Vorwort.
Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden Werke den Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel des beabsichtigten Werkes und die Gesichtspunkte seiner Ordnung wechselten, aber die einheitliche Idee, seine Philosophie übersichtlich darzustellen, blieb bestehen. Es sollten keine neuen Grundideen in dem Werke stehen, keine wichtige Grundlehre verändert werden; das Werk hätte vielmehr beweisen sollen, daß sein Gedankenkreis vom ersten bis zum letzten Werk der gleiche geblieben ist. Alle so verschieden erscheinenden Lehren der einzelnen Entwicklungsperioden sind nur Variationen des gleichen Themas; eine Grundmelodie tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch. Sie herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung, die gerade im Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich herrschenden Affekt fast gewaltsam zu betonen, ihm die ganze Kraft seiner eindrucksvollen, überwältigenden Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher vernehmen als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig gelesen werden müssen, wie der anscheinend so leicht eingehende Nietzsche.
Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die Hauptgedanken allein hervorhebendes Werk bringen können. Darum ist es ein so trauriger Gedanke, daß seine Erkrankung die Vollendung gerade dieses Werkes verhinderte, an dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet, zu dem er sich ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und Dispositionen entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm er wesentliche Teile und vereinigte sie zu seinen letzten Werken, besonders zum Antichrist, der in den letzten Monaten vor seiner Erkrankung entstanden ist und in einem erregten Ton geschrieben ist, der sich von der Stilart der Niederschriften völlig unterscheidet.
Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine unendliche Fülle von einzelnen Notizen, die sich in einer großen Anzahl von Heften finden. Die bisherigen Ausgaben stellten sich die Aufgabe, von diesem Gedankenreichtum nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte. Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich davon überzeugen, mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast die mühevolle Aufgabe gelöst haben, die schwer lesbaren Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen unter die gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift oder zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es unmittelbar für das neue Ganze nötig war. Es ist nicht leicht, diese oft so lockenden Gedanken wegzulassen; es war auch für eine erste Ausgabe das Rechte, sie dem Leser nicht vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das Sichzurechtfinden in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.
Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus den Manuskripten wenigstens dem Sinne nach das zu machen, was Nietzsche selbst vorschwebte: eine Darstellung seiner Grundlehre; zugleich aber dem neugeordneten Werke eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht gestattet und so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen in die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, was den Grundgedanken, des „Willen zur Macht“, erklärt. Dann kam es darauf an, das Vorhandene so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches Grundlehren entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich, die sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der „Übermensch“; andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten nur gelegentlich auf. Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber in diesen Fällen vor; der systematische Aufbau läßt vielmehr das an früheren Stellen laut Betonte hier nur als einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So geht der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen, großen Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr allerDinge, von der es einst scheinen konnte, sie zähle zu den Hauptlehren, wird eines unter den verschiedenen Mitteln zur Zucht des großen Menschen, wenn auch eines der entscheidenden. Gerade in dieser Ausgeglichenheit der Werte liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft zur Nachfolge seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß ein so geartetes Werk, dem Eindruck bestimmt, ihn auch im weitesten Kreise machte. Der Prophet will wirken, beeinflussen – dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört starke Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund stellen will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen, aus Geschichte und Natur erläutern, wohl gar beweisen. Hier ist der ordnende Intellekt an der Arbeit, der systematisch aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den heiligen Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu zeigen, aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen ist, und wie sie die Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden zu erklären vermag.
Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln erwachsen, je nach der Persönlichkeit des Philosophen. Die Versenkung ins All, in die unmittelbare Tiefe der Dinge kennzeichnet den Typus des Metaphysikers und Mystikers. Die Vereinigung der letzten wissenschaftlichen Ergebnisse den wissenschaftlichen Philosophen. Das Ausgehen vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in der Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem der Mensch das interessanteste Problem ist. Vom ersten bis zum letzten seiner Werke ist Nietzsche Kulturphilosoph. Von der Kultur der Griechen – dem höchsten Kulturtypus – schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke zu Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum stand im Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu werden, um doch da zu sein. Vom Christentum führt auch der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart, noch mehr zur neu zu schaffenden Zeit, zuderZukunft, die durch den starken Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll.
Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von einer Ewigkeit, einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker tun. Eine Zeit ist nur aus den Werten bestimmbar, an die sie glaubt: denn alles Handeln ist ein Werten, jede Bewegung will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte ordnen sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt hat.Unsere Zeit hat keine festen Werte; „das Eis, das uns noch trägt, ist so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes.“ Uns fehlt jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, da der einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang ist, der christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten Wert, den man genau kannte, gab ihm Selbstachtung und dem Übel einen Sinn. An sich selbst hat Nietzsche das Dahinschwinden des christlichen Glaubens empfunden, er, der Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht. Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte, daß sie Erbgut in ihm waren, besonders jener vom Christentum anerzogene Glaube an die Wahrhaftigkeit. Schwindet er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, daß es überhaupt keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: dieZiellosigkeitan sich wird der Wert, derNihilismusist da.
Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, woher mußte die Auflehnung gegen das Christentum entstehen? Nach Nietzsche ist die Ablehnung des Christentums Abweisung derdécadence, das heißt der Lehre der Erschöpften, der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer, die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der Dinge der Welt wünschen. Unsre bisherige Moral ist im Grunde christliche; sie ist aber gleichzeitig die Moral der schwachen Menge, die sich gegen die gefährlichen Starken auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere Klugheit, feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt. In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre seines Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat.
Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende ist ihm zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein Bejahendes deutlich zu machen, als nötig zu erweisen. ZuTatenwill er die Menschheit befähigen, da er ein Philosoph ist, das heißt für ihn ein Werteschaffer; unserer Zeit aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes nicht im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten Buch aufgerichtet wird: in diesen liegt nach der Absicht Nietzsches die Deutung der Zukunft.
Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem Worte zu sagen: auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, da kürzt er nur das Wort; es müßte da stets heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste Form er die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung: „Ich verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“Daher kann es für ihn keine allgemeine Moral geben.Streng genommen gibt es nur eine Moral für jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten zusammen, so gibt es Moralen für die Starken und die Schwachen, die Gesunden und die Kranken. Hier berührt sich die Lehre mit modernen Ideen, die, von ihr unbewußt oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach Anlagen einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in jedem die Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus jedem alles zu machen. In strenger Selbstuntersuchung, sich selbst verantwortlich, hat ein jeder festzustellen, „wer bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, daß sein Ich ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein, alle Leiden gern als notwendig mit auf sich nehmend. Streng und unerbittlich, hart gegen sich, wie nur je ein Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des Lebens viel leidender, viel gequälter.
Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die den Mut zu diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen Leben haben. Wer diese lehrt, wird notwendig manches angreifende, kriegerische Wort für die entgegengesetzte Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ Die Moral der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa nur geduldet – ein ihm furchtbares Wort –, sie wird gewünscht, weil für nötig befunden. Aber sie soll nicht die herrschende sein, sie soll nicht sich alle „Moral“ zuschreiben; sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und unmoralisch, weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive der Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will Erhaltung, oft Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens freie Bahn, die das Alte oft zerbrechen muß, um neue Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah voraus, daß es „dem nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe rumoren wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen werden – hat unser Geschlecht, das des größten Krieges der Weltgeschichte, wirklich das Gefühl in sich, daß es den alten Werten gehorcht? Neues, Starkes kommt, weil es kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht gar der Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat?
Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die Moral; glaubt er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren Gegensatz falsch sein muß? Nein, auch diese Wahrheit ist ihm wie jede andere nur „eine Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für dasLebenentscheidet zuletzt.“ Jeder Sinn, der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die sich der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr zu werden, um seinMachtgefühlüber die Dinge zu steigern, um seinen unbezähmbaren Willen zur Macht auszuüben. Es gibt vielerlei Wahrheiten von den Dingen, jede Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem Lebendienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein und Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie sehr nahe, die neuerdings unter dem Namen der „Philosophie des Als-Ob“ so großes Aufsehen gemacht hat. Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes liest, nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph sei – von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist stärkste Anregung auf unsere Zeit ausgegangen. Er hat, mag er auch Darwin bekämpfen, so doch aus dem Geiste der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und nun verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht ist, der unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch, in alle Tiefen unserer Weltanschauung hinein. Aber nicht unser Erkennen allein – selbst nur eine Sonderart der Natur – ist Wille zur Macht, die Natur ist es in ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben – alles Leben Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte anhäufen, die ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren möchten, sind die letzten Erklärungen, die es für alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle Veränderung läßt sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie ruht, stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will – mit dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen wir die für uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“ der Welt, Macht über sie. „Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem. Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem.“
Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser Beurteilungsweise wert. So entsteht eine Rangordnung der Menschen nach ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig, darauf hinzuweisen, daß es sich hier nicht um jene äußere Macht handelt, die mit Kanonen sich durchsetzt? Daß es sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt, die stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern, die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen, die so stark strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte verschwendet, die im Herrschen über sich und andere ihrePflicht findet. Solche Aristokratie ist angeboren, ist „Geblütsadel“. „Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘ und vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So darf man auch denen zurufen, die das Wort Macht bei Nietzsche vergröbern, um dagegen zu kämpfen.
Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer des Neuen; sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen die Welt einfach dadurch, daß sie da sind. Nicht ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es geht hier mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, so erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken sie nur Wahrheiten aus, die sich in der Menschheit stets wieder als ganz natürliche Erlebnisse erweisen. Hat nicht die Erregung der Kriegszeit gezeigt, wie sehr die Menschen dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, herrschende Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der neue Werte aufstellt und beweist, daß er einen starken, langen Willen hat, der imstande ist, sich gegen eine Welt von Hindernissen durchzusetzen. Auf seinen Wink tun sie alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis zum Aufgeben des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich die Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen ankommt, daß sie herangezogen werden müssen, wenn die anderen nicht untergehen sollen. Dann sieht man auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust, wenigstens nicht die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen. Das Glück dieser Großen liegt allein „in dem herrschend gewordenen Bewußtsein der Macht und des Sieges.“ Darf man von ihnen die Moral des Mitleids, Rücksichtnahme, Milde verlangen – oder wünscht nicht die Menge sie hart, unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen sie sein und vornehm – die beiden Haupteigenschaften, die Nietzsche von „seinen“ Menschen verlangt.
Diese großen schaffenden Menschen – der Theorie oder der Praxis – greifen mit mächtiger Hand in das Rad des Daseins; sie drehen seine Speichen ein Stück vorwärts, indem sie das Gefühl in sich tragen, der Welt neue Kräfte gewinnen zumüssen, nicht anders zu können, als Welt zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen nicht nach dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren Gründe, auf denen es ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit und seine Untiefen – und gewinnen daraus Einsicht und Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht daran zu erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören, zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu werden, um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen „Ja“ zum Gesamtdasein und können darum zu keinem Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit verschlingt alle Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein bejahen muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt, der einzigen Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs. Sie kennen keine seiende Welt, nur eine werdende, eine sein sollende, an der Menschen ihr und der Welt Geschick zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet, wächst ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun, dieser Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle, dem Reichtum ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt hinüberströmen zu lassen. Sie sehen auf diese Welt alsihrWerk und wünschen sich nur eins: stets wieder an ihr zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von neuem wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen, so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen wird, möchte es wiederkehren: in gleicher Form unendlich oft in ewiger Wiederkehr. Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen entstammend, gibt ihnen Kraft – und diese neue Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber gehen an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich oft wiederkehren möge – und hier wie überalltrennen sich denn die Menschen in ihrem Glauben, ihrem Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen notwendig in die Starken und die Schwachen, weil dieser Unterschied ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem Grade des Willens zur Macht.
Max Brahn.