Chapter 7

Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter ihrerWürde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte stiftete.Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe,welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mitjungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheitfür ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das istmeine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter Barbara der Angstschweiß ausbricht.«Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blicknach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch viel leiser, und lief davon.Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter allen Vieren richtete er Verwirrung an.Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott;Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute nacht, wenn du willst.Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrtensie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins Netz.In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidenerVorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose kränkt einen nicht.«Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen dürfe.Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto überfallen.Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird schießen.«»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Armum die Schulter ihres ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu können.«Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie Piquet zu spielen.Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller wurde.Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen müsse.Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vierwunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Dasaprès nous le delugeist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was unsunfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend vor ihr.Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf ermit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu fürchten.Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte,mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutetpur et simpleeinen Gipfel der Welt, eine Kulminationder Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welchetenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchszuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, deren sich die großen Herrenbedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter zeigten.»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl und die Modalität des Sterbensletzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt,mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiereim besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch ab,« sagte er scharf.»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin verbindlich.Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer Verbeugung.Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.«Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: »Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins Haus führen müssen?«Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paarWorte ins Ohr geflüstert. Die Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß brennt.«»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit:»nom de Dieu; nom de Dieu,«Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjährigerBauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie Schiffbrüchige.Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte:»Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in der Nacht herüberkommt.«Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben wollen –«Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Dasmußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde nachkommen.Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –«Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten.Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seinebête noireentdeckt, das wird es wohl sein.«Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um den Arzt zu holen.Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. EinesTages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr seifür die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. »Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt und den Purpur mit Füßen tritt –?«»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhaltenmüssen. Er ist nicht bloß ein Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; »vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den Park mit Aglaia.Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit,mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide ich sie.«»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie Marietta?«»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen Ausflucht verließ er sie.Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen zurück und verzögerte den Schritt, alsob er Wichtiges verabsäume, wenn er sich zu weit entfernte.»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; »das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht;je vois ça d’ici.Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung vonSchelmerei und fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie können nicht anders.«Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen Sinnen. Ich darfmir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah kränklich aus.Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige könnte es aushalten.«Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegeneda gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte er sich alt. Er erschien sich wie einBaum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailamaist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr,älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und Tücher.Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines Lebens mehr.Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«Regungslos starrte er Marietta an.Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren unduns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus.Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, unwidersprechlich ist.Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesichtwar ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte sich ins Arge.Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und Nachfolge.

Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter ihrerWürde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte stiftete.

Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.

Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe,welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.

Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.

Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mitjungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?

Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.

Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheitfür ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.

Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.

An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das istmeine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«

Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.

Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.

Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter Barbara der Angstschweiß ausbricht.«

Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blicknach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch viel leiser, und lief davon.

Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter allen Vieren richtete er Verwirrung an.

Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.

Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott;Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.

Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.

Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute nacht, wenn du willst.

Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.

Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrtensie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins Netz.

In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.

Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidenerVorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose kränkt einen nicht.«

Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen dürfe.

Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto überfallen.

Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird schießen.«

»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Armum die Schulter ihres ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«

Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu können.«

Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie Piquet zu spielen.

Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller wurde.

Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen müsse.

Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.

Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?

Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vierwunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.

»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«

Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Dasaprès nous le delugeist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«

»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was unsunfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.

»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf ermit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.

Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.

Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu fürchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte,mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.

Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.

Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutetpur et simpleeinen Gipfel der Welt, eine Kulminationder Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welchetenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«

»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchszuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, deren sich die großen Herrenbedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter zeigten.

»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl und die Modalität des Sterbensletzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«

»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.

»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt,mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«

Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiereim besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«

Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch ab,« sagte er scharf.

»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.

»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin verbindlich.

Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer Verbeugung.

Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.«

Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«

Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: »Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins Haus führen müssen?«

Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paarWorte ins Ohr geflüstert. Die Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß brennt.«

»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.

Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit:»nom de Dieu; nom de Dieu,«Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.

Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjährigerBauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie Schiffbrüchige.

Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte:»Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«

Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in der Nacht herüberkommt.«

Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«

Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«

Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben wollen –«

Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Dasmußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«

Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde nachkommen.

Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –«Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«

Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.

Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.

Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten.Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...

Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.

Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seinebête noireentdeckt, das wird es wohl sein.«

Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um den Arzt zu holen.

Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. EinesTages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«

Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.

Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.

Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.

Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr seifür die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.

»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.

»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«

»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.

Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.

Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. »Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt und den Purpur mit Füßen tritt –?«

»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«

»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhaltenmüssen. Er ist nicht bloß ein Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«

»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«

Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; »vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«

Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.

An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den Park mit Aglaia.

Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit,mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide ich sie.«

»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie Marietta?«

»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«

»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen Ausflucht verließ er sie.

Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.

Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen zurück und verzögerte den Schritt, alsob er Wichtiges verabsäume, wenn er sich zu weit entfernte.

»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«

»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.

»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; »das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht;je vois ça d’ici.Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung vonSchelmerei und fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«

»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«

Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie können nicht anders.«

Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen Sinnen. Ich darfmir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah kränklich aus.

Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige könnte es aushalten.«

Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegeneda gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.

Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.

Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.

Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte er sich alt. Er erschien sich wie einBaum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.

»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.

Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailamaist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr,älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«

»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und Tücher.Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.

Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren unduns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«

Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.

Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.

»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus.Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesichtwar ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und Nachfolge.


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