Ein Wort zuviel
„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen. Um diese Zeit gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf und bis Platz, wenn ich Zeit habe. Man sieht Läden und Leute und kauft ein, was man braucht. Man liegt vor Tischenoch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier Uhr, sei ganz unbesorgt.“
Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten den Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten der rechten Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“, die „Grünen Türme“ und den „Dorfberg“, die Joachim bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe, lag der ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls wies Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die Hauptstraße, die um ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, die terrassierte Lehne entlang führte.
Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; jedenfalls war nichts davon als der Name übrig. Der Kurort hatte es aufgezehrt, indem er sich immerfort gegen den Taleingang hin ausdehnte, und der Teil der gesamten Siedelung, welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne Unterschied in den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und Pensionen, alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer zu vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen Neubauten; manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die Straße gewährte den Blick in die offenen Wiesengründe des Tals ...
Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, geliebten Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, und wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte er zu seiner unaussprechlichen Genugtuung hier und da etwas von dem ersehnten Aroma zu verspüren: nur selten und schwach freilich, – es war eine gewisse nervöse Anstrengung nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, undder abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig, sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach dem Genuß, der sich ihm entweder versagte oder nur spottend ahnungsweise von ferne zeigte, und warf die Zigarre endlich ermüdet und angewidert fort. Trotz seiner Benommenheit fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung, Konversation zu machen, und suchte sich zu diesem Zwecke der ausgezeichneten Dinge zu erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu sagen gehabt hatte. Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“ ohne Rest vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er von körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sonderbar.
„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem Essen? Ja, das ist gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da muß es sich zeigen. Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte mich ebenfalls messen, das war doch wohl nur Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem Halse darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht mal ein Thermometer.“
„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du brauchst dir nur einen zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu haben, beinahe in jedem Laden.“
„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, die will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zuviel für einen Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber euch hier oben. Wenn ich nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp fort, indem er beide Hände zum Herzen führte wie ein Verliebter, „warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen habe, – es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach.Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbewegungen, nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen auf eigene Hand, das finde ich geradezu unheimlich, versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte, gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist – das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt, nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und Nägel, und auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich mir habe sagen lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herrschen ...“
„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen verweisend. „Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht rächte er sich damit ein wenig für den Verweis, den er heute früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten.
„Aber es ist doch so! Esistein sehr munterer Betrieb! Warum nimmst du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. „Übrigens erwähnte ich das nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und quälend, wenn der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit der Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der Angst, wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, – so geht es wenigstens mir, ich kann nur von mir reden.“
„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, wie wenn man Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders‚munterer Betrieb‘ im Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, und da mag es schon sein, daß man sich unwillkürlich nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, wodurch der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... Aber wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender Stimme und brach ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, und zwar ganz so, wie er es gestern abend zuerst bei Joachim gesehen hatte.
Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim:
„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an unserem Tisch?“
Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht.
„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. An den anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das kommt einem vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich das Haar waschen lassen, es ist so fett. Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter Kichern.“
Joachim lachte laut über die Namensverdrehung.
„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, wenn du erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich zu ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen Grund, gesetzter zu sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“
„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie ist so gut im Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht halten.“ Und er versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu tauschen, fand aber, daß Joachims sonnverbranntes Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie sonnverbrannte Gesichter sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und daßsein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt hatte, – zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand zu wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, wobei er Marusja und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu vergessen suchte, was ihm auch völlig gelang.
Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. Die Nähterin war keine Nähterin, sondern Lehrerin an einer staatlichen höheren Töchterschule in Königsberg, und dies war der Grund, weshalb sie sich so richtig ausdrückte. Sie hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte Dame betraf, so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium lebte. Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl aus Odessa, – jener junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ...
Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die Hauptstraße eines internationalen Treffpunktes, das sah man wohl. Flanierende Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, Kavaliere in Sportanzügen und ohne Hut, Damen, ebenfalls ohne Hut und in weißen Röcken. Man hörte Russisch und Englisch sprechen. Läden mit schmucken Schaufenstern reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang seine Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, um festzustellen, daß die Auslage durchaus auf der Höhe sei.
Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine Kapelle konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Tennisplätzen waren Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jünglinge in scharf gebügelten Flanellhosen, auf Gummisohlen und mit entblößten Unterarmen spielten gebräunten und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfeldern. Die Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es zu kritisieren.
„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp.
„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen liegen, immer liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, – wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. – Es sind Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbotenerweise. Übrigens spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, – mehr des Kostüms wegen ... Und was das Verbotensein betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel auchpetits chevaux, – bei uns steht Ausweisung darauf, es soll das allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle hinunter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel hat, soll es auch immer getan haben.“
Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zu der Musik, was er dumpf als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte.
Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp stolperte sogar ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte wehmütig darüber, indem er den Kopf schüttelte. Der Hinkende fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. Sie trennten sich vor Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf Wiedersehn“. Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern in einen schweren, von dem raschen Schlage seines Herzens peinlich belebten Halbschlummer sank.