II. Religion.

Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.– Bei den griechischen Philosophen sehe ich einenNiedergang der Instinkte: sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, denbewußtenZustand als denwertvollerenanzusetzen. DieIntensität des Bewußtseinssteht imumgekehrtenVerhältnis zur Leichtigkeit und Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte dieumgekehrte Meinungüber den Instinkt: was immer das ZeichengeschwächterInstinkte ist.

Wir müssen in der Tat dasvollkommene Lebendort suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seineNützlichkeitsich vorführt). Die Rückkehr zur Tatsache desbon sens, desbon homme, der „kleinen Leute“ aller Art.Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheitseit Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einerräsonnierenden Tugendist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen kompromittiert.

Tartüfferie derWissenschaftlichkeit. – Man muß nicht Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu affektieren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner „Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. – Man soll dieTatsache, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von PascalsPenséeshaben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.

Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:

1. in bezug auf dieDarlegung, wenn sie nicht derGenesisder Gedanken entspricht;

2. in den Ansprüchen aufMethoden, welche vielleicht zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;

3. in den Ansprüchen aufObjektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von Eitelkeit, zum Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.

Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral gleichsam einmagaziniert worden ist – also die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit –, so strahlt die Gesamtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten, in diegeistigeSphäre. In allem Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, – das alles ist eben Bewußtwerden.... Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonnieren: man mache die Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht....

Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, dasbewußtverläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das Denken desselben, sofern es von seinenInstinktengeführt wird.

Der Philosoph gegen dieRivalen, zum Beispiel gegen die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich eineForm der Erkenntnisvor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, – er weiß seine Gegner als „Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand.

Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: – er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu erscheinen.In summa: soweit erkämpft, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.

Man sucht das Bild der Welt inderPhilosophie, bei der es uns am freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen!

Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung des Edelstenund am Anblick, wie er schrittweise ins Verderben gerät: als Lust amKommenden, Zukünftigen, welches triumphiert über dasvorhandene noch so Gute. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).

Meine Neuerungen.– Weiterentwicklung des Pessimismus: der Pessimismus des Intellekts; diemoralischeKritik, Auflösung des letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen desVerfalls: umschleiert durch Wahn jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und dadurch stark.

1. MeinAnstrebengegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der Persönlichkeit. Ich suchte ein neuesZentrum.

2. Unmöglichkeit dieses Strebenserkannt.

3.Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, – darin fand ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein!– – Ich erkannte, daß der Zustand derAuflösung, in dereinzelneWesen sich vollendenkönnen wie nie– ein Abbild undEinzelfall des allgemeinen Daseins ist. Gegen die lähmende Erfindung der allgemeinen Auflösung und Unvollendung hielt ich dieewige Wiederkunft.

Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.

Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen Bewegung.

Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer dergroßen Politik.

Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einenPantheismusauszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leidnichtals Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden.Diese grandiose Initiativeist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden sanktioniert.

Schopenhauererscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten, zumWeltverneinerwird. Endlich zum „Mystiker“.

Ich selbst habe eineästhetischeRechtfertigung versucht: wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? – Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren ingleichenFormen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als dasewig-Zerstören-Müssendegebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einenneuenSinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten, verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! –

Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum mindesten nachmeinem Bedürfnis neuer Philosophensuchen? Dort allein, wo einevornehmeDenkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Kultur glaubt; wo eineschöpferischeDenkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller Sabbate“ als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“ Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, – an die Stelle, wo sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat dieumgekehrtenInstinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm, jenes große Bumbum, welchesseinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; es will zu dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der größten aller Lügen – diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ – auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich diegleichmachenden, gleichstellendenTugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle Welt jammert heute darüber, wie schlimm esfrüherdie Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer nochgünstigereBedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist, der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- und Ameisengeist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht mehr von außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren Tyrannen“ großziehen, ihrenWillen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne von den Philosophen. Wosinddenn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist! –

Ich verstehe unter „Freiheit des Geistes“ etwas sehr Bestimmtes: hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, – ich behandle die bisherigen Philosophen alsverächtlichelibertinsunter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.

Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eineseltenePflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist. – Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zugrunde gehe. Es gibt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten.

All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht – o über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um sich zuverarmenundsichelend zu fühlen! Das war bisher seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich zu verbergen wußte, daßeres war, der das geschaffen hat, was er bewunderte. –

DieMoralenundReligionensind die Hauptmittel, mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann.

