhält beim Eintritt in die Weihnachts-Packkammer oder in die Bahnhofs-Sammelstelle an irgend einem größern Orte. 1884 betrug in Berlin in den Tagen vom 12. bis 25. Dezember die Zahl der aufgelieferten, eingegangenen und durchbeförderten Pakete 2716000.
In England hat nach dem Berichte des GeneralpostmeistersFawcettdie Sitte, in derWeihnachtswocheKarten und ähnliche Überraschungen mit der Post zu übersenden, eine solche Ausdehnung angenommen, daß 1880 mehr als 11½ Millionen Briefe und kleine Pakete über den Durchschnittsverkehr und 4 t (1 t = 1016 kg) eingeschriebener Korrespondenz mehr als gewöhnlich durch das Hauptpostamt in London liefen. Der Verwaltung wurde hierdurch eine Mehreinnahme von 58000 Pfd. St. oder 1160000 M. zugeführt.
Eine ähnliche Erscheinung, wie die Hochflut des Paketverkehrs während der Weihnachtszeit, bietet derNeujahrsbriefverkehr. Er macht sich bei uns auf dem platten Lande allerdings nur wenig bemerkbar, nimmt aber mit der Größe der Städte immer mehr zu und wird in Berlin gleichsam zur Springflut. So hat am Sylvesterabend 1881 und am Neujahrstage 1882 die Zahl der bei den Postanstalten in Berlin eingeliefertenStadtbriefe1256577 Stück betragen. Zu Neujahr 1884 wurden in Berlin in der Zeit vom 31. Dezember mittags 12 Uhr bis 1. Januar abends 10 Uhr sogar 1809483 Briefschaften aufgegeben und expediert. Wenn nun auch ein gleich starkes Anwachsen des Neujahrsbriefverkehrs in keinem andern Orte Deutschlands stattfindet, so ist die allgemeine Zunahme des Briefverkehrs bei jeder Jahreswende doch so bedeutend, daß die Arbeit dann nur durch Anspannung aller verfügbaren Beamten- und Unterbeamtenkräfte, sowie durch Heranziehung außergewöhnlicher Aushilfe für den Bestelldienst bewältigt werden kann.
Es giebt noch eine Reihe von anderen,auf einzelne Orte oder auf kleinere Gebiete beschränkten Erscheinungen, die es notwendig machen, daß einerseits die Kräfte der Beamten in ungewöhnlich hohem Maße in Anspruch genommen, andererseits besondere Vorkehrungen seitens der Verwaltung getroffen werden. Sie sind teils vorübergehender Natur, teils kehren sie regelmäßig wieder; durchweg aber werden sie veranlaßt durch ungewöhnlich große Ansammlungen von Menschen an einzelnen Orten, wie auf Märkten und Messen, bei Industrie- und sonstigen Ausstellungen, bei Sänger-, Turner- und Schützenfesten, bei den Zusammenziehungen beträchtlicher Truppenkörper zu größeren Übungen, bei der regelmäßig wiederkehrenden Belegung der Militärschießplätze, insbesondere aber bei dem auf gewisse Jahreszeiten beschränkten zahlreichen Besuch von Bädern, Luftkurorten und Aussichtspunkten. In den meisten dieser Fälle steigert sich der Postdienst in einem sehr bedeutenden Maße, weil nicht nur Aussteller, Käufer undVerkäufer, sondern auch Festteilnehmer, Touristen und Badegäste einen ungewöhnlich lebhaften Verkehr unterhalten.
Es können übrigens jeden Augenblick und von jeder Seite her Anforderungen an die Postverwaltungen treten, auf deren Bewältigung sie nicht vorbereitet ist, oder welche die Leistungsfähigkeit derselben auf eine harte Probe stellen. So wurden beispielsweise im Jahre 1880 von einer Firma gleichzeitig nahezu 300000 Geschäftscirkulare beim Postamte in Hull (England) ausgeliefert, die ein Gewicht von zusammen 20 t hatten, und für welche Porto im Gesamtbetrage von 2380 Pfd. St. (47600 M.) gezahlt werden mußte. Die Beförderung der Circulare, die innerhalb 48 Stunden ordnungsmäßig stattfand, machte die Einstellung von sieben besonderen Eisenbahnwagen erforderlich. Auch in dem Verwaltungsjahr 1882/83 wurden nach dem Berichte des englischen Generalpostamtes von einer Firma in London aneinemTage 132000 Briefe und von einer andern Firma ebenda 167000 Postkarten auf die Post gegeben. In hohem Grade werden die Dienste der Post neuestens auch zur Zeit vonWahlenin Anspruch genommen. Bei den Reichstagswahlen des Jahres 1884 wurdenz. B.an einem Tage einem Postamte Berlins 24000 Kreuzbandsendungen übergeben. Es ist ferner schon mehrfach vorgekommen, daß der deutschen Bahnpost Verviers-Köln eine amerikanische Post von mehr als 60 Briefsäcken neben einer gleich starken englischen Post zugegangen ist, so daß in solchen Fällen zur Fortschaffung der Korrespondenz bis zu sechs Postwagen in den Zug haben eingestellt werden müssen.