Humaniora
Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch einer dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelteTriften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche, einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, die über hohen Gegenden waltet.
Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor einem Rondell junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das Tal erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Wunsch und Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, bevor sie den Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch von Joachim. Genau genommen, waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp war ja nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst Patient. Er schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Seitentaschen seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die Asche noch nicht abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts hing, und genoß nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun völlig wieder habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, – was den Chemismus seines Magens, die Nerven seinertrockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünfundsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. Die moralische Genugtuung verstärkte den physischen Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbestände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen umflatterten Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt.
Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Garten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen, wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden, der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz, den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, die sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, den feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren klein im Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknicktenGestalt und zu dem Umfange seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er zusammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas verlegen, da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte, sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten.
„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Patienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht nötig. Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.“
Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Rechten.
„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine bräunliche Schöne?“
„Maria Mancini,Postre de Banquettaus Bremen, Herr Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?“
„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen ihre Etuis.
„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hinreichte. „Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St. Felix-Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten. Ein rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps, und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes. Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf ...“
Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus:
„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechkiste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“
Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Havannas geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei kleine Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte er, „eine nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlichzu Sinne wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im Leben. Nach Hause zu kommen, war keine Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst recht, mich laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, – mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, über Stock und Stein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung ... Ich war überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst und Festivität schließen sich ja nicht aus, das weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk brachte mich mit ihren Anwendungen aus der Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage, einer Kampferinjektion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.“
Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Tränen gefüllt hatten.
„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich.
Der Hofrat tat, als pralle er zurück.
„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“
„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es fiel mir eben ein.“
„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. Wir sind allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen.Anch’ io sono pittore, wie jener Spanier zu sagen pflegte.“
„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. Die Umstände verleiteten ihn zu diesem Tone.
„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener Prahlerei. „Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl ist, schreckt überhaupt vor gar nichts zurück.“
„Aber keine Porträts?“
„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen Sie mir Ihres in Auftrag geben?“
„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr Hofrat uns Ihre Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“
Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, beeilte sich zu versichern, daß das sehr freundlich sein würde.
Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. Er wurde sogar rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen ihre Tränen diesmal vergießen zu wollen.
„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier! Aber gleich auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht! Kommen Sie her, kommen Sie mit, ich braue uns einen türkischen Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die jungen Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, die, wie sie wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des Berghofgebäudes gelegen war.
„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher hie und da in dieser Richtung versucht.“
„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“
„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs nicht hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. Aber ich sehe Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“
Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und aufgeklärt über seines Vetters befremdende Neugier durch diese Erläuterung, – und mehr für ihn, als für den Hofrat, hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine eigenen künstlerischen Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite, wie drüben an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen führten zu der eichenen Haustür empor, die der Hofrat mit einem Drücker seines reichhaltigen Schlüsselbundes öffnete. Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er nervös. Ein Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf dem kurzen, vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine Glastür abgetrennten Korridor, an dessen beiden Seiten die Räumlichkeiten der kleinen Privatwohnung lagen, rief er nach dem Dienstmädchen und machte seine Bestellung. Dann ließ er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden Redensarten eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten.
Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, gegen das Tal blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, nur durch Portieren getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer mit Schreibtisch, über dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger hingen, wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und noch ein Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall hingen Bilder, die Bilder des Hofrats, – höflich und zur Bewunderung bereit gingen die Augen der Eintretenden sogleichdarüberhin. Des Hofrats entschwebte Gattin war mehrmals zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter gefaltet – und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß die oberen Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre Augen entweder gen Himmel gerichtet oder tief niedergeschlagen und unter den langen, schräg von den Lidern abstehenden Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem Beschauer entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es hauptsächlich gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge, deren trockene und scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis in einen tiefblauen Himmel schnitten. Ferner waren da Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter Weide stehend und lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten Hals zwischen Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke, Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles mit einem gewissen flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten Farben, die öfters aussahen, als seien sie unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand gedrückt, und die lange gebraucht haben mußten, bis sie getrocknet waren – bei groben Fehlern war es zuweilen wirksam.
Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände entlang, begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein Motiv bei Namen nannte, meistens aber schweigend, in der stolzen Beklommenheit des Künstlers, es genoß, seine Augen zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer an der Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schonbeim Eintreten mit raschem Blicke erspäht, obgleich es nur eine entfernte Ähnlichkeit aufwies. Absichtlich mied er die Stelle, hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest, wo er einen grünen Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im Hintergrunde zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener Machtvollkommenheit zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte dann die Eingangswand des Wohnzimmers, auch Joachim manchmal zur Beifallsäußerung auffordernd. Endlich wandte er sich um und fragte mit Maßen stutzend:
„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“
„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören.
„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist die Dame vom Guten Russentisch, mit dem französischen Namen ...“
„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich finden.“
„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, als in dem Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, das Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, – so wenig, wie Joachim es aus eigenen Kräften jemals erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem nun freilich ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise und schickte sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein Vetter hatte sich für ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit schadlos zu halten gewußt.
Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße, dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallendenund am Rande der Leinwand mit einer Goldleiste verzierten Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch sein wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig verwandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht weiter genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren ihm eng genug, das BildsollteFrau Chauchat darstellen, sie selbst hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte ihm, bewegt wiederholte er:
„Wie sie leibt und lebt!“
„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war ein klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gehabt haben, – wie wollen Sie denn fertig werden mit einer so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht man die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine Vexierrätsel. Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Sie sie denn?“
„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“
„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen Sie, über arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung,da weiß ich bei ihr so ziemlich Bescheid – aus bestimmten Gründen. Das Oberflächliche bietet größere Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen sehen? Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen Sie zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe, die auch ihre Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. Die Lidspalte, sagen Sie, ist geschlitzt, schief. Das scheint Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht, ist der Epikanthus, das heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen vorkommt und darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides über den inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut über der Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz wie von unsereinem. Eine pikante Mystifikation also, übrigens nicht weiter ehrenvoll; denn bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus auf eine atavistische Hemmungsbildung hinaus.“
„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich wußte es nicht, aber es interessiert mich schon längst, was es mit solchen Augen auf sich hat.“
„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen Sie sie einfach schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie müssen die Schiefheit und Geschlitztheit zuwege bringen, wie die Natur sie zuwege bringt, Illusion in der Illusion treiben, sozusagen, und dazu ist natürlich nötig, daß Sie über den Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann überhaupt nicht schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut hier. Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich Ihrer Meinung nach?“
„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie gemalt, die Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mirnie vorgekommen. Man meint die Poren zu sehen.“ Und er fuhr leicht mit dem Handrande über das Dekolleté des Bildes, das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des Gesichtes abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung des Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls ziemlich plumper Effekt.
Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt schimmernde Weiße dieser zarten, aber nicht mageren Büste, die sich in der bläulichen Schleierdraperie verlor, hatte viel Natur; sichtlich war sie mit Gefühl gemalt, aber unbeschadet einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging, hatte der Künstler ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und lebendiger Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in der Gegend der zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch die Ölfarbe hindurch als natürliche Unebenheit der Hautoberfläche wirken zu lassen. Ein Leberfleckchen links, wo die Brust sich zu teilen begann, war nicht außer acht gelassen, und zwischen den Erhebungen glaubte man schwach-bläuliches Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge unter dem Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von Sensitivität über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte sich einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst dieses Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man etwa die Lippen darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe und Firnis, sondern den des menschlichen Körpers verspüren. Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans Castorps wieder: aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu empfangen, so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau ChauchatsDekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei in diesen Zimmern war.
Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit zugleich mit den Besuchern betrachtete.