Vom Ursprung der Religion.– In derselben Weise, in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz, so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen, legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der „Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus, erscheinen billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als dasFremde, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung, daß hier einefremde Machtim Spiele ist; aber auch jede verwandte Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache personifiziert.

Die psychologische Logik ist die: dasGefühl der Macht, wenn es plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht – und das ist in allen großen Affekten der Fall –, erregt ihm einen Zweifel an seiner Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken – und so setzt er einestärkerePerson, eine Gottheit, für diesen Fall an.

In summa: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen der Macht, welche, alsfremd, den Menschenüberraschen: und dem Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum Schlusse kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naivehomo religiosusinmehrere Personenauseinander. Die Religion ist ein Fall der „altération de la personnalité“. Eine ArtFurcht-undSchreckgefühlvor sich selbst.... Aber ebenso ein außerordentlichesGlücks-undHöhengefühl... Unter Kranken genügt dasGesundheitsgefühl, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.

Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen: – Alle Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (– der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört ein Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.

Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl,nichtdie Ursache zu sein,unverantwortlichdafür zu sein – : sie kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber – : der unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf einesfremdenWillens.

Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente nicht gewagt,sichzuzurechnen, – er hat sie als „passiv“, als „erlitten“, als Überwältigungen konzipiert – : die Religion ist eine Ausgeburt einesZweifelsan der Einheit der Person, einealtérationder Persönlichkeit – : insofern alles Große und Starke vom Menschen alsübermenschlich, alsfremdkonzipiert wurde, verkleinerte sich der Mensch, – er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache und eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander, hieß die erste „Mensch“, die zweite „Gott“.

Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode dermoralischen Idiosynkrasieseine hohen und sublimen Moralzustände nicht als „gewollt“, als „Werk“ der Personausgelegt. Auch der Christ legt seine Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander –

Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur durch eine Gnade geschenkt....

Zur Psychologie desPaulus. – Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies bleibtauszulegen.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der Auslegung gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tages steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „eskönntedieser Tod das und das bedeuten“ – und sofortister das! Eine Hypothese beweist sich durch den sublimenSchwung, welchen sie ihrem Urheber gibt....

„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seineWirkungbewiesen, – („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt); was begeistert, mußwahrsein, – wofür man sein Blut läßt, mußwahrsein –

Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem Urheber erregt, diesem Gedanken alsWertzugerechnet: – und da man einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt, er seiwahr.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie nicht wirken.... Er wird alsinspiriertaufgefaßt: die Wirkung, die er ausübt, hat etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses –

Ein Gedanke, dem ein solcherdécadentnicht Widerstand zu leisten vermag, dem er vollends verfällt, istals wahr„bewiesen“!!!

Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine Wahrheit prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins....

Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände, mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrerVorfahrenausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir wachsen in unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln.

Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl auszugleichen. – Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich stolz, gewürdigt undauserwähltzu sein zu solchem Verkehre, – sie legen Wert darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, bloße Mundstücke zu sein (Homer).

Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen, Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht verantwortlich wußte, sondern – Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht....

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen derphysiologischen Erschöpfung, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier einehöhereWelt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, wo er solche Dinge erlebenmuß.... Man glaubte in eine höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein. – DerScheineiner höheren Macht....

Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder übermäßigen Reizung....

Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien –

Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und längerenRuhenmüssens....In praxiist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....

Kritik der heiligen Lüge.– Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, – wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupthörbarwird....

Wie weitgeht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? – Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sieerfindenmüssen, um diesen Voraussetzungen genug zu tun?

Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.

Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.

Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben, dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, – wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.

Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge Wirkungenversprechen, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung ihres Gesetzes. – Sie können insgleichen eine Menge Dingeverordnen, die absolut vernünftig sind, – nur daß sie nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.

Dieheilige Lügebezieht sich also prinzipiell: auf denZweckder Handlung (– der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck –): auf dieFolgeder Handlung (– die natürliche Folge wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).

Auf diese Weise wird ein Begriff vonGutundBösegeschaffen, der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, – er kann, insofern einanderesLeben erdacht ist, sogar direktfeindseligdem Naturbegriff von Gut und Böse werden.

Auf diese Weise wird endlich das berühmte „Gewissen“ geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlungnichtden Wert der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.

Die heilige Lüge hat also 1. einenstrafendenundbelohnenden Gotterfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; – 2. einJenseits des Lebens, in dem die große Strafmaschine erst wirksam gedacht wird, – zu diesem Zwecke dieUnsterblichkeit der Seele; – 3. dasGewissenim Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht, – daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der priesterlichen Vorschrift anrät; – 4. dieMoralalsLeugnungalles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt, alscreatorvon allem Wechsel; – 5. dieWahrheitals gegeben, als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben.

