Chapter 14

Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“ gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen überhaupt anhaften:

1. derRausch: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen;

2. dieextreme Schärfegewisser Sinne: so daß sie eineganz andre Zeichensprache verstehen – und schaffen, – dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint –; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was Zeichen zu geben weiß –; ein Bedürfnis, sich gleichsam loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch hundert Sprachmittel zu reden, – einexplosiverZustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann als unfreiwilligeKoordination dieser Bewegungzu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), – als eine Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender starker Reize –; Unfähigkeit, die Reaktion zuverhindern; der Hemmungsapparat gleichsamausgehängt. Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet vonVaskularveränderungenund folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. DiesuggestiveKraft der Musik, ihre „suggestion mentale“; –

3. dasNachmachen-müssen: eine extreme Irritabilität, bei der sich ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, – ein Zustand wird nach Zeichen schon erraten unddargestellt.... Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder –, eine gewisseWillensaushängung.... (Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein nach außen hin, – das Reich derzugelassenenReize ist scharf umgrenzt.

Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, – dergestalt, daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, – vom Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker –) einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraftverarme.... Es ist hier wie bei der Differenz derGeschlechter: man soll vom Künstler, dergibt, nicht verlangen, daß er Weib wird, – daß er „empfängt“.

Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler.... Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damitvergreifen, – er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. – Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein, – andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“.

Das Rauschgefühl, tatsächlich einemMehr von Kraftentsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen; – die „Verschönerung“ ist eine Folge dererhöhtenKraft. Verschönerung als Ausdruck einessiegreichenWillens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts. Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder dasWahrnehmensolcher Vereinfachung das Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große Stil.

Die Häßlichkeit bedeutetdécadenceeines Typus, Widerspruch und mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, – bedeutet einen Niedergang anorganisierenderKraft, an „Willen“, psychologisch geredet.

Der Lustzustand, den manRauschnennt, ist exakt ein hohes Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erstwahrnehmbar; dieAusdehnungdes Blicks über größere Mengen und Weiten; dieVerfeinerung des Organsfür die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten; dieDivination, die Kraft des Verstehens auf die leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“Sinnlichkeit–; dieStärkeals Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod.... Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als Suggestion für den andern: – dergestalt sind schließlich Zustände ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (– zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie und das Mitleid (– ebenfalls normal koordiniert....). Frühling, Tanz, Musik: – alles Wettbewerb der Geschlechter, – und auch noch jene Faustische „Unendlichkeit im Busen“.

Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken.... Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines Künstlers, – und jedenfalls hört auch bei Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen sein.

Die Zustände, in denen wir eineVerklärungundFüllein die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls.DreiElemente vornehmlich: derGeschlechtstrieb, derRausch, dieGrausamkeit, – alle zur ältestenFestfreudedes Menschen gehörend, alle insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.

Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einerErregung jener Sphären, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: – und eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen und Begierden ist derästhetische Zustand. Letzterer tritt nur bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden Fülle des leiblichenvigorüberhaupt fähig sind; in ihm ist immer dasprimum mobile. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (zum Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung des Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts.

„Vollkommenheit“: – in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichennach welchemStatus er eigentlichstrebt. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige Überschäumen über alle Ränder....

DieSinnlichkeitin ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend – : 2. in der Religion der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele – : 3. in derKunst, als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit desKünstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält – dergestaltvollendeter ein Objekt („idealisiert“ es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das Weib empfindet,kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen, indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichenübt sie Scham, Zurückhaltung, Distanz – mit dem Instinkt dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Manneswächst. (– Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade dienaive wirkliche Schamhaftigkeitden Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv – aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein willentlichesdie-Augen-über-sich-geschlossen-halten.... Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist,wirdsie unbewußt.)

Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch etwas anderes ist als Liebe! – Doch darüber hat jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchenswächst, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichenKraftstückenzu befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht – und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. – Und wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat man alle weiblichenpudeurs.... Diese jungen Geschöpfe,die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, – o wie gut sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig,weilsie das wissen! – Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist ihrdritterkleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie an ihren Gott glauben: – und wer widerriete ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die Transfigurationskraft des Rausches geht? – Die „Liebe“ ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an ihrer Stelle zu finden scheint, – ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher, vollkommener, manistvollkommener.... Wir finden hier dieKunstals organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, – Kunstsomit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt.... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie dasGefühlder Werte verschiebt: der Liebendeistmehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger,ganzerals im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und Musik übrig?....L'art pour l'artvielleicht: das virtuose Gequak kaltgestellterFrösche, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den ganzenRestschuf die Liebe....

Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, – sie redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Spezies des Guthörigen.

Alle Kunst wirkttonisch, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des Rausches an, – es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.

Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, wasausgeschlossenwird von der Kunst, ihrNein: – jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben,die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit seinemNein. Das Häßliche wirktdepressiv: es ist der Ausdruck einer Depression. EsnimmtKraft, es verarmt, es drückt.. Das HäßlichesuggeriertHäßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: – Schwere, Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert: – Gegensatz einer göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden.

Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum vonMitteilungsmittelnzugleich mit einer extremenEmpfänglichkeitfür Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, – er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.

Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung der großen Kunst,nichtderen Verhinderung.... Jede Erhöhung des Lebens steigert die Mitteilungskraft, insgleichen die Verständniskraft des Menschen. DasSichhineinleben in andere Seelenist ursprünglich nichts Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die „Sympathie“ oder was man „Altruismus“ nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur Geistigkeit gerechneten psycho-motorischen Rapports (induction psycho-motricemeint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken mit: man teilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf Gedanken hinzurückgelesenwerden.

Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischenvigor; sie ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der animalischen Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; – eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.

Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mitteilt, der über dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust,unswehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl der Macht über uns).

Zur Genesis der Kunst.– JenesVollkommenmachen, Vollkommensehen, welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen zerebralen System zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, „das Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend etwas“): andrerseits wirkt jedesVollkommeneundSchöneals unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art, zu sehen – jedeVollkommenheit, die ganzeSchönheitder Dinge erweckt durchcontiguitydie aphrodisische Seligkeit wieder. (Physiologisch: der schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung dessemenins Blut....) DasVerlangen nach KunstundSchönheitist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem Zerebrum mitteilt. Dievollkommen gewordne Welt, durch „Liebe“....

Die Vermoralisierung der Künste.– Kunst als Freiheit von der moralischen Verengung und Winkeloptik; oder als Spott über sie. Die Flucht in die Natur, wo ihreSchönheitmit derFurchtbarkeitsich paart. Konzeption desgroßenMenschen.

– Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch schon trübe macht, „dieschönen Seelen“.

– Dieverblichenen Idealeaufwecken in ihrer schonungslosen Härte und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind.

– Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisierten Künstlern.

– DieFalschheitder Kunst, – ihre Immoralität ans Licht ziehen.

– Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche Animalität) ans Licht ziehen.

Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempoverschiedenheit in beiden Zuständen geben.... Dieextreme Ruhe gewisser Rauschempfindungen(strenger: die Verlangsamung des Zeit- und Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden und Seelenarten. Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe, Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, –das höchste Gefühl der Machtist konzentriert im klassischen Typus. Schwer reagieren: ein großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf.

Apollinisch – dionysisch.– Es gibt zwei Zustände, in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision, andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im normalen Leben vorgespiegelt, nur schwächer: im Traum und im Rausch.

Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch: beide entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der Traum die des Sehens, Verknüpfens,Dichtens; der Rausch die der Gebärde, der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes.

Der Sinn und die Lust an derNuance(– die eigentliche Modernität), an dem, wasnichtgenerell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher seine Lust und Kraft im Erfassen desTypischenhat: gleich dem griechischen Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des Lebendigen ist darin, dasMaßwird Herr, jeneRuheder starken Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wirdverehrtundherausgehoben; die Ausnahme wird umgekehrt beiseite gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt – das „gefällt“: das heißt, das korrespondiert mit dem, was man von sich hält.