„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es Ihnen einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, wenn man auch unter der Epidermis ein bißchen Bescheid weiß und mitmalen kann, was nicht zu sehen ist, – mit anderen Worten: wenn man zur Natur noch in einem andern Verhältnis steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal sagen; wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, Anatom und von den Dessous auch noch so seine stillen Kenntnisse hat, – das kann von Vorteil sein, sagen Sie, was Sie wollen, es gibt entschieden ein Prä. Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie mit dem Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie nicht bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern darunter ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen und Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – und darunter wieder die Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren vielen Fettzellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt. Was aber mitgewußt und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen in die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie doch da, und das gibt Anschaulichkeit.“
Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch, seine Stirn war gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, was er zuerst erwidern sollte, denn er hatte vieles zu sagen. Erstens beabsichtigte er, das Bild von der beschatteten Fensterwandfort an einen günstigeren Platz zu schaffen, zweitens wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über die Natur der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken auszudrücken versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen lag. Während er schon die Hände an das Porträt legte, um es abzuhängen, fing er hastig an:
„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte sagen ... Das heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem anderen Verhältnis.‘ Es wäre gut, wenn außer dem lyrischen – so, glaube ich, sagten Sie –, dem künstlerischen Verhältnis noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die Dinge, kurz gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, zum Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend – entschuldigen Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern genau genommen immer um ein und denselben – bloß um Spielarten davon, ich meine: Schattierungen, ich meine also: Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse, von dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, ich hänge das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie werden sehen, ich trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es denn da nicht doch ganz anders ... Ich wollte sagen: Womit beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber sie beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, die Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Menschen. Und die Sprachforschung, mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischenBerufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, das geistliche Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen von ein und demselben wichtigen und ... hauptsächlichen Interesse, nämlich dem Interesse am Menschen, es sind die humanistischen Berufe, mit einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man als Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht wahr, der formalen Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich so davon rede, ich bin ja bloß Realist, Techniker. Aber ich habe noch neulich im Liegen darüber nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine ausgezeichnete Einrichtung in der Welt, daß man jeder Art von humanistischem Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form, wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl und ... Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe schon zu etwas wie einem galanten Anliegen ... Das heißt, ich drücke mich höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man sieht da, wie das Geistige und das Schöne sich vermischen und eigentlich immer schon eines waren, mit anderen Worten: die Wissenschaft und die Kunst, und daß also die künstlerische Beschäftigung unbedingt auch dazu gehört, als fünfte Fakultät gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen Interesses, insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch auch wieder der Mensch ist, das werden Sie mir zugeben. Ich habe ja bloß Schiffe und Wasser gemalt, wenn ich mich in meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte, aber das Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen doch das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zumGegenstand hat, darum fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich auch auf diesem Gebiet betätigten ... Würde es hier nun nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“
Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er sich dessen nicht schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet. Aber Hans Castorp war viel zu sehr bei der Sache, um verlegen zu werden. Er hielt das Bild an die Sofawand und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser belichtet sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem Brett heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. Der Hofrat wies sie ins Kabinett und sagte:
„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für Malerei interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch, da hat es natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel davon verträgt ... Für Plastik, meine ich, weil die es doch am reinsten und ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen zu tun hat. Daß uns aber das Wasser nicht wegkocht.“
„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während sie hinübergingen, und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen oder abzustellen: er nahm es mit, trug es bei Fuß ins anstoßende Zimmer. „Sicher, so eine griechische Venus oder so ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am deutlichsten, es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich humanistische Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“
„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat, „so ist das wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die Malerei, ich glaube, Phidias oder der andere mit der mosaischen Namensendung, die hätten die Nase gerümpft über ihre Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was schleppen Sie sich denn mit dem Schinken?“
„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da steht es ja für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker kümmerten sich aber nicht viel um den Kopf, es kam ihnen auf den Körper an, das war vielleicht gerade das Humanistische ... Und die weibliche Plastik, das ist also Fett?“
„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung entnommen hatte, eine röhrenförmige türkische Mühle, den langgestielten Kochbecher, das Doppelgefäß für Zucker und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. „Palmitin, Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus einer Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. „Die Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es schmeckt noch mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es Ambrosia wäre?“
„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig, es so zu hören“, sagte Hans Castorp.
Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem Bambustaburett mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, auf der das Kaffeegerät zwischen Rauchutensilien Platz gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf der reichlich mit seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp in einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats Porträt gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. Der Hofrat löffelte Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, goß Wasser nach und ließ das Getränk über der Spiritusflamme aufkochen. Es schäumte braun in den Zwiebeltäßchen und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß.
„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit davon die Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wennauch nicht in dem Grade wie bei den Weibern. Bei unsereinem macht das Fett gewöhnlich bloß den zwanzigsten Teil vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten. Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. Mit den Jahren schwindet es ja, und dann gibt es den bekannten unästhetischen Faltenwurf. Am dicksten und fettesten ist es an der weiblichen Brust und am Bauch, an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett und kitzlich.“
Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen den Händen. Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl eher indischer oder persischer, als türkischer Herkunft: der Stil der in das Messing gearbeiteten Gravierungen, deren Flächen blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten, deutete darauf hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden war, errötete er unversehens.
„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte Behrens. „Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. Meine Küchenfee könnte sich die Augen daran verderben. Sie werden ja wohl weiter keinen Schaden davontragen. Ich habe es mal von einer Patientin geschenkt bekommen, einer ägyptischen Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. Sie sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“
„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha nein, mir macht es natürlich nichts. Man kann es ja sogar ernst und feierlich nehmen, wenn man will, – obgleich es dann am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz am Platz ist. Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgenangebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen gewissermaßen ein und dasselbe.“
„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war nun, glaub ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten habe ich übrigens auch noch von ihr, das ist was Extrafeines, wird nur bei erstklassigen Gelegenheiten aufgefahren.“ Und er holte die grellbunte Schachtel aus dem Wandschrank, um sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die Absätze zusammenzog. Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck geschmückte Zigarette an, die in der Tat wundervoll war.
„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat er, „wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er hatte Frau Chauchats Porträt wieder an sich genommen, hatte es auf sein Knie gestellt und betrachtete es, in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarette zwischen den Lippen. „Nicht gerade von der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf sich hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie so gut zu malen verstehn.“
„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“
„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten Grade interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich immer hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich nicht Arzt hätte werden sollen, – in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt. Denn wer sich für den Körper interessiert, der interessiert sich ja auch für die Krankheit, – namentlich sogar für die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel zu sagen, ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel auch Geistlicher werden können.“
„Nanu?“
„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen, als ob ich dabei eigentlich ganz in meinem Element gewesen wäre.“
„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“
„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren Umstände, die darin den Ausschlag gaben.“
„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem Sinnesblatt erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, – ontogenetisch ganz desselben Ursprungs wie der Apparat für die sogenannten höheren Sinnesorgane da oben in Ihrem Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen Sie wissen, ist bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und bei den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral und peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken mit der Haut, müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt bloß Hautsinnlichkeit, – muß ganz behaglich sein, wenn man sich so hineinversetzt. Dagegen bei so hoch differenzierten Lebewesen, wie Sie und ich, da beschränkt sich der Ehrgeiz der Haut auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und Meldeorgan, aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem Körper zu nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate über sich hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, die bloß aus verhornten Hautzellen bestehen und eine Annäherung schon spüren lassen, bevor die Haut selbst noch berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich, daß sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß werden?“
„Ungenau.“
„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, wenigstens was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist nicht ganz aufgehellt, denn erweiternde Muskeln, die durch die vasomotorischen Nerven in Bewegung gesetzt werden könnten, haben sich bis dato an den Gefäßen nicht nachweisen lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt – oder was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –, das ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische Einwirkung handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen der Großhirnrinde und dem Gefäßzentrum im Kopfmark bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum Exempel: Sie schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die Gefäßnerven nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und füllen die dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen wie ein Puter, ganz hochgeschwollen von Blut sind Sie da und können nicht aus den Augen sehen. Dagegen in anderen Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was ganz gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße der Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und fällt ein, und dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter Emotion, mit bleifarbenen Augenhöhlen und einer weißen, spitzen Nase. Aber das Herz läßt der Sympathikus ordentlich trommeln.“
„So kommt das also“, sagte Hans Castorp.
