Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so überaus müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den Beinen und hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung und der Körperpflege das andere des Auspackens und Einräumens zu verbinden. Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch mit dem jungen Tage.

Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Backen, in seinerfile d’écosse-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln auf den Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst undurchsichtiger, nicht ganz bis zum Geländer vortretender Glaswände in einzelne Zimmerbereiche geteilt war.Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, weißes und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken und Streifen von Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel, schimmerte die Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen Fichtenwälder der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte. Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte ein Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da sie ganz ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, nämlich tief beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den Kopf auf die Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen.

Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, die er gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger Enzian stand im feuchten Grase des Abhangs. Ein Teil der Plattform war als Garten eingezäunt; dort gab es Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche Felsengrotte zu Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech gedeckte Halle, in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, und daneben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, an deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, einem Schlangenstab, in der Mitte.

Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von düsterem, ja tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet und um das wirre schwarzgraue Haar einen schwarzen Schleier gewunden, wanderte sie ruhelos und gleichmäßig rasch, mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden Armenauf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der Stirn, mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen, starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht mit dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen Mund erinnerte Hans Castorp an das Bild einer berühmten Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte gekommen, und unheimlich war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau, offenbar ohne es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der herüberklingenden Marschmusik anpaßte.

Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab, und ihm war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die Morgensonne. Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes auf, etwas Hörbares, Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer zur Linken, dem Zimmer des russischen Ehepaars, nach Joachims Angabe, kamen und gleichfalls nicht zu dem heiteren, frischen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie klebrig zu verunreinigen schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er schon gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, Kichern und Keuchen, dessen anstößiges Wesen dem jungen Mann nicht lange verborgen bleiben konnte, obgleich er sich anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu deuten. Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können, zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ernsten und schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden Namen der Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei, oder selbst den einer mystischen Scheu und Frömmigkeit, – von alledem war etwas in Hans Castorps Verhalten zu den Geräuschen nebenan, und physiognomisch drückte es sich aus in einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe undwolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck von Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten Gelegenheiten anzunehmen pflegte.

Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins Zimmer zurück, um nicht länger Vorgänge zu belauschen, die ihm ernst, ja erschütternd schienen, obgleich sie sich unter Gekicher kundtaten. Aber im Zimmer war das Treiben jenseits der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine Jagd um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, man ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und hierzu kam, daß es nun Walzerklänge waren, die verbraucht melodiösen Phrasen eines Gassenhauers, die von außen und fernher die unsichtbare Szene begleiteten. Hans Castorp stand, das Handtuch in Händen, und horchte wider besseren Willen. Und plötzlich errötete er unter seinem Puder, denn was er deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel nun ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott, Donnerwetter! dachte er, indem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen Bewegungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend keinen Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie hier sind, oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas Schonung am Platze. Aber das eigentlich Skandalöse ist selbstverständlich, dachte er zornig, daß die Wände so dünn sind und man alles so deutlich hört, das ist doch ein unhaltbarer Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut! Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar vorgestellt werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich.Und hier wunderte sich Hans Castorp, denn er bemerkte, daß die Röte, die ihm vorhin in die frisch rasierten Wangen gestiegen war, nicht daraus weichen wollte, oder doch nicht das Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, an der er gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden, und die bei dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt hatte. Das stimmte ihn nicht freundlicher gegen die benachbarten Eheleute, vielmehr murmelte er mit vorgeschobenen Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging dann den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was das Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine Stimme mißmutig schwankte, als er seinem Vetter antwortete, der ihm zurufend an die Wand geklopft hatte, und daß er bei Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck eines erfrischten und morgenfrohen Menschen machte.


Back to IndexNext