„Musik“ – und der große Stil.– Die Größe eines Künstlers bemißt sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen; daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß erwill.... Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik,Gesetzwerden – das ist hier die große Ambition. – Mit ihr stößt man zurück; nichts reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, – eine Einöde legt sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel.... Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. Gehört die Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon der Seele der Musik, – dem „Weibe“ in unsrer Musik?....

Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren Abend erreichte, als die „Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: – gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schondécadence?....

Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich in ihr jede Ambition der Klassizität von selbst verböte?

Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß die Musik ihre höchste Reife und Fülle alsRomantikerlangt –, noch einmal als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität.

Mozart – eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große Romantiker im Sinne desfranzösischenBegriffs Romantik, wie Wagner der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des klassischen Geschmacks, des strengen Stils, – um vom „großen“ hier nicht zu reden.

DieRomantik: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.

Die ästhetischen Zustände zwiefach.

Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden.

Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich schöpferisch macht – der von sich und seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt.

Ist die Kunst eine Folge desUngenügens am Wirklichen? Oder ein Ausdruck derDankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten FalleRomantik, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurzApotheosenkunst): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, denAnscheinder christlichen Weltauslegung zu vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo esnichtspezifisch christlich sich zeigte.

Mit dermoralischenInterpretation ist die Welt unerträglich. Das Christentum war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt zu verneinen.In praxilief ein solches Attentat des Wahnsinns – einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt – auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre Rechnung, ihreFörderung, wenn man will.

HomeralsApotheosenkünstler; auch Rubens. Die Musik hat noch keinen gehabt.

Die Idealisierung desgroßen Frevlers(der Sinn für seineGröße) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.

Was ist Romantik?– In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu empfehlen scheinen – sie ist bei weitem augenscheinlicher – nämlich die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden, nach „Sein“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen nach Zerstörung, nach Wechsel, nachWerden. Aber beide Arten des Verlangens erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich dünkt,vorgezogenenSchema.

Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werdenkannder Ausdruck der übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist, wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch derHaßder Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, zerstörenmuß, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein selbst empört und aufreizt.

„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen: – eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend; – es kann aber auch jener tyrannische Wille eines Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichenGesetzund Zwang stempeln möchte, und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.

Ob nicht hinter dem Gegensatz vonKlassischundRomantischder Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen liegt? –

UmKlassikerzu sein, muß manallestarken, anscheinend widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie miteinander unter einem Joche gehen, zurrechtenZeit kommen, um einGenusvon Literatur oder Kunstoder Politik auf seine Höhe und Spitze zu bringen (: nichtnachdemdies schon geschehen ist....): einenGesamtzustand(sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des Fremden (oder noch abhängig ist....); kein reaktiver, sondern einschließenderund vorwärts führender Geist sein,Jasagend in allen Fällen, selbst mit seinem Haß.

„Es gehört dazunichtder höchste persönliche Wert?“... Vielleicht zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier nicht ihr Spiel spielen, und ob großemoralischeHöhe nicht vielleicht an sich einWiderspruchgegen dasKlassischeist?.... Ob nicht die moralischen Monstra notwendigRomantikersein müssen in Wort und Tat?.... Ein solches Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen Monstrum) steht eben der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es wirklich Lord Bacon ist).

Zukünftiges.–Gegen die Romantik der großen „Passion“.– Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit, „drei Einheiten“, Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt,esprit, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es sich nachher formulierenmuß.

Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir jetzt erstsehen: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, dasklassische Ideal wieder entdeckt zu haben....und zu gleicher Zeit Shakespeare. – Und dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber man wollte die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! Man glaubte, die Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!

Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des Komplexen, des Ungewissen.

Die Romantiker in Deutschland protestiertennichtgegen den Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack, achtzehntes Jahrhundert.

Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: Gegensatz derklassischen Sensibilität.

Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich die Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit,sichin der Hauptsache zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch Massen (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine).

DerKünstlerphilosoph. Höherer Begriff derKunst. Ob der Mensch sich so fern stellen kann von den andern Menschen, uman ihnen zu gestalten? (– Vorübungen: 1. der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler; 2. derbisherigeKünstler als der kleine Vollender an einem Stoffe.)


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