Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem Nein führt.
Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, – was erschöpft.
Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das Gefühl der Kraft rechtfertigt.
Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend, Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt. Dies sind alles Werte der Erschöpften.
Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte eingedrungen seien.
Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der in mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit, mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile Erschöpfter.
Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform derdécadenceist.
Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die Auswahl in der Gattung,ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen – das hieß bisher Tugendpar excellence....
Man soll dasVerhängnisin Ehren halten; das Verhängnis, das zum Schwachen sagt „geh zugrunde!“...
Man hat esGottgenannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, – daß man die Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen Gottes nicht unnützlich führen....
Die Rasse ist verdorben – nicht durch ihre Laster, sondern ihre Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die Ursache alles Übels....
Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.
Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten sind?.... Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu stehen?....
Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele.Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und Seltneren bis hinauf zur Größe.
Gesamteinsicht.– Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auch ein ungeheuresAbbröckelnundVergehenmit sich: das Leiden, die Symptome des Niedergangsgehörenin die Zeiten ungeheuren Vorwärtsgehens; jede fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit hat zugleich eine nihilistische Bewegungmitgeschaffen. Es wäre unter Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen, daß dieextremsteForm des Pessimismus, der eigentlicheNihilismus, zur Welt käme.Dies habe ich begriffen.
Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: aber werdavon kommt, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der Renaissance.
Es ist die Zeit desgroßen Mittags, der furchtbaren Aufhellung:meine Art von Pessimismus: – großer Ausgangspunkt.
I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung des Menschen.
II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte der Lüge und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (desHerdenwillens, welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt).
III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die Ermöglichung einerAuswahlauf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles Wachstums.
IV. DieVieldeutigkeitder Welt als Frage derKraft, welche alle Dinge unter derPerspektive ihres Wachstumsansieht. Die moralisch-christlichen Werturteile als Sklavenaufstand und Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werte derantikenWelt).
Ich fand nochkeinenGrund zur Entmutigung. Wer sich einenstarken Willenbewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste, hat günstigere Chancen als je. Denn dieDressierbarkeitder Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchenmüssen: ich denke zum Beispiel an Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit starken und unintelligenten Willen, welche am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren „Objektiven“ mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!
Der Sozialismus – als die zu Ende gedachteTyranneider Geringsten und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler – ist in der Tat die Schlußfolgerung der „modernen Ideen“ und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen oder gar zumSchlußzu kommen. Man folgt, aber man folgert nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus im ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache: und nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die Sozialisten machen – und von was für erbärmlichen, gequetschten Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! – und dem harmlosen Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune, welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat, war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zu viel Besitzende geben, als daß der Sozialismus mehr bedeuten könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden sind wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen, um etwas zusein“. Dies aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte: ich würde hinzufügen „man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr zuwerden“. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. Haben und mehr haben wollen,Wachstummit einem Wort – das ist das Leben selber. In der Lehre des Sozialismus versteckt sich schlecht ein „Wille zur Verneinung des Lebens“; es müssen mißratene Menschen oder Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der Tat, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen, daß in einer sozialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. DieErde ist groß genug und der Mensch immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung unddemonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswert erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den „Frieden auf Erden“ und die gänzliche Vergutmütigung des demokratischen Herdentieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht, übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, – er schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohendenmarasmus femininus.
Ichfreuemich der militärischen Entwicklung Europas, auch der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist vorbei. PersönlichemännlicheTüchtigkeit, Leibestüchtigkeit bekommt wieder Wert, die Schätzungen werden physischer, die Ernährungen fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in jedem von unsbejaht, auch das wilde Tier.Gerade deshalbwird es mehr werden mit den Philosophen. – Kant ist eine Vogelscheuche, irgendwann einmal!
Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der Modernität:
1. die allgemeineWehrpflichtmit wirklichen Kriegen, bei denen der Spaß aufhört;
2. dienationaleBorniertheit (vereinfachend, konzentrierend);
3. die verbesserteErnährung(Fleisch);
4. die zunehmendeReinlichkeitund Gesundheit der Wohnstätten;
5. die Vorherrschaft derPhysiologieüber Theologie, Moralistik, Ökonomie und Politik;
6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner „Schuldigkeit“ (manlobtnicht mehr....).
Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres Verhalten zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, Goetheschere Stellung zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere Empfindung in betreff des Erkennens: so daß der „reine Tor“ wenig Glauben findet.
Wenn irgend etwas unsereVermenschlichung, einen wahren, tatsächlichenFortschrittbedeutet, so ist es, daß wir keine exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze mehr brauchen....
Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem Grade vergeistigt und artistisch gemacht;
wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten bisherverrufenwaren.
Daß man den Menschen denMutzu ihren Naturtrieben wiedergibt –
Daß man ihrerSelbstunterschätzungsteuert (nichtder des Menschen als Individuums, sondern der des Menschen als Natur....) –
Daß man dieGegensätzeherausnimmt aus den Dingen, nachdem man begreift, daß wir sie hineingelegt haben –
Daß man dieGesellschafts-Idiosynkrasieaus dem Dasein überhaupt herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, Liebe usw.) –
Fortschritt zur „Natürlichkeit“: in allen politischen Fragen, auch im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- oder Unternehmerparteien, handeltes sich umMachtfragen– „was mankann“ und erst daraufhin, was mansoll.
Die Umkehrung der Rangordnung.– Die frommen Falschmünzer, die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: – sie nehmen die Stellung der Charlatans, der Quacksalber, der Falschmünzer, der Zauberer ein: wir halten sie für Willensverderber, für die großen Verleumder und Rachsüchtigen des Lebens, für dieEmpörerunter den Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, den Sudras, unsern Mittelstand gemacht, unser „Volk“, das, was die politische Entscheidung in den Händen hat.
Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran dieGotteslästerer,die Immoralisten, die Freizügigen jeder Art, die Artisten, die Juden, die Spielleute, – im Grunde alleverrufenenMenschenklassen –.
Wir haben uns zuehrenhaftenGedanken emporgehoben, mehr noch, wirbestimmendie Ehre auf Erden, die „Vornehmheit“.... Wir alle sind heute dieFürsprecher des Lebens–. WirImmoralistensind heute diestärkste Macht: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir konstruieren die Welt nach unserm Bilde –
Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf diePriester,Jenseits-Lehrerund die mit ihnen verwachsenechristliche Gesellschaftübertragen, hinzugenommen, was gleichen Ursprungs ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, Verbrecher, Lasterhaften, – die gesamte Sphäre, wo der Begriff „Gott“ alsHeilandimaginiert wird....
Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, keine Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....
DasProblem des neunzehnten Jahrhunderts. Ob seine starke und schwache Seite zueinander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt ist? Ob die Verschiedenheit seiner Ideale und deren Widerspruch in einem höheren Zweckbedingt ist: als etwas Höheres? – Denn es konnte dieVorbestimmung zur Größesein, in diesem Maße in heftiger Spannung zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilismuskönnteeingutes Zeichen sein.
Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert(– das 18. Jahrhundert ist das der Eleganz, der Feinheit und dersentiments généreux). – Nicht „Rückkehr zur Natur“: denn es gab noch niemals eine natürliche Menschheit. Die Scholastik un- undwidernatürlicher Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der Mensch nach langem Kampfe, – er kehrt nie „zurück“.... Die Natur: das heißt, es wagen, unmoralisch zu sein wie die Natur.
Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse Gefühle, selbst wenn wir ihnen unterliegen.
Natürlicher ist unsre ersteGesellschaft, die der Reichen, der Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe ist eine Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und einen Reiz abgibt; man unterhält sich und lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die körperlichen Vorzüge in erster Linie, man ist neugierig und gewagt.
Natürlich ist unsere Stellung zurErkenntnis: wir haben die Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir hassen die pathetischen und hieratischen Manieren, wir ergötzen uns am Verbotensten, wir wüßten kaum noch ein Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu ihr zu langweilen hätten.
Natürlicher ist unsere Stellung zurMoral. Prinzipien sind lächerlich geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie mehr von seiner „Pflicht“ zu reden. Aber man schätzt eine hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (– man sieht imInstinktdie Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein paar Ehrenpunktsbegriffe –).
Natürlicher ist unsere Stellungin politicis: wir sehen Probleme der Macht, des Quantums Macht gegen ein anderes Quantum. Wir glauben nicht an ein Recht, das nicht auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir empfinden alle Rechte als Eroberungen.
