Das Thermometer
Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wiezum Exempel die vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.
„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen. „Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt. Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.“
„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich danke!“
„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte,– was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und zwar aufschriftlicherVorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus, da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt, daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem 12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken jährlich betrachten durfte.
Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr. Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich jedesmal wehmütig verschleierten, wennvon Hans Castorps rapid heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im Flachland lebteund im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten, schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick nicht daran denken zu wollen.
„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“
„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst, obichmich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wiees scheint, bis zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser Katarrh hinzu ...“
Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor hatte man einen so heißenKopf davon, wie von der einer überheizten Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging, die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch – es war immer noch „Ocean steamships“ – in den freilich arg verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus „Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich, die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge,hinter der dicken Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „Ocean steamships“ auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...
Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, und auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ihm fremd; sonst aber lag er ebenso wohlgeborgen in seiner Loge, geborgen und befriedet. Der Tag war zu Ende, für diesmal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute nichts mehr geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. Zugleich aber war man sicher, daßmorgendies alles mit all der Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmäßigkeit der Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn beginnen werde; und diese doppelte Sicherheit und Geborgenheit war überaus behaglich, sie gestaltete zusammen mit der Musik und der wiedergefundenen WürzeMarias die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen Lebenslage.
Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant und weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo nun immer) tüchtig erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen schien im Anzuge, er saß ihm in der Stirnhöhle und drückte, das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die Luft ging ihm nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu vorgesehenen Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf unaufhörlich erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrannten Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in eben dieser Nacht kein Auge zugetan, da eine erstickende Trockenheit des Schlundes ihn je und je hatte vom Kissen auffahren lassen.
„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich. Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nichtreçus, man leugnet sie, sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit nicht vor, und als Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, wenn man sich erkältet melden wollte. Aber bei dir ist es ja etwas anderes, du hast am Ende das Recht dazu. Es wäre doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden könnten, im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle, ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine alte Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich ankam, war hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr Ohr und jammerte über Schmerzen, und schließlich sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt sein,‘ sagt’ er, ‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein Bewenden. Ja,wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg, und er wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas für dich geschieht.“
So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als Hans Castorp am Freitag von der Morgenmotion in sein Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei ihm, und es ergab sich für ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem Fräulein von Mylendonk oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, – bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den Korridor überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, oder sie flüchtig im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quäkende Stimme vernommen. Nun also galt ihm selbst ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen, klopfte sie knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen.
„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. Menschenskind,on me dit, que vous avez pris froid,I hear, you have caught a cold,Wy, kaschetsja, prostudilisj, ich höre, Sie sind erkältet? Wie soll ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen Ziemßen, ich sehe schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, der wird chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier erkältet haben?“
Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen Dame. Während sie sprach, ging sie über ihre eigenenWorte hinweg, indem sie unruhig, in rollender, schleifenförmiger Bewegung den Kopf mit suchend erhobener Nase hin und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre sommersprossige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: „Rasch, rasch, rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern reden Sie selbst, daß ich fortkomme!“ Sie war eine Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne Formen, angetan mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, auf dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen, an deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Nase aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen und vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren war.
„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die Oberin wieder, indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, was aber nicht gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von ‚Erkältung‘ reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich ganz abscheulich und abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlippe schaufelnd hervorbrachte.) Sie habenden wunderschönsten Katarrh der Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und wieder machte sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die Augen zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber Katarrhe kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für die man aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere ist Schnickschnack. (Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen neigt“, sagte sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen Gerstenkorn, er wußte nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen möglicherweise gut tun.“ Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, die ihr am Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch stellte. Es war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blicken, aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. „Haben Sie sich gemessen?“
Er verneinte.
„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene Unterlippe in der Luft stehen ...
Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich noch das Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der Bank steht, nichts weiß und schweigt.
„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“
„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“
„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen,obman Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“
„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner Ankunft hier oben.“
„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“
„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch hier, ich bin gesund.“
„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“
„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“
„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen. Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“
Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit unter dem Normalgrade tierischer Wärme.
Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig war.
„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung zu schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“
„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. Geben Sie her, wir wollen ihn erst noch recht klein machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und sie nahm ihm das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. „Wird schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ sagte sie. „Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, und gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind! Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer.
Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das Instrument, das sie zurückgelassen. „Das war nun die Oberin von Mylendonk“, dachte er. „Settembrini mag sie nicht, und wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘, noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein paar in der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen Läden, auch da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe mich nicht zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß gefallen.“ Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz klopfte rasch und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim aufzusuchen,unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen, indem er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu prüfen. Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe“, sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwischen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um keine Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf von sieben Minuten zu warten.
„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht ihn mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertauschen, wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ Und er ging im Zimmer umher, das Instrument mit der Zunge niederdrückend.
Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er tat tausend Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern, Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse des „Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu schließen schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der Gartenplattform, die Felsengrotte, dieEdeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der Liegehalle drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das Gesicht zu biegen. Mit Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam, waren sechs Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer stehend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen, eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen, und es war ein wenig zu spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem Munde riß und mit verwirrten Augen darauf niederstarrte.
Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er führte das Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und her und erkannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.
Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – das war zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer Infektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es fragtesich nur, was für eine Art Infektion das war. 37,6, – mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der nicht als schwerkrank oder moribund das Bett hütete, weder die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, – bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem schönen Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den schönen Stil, während er immer wieder die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals durch die Blendung verloren ging und die er dann durch eifriges Drehen und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und das am frühesten Vormittag!
Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch wagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten, eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann still, die Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen lächelte er, und eswar, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten aus seiner katarrhalischen Brust.
Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück abzuholen.
„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl trat ...
Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. Dann gab er zur Antwort:
„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“
„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich fiebrig?“
Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende:
„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen, sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen.“
„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken.
„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin hat mir eines verkauft. Warum sie einen immer ‚Menschenskind‘ anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft, und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“
Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zurückkehrte, sagte er zögernd:
„Ja, das sind 37 Komma 5½.“
„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp rasch. „Es waren sechs.“
„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, sagte Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer „schönen Bescherung“ steht, die Arme in die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“
Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.
„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 ins Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht weniger haben, – wo ihr alle hier frei herumlauft.“
„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei dir ist es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“
„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun sogar in erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, warum man mit harmlosem Fieber – ich will einmal annehmen, daß es so etwas gibt – mit harmlosem Fieber das Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ schloß er, „daß 37,6 gleich 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.“
„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ wandte Joachim ein; „und erst als sich zeigte, daß die Temperatur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich aufstehen.“
Hans Castorp lächelte.
„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas anderes? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst unterscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch Schnickschnack ...“
Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Gesicht noch eine Schattierung dunkler geworden war.
„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat. Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist über die Zeit!“
„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.
Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.
Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt. „Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt.
Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennenwir!“ Und dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze.
So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege sagte Joachim:
„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“
„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung beizuwohnen.“
So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr Anliegen vorzubringen.
Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte.
„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? War wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von einem ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben wirs besser raus, aber öfters muß man dochmortis causavorzeitig einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen,blieb für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, unkleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen, alter Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“ wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. „Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.“
„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp. „Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch, und ordentlich auf der Brust liegt es mir.“
„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen Arzt zu Rate ziehen.“
Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze zusammenzog:
„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ...“
„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir mit Vergnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn man schon hier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“
„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans Castorp noch an.
„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl Neuigkeiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augenim Kopf?“ Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“
Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.
„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ Und mit krummen Knien und rudernden Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.
„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte Hans Castorp. „Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft oder Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!“ sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! Was für ein Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist ein poetisches Wort sozusagen, wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich ganz gut mit ‚gesegnet‘. Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht allesnehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge, und die Republik und der schöne Stil kommen einem auch nur noch abgeschmackt vor ...“
Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte „Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder auf sein Zimmer und in seine Balkonloge ging.
„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, obgleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer wieder zu Rate gezogen hatte ... Und Hans Castorp antwortete gleichgültigen Tones:
„Nichts Neues.“
Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße zerstört und sich ganz wie ein Alter, die gläserne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6, – was ja übrigens Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren Vormittage vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7, verharrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam dieHauptmahlzeit des folgenden Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran.
Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu, jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden Tag, aber doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen bewegen sehen und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei, der am Ende des schräg zwischenstehenden Tisches saß, zum Guten Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die große Ketten- und Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: während die Uhr zwei schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zuihmherübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren schmalgeschnittenen Pribislav-Augen,als wollte sie sagen: „Nun? Es ist Zeit. Wirst du gehen?“ (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) – und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er seinen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats Angesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahrscheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch, in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragenden Lächeln freilich dahingewelkt waren und sich in lauter abstoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte.
Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens bestand auf Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den ebenerdigen Korridor entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die reinliche,mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß „hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer zu erkennen gab.
„Herein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte.
„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die Wanduhr. „Un poco più presto, Signori!Wir sind nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhanden.“
Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen.
„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf Joachims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper freizumachen und die abgelegten Kleidungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit breitrückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch überzogene, höherund niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, über deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war.
„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die Wochenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetragen. „Immer noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.) Nicht entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“
Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei.
„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen mal höflich bei Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation begann.
Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich des gewaltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer bediente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wiederholte das Ganze sich linkerseits, und damit fertig, kommandierte der Hofrat „Kehrt!“ zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüsselbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchenüber, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten, was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die Feder diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. „Vesikulär“, sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war gut, offenbar). „Rauh“, sagte er und schnitt ein Gesicht. „Sehrrauh.“ „Geräusch.“ Und Dr. Krokowski trug alles ein, wie der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders.
Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kopfes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen hoben, – diesem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk trug. Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt, während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum Soldatenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, vielmehr als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer ein Zivilist, und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm aber um männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, so gern der arme Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Buche steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck über den Zuschauer hin ins Leere sahen.
Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.
„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so weit es möglich ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), „wird es gewiß überall wieder ein bißchen besser sein.“
„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“
„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich gesagt, – rechnen Sie meinetwegen von neulich an, aber betrachten Sie es als Minimum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höflich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so wasÄhnlichkeit haben? Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!“ rief er und sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arme reichte er dabei sein Hörrohr zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzunehmen.
Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die Person des Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, offenen Mundes in Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in Bereitschaft zu setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus seinem punktierten Manschettenhemd heraus, als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand er, weiß, blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung schien er als Joachim Ziemßen.
Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. Dr. Krokowski hatte schon wieder Platz genommen und Joachim sich ans Ankleiden gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, von dem, der da auch noch Lust hatte, Notiz zu nehmen.
„Ach so, das wären nunSie!“ sagte er, faßte Hans Castorp mit seiner riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und betrachtete ihn scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man einen Menschen ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn um, wie man einen Körper umdreht, und betrachtete auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen mal sehen, wieSie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen.
Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und kehrte zu verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit klopfte er abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben beim Schlüsselbein und etwas weiter unten.
„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... Und Dr. Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtischsitzend, bekundete durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst senkte er das Kinn auf die Brust, so daß sein Bart eingedrückt wurde und die Spitzen sich aufwärts bogen.
„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun das Hörrohr wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp arbeitete schwer, wohl acht oder zehn Minuten lang, während der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein Wort dabei, setzte das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte namentlich und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, legte die Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und Hans Castorp auf den Fußboden nieder.
„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, daß er den jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, „die Sache verhält sich sopraeter-propter, wie ich sie mir schon immer gedacht hatte. Ich habe Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von vornherein, schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, Sie kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so mancher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Nase umsah und eines Tages erfuhr, daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘, bitte mich wohl zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu machen.“
Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, sich die Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben stand, und lauschte ...
„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ fuhr der Hofrat fort, indem er mit dem Kopfe nach JoachimsSeite deutete und sich dabei auf Fußballen und Absätzen schaukelte, „– der nun ja hoffentlich bald wird sagen können, daß er einmal krankgewesenist, aber wenn wir so weit sind, so wird er doch eben immer noch früher einmal krankgewesensein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirfta priori, wie der Denker sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ...“
„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“
„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen wollen. Stief oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsverwandter. Von welcher Seite denn?“
„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief–“
„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“
„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“
„Oh, warum denn?“
„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“
„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Vater?“
„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte Hans Castorp, „und mein Großvater auch –“, setzte er hinzu.
„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie betrifft, so waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, nicht? Aber müde wurden Sie gar nicht leicht bei körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und haben viel Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen Sie, daß Sie früher schon krank waren?“
„Ich?“
„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unterschied?“ Und der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der Brust und etwas weiter unten.
„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp.
„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine Dämpfung, und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, wo schon Verkalkung eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie wollen. Sie sind ein alter Patient, Castorp, aber wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es nicht erfuhren. Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren haben, obgleich ja die Spezialübung einiges ausmacht. Aber die Luft hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft hier oben.“
„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp.
„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich will nun mal mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter nichts wäre mit Ihnen, verstehen Sie, und es bei den Dämpfungen und Narben an Ihrem Äolusschlauch da drinnen und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein Bewenden hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie aber die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und wo Sie nun einmal hier bei uns sind, – so lohnt es die Heimreise nicht, Hans Castorp, – in kurzem müßten Sie doch wieder antreten.“
Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, so daß es hämmerte, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren Knöpfen, und hatte die Augen niedergeschlagen.
„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben Sie da links oben auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Geräusch ist und zweifellos von einer frischen Stelle kommt, – ich will noch nicht von einem Erweichungsherd reden, aber es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und wenn Sie’s da unten so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was hast du was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“
Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es sonderbar, und deutlich konnte man sein Herz gegen die Rippen pulsieren sehen. Er blickte zu Joachim hinüber, dessen Augen er nicht fand, und dann wieder in des Hofrats Gesicht mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen Quellaugen und dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen.
„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben wir da noch Ihre Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so ziemlich den akustischen Wahrnehmungen.“
„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme von meinem Katarrh.“
„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist auch so. Aber sie ist auch gutfürdie Krankheit, verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“
„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“
„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat. „Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen, bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“
Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.