Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“, einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes mehr, als eben immer nur dies, erwarte.
Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogenwar ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken. Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband, den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck, begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungenHerren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog.
Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten, das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er aufdem Wege zum Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach, indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte, einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte.
Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen. Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, – neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da sie infolge der Vergiftung offen waren.
Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie nun einmal so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders.Mit einer Blumensendung begann es, dann folgte ein Besuch bei der armen Karen auf ihrem kleinen Balkon in „Dorf“ und hierauf diese und jene außerordentliche Unternehmung zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines Bobsleighrennens. Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, denen die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich-flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja allen Zerstreuungen hier oben abhold. Nicht um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht hier, um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, der ein Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur widerwillig duldete. Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war ihm verboten, und den Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so fühlte er sich zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als Mitglied Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen.
Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Karstedt brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich zu erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen erheben. Sie holten die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei prächtig heiß durchsonntem Frostwetter durch das nach dem Hotel d’Angleterre genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der Hauptstraße hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer undTagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stoffen, mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und Schneestrahlung, sich ergingen, und hinab auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe des Tales gelegenen Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel benutzte Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, das von drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots, Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen Figuren, sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr und Dame, Professionals und außer Konkurrenz, vollführte etwas in der ganzen Welt nur von ihm Vermochtes, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf um den Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer verschiedener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite Viereck. Man läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zuweilen brandete die Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall auf.
Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Vettern und ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit schottischen Mützen und weißen Zähnen sprachen Französisch mit penetrant duftenden Damen, die von oben bis unten in bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige in Hosen gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt,die Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach außen gekehrt war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen Ansehens, und Holländer von malaischem Kreuzungstyp saßen zwischen deutschem und schweizerischem Publikum, während allerlei Unbestimmtes, französisch Redendes, vom Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall eingesprengt war. Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaften Aufgaben, stolperten über die Bahn, am einen Fuß einen Schnee-, am anderen einen Schlittschuh, oder indem die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich her schoben. Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer sein Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte Gießkannen lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die reichsten, berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, das Töchterchen eines holländischen Multimillionärs, den Sohn eines preußischen Prinzen und einen Zwölfjährigen, der den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma trug. Die arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so dankbar.
Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war nicht weit zum Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von Karen Karstedts Wohnung, denn die Bahn, von der Schatzalp herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen den Siedelungen des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch gemeldet wurde. Zwischen den vereistenSchneebarrieren, auf den metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die flachen Gerüste, bemannt mit Männern und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei Landesfarben um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der Höhe daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Musik spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen oder schoben sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war. Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, und unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste, waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon.
Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen Karstedt eines Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. In der schlechten Luft, die alle drei physisch stark befremdete, da sie nur das Reinste gewohnt waren, sich ihnen schwer auf die Brust legte und einen trüben Nebel in ihren Köpfen erzeugte, flirrte eine Menge Leben, kleingehackt, kurzweilig und beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und wegzuckender Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige Zeitgliederung auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des Pompes, der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit zu ziehen wußte, auf der Leinwand vor ihren schmerzenden Augen vorüber. Es war eine aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich abhaspelnd amHofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust und von verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur von Henkersarmen zu besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus sympathetischer Vertrautheit mit den geheimen Wünschen der zuschauenden internationalen Zivilisation. Settembrini, als Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige Darbietung wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp und flüsterte dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr dagegen, die ebenfalls anwesend war und nicht weit von den Dreien saß, erschien ganz Hingabe; ihr rotes, ungebildetes Gesicht war im Genusse verzerrt.
Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die man blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge wegzuckte, im Saale das Licht aufging und das Feld der Visionen als leere Tafel vor der Menge stand, so konnte es nicht einmal Beifall geben. Niemand war da, dem man durch Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung hätte hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zerstoben; nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gesehen, Millionen Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr Handeln aufnehmend zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem Elemente der Zeit zurückzugeben. Das Schweigen der Menge nach der Illusion hatte etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen ohnmächtig vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vorsich hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, um wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in frische Zeit verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich wieder begeben zu sehen.
Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus offenem Munde, das man nicht hörte. Man sah dann Bilder aus aller Welt: den Präsidenten der französischen Republik in Zylinder und Großkordon, vom Sitze des Landauers auf eine Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von Indien bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und Treiben in einem Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen Hahnenkampf auf Borneo, nackte Wilde, die auf Nasenflöten bliesen, das Einfangen wilder Elefanten, eine Zeremonie am siamesischen Königshof, eine Bordellstraße in Japan, wo Geishas hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah vermummte Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an einem persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man war zugegen bei alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt. Ein junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide, aufgeschirrt mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre Nüstern waren breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre Züge in Bewegung; sie lachte mit weißen Zähnen, hielt eine ihrer Hände, deren Nägel heller schienen, als das Fleisch, als Schirm über die Augen und winkte mit der anderen ins Publikum. Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen Schattens,der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die Gegenwart meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause war, so daß es sinnlos gewesen wäre, es zu erwidern. Dies mischte, wie gesagt, der Lust ein Gefühl der Ohnmacht bei. Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit überzog die Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus der Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man das Theater, während von außen neues Publikum hereindrängte, das eine Wiederholung des Ablaufs zu genießen begehrte.
Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte man hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor Dankbarkeit die Hände gefaltet hielt, das Café des Kurhauses. Auch hier gab es Musik. Ein kleines, rotbefracktes Orchester spielte unter der Führung eines tschechischen oder ungarischen Primgeigers, der, von der Truppe gelöst, zwischen tanzenden Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein Instrument bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. Es wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten Orangeade zur Kühlung für sich und ihren Schützling, denn es war heiß und staubig, während Frau Stöhr süßen Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte sie, sei es mit dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz belebe sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche Patienten der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke aus den Hotels und dem Kurhause selbst, viel mehr noch, als jetzt, beteiligten sich später daran, und schon manche Hochgradige sei hier in die Ewigkeit hinübergetanzt, indem sie den Becher der Lebenslust gekippt und den finalen Blutsturz indulci jubiloerlitten habe. Was Frau Stöhrs große Unbildung aus dem „dulci jubilo“ machte, war ganz außerordentlich; das erste Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular ihres Gatten und sprach also „dolce“, das zweite aber erinnerte an Feuerjo, Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die Vettern schnappten gleichzeitig nach den Strohhalmen in ihren Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat, doch focht das die Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der Anspielungen und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt, dem Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen, der ihr ganz deutlich nur war, soweit die arme Karen in Frage stand, welcher es, so sagte Frau Stöhr, wohl passen mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei so flotten Rittern zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar erschien ihr der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit ihr doch zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben und ordinären. Denn sie verstand und gab dem stichelnderweise Ausdruck, daß hier der wahre und eigentliche Ritter Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß assistiere, und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht zu nähern wußte, – eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig und ganz ohne sittliche Tiefe, sehr unzulänglich und von ordinärer Intuition, weshalb Hans Castorp denn auch nur mit einem müden und verächtlichen Blick darauf erwiderte, als sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings bedeutete ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- und unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seinecharitativen Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber zugleich waren sie doch auch Zweck ihrer selbst, diese frommen Unternehmungen, und die Zufriedenheit, die er empfand, wenn er die bresthafte Mallinckrodt mit Brei fütterte, sich von Herrn Ferge den infernalischen Pleurachok beschreiben ließ oder die arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die Hände mit den verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch von übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste, entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch vertrat, indessen wohl wert, dasPlacet experiridarauf anzuwenden, wie es dem jungen Hans Castorp schien.
Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit des Wasserlaufs und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“ führenden Wege, und so hatten die Vettern es bequem, sie abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück auf ihren dienstlichen Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie vor sich das kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei Zinken, welche die Grünen Türme hießen, jetzt aber ebenfalls unter blendend besonntem Schnee lagen, und noch weiter rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe seiner Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“, von einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick, vermutlich auf den See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges wohl ins Auge zu fassen war. Sie wanderten denn auch einmal hinauf, die drei, an einem schönen Vormittag, – und alle Tage waren nun schön: windstill und sonnig, tiefblau, heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine ziegelrot im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, daMäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der junge Ziemßen in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans Castorp gleichfalls in solchen, aber in langen Hosen, da er nicht körperlich genug gesinnt war, um kurze zu tragen. Es war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen Jahre. Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans Castorp heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die nächste. Ein großer Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine Einheit weiter gefallen: nicht gerade einer der allergrößten, nicht etwa der, welcher die Jahrtausende maß, – sehr wenige, die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht, der die Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. Der Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans Castorp ja noch kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein halbes, hier oben war, und stand nun fest nach Art der nur von fünf zu fünf Minuten fallenden Minutenzeiger gewisser großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis dahin aber mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war, – den Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen war abgetan, gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben.
Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei einmal spazieren, – exakter Rechenschaft halber sei auch dieser Ausflug noch angeführt. Die Anregung dazu war von Hans Castorp ausgegangen, und Joachim hatte wohl anfangs der armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken zu spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, was an denexituserinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen Karstedt gab sich noch nicht den Selbsttäuschungen des letztenStadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie es mit ihr stand und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich hatte. Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus des Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern daß ihr nach dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort oben zum Quartier würde angewiesen werden. Und kurz, man konnte wohl finden, daß dieses Wanderziel moralisch passender für sie war, als manches andere, zum Beispiel der Bobstart oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr als ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben einmal einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof nicht einfach als Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet betrachten wollte.
Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte Pfad gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die letzten, an der Lehne zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter sich und sahen im Steigen das vertraute Landschaftsbild in seiner Winterpracht sich wieder einmal perspektivisch ein wenig verschieben und öffnen: es weitete sich nach Nordost, gegen den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich auf, dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt war, und hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen sich am Boden zu treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit, einander vor dem Himmelsblau überhöhten. Sie sahen das an, im Schnee vor dem steinernen Tore stehend, das den Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die Stätte dann durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und nur angelehnt war.
Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten, schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohlund ebenmäßig aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus Stein und Metall, ihren kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten Monumenten dahinführten; doch ließ kein Mensch sich sehen noch hören. Die Stille, Abgeschiedenheit, Ungestörtheit des Ortes schien tief und heimlich in mancherlei Sinn; ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine Schneemütze etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche stand und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als sein Genius gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und zwar eines Schweigens, das man sehr stark als Gegenteil und Widerspiel des Redens, als Verstummen also, keineswegs aber als inhaltsleer und ereignislos empfand. Für die beiden männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit gewesen, die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen sie denn nur in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf die Fußballen legend und gleichsam mit kleinen Verbeugungen nach rechts und links, im Gänsemarsch hinter Karen Karstedt her, die sie führte.
Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann ebenfalls rechteckig nach beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte mehrfach Vergrößerung sich als notwendig erwiesen und war Acker angestückt worden. Trotzdem schien das Gehege auch gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten Teilen, – kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ein Unterkommen darin gewesen wäre. Die drei Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret in den schmalen Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indemsie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren anspruchslos, bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften betraf, so stammten die Namen aus allen Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder doch allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Jugend und keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus aller Welt hier zusammengefunden hatte und zur horizontalen Daseinsform endgültig eingekehrt war.
Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des Angers, gegen die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von Menschenlänge, eben und unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, um deren Steine Dauerkränze gehängt waren, und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen. Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten abgeneigt, – worauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei sie rasch mit den Augen blinzelte.