Natürlicher ist unsre Schätzunggroßer Menschen und Dinge: wir rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir finden nichts groß, wo nicht ein großes Verbrechen einbegriffen ist; wir konzipieren alles Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen in bezug auf Moral.
Natürlicher ist unsere Stellung zurNatur: wir lieben sie nicht mehr um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ willen, wir haben sie hübsch „verteufelt“ und „verdummt“. Aber statt sie darum zu verachten, fühlen wir uns seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriertnichtzur Tugend: wir achten sie deshalb.
Natürlicher ist unsere Stellung zurKunst: wir verlangen nicht von ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der brutale Positivismus, welcher konstatiert, ohne sich zu erregen.
In summa: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer des 19. Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; er hat einen guten Schritt dazu gemacht, sich einmal seine unbedingte Natürlichkeit, das heißt seine Unmoralität, einzugestehen,ohne Erbitterung: im Gegenteil, stark genug dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.
Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob dieKorruptionfortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch sich nicht der „Natur“ angenähert hat, von derRousseauredet, sondern einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation, welche erperhorreszierte. Wir haben unsverstärkt: wir sind dem 17. Jahrhundert wieder näher gekommen, dem Geschmack seines Endes namentlich (Dancourt, Lesage, Regnard).
Fortschrittdes neunzehnten Jahrhunderts gegen das achtzehnte (– im Grunde führen wirguten Europäereinen Krieg gegen das achtzehnte Jahrhundert –):
1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne verstanden, als es Rousseau verstand.Weg vom Idyll und der Oper!
2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser, arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen,antirevolutionär;
3. immer entschiedener die Frage derGesundheit des Leibesder „der Seele“ voranstellend: letztere als einen Zustand in Folge der ersteren begreifend, diese mindestens als die Vorbedingung der Gesundheit der Seele.
Das 20. Jahrhundert.– Der Abbé Galiani sagt einmal:La prévoyance est la cause des guerres actuelles de l'Europe. Si l'on voulait se donner la peine de ne rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et je ne crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne ferait pas la guerre.Da ich durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines verstorbenen Freundes Galiani teile, so fürchte ich mich nicht davor, einiges vorherzusagen und möglicherweise damit die Ursache von Kriegen heraufzubeschwören.
Eine ungeheureBesinnung, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit neuen Fragen.
Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, sondern wiederum durch extreme, aberumgekehrte. Und so ist der Glaube an die absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der psychologisch-notwendigeAffekt, wenn der Glaube an Gott und eine essentiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein größer wäre als früher, sondern weil man überhaupt gegen einen „Sinn“ im Übel, ja im Dasein mißtrauisch geworden ist.EineInterpretation ging zugrunde: weil sie aber alsdieInterpretation galt, erscheint es, als ob es gar keinen Sinn im Dasein gebe, als ob allesumsonstsei.
Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen gegen unsere früheren Wertschätzungen steigert sich bis zur Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘ Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber durchaus nicht einer Lösung näherkommt?“ DieDauer, mit einem „Umsonst“ ohne Ziel und Zweck, ist derlähmendsteGedanke, namentlich noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist, sich nicht foppen zu lassen.
Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: „die ewige Wiederkehr“.
Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“) ewig!
Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist diewissenschaftlichstealler möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins, so müßte es erreicht sein.
Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus angestrebt wird: denn „alles vollkommen, göttlich, ewig“ zwingtebenfalls zu einem Glauben an die „ewige Wiederkunft“. Frage: ist mit der Moral auch diese pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich gemacht? Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. Hat es einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von Gut und Böse“ zu denken? Wäre ein Pantheismus indiesemSinne möglich? Bringen wir die Zweckvorstellung aus dem Prozesse weg, und bejahen wirtrotzdemden Prozeß? – Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes Prozesses in jedem Momente desselbenerreichtwürde – und immer das Gleiche. Spinoza gewann eine solche bejahende Stellung, insofern jeder Moment einelogischeNotwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem logischen Grundinstinkte über einesolcheWeltbeschaffenheit.
Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall.Jeder Grundcharakterzug, derjedemGeschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen ausdrückt, müßte, wenn er von einem Individuum alsseinGrundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben, triumphierend jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es käme eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut, wertvoll, mit Lust empfindet.
