Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf seinen Platz zurück und versank in sonderbaresBrüten. Die Herren zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich erschöpft.Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken betrachtend.Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den guten Rock an, ging fort.Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll ausgeführten Lettern zu lesen:Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins Irrenhaus gehört so einer.«Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, als er grußlos hinausstürzte.Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten durch die nasse Dunkelheit.Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; »ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha und seinen blödsinnigen Verschen?«Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen sein. Und dann das noch:»Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige kauerten aufder Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt, und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche, doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und lag bewußtlos da.Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher, den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen, blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den Schmerz.Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderersagte, alle Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe, in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder. Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflechtmit beschmutztem blauen Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt. Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden, blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. »Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei. Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf und verlangte Josts Adresse.Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten. Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die Bindung zerfiel.Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er war, fand er die Last federleicht. Er reichteJost Schirm und Körbchen, dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten, rebellischen Ton.Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht, in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis, daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher, an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit Lottonummern.Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkassezu schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der Bettstatt niederkniete.Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines Lichtes in einer Grube.Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen Zuflüssen der Qual verstärkte.Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und Wasser und Speiseweggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen ausgelöscht?Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man das aushalten?«Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. Hören Sie? hören Sie?«Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu ihnen und beschwichtigte sie.Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«Er sprach mit geweiteten Augen, in denen esphosphoreszierte, mit hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt schallt: ich, ich, ich!«Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß der nächste Umkreis auf dem Tisch matteHelligkeit erhielt. Die Schlöte vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem Freund? Schriebensie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur auf einem gemalten Kirchenfenster.Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche er alle die vielen Hände dort zumSchutz. »O Kind!« rief er schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«Schluß
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf seinen Platz zurück und versank in sonderbaresBrüten. Die Herren zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich erschöpft.
Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken betrachtend.
Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den guten Rock an, ging fort.
Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll ausgeführten Lettern zu lesen:
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«
Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins Irrenhaus gehört so einer.«
Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, als er grußlos hinausstürzte.
Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten durch die nasse Dunkelheit.
Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; »ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.
Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha und seinen blödsinnigen Verschen?«
Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:
»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,Und der sie aufgericht und hingestellt,Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen sein. Und dann das noch:
»Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
»Und immer neue baut er Tag und NachtUnd hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.
Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige kauerten aufder Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt, und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche, doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und lag bewußtlos da.
Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher, den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen, blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den Schmerz.
Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderersagte, alle Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe, in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.
»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«
Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder. Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflechtmit beschmutztem blauen Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.
So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt. Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden, blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. »Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei. Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf und verlangte Josts Adresse.
Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten. Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die Bindung zerfiel.
Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er war, fand er die Last federleicht. Er reichteJost Schirm und Körbchen, dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten, rebellischen Ton.
Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht, in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis, daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher, an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.
Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit Lottonummern.
Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkassezu schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«
Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der Bettstatt niederkniete.
Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines Lichtes in einer Grube.
Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen Zuflüssen der Qual verstärkte.
Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und Wasser und Speiseweggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«
Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.
»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen ausgelöscht?Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man das aushalten?«
Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. Hören Sie? hören Sie?«
Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu ihnen und beschwichtigte sie.
Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«
Er sprach mit geweiteten Augen, in denen esphosphoreszierte, mit hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt schallt: ich, ich, ich!«
Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß der nächste Umkreis auf dem Tisch matteHelligkeit erhielt. Die Schlöte vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.
Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.
Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.
Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem Freund? Schriebensie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.
Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.
Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur auf einem gemalten Kirchenfenster.
Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche er alle die vielen Hände dort zumSchutz. »O Kind!« rief er schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«
Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.
Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:
»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«
Schluß