„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber alle Reaktionen und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben, so vermuten wir Physiologen beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen psychischer Affekte eigentlich zweckmäßige Schutzmittel sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie die Gänsehaut. Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“
„Auch nicht so recht.“
„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, die die Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges Sekret, wissen Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die Haut geschmeidig, damit sie vor Dürre nicht reißt und springt und angenehm anzufassen ist, – es ist ja nicht auszudenken, wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne die Cholesterinschmiere. Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn sie das tun, dann wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin den Eimer mit den Gründlingen über den Leib goß, wie ein Reibeisen wird Ihre Haut, und wenn der Reiz stark ist, so richten auch die Haarbälge sich auf, – die Haare sträuben sich Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie einem Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie haben das Gruseln gelernt.“
„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal gelernt. Mir gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten Gelegenheiten. Was mich wundert, ist nur, daß die Drüsen bei so verschiedenen Gelegenheiten sich aufrichten. Wenn einer mit einem Griffel über Glas fährt, so kriegt man eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik kriegt man auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das Graupeln und Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es ist doch sonderbar, wodurch nicht alles die kleinen Muskeln in Bewegung gesetzt werden.“
„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des Reizes kümmert den Körper den Teufel was. Ob Gründlinge oder Abendmahl, die Talgdrüsen richten sich eben auf.“
„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das Bild auf seinen Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte. Sie sprachen vorhin von inneren Vorgängen, Lymphbewegung und dergleichen ... Was ist es damit? Ich würde gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert mich sehr.“
„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe, das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb, – es schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so vor, wenn Sie fragen. Man spricht immer vom Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, wissen Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, – nach Fettnahrung sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“ Und aufgeräumt und redensartlich begann er zu schildern, wie das Blut, diese theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung bereitete, mit Gasen gesättigte, mit Mauserschlacke beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker- und Salzbrühe, die achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die Gefäße gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel, die tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang halte, – wie also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen herankomme, sondern wie der Druck, unter dem es stehe, einen Extrakt und Milchsaft davon durch die Gefäßwände schwitzen lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er überall hindringe, als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung, der Turgor, und wieder der Turgor seinerseits mache, daß die Lymphe, wenn sie die Zellen lieblich bespültund Stoff mit ihnen getauscht habe, in die Lymphgefäße getrieben werde, dievasa lymphatica, und zurück in das Blut fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von dem Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches und der Brust, eines Armes und einer Kopfseite sammle, von zarten Filterorganen sodann, welche vielerorts in den Lymphgefäßen ausgebildet seien, Lymphdrüsen genannt und gelegen am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken, der Kniekehle und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens, „und davon gingen wir ja wohl aus, – Verdickungen der Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den Kniekehlen und den Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und dort, und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der tuberkulösen Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“
Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer Pause, „es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilchgang ... Die Lymphe der Beine ... Das interessiert mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf einmal stürmisch ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr Hofrat! Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es wissen!“
„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzigProzent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“
„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“
„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“
„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“
„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“
„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“
„Auffallend richtig. Oxydation.“
„Und Leben?“
„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommtdie schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen, –une destruction organique, wie irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“
„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“
„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“
„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp.
„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da sagen.“
„Form ist ete-pe-tete.“
„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon entschuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen möglichen Spaß gemacht ...“
Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, sagten sie, den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich, Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Gartennicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür geleitete. Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem Gemütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte mit seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippenschürzung schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen.
Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans Castorp:
„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“
„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. „Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten in den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete von mir, daß ich so darauf halte, – durchgängerisch, wie du neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so nötig wie ich.“