Nun hat dieMoraldas Leben vor der Verzweiflung und dem Sprung ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche vonMenschenvergewalttätigt und niedergedrückt wurden: denn die Ohnmacht gegen Menschen,nichtdie Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt die desperateste Verbitterung gegen das Dasein. Die Moral hat die Gewalthaber, die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die Feinde behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt,das heißt zunächst ermutigt, gestärktwerden muß. Die Moral hat folglich am tiefstenhassenundverachtengelehrt, was der Grundcharakterzug der Herrschenden ist:ihren Willen zur Macht. Diese Moral abschaffen, leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einerumgekehrtenEmpfindung und Wertung ansehen. Wenn der Leidende, Unterdrückteden Glauben verlöre, einRechtzu seiner Verachtung des Willens zur Macht zu haben, so träte er in das Stadium der hoffnungslosen Desperation. Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem Leben essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen zur Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß auch jenes Hassen und Verachten noch ein Machtwille ist. Der Unterdrückte sähe ein, daß er mit dem Unterdrückerauf gleichem Bodensteht und daß er keinVorrecht, keinenhöherenRang vor jenem habe.
Vielmehrumgekehrt! Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, außer dem Grade der Macht – gesetzt eben, daß Leben selbst der Wille zur Macht ist. Die Moral behütete dieSchlechtweggekommenenvor Nihilismus, indem siejedemeinen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, Demut usw.Gesetzt, daß der Glaube an diese Moral zugrunde geht, so würden die Schlechtweggekommenen ihren Trost nicht mehr haben – undzugrunde gehen.
Das Zugrundegehenpräsentiert sich als einSich-zugrunde-richten, als ein instinktives Auslesen dessen, waszerstören muß.Symptomedieser Selbstzerstörung der Schlechtweggekommenen: die Selbstvivisektion, die Vergiftung, Berauschung, Romantik, vor allem die instinktive Nötigung zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zuTodfeindenmacht (– gleichsam sich seine Henker selbst züchtend), derWille zur Zerstörungals Wille eines noch tieferen Instinkts, des Instinkts der Selbstzerstörung, desWillens ins Nichts.
Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen keinen Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie, von der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, „sich zu ergeben“, – daß sie sich auf den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen und auch ihrerseitsMacht wollen, indem sie die Mächtigenzwingen, ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des Buddhismus, dasNein-tun, nachdem alles Dasein seinen „Sinn“ verloren hat.
Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! „Gott, Moral, Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar tiefen Stufen des Elends: deraktive Nihilismustritt bei relativ viel günstiger gestalteten Verhältnissen auf. Schon daß die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch den langen Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten SkepsisgegenPhilosophie gebracht, kennzeichnet ebenfalls den keineswegsniederenStand jener Nihilisten. Man denke an die Lage, in der Buddha auftrat. DieLehre der ewigen Wiederkunft würdegelehrteVoraussetzungen haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum Beispiel Begriff der Kausalität usw.).
Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allemphysiologisch: nicht mehr politisch. DieungesundesteArt Mensch in Europa (in allen Ständen) ist der Boden dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die ewige Wiederkunft als einenFluchempfinden, von dem getroffen man vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv auslöschen, sondern alles auslöschenmachen, was in diesem Grade sinn- und ziellos ist: obwohl es nur ein Krampf, ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß alles seit Ewigkeiten da war – auch dieser Moment von Nihilismus und Zerstörungslust. – DerWerteiner solchenKrisisist, daß siereinigt, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt und sich aneinander verderben macht, daß sie den Menschen entgegengesetzter Denkweisen gemeinsame Aufgaben zuweist – auch unter ihnen die schwächeren, unsichreren ans Licht bringend und so zu einerRangordnung der Kräfte, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende. Natürlich abseits von allen bestehenden Gesellschaftsordnungen.
Welche werden sich als dieStärkstendabei erweisen? Die Mäßigsten, die, welche keine extremsten Glaubenssätzenötighaben, die, welche einen guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, die, welche vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich vor den Malheurs nicht so fürchten – Menschen, dieihrer Macht sicher sindund die dieerreichteKraft des Menschen mit bewußtem Stolze repräsentieren.
Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? –