In summa: womit ist die moralischeBesserungbezahlt? – Aushängung derVernunft, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn);Abhängigkeitvon einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein falschesWissenan Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, – eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; –in summa: die ärgsteVerstümmelungdes Menschen, die man sich vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“.

In praxiist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloßeMechanikreduziert: die Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, –das Leben hat keine Probleme mehr; – die ganze Weltkonzeption ist beschmutzt mit derStrafidee; – das Leben selbst ist, mit Hinsicht darauf, daspriesterlicheLeben als dasnon plus ultrader Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des Lebens umgedacht; – der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; – die Wahrheit ist umgedacht als diepriesterliche Lüge, das Streben nach Wahrheit alsStudium der Schrift, als Mittel,Theolog zu werden....

Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit muß vor allemdas gute Gewissenbei ihnen erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.

Der Priester will durchsetzen, daß er alshöchster Typusdes Menschen gilt, daß er herrscht, – auch noch über die, welche dieMachtin den Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar –, daß er diestärkste Machtin der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.

Mittel: er allein ist derWissende; er allein ist derTugendhafte; er allein hat die höchsteHerrschaft über sich; er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und denandern; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.

Mittel: dieWahrheitexistiert. Es gibt nur eine Form, sie zu erlangen, Priester werden. Alles, wasgutist, in der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück. Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle desGuten, als den Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit istrangverschieden von der des Priesters, zum Beispiel die desKriegers.

Konsequenz: wenn der Priester derhöchsteTypus sein soll, so muß dieGradationzu seinenTugendendieWertgradation der Menschen ausmachen. DasStudium, dieEntsinnlichung, dasNichtaktive, dasImpassible,Affektlose, dasFeierliche; – Gegensatz: dietiefsteGattung Mensch.

Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst alshöchster Typusempfunden zu werden. Er konzipiert einenGegensatztypus: den Tschandala.Diesenmit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt dieFolieab für die Kastenordnung. – Die extreme Angst des Priesters vor derSinnlichkeitist zugleich bedingt durch dieEinsicht, daß hier dieKastenordnung(das heißt dieOrdnungüberhaupt) am schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ inpuncto punctiwirft die Ehegesetzgebungüber den Haufen–

Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.– Das ganze Buch ruht auf der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an dieInteressiertheitjeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern – woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern genommen?

Wir finden eine Art Mensch, diepriesterliche, die sich als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, siewillsie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist derWille zur Macht....

Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von Begriffen, welche in der Priesterschaft einnon plus ultravon Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge – in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, – ein neuer Begriff der „Wahrheit“.

Man irrt sich, wenn man hierunbewußteundnaiveEntwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. – „Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ – über diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.

Wir haben das klassische Muster als spezifischarisch: wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man hat das nachgemacht, überall beinahe: derarische Einflußhat alle Welt verdorben....

DerPhilosophals Weiterentwicklung despriesterlichenTypus: – hat dessen Erbschaft im Leibe; – ist, selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; – er aspiriert zurhöchsten Autorität.

Was gibtAutorität, wenn man nicht die physische Macht in den Händen hat (keine Heere, keineWaffenüberhaupt....)? Wie gewinnt man namentlich die Autoritätüber die, welche die physische Gewalt und die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)

Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in den Händen zu haben, –Gott–. Es ist nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste der Priesternötig. Sie stellen sich als unentbehrlichdazwischen: – sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daßan ihren Gottgeglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge zu Gott gibt. DiezweiteForderung allein schafft den Begriff der „Heterodoxie“; dieersteden des „Ungläubigen“ (das heißt, der an einenandernGott glaubt –).

– DieKircheist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat – und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte –

Man soll das Christentum alshistorische Realitätnicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: dieandernWurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Christusverneint? – Alles, was heute christlich heißt.

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werdensoll, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat.

Das gerade, was imkirchlichenSinn das Christliche ist, ist dasAntichristlichevon vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.

Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und findet die Mittelnichtin der Observanz der jüdischen Kirche –; er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist reininnerlich. –

Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen – und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „es liegt nichts an Sünde“ ist sein Haupturteil.

Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört alles nicht hierher.... das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.

DasHimmelreichist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...

DerSchächer am Kreuz: – wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damitist er im Paradiese....

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er geradedieverewigen wollen?

Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt: es ist alles damit verdorben.

Insgleichen ist diePraxisder erstenecclesia militans, des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise alsgeboten, alsvorausfestgesetzt dargestellt....

Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichenLebensundLehrensder ersten Christen: wie als ob allesso vorgeschrieben.... bloßbefolgtwäre....

Nun gar dieErfüllungderWeissagungen: was ist da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode – das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.

Dasvorbildliche Lebenbesteht in der Liebe und Demut; in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.

Nachdem die Kirche dieganze christliche Praxissich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in denGlaubenan unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ – alles ganz unbeträchtlich und fastausgeschlossenvom ersten Christentum – kommt jetzt in den Vordergrund.

Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die Rangordnung usw.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten umgesetzt:

1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;

2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;

3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“;

4. die „Auferstehung –“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt;

5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person der Gottheit“ – gerade dasweggeschafft: das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;

6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrtePraxis des Lebens) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbareAbzahlungderSündezu glauben habe, welche nicht durch den Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:

Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an sich durchausnichtdie Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe –nicht sich wehren....Darin lag das Vorbild.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre möglich,erstens, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen.... Es wärezweitensmöglich, daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, – am Anfang... Man denke, mit welcherFreiheitPaulus das Personalproblem Jesus behandelt, beinahe eskamotiert – jemand, der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik machterdann dazu....

Ein Religionsstifterkannunbedeutend sein, – ein Streichholz, nichtsmehr!

Wie eineJa-sagendearische Religion, die Ausgeburt derherrschendenKlasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)

Wie eineJa-sagendesemitische Religion, die Ausgeburt derherrschendenKlasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das alte Testament in den älteren Teilen. (DerMuhammedanismus, als eine Religion fürMänner, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche er sie fühlt –.)

Wie eineNein-sagendesemitische Religion, die Ausgeburt derunterdrücktenKlasse, aussieht: das Neue Testament (– nach indisch-arischen Begriffen: eineTschandala-Religion).

Wie eineNein-sagendearische Religion aussieht, gewachsen unter denherrschendenStänden: der Buddhismus.

Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religionunterdrückterarischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.

Heidnisch – christlich. –Heidnischist das Jasagen zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“.Christlichist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.

„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber zuletzt auch derchristlichestatusbloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „christlich“ eine zum Prinzip erhobeneFalschmünzerei der psychologischen Interpretation....

Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.

Buddha gegen den „Gekreuzigten“.– Innerhalb der nihilistischen Religionen darf man immer noch diechristlicheund diebuddhistischescharf auseinanderhalten. Diebuddhistischedrückt einenschönen Abendaus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, – es ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (– Herkunft aus den obersten Kasten –.)

DiechristlicheBewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie drücktnichtden Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist deshalbnichtnational,nichtrassebedingt: sie wendet sich an die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht einSymbol, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im Gegensatz auch zu allergeistigenBewegung, zu aller Philosophie: sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen dasWohlgeratene, dasHerrschaftliche.

Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ – nur insofern wirdgewarntvor dem Bösen. Denn Handeln – das hat keinen Sinn, Handeln hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, unddeshalbperhorreszieren siealleAntriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! – Der Hedonismus der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aberunterhalb aller Kulturwie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloßzeitweilignötig hat, bloß alsMittel, – nämlich, um vonallemHandeln loszukommen.

EinenihilistischeReligion wie das Christentum, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß – Schritt für Schritt in andre Milieus übertragen, endlich in die jungen,noch gar nicht gelebt habendenVölker eintretend –sehr seltsam! Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, barbarisiert werden!Solchen, die einWalhallgeträumt hatten – : die alles Glück im Kriege fanden! – Eineübernationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wonoch nicht einmalNationen da waren –.

DiesenihilistischeReligion sucht sich diedécadence-Elementeund Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:

a) die Partei derSchwachenundMißratenen(den Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);

b) die Partei derVermoralisiertenundAntiheidnischen;

c) die Partei derPolitisch-Ermüdetenund Indifferenten (blasierte Römer....), derEntnationalisierten, denen eine Leere geblieben war;

d) die Partei derer, die sich satt haben, – die gern an einerunterirdischenVerschwörung mitarbeiten –

A.In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....

B.In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es demmorbidenCharakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren – diedécadentsaller Art –

Man hat hier zwischenAundBstreng zu scheiden. ImFallAist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit zu brechen). ImFallBist es ein Symptom der Krankheit selbst,vermehrtdiedécadence; hier wirkt es einemkorroborierendenSystem der Behandlung entgegen, hier ist es der Krankeninstinktgegendas, was ihm heilsam ist –

Daschristlich-jüdische Leben: hier überwognichtdas Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl dieGlutderLiebe, als die desHasses.

Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird managgressiv; man verdankt den Sieg des Christentums seinen Verfolgern.

DieAsketikim Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.

DashypochondrischeChristentum, die Gewissenstierquälerei und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber ebendasist sein Wesen: Christentum ist ein Typus derdécadence.

Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war die kleinejüdische Familieder Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat.Das als Macht erkannt zu haben, diesenseligenZustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben – ist dasGeniedes Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft derGemeindeselbsterhaltungunter der Fremdherrschaft, auch die jüdische Propaganda – das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Artkleiner Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch“).

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip derLiebeher: es ist eineleidenschaftlichereSeele, die hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist es eineErhöhung der Temperatur der Seelebei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....

Es versteht sich, daß eine solche Übertragungnichtstattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich, – und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe ekelerregend (– ichsehediese schlechten Manieren, wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwasklassischen Geschmackim Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas vonfoeda superstitioempfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe –

Reaktion der kleinen Leute: – Das höchste Gefühl der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.

„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nichtjenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; – aus Liebe tut man nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend täte.

Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl alsSumme des Lebensgefühlsempfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.

Tatsächlich hat der Mensch nochmals eineAlteration der Persönlichkeiterlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein „Evangelium“, – diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen – : er meinte, daß Gott vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. – „Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst).Jesus ist der Nächste, so wie dieser zur Gottheit, zurMachtgefühl erregendenUrsache umgedacht wurde.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, – daß man nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter, als dietypische Sozialistenlehre.

Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volken mangeantAppetit bekommen hat....)

Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar alsMaß des Menschen.

Bacon von Verulamsagt:Infimarum virtutum apud vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus nullus.Das Christentum aber gehört, als Religion, zumvulgus; es hat für die höchste Gattungvirtuskeinen Sinn.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie denkleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen Seele gegeneinander gesetzt, sie haben dietapfern,großmütigen,verwegenen,exzessivenNeigungen der starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung....

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;

sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester – und dann sofort den Tschandala....

Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des Tschandala: der Ursprung desChristentums.

Damit, daß sie denKriegernur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen denVornehmen, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen dieherrschendenStände – : sie sindEntrüstungspessimisten....

Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandalas, – gegen dievornehmen Stände....

Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen –es strich den Priester aus–

Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala, der sich selbst erlöst....

Deshalb ist diefranzösischeRevolution die Tochter und Fortsetzerin desChristentums.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien – –

Die tiefe Verachtung, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten Stände gegen die,welche sich durchdrückenund schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl verbinden.

Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlichunvornehmenArt Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, jaallenWert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes, – auch heute noch.

Das ursprüngliche Christentum istAbolition des Staates: es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen dieStändeordnung.

DasVorbild Christi: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.

Das Christentum ist auchAbolition der Gesellschaft: es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die „Korrekten“....

Zur Geschichte des Christentums.– Fortwährende Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihrSchwergewicht.... Die Begünstigung derNiederenundkleinen Leute.... Die Entwicklung dercaritas.... Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (in dessen Negation er bestand–). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er nimmt alleTätigkeitenwieder auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben,von dem Christus die Loslösung predigte...

DieKirchegehört so gut zumTriumphdes Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.

Das Christentum ist möglich alsprivatesteDaseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, – es gehört ins Konventikel. Ein „christlicherStaat“, eine „christliche Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.

Wann auch die „Herren“ Christen werden können.– Es liegt in dem Instinkt einerGemeinschaft(Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, alsan sich wertvollzu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht,herabzudrücken.

Es liegt insgleichen in dem Instinkt derHerrschenden(seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenenhandlichundergebensind, zu patronisieren und auszuzeichnen (– Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).

DerHerdeninstinktund derInstinktderHerrschendenkommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständenüberein, – aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.

Die Unterwerfung der Herrenrassenunter das Christentum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eineHerdenreligionist, daß esGehorsamlehrt:kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.

Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben,wobei sie sich riskieren, wobei aber einnon plus ultravon Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder: – das Christentum erscheint da als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus....

Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die großeantiheidnische Bewegungdes Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des Stifters des Christentums, aber in einer absolutwillkürlichenInterpretation nach dem Schemagrundverschiedener Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehendenunterirdischen Religionen–

Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.

Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist derRömerebensosehr als derGrieche.


Back to IndexNext